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Donna Wetter ist die Geschichte einer Familie aus der Sicht ihrer Katze. Donna schafft es sehr schnell, dass die Menschen um sie herum genau das machen, was sie will. Rrrrrrr
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Seitenzahl: 70
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Eins
Zwei
Drei
Vier
Funf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwolf
Donna war erst 4 Monate alt, hatte aber schon ein bewegtes Leben hinter sich. Ihre Mutter starb bei der Geburt. Die hatte schon viele Katzengenerationen groß gezogen, aber dieser letzte Wurf von Vieren ging über ihre Kräfte. Die Besitzer setzten die hilflosen Kleinen nach wenigen Tagen im Wald aus und überließen sie ihrem Schicksal. Ein Bruder wurde das Opfer eines streunenden Hundes, ein anderer verhungerte, die Schwester fand ein neues Zuhause-, Spaziergänger hatten sie unter einem Gebüsch entdeckt, -Donna blieb allein zurück und entwickelte sich zu einer großen Jägerin. Ihre Opfer waren zunächst nur Käfer und Insekten, dann auch mal eine kleine Feldmaus oder ein aus dem Nest gefallener Vogel, wie sie der Zufall ihr bescherte. Als sie dann kräftiger, mutiger und gewitzter wurde, ging sie ganz systematisch auf Jagd. Sie witterte ihre Beute und ihre Feinde. Wenn ihr Magen “Hunger” schrie, war kein Vogel, keine Maus vor ihr gefeit. Vor ihren Feinden brachte sie sich in Sicherheit, bevor die sie überhaupt zu Gesicht bekamen.
Der Wald war ihr Lehrmeister, und sie entwickelte einen sechsten Sinn für Gefahren, wie ihn nur wilde Tiere zum Überleben brauchen. Vor Hunden und Menschen flüchtete sie auf eine hohe Fichte, ihr graues Fell schützte sie vor Blicken. Genau gesagt war sie dunkel- und hellgrau gestreift mit einem kleinen weißen Kinn. Ihre Augen besaßen die Farbe von grünen jungen Blättern. Die Natur hatte sie also perfekt für ein Leben in der Wildnis ausgestattet. Tags schlief sie auf einer kleinen Anhöhe in dem Gebüsch, wo sie mit ihren drei Geschwistern gewohnt hatte. Hier war ihr Zuhause. Sie rollte sich zu einem grauen reglosen Knäuel zusammen. Nachts lauschte sie in die Dunkelheit, denn nachts erklingen die Geräusche der Erde: ein Stöhnen und Schnurren wie von einer Katze, die döst, aber nicht schläft. Dieses Tier war für sie wie ihre Mutter, etwas, das ihr Sicherheit und Vertrauen einflößte. Es fehlte ihr also an nichts, und sie hätte noch lange so weiter leben können, zumindest bis zum nächsten Winter oder darüber hinaus, wenn nicht passiert wäre, was eben passiert, wenn man übermütig wird oder den Hals nicht voll kriegen kann.
Am Waldrand wohnte der Förster mit seiner Familie. In einem großen Wildgehege neben dem Wohnhaus zog er ein Rehkitz groß, in einem Verschlag zur andern Seite hinaus hielt er sich einen Hühnerstall, fünf Hühner und einen Hahn. Und just dieses Federvieh hatte es dem frechen Katzenmädchen Donna angetan. Nicht die Hühner selbst, aber ihre Eier, die sie regelmäßig einmal am Tag legten. Das war doch mal was anderes, als mühsam auf Bäumen herumzuklettern und Vögeln nachzujagen. Hier lagen die Leckerbissen direkt auf dem Präsentierteller, waren riesengroß im Vergleich zu den winzigen Eierchen, die sie sonst so aus Vogelnestern stahl und konnten nicht im letzten Moment wie Vögel davonfliegen. Man musste nur zubeißen! Donna beobachtete den Hühnerstall aus sicherer Entfernung, bis sie eine geeignete Strategie entwickelt hatte. Zwei der Hühner legten tagsüber, eines spätabends und die beiden andern früh am Morgen nach dem ersten Hahnenschrei ihr Ei. Tags-über konnte sie sich nicht in den Stall wagen, morgens war die Förstersfrau schon früh auf den Beinen und holte sich die zwei frisch gelegten und das Ei vom Abend zuvor. Aber das Abendei, das konnte Donna sich in Ruhe schnappen, wie sie meinte, denn um diese späte Stunde war die Familie des Försters längst im Bett. Sie wartete also, -Warten ist die große Stärke der Katzen-, bis die Fensterläden zugeklappt und die Geräusche im Haus verstummt waren.
Dann kroch sie unter der Tür hindurch in den Stall, wo sie leichtes Spiel hatte. Die Hühner flatterten aufgeregt aus dem Schlaf hoch. Die Henne mit dem frischgelegten Ei verließ fluchtartig ihr Nest.”So ein dummes Huhn!” dachte Donna hämisch, rollte ihre Beute mit der rechten Vorderpfote wie einen Ball aus dem Nest bis zum Balkenrand, wo es hinunterfiel und auf dem Boden zerplatzte. So konnte sie es bis auf den letzten Tropfen aufschlecken und den Stall auf demselben Weg wie hinein auch wieder verlassen. Durch den Spalt unter der Tür. Die Förstersfrau bemerkte zwar am nächsten Morgen, dass ein Ei fehlte, konnte sich aber keinen Reim darauf machen. Erst als sich der Vorfall wiederholte und alle paar Tage just das Abendei fehlte, schöpfte sie Verdacht und verständigte ihren Mann. „Irgendwas stimmt hier nicht, mir werden Eier geklaut.”
Der Hühnerstall war die Angelegenheit seiner Frau, aber wenn es um Diebstahl ging, war der Förster gefordert. Er untersuchte das Gehege. War es ein Fuchs, ein Hund oder wer? Der Einbruch hatte keine Spuren hinterlassen- außer den fehlenden Eiern. Der Räuber musste nachts eindringen, sonst würde nicht ausgerechnet immer das Ei fehlen, das ihre Henne Berta brav jeden Abend zur Welt brachte. Er legte sich also auf die Lauer, als seine Familie schlafen ging, saß er auf einem Stuhl zehn Meter vom Haus entfernt im Schutz einer großen Kastanie und wartete. Das können Jäger und Katzen gleich gut. Warten, sich reglos in ein Ding verwandeln, in einen Stuhl oder Baum, um von ihren Op-fern nicht wahrgenommen zu werden. Und Donna rannte blindlings in die Falle, wurde sozusagen mit ihren eigenen Mitteln geschlagen. Die Gier nach dem Ei, die Gewohnheit der vergangenen Nächte, -die Aktion war immer reibungslos abgelaufen-, machte sie unaufmerksam für die Gefahr. Als der Förster die graue Katze sah, blieb er bewegungslos sitzen und wartete, bis sie unter der Tür hindurchgekrochen war. Er hörte die Hühner aufflattern und protestieren, aber nur kurz, als hätten sie sich schon mit den nächtlichen Besuchen abgefunden. Mit fünf großen Schritten war er am Stall und packte die Graue im Genick, als sie mit eidotterverschmierter Schnauze wieder unter dem Tor hervorgekrochen kam. Sie landete in einer Schachtel und am nächsten Morgen im Tierheim.
Donna wehrte sich nicht. Sie war wie betäubt. Hatte sie doch ihre innere Stimme missachtet und sich zu sehr in die Nähe des Menschen, des Erzfeindes aller wilden Tiere gewagt. Dafür musste sie jetzt büßen. Sie, die so lange sie denken konnte, wildernd durch den Wald gezogen war, befand sich plötzlich in der Hand des Menschen. War ihrem Schicksal ausgeliefert, saß zitternd in einer Schachtel und wusste nicht, was weiter mit ihr geschehen würde. Die schwarze Schachtel sollte sich im Nachhinein noch als ein Paradies oder zumindest als ein Ort der Ruhe erweisen. Im Tierheim wurde sie zunächst in Quarantäne, also in einen Einzelkäfig zur Beobachtung gesetzt, musste aber ständig irgendwelche Untersuchungen über sich ergehen lassen. Hände hielten sie fest, verdrehten ihren Kopf, um in die Ohren zu gucken, rissen ihr das Maul auf, um irgendwelche Medizin in ihren Ra-chen zu schütten, sie wurde geimpft, sie wurde entwurmt, und sie wusste nicht, warum das alles und wie ihr geschah. Aber was das Schlimmste war, sie hörte ihre Urmutter nicht mehr, war zu verängstigt, um auf das Stöhnen im Erdinnern zu lauschen. So lag sie zusammengerollt im hintersten Eck des Käfigs, nur noch zitterndes Fleisch, ohne Hoffnung, ohne Vertrauen in irgendwas oder irgendwen, am wenigsten in sich selbst. Nach vier Wochen Quarantäne kam sie in ein größeres Gehege, die sogenannte Kinderstube, mit vielen anderen Jungkatzen, was ihre Qual noch vergrößerte, denn ihr scheues wildes Wesen war den Umgang mit ihresgleichen nicht gewöhnt. Alles wurde ihr zum Feind, die Hände, die das Futter reichten, die andern Katzen, die mit ihr darum kämpften. Und nirgendwo ein Plätzchen, wohin sie sich ungestört verkriechen konnte. Und es stank, nach Mensch und nach Katz. Täglich kamen Besucher vorbei, die die gefangenen Tiere durchs Gitter beobachteten; hin und wieder nahm einer ein Kätzchen, das ihm gefiel, mit nach Hause. Die schlauen Katzenviecher begriffen sehr schnell, dass dies ihre einzige Chance war, das Tierheim, diesen Käfig hier, wieder lebend zu verlassen. Wenn Besucher auftauchten, zeigten sie sich also von ihrer besten Seite, strichen maunzend am Gitter entlang und versuchten, die
