Dorflinde - Gerd Bieker - E-Book
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Dorflinde E-Book

Gerd Bieker

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Beschreibung

Mit den Zeiten ist sie hochgewachsen. Hat Herzblättchen und Blütenduft hervorgebracht und kapslige Früchte mit einem kleinen Segel am Stiel. Man nennt den Baum ein Denkmal. Er hat alle gesehen, die vor mir da waren. Hier trafen sie sich wie wir. Haben einander zur Linde bestellt, in ihrem Schatten gerastet, sich beraten, gestritten und geliebt auf der Bank, die rund um den Stamm gezimmert ist, vor Wettern Schutz gesucht (Die Linden sollst du finden) und Blüten für lindernden Tee geerntet. Es wird die Legende erzählt, das Bäumchen sei als Sinnzeichen von Bauern unseres Dorfes nach dem harten Krieg der Preußen gegen die Sachsen hergepflanzt worden. Früher hieß sie die „Segenslinde“. Ja, diese Segenslinde ist ein lebendiges Denkmal, erneuert sich mit jedem Frühjahr. Ein Denkmal von Beständigkeit. Was hier gleich kurz nach dem Beginn des Buches so lobbesungen wird, das ist die titelgebende Dorflinde. Ein lebendiges Denkmal. Allerdings hat es sie beim letzten Gewitter erwischt. Und daher soll sie nach Ansicht einiger Leute, darunter des Dorf-Polizisten, des ABV, weg. Ein anderer dagegen hat eine andere Idee. „Die flicken wir wieder zusammen“, ruft Michael Mai und deutet mit dem Fäustling auf die Linde. „Wir behandeln sie. Wie einen Verwundeten.“ Zu den Rettern gehört auch Julius Schmiedel. Der Künstler und Naturschützer. Vor allem aber der 20-jährige Michael aus dem Bauerngeschlecht der Familie Mai. Er selbst versteht sich als Bauer, nicht als Agrotechniker oder Mechanisator, wie die neumodische Berufsbezeichnung lautet. Und dieser Michael Mai, der im Herbst nächsten Jahres zur Armee muss, der hat gemeinsam mit seinen gleichaltrigen Jungs von der „Innung“ noch einiges vor, um Natur und Umwelt zu schützen. Dazu pflanzen sie in ihrer Freizeit Baumschösslinge an den Rändern der großen Felder an, damit der Boden bleibt. Denn ein richtiger Bauer versteht was vom Boden und von – Verantwortung. Aber diese unabgesprochene Initiative der jungen Leute hat auch Gegner und weckt Widerstand. Zudem ist der Zwanzigjährige auf der Suche nach einer Freundin, einer Freundin, mit der sich alles teilen lässt, wie man so sagt. Da ist Stefanie Morgenstern, die wunderschöne Tochter eines Generalmajors und angehende Lehrerin für Deutsch und Kunst. Und da ist seine Schulfreundin Gisa, die Pech gehabt hat und die mit ihrer süßen, kleinen Tochter Nicoletta allein ist. Als Michael bei der Fahne ist, bekommt er Post von beiden jungen Frauen. Wie wird er sich entscheiden?

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Seitenzahl: 425

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Impressum

Gerd Bieker

Dorflinde

ISBN 978-3-96521-596-2 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Das Buch erschien 1987 im Verlag Neues Leben Berlin.

© 2022 EDITION digital Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de

1. KAPITEL

1

Drei Nächte vor Silvester fährt der Blitz in die Dorflinde. Der Baum, seit Märchenzeiten auf der Höhe überm Dorf, fängt Feuer. Doch das Brennen verlöscht alsbald im Stürmen des Wintergewitters, das über uns einhergekommen ist wie der wilde Jäger aus der Sage.

Donnerschlag in den zwölf Nächten zwischen Weihnachten und Dreikönige bringt nichts Gutes. So prophezeit mein Großvater väterlicherseits, ein Auskenner in Fragen des Wetters und der Sprüche. „Schreck lass nach! Will es mit der Welt zu Ende gehen? Alles und jedes kommt aus den Fugen …"

Wie stets bei nächtlichen Unwettern ist der alte Vater aufgestanden, hat in der Emaillekanne den Gerstenkaffee gewärmt, die Ofenklappe zugeriegelt und, weiß der Himmel warum, eine Kerze angezündet. Auch mich litt es von klein an bei Gewittern nicht im Bett, ich zog mich an und ging in die Großelternstube hinüber. An diese Stunden, in denen wir in überkommener Blitzfurcht beieinander saßen und im Kerzenlicht bedächtige Gespräche führten, erinnere ich mich gut und gern.

Als wir wieder zu Bett gehen wollen, schlägt unser Hütehund Strolch an, und jemand wummert gegen das Regenabflussrohr. Dreimal – Pause – noch zweimal. Das verabredete Signal für Alarmfälle.

Vorm Hoftor steht im Schneegestöber, eingemummelt in uniformwidrigen Schafpelz, unser Dorfsheriff Richard.

„Tach“, sagt er, obschon Mitternacht ist. Die Grußhand noch an der Mütze, kommt er ohne Umschweife zur Sache:

Ich soll mit dem Traktor die Dorflinde beräumen (wie er sich ausdrückt). Der Baum stehe zwar noch, sei aber zerspellt, so dass er schleunigst von der Straße wegmüsse, aus Gründen der Ordnung und Sicherheit.

„Verdammich, das ist doch unser Wahrzeichen. Wag dir’s, du Zugereister!“, wettert der alte Vater los, der sich aus Neugier zu uns gesellt hat. Für ihn gelten bloß Eingeborene von Greifenhübel; unser Richard stammt aber von der Wasserkante.

Nun klären sie einander auf.

„Im Dorfwappen ist er drin, unser Lindenbaum. Sogar im Poststempel.“

„Jetzt ist er eine Unfallquelle. Was sein muss, muss sein, Mai-Bauer.“

„Dann sperr deine Landstraße. Wird Zeit, wird auch Rat.“

„Den Verkehr in die Kreisstadt lahmlegen? Ich säge mir doch nicht am Aste. Die machen mir die Hölle heiß. Noch Fragen?“

„Wann gibt es im Konsum mal Verstand? Plautzer, du hättest welchen nötig!“

Ich stehe wie bestellt und nicht abgeholt. Versuche Strolch zu beruhigen, der launisch mitraunzt. Dann, kurz entschlossen, drehe ich ab.

„He, wohin?“, ruft der Polizist.

„Meine Sachen holen. Wir rücken hin und werden sehen.“

„Alles klar.“ Erleichtert bläst Richard eine Wolke in die scharfe Luft.

Ich wundere mich: Warum hat er ausgerechnet hier angepocht, wo es im Dorf noch siebenhundert andere Seelen gibt? Vielleicht bloß, weil er mit einem wie mir nicht lange agitieren muss?

Gähnen befällt mich, Gähnen bis zur Maulsperre. Hätte man wenigstens vorher ein Auge zugetan …

Als ich, mit Filzern bestiefelt und warm eingepackt, in den Hof zurückkomme, sind Großvater und Richard noch beim Thema.

„Schieb ab, Polizeier. Wegholzen bringt Pech, das sagt mir meine Ahnung. Zieh meinen Michel nicht hinein“, barmt der alte Vater. Kann er nichts ausrichten, wird er wehleidig und zänkisch, seit es mit ihm über die Siebzig geht. Vieles begreift er nicht mehr.

„Mach halblang, Michael. Nur immer mit der Ruhe.“ Ich runkse ihn leicht mit dem Ellbogen. So pflegen wir’s, wenn wir uns verstehen. Wir nennen uns beim Vornamen, Opa habe ich nur als Wickelkind gesagt. Die Eltern tauften mich ihm zu Ehren, frischten den Michael allerdings zu Michel auf, des Unterscheidens wegen oder weil es moderner klingt.

Mein alter Vater steckt nicht auf. „Warum lässt du nicht deine Feuerwehr antanzen? Nu, dann mach, holz ab, nur zu! Aber das setzt eine Beschwerde! Ich kreide dir das bei den obersten Stellen an!“ Zur Bekräftigung trommelt er mit der Faust auf seine Lammfellweste, die er sommers und winters trägt wie eine zweite Haut. Wenn er sich ereifert, dann versteigt sich mein Großvater leicht zu flotten Verwünschungen.

Der Richard breitet nachsichtig und begütigend die Arme. Er ist von Anfang an bei der Volkspolizei, ein starkknochiger Kerl. Kennt alle Wendungen und weiß, wann er was zu sagen hat und wann ihn das Amt schweigen heißt. So behält er immer das Heft in der Hand. Wir mögen ihn, weil er kein Schulmeister ist wie andere von seiner Gilde.

Räsonierend storcht mein alter Vater zu seinen aufgeschreckt blökenden Lieblingen in das Stallgebäude hinüber. Seinerzeit Mittelbauer und nachmals Rübenzähler bei den genossenschaftlichen Pflanzen und Hühnerfürst bei den Tieren, hat er sich auf seine Rentnertage ganz der privaten Zucht des Ostfriesischen Milchschafes hingegeben.

2

Der Weg zum Garagenhof der Genossenschaft ist kniehoch zugeweht. Richard stampft mit stoßweisen Schnaufern neben mir her. Wenige Jahre vor seiner Polizeirente hat den Mann noch das Asthma erwischt. Wir gehen in einhelligem Schweigen, er braucht sein bisschen Puste zum Vorwärtskommen. Ich bin auf einmal nicht mehr müde. Fällt Schnee, dann werde ich um die Hälfte jünger, versetze mich zurück in meine Kinderwinter: verwegene Skirennen abschüssige Hänge hinunter und im Schulhof Schneeballschlachten, bei denen die Mädchen „eingeseift“ wurden. Ich suchte mir dazu schon in den niedrigen Klassen die Gisa Meixner aus, weil sie so eindringlich kreischen konnte wie eine Kreissäge. Manches Mal lag der weiße Segen in solchen Bergen, dass wir aus den Fenstern springen mussten, weil zur Tür einfach nicht hinauszukommen war. Frau Holle machte das Bett, und das Gebirge zog sich eine dicke Schneedecke über, um seinen langen Winterschlaf zu halten.

Juppdich! Ich schussle aus, messe längelang die Straße. Als ich mich abklopfe, fällt mir die Redensart meines Brigadiers Reißzahn ein: „Kinder und Träumer zahlen doppelte Preise.“ Er hat lauter solche Halbweisheiten stecken, und meistens behält er recht, der Himmelhund.

In diesem Jahr ist der stiebende Schnee für mich eine Sache, die ich beiseite zu schieben habe, straßab und straßauf. Frühmorgens Schlag fünf, lange bevor es tagt, beginnt mein Winterdienst mit dem Schneepflug.

In der Garagenhalle schlägt mir zum Erbrechen von meinem Dieselliesel her der Schweinegestank entgegen. Über und über verschmantet, steht sie zwischen den anderen schlafenden Traktoren. Vor Schichtschluss hatte ich noch eine Extratour fahren müssen, und zwar die Güllelagergrube hinter den Schweineställen leer kratzen. Die Sache heißt sozialistische Hilfe, und jeder sieht zu, dass er sich so elegant wie möglich drücken kann. Dem Brigadier Reißzahn, mit dem ich seit Wochen und Monaten ob seiner hintertückischen Art im Zank liege, war es sichtlich ein Hochgenuss, mir die Sauarbeit zu verpassen. Ich leistete keine Widerrede. Aber danach stellte ich ihm die vermistete Mühle vor die Nase. Verstänkerte ihm die Halle und sein Käfterchen, in dem er so schön warm sitzt. Über meine rächende Stinkwut verschlug es unserem redseligen Brigadier die Sprache. Ihm imponieren solche Tricksereien.

Ich setze meine neunzig starken Gäule in Trab, packe den Richard auf, und ab geht die Post. Der Motor läuft stramm und zuverlässig seine tausendachthundertfuffzig Umdrehungen. Unbekümmert um den Schweinedreck drum und dran, bubbert er in munterer Erregung. Mein himmelblaues Dieselliesel, Markenzeichen Fortschritt, hat mich noch nie im Stich gelassen. Ich fahre gern. Man sagt von mir, ich hätte Kraftstoff im Blut.

„Mensch, mach hin!“, feuert Richard mich kurzatmig an. Doch ich schere erst mit dem vormontierten Schild den Schneepelz von der Amselbacher Straße, schaffe Wege für die anderen, falls wir sie zur Hilfe brauchen.

So kommen wir zur Anhöhe. In der rauschenden, sausenden Nacht ragt die Dorflinde vor uns auf: das mächtigste Gehölz weit und breit. Der Blitz hat sie in der Mitte erwischt. Wie von einer Riesenaxt gespalten, wankt auf halber Höhe die eine der Baumhälften zur Straße hin, knarrt und ächzt bei jedem Windstoß – wir hören es trotz des Motorenlärms. Jedes Mal wird der helle Holzleib sichtbar, darüber läuft schwarzbrandig das Blitzmal. Ein Jammer, wie die Linde im Scheinwerferlicht steht: kahl und hilflos.

Fern blinken noch Blitze auf, und ungewohnt rummst die Donnerbrandung.

„Jetzt folgendes.“ Der Polizist, Herr der Lage wie ein General, stiefelt umher und gibt Anweisungen: „Den Lorbass packen wir von hinten, Michel. Leiern mit dem Seilzug das Astgerippe zur anderen Seite hin, bis es abkracht. Hauptsache, runter von der Straße, damit der Verkehr gewährleistet bleibt. Der muss flutschen. Du verstehst. Alles Weitere erledigen morgen die Leute vom Forst.“ Er strengt sich an, der Wind pfeift ihm die Wörter geradezu vom Mund weg.

„Die Waldmänner werden nicht viel zu sägen haben, wenn sich das herumspricht.“

„Ach so.“ Richard zwinkert verschwörerisch. „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst. Das boxe ich durch, Michel. Für dich fällt ein ordentlicher Brocken ab, für mich auch einer.“

Er schnitzt wie ich; wir sind hier allesamt hinter dem weichen Lindenholz her wie der Teufel hinter der Seele. Kein Zweifel, die Leute würden in Scharen anrücken, und im Nu wäre der Baum zerteilt und womöglich weggefitschelt bis zu den Wurzeln.

„Fang an!“, gebietet Richard.

Ich jedoch, ich stampfe unschlüssig eine Runde durch die weichen Schneewehen um die Linde. Mit den Zeiten ist sie hochgewachsen. Hat Herzblättchen und Blütenduft hervorgebracht und kapslige Früchte mit einem kleinen Segel am Stiel. Man nennt den Baum ein Denkmal. Er hat alle gesehen, die vor mir da waren. Hier trafen sie sich wie wir. Haben einander zur Linde bestellt, in ihrem Schatten gerastet, sich beraten, gestritten und geliebt auf der Bank, die rund um den Stamm gezimmert ist, vor Wettern Schutz gesucht (Die Linden sollst du finden) und Blüten für lindernden Tee geerntet. Es wird die Legende erzählt, das Bäumchen sei als Sinnzeichen von Bauern unseres Dorfes nach dem harten Krieg der Preußen gegen die Sachsen hergepflanzt worden. Früher hieß sie die „Segenslinde“.

Ja, diese Segenslinde ist ein lebendiges Denkmal, erneuert sich mit jedem Frühjahr. Ein Denkmal von Beständigkeit.

„Märe nicht!“, drängelt Richard, er entheddert bereits eine Zugwinde, die er aus dem Feuerwehrgeräteschuppen mitgeschleppt hat.

Ich märe nicht, ich male mir aus: Wir reißen den Stamm vollends auseinander, sicherheitshalber fällt man später auch den Rest, weil er eingehen wird, das zerteilte Holz wird rundgedrechselt und abgeschnitzt zu Männchen und Leuchtern fürs Regal. Der Richard fertigt bestimmt noch mehr bunte Figurenwegweiser zum Verschönern der Ortschaft an, und ich lasse meine Portion Dorflinde auf dem trockenen Spitzboden gut ablagern, vielleicht die kommende Armeezeit über, und beginne daraus irgendwann diese komplizierte Kunstuhr zu schnitzen, die ich mir schon jahrelang ausdenke.

Abermals schwankt und stöhnt der zerhauene Baum. Im felsigen Boden hat er sich festwurzeln müssen, sich mühsam eingewühlt. Hier oben pfeifen die Stürme des Jahres härter. Seit wie vielen Menschenleben schon widersteht ihnen die Linde?

Mit gut Glück und dem richtigen Ansatzpunkt könnte ich sie in einem Viertelstündchen umgelegt haben und mich anschließend in die Federn hauen. Man würde uns keine Ehrenurkunde ausschreiben, immerhin steht der Baum unter Schutz, doch danach kräht hinterher kein Hahn, wenn man’s als Katastrophenfall hinstellt. „Besonders komplizierte Situation“ – das rechtfertigt so ziemlich alles. Aber dieser Knüppel hat zwei Enden …

Nicht Großvaters Ahnungen halten mich ab noch versponnene Sternguckergefühle. Sondern ich sehe: Der Baum lebt ja. Andererseits kann’s beim nächsten Windstoß verdreht auf die Straße niederbrechen und jemanden erschlagen.

So eine schwierige Entscheidung ist mir im ganzen Leben noch nicht abverlangt worden.

Je länger ich überlege, desto hilfsbedürftiger erscheint mir nun der wuchtige Stamm.

„Nein, wir müssen es umgedreht angehen“, sage ich.

„Wozu denn vornerum? Hinten weg geht’s bombensicher!“ Richard hat sich völlig verhört.

„Die flicken wir wieder zusammen“, rufe ich und deute mit dem Fäustling auf die Linde. „Wir behandeln sie. Wie einen Verwundeten. Ob Mensch, ob Baum – ist doch gleich. Das ist auch nicht schwerer zu machen. Ich probiere, ob ich das eine Stück mit dem Traktor wieder fest an das andere heranziehen kann. Und dann irgendwie schienen oder so. Die Linde ist eine Rarität. Ersten Ranges. Vorm Lindenbaum müssten wir die Mütze abnehmen, Käpt’n …" Unser Polizist hat in früheren Jahren zur See fahren wollen; deshalb nenne ich ihn, wenn es drauf ankommt, Käpt’n. Doch was schwadronier ich so auf ihn ein? Ich bin mir gar nicht sicher, ob zu bewältigen ist, was ich vorhabe. Da gibt es keine Garantie, notfalls müssen wir noch die Feuerwehr rauspelzen.

In Richard ringt die Behörde mit dem guten Kerl, der Lokalpatriot mit der aufs Holz versessenen Schnitzerseele. Leider gewinnt der Polizist.

„Was? Was ist los?“

„Geduld bringt Huld, Richard“, sage ich ihm so ruhig wie möglich Großvaters Lieblingsspruch her. „Nur so, Richard.“

„Auf der Stelle beräumst du die Gefahrenquelle!“, befiehlt er herrisch. „Morgen zeitig muss es hier rollen. Nimm zur Kenntnis: eine Landstraße erster Ordnung. Begriffen?“

„Mach, was du willst, unsere Dorflinde lass ich dir nicht unters Schnitzmesser. Nur über meine Leiche.“

„Wieder mal dein gottverdammter Spleen, was?“ Richard brüllt mit überkippender Stimme. „In höheren Regionen, hä? Pass auf, du! Ich könnte dein Großvater sein!“ Dass er die Nerven verliert, schuldet er zunehmend der Luftnot. Mit den höheren Regionen meint er die Botanik. Konkret, dass ich mich mit der Innung meiner Freunde nebenbei um den Seidelbast und die Mäusebussarde kümmere, was ihm reichlich verdächtig vorkommt. Mit dem Begriff wirft er neuerdings gern um sich; darunter versteht er etwas Negatives. Es will und will ihm nicht in den Kopf, dass ein junger Kerl derart seine freie Zeit vertut. Vielleicht argwöhnt Richard, ich wäre insgeheim religiös. Im günstigsten Fall hält er mich für einen großen Snob.

Ich denke an einen der Glaubenssätze meines Brigadiers („Siehst du Polizei, mein Junge, riskiere weder Lipp’ noch Zunge!“) und gehe zu meiner Maschine hin. Wortkarge Entschlossenheit ist sowieso das beste Mittel gegen Hektik jeder Art.

Als ich das mit einem Mutternschlüssel beschwerte Seilende um den stärksten der Knorrenäste zu schleudern versuche, bin ich hellwach. Stehe unter dem knackenden Holzgebirge, werfe ein übers andere Mal das Seil und weiche dem herabsausenden Schlüssel aus.

Es ist ein Geduldsspiel, schlimmer als Hunde flöhn.

Ohne jedes Verständigungswort hilft mir Richard: leuchtet mit seiner Polizeilampe zum anvisierten Ast hinauf. Endlich schwingt sich das Seil hinüber. Ich knuffe Richard freundschaftlich, ernte aber nur bärbeißiges Knurren. Der Mann hat Charakter.

Er geht mir stumm zur Hand. Wir ziehen die stabile Kette hinauf und prüfen, nachdem ich sie angehängt und den Traktor auf dem freien Feld gewendet habe, umsichtig ihre Befestigung.

Gerade will sich mein Liesel ins Zeug legen, da kommt auf der Landstraße ein Mann in den Scheinwerferkegel gespurtet. Wallbärtig, wie aus der Bilderbibel gestiegen. Es ist der Holzbildhauer Julius Schmiedel, die markanteste und populärste Erscheinung unseres Dorfes. Künstler.

Richard begrüßt ihn wie einen lang erwarteten Ehrengast. Jetzt drückt die Verantwortung nicht bloß auf unseren Schultern. Offen gesagt, ich lauere auf Anerkennung. Denn Juli, wie ihn alle Welt nennt, ist ein kompetenter Mann und Chef der hiesigen Naturschützer. Doch der namhafte Mensch beginnt gottserbärmlich zu schimpfen. Er brüllt so ausgesucht kräftige Verfluchungen, dass der Polizist begeistert aufhorcht – was für eine Begabung! Ohne jeden Übergang, als habe er schlagartig die Absicht erkannt, lobt uns Juli: „Es ist das einzig Richtige! Ich fürchtete, hier wären flinke Schwachköpfe zugange, die alles wegschlazen ohne Rücksicht auf Verluste. Die gute, alte Dorflinde ist noch lange nicht im Arsch, Freunde.“

Ich huste gemacht und blicke Richard an. Doch der bekommt die Kurve. „Wir handeln nach Gutdünken.“

„Was für ein schönes, vergessenes Wort!“ Bedeutungsvoll wiederholt Juli: „Nach Gutdünken! Dass es so was Goldenes unter uns noch gibt in Zeiten voller Verordnungen, Anordnung, Zuordnung, Hausordnung überall! Unter- und Jagd- und Heimordnungen …"

Wenn der Künstler in Fahrt ist, kann er weltvergessen in diesem Stil weiterreden, sich stundenlang darüber auslassen. Früh muss er ja auch nicht so beizeiten aus dem Bett wie ich. Ohne Respekt unterbreche ich ihn: „Geplauscht wird später, Holzwurm. Jetzt hau gefälligst mit ran – oder steh nicht im Weg rum.“

„Also los! Dawai!“, befehligt Schmiedel. Er ist jetzt die Hauptperson, unseren Polizisten stellt er als Assistenten an. Richard übersetzt vorn mit Handzeichen, was Juli ihm hinten zubrüllt.

„Sachte anziehen!“ – „Stopp! Mehr links!“ – „Nachlassen!“ – „Anziehen! Jetzt Volldampf!“

Einmal noch hat die Linde krachend aufgeseufzt, sich indes verblüffend wieder aneinandergefügt. Als ob sie hat mithelfen wollen.

Mit starken Ketten habe ich die Riesenlinde am Traktor. Oder besser umgekehrt: Wie ein wegstrebender Dackel hänge ich mit meinem Dieselliesel an ihr dran.

Julius Schmiedel vollführt nun ein Kunststückchen. Hangelt sich gewandt mit einem Stück Seil, das er um den Stamm gespannt hat, bis zur ersten Astgabelung, schwingt sich weiter hinauf durchs Geäst wie Tarzan in Filzstiefeln und beginnt dort oben, in Haushöhe, nachdem er noch eine Kette und das vorhandene Seilzeug hinaufgehievt hat, allen Ernstes eine mutige, komplizierte Arbeit.

Es dauert. Wir blinzeln aufwärts. Der waghalsige Mann umwindet, die Stablampe zwischen den Zähnen, die Rissstellen und zurrt die Halterungen fest.

Wir trampeln im Schnee, vom Warten werden die Füße kalt. Endlich schwingt er zum Zeichen, dass er’s geschafft hat, die Lampe im Kreis.

Halberfroren rutscht unser Artist herunter, schmeißt seine starren Hände umeinander an den Leib und erklärt, die paar Schnürsenkel hielten den Baum nur halbwegs bis zum nächsten Blasewind zusammen. Kurzum, es gelte, mehr herbeizuschaffen. „Keine Müdigkeit vorschützen, Kumpels.“

Ich tuckere mit ihm ins Dorf. Mit drei alten Lichtmasten vom Holzplatz im Schlepp und mit allen möglichen Leinen kommen wir wieder auf die Höhe.

Eine gute Stunde später ist die Dorflinde fest umgürtet. Wir haben ihr seitlings als Stützkrücken die Maste unter die Äste gewuchtet. Total ausgepumpt hocken wir aneinandergezwängt in der Fahrerkabine, um uns ein wenig aufzuwärmen. Ich mache die Beine lang, spürbar überkommt mich das schöne Gefühl von Ruhe. Juli ist mit seinem Knie beschäftigt, das er sich geprellt hat. Und Richard fragt mit pfeifendem Atem: „Wie wollen wir verbleiben?“

„Her mit dem Nationalpreis“, sagte Juli sofort, „und zwar dritter Klasse. Oder mit einem Satz neuer Reifen für meinen Kombi. Den Michel befördern wir zum Verdienten Traktoristen.“

„Agrotechniker heißt das“, verbessere ich, „oder Mechanisator.“

„Mann, klingt gleich gehobener. Da weiß jeder auf Anhieb, was Sache ist, nicht wahr? Und dir, Hüter der Ordnung, verschreiben wir die nächste Reihe bunter Schilder an die Brust. Okay?“

„Ich meine, dass unbedingt noch ein Protokoll über den gesamten Hergang aufzusetzen ist.“ Richard schnauft. „Ihr müsst mir ordnungsgemäß unterschreiben, Kameraden.“

„Nein, das gibt’s doch nicht!“, brüllt der bärtige Apostel und beginnt zu lachen, dass die Kabine bebt. Ich falle gleich ein. Auch Richard kann nicht anders, er hüstelt und lacht schließlich mit.

3

Sein Protokoll bringt der Richard am nächsten Tag zur Mittagspause an. Es beschreibt den nächtlichen Hergang wie in der Zeitung: knapp, glatt und wohlgefällig. Unten drunter steht in gleichmäßiger Künstlerhandschrift der individuelle Zusatz: „Es wird beglaubigt, dass mit gesundem Menschenverstand und nach Gutdünken gehandelt wurde. Julius Schmiedel.“

„Den halben Tag lang hockt der verrückte Kerl schon wieder auf dem Baum“, sagt Richard, während ich auf seinem gebeugten Rücken das Protokoll unterschreibe. „Lässt Wetter und Ostwind über sich ergehen wie Sommerfrische. Er verpicht den Kaventsmann. Teert und kalfatert ihn wie ein leckes Flaggschiff. Das soll gut sein gegen Frost … Was weiß ich … Geht mich im Prinzip jetzt auch nichts weiter an.“

„Das Prinzip geht alle an, Richard.“

„Nu – ist doch klar“, sagt der Polizist ergeben. Er verzieht gequält das Gesicht, total erschöpft.

„Hast du dich ein bisschen aufs Ohr gehauen, Richard?“

„Wann denn? Keine Minute. Die Linde brauchte was zum Warmhalten, soll ich dir ausrichten.“

Hundsmüde, denn in der Nacht hatte es nur zu einer kleinen Mütze Schlaf gereicht, fahre ich nach der Schicht zur Dorflinde hinaus. Auf dem geliehenen Multicar aus der Goldgrube meines Vaters kutschiere ich ein Dutzend Strohbunde an, die ich teils aus väterlichen Gartenbeständen, teils aus Großvaters streng gehüteten Scheunenvorräten zusammengefochten habe.

Der Holzbildhauer ist immer noch wacker am Werken. Schon aus Meterentfernung ist zu riechen, dass er gegen die Kälte eine tüchtige Innenheizung mit Feuerwasser vorgenommen hat. Ich kippe mir den kleinen Rest der Buddel in den Schlund – das weckt die Lebensgeister. Außerdem wird hier draußen kaum so etwas wie eine Verkehrskontrollstreife aufkreuzen.

„Meinen ganzen Vorrat an Baumteer habe ich draufgekleistert“, sagt Juli, heiser vom Fluchen, und wiegt bedauernd die leere Wodkaflasche. Er hat Eisklümpchen im Bart. „Ein Brei aus Lehm und Kuhscheiße wäre besser. Doch wie willst du das bei dieser sibirischen Kälte bewerkstelligen?“

Über das Stroh freut er sich wie ein beschenktes Kind.

Wir seilen die Strohbündel hinauf, und er drahtet sie längs der Risswunde fest.

So verpassen wir der Linde ein wärmendes Leibchen.

„Gut sind wir mit ihr umgegangen. Wie mit einer Frau.“ Julius Schmiedel, teerverschmiert von oben bis unten, tätschelt die Rinde des Baumes. „Wie mit einem schönen, stämmigen Weib.“

Auf die Weise hatte ich es nicht gesehen. Aber der Gedanke gefällt mir sehr.

4

Ein Jahr geht ins andere hinüber.

Am Neujahrsmorgen schlägt der alte Vater, den Himmelsrichtungen nach, vier kupfrige Doppelgroschenstücke in den Stamm unseres großen Weizenbirnbaumes. Das bannt, sagt er, die Unglücke und Poltergeister und hilft für ein fruchtbares Jahr. Er hat’s von seinem Großvater, der nahm sich’s wiederum vom Vorgänger an und so fort.

Wie in jedem Jahr kleben meine Eltern am Fenster und amüsieren sich über den uralten Brauch einer naiven Opferung, die – wenn sie schon gar nicht hülfe – doch wenigstens die Rindensäfte anregen und uns einen reichen Erntesegen an Weizenbirnen bescheren wird. Sodann ziehen sie rasch die Stores vor und schicken meine kleine Schwester vor den Guckkasten, obwohl die Franziska längst weiß, dass ihr Opa nun das Hoftor anpinkeln wird, erst den rundbogigen Durchgang, dann die Einfahrt. Das ist angeblich auch überliefert, es soll die Krankheiten und Viehseuchen nicht über die Schwelle lassen.

Unser alter Vater geht kräftig mit Pilsner nachtanken. Denn mindestens siebenmal muss es getan sein, ehe es überhaupt wirken kann. Behauptet er.

5

In den ersten neuen Wochen taut es, die Felder gleißen in der Mittagssonne auf wie Glimmer, und nur noch aus den Waldschneisen leckt harscher Schnee herab in die Fluren. Darauf pfeift schneidender Wind über die schutzlosen, freien Flächen, und es gibt unbarmherzige Kahlfröste, die unsere Wintersaaten mancherorts bis ins letzte Hälmchen blond frieren. Was hilft’s, wir müssen das umbrechen, ebnen, frisches Saatgut in den Gebirgsboden dibbeln. Arbeit zuhauf, Überstunden noch und noch. Allmählich friert, graupelt und matscht sich der Winter zu Ende.

Der Dorflinde müssen wir erneut zu Leibe rücken. Ein Frühjahrssturm zerfledderte unsere Strohbedeckung, und als wir mühselig andere Ballen befestigt haben, werden sie von Nichtsnutzen nach einem Tanzabend in Brand gesteckt, so dass der Qualm den Berg herabzieht und das Oberdorf rebellisch macht. Sogar die freiwillige Feuerwehr rückt an. Wir streichen noch am selbigen Sonntag, meine Freundesinnung Hand in Hand mit ein paar Naturschützern unter Schmiedel-Julius’ Kommando, einen soliden Verband aus Lehmerde und Kuhdung auf den Spalt.

Der Lindenbaum dankt es uns. Dem Blitzhieb zum Trotz treibt er rundum frisch aus. Steht voller saftgrüner Knospen, aus denen schon die Blattspitzen spähen. Das ist Mitte April, denn als ich endlich Zeit finde, mir die wiedererweckte Dorflinde anzuschauen, ruft zum ersten Mal im Jahr der Kuckuck aus dem Wald. Nach Greifenhübel kehrt der Kuckuck immer pünktlich zum Fünfzehnten des Monats April zurück; nur in den Schaltjahren ist er einen Tag früher wieder bei uns.

Ich also, Michel Mai, knapp zwanzig, Bauer (ich sage allen, dass ich Bauer bin, denn „Facharbeiter für Agrotechnik“, das hört sich doch geschraubt an, oder?), Blutspender, gemustert für die Panzer, ledig, noch zu haben in jeder Beziehung – ich stehe unter dem steinalten, grünbeflorten Baum und bin auf einmal wunderlicherweise von Herzen froh.

Ach, ihr Leute! Die Lenzluft weht einem um die Nase, leicht wie ein Atemhauch. Für ein kurzes Verweilen lasse ich mich auf der Lindenbank nieder, lehne rücklings an der kühlen Rinde, die sich sacht erwärmt wie ein Teil von mir. Allein mit der Welt bin ich, das Gebirge weit im Blick. Unterhalb des Huckels sonnt sich das heimatliche Nest, ein Krähwinkel im Vergleich mit den großen und kleinen Ansiedlungen. Aber doch mein Winkel, mein Punkt auf Erden. Greifenhübel döst eingebettet inmitten der Hügel, denen ich über die runden Rücken gefahren bin, die ich mit dem Pflug gekratzt und mit der Egge gebürstet habe. Dem Fluss zu ist das Dorf von einem Waldstreifen besäumt, dem Schwarzen Hölzel, das ich als Stülpner-Karl durchjagt habe, als Räuber und Rächer. Der kleine Hain am Berghang darüber heißt noch aus weitvergangenen Kriegszeiten her das Marterbüschel.

Unübersehbar von hier oben, dass meine schattigen Jagdgründe abgekämpft sind. Aus den Kindheitswäldern heben die eingegangenen Bäume ihre dürren Äste. Wir werden lebenslang damit zu tun haben.

Weit hinten ist das böhmische Gebirge zu erkennen, die umdunstete Ferne. Mit einem Mal (sonderbar, als hätte ich irgendwas endlich begriffen) geht es mir an diesem hellen blauen Nachmittag überdeutlich durch die Sinne: Noch vor der Armeezeit will ich jemanden finden. Für mich und für immer; meine Frau fürs Leben, wie es heißt. Eine Freundin, mit der sich alles teilen lässt.

2. KAPITEL

1

Am Montag nach Ostern befiehlt mich nachmittags ein Telefonanruf auf die Polizeimeldestelle.

Richards Büro ist ein sparsam möbliertes Zimmer in der Gemeindeschwesternstation, ausgeschmückt mit verblichenen Warnplakaten und einem überschäumenden Meeresbild – nimm mich mit, Kapitän, auf die Reise.

Die Feiertage über war Richard bei seinen Verwandten an der Küste, dadurch hat er unsere heroische Feuertaufe als Innung (seit einem Jahr amtlich „Jugendordnungsgruppe der Gemeinde Greifenhübel“ benannt) verpasst. Das ist schade, denn er ist ihr Vater, er hat uns agitiert, uns alle Griffe antrainiert und uns mit den bestempelten Ordnerarmbinden zu seinen Rittern geschlagen.

Wir haben am Sonnabend den Greifenhübler Ostertanz sicher vor einer Massendrescherei bewahrt. Die Kunde davon ist schon im ganzen Dorf herum; das geht hier von Zaun zu Zaun fixer als anderswo mit Elektronik.

Ich erwarte Lob und hebe fröhlich die Faust: Rot Front!

„Damit scherzt man nicht!“, pulvert mich der Polizist militärisch an. Nanu? Ich spüre, heute ist irgendwie Qualm in der Stube. Freund Richard hat sogar Riemenzeug und Schießeisen umgeschnallt und bleibt hinterm Schreibtisch, Dienstgrad Hauptmann, ein Schriftblatt steif weggestreckt, als sei er ein wenig weitsichtig. In unnahbarer Haltung.

„Was liegt an, Käpt’n?“

Richard misst mich scharf. „Diese Eingabe. Heute dem Gemeindeamt zugegangen. Von zwölf jungen Werktätigen unterzeichnet.“

„Gegen wen?“, frage ich unnötigerweise.

Als Antwort liest er mir vor: „… kam es im Verlauf der friedlichen Tanzveranstaltung durch die sogenannte Ordnungsgruppe unter Anführung des Jugendlichen Mai, Michel, zu Ausschreitungen, indem wir von den Genannten schwer misshandelt wurden …"

Ich traue meinen Ohren nicht. „Das haut einen vielleicht um!“

Aber Richard hüstelt straff, und der Schrieb wird weiterverlesen. Wortwörtlich bekomme ich hingerieben, dass wir vier Mann Ordnungsgruppe mit den Bürgern und den gesetzlichen Bestimmungen unseren Missbrauch trieben. Der Text ist mit wichtigen Adjektiven gespickt und gewandt formuliert. Die Prügelknaben können nicht nur mit den Fäusten zuwummsen, die schlagen auch gewaltig mit Worten. Schlagworte nimmt, wem Argumente fehlen.

„Die wollen uns eins durch die Hintertür reinwürgen“, versuche ich zwischendurch zu erläutern. „Du kennst die samt und sonders, Käpt’n.“

Mit dem Wisch wird mein Einwand fortgewedelt. Käpt’n Richard hat offenbar seinen Anschiss vom Bürgermeister Karl Hahn (im Dorf wegen seiner Leidenschaft für die Rassegeflügelzucht Truthahnkarl genannt) weg und die Order erhalten, mich voll anzuzählen, wie das im Boxring und neuerdings auch in den behördlichen Umgangsformen heißt.

2

Zugetragen hatte sich am Sonnabend, dass mit vorgerückter Stunde ein rundes Dutzend Raufbolde ins Erbgericht einzog und eine Keilerei anzustiften begann. In der Mehrzahl kamen sie aus den Nachbarorten. Durch die Bank alte Bekannte: Schlägereikunden.

Obwohl wir hier aufpassen wie die Schießhunde, dass es am Wochenende einigermaßen ruhig bleibt, vom Discogetös abgesehen, taucht alle naselang dieser und jener Hitzkopf auf, den wir abkühlen müssen. Oft genügt unser Charme. Doch es hat auch schon Veilchen gegeben, wenn einer zu vernagelt darauf aus war, anderen die Zähne einzuschlagen.

Einzeln genommen sind die Burschen untereinander spinnefeind, das weiß ich. Sie hatten sich nur gegen uns zusammengeschweißt. Die Gelegenheit, es der Jugendordnungsgruppe Greifenhübel heimzuzahlen, war günstig. Ostern geht gewöhnlich bei uns jung und alt zum Tanz. Es werden zusätzlich lange Tische reingestellt, im Saal ist es kracheng und das Parkett gestopft voll, wenn unsere Borneo-Band loslegt.

Sie kamen also, eine Horde Hengste, und ließen ihr Programm vom Stapel: die Damen betatschen, das Geschirr zertöppern, schweinische Gassenhauer absingen – eben das Repertoire stumpfsinniger Geister. Schwappten herein in den walzernden Saal mit ihren ewiggleichen Dreistigkeiten: „Is was?!“ Und: „Hat hier jemand was gesagt?!“ Eine Welle von Unflat und Anmaßung.

Die Menschen stoben auseinander, gaben das Parkett frei, und so stand den Kerlen, rasch formiert, bloß noch unsere Streitkraft im Weg. Mit Heimvorteil zwar, doch gegenüber einer dreifachen Übermacht. Gewannen sie, hätten wir hier für alle Zeiten einpacken und ihnen das Regiment überlassen können. Uns blieb nur übrig, sie so nachdrücklich rauszuschmeißen, dass von da ab der Respekt vor uns größer war als die Lust zur Stänkerei.

In geschlossenem Rudel rückten sie auf uns zu. Haargenau aus den Gangsterstreifen abgeguckt. In solchen Augenblicken hilft kein Reden mehr, kein Paragraf und keine Psychologie … Sie bekamen unsere komplette Judolektion verpasst. An der Gasthofstür des Erbgerichts ging es für Minuten so lebhaft zu wie am Ausflugsloch eines Bienenstocks. Da waren wir schon nicht mehr allein am Werken, etliche Mannsleute halfen uns, die Raufbolde frische Luft schnappen zu lassen.

Die Tanzsaalrunde empfing uns wie heimkehrende Olympioniken, und nach Ladenschluss stiftete uns der Seidel-Wirt eine Lage, weil wir wieder einmal das Mobiliar und den Hausfrieden gerettet hatten.

3

Vom Blatt weg zählt mir Richard auf: Nasenbluten, ein verstauchtes Handgelenk, zwei leichte Gehirnerschütterungen, Abschürfungen, Blutergüsse, kaputte Armbanduhren, Kleidungsschäden …

Eine Glanzleistung. Haben wir härter zugepackt als nötig?

„Drei Arbeitsbefreiungen!“ Der Hauptmann knallt den Beschwerdebrief auf seinen Schreibtisch. „Bedeutet: dreimal Produktionsausfall! Da hört der Spaß auf! Wie oft ist euch gepredigt worden: nichts unversucht lassen, bis zum Letzten mit Geduld zu den Menschen reden …"

„Es stand zwölf zu vier.“

Mit einer vertrauten Bewegung deckt der Mann seine Rechte über den linken Handrücken, wo blassblau eintätowiert seine Jugendsehnsucht zu sehen ist: vom Strahlenkranz umrahmt, ein Kreuz mit Herz und Anker, das sogenannte Seemannsgrab. Sinnbild der Fahrensmänner: Glaube, Liebe, Hoffnung.

Er fixiert mich. Die Stille lastet. Mir wird der Kopf heiß, ich komme in brass.

Richard stellt seine entbehrliche Polizistenfrage: „Deiner Auffassung nach gab es keine andere Chance?“

„Doch. Friedlich die Hucke vollhauen lassen.“

Er reckt sich mit durchgedrücktem Rückgrat, kommt hinter seiner Büroschanze hervor und boxt mir ans Schultergelenk. Eine Gebärde zwischen Verdammen und Vergeben, eigentlich mehr ein Angebot zur Aussöhnung.

„Nein, im Ernst“, beharre ich, „frag doch die Leute. Den kollektiven Wisch aber, den schmeiß gleich in den Papierkorb. Wahr ist: Sie wollten uns verdreschen.“

„Trotzdem, das können wir uns nicht leisten.“

Ich weiß, er meint die drei Krankenscheine, aber ich stelle mich dumm. „Ganz recht, Richard, man kann deine Handvoll Jungs, die sich jedes Wochenende um die Ohren schlagen, nicht noch dafür zusammenscheißen.“

„Sei bloß still“, fährt Richard lasch dazwischen. Er schüttelt kummervoll den Kopf und schnauft erbittert. Es hat den Anschein, als wäre sein Pulver verschossen.

In heller Unschuld prangt die Beschwerde auf dem Meldestellentisch. Seltsam, dass jede Niedertracht gleich die höhere amtliche Weihe erhält, sobald das Zauberwort „Eingabe“ drüber steht. Eingabe bewirkt strenge Termine, sachliche Töne, reelle Behandlung. Ein Schnellstarter, der jeden Apparat in Bewegung setzt. Das ist fast noch schlimmer, als wenn wir von den anderen die Jacke voll bekommen hätten …

„Ich habe mich umgehört“, hebt er wieder an. „Das Volk im Dorf steht hinter seinen Helden. Die Saalschlacht haben wir gewonnen. Hurra! Aber haben wir nicht in Wirklichkeit verloren? Den guten Ruf, meine ich? Wo kämen wir hin, wenn das Faustrecht regieren würde? Brauchst nicht zu feixen, Michel Mai. Bist immerhin frischgewählter Jugendvertreter im hiesigen Gemeindeparlament. Da hat man sich nicht wie ein Stier aufzuführen, merk dir das.“

Ich raffe mich zum Scherz auf. „Darf wohl jetzt als Abgeordneter bloß per Blauhemd und Armbinde auf ’n Schwof gehen?“

„Genau das ist der springende Punkt.“ Richard steht an seinem Ungetüm von Schreibmaschine und wendet mir das breite Kreuz zu. Nervös tippelt er auf der Rücktaste. „Deine Ordnungsgruppenbinde …, die lass in den nächsten Tagen und Wochen daheim. Wir haben entschieden, euch vorläufig aus dem Rennen zu nehmen. Vorübergehend, versteh mal. Jugendtanz fällt flach, bis hier wieder Ruhe ist. Keine unnötigen Emotionen, weder auf der einen noch auf der anderen Seite.“

„Ihr setzt uns einfach außer Kraft?“

„Die Tatsachen.“ Richard zeigt auf die Eingabe. „Und sowieso bloß zeitweise.“

Er sieht mich nicht an. Dafür mustere ich ihn.

„Klingle deinen Genossen Gemeindefürst an und blase ihm folgendes ins Ohr: Hat er was mit mir zu bekaspern, dann gefälligst von Mann zu Mann. Nicht um drei Ecken. Erstens“, sage ich. „Und zweitens: Unsere Innung braucht nicht erst den Finger in den Wind zu halten, unsereins wird im Dorf auch ohne Armbinde respektiert. Der Hemdsärmelzierrat macht uns sowieso nicht schöner, deshalb geht er postwendend an dich zurück. Ein für alle Mal, Hauptmann. Drittens richte ihm aus: Auf die nächste Gemeinderatssitzung kann er sich freuen, da bringe ich das alles zur Sprache.“

Wie Sonne übers Feld huscht Schmunzeln in Richards behördliche Miene. Nun hat er seines Bürgermeisters Standpauke an den Mann gebracht, nunmehr steht für ihn das Signal wieder auf gut Freund. Bei öffentlichen Personen erstaunt mich immer wieder aufs Neue der willige Hang zur raschen Wendung. Mag sein, die Älteren sind darin noch in der herkömmlichen Übung und halten das schlankweg für Diplomatie.

„Und deine Privatmeinung?“, frage ich hinterhältig.

„Klasse!“, sagt Richard spontan. Aber gleich nimmt er das zurück: „Statt dass ihr mehr mit Sinn und Verstand vorgeht, mit Fingerspitzengefühl …"

„Lass gut sein, Hauptmann“, wehre ich vergnatzt ab, „wünsche weiterhin Erfolge in der Arbeit und im persönlichen Leben …"

Doch er hüstelt, heißt mich bleiben und verkündet gewichtig, es wäre ja zuerst die schlechte Nachricht drangekommen, und nun gehe er zur zweiten, der guten Nachricht über. Nämlich: Für ein Pressegespräch in der Bezirksmetropole sei von führender Stelle eine junge Persönlichkeit angefordert, Beruf möglichst Landwirtschaft. „Und wer, glaubst du, ist für die Teilnahme vorgesehen?“

„Ich“, sage ich gleichmütig. „Wer denn sonst?“

„Unser Zutrauen hast du, Michel. Bist du dir wenigstens der Ehre bewusst, Menschenskind?“

„Überhaupt nicht“, sage ich kurz angebunden. „Aber ich mach’s trotzdem, Capitano. Du weißt, da ist auf uns Verlass. Und auf dich?“

Er steht hilflos da, kratzt sich den Nacken.

„Keine weiteren Fragen, Euer Ehren“, sage ich knapp, hebe die Faust zum Abschied und gehe mit scharfem Kehrt wie beim Sport.

Auf den Wartestühlen vor dem Behandlungsraum der Gemeindeschwester bafeln ein paar Weiblein über Arznei, die es für sie vorwiegend als „Einreib“ oder „Einnehm“ und als „Tablettengelumpe“ gibt. Sie nicken mir zu, und unsere Nachbarin, die Sieber-Walli, erteilt mir, Volkes Stimme, nachträglich ihren Segen: „Gut gemacht, dass ihr die Suppenländer richtig verdroschen habt, Michel von den Mai-Bauern. Und wenn sie, verhüt’s Gott, wieder ein Remmidemmi einrühren tun, die Schwengel aus dem Suppenland, dann hämmert ihnen das Habdank so lange in die Nischel, bis sie es gefressen haben.“

„Suppenland“ nennt man bei uns die Nachbardörfer zum Gebirgskamm hin. Alte Leute erzählen es zuweilen: Das war Ende vergangenen Jahrhunderts, da gingen wüste Schlechtwetter mit Wolkenbrüchen überm Gebirge nieder. Die Hagelschläge („Körner, groß wie Augustäpfel!“) und Blitzfeuer vernichteten Ernte, Vieh und Scheuern in den höhergelegenen Dörfern. Wie durch ein Wunder blieben Greifenhübel und seine Fluren verschont. Die kleinen Bauern hier, Spielzeugmacher zumeist, kochten Suppe in ihren Waschhauskesseln und fuhren sie mit Gespannen zur Armutei ins Gebirge hinauf, brachten damit die Darbenden über den grausamen Winter. Die Betroffenen nannten sich mit Galgenhumor selbst das Suppenland. Doch ihre Kinder schon wollten den Hergang nicht mehr wahrhaben. Für sie war das ein Schimpfwort. Sie kehrten die Geschichte um. Seither spricht unter den Jüngeren kaum noch jemand davon: als wäre das eine Sache, deren man sich zu schämen habe. Man riskiert sogar, dafür verhauen zu werden.

4

„Forsicht, Plitz!“ hat ein Schlingel auf die sonnengedörrte Holzwand des alten Transformatorhauses im oberen Dorf gekreidet. Die Aufschrift passt zu den drei schmucken und schnellen Maschinen, die davor geparkt sind: Honda, Suzuki, Harley-Davidson. Ich bocke meine Kawasaki dazu – in Wirklichkeit sind’s bloß vier biedere Konfektionsmopeds aus Thüringen. Wir haben sie leicht aufgepfriemelt, damit sie eine bessere Stimme und mehr Touren bekommen. Der gemeinsame Traum und das Sparziel von uns vieren bleibt freilich der neueste flotte Flitzer von den Zauberkünstlern aus Zschopau.

Ich höre die Lore herumwirtschaften, sie nutzt das ehemalige Trafohäuschen als Lagerschuppen für ihre Ersatzteile. Über Lores Ladentür gibt ein siebzigjähriges Emailleschild bekannt, dass sich hier „Fahrrad-Hähnel, Reparatur und Zubehör, Inhaber: Fedor Hähnel“ befindet. Die Fahrradschlosserei betreibt Lore Hähnel allein, und das Geschäft geht gut, weil auf dem Dorf Fahrräder wieder in Mode kommen. Seit dem Tod ihres Vaters lebt sie solo im Oberstock des sauber verputzten Hauses mit der ehrwürdigen Blechreklame und dem Hintergarten voller Blumen. Zur Straße hin begrenzt ungeschnittener Rotdorn das Anwesen, hochgewuchert wie die Hecke ums Märchenschloss. Aus rätselhaften Gründen ist für unsere Prinzessin von der Speiche noch kein Heiratsprinz angeritten gekommen, obwohl Lore knapp vierzig ihrer Frühlinge bereits hinter sich hat. Rätselhaft vor allem, weil ich im Umkreis kein aufregenderes Frauenzimmer kenne. An Verehrern fehlt es bis heute nicht. Sie verewigen sich an der Tankstelle seitlings der Einfahrt, ererbte Rarität noch vom Großvater Fedor her. Es ist Brauch, dass jeder, der die Hähnel-Lore mag, ihr seinen kompletten Namenszug hinmalt. Die zwei runden Zapfsäulen von „Shell“ haben schlanke Sockel wie Biertulpen und werden ein Jahr ums andere weiß lackiert. Die Lackschichten bedecken eine Autogrammsammlung vieler Mannspersonen unseres Dorfes und der Gegend. Der eigene Vater hatte sich seinerzeit eingetragen, wie ich weiß, und mein Name ist auch lange überstrichen. Als mir der erste Fusselflaum spross, konnte ich nächtelang von der üppigen Lore Hähnel träumen.

Mehr verdrossen als unverdrossen gehe ich nach hinten in die Werkstatt, wo meine Freunde und Kumpels drillings beisammen sind: Robert, Schränkel, Mustang.

Die Recken hörten schon von der zeitweiligen Auflösung als Greifenhübler Ordnungsgruppe. „Gar nicht so übel. Lässt sich ’ne Menge schaffen, wenn nicht jeder Sonnabend für Discobums draufgeht.“

Zu mir hinaus auf den Traktor war die Kunde noch nicht gedrungen, ansonsten weiß es das ganze Dorf. Denn die ergiebigste Nachrichtenquelle Meta Findeisen, Sekretärin im Gemeindeamt, sprudelt es aus, dass die höheren Instanzen unsere Ruhmestat missbilligen. Hier gibt es nichts Neues unter der Sonne, was Meta Findeisen nicht erfahren und unter die Leute bringen würde; mein alter Vater nennt sie die größte Buschtrommel unterhalb des Fichtelberges.

Mir schwillt wieder der Kamm, als ich vom Taktierer Richard erzähle, doch Schränkel, mit seiner buntgestrickten Mütze, die er wahrscheinlich auch noch im Bett trägt, nimmt unseren Paten in Schutz: „Er hat eins auf den Deckel gekriegt, der Genosse Schutzmann. Nun soll er probieren, wie er ohne uns fährt. Rankommen lassen, das ist immer meine Devise gewesen.“ Ihre dreifältige Gelassenheit verwirrt mich. Zwar sind sie auf Draht, haben aber auch die Ruhe weg und einen Nerv dafür, was man tun und was man lassen soll. Warum sie ausgerechnet mich zu ihrem Ataman gemacht haben, ist mir schleierhaft, jeder von ihnen ist ungleich besonnener als ich, der ich meistens hochfluppe wie der Kastenteufel. Auch jetzt maule ich: „Ihr Brüder überblickt natürlich wieder cool den ganzen Kiki, stimmt’s?“

„Dies stimmt nicht“, sagt Mustang. „Aber die haben sich vielleicht was dabei gedacht, oder?“ Auch Robert, der jedes Wort kaut, gibt seinen Dreier dazu: „Das wird ein Lenz, Leute.“ Er hat wie ich keinen Spitznamen: Robert und Michel, das klingt urig genug. Hingerissen doktert er mit den Röhren des alten Werkstattradios herum. Ein unverwüstlicher Bossler, damit ist alles gesagt. Robert riecht nach nasser Pappe, er kommt von seiner Arbeit in der kleinen Fabrik unten am Fluss, wo er Waldbäume reif für ihr Zeitungsleben macht, indem er sie zu Zellstoff zerfasert.

„Wie sieht es denn hier aus?“ Lore fegt herein und bringt Leben in die Bude. „Das ist doch kein Amüsierlokal. Hallo, Michel.“

Lore. Sie hat goldfuchsiges Haar, das knistert, wenn es gekämmt wird. Wie Glut. Wenn wir bildhaft ein Prachtweib beschreiben wollen, sagen wir: „Nahezu wie Hähnel-Lore.“ Der einzige Schönheitsfehler ist ihr Ordnungssinn. Akkurat und staubfrei wie in einer Arztpraxis. Jedes Ding hat seinen Platz und glänzt festlich geputzt zur Parade. Ordentlich sortiert hängen von der Werkstattdecke jede Menge Felgen, Rahmen und Zubehör aller Bauarten. Täve Schur würde denken, er wäre im Himmel. Die Lore hat geschickte Hände und kann auch organisieren. Auf das schubweise Lieferglück des Ersatzteilhandels verlässt sie sich längst nicht mehr, sondern sammelt, was die Leute loswerden wollen, kauft es für den Schrottpreis auf und schlachtet sich die alten Mühlen aus. Sie flimmert das brauchbare Zeug so lange, bis es sich, fabrikneu blitzend, in ihre Sammlung einordnen lässt. Ihre besten Lieferanten sind die Schuljungs. Wir sind als Knaben alle wer weiß wie weit auf die Schuttplätze und Müllkippen gestrampelt, um von den Fahrradruinen abzuschrauben, was sich an Lore verscherbeln ließ. Wenn einer eifrig ist, darf er bald du zu ihr sagen – das zählt mehr als alles, was sie einem hinblättert. Aber nur wer sich besonders zuverlässig und anstellig zeigt, wird von ihr, höchste Belohnung, in die Werkstatt gelassen, darf beim Blankputzen helfen und jederzeit wiederkommen. Solcherart sind wir noch knapp vor der Pubertät hierhergelangt. Es gibt im Dorf keinen offiziellen Jugendklub, doch wir hatten einen. Mit der Zeit entdeckten wir, von ungefähr zusammengeraten, unsere Übereinstimmungen. Zuweilen waren wir mehrere, mal ging einer, ein anderer kam. Aber nur unser Vierergespann blieb beisammen, denn wir fanden für uns einen weiteren gemeinsamen Punkt: Seinerzeit blies unser Biolehrer, ein kreuzgescheiter Mensch, in uns ein Interesse an für alles, was in der Natur war und sein wird. Seit er wegging, um in Tharandt die Forstbotanik zu studieren, sind wir hier seine Erben, sorgen weiter für die wilden Viecher und das Grünzeug ringsum. Vor einigen Jahren liefen wir noch unter dem Siegel „Außerschulische Arbeitsgemeinschaft Junger Naturforscher“ durch die Fluren, doch weil sich von den verbliebenen Lehrern nur jemand für uns interessierte, wenn „Aktivitäten“ höheren Orts zu melden waren, schafften wir uns den Umstandsnamen ab und benannten uns knapp und bündig als „Innung“.

Der Werber Richard hatte mit uns nicht viel Werbenot für seine Ordnungsgruppe; wir beredeten es untereinander, fragten wie immer die Lore um Rat („Ordnung? Nie zu verachten!“) und ließen uns von ihm, als er wieder in die Werkstatt kam, schon die Mea-Ukemi beibringen, die einfache Judorolle vorwärts. Es wäre übertrieben, wenn ich sagen würde, dass wir nur einstimmiger Meinung wären wie die im Parlament. Aber wir sind miteinander groß geworden, halten zusammen wie Pech und Schwefel.

„Wozu soll das nütze sein?“ Lore zeigt auf den Werktisch, wo Mustang aus roten Katzenaugen ein Muster aufgelegt hat, das 4-4-2-System des Dorffußballs. Träge häufelt er die Rücklichter zusammen. Lore will ihn mit zürnendem Blick strafen, doch der vergeht ihr, sobald sie ihn anpeilt. Sie beißt sich auf die Lippen, bekommt Farbe und fängt, ob sie will oder nicht, zu seufzen an. Mustang hat unter seinen Vorfahren einen Italiener gehabt, und die Mädchen schmelzen reinweg vor ihm hin, des südländischen Einschlags wegen und weil er so eine sportliche Latte ist, lang wie der Johannistag. Als Kind war er einem durchgehenden Gaul in die Quere geraten, ein Unglück auf Leben und Tod. „Die Ärzte haben mich wieder zusammengenietet und mir so ’n Giraffenhormon eingespritzt“, flunkert er manchmal, „und nun wachse ich und wachse.“ Er spielt mit Katzenaugen herum, weil ihn Technik kaum interessiert. Seine Welt ist die Fauna. Daheim geht es zu wie in Noahs Arche. Eingestallt hat er sich Nagevieh, zahme Eichhörnchen, alle möglichen Ziervögel und – Sensation im Dorf! – eine leibhaftige Riesenschlange, die er Isolde nennt. Vom Aussehen her spielt Mustang mit Absicht den Mohikaner, rennt in Fransenweste herum und bindet sich die lackschwarzen Loden zu einem Indianerschwanz, wenn er arbeitet. Als Milchprüfer in der Genossenschaft braucht er täglich sein Gefährt, aber uns kommt allmählich der Verdacht, dass er sich statt des schicken Motorrads doch bald lieber ein Pferd zulegen will.

Die Lore wendet sich her zu mir, und ich muss ihr unwillkürlich auf den Hemdausschnitt sehen, wie immer einen Blick auf die weiche, atmende Tiefe ihres Brüsteschattens werfen.

Sie will wissen, ob die Gerüchte stimmen, die da im Dorf umgehen. Wortwägend erzähle ich, was bei Richard war. Bald unterbricht sie mich mit gerunzelten Brauen: „Du lässt dir von der Obrigkeit deine Innung abservieren?“

„Mit Michel hast du den Falschen beim Wickel“, sagt Mustang, „der war genauso in Wolle, Lore. Von mir aus …, regt euch auf. Davon wird die Welt auch nicht runder.“

„Das Dorfgequatsche steht mir allemal bis hier.“ Schränkel sägt sich mit der Handkante die Gurgel. „Kommt dabei vielleicht was raus? Ergebnis gleich Null. Etliche Zeit her, noch vor der Kollektivierung, da muss es hierherum mal eine gigantische Saalschlacht gegeben haben. Mein Alter schwärmt heute noch von der Schwummse, die er damals ausgeteilt hat. Um ein Mädchen ging’s. Und deswegen sollen ganze Dörfer hier untereinander jahrelang in Fehde gelegen haben. Praktisch wegen nichts und wieder nichts.“

Hähnel-Lore gerät aus dem Häuschen. Sie stemmt die Arme in die Seiten. „Leisetreterei kann ich auf den Tod nicht verknusen. Lasst euch nicht zu Duckmäusern machen, ihr großen Kerle. Das wäre ja wohl das Letzte! Na, warte, Bürgermeister!“ Lore gibt keine Ruhe. „Dir Süßhahn rücke ich auf die Bude!“

„Per Eingabe“, rate ich ihr. „Das wirkt wie ’ne Zündkapsel.“

„Ach was, dem gebe ich’s persönlich ein. Herrgott, schließlich hab ich’s alles mit ansehen müssen. Ich bin Zeugin. Und das wird aufgerollt, da ist noch nicht aller Tage Abend.“

Fäustlings mit den Fingerknöcheln pocht sich Schränkel wortlos gegen die Stirn – es gibt ein Geräusch wie Spechthacken, das uns zum Grienen bringt.

„Was wisst ihr denn …“

Unversehens schießen Tränen in Lores Augen. So haben wir sie noch nie gesehen. Meistens zeigt sie sich guter Dinge, ihre grilligen Stunden könnte man an den fünf Fingern abzählen.

Nun auf einmal – am Wasser gebaut.

Wir gucken völlig verdattert zu, wie sie sich Spuren ins Gesicht wischt mit ihren ölgebeizten Unterarmen. „Ihr seid für mich … viel mehr … Ich meine, als wenn einem die eigene Brut in Gefahr kommt … Sonst was für Ängste habe ich auf dem Ostertanz um euch ausgestanden, ich alte, stiebiete Glucke …"

Zur Besänftigung brummle ich irgendwas und streichle sie. Weil sie mir am nächsten steht. Robert formt eine Geste, die besagen will: Alles halb so schlimm. Und Mustang meint mit aufgetragener Flapsigkeit: „Brauchst doch unsretwegen nicht extra in Ohnmacht zu fallen, dickes Mädchen.“

Nur Schränkel, der sich für schuld hält, weiß vor Verwirrung nicht weiter; er nimmt einfach wieder ein rostaltes Schutzblech in die Mache und beult die Dellen aus. Sein Neckname ist ein Witz. Der Junge ist mächtig wie ein schwerer, altgefügter Schrank. (Was wir gern haben, benamen wir im Gebirge mit Vorliebe verkleinert.) Die athletische Statur hat Schränkel vom Vater Hösel-Schmied mitbekommen, bei dem er als Geselle in Lohn und Brot steht. Der alte wie der junge Schmied hänseln die Leute, sind unermüdlich im Aushecken von Schabernack. Bei Zwistigkeiten geht uns Schränkel voran wie ein Rammbock. Mit den bloßen Händen könnte er Bäume fällen. Aber jetzt guckt er naiv wie ein gescholtenes Kind.

„Ihr tanzt ja nicht einmal mit mir, Bengels. Eine Tour aus Anstand wenigstens“, beschwert sich Lore. „Man hockt dort dumm rum wie ein Mauerblümchen.“

Das trifft beileibe nicht zu, Lore wetzt den ganzen Abend lang die Sohlen und kann sich der Tänzer, die sie durch Vorbestellen einander wegschnappen wollen, kaum erwehren. Dann drängeln wir uns nicht um sie, das ist wahr. In ihren buntkarierten, aufgekrempelten Hemden (Lore liebt Karohemden) und der straff sitzenden Arbeitslatzhose ist sie uns auch vertrauter, im Saal hingegen, mit hochgehenden Föhnfrisurwellen und im Modekleid, erscheint sie uns fremd und gleich ein bisschen älter …

„Wollt ihr was essen?“ Lore hat sich wieder in der Gewalt. Aber nun ist die Stimmung hin. Wir reden noch ein paar unschlüssige Sätze miteinander. „Schert euch an die Frühlingsluft“, sagt Lore, „schafft euch endlich feste Freundinnen an. Oder soll ich mich darum auch kümmern?“

Wir grinsen und schnallen uns die Helme über, sind schon unter der Tür, als Lore schreit: „Halt! Wer war das?“

In einer ihrer Sammelvasen steht auf der Werkbank ein Frühlingsbuschen Weidenkätzchen. Lore starrt die silbrigen Flaumpüschel an. Dann fragt sie leise und weich noch mal: „Von wem bekomme ich die Miezelmeizeln?“

„Ich war’s“, bringt Robert heraus. „Von den Flussweiden unten. Zwar, es ist Bienenfutter. Aber die paar Stängel …"

Plötzlich wird er von Lore umhalst und geküsst.

„Joi!“, machen wir anderen vor Überraschung und recken uns ebenfalls hin. Sie scheucht uns hinaus wie Schlupfhähnchen. Robert, knallrot, hat auch ein wenig Schmieröl mit aufgedrückt bekommen.

„Mein lieber Scholli!“, sagt Schränkel neidisch.

5

Unsere Maschinchen zünden im Chorus ein kleines Festfeuerwerk. Der wahre Ohrenschmaus.

Wir geigen durchs Dorf, schüssig hinab zum Flusstal mit der Steinbrücke und gleich aufwärts wieder die steile Straße empor, übers obere Ende hinaus bis zur Bergkuppe, wo wir uns unter dem neuergrünten Dach der Linde niederlassen, um noch ein wenig wie Männer zu reden.

Hier oben gewinnt man zu allem Abstand. Das Getratsche wird läppisch, der Schandbrief der zwölf Schlagetote schrumpft zum Behördenwitz, und Lores Gefühlsausbruch erscheint uns nun wie eine milde Abart solcher Szenen, die wir daheim mit unseren Müttern schon zur Genüge durchhaben.

„Langsam wird sie wunderlich“, sagt Mustang, der am meisten von Frauen versteht. „Das ist der Rückwärtsgang oder so ähnlich.“

„Wir setzen für sie eine Heiratsannonce auf, und dann checken wir die einzelnen Kunden durch, ehe wir ihr einen Macker präsentieren“, sagt Schränkel, der große Spezialist für Späße.

„Nichts gegen Lore“, murmelt Robert verträumt. „Schöne Beine hat sie auch, Jungs.“

Der Abend ist sehr warm und helllicht, obwohl die Zeit schon heran ist, wo im Dorf die Kistenmonde leuchtend aufgehen und die Stubengespräche Schlag acht ersterben.

Wir drehen unser Ringel, eine Runde von zehn, zwölf Tachokilometern, um nach dem Rechten zu sehen: fahren geradenwegs zu den Seidelbastzöglingen, die zum ersten Mal im Blütenduft stehen, umbraust von trunkenen Honigbienen, stuckern die Feldwege zum Marterbüschel entlang, wo wir aus Astwerk und Laub den Igeln Winterburgen angelegt haben, kontrollieren den Horstbaum der Familie Waldohreule, rollen mit abgestelltem Motor in Gänsereihe über die Hangweide hinab zu den Feuchtwiesen am Drehbach, wo sich stramm die Blätter der Herbstzeitlose aus dem Boden schieben, die wir vergangenen Sommer erst von Thüringen hierherverpflanzten, donnern wie bei den Six-Days zu unseren versteckten blumigen Seltenheiten, die wir inmitten der Felder am Mundloch eines mittelalterlichen Erzstollens neu ansiedelten: Salomonsiegel, Adonisröschen, Kuhschelle, Leberblümchen, besuchen im Flug unsere Baumschule beim dornheckenumrankten Scheunenatelier des Holzbildhauers Julius Schmiedel, wo die schönsten Bäumchen und Büsche wie die Soldaten eins am anderen stehen und darauf warten, dass der Tag kommt, an dem wir sie in die Landschaft setzen, reiten von der Amselbacher Landstraße her schließlich wieder ein in unser Dorf. „Leichte Kavallerie“, sagen die alten Leute zu unserem Vierergespann.

6

Wir schwenken auseinander, heimzu.

Im Widerschein wirft der Dorfbach mattes Schummerlicht auf unsere Straße. Die Abendnebel fallen ins Wiesengras.

Auf der Ausruhbank am Meixner-Haus entdecke ich im Vorbeifahren die Gisa. Jedes Mal versetzt es mir einen leichten Stich, wenn ich sie sehe. Ich wende jäh und schlingere im Ausrollen zu ihr hin.

„Grüß dich, Mutti.“

Gisa Meixner hatte ihr Baby bei sich, ein wunderschönes, zimtbraunes Pummelchen, das sie mit irgendeinem Gastspielaraber gezeugt hat. Der Säugling brüllt, was die kleine Lunge hergibt. Sie schwenkt ihn beruhigend hin und her.

„Horch, Bambino, wie der Distelfink pfeift.“ Ich trillere es ihr vor. Schlagartig ist Stille. Die Puppe hat die Augen ihrer Mutter.

„Mach dein Bäuerchen, Nicoletta“, sagt die Mutter.

Mein lieber Schwan: Nicoletta!

„Sie frisst wie eine neunköpfige Raupe“, gibt Gisa stolz bekannt. An Babys Statt kriegt sie den Schluckauf.

„Da denkt wer an dich, Gisa.“

„An mich denkt niemand und keiner mehr, Michel.“

„Doch“, sage ich. Wir sind in eine Klasse gegangen, sie war meine Kinderliebe. „Die bringst du uns nicht ins Haus!“, giftete meine Mutter, nachdem ruchbar geworden war, dass wir eingehenkelt spazieren gegangen waren, denn Meixners galten als Leute mit „linkschen Pfoten“, weil sie nicht ganz so penibel Ordnung halten, wie hierorts üblich ist. Bei denen lehnt die Leiter das ganze Jahr am Kirschbaum. Sie räumen nichts weg und heben viel auf. Allein schon unter dieser Hausbank bietet sich ein malerisches Durcheinander: Holzpantinen, Spankörbe, ein Stiefelknecht. Aber es sind arglose, lustige Gemüter, die Meixnersche sogar eine Küchensängerin, wie zu hören ist. Vom hölzernen Dachgiebel gurren die Zuchttauben, das Haus ist ein großer Taubenschlag mit ein paar Zimmern dran.

Gisa kann einen offen ansehen, zutraulich und mit groschengroßen Pupillen. Ich suche vergebens mein kleines Abbild in ihren Augen. Entweder ist der Dämmerschein zu schwach, oder ich bin schon drin versunken. Auf einmal, unverhofft für mich selbst, bitte ich: „Gib mir den Bläkwanst. Wenigstens für eine Minute.“

Auf meinem Arm nuckelt das Kind an seinem Zulp und guckt mich friedlich an.

Aus der Küche ruft die Meixnersche: „Wer is ’n da?“ und schaut gleich selber nach. Sie droht mit dem Zeigefinger, sagt: „Keine Annäherungsversuche!“ und geht wieder singend an ihren Aufwasch.

„Wie mich das nervt!“ Gisa schielt kurz. „Das ist doch kein Leben. Andauernd unter Bewachung.“

„Wenn du willst, kutschiere ich dich mal durch die Gegend“, biete ich ihr an und klopfe mit der freien Hand meinem Blechpony auf den Hintersattel. „Morgen Abend, okay? Treffpunkt Dorflinde … Wie früher?“

„Wo denkst du hin!“ Gisa nimmt mir das Menschlein wieder ab. „Ich habe Pflichten, ich kann nicht sträußeln gehen. Allerhöchstens am Wochenende …"

„Sonnabend? Einverstanden. Den habe ich öfters frei.“

„Diese Woche passt’s gar nicht, meine Alten gehen kegeln. Sonnabend drauf haben sie Theaterkarten. In drei Wochen. Vielleicht.“

„Lang hin, drei Wochen.“

„Ich weiß nicht, ich weiß nicht“, sagt Gisa unschlüssig und fügt einen halben Satz hinzu, an dem ich beim Weiterfahren zu kauen habe: „… wenn schon, dann sowieso nur mit dir …"

7

Daheim schlenkert mir wacklig der Onkel Eugen an das Vorderrad. „Juhu, Michel, alter Schlawiner!“, röhrt er. „Bin wieder mal achtkantig aus mei’m Elternhaus rausgeschmissen worden. Von mei’m Bruderherz, dem Aas … Bissu wenigstens mein Freund? Bissu mein Freund, dem ich meinen ganzen Kies vererben kann?“

„Klar“, versichere ich und bringe rasch mein Moped außer Reichweite.

„Die Rodehacke mache ich scharf, falls sich der Lumprich auf dem Hof noch einmal blicken lässt!“, tobt hinterm Tor der alte Vater. Strolch belfert wie tollwütig mit. Augenzwinkernd weidet sich Eugen an dem Aufruhr.

„Soll ich dich heimschaffen, Eugen?“

„Heim?“

Plötzlich schlappohrig vor Kummer, wiederholt er: „Heim?", winkt ab und schlingert den dunklen Weg entlang, Richtung Erbgericht, wo er in einem Gastzimmer eingemietet ist, seit er wieder in unserer Gegend weilt.

„Längst unter der Erde müsste der Onkel Eugen sein, wenn es gerecht zuginge“, sagt meine Mutter Christa, als sie mir in der Küche das aufgewärmte Abendbrot vorsetzt. „So wie der lebt! Verjubelt sinnlos sein vieles Geld.“

Der alte Vater, auf der Küchenbank gegenüber, fährt gleich wie angestochen hoch. „Der Haderlump! Hier hat der sowieso nichts mehr verloren. Allentags besoffener als besoffen. So mag’s in Preußen Sitte sein, wo er herkommt. Soll wieder abzittern dorthin.“

Zur Ablenkung erzähle ich von Hauptmann Richards Ankündigung, dass ich demnächst städtischen Zeitungsleuten Rede und Antwort stehen soll.

„Der Junge macht sich!“ Mein Großvater staunt. (Das Pressemonopol hat in Greifenhübel bisher der Friseur und Fotokorrespondent Gebert-Toni inne, weil er ab und an ein Bild auf der Kreisseite unterbringt.) „Nu, wir haben halt Köpfchen, wir können mehr als nur Brot essen. Das ist bei uns Mai-Bauern durch alle Generationen dringeblieben.“ Sein Ärger ist vergessen.

Die brühwarme Neuigkeit treibt sogar meinen Papa Schorsch aus der guten Stube her, wo er Abend für Abend seine zweite Schicht abarbeitet, durch die Zeitungen hastet, seinen Bürokram erledigt, Taschenrechner bei der Hand, in Fachbüchern blättert und nebenbei zerstreut in die Fernsehprogramme schielt, um wenigstens mit dem Volk mitreden zu können.

„Also hör zu“, lässt sich Papa, den man neuerdings Pilzschorsch nennt, vernehmen und hebt beide nikotinbraunen Stäbchenhaltefinger wie zum Siegeszeichen, „auf mehr als das Doppelte haben wir im letzten Berichtszeitraum unsere Champignonproduktion steigern können, Intensivierung, wie sie im Buche steht, möchte ich sagen. Sieh zu, dass du es an geeigneter Stelle irgendwie mit anbringen kannst, Sohn.“