Rentner-Disco - Gerd Bieker - E-Book

Rentner-Disco E-Book

Gerd Bieker

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Beschreibung

Tom verzieht das Gesicht wie bei Zahnschmerzen. Er sagt ihr, von welcher nächtlichen Beschäftigung er kommt und worauf er hier warten will. Dabei besieht er sich das Mädchen genauer. Ein rundes Gesicht mit Himmelfahrtsnase. Lebhafte Augen. Beim Zuhören zieht sie die Augenbrauen hoch, kraust den Nasenrücken. Das glattgescheitelte Haar ist links und rechts mit Gummibändchen abgebunden, die Zopfbüschel ragen weg wie Katzenohren. Die Figur ist Durchschnitt, ein bisschen mollig. Alles sitzt, und alles passt. Also irgendeines dieser völlig normalen Mädchen, wie sie einem am Tag dutzend Mal begegnen, nach denen man sich höchstens umschaut, wenn sie eingehenkelt mit der hübschen Freundin ankommen. Die Zigarette hält sie mit Daumen und Zeigefinger wie eine Anfängerin. Lächelt. Wahrscheinlich alles in allem ein schlichtes Gemüt. Jana lacht. „Wir zwei passen zusammen wie ein Latsch zum anderen, du.“ Tom guckt verdutzt. Sie erklärt es ihm: „Beide kommen wir von der Nachtschicht. Treffen uns rein zufällig. Doch was der Clou ist: Jeder hat sein problematisches Alterchen daheim. Du die Oma, ich den Opa.“ Diese beiden älteren Herrschaften, das sind übrigens die Rosel und der Bruno, mit denen die beiden jungen Leute so ihre Schwierigkeiten haben. Und worauf Tom, der Schornsteinfegerlehrling, frische achtzehn, und Jana, Brötchenbäckerin im Backwarenkombinat (im Schichtbetrieb), ein bisschen über zwanzig und damit die reifere von beiden und außerdem mit einem Faible für ihre Lieblingsfarben Grün und Orange, ist der Beginn des Kartenvorverkaufs für den Rentnerball zu Pfingsten in der Stadthalle - Tanz für altes Eisen gewissermaßen. Und nachdem sich die beiden bei einem gemeinsamen Sekt-Frühstück im noblen Interhotel etwas näher miteinander bekanntgemacht haben, haben sie eine Idee – sie wollen Rosel und Bruno miteinander verkuppeln: „Wenn deine Großmutter meinen Großvater nähm“, sagt sie langsam, „dann wären wir beide auf einmal ziemlich verwandt miteinander. Hast du daran schon einmal gedacht?“ Erst schüttelt Tom den Kopf, dann plötzlich nickt er. Jana erwidert seinen Blick. Ernsthaft und ohne Zwinkern sieht er sie an. Ihm fällt auf, sie hat schöne Augen. Helle. Mit grünlichen Pupillen. Vor Verlegenheit greift Jana zum Glas. „Worauf trinken wir jetzt?“ Aber weder Jana noch Tom – die beiden sind jetzt ungefähr anderthalb Stunden miteinander bekannt – ahnen, welche Folgen ihre Pläne haben werden und zwar sowohl für ihre beiden alten Herrschaften als auch für sie selbst.

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Seitenzahl: 207

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Impressum

Gerd Bieker

Rentner-Disco

ISBN 978-3-96521-604-4 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Das Buch erschien 1981 im Verlag Neues Leben Berlin.

© 2022 EDITION digital Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de

Mittwoch

Maienzeit. Seit dem Hellwerden singen die Vögel. Die Frühschichtler warten dichtgeschart an den Bushaltestellen. Ein Sprühwagen von der Straßenreinigung kriecht gemütlich durch die Straße.

Tom hat sich aus der Druckerei eine Zeitung mitgebracht, sie riecht streng nach frischer Farbe. Gründlich studiert Tom die Nachrichten, er hat Zeit. Vertieft sich dann in die Randerscheinungen des Weltgeschehens auf der letzten Seite. Da kann ein hundertjähriger Inder durch Willenskraft dem eigenen Herz befehlen, sein Schlagen tagelang auszusetzen. Phänomenal – aber wozu eigentlich? Soll er sich doch freuen, dass es pocht. Hierorts sind die Freibäder wieder geöffnet, liest man, Meilenläufe haben stattgefunden und Verkehrserziehungen.

Mühelos löst Tom das Rätsel und die Schachaufgabe. Er sucht im Annoncenteil, eine Anzeige der Stadthalle findet er nicht. Womöglich ist er einem Spaß aufgesessen, wartet umsonst hier?

Aus der Zeitung bastelt sich Tom einen Helm. Er passt. Dann knifft er den Helm mit Bedacht um zu einem dickbauchigen Papierschiff.

Noch dreieinhalb Stunden …

Durch die morgenfrische Grünanlage spaziert ein alter Mann, stadtbekannt unter dem Spitznamen Amigo der Erste. In Wirklichkeit heißt der Mann Robert Schöbel. Er hat, ohne aufzufallen, seine Tage und Jahre gelebt, arbeitete bis zum Krieg in einer Tafelwasserbude und später in der Markthalle als Sortierer, ehe er anfing, berühmt zu werden, mit fünfundsechzig. Den Titel Amigo der Erste haben ihm die Bildreporter angehängt.

Der Schöbel-Robert ist Frühaufsteher. Er liebt diese frühen Tagesstunden, wo einem jetzt im Lenz das Gras so grün wie noch nie vorkommt.

Vor ihm liegt im ersten Schein der Sonne das städtische Prachtstück, die neue Stadthalle. Er geht durch den Park mit englischem Rasen, Sitzbänken und Springbrunnen; gleich beim Eingang haben sie nichtrostende Fahnenstangen aufgerichtet und ein großes Denkmal aus Beton, darstellend Teile der Bevölkerung. Wie es sich gehört.

Eine Streife der Volkspolizei patrouilliert den Parkweg entlang. Der Schöbel steuert auf sie zu und zieht hinterm Ohr die Morgenzigarette hervor.

„Amigos, seid gegrüßt mit’nander.“ Er nennt alle Leute Amigos.

Reserviert deuten die beiden Volkspolizisten einen Gruß an.

„Nu, was macht die Kunst?“, erkundigt sich Schöbel.

„Sie wünschen, Bürger?“, fragt einer knapp zurück.

„Feuer wünsch ich … Was ist? Raucht ihr eine mit, Jungs?“ Amigo tut, als suche er nach einer Zigarettenschachtel, obwohl er nur ein Stäbchen mitnimmt, wenn er aus dem Haus geht, hinters Ohr geklemmt, weil sonst in der Tasche der Tabak herauskrümelt.

„Nichtraucher.“

„Trotzdem müsst ihr Streichhölzer mithaben, Amigos. Die gehören zu eurer Ausrüstung. Darüber bin ich genauestens informiert.“

Er bekommt Feuer, pafft zwei-, dreimal vorm tiefen Zug und tippt zum Dank militärisch an die schneeweiße Sportmütze, die in dieser Stadt ebenfalls jedermann kennt.

Berühmt wurde Robert Schöbel durch Zufall. Der Flickschuster in seinem Viertel hatte altershalber zugemacht, und auf der Suche nach einer anderen Schusterei geriet Schöbel in die Neueröffnung eines so benannten „Reparatur- und Dienstleistungsstützpunktes des Schuhmacherhandwerks“ hinein. Als erster Kunde bekam er einen Rosenstrauß überreicht, dazu einen Händedruck vom Oberbürgermeister. Die Schuhe wurden ihm fortan gratis besohlt.

Am nächsten Tag erblickte sich Robert Schöbel in der Zeitung. Auf der ersten Seite, Hand in Hand mit dem Stadtoberhaupt. Alle Blätter brachten das Foto. Sogar eine zentrale Zeitung veröffentlichte es in gestochen scharfem Druck. Und, hast du nicht gesehen, rückten Verkäuferinnen bei Robert Schöbels Einkäufen mit zurückgelegten Waren heraus: hier mit einem Eckchen Lachsschinken, da mit einem Viertel Schweizer Käse. Wildfremde Leute begannen ihn zu grüßen. Auf einmal kannte man ihn.

Beim Deiwel! sagte sich Robert Schöbel. Wenn der Hase da langläuft, dann will ich doch zusehen, dass ich ihn immer schön einkriege. Ein paar Tage später war sein Bild wieder in der Zeitung, diesmal war er der erste Gast eines neugestalteten Spezialitätenlokals, der natürlich an diesem Festtag auch Essen und Trinken umsonst hatte. Beim dritten Mal, bei der Messe der Meister von morgen, begrüßten ihn die Fotoreporter schon mit Handschlag wie einen alten Kumpel. Er hatte sich mittlerweile die auffällige Kopfbedeckung, eine weiße Tennismütze, zugelegt und außerdem die joviale Art einer prominenten Persönlichkeit.

Auf diese Weise war er zu einem Original geworden, weil er immer überpünktlich zur Stelle war bei öffentlichen Ereignissen und Feiern des kommunalen Lebens: als erster Kunde, erster Gast, erster Besucher; auch als erster Wähler lässt er sich beispielsweise den Blumenstrauß nie entgehen. Es kursieren an Biertischen über seine Schrullen schon Anekdoten und Amigo-Legenden.

„Macht’s man gut“, verabschiedet Robert Schöbel die Polizeistreife. „Passt richtig auf, Amigos, dann werdet ihr auch befördert, ihr Scheinwerfer der Ordnung und Sicherheit.“

Die Volkspolizisten schmunzeln, bald geht ihr Nachtdienst zu Ende.

Sie schauen einander an. Sie sind auch ohne Worte völlig einer Meinung: Wenn Amigo zu derart früher Stunde in der Stadt unterwegs ist, dann hat das was zu bedeuten …

Wie verabredet sehen sie gleichzeitig auf ihre Armbanduhren. Es ist soeben fünf Uhr siebenundzwanzig.

Alles scheint in bester Ordnung. Die Parkbeete vor der Stadthalle sind so farbenfroh und symmetrisch bepflanzt, dass es dem alten Mann das Wasser in die Augen treibt. Dass er auch diesen Frühling noch erleben darf! Die Erinnerungen machen Schöbel zu schaffen; gerade im Stadtinnern, das total zerbombt gewesen war, hat er viel Schlimmes sehen müssen. Wer das miterlebt hat! Und schuftete er sich nicht auch die Hände wund beim Enttrümmern und Ziegelkloppen? Hat er hier nicht auch sein bisschen Anteil?

Alles ist wie immer. Nur eins stimmt nicht in dem Bild, das sich Schöbel bietet: An der Glastür zur Vorverkaufskasse der Stadthalle steht schon einer.

Er, Amigo, nicht der erste?

Der Junge hat seine beiden Hände in den Hintertaschen dieser Cowboyhosen versteckt, in denen alle Welt heutzutage herumstelzt. Dadurch wölbt es ihm den Brustkasten stramm vor.

Wie so ’n Täuberich, denkt Schöbel.

Mit unverschämter Selbstverständlichkeit steht der Junge auf dem Platz vor der Tür, der in dieser Stadt nur einem einzigen zukommt – ihm, Robert Schöbel.

Der hat vielleicht ’n paar Muskeln für sein Alter, wundert sich Schöbel, nicht von Pappe. Obwohl, insgesamt wirkt er lang und dürr wie der brasilianische Sommer. Dem kannst du nur auf die Freundliche kommen. Na klar, solche bärtigen Hanaken, die diskutieren nicht lange …

Gelassen schaut der Junge von seiner einsneunziger Höhe auf den Mann, der sich außer Reichweite vor ihm aufbaut.

Schweigen.

Probiere ich’s mit einem Witz, überlegt Schöbel, oder vornehmer: Gestatten, junger Freund, doch ich war lange vor Ihnen da, bin grad mal die Kartoffeln abgießen gegangen …

Jetzt nickt der Bursche einen Gruß.

Womöglich ist der gar nicht von hier? kommt es Schöbel in den Sinn. Mal sehen, ob er wenigstens Manieren hat und dem Alter den Vortritt lässt.

Der Junge steht wie ein Lichtmast. Plötzlich verneigt er sich ganz tief, ohne die Hände aus seinen hinteren Taschen zu nehmen. Spricht geziemend: „Habe die Ehre, großer Meister.“

Schöbel, der irgendeine Ungehörigkeit erwartete, ist baff, fühlt sich veralbert und geht nun, blind gegen jede Gefahr, den anderen wie ein Truthahn an: „Was für ein Vogel bist ’n du?“

„Der Thomas bin ich“, sagt der Junge, „und stamme aus der Sippe der Handschuks. Alban Handschuk nahm Minna und zeugte Oskar, der nahm Charlotten und zeugte viele, unter anderem auch den Großvater Gottfried, der die gute Rosel nahm und den Wolfgang zeugte, meinen leiblichen Vater, welcher sich Anita nahm und mich, den ungläubigen Thomas … Also kurz gesagt, man nennt mich Tom, großer Meister.“

„Angenehm“, bringt Amigo nur hervor, verblüfft über so einen Redefluss. Vor lauter Staunen schmeißt er die Zigarette weg, obwohl er sie, er ist ein sparsamer Raucher, erst bis zur Hälfte aufgesaugt hat, und zerdreht sie mit der Schuhspitze. Wie verhext ist das! Schon einmal, im vergangenen Herbst, war er zweiter gewesen. Da war kurz vor Ladenöffnung so ein kugeliges Weibchen, die was Kleines erwartete, gleich nach ihm gekommen. Was tut man als Mensch und Kavalier? Tritt zurück, lässt sie also vor – und prompt gab’s für den ersten Kunden eine Flasche Blauen Bison. Und die dicke Mutti ließ sich das überreichen, obwohl sie sowieso keinen Alkohol mehr trinken durfte.

Tom erkennt an der weißen Mütze, dass er es hier nicht mit irgendeinem Alten zu tun hat, sondern mit Amigo, mit einer Persönlichkeit. Er sagt: „Die Bekanntschaft mit Ihnen ist mir ein Vergnügen, großer Meister.“ Zieht die Rechte aus der Hintertasche und hält sie Robert Schöbel hin.

Schöbel packt die Hand des Jungen, dreht und wendet sie und stößt einen Pfiff aus. „Groß wie ’n Klosettdeckel! Was bist ’n von Beruf?“

„Schornsteinfeger.“

„Ich bin nicht der Mann, den man verklapst!“ Amigo ist beleidigt.

Tom zuckt nur die Schultern.

Obwohl … Der Alte beschaut sich genauer die Hand. Schwielen hat die Pranke. Dreck sitzt wie eingeätzt in den Falten und Papillarlinien, bildet ein haarfeines dunkles Muster, das sich nicht wegwaschen lässt, und wenn man noch so schrubbt, ein Muster, das man nur durch kräftiges Zupacken bekommt. Gesichter kann man sich zurechtpfriemeln, mit Bärten oder auch mit Schminkzeug. Aber Hände können nicht lügen, das weiß der alte Mann. Dies ist unbestreitbar eine Hand, die arbeitet.

„Ich hab gedacht, du wärst so ’n erweiterter Oberschüler.“

„Ich bitte Sie! Warum?“

„Du siehst so aus. Und überhaupt. Heut wollen alle durch die Bank bloß Gelehrte werden. Wer will ’n noch arbeiten heute?“

„Ich“, sagt Tom.

„Also …, du bist wirklich Essenkehrer?“, fragt Schöbel.

„Jetzt bin ich gerade beim Auslernen.“

„Dass ich mich so geirrt haben sollte“, meint Schöbel kopfschüttelnd. Plötzlich fragt er: „Du musst wohl demnach gleich zur Arbeit, Zylinder auf den Nischel und rauf auf die Dächer?“

„Den Zylinder darf bei uns erst der Facharbeiter aufsetzen. Meine Kollegen und mein Meister tragen Käppis, die sind praktischer, aber ich habe mir schon einen Zylinder besorgt. Sogar mit Hutschachtel. Aus dem Kostümfundus …“

„Schweife nicht ab. Du gehst also nachher zum Kehren?“

„Nein. Eigentlich müsste ich in unserer zentralen Berufsschule sein. Aber sie haben uns eine Woche freigegeben, zur Vorbereitung auf die mündlichen Prüfungen. Zum Selbststudium.“

„Na, dann ab, klemm dich gefälligst hinter deine Bücher …“

„Wissen Sie, ich brauche mir nur etwas anzusehen oder anzuhören, und schon merk ich es mir. Optimales Gedächtnis. Dies und das notiere ich zwar, aber nur, wenn es mich interessiert.“

„Ihr habt ’n Lenz“, knurrt Amigo enttäuscht.

„Von wegen“, sagt Tom, „ich komme eben aus der Nachtschicht.“

„Bei ’ner Freundin, was?“

„Ich habe an einer Rotationsmaschine aushilfsweise Zeitungen gebündelt. So verdiene ich mir ein paar Pfennige nebenbei. Mit dem Lehrgeld allein kommt man doch nie über die Runden.“

„Stecken dir Mami und Papi keine Scheinchen zu?“

„Nicht nötig!“, sagt Tom knapp. „Ich bin selbst Manns genug, niemandem auf der Tasche zu liegen. Habe ich freie Tage, gehe ich los und suche mir eine Beschäftigung. Anpacker sind überall begehrt, die werden immer gesucht. Mir macht das Rackern Spaß …“

„Ach Schwindel!“ Robert Schöbel winkt ab. „Ihr seid doch in Wirklichkeit nur auf die Piepen aus. Geld, Geld …“

„Umsonst ist der Tod, Meister.“

„Du hast sogar Spaß am Arbeiten, sagst du? Wer soll dir das glauben? Der Zug ist lange abgefahren. Mir könnt ihr nichts vormachen, euch kenn ich! Immer heißt’s als erste Frage: Wie viel bringt die Chose ein?“

Wenn ich ihm jetzt erzähle, dass ich freiwillig und ohne jede Bezahlung im Kindergarten die Kohlen reinschaufle oder die Schaukeln repariere, dreht er vollends durch, der gute Mann, denkt Tom. Er sagt: „Was regen Sie sich auf? Beruhigen Sie sich, Meister. Langsam durchatmen. Keine Hektik.“

Die artikulierte Aussprache und der sanfte Tonfall der Stimme bringen Schöbel noch mehr durcheinander. Gebildetem Auftreten zollt er Ehrfurcht. Doch passt es andererseits nicht in den Rahmen, den er um sein Bild von einem Schornsteinfeger gezogen hat.

„Ich gehe eine Runde ums Haus“, sagt Schöbel. Gemächlich schlendert er weg.

Tom scheuert sich den Buckel am Türrahmen und reckt sich, bis die Gelenke knacken. Die vergangene Nacht war ihm lang geworden. Gegen Morgen, als die dröhnende Zeitungsdruckmaschine auslief und man wieder verstehen konnte, was der andere sagte, war er mit der älteren Packfrau neben ihm ins Plaudern gekommen. Die beredeten dieses und jenes. So erfuhr er auch vom geplanten Pfingstball für Rentner in der Stadthalle. Heute solle der Kartenvorverkauf stattfinden, sagte die Packfrau, aber das Rheuma plage sie derart, dass sie kaum noch die Arbeitsnächte durchstehe, geschweige denn irgendwelche Lustbarkeiten …

Tom aber hat an seine Oma gedacht. Die sitzt immer allein daheim. Wartet beständig auf ihn. Sie trauert dem Liebstöckelkraut, den Pilzwäldern um ihr Dorf und dem Gemeindegesangsverein Gemischter Volkschor nach. Da hat Tom beschlossen, sich nach dieser Arbeitsnacht nicht gleich aufs Ohr zu legen, sondern an der Vorverkaufskasse der Stadthalle auf eine Karte zu warten, denn die Packfrau hatte prophezeit, es werde starke Nachfrage geben. Mit der Karte will er die Oma zu Pfingsten endlich einmal aus den vier Wänden locken und zum Tanz schicken, vielleicht bekommt sie dort irgendwie mit irgendwem Kontakt. Zwar wird sie jetzt schon wieder alle paar Minuten auf den Wecker sehen und in zwei, drei Stunden Himmelsängste ausstehen, doch er wird sie dann hochheben wie immer und um die eigene Achse herumschwenken, bis ihnen beiden schwindlig wird.

Beatrice übrigens nennt seine Sorgen um die Psyche der Oma einen verlagerten Ödipuskomplex. Zum tausendsten Mal denkt Tom darüber nach, was er eigentlich an seiner Freundin Bea findet, an dem sehnigen Gestöck mit dem reizlos schmalen Leibchen einer Leistungssprinterin.

Grobe Wut schwemmt seine Morgenlaune weg, Wut auf Beatrice Meisner, die achtzehnjährige Oberschülerin, mit der er seit längerem geht. Bea ist die Tochter schlichter Leute, die ihre Minderwertigkeitsgefühle durch jesuitische Selbstgerechtigkeit zu überspielen sucht.

Seltsam! Tom wundert sich darüber, dass ihn bereits der Gedanke an dieses Mädchen aus der Fassung bringt.

Gegen drei Viertel sechs ist Jana Heller der Bus weggefahren. Sie war gerannt, doch vor ihrer Nase hatte sich mit Druckluftzischen die Klapptür auseinandergefaltet; der junge Graf Busfahrer grinste in den Rückspiegel, machte winke winke und gab Gas.

Jana kommt von ihrer Arbeit im Backwarenkombinat. Die Brötchen, die sich der Leutekutscher wahrscheinlich zum Frühstück in den Rachen schieben wird, sind des Nachts von ihr gebacken worden, von ihr, die er hier, statt Dankeschön zu sagen, zurückgelassen hat. Er sah übrigens nicht schlecht aus hinter seinem großen Lenkrad.

Trotzdem: Sollen ihm die Reifen platzen!

Der nächste Bus fährt erst Viertel sieben. Eine lange halbe Stunde Zeit. Sie hätte jetzt Lust, zu Pit zu gehen. Er wohnt ein paar Straßen weiter, höchstens zehn Minuten Fußweg; es wäre auch in sieben Minuten zu schaffen, wenn sie sich beeilte, und Jana würde sich beeilen und zu ihm unter die Steppdecke schlüpfen. Pit hat in dieser Woche Spätschicht. Aber Lust hin, Spätschicht her, am Kaffeetisch würden seine Eltern sitzen, und im Kinderzimmer bei Pit würde auch die kleine Schwester Heidi schlafen. Die würde ihre frühreifen Augen aufreißen, um nachher den Eltern umfassend Bericht zu erstatten. Dabei hat man sich extra verlobt. Pit ist zwar erwachsen, ist schon bei der Fahne gewesen und fährt sogar seine eigene Nuckelpinne, einen selbst aufgebauten Ur-Trabi P 70: eine durch und durch gute Partie. Aber solange er daheim im Kinderzimmer schläft, spielt das keine Rolle, und es spielt sich, wie man treffend sagt, nichts ab.

Jana Heller spaziert zum kleinen Park hinüber. Zwar könnte sie gleich an der Haltestelle in aller Gemütsruhe eine rauchen, wohlverdient nach beendeter Nachtschicht an der Kleingebäcklinie. Aber dann würden die Leute sie anstarren, und das wäre ihr unangenehm.

Erst als sie sitzt, merkt sie, dass die Bankbretter noch taufeucht sind. Außerdem merkt sie, dass sie die letzte Zigarette zur nächtlichen Pause an ihre Schichtkollegin Elli verschenkt hat. Die Schachtel ist leer.

Jana sieht sich um. Im Park ist keine Menschenseele. Ihr Appetit auf eine Zigarette wächst.

Drüben an der Stadthalle hat sich ein junger Penner niedergelassen, einer dieser Trampertypen, die landauf, landab, zwar dünngesät, aber beharrlich, die gleiche Haartracht und die gleichen Vagabundenklamotten tragen. Vermutlich als Ausdruck ihrer Individualität.

Möglicherweise ist er besoffen und friedlich, denkt Jana. Probieren kostet nichts als ein bisschen Courage.

Der flaumbärtige Mensch sitzt in der Hocke, den Rücken gegen die Stadthallentür gelehnt, und blickt ihr mit so ungläubigem Staunen entgegen, dass Jana sich rasch über das Gesicht fährt. Sollte sie vorhin beim Waschen einen Mehlfleck übersehen haben?

„Hallo!“, sagt er mit der Betonung auf dem O. Lässt es so klingen, als käme noch etwas Bedeutendes hinterher. Aber er bleckt nur gewinnend die Zähne.

Ach, du lieber Vater! Der ist auf Anbändeln aus.

„Kein Anschluss unter dieser Nummer“, sagt sie und wedelt, damit er es gleich von vornherein begreifen möge, abwehrend mit den Handflächen.

„Du, das ist die falsche Geste“, sagt der Junge, „so werden beispielsweise die Flugzeuge eingewinkt.“

„Hören Sie, hätten Sie vielleicht zufällig eine Zigarette für mich einstecken, junger Mann?“, fragt Jana mit offiziellem Gesicht. „Ich würde Sie Ihnen natürlich unbedingt bezahlen wollen.“

„Was für ein Satzbau!“, sagt er und lächelt. Sein Lächeln ist Jana gar nicht mal so unsympathisch, im Gegenteil. Er scheint ’n lustiger Knabe zu sein. Aber die Art, wie er da unten hockt und sie betrachtet wie ein Ausstellungsstück …

Sie wendet sich ab.

„Warte“, ruft er.

Sie sieht ihn aufstehen, größer werden, länger schießen ...

„Meine Güte“, sagt Jana, als Tom drei, vier Schritte auf sie zukommt. „Ich dachte schon, Kumpel, du würdest nach oben hin gar nicht mehr alle.“ Dabei stupst sie mit dem Zeigefinger gegen seine dürre Jungstaille.

Sie geht ihm nur bis zur Brust. Wenn er die Arme waagerecht streckte, könnte sie bequem unter seiner Achsel hindurchpromenieren.

Vor lauter Überraschung über seine Größe ist sie ungewollt zum Du übergegangen.

„Du rauchst natürlich nicht“, sagt sie, „denn sonst denken die Leute, ein Schornstein auf der Durchreise kommt an.

„Stimmt.“ Tom zieht aus der Hosentasche ein blankledernes Zigarettenetui, bringt noch ein vornehmes Feuerzeug zum Vorschein.

„Bedien dich bitte. ,Philipp Morris'. In Tropenpackung.“

„I“, sagt sie und langt zu. „Kann man solches Zeug überhaupt rauchen?“

„Das entzieht sich meiner Kenntnis“, sagt er und gibt ihr Feuer. „Schon in der Siebenten habe ich es mir wieder abgewöhnt. Aber meine Eltern glauben offenbar nicht recht daran, sie schicken mir Päckchen für Päckchen. Die verschenke ich an gute Freunde. Das glaubst du nicht, wie viele gute Freunde ich seitdem habe.“

„Deine Eltern sind nicht hier?“

„In Mwanza.“

„Nie gehört.“

„Das liegt in Tansania, an der Südspitze des Victoriasees.

„Sag bloß – Afrika?“

„Für fünf Jahre. Drei haben sie schon weg. Und ich bin der, den sie zurücklassen mussten. Ich lebe hier mit meiner Oma.“

„Meine Hochachtung! Übrigens heiße ich Jana. Und du?“

„Tom.“ Er gibt ihr auf altmodische Weise die Hand und macht eine Verbeugung.

„Übernachtest du hier?“ Jana nickte zur Stadthallentür. „Oder pilgerst du bei Sonnenaufgang immer her, um dich auszuweinen, weil sie dich nicht mit hinuntergenommen haben in den Dschungel?“

Tom verzieht das Gesicht wie bei Zahnschmerzen. Er sagt ihr, von welcher nächtlichen Beschäftigung er kommt und worauf er hier warten will. Dabei besieht er sich das Mädchen genauer.

Ein rundes Gesicht mit Himmelfahrtsnase. Lebhafte Augen. Beim Zuhören zieht sie die Augenbrauen hoch, kraust den Nasenrücken. Das glattgescheitelte Haar ist links und rechts mit Gummibändchen abgebunden, die Zopfbüschel ragen weg wie Katzenohren. Die Figur ist Durchschnitt, ein bisschen mollig. Alles sitzt, und alles passt.

Also irgendeines dieser völlig normalen Mädchen, wie sie einem am Tag dutzend Mal begegnen, nach denen man sich höchstens umschaut, wenn sie eingehenkelt mit der hübschen Freundin ankommen. Die Zigarette hält sie mit Daumen und Zeigefinger wie eine Anfängerin. Lächelt. Wahrscheinlich alles in allem ein schlichtes Gemüt.

Jana lacht. „Wir zwei passen zusammen wie ein Latsch zum anderen, du.“

Tom guckt verdutzt.

Sie erklärt es ihm: „Beide kommen wir von der Nachtschicht. Treffen uns rein zufällig. Doch was der Clou ist: Jeder hat sein problematisches Alterchen daheim. Du die Oma, ich den Opa.“

„Lebst du auch nur mit dem Großvater?“

„Bewahre“, sagt Jana, „wir Hellers sind ein ganzer Haufen. Die Eltern, ’ne Schwester mit Mann und ohne Kind, noch ’ne Schwester mit Kind und ohne Mann. Nein, bei uns geht es ziemlich munter zu. Aber der Heller-Bruno, mein Opa, der macht uns alle verrückt. Der hält nämlich das Haus Tag und Nacht besetzt. Wischt, putzt, hat dauernd etwas auszubessern, am Mauerwerk, am elektrischen Leitungssystem. Eigentlich ist unser Haus sein Eigentum; er hat es selbst gebaut. Wir sind dort nur die Untermieter. Jetzt erfreut er uns übrigens mit seinem neuesten Hobby: Kochen. Ich sage dir, der geht einem mit seiner Häuslichkeit dermaßen auf den Docht, der Bruno …“

„Das gleiche Problem wie mit der Rosel.“

„Deine Oma?“

„Genau. Sie vergräbt sich in der Wohnung. Hält alles auf Hochglanz. Wischt jedem Fingerabdruck nach …“

„Und mein Bruno: Neugierig ist er wie drei. Gehe ich weg, will er wissen, mit wem und wie lange ich ausbleibe und so weiter. Ich bin die Jüngste. Denk mal, ich konnte noch nie einen mit nach Hause bringen“, vertraut Jana dem Tom an. „Sogar nachts nach drei spioniert und kontrolliert der Bruno, ob ich auch allein ins Bett gehe.“

„Und wenn wir nun …“, beginnt Tom. Doch er spricht nicht weiter.

„Ja?“

Tom hebt den Daumen der Rechten. „Nehmen wir an, das wäre meine Oma, die Rosel Handschuk.“

Jana versteht, sie hebt ihren Daumen der linken Hand. „Dann wäre das mein Opa Bruno Heller.“

Langsam führen sie wie beim Kasperletheaterspiel ihre Daumen aufeinander zu, lassen sie sich berühren, sich sanft streicheln.

Rasch nimmt Jana ihre Hand weg. „Du bist verrückt.“

„Wenn dein Großvater praktisch veranlagt ist, hat er bei Rosel Chancen. Handwerksleute schätzt sie ungemein.“

„Das gibt’s doch bloß in Lustspielen, so was.“

„Du hast natürlich recht, Jana. Es war kein besonders guter Spaß. Entschuldige.“

„Sag mal, was anderes: Warum quatschst du so kariert? Bei dir klingt alles, als würde es von ’nem Schauspieler aufgesagt.“

„Einfach zur Unterscheidung“, sagt er.

„Von wem?“

„Sieh mal, heute reden alle wie über einen Kamm geschoren. Da nehme ich mir eben als Individuum das Recht, normal zu sprechen. Ein Tick, mag sein. Aber wenigstens meiner. In der zehnten Klasse war das noch ausgeprägter. Da bemühte ich mich viel eifriger um gestochenes Deutsch. Inzwischen habe ich meinen Ton halb und halb angepasst. Man muss ja mit den Leuten eine gemeinsame Sprache finden …“

„Meinetwegen“, sagt Jana und wirft ärgerlich die Zigarettenkippe weg. „Rede so gestochen, wie dir’s passt.“

Sie rückt über der Schulter den Gurt ihrer Tragetasche zurecht, eine Bewegung kurz vorm Weggehen. „Na dann ...“, sagt sie unschlüssig.

„Jetzt ist mir sehr nach frühstücken gehen. Kämst du eventuell mit?“ Tom spricht schnell, um sie zu überreden, bevor sie „Tschüs, nein, danke!“ sagen kann oder „Tut mir leid, also mach’s gut!“

„Es ist kein Muss … Wenn du nicht willst, bitte ... Es war nur so eine Frage …“

Jana starrt Tom an, als lese sie ihren Entschluss von seiner Stirn ab.

„Also los“, sagt sie schließlich. Ohne die Augen von ihm zu lassen, deutet sie mit dem Daumen über die Schulter. „Dort drüben fährt mir ohnehin der nächste Bus weg. Klingt kernig, wie? Oder sagt man besser: ohnedies?“

„Lass doch“, sagt Tom, „das passt sowieso nicht zu dir.“

„Wohin wollen wir?“

„Egal. Immer der Nase nach.“

Jana ist nicht übermäßig begeistert. Wenn ich das verdammte Rauchen sein lassen könnte, säße ich längst im Nachhausebus, denkt sie.

„Wie alt bist ’n du, Tom?“

„Frische achtzehn.“ Er sagt gleich die Wahrheit, obwohl er sonst die Mädchen anlügt.

„Dann bin ich die Reifere. Bisschen über zwanzig.“

„Ich hätte dich allerhöchstens ...“, will Tom seine Kavaliersschätzung anbringen, doch Jana unterbricht ihn: „Ach nein, Kumpel, du brauchst dir meinetwegen keine Komplimente abzuknapsen. Ich mache mir keine Illusionen, ich kenne mein Gesicht aus dem Spiegel. Klar? Und damit du dich betreffs des Frühstücks keinen falschen Hoffnungen hingibst, also kurz und bündig: Ich bin verlobt.“

„Kennst du den?“, fragt Tom.

„Bestimmt nicht. Ich kann mir einfach keine Witze merken.“

„Ich meine doch, ob du den großen Meister kennst, der uns da beehrt.“

Sechs Uhr einundzwanzig biegt Amigo der Erste nach ausgedehnter Wanderung über die Bürgersteige wieder scharf zur Stadthalle ein, voller Elan. Er hat seine innere Ruhe wiedergefunden.

Wir werden den Tom auf unsere Weise austricksen, denkt er frohgemut. Schöbels Robert hat allemal noch genug Praxis und Erfahrung, so ’n junges Bürschchen aus dem Rennen zu nehmen …

Er stockt im flotten Schritt, als er gewahr wird, dass ihm da nun mittlerweile schon zwei in der Quere stehen. Ein Unglück kommt selten allein.

„Hallihallo“, sagt das kleine Weibsbild und zwinkert ihm vertraulich zu.

Amigo lächelt scheel.

„Hat sich mein Herr Essenkehrer ein festes Bratkartoffelverhältnis zugelegt?“

„Wir einigten uns vorerst auf ein gemeinsames Frühstück, großer Meister.“

Der alte Mann lacht ein hüstelndes Raucherlachen.

„Reservieren Sie uns so lange einen Stehplatz“, bittet Jana.

„Selbstverständlich nach Ihnen, großer Meister“, fügt Tom hinzu.

„Geht, meine Lieben, geht nur. Tut, was ihr nicht lassen könnt. Au revoir“, verabschiedet Schöbel weltmännisch die jungen Leute. Er beherrscht mehrere Wörter aus mehreren Sprachen. In den Sechzigerjahren hatte er sogar angefangen, Esperanto zu lernen, das erneut in Mode kam. Er trat in den Kulturbund ein. Dort ließ er sich allerdings bald für eine andere Sparte begeistern: für Kakteen. Die blühen heute noch auf seinen Fensterbrettern nach Süden hin. Von seinem Sprachexkurs aber behielt er nur das Wort für Freund, das er zum Eigengebrauch ins volkstümliche Amigo umgemodelt hat, und den Esperantotext des Liedes „Santa Lucia“, welches er seither immer für sich anstimmt, wenn er einen getrunken hat oder wenn ihm was gelungen ist. Und im Augenblick ist für Amigo die Welt wieder sonnig.

Eine halbe Stunde später lebt Amigo auf. Zwei Frauen kommen daher, eingehenkelt. Freundinnen.

Die eine ist Kellnerin, fünfundfünfzig und ein fideles Haus. Die andere arbeitet beim Theater als Souffleuse und wirkt als derart gepflegte Erscheinung, dass man ihr die fünfundsechzig Jahre nie und nirgends ansieht. Was die Kellnerin zu viel auf die Waage stellt, bringt die Vorsagerin zu wenig, sie wiegt kaum neunzig Pfund. Die beiden hänseln sich, ohne einander etwas übel zu nehmen. Darauf beruhen ihre Beziehungen. Die Kellnerin schwärmt für alte Revuefilme, in denen die Tänzerin Marikka Röck auftritt. Zumal sie, das Leben ist ein einziger Zufall, selbst Marikka heißt, viel Temperament hat und sich durch jene sympathische Vergesslichkeit auszeichnet, die heiteren Gemütern und Künstlern das Leben so leicht macht. Ihre Freundin ist da anders, deshalb hat Marikka ihr auch den Namen Sekundenkäte verpasst. Erstens, weil Käte zum Nebenverdienst noch Telefonansagen spricht, unter anderem die Zeit, und zweitens, weil die um zehn Jahre ältere Frau einen für Marikka unbegreifbaren Sinn für das Genaue und für die Pünktlichkeit besitzt. Wenn sie sich beispielsweise zu einer Reisebüroausfahrt treffen, kommt Marikka erst auf den letzten Sprung an und hat unter Garantie etwas vergessen, während Käte schon eine Stunde vor Abfahrt da ist.

Die beiden sind Witwen. Wo sie auftauchen, hebt sich alsbald die Stimmung.

„Wer brät denn da schon in der Sonne?“ Marikka, geschminkt wie eine Zigeunerin, deutet mit ihren orthopädischen Schuhen fröhlich zwei, drei Stepptanzschritte an, hält aber gleich inne, denn die Füße schmerzen höllisch: die Berufskrankheit aller älteren Kellnerinnen.

„Meine Damen!“ Amigo schwenkt die berühmte Mütze.