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Es geht um Paul. Aber nicht nur. Vor acht Tagen war Paul Wenzel mit einem Rucksack voller Schulbücher im Ferienheim angereist, in dem seine Mutter ihre Urlaubswochen vom vorigen Jahr verbringt. Weil sie nicht nein sagen kann, hat sie sich als Aushilfsköchin anwerben lassen. Paul wollte in den drei Winterferienwochen lernen, lernen und nochmals lernen, obwohl dieser Februar den schulmüden Kindern allerschönstes Mützenwetter bescherte, Pulverschnee in Hülle und Fülle und blankes Schlittereis. Und obwohl im Heim eine gewisse Bärbel vorhanden ist, die Kulleraugen hat und ihn etwas interessiert. Eine volle Woche lang hat Paul den Härtetest der Gelehrsamkeit durchgestanden, denn er will später als Baumaschinist ganz hoch hinaus. Er will unbedingt auf einen apfelsinenroten Schwenkkran und Häuserschachteln montieren. Zum einen hat Paul gehört, was man dort verdienen kann: mehr als das Doppelte dessen, was seine Mutter monatlich aus der Lohntüte holt, und zum anderen glaubt er, dass er diese Arbeit mit Lust und Liebe verrichten wird. Und da ist noch jemand. Dieser Jemand heißt Conrad Häwel und brütet in einem Gastzimmer des Schriftstellerheimes über dem noch nicht geschriebenen Teil eines neuen Kinderbuches. Er starrt auf das eingespannte Blatt in seiner Schreibmaschine, auf dem bis jetzt nur die Seitenzahl steht: 106. Er hatte gestern die Schnapszahl 111 geschafft und anlässlich des Ereignisses einen gepichelt, aber die sieben Seiten hat er heute wieder weggeworfen. Seinen Papierkorb muss das Mädchen, das die Zimmer sauber macht, jeden Tag leeren. Conrad Häwel hat eine schriftstellerische Krise, obwohl er im besten Dichteralter steht: Er ist fünfundvierzig. Und Häwel sehnt sich nach einem Menschen, mit dem er reden kann. Dann trifft der Schriftsteller eher unfreiwillig auf Paul. Oder umgekehrt. Die beiden machen sich miteinander bekannt und Paul erzählt Häwel aus seinem Leben, in dem aber auch schon einiges passiert ist. Aber Paul glaubt, dass der Schriftsteller überhaupt nichts verstanden hat. Und Conrad Häwel bekommt etwas später schlechte Laune. Und er kommt trotzdem zu einer Erkenntnis. Nicht zuletzt geht es in dem unterhaltsamen Buch um Psychologie, um große Kartoffeln und Sterne am Himmel sowie um Gewerkschaftsangelegenheiten, um Liebe und um Relativitätstheorie und um eine Überraschung. Und die hat wiederum mit Conrad Häwel zu tun. Oder besser gesagt: Die ist Conrad Häwel … Und ob es wirklich stimmt, dass Paul Fenster putzen kann?
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Seitenzahl: 209
Veröffentlichungsjahr: 2022
Gerd Bieker
Mach’s gut, Paul!
ISBN 978-3-96521-600-6 (E-Book)
Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta
Das Buch erschien 1980 im Verlag Neues Leben Berlin.
© 2022 EDITION digital Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de
Paul Wenzel stiefelt den Weg vom Ferienheim zum See hin, die Fäuste erbittert in die Manteltaschen gestoßen.
Er hat der Wissenschaft den Rücken gekehrt.
Paul schreitet über den Badestrand für die FDGB-Urlauber und betritt dann den See. Geht drüber hin wie der religiöse Wundermann und Wassertreter Jesus in Omas dicker Bilderbibel. Doch Pauls Wunder ist erklärbar: Es ist Februar. Ein ziemlich strenger Februar sogar, der das Wasser einen viertel Meter hinab zugefroren und den See stabil gemacht hat von Ufer zu Ufer.
Eine eisblaue, glattgefegte Fläche weitet sich vor dem Jungen. Paul atmet wie eine alte Lok Dampfwolken aus, die sich auf dem Webpelz seines hochgeklappten Mantelkragens als feiner Reif kristallisieren. Im Radio hatte er gehört, es sei der kälteste Tag dieses Winters.
Paul weiß nicht, wie spät es ist. Das trübe Winterlicht lässt nicht ahnen, wie hoch oder wie tief hinterm Schneehimmel die Sonne hängt. Aber dem Jungen, der verdrossen übers Eis rutscht, ist der momentane Sonnenstand egal, er hat weder Zeitgefühl noch Hunger, sondern hat, wie man so sagt, die Faxen dicke.
Vor acht Tagen war Paul Wenzel mit einem Rucksack voller Schulbücher im Ferienheim angereist, in dem seine Mutter ihre Urlaubswochen vom vorigen Jahr verbringt. Weil sie nicht nein sagen kann, hat sie sich als Aushilfsköchin anwerben lassen. Paul wollte in den drei Winterferienwochen lernen, lernen und nochmals lernen, obwohl dieser Februar den schulmüden Kindern allerschönstes Mützenwetter bescherte, Pulverschnee in Hülle und Fülle und blankes Schlittereis. Und obwohl im Heim eine gewisse Bärbel vorhanden ist, die Kulleraugen hat und ihn etwas interessiert.
Eine volle Woche lang hat Paul den Härtetest der Gelehrsamkeit durchgestanden, denn er will später als Baumaschinist ganz hoch hinaus. Er will unbedingt auf einen apfelsinenroten Schwenkkran und Häuserschachteln montieren. Zum einen hat Paul gehört, was man dort verdienen kann: mehr als das Doppelte dessen, was seine Mutter monatlich aus der Lohntüte holt, und zum anderen glaubt er, dass er diese Arbeit mit Lust und Liebe verrichten wird.
Nicht etwa, dass es in der Schule schlecht um ihn stünde. Im Halbjahreszeugnis wird ein guter Durchschnitt bescheinigt. Aber gleichzeitig mit der Bemerkung des Klassenleiters, dass Paul Wenzel bei entsprechender Zielstrebigkeit seine Leistungen wesentlich steigern könne.
Paul ist weder aufs Glatteis gegangen noch Bärbels Zöpfen nachgestiegen. Er hat sich stattdessen über die verschlüsselte Grammatik gebeugt und über den pythagoreischen Lehrsatz, hat den Klassenkampf gebimst und sich in die glitschigen Formellabyrinthe der organischen und anorganischen Chemie gewagt.
Doch heute, am neunten Tag, als er trotz wer weiß wie vieler Anläufe noch immer nicht hinter den wunderbaren Zusammenhang einer Dissoziationsgleichung gestiegen ist, bei der eine molare Masse Kalziumchlorid in nichts weiter dissoziiert als volkstümlich gesagt in ein zweifach positiv geladenes Kalziumkation und zwei einfach negativ geladene Chloridanionen, heute hat Paul Wenzel die Hefter und Schulbücher zugeschlagen, unters Bett geschoben und ist hinausgelaufen, den geplagten Kopf auszulüften.
Der Schriftsteller Conrad Häwel brütet in einem Gastzimmer des Schriftstellerheimes über dem noch nicht geschriebenen Teil eines neuen Kinderbuches.
Im Schriftstellerheim kann man in aller Ruhe arbeiten oder sich erholen, je nachdem, was man schon geschafft beziehungsweise geschaffen hat.
Conrad Häwel knaupelt am Mundstück seiner erkalteten Pfeife. Putzt sich an die dreißigmal die Nase, obwohl er keinen Schnupfen hat. Trabt in seiner schmalen Stube hin und her und vor und zurück wie ein Bär im Käfig. Stößt Wörter aus und abgerissene Sätze. Gestikuliert beschwörend. Er arbeitet.
Er starrt auf das eingespannte Blatt in seiner Schreibmaschine, auf dem bis jetzt nur die Seitenzahl steht: 106. Er hatte gestern die Schnapszahl 111 geschafft und anlässlich des Ereignisses einen gepichelt, aber die sieben Seiten hat er heute wieder weggeworfen. Seinen Papierkorb muss das Mädchen, das die Zimmer sauber macht, jeden Tag leeren.
Conrad Häwel hat eine schriftstellerische Krise, obwohl er im besten Dichteralter steht: Er ist fünfundvierzig.
Häwel weiß genau: Solche Tage wie heute, wo er an sich und seiner Arbeit zweifelt, behüten ihn vor oberflächlichem Geschreibsel. Das ist ihm schon bei allen seinen Büchern passiert. Immer wenn er die erste Hälfte heruntergeschrieben hatte, packte ihn der Rappel. Dann wollte er das Manuskript zerreißen. War fix und fertig.
Doch irgendwas ist diesmal anders. Häwel fühlt sich wie ausgebrannt. Nicht das geringste Fünkchen glimmt in ihm. Er lässt sich sein ganzes Kinderbuch noch einmal durch den Kopf gehen, übrig bleibt eine abgedroschene Geschichte. Die Figuren sind konstruiert, das gab’s doch schon hundertmal. Die Sprache holpert. Fast alle Pointen sind Witze aus’m Notizbuch.
Häwel erblickt sich bei seiner rastlosen Wanderung durch die Arbeitsstube plötzlich im Spiegel. Er verhält den Schritt und betrachtet sich.
„Du Schöps!“, sagt er.
Dann lächelt er rätselhaft und macht sich in aller Gemütsruhe zum Ausgehen fertig. Wirft sich den bulgarischen Schafspelz um, drückt die sibirische Zobelschapka über die Ohren, verstaut sein Rauchzeug in den Taschen und zieht die zottigen Eskimostiefel an. So ausgerüstet und nach einem letzten Blick auf seine treu ergebene, stumme Schreibmaschine wendet er sich zur Tür.
Überaus respektvoll geht Häwel an dem bärengroßen Wachhund vorüber, einem Neufundländer, der sich, heißt es, schon an Brief- und Nationalpreisträgern vergriffen hat, der aber jetzt friedlich auf der Haustreppe liegt und zu ihm hochsieht wie der alte Churchill.
Conrad Häwel stapft aufs Eis hinaus.
Stramm bläst er in die angriffslustige Kälte. Sein ergrauter Bart bereift sich sacht mit Polarweiß.
„Zu deinen Zeiten möcht ich gelebt haben, Brüderchen Amundsen!“
Paul Wenzel nimmt Anlauf und schlittert flott und elegant ein paar Meter weit.
Man müsste sich mal wieder mit irgendeinem so richtig ausquatschen können, denkt Paul. Ich fange schon an, Selbstgespräche zu führen wie der hiesige Dorftrottel Benno Schlüssel, der sich einbildet, er wäre von der Interpol, und den die Leute Lieutenant Nachschlüssel nennen. Aber wen kenne ich hier schon? Mutter hat auch kein Gehör mehr, seit sie sich wieder einen Mann in den Kopf gesetzt hat.
Angesichts des Eises beruhigt sich langsam das gereizte, überarbeitete Nervensystem des Schriftstellers. Die Stille der Natur schleicht sich zag auch in seine Seele.
Conrad, denkt Häwel, du müsstest mit jemandem reden. Was dir fehlt, ist Kommunikation.
Hinter dem Uferwald hört er irgendeinen Laster entlangbrummen, und in der Nähe des jenseitigen Ufers entdeckt er ein paar eishockeyspielende Musketiere, deren eigenes Anfeuerungsgeschrei deutlich herüberschallt: „Abgeben, du müde Lusche, gib endlich ab!“
Da kommt einer angeschwirrt, ein stämmiger, hochgeschossener Bursche mit Bommelmütze und himbeerroten Gummistiefeln. Schlittert rasch näher. Steuert zielsicher auf Häwel zu.
Hat denn der Junge keine Augen im Kopf?
Paul, aus seiner Gedankenwelt aufgetaucht, will sich noch mit einem scharfen Hasenhaken aus der Schussbahn flanken, doch sein Schwung ist nicht zu bremsen. Er rennt gegen den bepelzten Mann.
Häwel ist zum Glück standfest.
Paul schießt noch ein paar Meter seitlich weg wie eine an die Bande geprallte Billardkugel, ehe er sich zum Stehen bringen kann.
„Pardon“, murmelt er, „aber ich hatte die Vorfahrt.“
„Ich spreche nur in Gegenwart meines Rechtsanwalts“, sagt Häwel, nachdem er sich vom Schreck erholt hat, und lacht los über seinen Witz.
„Woher des Wegs?“, fragt Häwel in dem munteren, freundschaftlichen Ton, in dem er immer mit Kindern spricht, außer mit dem eigenen.
Paul deutet mehrmals mit dem Daumen an der rechten Schulter vorbei; das ist das Zeichen der Autobahnauffahrtsteher, die rauf nach Norden trampen wollen oder runter nach dem Süden. Pauls wortlose Geste aber soll besagen: Das kann dir egal sein, Sportsfreund!
„Hättest mich fast umgesenst“, sagt Häwel, der weiß, wie man ein Gespräch anknüpft. Aber Paul Wenzel schweigt, er zuckt nur mit den Schultern, dass die Nähte seines Kindermantels gefährlich ächzen. Er ist schon längst herausgewachsen aus dem alten Stück, in dem er aussieht wie hineingeborgt, doch er zieht’s am liebsten an. Um drei Nummern größer hatte die Mutter den Mantel gekauft, als Paul elf war. Inzwischen sind die Säume herausgelassen und die viel zu kurzen Ärmel mit Lederflecken bestückt. Aber darin fühlt sich Paul wenigstens wohl, im Gegensatz zu diesem feinen steifen Modemantel, den ihm die Mutter neulich im Hinblick auf die baldige Jugendweihe nach einer schweißtreibenden Anprobe im Warenhaus regelrecht aufgezwungen hat.
„Na ja“, sagt Häwel versöhnlich, „vergeben und vergessen.
Der hat wohl sein Flugzeug zum Pol verpasst, wo er die weißen Teddys füttern muss? denkt Paul und beguckt sich den Mann. Ist ja zum Schießen, das Väterchen Frost!
Es wäre doch gelacht, wenn ich den Bengel nicht zum Plaudern brächte, denkt Conrad Häwel, beschaut das ulkige Kerlchen im abgetragenen Mantel und muss dabei an seinen Sohn Ernest denken. Er hat ihn lange nicht gesehen, den nach Hemingway benannten Sprössling, der an den monatlichen Besuchstagen von der Höhe seiner fünfzehn Jahre herab dem großzügigen Kollegen Erzeuger mit verächtlicher Leutseligkeit abzufordern pflegt, was er sich gerade in den Kopf gesetzt hat: die Simson-Karre, die Exquisit-Lederjoppe, die dünnen, schwarzen Zigarillos. Ernest ist das danebengegangene Produkt eines Versuchs der seinerzeit modernen antiautoritären Erziehung.
„Ganz schön kalt hier!“, sagt Häwel.
Er bekommt keine Antwort.
„Finste nicht auch, Kumpel, dasses ’ne elende Dürre ist uff ’m Eis?“, fragt Häwel in volkstümlichem Ton.
„Nein“, wird ihm sachlich, aber zurückhaltend geantwortet.
Eine seltsam wortkarge Jugend wächst uns da heran.
Der hat mir noch gefehlt, denkt Paul und beäugt misstrauisch den untersetzten Mann. Er ist keinen Millimeter größer als ich, aber herausstaffiert hat er sich, als möchte er, dass man ihn für ’nen Hünen von einsneunzig hält, für den Robin Hood der Gegend hier. Solche kann ich gerade leiden! Und von richtiger Kälte hat der keine Ahnung, die herrschte in dem Jahr, als ich zur Schule kam, erinnert sich Paul. Da sengte der Frost regelrecht. Beim Brötchenholen wollten mir ältere Jungen weismachen, die eiserne Türklinke der Bäckerei schmecke süß wie Speiseeis. Na, ich Pfeife leckte dran und fror im Nu fest. Die Jungen lachten sich einen Ast und verschwanden. Der Laden war voller Leute, und vorm Laden gab’s einen Auflauf, aber keiner konnte raus und keiner rein, denn an der Klinke draußen hing ich und brüllte wie am Spieß. Eine Frau wollte den ABV holen, eine andere sogar die Feuerwehr. Bis der Bäckergeselle mit ’nem warmen Lappen das Klinkeneisen erwärmte und mich sozusagen ohne Schaden loseiste. Ich weiß noch: In der Klasse steckten sie mir auf Kommando die Zunge raus, als ich kam. Ich schielte, schnitt eine Fratze und machte: Bäh! Die Massen tobten, und so fing schon in der ersten Klasse meine Karriere als Kasper an. Ja, das war noch Kälte, dazumal!
Häwel fädelt sich die einzelnen Handschuhröhrchen von den Fingern und reicht Paul die Rechte hin.
Paul reißt seinen Fäustling ab und nimmt die dargebotene Hand.
„Conrad Häwel mein Name. Ich bin, weißt du, so ein Schriftsteller.“
Nein, so was!
Paul, verblüfft, fasst Häwel aufs Neue ins Auge, nun wesentlich interessierter. Hat er doch dem Äußeren nach kombiniert, der andere wäre ein Schauspieler, ein Heini vom Kino oder Fernsehen beziehungsweise einer von den Pressefritzen.
Doch mit einem echten Schriftsteller hat er es bisher noch nie zu tun gehabt.
Weihevolle Ehrfurcht durchzieht Pauls Gemüt. Er ist eine eifrige Leseratte; mit Häwel kann er zwar im Moment und in der ersten Überraschung kein konkretes Buch verbinden, aber irgendwo, dämmert’s ihm, hat er den Namen schon gelesen oder zumindest gehört. Stotternd wie bei einer polizeilichen Aussage stellt er sich vor: „Und ich heiße Paul Wenzel …, also …, und bin … sozusagen …, bin vierzehn …“
Komischer Knabe, denkt Conrad Häwel, möglicherweise einer von deinen Lesern.
„Somit hätten wir uns also bekannt gemacht“, sagt Häwel. Er ist zufrieden mit sich. „Gehen wir ein Stück?“, fragt er.
„Aber gern.“
Sie spazieren gemächlich auf dem Eis hin. Paul hält die Hände hinter dem Rücken zusammengelegt wie Häwel. Passt seinen Schritt dem Häwels an.
Sie betreiben ein wenig gepflegte Diplomatie.
Dass der Winter auch seine Reize habe.
Dass es nachts sehr kalt sei.
Dass man heuer bis zum anderen Ufer gelangen könne.
Dass Schnee in der Luft liege, man röche ihn förmlich, doch es sei wohl zu kalt dafür.
Dass schwarze Punkte, die weitab beim Röhricht umherwuseln, diese scheuen Blesshühner sein könnten.
„Wir sind dem Dialekt nach kein Einheimischer?“ Der Schriftsteller will eine direkte Anrede vermeiden, denn der Muzelflaum auf Pauls Oberlippe deutet an, dass der, zumindest biologisch betrachtet, kein Kind mehr ist. Mit der Akzeleration, denkt Häwel, kommen überwiegend wir Erwachsenen nicht zurecht, weil wir nie so genau wissen, ob wir „Du“ oder „Sie“ sagen müssen.
„Richtig, wir sind aus dem Süden“, sagt Paul.
Häwel erzählt, dass auch er mütterlicherseits aus Hohenstein-Ernstthal stamme, einem Städtchen vorm südlichen Gebirge.
„Immerhin“, sagt Paul und fügt, einigermaßen belesen, dazu: „Kam nicht auch Karl May von dort?“
Der Schriftsteller Conrad Häwel lächelt sehr säuerlich, doch ehe er noch etwas zu sagen vermag, erzählt Paul: „Vorigen Sommer bin ich mit dem Fahrrad nach Hohenstein-Ernstthal gefahren, zum Sachsenringrennen. Das war, als die Fans verrückt spielten. Ein ziemlich warmer Tag war’s, überall gab’s heiße Klänge und viel Bier, da drehten ein paar Fans durch. Polente rückte an und sahnte alle ab, die high waren. Dann ging das Rennen weiter. Es gewann ein Brite auf ’ner MV Agusta.“
„Von Krawallen hörte ich nichts.“ Häwel wundert sich.
„Es wird auch nicht immer postwendend in der Zeitung stehen, wenn irgendwo ein Rocker-Treffen ist“, klärt ihn Paul nachsichtig auf.
„Bist du mit deinen Eltern hier?“, will Häwel wissen.
„Von wegen Eltern“, sagt Paul Wenzel, „und von wegen Urlaub. Wir sind eine Minifamilie, meine Mutter und ich. Schon seit eh und je.“
„Dann bist du sozusagen der Mann im Haus“, meint Häwel. – Darauf geht Paul Wenzel nicht näher ein. „Ich“, sagt er mit gerechtem Zorn, „hatte auch für meine Mutter solche Urlaubsideen: Sie sollte ausschlafen, Spazierengehen, sich ausbaumeln lassen. Das hat sie verdient, aber da kennen Sie meine Mutter schlecht …“
„Eigentlich kenne ich sie überhaupt nicht“, präzisiert Conrad Häwel.
Der Junge stutzt, dann sagt er: „Jetzt hat sie schon einen anderen Scheich.“
„Pech gehabt.“
„Ein Ferienheimleiter von hier ist es, so ’n halber Opa. Kollege Maiwald-Hempel, wenn Ihnen das was sagt.“
„Nie gehört.“
„Den hat sie sich bei einer zentralen Kochsitzung aufgegabelt. Meine Mutter ist nämlichKöchin.“
„Oh!“, macht Häwel interessiert. Er isst gern gut.
„Ja, und der Scheich ist einer von denen, die alles machen und alles können.“
Paul karikiert den Ferienheimleiter: „,Meine liebe und verehrte Kollegin, kommen Sie in mein Heim, wann und so oft Sie wollen. Maiwald-Hempel dreht das schon. Seien Sie mein Gast, bei uns gibt’s Wälder, einen See, einen lauschigen Park.‘ – ,Gut‘, sagte daraufhin meine Mutter, die wird immer gleich so unwahrscheinlich konkret, müssen Sie wissen, ,gut, wie sich das trifft, ich habe noch den vollen Urlaub vom vorigen Jahr, den müsste ich sowieso irgendwann nehmen. Übernächste Woche rücke ich Ihnen auf die Bude, abgemacht?‘ Der Kollege Ferienheimleiter guckte kariert aus der Wäsche, und als die Mutter auch noch mich ankündigte, weil ich gerade Winterferien hätte, da ging beim alten Maiwald-Hempel die Jalousie ganz schön weit herunter. Aber was wollte er machen. Mutter und ich malten es uns vorher aus, wie wir mal richtig in den Tag hinein leben wollten. Sie fuhr etwas eher, weil ich noch Schule hatte. Und dann kam es, sie schickte mir einen Eilbrief: ,Muss hier in der Küche des Ferienheimes aus Solidarität ein paar Tage aushelfen, Paulemann, bringe du dir auch eine kleine Beschäftigung mit.‘ Dachte ich eben, packst dir ’n paar Schulschwarten ein und tust stundenweise was für deine Bildung. Als ich früh ankam, stand Mutter schon in der Schürze vorm Herd. Und da steht sie unter Garantie auch die restliche Woche noch. Sie bringt es einfach nicht fertig, stopp zu sagen. Oh, Entschuldigung, ich rede hier und rede, das wird Sie gar nicht interessieren …“
„Und zu diesem Kollegen Scheich sagst du schon Onkel, stimmt’s?“, fragt Häwel, immer auf der Jagd nach Geschichten, die das Leben liefert.
Paul pufft verächtlich durch die Nase.
„Reden wir bitte von etwas anderem“, sagt er. „Ist ein Buch schreiben eigentlich wirklich so schwer, wie’s immer hingestellt wird?“
Conrad Häwel lässt ein erbarmungswürdiges Krächzen vernehmen.
Ein Naturereignis enthebt ihn der Antwort. Von der Südspitze des Sees rauscht es weiß und gewaltig heran mit Flügelschlag: Schwäne.
Im Tiefflug brausen sie übers Eis.
Paul hat noch keine fliegenden Schwäne in der Natur gesehen. Höchstens im Film. Er steht wie festgefroren und sieht sie kommen mit Federleichtigkeit und mit der Wucht einer Düsenstaffel.
„Fantastisch!“, Conrad Häwel stößt den erstarrten Paul an. „Da, jetzt landen sie!“
Die Schwäne drücken ihre schwarzmarkierten Köpfe tiefer und strecken ihre Schwimmbeine nach vorn. Hektisch wedeln sie mit gebreiteten Flügeln gegen die Flugrichtung an.
Sie gehen ganz in der Nähe nieder. Die Fallkraft lässt sie noch ein paar Meter übers Eis gleiten wie auf einer gläsernen Piste.
Es sind drei. Sie haben überhaupt keine Angst, als die beiden Menschen wie Indianer näher schleichen. Die Schwäne lassen sich mit dem Bauch aufs Eis nieder, ordnen ihre Flügel wieder an den Leib. Erst als ihnen Mann und Junge zu nahe rücken, erheben sie sich unwillig, patschen schnorchelnd ein paar Schritte beiseite und sinken wieder hin. Zeigen ihre schöngeschwungenen Schwanenhälse.
Eines der Tiere ist kleiner.
„Wahrscheinlich das Junge“, vermutet Paul.
„Oder die Freundin vom alten Schwanenganter.“
„Schwäne sind sich immer treu.“
„Über Schwäne sollte man was machen“, sagt Häwel.
„Bitte, woran dichten Sie momentan?“, erkundigt sich Paul.
Häwel schweigt. Er nimmt eine Zigarre aus der Tasche, kupiert sorgsam das Ende, reißt die unnütz zierende Banderole ab und setzt die Zigarre schmatzend in Brand, stößt die giftigen Blauwolken aus. Hüstelt genussvoll nach den ersten Zügen.
Paul sieht Häwel nach wie vor mit geradezu ehrerbietigem Blick abwartend an, so dass sich Häwel schließlich doch verpflichtet fühlt, ihm zu antworten. Er sagt langsam: „Das ist so. Ich sitze momentan … an einer Geschichte. Für Kinder. Das heißt, eigentlich ist es eine Art… lustiges Märchen. Oder so ähnlich. Du musst dir vorstellen: ein Zirkus. Klar?“
„Klar!“
„Und der Direktor … ein Zauberer.“
„In welchem Jahrhundert spielt die Geschichte?“ Paul ist gleich auf dem Sprung, um sie richtig einzuordnen: schon beginnender Kapitalismus oder noch Feudalismus. Falls ein Königssohn vorkommen sollte.
„Du bist mir einer“, sagt Conrad Häwel, „freilich spielt ein heiteres Märchen heute, wann denn sonst. Diesem Zauberer also, ich meine natürlich dem Direktor, fällt eines schönen Tages plötzlich auf: Mensch, Dicker, du kannst ja wirklich zaubern! Hellsehen kann er auch. Verstehst du, Paul, der hört beispielsweise plötzlich seine Zirkustiere miteinander reden.“
„Irgendwie muss das ein Schock sein für den Mann.“ Paul lacht. „Etwa so, als wenn ein Schuldirektor unsichtbar wird und horchen kann, was sein Schülervolk von ihm hält.“
„Du findest meine Story lustig?“, fragt Häwel hoffnungsbang und fragt gleich zweifelnd weiter: „Meinst du nicht, dass solche Zaubergeschichtchen schon dutzendweise existieren?“
„Wenn es darin heiter zugeht, ist das schon so gut wie gelaufen. Davon kann es nie genug geben, ich meine, gerade für Kinder. Die kleinen Fratze lachen nun mal so gern.“
Paul Wenzel, glühender Verehrer von Stummfilmen, bricht seit jeher für den Spaß eine Lanze. Seine Devise, die vom schnauzbärtigen Opa stammt und die er sich genau durchdacht hat, lautet: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.
Er hat gleich eine Idee. „Ulkig fände ich’s, wenn der Zauber-Direktor in der Tierschau nicht nur hören, sondern sich auch mit dem Viehzeug unterhalten könnte: Morjen, ihr Affen! Grüß Gott, Kamel! Und die Viecher: Good morning, Chef, dobroi utro!“
Conrad Häwel befördert mit Grimassen die Zigarre in den Mundwinkel. „Gar nicht so übel, gar nicht so schlecht …“
Paul erklärt: „Die Tiere wollen dann nämlich nicht mehr dressiert, sondern lieber nur noch überzeugt werden. Mit dem Zauberstab kann der Mann auch gleich die Peitsche in die Ecke schmeißen.“
Nun schaut ihn der Schriftsteller so fassungslos an, als wäre Paul ein grünes Männchen mit Antennen am Kopf. „Mann …“, sagt er und starrt den Jungen wie eine überirdische Erscheinung an.
„Mann, das hat ja eine unerhörte Symbolik! Warum ist mir denn das nicht eingefallen?“
Die Schwäne erheben sich zischend.
„Ruhe!“, fährt Häwel sie an.
„Mit denen hatten Sie auch etwas vor“, erinnert ihn Paul.
„Die baue ich irgendwo mit ein“, gibt Häwel zerstreut von sich.
„Schwäne im Zirkus?“ Paul zweifelt.
„Mein Gott, mir wird schon das Passende einfallen. Ich meine, sind sie nicht an sich schon erzpoetisch? Hör doch nur, wie das klingt: der Schwan! Die Schwäne!“
„Und dieses klänge nicht so stark: der Sperling? Die Spatzen?“, fragt Paul.
„Was soll’s.“ Conrad Häwel tut die Frage ab; er ist nicht ganz bei der Sache, denn Pauls Einfall fasziniert ihn, der verliehe seinem Buch eine völlig neue Dimension.
„Siehste woll, da kimmt er, große Schritte nimmt er“, sagt Paul zu dem jüngeren Schwan, der herumwatschelt, als würde er sich die Füße vertreten.
Die anderen Schwäne hören auf, mit den Schnäbeln im Gefieder zu stochern, und lauschen. Auch Häwel schaut verdutzt, ahnt er doch nichts von Pauls Angewohnheit, sich durch das Hersagen von Abzählreimen oder absurden Versen wieder zu beruhigen, wenn er vor Ärger zu platzen droht, so wie andere sich am Ohrläppchen zupfen oder bis zwanzig zählen.
„Siehste woll, da kommt er schon, der besoffne Schwiegersohn“, fährt Paul fort.
Die Schwäne erheben sich und blicken ihn aufmerksam an. Allzu viele Leute scheinen nicht aufs Eis zu kommen, um ihnen was aufzusagen.
„Liegt jetzt irgendwas an?", fragt Häwel besorgt.
Paul Wenzel ist schon fast wieder die Ruhe selbst. „Eine Frage bitte: Warum werden Sie gerade bei großem Viehzeug munter? Mich hat schon immer gewundert, warum unsern Schriftstellern immer bloß so majestätische Tiere einfallen. Löwen, Adler oder Schwäne. Und das heißt dann bei Ihnen: symbolisch.“
Was der Schriftsteller Paul nachher über die Symbolik erzählt, das leuchtet ihm ein. Schließlich hat er seit der fünften Klasse im Literaturunterricht vorwiegend Zweien. Häwel gerät in Fahrt, er redet und redet: Synonym, Metapher und derartige Schlagwörter, die wieder ein Türchen nach dem anderen zuschlagen.
Für Paul entsteht der Eindruck einer ziemlich unbegreifbaren Sache. Mit solcher Literatur hat er gar nichts zu tun, obwohl er gern liest.
Hat ihn der Schriftsteller nicht verstanden? Vielleicht hat er sich zu schlicht ausgedrückt?
Paul will dem Schriftsteller an einem selbsterlebten Beispiel plausibel machen, wie er das gemeint hat mit den großen und den kleinen Tieren.
Er erzählt: „Einmal wurde nach mir gefahndet. Die Polizei gab es von Funkstreife zu Funkstreife weiter: Vermisst wird Paul Wenzel, neun Jahre alt! Ja, als ich in die dritte Klasse ging, war’s. Ich muss wohl damit anfangen, dass mir mein Goldhamster Putzi weggestorben war. Er war schon alt, über drei Jahre, und wackelte wie leicht beschwipst, wenn er sich aufmachte, um in unsere Teppichkante ein Muster zu beißen oder um die Zeitungen zu zerfledern und damit hinter der Anbauwand seine geheimen Nesthöhlen auszupolstern; am liebsten hatte er die ,Wochenpost', an die ,ABC-Zeitung' wollte er nicht recht ran, die hat ihm vielleicht nicht so geschmeckt. Jedenfalls war das Drama groß, als ich aus dem Hort nach Hause kam und er in seinem Käfig auf dem Rücken lag. Ich heulte fürchterlich. Putzi stammte noch aus meiner Kindergartenzeit. Meine Mutter wollte mich trösten, als sie abends von der Arbeit kam, doch es dauerte keine fünf Minuten, da schluchzten wir mit vereinten Kräften. Ich dachte daran, Putzi feierlich aufzubahren, wir begruben ihn jedoch noch am selben Abend unterm Schnee im Hinterhof, in ’ner kleinen Pappschachtel mit Sägespänen.
Ich hatte nicht einmal eine Woche Zeit, um darüber hinwegzukommen. Keine drei Tage später standen die Nachbarsleute im Hausflur, beredeten sich leise miteinander. Die Tante Wolf aus dem vierten Stock war auch gestorben. Sie war mit keinem verwandt, aber jeder aus dem Haus hatte Tante zu ihr gesagt, weil sie sich wirklich um alles gekümmert hatte, als sie noch vorwärts konnte. Es wusste keiner, ob sie lange krank gewesen war oder nicht. Doch ob so oder so, niemand hatte es überhaupt bemerkt, dass sie in den letzten Wochen nicht mehr draußen gewesen war. Ich auch nicht. Wissen Sie, das haute mich ziemlich um. Und auf einmal begriff ich, was wir alle an dieser Tante Wolf gehabt hatten. Zu spät. Ich bin sehr traurig gewesen.
Um mich wenigstens einmal auf andere Gedanken zu bringen, zog meine Mutter am Sonntagvormittag mit mir zum Schlossteich. Ein zerschnippeltes Brot nahmen wir mit für die Enten. Jetzt, im Winter, schwammen sie quietschvergnügt in einer Teichecke, die nicht zufror, und futterten von früh bis spät. Denn aus der ganzen Stadt kamen Leute mit ihren Kindern und bombardierten das Viehzeug zentnerweise mit Brothäppchen und gekochten Kartoffeln. Na und ich, nicht faul, schoss unser Brot auch ins Wasser und freute mich, wenn es von ’ner Ente geschnappt wurde; ich kann Enten eigentlich gut leiden. ,Wirst langsam wieder mein Junge, kannst wieder lachen', sagte meine Mutter erleichtert.
Auf dem Weg nach Hause passierte es. Ich vernahm ein leises Tschilpen. Ein Vogel saß in einem Hauseingang. Hatte sich aufgeplustert, flog nicht weg, atmete hastig. Mit einem Wort, ein kranker Spatz.
,Hände weg', sagte meine Mutter. Aber ich wollte mit dem Kerlchen zum Tierarzt, es gesund pflegen und so weiter. Ich hätte ihn im Goldhamsterkäfig beherbergt, der stand sowieso leer in unserem Wohnzimmer herum. ,Dieses Vieh kommt mir nicht ins Haus', sagte meine Mutter, ,soweit kommt’s noch, kann man wissen, was dem fehlt, am Ende hat er was Ansteckendes, und ich habe die Scherereien, gerade ich muss auf Hygiene sehen in meinem Beruf, kein Wort mehr davon, es ist ja nur ein Sperling.' Nur hat sie gesagt, und dann zog sie mich weg.
Ich wollte noch mal zurück, aber da wurde Mutter ernsthaft böse. Sie rief: ,Hoffentlich kommt bald eine Katze und putzt ihn weg, dann hat die liebe Seele Ruh!'
Es dauerte nicht lange, da kam sie wieder zu Verstand und erklärte mir’s ausführlich, welchen Schaden Sperlinge auf den Feldern anrichten können. Trotzdem, gesagt ist gesagt. Mittags bekam ich keinen Bissen hinunter.
Ich dachte nach übers Leben und übers Sterben, vor allem über den Unterschied bei den drei Todesfällen. Einmal Tränen, einmal ein bisschen Gerede, einmal Schimpfe. Wenn Sie wissen, was ich meine. Also ich begriff das alles nicht und pflegte meinen Kummer.
