Sternschnuppenwünsche - Gerd Bieker - E-Book
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Sternschnuppenwünsche E-Book

Gerd Bieker

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Beschreibung

Dieses Buch hat eine traurige Geschichte. Denn es wurde zu DDR-Zeiten eingestampft. Und zwar auf persönliche Weisung von Erich Honecker. Der hatte es auf dem berühmt-berüchtigten 11. Plenum 1965 namentlich verdammt. Im „Neuen Deutschland“ vom 16. Dezember 2015 schrieb Günter Agde unter der Überschrift „Ende des Aufbruchs. Ein übersehenes Opfer des Kahlschlag-Plenums 1965: der Roman „Sternschnuppenwünsche“ von Gerd Bieker: „In seinem Politbüro-Bericht zum 11. ZK-Plenum 1965, dem sogenannten Kahlschlag-Plenum, fällte Erich Honecker über mehrere literarische Arbeiten, die „mit unserem sozialistischen Lebensgefühl nichts gemein“ haben, ein vernichtendes Urteil.“ Dazu gehörte auch Biekers Roman. Honeckers massiver Angriff auf dem Plenum habe sich vor allem gegen jüngere Schriftsteller und Filmemacher gerichtet, die glaubten, offen und streitbar Widersprüche im DDR-Leben gestalten zu können. Dazu gehörte auch der Debütroman des 28-jährigen Autors Gerd Bieker, der in Karl-Marx-Stadt (heute Chemnitz) lebte. Sein Buch war zwischen dem 20. August und dem 30. Oktober 1965 komplett in der auflagenstarken FDJ-Tageszeitung „Junge Welt“ in Fortsetzungen vorabgedruckt worden. Inmitten des Vorabdrucks verlangte Honecker „wegen gestalterischer Mängel“ den Abbruch. „Bieker erzählt in einer munter-lockeren Sprache eine kleine, weithin alltägliche Geschichte: Der junge Buchdrucker Ede Hannika kommt aus einer vogtländischen Klitsche in die Stadt, gerät in eine spröde Liebesbeziehung zu dem herb-klugen Mädchen Maria und fühlt sich am wohlsten mit Gleichaltrigen, die mangels anderer Gelegenheiten abends immer an einer Litfaßsäule herumlümmeln und sich ironisch-überheblich „Meute“ nennen. Aber Ende gut - alles gut: Die Meute wird bekehrt, weil Ede zusammen mit ihr einen attraktiven Verbesserungsvorschlag realisiert. Ede bekommt seine Maria. Im Grunde also ein Entwicklungsroman der eher bescheidenen Art, ein Stück Ankunftsliteratur. Jedoch ließ Bieker keinen Zweifel, dass es zwischen diesen sehr verschiedenen jungen Leuten und ihren Eltern, Meistern, Funktionären etliche Widersprüche gibt, die so schnell nicht zu lösen waren, wie viele es sich damals wünschten.“ Bieker habe seinen Roman mühevoll überarbeitet und die immer neuen Wünsche von FDJ-Zentralrat, der HV Verlage und des Verlags berücksichtigt. Das Buch erschien 1969 in überarbeiteter Fassung - ohne die ursprüngliche Frische des Debüts, bis 1989 gab es noch neun Nachauflagen. Diese Fassung liegt auch dem E-Book zugrunde.

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Seitenzahl: 303

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Impressum

Gerd Bieker

Sternschnuppenwünsche

ISBN 978-3-96521-606-8 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Das Buch erschien 1969 im Verlag Neues Leben Berlin.

© 2022 EDITION digital Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de

Abschied vom Starkasten

1

Diese altertümliche Landkarte hat der Buchdrucker Edgar Hannika, von Freunden einfach Ede genannt, an die schräge Wand seines Dachzimmers geheftet. Vermutlich ist sie schon hundert Jahre alt, die Farben erscheinen nur noch als blasse Aquarelltöne, und über die Greenwich-Linie und den Äquator entlang laufen brüchige Faltkniffe. Eine Nadel mit blauschimmerndem Glaskopf steckt zwischen dem skandinavischen Hund und dem italienischen Stiefel: Dort etwa liegt Kirchhagen, und in dem Dorf Kirchhagen ist Ede Hannika aufgewachsen.

Ede liebt die Karte, auf der er mit Zimmermannsbleistift die Routen seiner zahlreichen Reisen eingetragen hat – mit John Silver an Bord zur Schatzinsel, in die Südsee an der Seite Jack Londons, rund um die Welt unter dem Kommando des bewährten Kapitäns Cook –, und in Wirklichkeit ist er bisher kaum aus Kirchhagen herausgekommen.

Noch vor drei, vier Jahren konnte Ede stundenlang vor der Karte hocken, sich an der Melodie fremder Namen berauschen. Galapagos, Gobi-Wüste, Kalkutta, Nowaja Semlja, Azoren …

Mittlerweile ist er volljährig geworden. Doch jeden Abend vor dem Einschlafen sieht er auf die vertraute Landkarte, sieht die weißen Flecke: Südamerika, Antarktis, Sibirien. Hoffnungslos veraltetes Weltbild, denkt er.

Spät kommt der Frühling ins Gebirge. Wenn anderswo schon die Kirschbäume blühen, liegt noch lockerer schmutziger Schnee auf den Feldrainen um Kirchhagen. Doch dann, über Nacht, stehen blaue und gelbe Krokusse und zarte Schneeglöckchen in den winzigen Gärten vor den Fachwerkhäusern, die Hühner gackern aufgeregt, und überm Dorf steigen die Lerchen. Es riecht noch ein wenig nach Winterheu und nassem Stroh, doch die Luft scheint frisch gewaschen zu sein. Der April ist da.

Ede hockt auf der Gartenbank vor Hampels Druckerei, rechts neben ihm pfeift der Stift Karlchen versonnen und falsch, dass die Heiligen einmarschieren, linkerseits döst der alte Emmrich, genannt „Bleilaus“.

Gerade rattert Kurti Schnurfeil, Edes Freund, vorbei. Auf dem Kutschbock neben sich hat er das blonde Gebert-Suschen sitzen, und hinten im Wagenkasten grunzt das berühmte Mutterschwein Emma. Forsch klopfen die Pferdehufe das Dorfstraßenpflaster. Kurti grüßt mit der Peitsche herüber und ruft lauthals, dass er die Emma zum Eber bringe. Errötend knufft ihn Suschen. Vor zwei Sommern hatte diese Susanne im Weizenfeld dem Ede das Küssen beigebracht.

„Morgen?“, brüllt Kurti.

Ede nickt. „Morgen.“

„Na dann, mach’s gut, alter Schwede!“

Ede zeigt den hochgereckten Optimistendaumen. Die Peitschenschnur schnalzt, und Suschen winkt zurück. Karlchen, der in jenem Alter ist, in dem man die erste Zigarette schon hinter sich und die erste Liebe noch vor sich hat, knallt die Hand auf die Bankbretter und sagt, ohne den Blick vom davonrollenden Suschen zu wenden: „Donnerwetter!“ Er haut mit Nachdruck auf das zernarbte Sitzholz und holt damit den alten Emmrich aus den Mittagsträumen. Bleilaus klappt den Sprungdeckel seiner Westentaschenuhr auf, schüttelt stumm das kahle Haupt und enteilt mit wehendem Kittel zu seinen Setzkästen.

„’s ist Zeit“, sagt Ede, und er denkt plötzlich daran, dass er heute zum letzten Mal auf dieser Bank sitzt. Die hölzernen Vorhäuschen längs der Dorfstraße und diese zerkerbte Bank – vielleicht hat er das übermorgen schon alles vergessen? Warum sieht man die kleinen Alltäglichkeiten erst mit wachen Augen, wenn man von ihnen Abschied nehmen muss?

Aus dem Obergeschossfenster beugt Monika ihren frisch frisierten Kopf. „Der Meister sagt, der Ede möchte bitte so freundlich sein und in unser Büro kommen, und der Stift soll sich an die Maschine scheren, aber dalli, hat der Meister gesagt!“

Ach ja, Feinslieb, fast hätte ich dich vergessen. Auch dein Stimmchen werde ich vermissen. „Komme ja schon!“

An der Bürotür empfängt ihn Alfons Hampel, laut goldgerahmter Urkunde Meister der Buchdruckerkunst. So stellt sich Ede einen Hotelportier vor, mit Schnurrbart und graumelierten Schläfen und der unnachahmlichen würdevollen Geste: „Nimm bitte Platz, Edgar.“

Ede Hannika sinkt in den glänzenden Ledersessel, der noch aus jener Zeit stammt, da Hampels Vater die kleine Handzetteldruckerei in eine Goldgrube umzuwandeln begann, indem er – Verleger, Redakteur, Setzer und Drucker in einer Person – den „Kirchhagener Anzeiger“ herausgab. Meister Alfons Hampel hat in gutlaunigen Stunden oft vom Zeitungsunternehmen seines Vaters erzählt, das Kirchhagen mit einem Schlag über die umliegenden Dörfer hinaushob, den Neid der zeitungslosen Nachbargemeinden hervorgerufen habe und für die Druckerei fast der Start zum Großunternehmen gewesen sei. Aber das Blatt war wieder eingegangen, und nur einige vergilbte Titelseiten, an den Aktenschrank im Druckereibüro gezweckt, künden vom einstigen Ruhm der Hampelschen Familie.

„Ich will noch einmal zurückkommen auf unser Gespräch von voriger Woche. Wir waren so verblieben …“ Hampel schnäuzt sich ausgiebig ins weiße Taschentuch. Er legt Ede den Arm um die Schulter und sagt: „Wir zwei wollen jetzt mal von Mann zu Mann reden.“

Das ist ungewöhnlich. Das ist so überraschend, dass Ede verlegen wird. Er achtet Hampel, der ist sein Lehrmeister gewesen, eine Respektsperson, über deren altväterliche und strenge Art man sich heimlich lustig gemacht hat.

Hampel ruft: „Monika!“

Monika Hampel, die einzige Tochter des Meisters, ist eine knospende Sechzehnjährige, über die Ede hinwegsieht. Als sie aber eintritt, mit einem Tablett, und „Danziger Goldwasser“ in die Gläser schenkt, erstarrt Ede vor Staunen. Gibt es Wunder? Narrt ihn hier, im tiefsten Mitteleuropa, eine Fata Morgana? Monika hat plötzlich eine Barockfigur mit solchen Pulloverproportionen, dass er den Blick nicht von ihr wenden kann. Sie schlägt vergissmeinnichtblaue Augen zu ihm auf und geht wieder hinaus.

Der Meister hebt das Glas, sagt: „Prost!“ und schmeckt genussvoll nach. „Sieh mal, Edgar, ich werde langsam alt, und im Geschäftsleben ist das so ziemlich das Schlimmste, was einem passieren kann. Du hast dich gut rausgemacht, also mit dir bin ich wirklich zufrieden. Ich geb’s ja zu, die Maschinen in meinem Drucksaal sind auch nicht mehr die jüngsten, aber was gelernt hast du doch bei mir, stimmt’s?!“ Ede nickt unbehaglich, weil er weiß, was jetzt kommt. Väterlich fährt Hampel fort: „Wir waren alle mal jung und hatten große Flausen im Kopp, und auch ich wollte, im Vertrauen gesagt, nicht immer hier auf dem Dorf bleiben. Aber dann hat mich die Vernunft zurückgehalten, und ich hab’s nicht bereut, bis heute nicht. Weißt du, in den großen Druckereien geht es modern zu, zack, zack; da arbeitet man mit Schlips und Bügelfalte. Gute Handwerksarbeit findest du aber nur bei unsereins, weil wir eben auf solide Werte sehen. Ich rate dir nochmals als dein alter Meister: ,Bleib daheim und nähr dich redlich.‘ Hier bist du was, hier macht dir keiner was vor!“ Hampel hebt triumphierend den Zeigefinger. Als hätte er bewiesen, dass der Lehrsatz des Pythagoras nicht stimmt, denkt Ede.

„Ich habe mir da so meine Gedanken gemacht. Lange schaffe ich den Kram hier nicht mehr, und du bist ein fixer Junge, der sich bestimmt auch in die Geschäftssachen schnell einarbeiten würde. Die Rechnung ist ganz einfach: Du machst noch zwei, drei Jährchen deine Arbeit als Drucker – mir soll’s auf etliche zwanzig Mark mehr nicht ankommen –, und dann schmeißt du mit mir zusammen den ganzen Laden. Was ich noch sagen wollte – die Monika wächst auch langsam heran, und wenn ihr euch richtig verstehen würdet, hätte ich sogar einen Nachfolger für die Druckerei. Überleg es dir gut, Edgar.“

Ede schluckt. Das ist deutlich. „Meinen Entschluss habe ich mir reiflich überlegt. Als junger Mensch muss einer heutzutage …“ Zum Teufel, was rede ich da zusammen? Sollte ihm einfach sagen, dass es mir hier zu klein ist. Gut gemeint, Meister, aber meine Kompassnadel zeigt in eine andere Richtung. Vorwärts geht’s, Junge! Segel gesetzt! Windstärke neun!

„Schade.“ Hampel hebt die Schultern, lässt sie fallen. Ede sieht: Ein bejahrter Mann in altmodischem Berufskittel, an dem die Zeit vorübergelaufen ist, der hinterdreinschaut und das alles nicht begreifen kann.

„Sie haben mich gut ausgerüstet, Meister, ich hab Ihnen viel zu danken. Wirklich.“

„Mache mir keine Schande, mein Junge. Falls du dir’s früher oder später anders überlegen solltest – jedenfalls, Gott grüß die Schwarze Kunst, Edgar.“

Hampel räuspert sich und sagt dann: „Monika holt gleich das Geld von der Girokasse, deine restlichen Zechinen zahle ich dir dann aus. Vergiss nicht, dass du nach alter Sitte deinen Ausstand geben musst. Und im neuen Betrieb denk an den Einstand, sonst sagen die Leute, du hättest es nicht gelernt bei mir. Jetzt druckst du noch die Kranzschleife, weiter liegt nichts vor.“

Überstanden …

Ede springt die Treppenstufen in den Drucksaal hinunter, immer drei auf einmal, und unten entdeckt er Monika, die mit dem Stift schäkert. Sie wendet sich sofort von Karlchen ab und blickt Ede erwartungsvoll entgegen. Der besieht sie sich und neigt sich an ihr Ohr. „Darf ich dich mal was fragen?“

Monika sieht sich um und nickt heftig.

„Hast du dir Watte unter den Pullover getan? Nämlich, dass eine über Nacht so heranwächst, kann ich nicht verstehen. Ein komplettes Naturwunder wär’s, Tatsache.“

Monika schluchzt auf und rennt nach oben. Auf halber Treppe bleibt sie stehen und schreit in den Saal: „Karlchen, heute Abend gehen wir zwei ins Kino, verstanden?!“

Na bitte, auch dieses Problem ist gelöst. Hast eine große Zukunft, Karlchen.

Ede trällert wie ein Operettenstar, legt eine rote Kranzschleife in die Maschine und druckt darauf mit goldenen Buchstaben: ÜB IMMER TREU UND REDLICHKEIT.

2

Zuerst hatte er die Landstraße nach Heinrichswalde fahren wollen, doch er radelte die Feldwege entlang, weil das eine Abkürzung war, und er hatte noch viel vor heute. Der Nachmittag war frisch, mit zwinkernden Gänseblümchen im Gras und einem hohen Aprilhimmel. Ede atmete tief, das war angenehm, denn in seinem Kopf dengelte das Bier. Er hatte Karlchen mit dem Handwagen nach Pilsner losgeschickt; er wollte sich nicht lumpen lassen und einen anständigen Ausstand geben. Karlchen vertrug nicht viel, sie hatten ihn bald heimgeschickt, und der Meister holte noch das „Danziger Goldwasser“ herunter, weil es lustig wurde. Der alte Setzer Emmrich verdarb zwar die Stimmung, als er nach der fünften Flasche anfing, eine Litanei über die Undankbarkeit junger Gesellen ihrem Lehrherrn gegenüber herzubeten, aber Hampel hatte Ede, das Produkt seiner guten Erziehung, gerührt in die Arme geschlossen, und so war er in Frieden geschieden.

Auf den Feldern wellte die fingerlange Grünsaat. Ede klingelte einen Hasen in die Zickzackflucht, und langsam wurde ihm der Kopf klarer. Vor dem Dorfkonsum in Heinrichswalde kurvte er elegant auf und ab und klingelte Stakkato.

Anita verstand dieses Signal, und er musste nicht lange warten. Sie trug über ihrem weißen Verkaufskittel eine grob gestrickte Wolljacke, die sie vorn zusammenhielt, als friere sie.

„Ede!“ Ihre Augen hatten etwas von schwarzen Johannisbeeren.

Vor einem halben Jahr war zu einem Tanzabend eine fremde Zimmermannsbrigade erschienen, schmucke Burschen in verwegener Rippensamtkluft. Sie fanden in der kleinen Anita aus Heinrichswalde genau das, was sie an diesem Abend für ihre Späße brauchten. Sie trichterten ihr scharfe Schnäpse ein, und für Anita, die aus unerfindlichen Gründen keine Freundin und keinen Freund hatte, wurde die Welt zu einem bunten Kreisel. Und als schon alle Leute über ihr betrunkenes Singen lachten, hatte Ede das aus dem Nest gefallene Vögelchen aus dem Saal geführt und nach Hause gebracht. Es hatte ihn ein blaues Auge und ein zerrissenes Hemd gekostet und die Verwunderung seiner Freunde eingetragen, die ihn als einen kannten, der einem Spaß durchaus nicht abgeneigt war. Seitdem dauerte ihre Bekanntschaft, Anita saß beim Tanz an Edes Tisch, und es hieß offiziell, sie gingen miteinander, weil Ede das Mädchen stets heimbegleitete.

Einmal habe ich sie geküsst, dachte Ede, da war ich mächtig angeheitert. Aber danach war mir, als hätte ich eine Schlechtigkeit begangen. Die Anita hat nie darüber gesprochen. So ein Mädel muss man mit der Laterne suchen!

„Der große Bruder ist gekommen, dir noch einmal Moral einzupauken.“

„Morgen musst du schon weg?!“

„Ja. Pass auf, Kleine, lass dich nicht von irgend so einem Kerl einwickeln. Oder gar rumkriegen. Bist zu schade für so was, kapiert?“

„Eifersüchtig?“

„Unsinn!“

Anita drehte am Knopf ihrer Wolljacke und malte mit dem Schuh auf den Pflastersteinen.

„Ich lerne jetzt Englisch, Ede. Vielleicht brauche ich’s später.“

„Prima.“

„Wann sehe ich dich wieder?“

„Vielleicht komme ich mal übers Wochenende.“

„Ach, Ede …“

„Mach’s gut, Anita.“

Links tut es weh. Herzschmerzen? Seelenschmerz? Alles ist wissenschaftlich bewiesen, Biologie, Anatomie. Ein menschliches Organ, das Seele heißt, gibt es nicht. Bist einem Menschen begegnet, durch einen dummen Zufall, hast ihn lieb gewonnen, und dann schmerzt es, da links, wenn du weggehst …

Über den Pelzteichen stand die Sonne. Gleich wird sie ins Wasser steigen, dachte Ede auf seinem Rad. Vielleicht schämt sie sich rot, weil sie keine Badehose anhat?

Als Ede Hannika kurz vor Ladenschluss durch die Dreiklangtür des Frisiersalons Ihle trat, brannten drin schon die Neonstäbe. Der junge Friseur hatte kürzlich erst die Schnippelbude seines Vaters mit Plastfolie und Röhrenlicht, mit zwei hübschen Lehrmädchen und einem „Magazin“-Abonnement ausgestattet und so fast einen Hauch Weltstadtatmosphäre ins Dorf gebracht.

Im Rasierstuhl lag Johannes Kunze, genannt Jonny, ein Junge aus dem Nachbardorf. Er verzog das eingeseifte Gesicht zu einem vorsichtigen Grinsen und zwinkerte in den Spiegel.

„Habe die Ehre“, sagte der Friseur und deutete mit dem Schaumpinsel auf die neuen Stahlrohrsessel. Ede setzte sich und wartete stumm, bis Ihle die Gurgel Jonnys geschabt hatte.

„Was gibt’s Neues in der weiten Welt, Emmes?“, fragte Jonny im Bauchrednerton, denn das Rasiermesser war gerade an seiner Mundpartie. Er nannte alle Jungen Emmes, das war so seine Art.

„Nichts von Bedeutung“, sagte Ede und blätterte in den Zeitungen, die in langen Holzklammern an der Wand hingen. „Höchstens, dass vor einer Viertelstunde ein Raumschiff gelandet ist. Auf den Wiesen zwischen Kirchhagen und Heinrichswalde, ich hab’s gesehen. Ein netter Marsmensch stieg aus und erkundigte sich, ob er hier richtig sei. Klar, Monsieur, sagte ich zu ihm, wenn Sie einen suchen, der mächtig hinterm Mond ist, wir haben so ein Exemplar. Es ist ein gewisser Jonny Kunze, sagte ich zu ihm, und er fällt mir um den Hals und ruft: ,Avanti!‘ oder so ähnlich. Ich bin vorausgefahren, er wird gleich hier sein, der Marsemmes, wie du ihn todsicher nennen wirst.“

Ihle kicherte, und hinter dem Vorhang zum Damensalon war das Wasser- und Redegeplätscher verstummt.

„Immer noch der kleine Schabernack“, sagte Jonny. Er stand auf, glatt und parfümduftend, und sie tauschten die Plätze.

„Wie immer“, sagte Ede zu Ihle, als die Schere in seinem wucherndem Nackenhaar zu wüten begann. „Ich muss mir ab morgen einen neuen Friseur suchen. Aber deshalb bauchst du mir keinen Kahlschlag zu schneiden, Meister.“

Ihle nickte. „Ich weiß es bereits. Ja, der Mensch muss sich verändern, das ist der Lauf der Welt. Meine besten Kunden wandern in die Stadt, zu den Pe-Ge-Has. Bei dir rollt dann der Rubel, wie?“

„Das auch. Aber vor allem: Perspektive.“

„Ich höre immer neuer Friseur“, rief Jonny aus dem Hintergrund, „du haust hier in den Sack, und alle wissen’s, sogar der Figaro, aber deinem alten Freund und Kumpel Jonny sagst du kein Wort? Das ist schuftig!“

„’tschuldige, dass ich dich nicht vorher um Erlaubnis gefragt habe.“

„Quatsch!“, sagte Jonny. „Mir geht es nur nicht in den Schädel, dass ich nun keinen mehr habe, mit dem man flachsen kann. Wir waren doch eine tolle Truppe, stimmt’s?“

Ede sagte nachdenklich: „Wenn man es richtig betrachtet, haben wir beide uns in den letzten Jahren beim Bier immer gut verstanden. Aber eben nur beim Bier, Jonny. Wir haben geblödelt, Witze gerissen. Wann haben wir mal ganz normal miteinander gesprochen? Kann mich nicht erinnern. Früher war das anders …“

Komisch, dachte er, an einem anderen Tag hätte ich’s ihm nicht so unverblümt gesagt.

„Wir sind eben reifer geworden“, rief Jonny feixend. Dann fragte er: „Und wer wird dein Nachfolger als Oberster Ritter vom Blauen Hemd?“

„Richter-Udo übernimmt die FDJ-Gruppe. Der hat was auf dem Kasten, gerade von der Armee zurückgekommen. Gründet jetzt einen Zirkel junger Sozialisten, der Udo. Da kannst du mitmachen, Jonny, hast es nötig. Mit deinem Feuerstuhl bist du im Handumdrehen in Kirchhagen. Jeden zweiten Dienstag.“

Ihle pustete ein Haar von seinem Weißmantel, klapperte mit der Schere und rügte mild: „Da schneide ich dir nun den modernsten Schnitt, den es zurzeit gibt, und du bist ein weltoffener Junge und gibst dich trotzdem mit diesem Kram ab. Also das wundert mich immer wieder.“

„Stopp, Ihle-Emmes. Ich bin zwar keiner wie der Ede, aber was Recht ist, muss Recht bleiben. Er hat die jungen Friedas und Emmesse in eurem Kaff ganz schön aufgemöbelt mit seiner Blauhemdentruppe, das muss ihm der Neid lassen.“

Sofort trat der geschäftstüchtige Ihle auf den Rückwärtsgang: „Freilich, freilich …“ und verstummte.

„Es war gar nicht so wild, Jonny“, sagte Ede. „Wenn du ein paar gute Ideen hast und redest nicht nur davon, sondern machst auch was daraus, und die Freunde stehen hinter dir wie ein Mann – dann läuft es wie geschmiert.“

„Und solch ein Genie will unser Dorf verlassen!“, rief Ihle, der einen Sinn für Diplomatie und auch für feine Ironie hatte, und er schwenkte den Handspiegel hinter Edes Haupt. „Macht drei fünfundachtzig.“

Ede rappelte sich aus dem Stuhl und sagte mit großer Geste: „Man kann ja nicht immer auf seinen fünf Buchstaben sitzen bleiben.“

Draußen schloss Ede sein Rad los und schwang sich drauf.

„Machst du mit in Udos Zirkel?“, fragte er. Jonny polierte mit dem Jackenärmel den Scheinwerfer seines Motorrades. Er schüttelte den Kopf. „Bist an der falschen Adresse, Emmes“, sagte er über die Schulter. „Bei aller Freundschaft – es geht nicht. Hab keine Zeit dafür, muss an die Zukunft denken.“

„Aber das haben wir in der FDJ ja immer getan, genau das.“

Jonny verzog das Gesicht. „Lasse bei mir den Agit-Hobel gefälligst in der Tasche, Bruder. Mein Abc ist jetzt anders. Ich habe es satt, Kuhställe zu weißen und dem Maler Waurich die Farbpötte sauber zu machen. Dir kann ich auch nur raten, vernünftig an dein Weiterkommen zu denken. Gehst in die Stadt, fängst völlig von vorn an. Das ist doch hirnverbrannt! Hiergeblieben, Mensch, und die Monika Hampel geangelt. In ein paar Jahren könnte ich dann Druckerei-Chef zu dir sagen.“

„Hör auf, dieses Lied hat mir heute der Hampel höchstpersönlich gesungen.“

„Und?“

„Sehe ich so aus?“

„Emmes, so einen Job schmeißt du einfach weg?“, brüllte Jonny. „Gerade so ’ne Perspektive such ich nämlich. Hätte ich bloß damals Druckerknecht gelernt.“

Ede stieß die Luft durch die Nase. „Ich könnte so nicht leben. Du wirst das kaum verstehen, ich merk’s schon.“

„Du hättest es leicht haben können, alles wäre dir in den Schoß gefallen. Zusammengeblieben wären wir auch.“

„Keine Abschiedstränen, Jonny. Wird‘ ein anständiger Mensch.“

„Wenn es also sein muss, dann fahr wohl, du armer Irrer. Und schicke mir postwendend eine scharfe Puppe aus der Stadt, ich habe unser Dorfsortiment langsam über“, flachste Jonny und trat seine JAWA an.

„Horrido!“, brüllte Ede in den aufheulenden Auspufflärm.

„Weidmanns Heil!“, schrie Jonny und zog mit der prahlerisch knatternden Maschine davon.

Wie ist das nur passiert, dass aus dem Jonny so ein Früchtchen wurde, dachte Ede. Früher hat er das Pioniertuch getragen wie jeder andere. Arbeiten kann er wie ein Pferd, ist auch sonst kein Dummer. Doch der Hut geht dir hoch, wenn er auspackt, wie er denkt. Geld scheffeln will er, das ist zum Verrücktwerden. Du redest und redest, doch von dem läuft es ab wie das Wasser von der Ente. Warum gibt’s bei uns noch solche?

Zornig strampelte Ede im Wiegetritt die Mühlgasse hinauf. Es war Zwielichtstunde, und vor der alten Spanziehmühle hätte er fast den Pilz-Gottlob umgefahren. Gottlob lehnte am Mühlenzaun und spähte nach dem Mond, der groß und apfelsinenrot über dem Wald am Dreibrüderberg aufstieg.

„Ein warme Sonn wird’s geben, morgen“, sagte Gottlob. Er hakelte die Brille ab und besah sich Edes Gesicht ganz nahe. „Du bist der Jung vom Hannika-Kurt, wahr? Der hatte ’s auch immer eilig.“

„Ja“, sagte Ede. „Morgen wird’s schön, meinst du?“

„Wirst’s merken“, sagte Gottlob. Er hinkte auf das Vorhäuschen zu. „Komm rein auf eine Uhrrunde. Möchtest mir wieder mal das Nachrichtenblatt vorlesen.“

Den Pilz-Gottlob nannten die Leute so, weil er das ganze Jahr durch die Wälder streifte. Körbeweise brachte er die schönsten Birkenpilze heim, und er schnitt Ruten aus den Hecken, denn Gottlob war Besenbinder. Nebenbei besohlte er Schuhe, und am Feierabend schnitzte er Holzpuppen. Gottlob war alt, dreiundneunzig. Er mochte die Kinder, und sie kamen gern zu ihm, denn er konnte Geschichten erzählen, Weidenpfeifen schneiden, hielt in kleinen Bauern Stieglitze, Stare, Finken und Kreuzschnäbel – sogar eine weiße Schwalbe hatte er eingefangen –, und schließlich besaß er eine Schusterkugel. Obwohl Ede die physikalischen Gesetze kannte, strahlte das milde Licht dieses wassergefüllten Glasballons für ihn noch heute einen märchenhaften Zauber aus.

In der Mühle roch es immer nach Holz. Früher hatte man dort von harzigen Fichtenstämmen Kienspäne gezogen. Die Hobel waren verrostet, über den hölzernen Triebgestängen hing ein dichter Spinnwebschleier, und das grünbemooste Mühlrad verfiel. In Gottlobs Stube aber konnte man an der Wand noch den schmiedeeisernen Halter für Kienspäne, das Abendlicht armer Leute, sehen. Jetzt war dort der Antennendraht des Radios angeknotet.

„Verträgst einen?“, fragte Gottlob und holte die Flasche mit dem Hagebuttenschnaps aus dem bunten Küchenschrank. „Dass du ein schönes Leben hättst, Jung!“

„Prost, Gottlob!“

„Nun ja, dein Vater – der liebe Gott hab ihn selig –, das war einer! Den hab ich gekannt, da war er noch so ein Junger wie du. Die Mäd sind ihm nachgelaufen, herrje, aber nein, immer in Eile. Längst hätt ich das Gras von unten besehen müssen, wenn ich wär so losgehetzt wie der. Ich war keine Stund bettliegerisch bis auf’n heutigen Tag. Nu, ’s war dazumal schon ein heller Kopf, hatt es mit der Politik, der Hannika-Kurt. Aber immer in Eile. Hätte so alt werden können wie ich, wär er nicht so rumrennerig gewesen. In allen Dörfern hätt er auf die Heirat gehen können, der Kurt. Hast du schon eine Feste?“

„Ich habe noch nicht die Richtige gefunden. Weißt du, ich hab mir schon ausgedacht, wie sie sein müsste. Irgendwo wird’s so eine geben, denke ich mir, und der werd ich mal begegnen. Vielleicht ist sie in der Stadt, und ich muss sie unter tausend Leuten suchen? Morgen früh fahre ich weg, Gottlob, in die Stadt.“

„Christus, unser Herr, behüt dich, mein Jung. Und jetzt lies mir aus dem Blättchen vor.“

Ede faltete die Zeitung auseinander und las laut die Überschriften. Gottlob hatte sich einen halb fertigen Weidenkorb vorgenommen und verflocht die Ruten miteinander. Er sagte: „Das wär am Ende was?“

„Einem Wissenschaftlerkollektiv des sibirischen Forschungszentrums Akademgorod bei Nowosibirsk ist es gelungen, durch gelenkte Sprengung Metall von verschiedenartiger Struktur und Substanz zu verbinden. Für dieses Verfahren der Metallverbindung mittels gesteuerter Explosion, das eine großartige Perspektive eröffnet, wurde das Kollektiv mit dem Lenin-Preis ausgezeichnet“, las Ede vor.

„Neumodisches Zeug.“

„Ja“, sagte Ede.

„Lies weiter oben“, sagte Gottlob.

Ede trug einen Kommentar über den westdeutschen Revanchismus vor.

„Eine ganz verquere Welt ist’s heutzutage, wahr?“, schlussfolgerte Gottlob. Ede erklärte geduldig, wie das alles zusammenhing, denn Gottlob gab ihm auch immer genaue Auskunft auf seine Fragen nach den Fundorten der Pilze, den Verhaltensweisen der Waldtiere und nach alten Geschichten und Begebenheiten.

Als Ede die Zeitung schon weglegen wollte, fragte Gottlob: „Und wie schreiben’s über das Wetter?“

„Heiter und wolkenlos. Keine Änderung in den nächsten Tagen.

„Siehst du!“, triumphierte Gottlob.

„Weißt du schon, ob wir einen warmen Sommer bekommen, Gottlob?“

„Keiner kann’s voraus wissen in diesen Zeiten. Weil … sie pfuschen dem Herrgott ins Handwerk. Wenn’s ein regnerisches Jahr gibt, wahr, dann kommt’s von denen ihrer verteufelten Atomenergie.“

In halsbrecherischem Tempo fuhr Ede die steile Dorfstraße hinunter – Kirchhagens Magistrale und Prachtavenue (die Apotheke mit dem hohen Milchglasfenster; die alte Schule, in die Ede noch gegangen war; die ehemalige Kneipe, die jetzt ein moderner Dorfklub war und „Neues Leben“ hieß; der Konsumladen, in dem Mam tagsüber an der Kasse saß; Hampels Druckerei; die neue Schule mit dem Außenfrontmosaik; die Dorfbibliothek), und Ede fegte mit wildem Geklingel in die Kurve und ließ die Bremsen jaulen.

Das Giebelfenster des geduckten Fachwerkhäuschens war erleuchtet, die Mam packte also doch den Koffer. Wenn er früher weggefahren war, ins Ferienlager oder zum Zelten, hatte er das selbst gemacht. Aber heute wollte es sich die Mam nicht nehmen lassen, für ihn einzupacken. Ede hängte das Rad in den Schuppen und ließ die Luft aus den Schläuchen. Hinter dem Haus stand im frühen Mondlichtblau der Fichtenwald.

3

Ein Zeitungsreporter hatte die Kosmonauten befragt, welche Bücher sie für eine lange Reise in das Weltall auswählen würden. Ede kam das in den Sinn, als er sein Bücherbord musterte. Was packt man ein? Er überflog die Titel auf den Buchrücken: „Die Schatzinsel“, „Der schweigende Stern“, „Wie der Stahl gehärtet wurde“, „Schlag nach – Natur“, „die Komödie des Buches“. Das brauche ich, und das Lexikon und die „Maschinenkunde für den Buchdruck“. Es wäre schön, wenn man alles mitnehmen könnte, die Bücher, die alte Landkarte, auch die Mam und Anita und den Pilz-Gottlob.

Vor drei Wochen, als Ede an den volkseigenen Druckereibetrieb „Rotation“ schrieb, sich um die Buchdruckerstelle bewarb, die das Bezirksblatt annonciert hatte, war alles einfach und selbstverständlich gewesen. Da hatte er an die technische Revolution gedacht und an höheren Lohn, hatte sich eine moderne und saubere Maschine vorgestellt, an der zu arbeiten ein Zuckerlecken war. Als die Zusage des Betriebes wenig später im Briefkasten lag, sprang er vor Freude in die Luft. Dort wurde er gebraucht!

Jetzt aber, am Abend vor dem Tag, den er so herbeigewünscht hatte, wurde ihm der Hals eng.

„Ich musste auch mit achtzehn fort von daheim“, sagte die Mam, „als Dienstmädchen war ich bei einem großen Spielzeugverleger oben im Gebirge. Öhme hieß er. Was hab ich da zuerst geheult, hab mir richtig selbst leidgetan. Im späten Oktober schickten sie mich auf den Hof, Blätter wegzukehren. Der Sturm hat mir das Laub immer wieder auseinandergetrieben. Die ganze Öhme-Sippschaft stand am Fenster und wollte sich kaputtlachen über meine Rennerei. Fast vergangen bin ich vor Wehleid. Aber dann hab ich mich aufgerafft und ihnen den Besen ins Fenster geschmissen und bin weggelaufen. Seitdem kam ich zurecht mit dem Leben. Du musst nur immer den Kopf oben behalten, Edgar, dann geht’s.“

Ganz allein wird sie im Häuschen sein, dachte Ede. Im Winter schneit es die Haustür zu. Wer wird dann aus dem Fenster springen und den Weg frei schaufeln? Er suchte mit geschäftiger Betriebsamkeit einen Schlips, den er längst im Koffer wusste. Der offene Koffer auf dem Tisch machte ihn nervös. Die Mam schichtete einen Stapel Wollsocken hinein, die er sowieso nie anziehen würde, und sie sagte, dass das Wetter in dieser Jahreszeit besonders gefährlich sei, und er solle sich nur immer recht schön warm anziehen.

Da sagte Ede: „Aber Mam, ich fahre doch nicht zum Nordpol! Ja natürlich, selbstverständlich ziehe ich immer eine Unterhose an. Ist doch klar!“

Die Mam sah ihn an. „Groß bist du geworden …“

Ede fuhr ihr unbeholfen übers Haar, das weiß war und weich wie die Unterseite von Pappelblättern.

„Brauchst um mich keine Bange zu haben, Mam. Unkraut vergeht nicht.“

Sie pressten noch den Koffer zu, die Mam küsste ihn beim Gutenachtsagen und ging nach unten.

Ede war allein. Sein Zimmer unter dem Dach, auf dem sommers die weißwütige Sonne brannte und im Herbst die Oktoberstürme mit den losen Schindeln klapperten, nannte er Starkasten. Hier hatten erbitterte Kämpfe zwischen verbogenen Bleisoldaten stattgefunden. Hier war je nach Bedarf eine Robinsoninsel oder eine Räuberhöhle gewesen. Hier experimentierten die Erfinder Ede und Jonny, der damals noch Johannes hieß oder einfach Hannes, mit Präparaten aus dem Chemieschrank der Schule so erfolgreich, dass die freiwillige Feuerwehr anrücken musste und das Zimmer für eine lange Zeit unbewohnbar war. Hier rauchte Ede seine erste heimliche Zigarette und kritzelte seinen ersten Liebesbrief.

Er war groß geworden im Starkasten – am Türpfosten zeigen die Kopierstiftstriche genau an, um wie viel Zentimeter er in jedem Jahr gewachsen ist –, und auf einmal ist er nun fast ein junger Mann.

Ede wusch sich, das heißt, er bürstete seine Hände rot und huschte mit dem Waschlappen übers Gesicht. Dann legte er die Armbanduhr auf den Tisch und probierte, wie lange er die Luft anhalten konnte. Früher hatte er das regelmäßig trainiert, und obwohl er jetzt nur noch lächelte über seine einstigen ernsthaften Wunschträume, einmal Raumpilot, Tiefseetaucher oder Höhlenforscher zu werden, probierte er aus Gewohnheit und Freude am Rekord weiter.

Mit krebsrotem Gesicht brachte er es schließlich auf zwei Minuten, zwölf Sekunden, und das reichte ihm. Es war kurz vor Mitternacht, aber die Gedanken an den morgigen Tag vertrieben die Müdigkeit.

Im Schwalbennest unter der Dachrinne raschelten die Spatzen. Ede ging zum Fenster, verschränkte die Arme und sah hinaus. Am Himmel zitterten Sternpünktchen, und ein heller Schein war am Horizont hinter den Hügeln. Der Mond schwamm mit schattenhaften Gebirgsflecken groß und kühl über den drei Pappeln am Pelzteich.

Im Süden glitt lautlos und sekundenschnell eine Sternschnuppe durch die Nacht zur Erde nieder. „Gute Kumpels, ’ne Arbeit, die Spaß macht, vielleicht – das Mädchen“, murmelte Ede, als der Lichtfunken verglommen war. Man glaubt natürlich nicht an dieses Wünsch-dir-was-wenn-eine-Sternschnuppe-fällt, aber es war ein alter Brauch, und schließlich hat man doch mit eigenen Augen gesehen, wie ein so verschworener Gegner des Aberglaubens wie der LPG-Agronom, der noch dazu Parteisekretär ist, dreimal auf den Tisch klopfte und die Daumen drückte, als mit der Frühjahrsaussaat nicht alles klappte. In Wirklichkeit kommt es nur darauf an, was einer unter den Haarwurzeln und im Herzen hat.

Ede sagte laut und zuversichtlich zu dem Fensterkreuz: „Ich wird‘ meine Scheite schon richtig ins Feuer legen. Ist alles reine Nervensache.“

Dann schritt er zur letzten feierlichen Handlung vor dem Schlafengehen: Er kämmte sein frischgestutztes Haar.

Pfeifend und mit kritischem Blick betrachtete er sein Spiegelbild. Markante Backenknochen, dunkle Augenbrauen, die langsam zusammenwachsen, energisches Kinn – hm, man sah fast aus wie ein Filmstar Nummer eins für Teufelskerlrollen. Vielleicht auch wie der Werner Holt? Oder doch mehr in Richtung Freibeuter und siebzehntes Jahrhundert? Aber ’s sind nur Äußerlichkeiten.

Er schnitt seinem Spiegelbild eine Grimasse. Gestatten: Ede Hannika. So ’ne Art Neulanderoberer.

Kolumbus

1

In breiten Kurven umrundete die Wagenkette einen Hügel, ließ besonnte Waldhänge hinter sich und donnerte in die Ebene hinunter. Ab und zu wurde die Lokomotive sichtbar mit ihrem schwarzen Kesselleib und dem dicken Schornstein, der in kurzen harten Stößen Rauch hochpuffte. Dem vorwärts stürmenden Zug huschten Birken mit lichtgrünem Gezweig entgegen, Dörfchen mit Schieferdächern und braune Schollenäcker. Irgendwo im fernen Dunst lag die Stadt, kam näher mit jedem Schienenstoß.

Langsam füllte sich der Waggon. Die Stationen folgten dichter aufeinander, und bald knallte der Zug über zahllose Weichen, rollte bremsenquietschend in die echohallende Bahnhofshalle der Stadt ein.

Den Sommermantel über die Schulter geworfen, in der Hand den mit Biermarken- und Streichholzschachteletiketts beklebten Koffer, so trat Ede Hannika auf den mittagshellen Bahnhofsvorplatz hinaus, einem Christoph Kolumbus gleich, der Indien zu entdecken vermeint. Er war früher schon einige Male in der Stadt gewesen, auf Ausflügen mit der Schulklasse, aber das waren kurze Stippvisiten, von denen nur noch die Erinnerung an Bockwurstorgien am Mitropa-Kiosk und an das aufregende Erlebnis einer Märchenaufführung im Theater geblieben war.

Ede begutachtete ein überlanges amerikanisches Auto vor dem Hotel gegenüber und stieg dann kurz entschlossen in eine Straßenbahn. Natürlich fuhr er in die falsche Richtung, aber er hatte Zeit, und außerdem fesselte ihn der Anblick der modernen Häuserblocks, der vielen Schaufenster und des turbulenten Straßenverkehrs. Dennoch atmete er auf, als er nach Kreuz- und Querfahrten endlich in der gesuchten Straße war. Ohne die Hinweise eines Jungen in Schlosserkluft, ihm offensichtlich sofort zugetan, hätte er sie kaum gefunden. Sein Ziel war ein rußergrautes Gründerzeithaus, mit der verheißungsvollen Nummer dreizehn, wo im vierten Stock ein Untermieterzimmer auf ihn wartete.

ALARICH MATZKE. Die Buchstaben waren gotisch, das Türschild echt Messing und blank poliert. Ede drückte auf den Klingelknopf und wartete, dann wurde die Tür geöffnet. Umflossen vom grünlichen Schein einer Flurampel stand eine mächtige Schürze auf der Schwelle, und die Frau, die zur Schürze gehörte, betrachtete ihn vom Schlipsknoten bis zu den Schnürsenkeln, als wolle sie den Kaufpreis seines Anzugs abschätzen. Offenbar fiel die Musterung zugunsten Edes aus, denn die Frau nickte freundlich und ermunterte ihn damit, sich vorzustellen.

„Grüß Gott, Herr Hannika, ich habe Sie bereits erwartet.“

Ede schätzte die Frau auf etwa sechzig. Sie lotste ihn durch den dämmrigen und scheinbar endlosen Vorsaal und sagte: „Ich wohne allein, das heißt ab heute wieder einmal nicht mehr. Hatten Sie eine gute Reise? Vor Ihnen hatte ich einen Studenten. Es ist das Arbeitszimmer meines verstorbenen Gatten, das ich vermiete. Der Student sagte immer zu mir, dass man darin ausgezeichnet arbeiten könne. Auch Sie sollen sich bei mir ganz wie zu Hause fühlen, Herr Hannika, und Kaffee koche ich Ihnen, das ist selbstverständlich. Links ist die Toilette, Telefon haben wir auch, dies sind meine Privaträume, und hier Ihre zukünftige Wohnoase ! Bitte schön, nach Ihnen!

Das Zimmer war größer als die Wohnstube daheim und dreifenstrig. Von diesen Fenstern aus sah Ede eine graue schadhafte Hausrückfront, zwei Schornsteine und die kupfergrüne Turmspitze einer Kirche. Auf den Fensterbrettern standen in Blumentöpfen verschiedene Kakteen; an einer dieser exotischen Stachelpflanzen entdeckte er ein hellflaumiges Blütenbüschel. In einer Ecke des Zimmers auf Löwentatzen ein mächtiger Schreibtisch, darauf eine große Goethe-Büste aus Gips, ein marmornes Schreibzeug und eine Korbschale mit rockbäckigen Äpfeln. Ein Tisch mit gehäkelter Decke, zwei Ledersessel – wie in Hampels Meisterbüro – und hinter den Glasscheiben eines großen Schrankes viele Bücher. Der Schlüssel steckte in der Schranktür, wunderbar. An den Wänden Bilder und Fotos in altmodischen Rahmen; über dem Schreibtisch hing unter Glas eine gefächerte Skatkarte: „Grand-Ouvert, gespielt von Herrn Auktionar Alarich Matzke am 16ten Juno 1928.“ In einem Ofen mit grünglasierten Kacheln loderten Flammen.

„Sonnenseite ist es leider nicht“, sagte Frau Matzke, „ich muss bis in den Mai hinein feuern.“

„Das macht nichts“, sagte Ede, „die Kohlen würde ich Ihnen gern rauftragen.“

„Oh, mit Ihnen werde ich sicher ein gutes Auskommen haben. Können Sie eventuell sogar eine Kaffeemaschine reparieren?

Ede zuckte die Schultern. „Probieren kann ich’s.“

„Was ich noch sagen wollte – die Miete beträgt fünfzig Mark, zahlbar am Monatsersten.“

„Heiliger Bimbam!“, sagte Ede leise. Er setzte seinen Koffer ab, verschluckte sich vor Schreck und begann zu husten.

„Und noch eins“, sagte Frau Matzke, „denken Sie nicht, dass ich prüde bin, aber ich sehe es nicht gern, wenn meine Untermieter Damenbesuche empfangen. Ich habe schon Dinge erlebt in dieser Beziehung, die mich zu dieser Haltung zwingen. Also, Herr Hannika, ich denke, wir sind uns auch in diesem Punkte einig, ja?“

Ede nickte verwirrt.

Das freue sie sehr, meinte Frau Matzke, und weil die pekuniären Dinge zur beiderseitigen Zufriedenheit geregelt seien, könne man noch etwas plaudern. „Sie müssen wissen, dass ich eigentlich nicht um des Mietgeldes willen diese Wohnoase vergebe. Vielleicht mutet es seltsam an, doch ich sehe es als meine Aufgabe an, alleinstehenden jungen Herren eine mütterliche Freundin zu sein. Sehen Sie, es gibt Dinge, die man in der Schule leider noch nicht in ausreichendem Maße lehrt. Aber jeder Mensch bedarf einfach einer vollendeten humanistischen Geistesbildung. Unsere Klassiker beispielsweise“ – sie nickte zur Goethe-Büste hin, die mit Gipsaugen über Ede hinwegsah – „sind mit ihren bedeutenden Werken unter der Jugend weithin unbekannt. Kennen Sie seine Gespräche mit Eckermann? Nein, ich dachte es mir. Aber Sie lesen gern, ja? Vielleicht dürfte ich Sie hin und wieder beraten. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich Ihnen wenigstens etwas von den großen und edlen Gedanken vermitteln könnte, die angetan sind, solche jungen Menschen zu bilden und zu formen. Den Student vor Ihnen habe ich sogar in den Goethekreis unserer Stadt einführen können. Ein feinsinniger Mensch war das …“

„Bei uns daheim gibt es einen alten Kantor“, sagte Ede, „die Leute nennen ihn den Heimatdichter von Kirchhagen. Er schreibt Verse, und Lieder hat er auch schon komponiert. Bei ihm stehen die ganzen alten Chroniken, Schweinslederbände vom Dreißigjährigen Krieg und so. Mit dem Kantor habe ich mich oft unterhalten, auch über Literatur.“

Das sei reizend, sagte Frau Matzke, der Acker für die Saat sei also schon bereitet, und sie wolle das Ihrige schon tun. Sie versicherte ihm nochmals, dass sie sich gut verstehen würden, nickte freundlich und schritt hinaus.

„Nicht übel“, sagte Ede zu der Goethe-Büste. Er legte die Hände auf den Rücken und begann das Zimmer zu besichtigen. Auf einer altersbraunen Fotografie in ovalem Rahmen ritt ein Mann mit aufgezwirbeltem Schnurrbart und einem Kneifer auf einem Fass. Er trug eine ulkige Frisur mit Mittelscheitel und schwenkte einen Bierkrug. Auf das Fass war mit Kreide „Alarichs Einstand – Freigeistige Kegelbruderschaft“ geschrieben.

War sicher ein Spießbürger, der Herr Matzke. Sieht schon so aus.

Die Leinenrücken der Bücher hinter dem Schrankglas standen stramm in der Reihe. Reisebeschreibungen, Schillers Werke, ein ganzer Meter Lexika.

Es duftete nach den Äpfeln in der geflochtenen Schale, und ein bisschen roch es auch nach Bohnerwachs.

Wie hatte die nette und gebildete Frau Matzke wohl mit diesem Bier-Alarich gelebt? Vielleicht ist er abends saufen gegangen, und sie hat sich aus Verzweiflung ihren Goethe vorgenommen?

Ede beschloss: Noch heute wird die Kaffeemaschine der Frau repariert. Er beschloss weiterhin, seinen Antrittsbesuch im neuen Betrieb nicht auf morgen zu verschieben, sondern sofort hinzugehen.

Für das polierte Schild an der Wohnungstür hatte er ein sympathisches Lächeln und für sich selbst ein Augenzwinkern übrig. Mit Doppelsprüngen über die Stufen nahm er das Treppenhaus in Besitz.

2

Wieder stieg er in die falsche Straßenbahn, aber er fand heraus, dass weißbemützte Verkehrspolizistinnen für einen Unkundigen wahre Schutzengel sind. Alle waren seine Freunde: die Straßenverkäufer, in deren wissbegierigen Zuhörerkreis er sich drängte; die Kinder, die auf Asphalt den Himmel und die Hölle mit Kreide malten; das Dekoriermädchen im halbverhängten Schaufenster, das ihm zuwinkte, als er mit dem Fingernagel gegen die Scheibe pickte.

Nach einer Zwei-Stunden-Expedition durch den Stadttrubel landete er vor einem hellen vielstöckigen Gebäude, an dessen fensterloser Giebelfront in plastischen Riesenbuchstaben zu lesen war: VEB ROTATION und darunter in verblichener Pinselschrift: ERSTÜRMT DIE HÖHEN DER KULTUR!

Ede zwängte sich durch das unwillig nachgebende Selbstschließtor. Der Pförtner stülpte eine Hornbrille auf die Nase, durchblätterte Edes Ausweis, lautlos die Lippen bewegend, von der ersten bis zur letzten Seite, riet ihm, sich schleunigst bei der Volkspolizei anzumelden, trug schließlich, nachdem er den Kopierstift mit der Zunge befeuchtet hatte, Edes Personalien in ein dickes Buch ein. Dann drehte er am Telefonwähler, sprach mit gekrauster Stirn in die Muschel und nickte mehrmals. „Nicht angemeldet, aha! Soll später wiederkommen, gut! Wegschicken geht nicht, auch gut! In Ordnung, wird gemacht und erledigt!“

Bei Hampel ging man durch die Gartenpforte und war da, dachte Ede, der den Monolog mit gespannter Aufmerksamkeit verfolgte.

Der Pförtner erhob sich ächzend, winkte ihm und stieg, sich das Kreuz haltend, vor ihm die Treppenstufen hoch. Oben öffnete er irgendeine Tür, schob Ede hinein, tippte grüßend an einen imaginären Mützenschirm und verschwand. Ede sagte sein Sprüchlein auf und hätte dabei fast einen Diener gemacht, denn die Sekretärin, in der Mitte des Zimmers hinter einer Schreibmaschine verschanzt, beeindruckte ihn stark. Ihr Haar bauschte sich zu einem lackschwarzen Heuschober auf. Lächelnd erzählte die junge Frau dem Ede, dass der Werkleiter zu einer Sitzung in Berlin und der Kaderchef leider krank sei, und die Sekretärin der Kaderabteilung habe ausgerechnet heute Haushaltstag.

Ede schlussfolgerte, dass an diesem Tag aus einem Antrittsgespräch mit den Leitern des Betriebes nichts würde. Daheim war das leichter gewesen. Man ging einfach die Stufen zum Meisterzimmer hoch und klopfte an. Wenn Hampel „Is’n los?“ brüllte, war man empfangen, schrie er jedoch „Ruhe, verdammich!“, dann kam man eben eine Viertelstunde später wieder.

„Was machen wir nun?“, fragte die junge Frau ratlos, und Ede hatte schon in Gedanken einen galanten Vorschlag, als ihr eine Erleuchtung kam: „Moment mal …“ Sie telefonierte. Ede hörte, dass er einem gewissen Otto dringend angeboten wurde. Der hatte sich offenbar breitschlagen lassen, denn die Schwarze sagte: „Gehen Sie bitte zum Genossen Otto, das ist unser Parteisekretär.“