Eiserne Hochzeit - Gerd Bieker - E-Book
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Eiserne Hochzeit E-Book

Gerd Bieker

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Beschreibung

Hier wird eine schöne Liebesgeschichte erzählt. Hier werden eigentlich mindestens zwei schöne Liebesgeschichten erzählt – mit allen Schwierigkeiten, die solcherart Geschichten im Leben der Erdenbewohner mit sich bringen. Eine eiserne Hochzeit – das bedeutet 65 Jahre Zusammensein, und das kam zu der Zeit, da dieser Roman spielt, auch nicht jeden Tag vor. In diesem Falle feiern der Nickel-David und die Nickel-Fanny ihre Eiserne Hochzeit. Und das nicht zuletzt wegen eines früheren Lottogewinns im großen Rahmen, wie man so sagt. Mehr als ein halbes Hundert Leute aus der Familie werden dabei sein, wenn in Greifenhübel gefeiert werden wird. Greifenhübel, das liegt oben im Erzgebirge und ist so ein kleines Kaff, dass sie nicht mal Straßennamen haben. Zu eben dieser Feier sind Jan Sonntag und Sabine Zeisig unterwegs. Und zwar ziemlich schnell, wie man motorisiertem Beginn des ersten Kapitel dieses lesenswerten Buches entnehmen kann, das wie alle weiteren 18 Kapitel eine Überschrift hat, die schon ein wenig vorausblicken lässt und aus der klar wird, das abwechselnd erzählt wird – mal aus der Sicht von Jan, 24 Jahre jung, und mal aus der Sicht von Sabine, ein Jahr jünger. Den Anfang macht der junge Mann: Im ersten Kapitel erzählt Jan Sonntag, wie er mit seinem Mädchen Sabine Zeisig nach Süden ritt. Gegen Mittag, als die Hitze über den Feldern wie ein feiner Vorhang waberte und der Asphalt in der Ferne zu glitzern begann, drehte ich das Gas so auf Sparflamme, dass meine urige Maschine aus Zschopau, die es in guten Stunden glatt auf hundertdreißig brachte, das langsamste Gefährt straßauf und straßab wurde, ausgenommen Heuwagen, Fahrräder und Mopeds älterer Bauart. Die beiden sind erst gut drei Wochen miteinander bekannt, aber neugierig aufeinander. Vielleicht wird mehr daraus. Noch aber ist es nicht sicher. Sabine ist gespannt, wie ihre Familie Jan aufnimmt. Jan weiß, dass Sabine bei ihren Urgroßeltern aufgewachsen ist, aber nicht, warum von Sabines Eltern nicht geredet werden darf, warum sie aus Stammbaum und Fotoalben getilgt wurden. Und er will hinter dieses Familiengeheimnis kommen: Republikflucht vielleicht oder eine andere Dummheit? Kämpften die gar in geheimem Auftrag irgendwo im Untergrund? Aber die Lösung lässt noch etwas auf sich warten. Wann und wo spielt dieser Roman eigentlich? Vom Erzgebirge war ja schon die Rede. Und an einer Stelle, da sagt Jan zu Sabine: Weißt du, dass du mir von den vier Milliarden der liebste Mensch auf Erden bist?

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Seitenzahl: 463

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Impressum

Gerd Bieker

Eiserne Hochzeit

ISBN 978-3-96521-598-6 (E-Book)

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

Das Buch erschien 1978 im Verlag Neues Leben Berlin.

© 2022 EDITION digital Pekrul & Sohn GbR Godern Alte Dorfstraße 2 b 19065 Pinnow Tel.: 03860 505788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.edition-digital.de

Im ersten Kapitel erzählt Jan Sonntag, wie er mit seinem Mädchen Sabine Zeisig nach Süden ritt

Gegen Mittag, als die Hitze über den Feldern wie ein feiner Vorhang waberte und der Asphalt in der Ferne zu glitzern begann, drehte ich das Gas so auf Sparflamme, dass meine urige Maschine aus Zschopau, die es in guten Stunden glatt auf hundertdreißig brachte, das langsamste Gefährt straßauf und straßab wurde, ausgenommen Heuwagen, Fahrräder und Mopeds älterer Bauart.

Allah sei Dank! rief das Bienchen, das mir hinten aufsaß. Die schöne Welt kriegt mich unversehrt wieder.

Das Bienchen hatte schon hundert Meter nach dem Start im Spreewald meine zügige Fahrweise einen halsbrecherischen Irrsinn geschimpft. Und als ich auf freier Strecke etwas aufdrehte, hatte es mir zur Warnung die lateinischen Namen von Knochen, die wir uns brechen könnten, in mein schaumledergeschütztes Ohr geschrien. Tibia, Humerus, Ossa nasalia und alle diese Sachen.

Obwohl Sabine zum ersten Mal in ihrem Krankenschwesternleben auf einem Motorrad fuhr, war bereits jetzt abzusehen, dass sie dem Blitzschnellen ganz und gar keinen Geschmack abgewinnen konnte; sie würde nie erahnen können, welches Gefühl die Seele durchzieht, wenn man mit singendem Zweitakter die Ferne erfährt.

Schade drum, immerhin war sie das erste derartige Mädchen auf der Sitzbank der Lokomotive. Den bisherigen ausnahmslos – der auf Motorrennen versessenen Silvia oder der hochtourigen Marion nur mal beispielsweise – waren die Stunden mit hundert Kilometern immer die liebsten gewesen.

Ein Düsenflugzeug jagte der Umdrehung des Planeten nach. Es malte einen lichten Streifen an den Himmel. Ich sah ihm mit schmal zusammengekniffenen Augen nach, und ein unbewusster Reflex ließ mich mit Handgelenkdrehung die Maschine wieder antreiben, dass die Tachonadel nach rechts wippte, auf der Achtzig federte und das angehängte Gepäckwägelchen ins Springen kam.

Mir war, als könne ich mich samt Sabine zu diesem zerwölkenden Band emporschwingen – schuldbewusst horchte ich, ob sie wieder begänne, ihr böses Katastrophenlatein herzubeten. Aber sie drückte sich nur an meinen Rücken, schmiegte im Windschatten ihre Wange an die glatte, kühle Haut meiner zwiebelfarbenen Lederjacke.

Ich legte wieder den Zuckelgang ein.

Heiliger Robert, warum musste ich mir ausgerechnet diese Zimperliese aufladen?

Interessante Geschichte, die Sache mit den menschlichen Temperamenten, sagte ich über die Schulter. Für die einen bedeutet richtig leben: Tempo aus dem Vollen. Und die anderen sind die Bremser.

Für uns, brüllte sie zurück, bedeutet dein Tempo aus dem Vollen fürs nächste Vierteljahr vor allem Gips, Idiot!

Die ist wohl nicht ganz bei Troste! murmelte ich, drückte den Kopf zwischen die Schultern und schimpfte noch ein bisschen leise für mich.

Eine Vorbeugungssamariterin aus Berufung, na Hilfe.

Wir fuhren in Zugvogelrichtung, dem Gebirge zu.

Es war ihr Vorschlag gewesen, nicht stracks und glatt auf der Autobahn zu donnern, sondern die Lausitz auf Landstraßen zu erobern. Sie wolle wenigstens einen Happen schöne Gegend genießen, wenn sie sich nun schon einmal diesem lärmenden Geschoss anvertraue.

Was war denn schön an dieser Gegend?

Überlandleitungen zerschnitten die Landschaft geometrisch. Ferne Fabriken schmauchten Qualmhorizonte an den pastellblauen Himmel. Und die Dörfchen, die brav in regelmäßigen Abständen auftauchten, glichen einander wie Eier in der KIM-Packung: jedes mit einem Ludwig-Richter-Kirchlein und einem weidenbesäumten Ententeich. Mähdrescher schoren in exakter Staffelung die Getreideflächen kahl. Dazwischen in Reihen getrocknetes Grummet – einstige Blumenwiesen waren jetzt zeilenüberzogene Heufelder, wie im Schreibheft. Und im Kiefernwald hingen unter den Risstätowierungen an den Stämmen die Harztöpfe ziemlich in gleicher Höhe und boten das akkurate Bild einer aufgeräumten Küche. In Zahlen waren die Pflanzen und Tiere entsprechend dem Statistikplatz ihrer Nützlichkeit eingeteilt worden vom Menschen, der sich einst aus ihnen emporgearbeitet hatte, um die Natur zu verändern. Hier machte er das verdammt gründlich. Ich träumte manchmal von den wilden, nadelgrünen Wäldern Finnlands, wie ich sie in Helsinki auf den glänzenden Luftbildpostkarten gesehen hatte. Mir wurde es wie bei Musik von Sibelius, wenn ich an die flimmernden Seenaugen im dunklen finnischen Waldpelz dachte …

Das Mädchen hinter mir aber, das fand immer wieder was an den wohlgeordneten übersichtlichen Gegenden, die wir durchbummelten.

Was kannte die schon von der Welt!

Ernst wie eine Prozession zog eine Schafherde die Straße entlang. Der junge Hirt brachte abseits auf einem Stoppelfeld seiner Liebsten das Motorradfahren bei. In engen Kreisen stuckerte die Maschine um den Schäfer herum, der zwar mit dem Krummstab bewehrt war und mit silberbenagelten Ledergurten, wie es der Brauch verlangte, der aber statt des breitkrempigen Hütehutes eine Fidel-Castro-Mütze mit Kinnriemen trug. Das Mädchen quietschte in fröhlichem Entsetzen wie im Luftschaukelkahn auf dem Rummel. Belfernd jagten die Hunde hinterher.

Schäferstündchen, sagte Sabine.

Hupend kurvte ich im Zickzack durch die Herde. Die Schafe wichen träge zur Seite, ohne sich umzusehen. Ein Motorrad mehr oder weniger – das störte sie überhaupt nicht. Dem Bienchen, das ihnen im Vorbeifahren die Wolle streichelte und ausdrucksvoll blökte, wandten sie zwar die Schafsköpfe zu, glotzten aber ohne jegliches Interesse.

Sabine sagte, ich möge mich sputen, weil sie Hunger habe wie ein Wolf. Sie heulte mich so grauslich an, wie wahrscheinlich ein ausgehungerter Wolf heulen musste – und erlebte in schweigsamem Triumph, dass die Schafe sofort auseinanderstoben.

Was denn nun, langsam oder schnell? fragte ich geduldig.

Drücke auf die Tube, sagte Sabine entschlossen. Kohldampf. Ich bin erst wieder ein Mensch, wenn ich was gegessen habe.

Meine Fünfgangflinte und ich, wir lebten auf. Doch durch Dresden jockelten wir dann im Schneckentempo, Sabine war immer nur durchgefahren. Eine Ehrenminute stoppte ich vorm Goldenen Reiter, fuhr übern breiten Fluss, der sich träge wichtig tat, und hielt nochmals vor der monumentalen Kitschmoschee der Zigarettenfabrik mit dem Minarettschornstein. In einer Schnellimbissgaststätte aßen wir lauen Römerbraten und knackheiße Würstchen und Eiersalat mit gelber, geronnener Mayonnaise. Dazu tranken wir viele Becher Himbeerlimonade, weil die aus einem Automaten floss, an dessen Knöpfen das Bienchen hantierte, bis mein Kleingeld versiegt war. Dann zog sie ihre Geldkatze aus ihrer Folkloretasche, schüttelte sie am Ohr, dass die Groschen tschinellten, steckte sie aber nach kurzem Zögern wieder ein. Sparsam war sie auch noch!

Aber später, draußen in der Vorstadt, wo die Häuser kleiner wurden und der Himmel wieder größer, ging Sabine in einen Obstladen, dessen Glasschild über der Ladentür VITAMINE verhieß – natürlich, das passte haargenau zu ihr –, und schleppte von dort eine schwarz-grüne Riesenkugel von Melone heraus, die sie sich beim Weiterfahren zwischen die Knie klemmte. Nun mussten wir so behutsam kutschieren, dass ein Trabant nach dem anderen wichtig vorbeispurte und wir sogar von röhrenden Lastwagen mit scheppernden Seitenwänden überholt wurden.

Auf einem Parkplatz schlachteten wir die Vitaminbombe und teilten gerecht, eine Hälfte ich, die andere Hälfte sie, jeder bekam seine Kilo. Erst etwas weiter, als uns eine Bahnschranke zum Halten zwang, ward Sabine plötzlich bewusst: kalte Limonade, Mayonnaise und darauf pfundweise frisches Obst – mein Gottel, das gibt was!

Kranke müssen ins Bett, sagte ich laut, denn ein Schnellzug schoss gerade mit scharfem Windstoß vorüber. Und Verliebte?

Durchfälle kommen sowieso gleich in Quarantäne.

Zusammen? fragte ich und legte frohe Hoffnung in meine Stimme.

Sie lachte.

Diese medizinischen Eierköppe! Sterile Sippschaft! brüllte ich und schüttelte die Faust gegen die hochklickende Schranke. Ich dachte: Noch nie und bei keiner hast du so drumherumreden müssen, Bruder.

Hinter uns hupte ein Moskwitsch und zog dann mit wütiger Kurve gleich. Der Fahrer beugte sich herüber, kurbelte das Fenster runter und fragte Sabine, warum wir nicht losführen, ob ich besoffen wäre.

Das Bienchen beachtete ihn überhaupt nicht. Der Moskwitschkapitän fand sicher, wir wären beide dümmer, als es die Polizei erlaube, zeigte einen Vogel und gab Gas; die Straße war gerade, und solange wir ihn sehen konnten, tippte er sich ausdauernd mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe.

Ich rede Stuss, Schneewittchen, sagte ich männlich rau. Vielleicht macht’s die Sonne. Fahren wir also weiter. Nun zähle schon los. Countdown: drei – zwo – eins – Start, sagte ich ergeben und verspürte etwas Mitleid mit mir armem Burschen, der sich die in den Kopf gesetzt hatte.

Während ich die puffende Fünfgangflinte mit den Zehenspitzen waagerecht hielt, legte das Bienchen die Arme um meinen Hals und sagte mir wie bei der Stillen Post ins Ohr: Ich bin heute irgendwie spezialzickig, stimmt’s?

Ich drehte mich schnell um.

Es ist alles ziemlich verrückt, murmelte sie hinüber zum Bahnwärterhäuschen. Dass ich mit dir unterwegs bin, einfach so. Und überhaupt. Ich muss das erst verkraften, versteh mal, Janek.

Es war der Moment, auf den ich gewartet hatte. Ich betrachtete aufmerksam die kleine helle Narbe an ihrem Kinn. Sabine müsste mir jetzt sagen, warum sie mich wirklich eingeladen hatte zu ihrem riesengroßen Familienfest im Heimatdorf irgendwo oben im Gebirge. Was sollte ich dort? Für sie den sogenannten Tischherrn spielen? In den älteren Sprichwörtern – und im Leben – gehörten Tisch und Bett zusammen. Aber so weit waren wir ja noch gar nicht gekommen, wir zwei. Also was?

Sabine schwieg, lächelte nur nett in ihrer zeitweilig umwerfenden Art. Mir fiel zum ersten Mal auf, dass sie dabei Grübchen bekam.

Na, weißt du! sagte ich schließlich überlegen und ein bisschen gerührt und strich ihr leicht über die Wange hin, die sich unter meinen hornigen Fingerkuppen anfühlte wie glatte Seide, wie ein Blumenblatt.

Na, weißt du, Schneewittchen, deinetwegen habe ich zwei Mannequins sitzenlassen und eine vom Fernsehballett, die Zwillinge von mir erwartet, sagte ich ernst.

Sie quietschte auf, und dann küssten wir uns so lange, bis es wieder hinter uns hupte.

Erst nach Freiberg fiel mir ein, dass wir ja etwas total vergessen hatten: ein Geschenk für die Hochzeit, auf die wir zusammen fuhren.

Was sich in seiner großen Stadt begab, erzählt Jan Sonntag im zweiten Kapitel

Karl-Marx-Stadt sahen wir oben von den Hügeln in sengender Nachmittagshitze erbeben.

Ich steuerte den lieben alten Kaßberg an, weil ich daheim Bescheid sagen wollte, dass ich wieder im Lande sei.

Die Bremsen knirschten, als ich die Lokomotive passgerecht auf ihrem Stammplatz unter der Straßenlampe zum Stehen brachte, eine Handbreit von der Bordsteinkante weg und genau über dem Gullygitter, wie sich das gehörte. Obwohl da kein Schild mit der Aufschrift: Attention please! Privatparkplatz Jan Sonntag! zu sehen war, respektierten alle Motorleute der Gegend, dass dort eben die Fünfgangflinte zu stehen hatte, niemand machte mir den Platz streitig; nur einmal im vorigen Sommer, als der Eisenbahnveteran Bruno Drechsel von seinem Sohn aus Mönchengladbach heimgesucht worden war, parkte unter meiner angestammten Lampe ein unerhört schnittiger tabakbrauner Vauxhall Guildsman, und ich gewährte ihm das. Aus Gastfreundschaft sozusagen und weil ich ja wusste, was Politik ist.

Sabine legte den Kopf in den Nacken und betrachtete unsere Hausfassade: die steinernen Frauenköpfe am Sims, denen wir so altmodische Namen gegeben hatten, wie Pensionen in den Badeorten heißen – wir bewohnten zum Beispiel die Zimmer über Ernestine, Emilie und Wilhelmine –, und die Sandsteintulpen auf gewellten Stielen, die unser gesamtes Haus Nummer siebenundzwanzig überrankten.

Zum Anbeißen! murmelte sie.

Jugendstil, sagte ich klug. Überhaupt ist das hier eine vornehme Gegend. Goldstauballee. Zahnärzte und solche Kapazitäten, prahlte ich und nickte hinauf zum Hochparterre, wo wie immer der Drechsel-Bruno auf seinem Sofakissen im Fenster lehnte, über Eulalia, die als einzige von den Hausfrauen richtig blond war und aus treublauen Augen in die Welt blickte, weil wir sie hochkünstlerisch mit Ölfarbe angepinselt hatten, der Drechsel-Bruno und ich. Er war ein lebendiger Mann mit Welterfahrung und hauste, von gelegentlichen Stippvisiten reifer Witwen abgesehen, seit Jahren allein. Wir waren ziemlich befreundet miteinander.

An den verblühten Rhododendronbüschen links und rechts vom Hauseingang hingen, mit Strippen geknotet, eine alte Türklinke und ein lädierter Fahrraddynamo, und das bedeutete in der Geheimsprache des Apachenhäuptlings Mike von den kinderreichen Emmrichs aus dem dritten Stock, dass die Huronen das Kriegsbeil ausgegraben hätten und höchste Vorsicht geboten sei. Die Huronen waren die Lümmel vom Luisenplatz. Wir hatten uns als Jungs auch immer mit denen vom Luisenplatz gehauen.

Ahoi, Bruno, grüßte ich und winkte ihm in der Art des Sandmännchens zu.

Grüß dich, Nachbar, sagte Bruno und tippte sich mit seinem gelben Pfeifchen, in dem senkrecht eine Zigarette steckte, gegen die Schläfe. Nicht einmal dabei ließ er Sabine aus den Augen.

Na, sagte ich wie immer.

Nu ja, sagte er, auch wie immer, und begann röchelnd zu hüsteln. Das ganze Haus wusste, dass der Bruno bald sterben würde. Wahrscheinlich brauchte ich ihm dieses Jahr im Spätherbst nicht einmal mehr die Doppelfenster einzuhängen. Die Ärztin hatte es uns im Mai gesagt. Wir schrieben das gleich dem Sohn nach Mönchengladbach, doch der hatte sich bis jetzt nicht sehen lassen. Wahrscheinlich würde er angereist kommen, wenn es Bruno überstanden und wir Hausleute die Angelegenheiten erledigt hatten, mit Trauermiene und mit seiner geleckten Hundertachtzigerkutsche, um in ihr die fantastische Sammlung von Fahrkarten, Eisenbahnerabzeichen und Fahrplänen der Königlich-Sächsischen Staatsbahn und der Bimmelbähnchen ganz Europas bis hin zur Deutschen Reichsbahn zu verstauen, die sein Vater zusammengetragen und abgöttisch gehätschelt hatte.

Kommst du schnell auf einen Sprung mit hoch? fragte ich Sabine, als ich Rucksack und Hebammentasche aus dem Gepäckanhänger genommen hatte. Es wird sicher keiner da sein.

Beim nächsten Mal, du, sagte sie und lächelte mich schuldbewusst an.

Klar! sagte ich böse und knallte den Deckel des Gepäckwägelchens, das von der Seite aussah wie ein verstümmeltes Paddelboot auf Rädern, hart zu.

Noch mal, Herzblatt: Ich bin nicht für diese schnellen Sprünge.

Oben in der Wohnung war niemand, nur die Standuhr tickte gewichtig.

Vor den Fenstern lagen die abgenommenen Gardinen. Im Halbdämmer der herabgelassenen Rollos türmten sich überall kleine Wäschebündel, bereit für die einwöchige Waschfete, die mein Mütterlein immer zu veranstalten pflegte, wenn ich ausgeflogen war, weil ihr dann keiner in den Kram redete und Vorträge über Waschautomaten hielt, die – so das Mütterlein – doch nur den gröbsten Dreck herausquirlten und nie das strahlende Blütenweiß erreichten, das auch noch in hundert Jahren ein solider holzbeheizter Waschhauskessel erzeugen würde. Unsere Linie mütterlicherseits war seit Generationen reich an berühmten Wäscherinnen.

Das Bett in meinem Zimmer zeigte den roten Inlettbauch, und sogar die sonnengebleichte Trauerschleife fehlte an dem Bild, das ich von Väterchen römisch zwo in voller Postlermontur gemalt hatte; er blickte selbstbewusst und ein bisschen eitel wie alle Postillione: Trara, die Post ist da!

Den Rucksack schüttete ich auf einen der Wäschehaufen und packte nur den nötigsten Kram wieder ein, kippte den Inhalt der Hebammentasche ebenfalls auf den Haufen, stopfte meinen knitterfreien sandhellen Sommeranzug hinein und dazu Skizzenblock und Bleistiftköcher.

Auf die Rückseite einer Zeitungsgeldquittung schrieb ich als Gruß fürs Mütterlein: Lebenszeichen vom Goldsohn – stopp – Alles in Ordnung – stopp – Zelte im Spreewald abgebrochen, neue Adresse, falls was Dringendes anliegt: Familie Nickel, Greifenhübel, Nummer 33 – stopp – Oben im Erzgebirge und so ein kleines Kaff, dass sie nicht mal Straßennamen haben – stopp –

Darunter schrieb ich noch: Du, Mamitschka, eine eventuelle Schwiegertochter ist in Sicht. Denn die Krankenschwester aus dem Spreewald, die mich wieder so schön in Schwung gebracht hat, ist nämlich von Greifenhübel und …

Ich überlegte einen Moment, besann mich darauf, dass mein Mütterlein für Geschwätz nichts übrig hatte, riss das zuletzt Geschriebene vom Zettel ab, knüllte ein Bällchen daraus und schoss es zielsicher mit dem Schnippfinger hinter den Kleiderschrank.

Vom Souvenirregal holte ich mir den rundbäuchigen Fisch, aus weißem Walrossbein geschnitzt. Ich hatte ihn in Finnland von einem lappländischen Hippie für mein altes Volksarmeekäppi eingetauscht, das ich da bei der Montagearbeit trug, und eigentlich den Kindern meiner dicken Schwägerin Arnhild mitgebracht, aber die würden es sowieso gleich wieder gegen Matchboxautos verscherbeln oder hineinbeißen wollen und plärren, weil es nicht aus Marzipan war. Vielleicht ergab sich die Gelegenheit, das fette Fischlein mit den Glupschaugen der Sabine zu verehren.

Ich besah schnell meine mit Mal- und Zeichenwerken übersäten vier Wände und fand, ich hätte schon ein bisschen Talent. Vor allem so was wie eigenen Stil – klare Konturen und kräftige Farben. Naiv und trotzdem sicher im Strich. Die Zimmerdecke überm Bett hatte ich mit Sternkarten tapeziert, frei nach Kant-Immanuel: moralisches Prinzip in mir und gestirnter Himmel über mir. Irgendwie gefiel mir das auf einmal wieder sehr, obwohl es schon verstaubte. Ich fühlte mich ziemlich fit. Im besten Alter: vierundzwanzig. Da schreibt man entweder den Werther wie Goethe oder richtet sich auf den Ernst des Lebens ein.

Für alle Fälle tippte ich nach meiner Auswahlmethode noch die Buchreihen ab, Augen zu, und traf auf ein Reclambändchen, das ich gleich in die Hintertasche der Jeans schob. Ich hatte LIEBESKUNST von Ovid erwischt.

Unten saß Sabine rittlings auf der hochgebockten Maschine und drückte den Lenker hin und her, als sei der Sachsenring ihre Spezialstrecke. Natürlich stand der Drechsel-Bruno neben ihr, angetan mit der feinen Westweste aus dem Kaufhaus Quelle (die sein Sohn todsicher schon einige Jahre durch Mönchengladbach getragen hatte, bevor er sie als Prachtgeschenk dem Vater schickte), und blickte auf Sabines Figur, die faltigen Lippen lüstern gespitzt.

Als er mich kommen hörte, griff er sich hinters Ohr, wo eine Reservezigarette klemmte, und machte gleich Konversation: Das Leben ist ein Kampf, hast du Wasser, dann hast du keinen Dampf. Alte Lokführerweisheit, mein Frollein. Früher, sag ich Ihnen, wo ich noch auf den ganz großen Strecken gefahren bin, bis Griechenland runter, mein Frollein, und nach dem flachen Russland rüber und linker Hand nach Paris – oder was noch besser war bezüglich der Damen: Brüssel …, schwärmte er und verlor den Faden.

Sabine fragte hingerissen: Brüssel?

Brüssel! sagte Bruno andächtig und küsste sich die braunen Fingerspitzen. Mein Frollein! Dort gibt’s, wenn man vom Hauptbahnhof längs kommt und dann scharf nach rechts einbiegt, eine Straße, eigentlich mehr ein Gässlein, und da sitzen die in Schaufenstern, richtiggehend im Schaufenster. An haben die nicht viel, also ich möchte sagen, kaum was, und …

Wir müssen jetzt abdampfen, Bruno, vergiss mal deine Rede nicht, unterbrach ich ihn schnell. Wenn Bruno richtig in Fahrt war, erläuterte er haarklein die Spezialitäten europäischer Puffs. Das wurde immer schlimmer mit ihm; früher erzählte er noch von den Städten und von den Landschaften, die er einst mit seinen Dampfloks durchmessen hatte, doch seit ein, zwei Jahren schienen seine Erinnerungsweichen nur noch auf solche Stundenerlebnisse in den Stundenhotels gestellt zu sein.

Ich wollte nicht, dass er sich dem Bienchen gegenüber lächerlich machte, dass sie ihn als senilen Greis in Erinnerung behielt.

Lass doch, wehrte Sabine ab und guckte harmlos.

Stumm belud ich mein Gepäckwägelchen. Horchte demonstrativ am Ruhla-Chronometer.

Bruno hüstelte verlegen.

Seine Hand senkte sich auf meine Schulter, schwerelos wie ein Birkenblatt im Herbst.

Dann mach’s einstweilen gut, Janek.

Wortlos schnallte ich den Halteriemen fest.

Ich wurde von Rührung überschwemmt. Möglicherweise standen wir zum letzten Mal hier beisammen, mein guter, alter Nachbar und ich.

Donner und Doria, ein paar Puffer hat die Kleine! flüsterte mir da Bruno ins Ohr und boxte mich verschwörerisch wie immer, wenn er das Signal überfuhr. Die schmeißen sogar einen alten Knispel wie mich kurz vorm Abkratzen noch mal aufs Gleis, da würde ich auch noch mal anbumsen.

Mir kam mit einem Mal die fürchterliche Ahnung, dass er wusste, wie es um ihn stand, und dass er alles tat, um es vor sich selbst und den anderen zu überspielen.

Tschüs, Bruno, sagte ich laut und boxte behutsam zurück. Qualme nicht so viel.

’ne alte Lok wie ich muss immer straff unter Dampf stehen. Nämlich sonst wäre ich gleich schrottreif. Wofür lebte man denn, wenn ei’m die Ärzte alles verbieten, barmte Bruno, nischt rauchen, nischt trinken, nischt essen, mein Frollein, und so weiter, Sie wissen schon, was ich andeuten will … Los, einkaufen, sagte ich heiser und zog Sabine weg.

Der Drechsel-Bruno rief uns hinterher, er werde ein Auge auf meine Fregatte haben.

Ich sah mich nach ihm um. Er grüßte mit zwei Fingern in polnischer Art. Und brannte sich eine an.

Wir liefen durch die glutheißen Straßen zum Stadtzentrum, erst eingehenkelt wie ein Ehepaar, dann aber, weil das zu heiß wurde, nur noch die kleinen Finger miteinander verhakelt.

Im Rosenhof wehte die Fontäne einen kühlen, regenbogenzarten Hauch herüber.

Ziellos schlenderten wir den Boulevard entlang, vorbei an der Stadthalle mit ihrem zementfarbenen Klöppelumhang, Hochburg des Betonzeitalters, aus der wie ein Bergfried das Interhotel „Kongress“ aufragt.

In bronzener Schwere dachte Marx auf seinem Monumentsockel über die Schuljungs nach, die wetteiferten, wie viel Stufen der flachen Treppe sie in einem Satz hochspringen konnten. Am Steinrand des Denkmals saßen zwei umarmt und küssten sich – Karl Marx sah gutmütig darüber hinweg und die Leute auch.

Irgendeine Brigadetruppe schob mit Hallo einen überbreiten Kinderwagen aus dem Adebargeschäft, einer ihrer Kumpels hatte vermutlich Doppelzuwachs bekommen.

Auf dem Theaterplatz krochen Touristen aus ihren bunten Vollsichtbussen und schwärmten aus, die Läden zu erobern oder sich vor den verkieselten Baumstümpfen des „Steinernen Waldes“ zur Erinnerung gegenseitig zu fotografieren.

Wir brauchen ein passables Hochzeitsgeschenk, sagte ich. Überleg mal, Bienchen, was.

Sabine packte meinen Arm und riss mich mit verblüffender Kraft herum.

Mann, sag das schnell noch mal.

Was?

Ich war perplex. Wir standen mitten auf dem belebten Gehweg unter den Arkaden, die Leute stießen uns mit ihren Beuteln und Taschen an und schüttelten im Weitergehen die Köpfe.

Hast du eben gesagt: wir brauchen? Hast du?

Na und?

Es wäre, sagte sie etwas verklärt, das erste Mal, dass wir zusammen was Gemeinsames besorgen, du und ich. Verstehst du?

Sie stand da und sah mich groß an mit ihren Heidelbeeraugen.

Mir fiel ein, dass sie mich ebenso angeblickt hatte, als ich sie vor vier Tagen gegen Mitternacht von ihrem Nachtwachebuch weg runtergeklingelt hatte an das Sanatoriumstor, das ich in der Frühe, gerade erst gesundgeschrieben, durchdonnert hatte in Richtung der heimatlichen Südstaaten, und ihr in verschnörkelter Redeweise sagte, dass ich schon wieder da wäre und hiermit gedächte, meine mir gewerkschaftlich und SVK-mäßig zustehenden Genesungstage in dieser Gegend mit den gemütlichen Spreewaldlinden zu verbringen, als wir bis zum Morgengrauen in dem hygienisch vernickelten, äthergeschwängerten Bereitschaftszimmer – ein geradezu anstößiges Wort in solcher Situation – hockten und über Gott, Engels und die Welt redeten – ich hatte gewiss noch nie eine verrücktere Nacht verbracht in meinen ganzen vierundzwanzig Lebenslenzen und auch noch nie mit einem Mädchen so viel und so lange reden müssen, bevor ich es küsste, aber dazu kam es ja in dieser Nacht gar nicht, denn da war so ein Kurpatient mit kritischem Anfall auf Zimmer siebzehn, nach dem sie dauernd sehen musste, und außerdem servierte sie statt des Pilsners, das ich dringend nötig hatte, ein Kännchen Pfefferminztee nach dem anderen, mir war nach der sechsten Tasse, als werde ich langsam zum Gesundheitsdrops – da also hatte sie mich auch schon mit dieser freudigen Verblüffung gemustert.

Sie zeigte wortlos nach links und scherte vor mir in das Boulevardcafé hinein.

Der junge Kellner taxierte ungehemmt mein schwarzes Mädchen, und als er uns den Eiskaffee brachte, hatte er auf den runden Papieruntersatz ihrer Tasse „Darf ich Sie gelegentlich anrufen?“ gekritzelt. Ich packte ihn am Fräckchen und sagte ihm, dass ich solche Kaffeehausdepeschen nicht sehr mochte. Mit aristokratischer Gelassenheit stäubte er mich vom Revers – es sei lediglich ein kleiner Scherz gewesen, für den ich wohl bedauerlicherweise nicht so ganz das Verständnis hätte.

Sabine legte mir beruhigend die Hände zusammen und nahm sie zwischen ihre.

Du bist ja eifersüchtig, sagte sie und freute sich wie bei der Bescherung. Schon so richtiggehend eifersüchtig!

Hör mal, Sabine, sagte ich mit Fassung, wir können zu ’ner Hochzeit nicht mit leeren Händen angerückt kommen; hier sind wir, freut euch des Lebens. Also – was?

Was, ist egal. Hauptsache – dass überhaupt.

Sie stocherte mit dem Plasthalm nach dem Eisbällchen im Glas. Weißt du, was es heißt, wenn wir zusammen ein Geschenk bringen?

Was gibt’s da groß zu kapieren. Wenn wir jeder mit einem Solobukett ankommen, denken sie, ich wäre die Wechselwäsche. Bringen wir aber etwas Gemeinsames, steht für die Leute fest, dass ich – sagen wir – dein Zukünftiger bin. So ist die Lage, stimmt’s?

Du bist, sagte Sabine ehrfürchtig, nicht nur ein bestechend schöner junger Mensch, sondern ein ausnehmend kluger junger Mensch dazu.

Übrigens Bukett, sagte ich, Blumen wären doch schon was.

Es wird bei dieser Hochzeit so viele Blumen geben, dass alle Vasen, Eimer und Waschzuber nicht dafür ausreichen werden. Aber mir fällt ein, dass ihnen mal so ein russisches Spielzeug gefiel – Puppen in der Puppe.

Nach ermüdendem Suchen stöberten wir in einer Ecke des Zentrum-Warenhauses eine hübsche Matrjoschka auf, die einen Blumengarten auf der Schürze hatte und immer neue, kleinere Matrjoschkas gebar, alle mit dem gleichen behäbigen und mütterlichen Lächeln unterm bunt bemalten Kopftuch.

Ich ließ das Päckchen am Zeigefinger pendeln. Bisschen wenig, wie?

Ein Bild fürs Wohnzimmer! Sabine war hingerissen von ihrem Einfall.

Junge, natürlich, wir verehren ihnen ein Bild. Dafür haben sie viel übrig, musst du wissen. Schneiden sich sogar Fotos aus den Zeitungen und sammeln sie in alten Schuhkartons. Sie haben Postkarten jede Menge. Und in der Küche drehen sie auf dem Bord überm Herd die Streichholzschachtel immer hochkant, des Vorderbildchens wegen.

Im Bilderkabinett am Rosenhof fragte der Verkäufer sanft: An was dachten die Herrschaften?

Er hatte sorgfältig gewelltes Haar und das Gesicht eines Philosophen, der ziemlich alles weiß vom Leben und von der Kunst.

Ich stellte mich dumm und fragte großspurig: Haben Sie Originale?

Du bist verrückt! flüsterte Sabine neben mir.

Der Verkäufer lächelte fein: Das sind Unikate, mein Herr. Eben einmalig. Jedoch zugleich verbunden mit einer wesentlich höheren Preislage.

Wie viel?

Radierung? Aquarell? Öl? fragte er.

Sagen wir … Öl. Etwa diese Größe, ich spannte die Arme breit.

Etwa zwo bis drei. Das richtet sich je nach Motiv und so weiter.

Hundert?

Tausend, mein Herr, sagte er und lächelte herzlich. Dreitausend etwa. Mitunter auch vier, fünf …

Meine gespielte Verblüffung genoss er sichtlich, zuckte die Schultern im Maßjackett und zeigte seine gepflegten Handflächen her. Tja …

Mit untrüglichem Spürsinn erriet der Verkäufer, dass Sabine jener Teil von uns beiden war, mit dem er sein Geschäft leichter abwickeln konnte.

Er wies auf die Bilderstellwände.

Diese Landschaft wäre vielleicht das Passende, meine Dame.

Wissen Sie was, sagte ich grob, wenn wir eine Sache zum Schenken brauchen, suchen wir sie anständigerweise selbst aus, Chef.

Seine Hand, die schon auf die nächste Reproduktion zeigte, erstarrte in der Luft.

Bitte, natürlich, selbstverständlich, murmelte er und sah auf einmal alt aus.

Das eine will ich dir sagen, murrte ich und zog Sabine durch das Labyrinth der Stellwände, solche Faxen kann sich nur einer leisten, vor dessen Laden keiner ansteht.

Sie begütigte: Vielleicht ist er noch einer von der alten Schule.

Wir besahen uns, Hände auf dem Rücken, dieses Sammelsurium konfektionierter Meister der Weltkunst. Für mich war es immer wieder ein Albdruck, Tizian neben Womacka hängen zu sehen oder altägyptische Grabbilder neben Neuleipziger Galerierenaissance.

Drei Sixtinische Madonnen nebeneinander: Plakate für Kindernahrung.

Porträts verfolgten uns mit spöttischen, hochmütigen Blicken.

Noch immer war der arme Bruder Vincent absoluter Publikumsliebling, dicht gefolgt von künstlich gealterten Goldbronzeikonen mit fast echten Brandrändern.

Sabine hatte unschlüssig die Unterlippe vorgestülpt. Sie stiefelte vor den Wunderwerken der Drucktechnik auf und ab und konnte sich nicht entscheiden. Hinten stand der Verkäufer auf der Lauer und ordnete seine Kunstbücher in den Regalen.

Das Beste waren hier die stabilen Rahmen der Bilder. Solide Maßarbeit.

Da kam mir mit einem Mal eine prächtige Idee. Ich knallte die flache Hand an die Stirn. Es gab ein Geräusch, als sei etwas geplatzt. Sabine kicherte, und der Herr äugte von der Kasse her, wer da seinen Laden so entweihte.

Meine Idee bestand darin, einen Bilderrahmen zu erwerben und den mit einem meiner Pinselwerke zu versehen. Das gäbe dem Geschenk auch gleich eine persönliche Note.

Wie immer hatte die mieseste Reproduktion – eine knallig hingekitschte Strandpartie mit viel geölter Damenhaut und einem Häppchen Meer oben – den schönsten Rahmen. Weiß, kupfergrün und altgoldene Verzierungen, die sogar geschnitzt waren. Ich nahm ihn herunter und prüfte die Verleimung auf der Rückseite.

Ausgerechnet diesen Schinken? fragte Sabine erschrocken. Gute Arbeit, sagte ich und meinte den Rahmen.

Ich weiß ja nicht, sagte Sabine zweifelnd.

Ich hob das Ding über den Kopf und schritt stolz wie ein Römer, der sich eine Sabinerin zusätzlich geraubt hat, zur Kasse.

Der Verkäufer strömte Milde aus: Dieses Motiv schmückt ein schlichtes Zimmer gewiss auf seine Art, meine Herrschaften.

Wir brauchen’s nicht zur Zierde, meinte ich leichthin, sondern als abschreckendes Beispiel, wissen Sie.

Er musterte mich schnell und lächelte zur Seite, er wirkte dabei überhaupt nicht mehr servil.

Wir nickten uns dann kurz zu.

Avanti popolo! befahl ich und klemmte mir die eingewickelte Strandpartie unter den Arm. Avanti und keine Sperenzien! Jetzt geht’s in mein Kämmerchen hoch!

Sabine blickte mich stumm an, als wolle sie herausfinden, ob Jan Sonntag wirklich Jan Sonntag war.

Das dritte Kapitel wird von Sabine Zeisig erzählt und handelt davon, wie sie eigentlich mit ihrem Jan Sonntag zusammenkam

Wir einigten uns schnell auf eine Landschaft. Drei Birken vorn und im Hintergrund ein bewaldeter Hügel, auf dem eine Burg mit gutmütigem Turm hockte wie die Glucke überm Nest. Das Bild war im Frühling gemalt, und wer den heimkehrenden Vogelschwarm im Sonnenblau ansah, die Himmelschlüssel im Gras und die jungen Leute auf dem Motorrad, das in der Wiese geparkt war, der wurde unversehens heiter gestimmt.

Der Meister höchstpersönlich passte sein Bild in den Rahmen ein und nagelte es fest. Er tat das mit Sorgfalt und schwitzte dabei so, dass es ihm die Nackenmähne in feuchten Kringellocken über seinen Hemdkragen rollte.

Ich saß auf dem farbbeklecksten Klavierdrehschemel, die Knie konzentriert brav zusammengeklemmt. Kreiselte mich hoch und wieder nach unten und nährte mein Erstaunen.

Ich glaubte einen im Großen und Ganzen vernünftigen Burschen erwischt zu haben. Eigentlich war er überhaupt keiner von der fotogenen Sorte, in die man sich, gleich nachdem man den Personalausweis in der Tasche hat, bis zur völligen Verblödung zu verknallen pflegt. Auch kein anbetungswürdiger Sportstyp oder gar einer von der rasanten Schauspielerart. Doch immerhin ein Mitmensch von Anstand, sicher ein prima Arbeiter, Montageschlosser mit redlich erschuftetem Lohn, guter Auslösung, wenn er fern der Heimat war, und mit stabilen Prämienaussichten. Einer von lustiger Wesensart. Mit Witz mitunter und sogar ziemlich geistreich. Halbwegs gut anzuschauen. In Maßen eifersüchtig. Mit eigener Meinung und einer beachtenswerten Portion Geduld ausgestattet – alles in allem die beste Partie, die mir jemals übern Weg gelaufen war.

Und was stellte sich heraus?

Er pinselte! Ohne mit der Wimper zu zucken, hatte er mir das offenbart, bescheiden und mit dem fast entschuldigenden Hinweis, das seien alles nur simple Laienversuche.

Obwohl, um gerecht zu sein, ein wenig kunstlieb hatte ich ihn mir ja gewünscht, meinen Zukünftigen, und wenn er meinetwegen nur bastelwütig den Eiffelturm aus Streichhölzern zusammenleimte. Es mochte auch noch angehen, dass er vielleicht mit bunten Filzstiften von Postkarten abmalte wie einst meine Schulflamme Siggi Oehme. Wenn er wenigstens Span um Span Holzscheite zu Räuchermännchen schnitzeln würde, wie es in unserer Gegend Brauch war. Aber nein, er musste unbedingt malen.

Seine Bilder gefielen mir. Sie waren in der Art dieser naiven jugoslawischen Bauern gemalt, die tagsüber ackerten und abends das weite Feld ihres Lebens mit Farben bestellten.

Ich entdeckte in diesen Malereien einen ganz anderen Jan Sonntag. Nicht den, der jetzt mir gegenüber schon ab und zu ein bisschen grob wurde, weil wir uns lange genug kannten, wie er vermeinte. Der Junge, der so sehen konnte, war sogar richtig sensibel – das fand man heutzutage fast seltener als Mädchen, die Krankenschwester werden wollten.

Jan spielte den Gastgeber und traktierte mich mit polnischem Wodka, der so schön eiskalt das Glas beschlug, dass ich immer wieder daran nippte und bald etwas angesäuselt war. Die viermal zehn Prozent vermittelten mir das Gefühl, hier oben schon daheim zu sein.

Auf den ersten Blick hatte mir seine Junggesellenbude überhaupt nicht gefallen. Sie war mir beim Eintreten zu vollgestopft erschienen, überladen mit Krimskrams. (Ich hing noch immer der Wohntheorie dieses Innengestalters beziehungsweise Designers Fiete Greiling an, obzwar ich eben mit dem tüchtig reingefallen war. Er sollte voriges Jahr für den letzten Pfiff in unserem renovierten Kurparadies sorgen, und sein Motto lautete: Nur das wenige schmückt! Leider war das nicht auch Fietes Devise fürs Leben, und ich brauchte ein Vierteljahr, bis ich darüber hinwegkam.)

Gestattest du, dass ich nachschenke? fragte Jan und präsentierte die Flasche in Habachtstellung, beflissen wie ein Kellner.

Ich nickte, starrte weiterhin entrückt auf die Bilderwelt meines Jan Sonntag und murmelte: Gestattest du, dass ich nachdenke?

Je mehr meine Befangenheit schwand, desto linkischer wurde dieser Rubens, mein lieber Freund und Kupferstecher.

Von dir? fragte ich und wies auf einen schwerbrüstigen Mädchenakt.

Freilich, sagte er gleichmütig. Alles ist hier von mir.

Aus dem Gedächtnis? fragte ich hartnäckig weiter und zeigte auf das semmelblonde, nackte Geschöpf.

Die Sieglinde Hellmich hat mir dazu Modell gesessen, eine Nachbarin. Inzwischen hat sie sich verheiratet. Mit ’nem derart eifersüchtigen Pinkel, dass sie lieber auf das Bild verzichtete, als ich’s ihr zur Hochzeit schenken wollte, um des lieben Hausfriedens willen. Der reinste Sizilianer, dieser Kerl. So hängt’s eben hier und schockt die Damenwelt.

Ein Lächeln, das mir ins Herz fuhr.

Ich musste vorm Malen immer den Wecker stellen. Wir hatten nämlich nur sonnabends ein paar Stündchen, Sieglindes Schicht lag anders als meine. Samstagvormittags drehte mein Mütterlein ihre Post- und Zeitungsrunde. Punkt elf krähte der runde Nachttischhahn, dann war Sieglinde – schwupp! – wieder in den Klamotten und das malfeuchte Bild auf dem Schrank. Wie im Fernsehen. Mein Mütterlein hätte sich ja sonst was gedacht.

Und war da … sonst was?

Weißt du, dann hätte ich sie bestimmt anders gemalt, sagte Jan schulmeisterhaft, nicht in dieser sachlichen Haltung, du verstehst?

Und du hättest sie dazu vermutlich auch nicht gerade auf’n Klavierschemel gesetzt, sagte ich sachverständig.

Eine Hummel kam mit Mopedgebrumm ins Fenster gedröhnt, drehte einige Runden, beguckte sich die Galerie mit Stillleben, Jahreszeiten, Pusteblumen und dem sehenswerten Brüstekaliber des Nackedeis Sieglinde und sauste befriedigt wieder nach draußen in die hitzevibrierende Helle.

Jan stand reglos, hielt das bruchsicher mit Zeitungsbündeln umschnürte Geschenkbild wie ein Tablett vor sich und fixierte mich.

Ich räusperte mich.

Fertig, sagte er töricht und wog das Paket mit den Händen. Er stand wie eine Statue, wie ein Säulenheiliger.

Ach, Janek, sagte ich mit erstickter Stimme, ach, du mein lieber Pinsel.

Er lächelte und zuckte die Schultern.

Immer, wenn er mich so bemitleidend anblickte, dachte er wahrscheinlich von mir, ich sei eine überkandidelte Spinnliese mit Pubertätsmucken, ein Neuröslein. (Wozu auch meine zinnernen Prinzipien: Warten aufs Später-wen-wir-uns-erst-richtig-kennengelernt-haben, diese prüden Nein-bitte-noch-nicht-Tricks – warum alles das bei diesem lieben Kerl?)

Ich glaubte mit einem Mal die Ursache der seltsamen Art Spannung zu kennen, die heute seit dem frühen Morgen zwischen uns bestand.

Na! sagte ich ungeduldig.

Er verharrte steif und fest auf seinem Posten. Ich begriff das sogar. Es war wohl für einen ausgeglichenen Menschen ziemlich unmöglich, bei den Hopsereien meiner Gefühle immer gleich mitzuspringen, mal Hölle und mal Himmel und umgekehrt. Mir war, als hocke ich am Startblock zu einer langen, langen Strecke.

Irgendwo in der Wohnung schlug eine Uhr mit Westminstergong im bedächtigen Tempo des neunzehnten Jahrhunderts die vierte Nachmittagsstunde zu Ende. Ich sah prüfend auf mein Zierührchen, das wie immer stand, hob diesen linken Arm weiter langsam wie eine Traumwandlerin immer höher, griff mir mit der Rechten in den Nacken und zog mit einer raschen, entschlossenen Bewegung den Pulli übern Kopf; darunter trug ich im Sommer nie was.

Wäre ich möglicherweise auch ein Modell für dich?

Klar, Bienchen, sagte die Salzsäule Jan ernsthaft, ein wenig zu beherrscht für die Situation, wie mir schien, aber vielleicht waren das diese abgebrühten Malersleute gewöhnt.

Klar, sagte er, dich male ich vielleicht immer wieder. Glaube ich jedenfalls. Wenn du wüsstest, wie fantastisch du aussiehst …

Du benimmst dich trotz deiner Vierundzwanzig reichlich grün, Jan Sonntag. Komm endlich her. Oder willst du jetzt etwa die Palette holen? Nein, bleib da stehen! Ich denke, ich bin ziemlich durchgedreht. Oder? Dieser Wodka aus dem Polenlande setzt mir zu, weißt du … Also gut, heiraten wir los, wir zwei, kriegen Kinder und leben vergnügt unsere Tage, was? Warum schweigst du jetzt? Du glotzt mich an wie ein Karpfen. Entschuldige, entschuldige, das war nur ein blöder Spaß. Mir ist jetzt so nach blöden Späßen zumute, und dir …? Hast du diese Bücher im Regal alle gelesen?

Er stand wie angewurzelt und lauschte auf irgendwas. Ich wollte schon explodieren, weil er überhaupt nicht reagierte. Da ging die Tür auf und eine Frau mit einem Einkaufsnetz voll Waschpulverpäckchen kam herein.

Janusch, mein Junge! rief sie überrascht.

Sie hatte eine Brille auf, am Bügel mit Heftpflaster geflickt. Es war eine kleine, stämmige Frau mit blondierten Haaren, und weil ich wusste, dass sie Jans Mutter sein musste, war ich ihr vom ersten Augenblick an gut.

Nun erst bemerkte sie, dass auch ich im Stübchen war. Sie fing an, lebhaft den Kopf zu schütteln und mit der Zunge zu schnalzen: Ts, ts, ts, ts …

Ich schämte mich, wurde über und über rot, drehte mich hastig um und zog mir blitzschnell den Pulli wieder an.

Jans Mutter sagte: Entschuldigt, Kinder, ich muss fix mal ins Waschhaus runter. Na ja, ich bin bald wieder oben, dann trinken wir gemütlich Kaffee, ja?

Nicht nötig, Mütterlein, rief Jan ihr nach, wir müssen doch sowieso gleich weiterfahren, weißt du.

Sie steckte den Kopf nochmals zur Tür herein und zog die Nase kraus. Freilich, ihr wart ja auch schon fast am Gehen, nicht wahr.

Taktvoll wie alle guten Leute verschwand sie gleich darauf wieder.

Mit dir erlebt man Sachen, sagte Jan erschüttert. Mein lieber Oskar!

Danke gleichfalls, gab ich zurück. Ich fand das alles so sagenhaft komisch, dass ich zu lachen begann. Jans zunächst verblüfftes Gesicht verzog sich zu breitem Feixen, dann hielt er mit, wir brüllten vor Lachen, schlugen uns auf die Oberschenkel, quiekten, hüpften umher wie weidwunde Rhinozerosse, taumelten aufeinander zu und hielten uns eng umschlungen und lachten und lachten, was das Zeug hielt.

Prima, brachte ich endlich, nach Atem ringend, hervor, du kannst dich über dich selbst lustig machen. Und für deine Mami bekommst du noch einen dicken Pluspunkt dazu. So eine möchte ich auch haben …

Ist deine nicht so? fragte er. Ich bekomme doch nicht etwa ’ne böse Schwiegermutter?

Gar keine, sagte ich. Und lachte nicht mehr.

Ich hatte ihm schon gestern ganz allgemein angedeutet, dass ich bei meinen Urgroßeltern auf gewachsen war, auch, dass meine Großeltern im Krieg durch Bomben ums Leben gekommen waren, und weil er dazu nur genickt und pietätvoll nichts weiter gefragt hatte, da sagte ich ihm auch nichts weiter von dem, worüber in unserer Familie sowieso eisern geschwiegen wurde gegenüber Dritten. Obwohl ich bei Jan, anders als bei Fiete Greiling, das Gefühl hatte, das sei endlich der, dem ich alles erzählen könne. Auch jetzt wieder: In einer Minute wäre alles vorbei, er wüsste Bescheid. Vermutlich würde er’s verstehen. Aber war schon gestern – zwischen zwei Küssen – nicht die Situation gewesen für diese ganze entsetzliche Geschichte mit meinen Eltern, so fand ich’s jetzt nach diesem Jux noch viel unpassender, damit zu beginnen. Um ehrlich zu sein: Ich hatte auch Angst davor, wie er es aufnehmen würde.

Ich hatte keine Eltern, sagte ich.

So ’n Quatsch, sagte Jan noch heiter, einen Vater hat nicht jeder, ich hatte sogar zwei, das gibt’s, aber ein Muttchen …

Nein, hör zu, sagte ich und machte mich frei, ich will nicht, dass du mich jetzt danach ausfragst. Ist das klar?

Nun sei bitte nicht gleich böse, bat ich, weil ich merkte, dass ich wieder einmal prompt ins verkehrte Fahrwasser geraten war.

Jan wäre fast auf sein unbezogenes Bett gefallen.

Verdimmich und verdammich, flüsterte er, was ist nun schon wieder los? Hü oder hott? Fünf Minuten Spaß, fünf Minuten Krach – sollen wir vielleicht mal so miteinander leben? Gar nicht dran zu denken!

Wie Mammeli und Pappeli …

Was? fragte er verdutzt.

Nichts. Das war ein Alter mit seiner Alten bei uns im Dorf. Man nannte sie so, Mammeli und Pappeli. Die liebten sich, aber verprügelten sich täglich. Aus Eifersucht. Nur sonntags war bei ihnen Frieden, da gingen sie einträchtig in die Kirche und sangen im Chor. Die Dorfrowdys haben ihnen schwer mitgespielt, Lehm auf den Klingelknopf geklebt und so was. Bei Mammeli und Pappeli wurde immer gespenstert: abends Lichter in ausgehöhlten Kürbisvisagen vors Fenster gehalten, die Türklinke mit Schuhwichse bestrichen und solche Rabaukenstücke. Denn Mammeli und Pappeli ärgerten sich schön laut! erzählte ich redselig, damit der Jan nicht mehr auf die andere Geschichte kam.

Sag mal, Bienchen, hast du irgendwelche Sorgen? fragte er.

Inzwischen sind sie schon gestorben, sagte ich.

Wie bitte? fragte er.

Mammeli und Pappeli.

Ach so, sagte er abwesend.

Hm. Beide. Innerhalb einer Woche.

Also wie Mammeli und Pappeli, sagte er. Na gut, einverstanden.

Ich sagte: Mein Lieber, wer mir über den Weg läuft, hat die Folgen zu tragen. Aber ich verhaue dich nicht zu oft, Ehrenwort. Und nun marsch, Maler, ab zum Kaffeemahlen!

Er grinste mühsam, fast wie an jenem Tag vor drei Wochen, an dem er mich zum ersten Mal sah, und dann ging er wortlos raus.

Jan war mir übrigens gar nicht über den Weg gelaufen. Sondern gefallen. Präziser: gestürzt. Einige hundert Meter von unserem spreewäldischen Kurheim entfernt war das passiert, unmittelbar vor dem alten Kretscham an der Landstraße, zu dem abends unsere Kurhorden pilgerten, um sich vom Poldrack-Wirt Gebratenes und Gesottenes zu erbetteln, eine Runde um die Musikbox zu walzen und auf die überstandenen Bade- und Gymnastikanstrengungen einen zu heben.

Dort hatte der Bürger, wie unser ABV-Ossi, der ihn auf einem Tafelwagen zur Ersten Hilfe bei uns einlieferte, mit steinerner Ruhe und breitem Oberlausitzer Rollen berichtete, einen plötzlichen Bremsvorgang eingeleitet, was zur Folge hatte, dass sein Kraftrad nach rechts ausbrach, der Bürger selbst gegen den Steinpfosten des Tores am Kretschamhof geschossen wurde, und zwar immerhin noch mit einer Beschleunigung von gut fünfunddreißig Kilometern je Stunde, die schneidige Maschine aber – an dieser Stelle bekam sogar der abgebrühte ABV-Ossi vor Begeisterung einen Glanz in die Augen – gleich einem rotsehenden Stier durch das Hoftor taumelte, mit Karacho über den leeren Hofvorplatz pfefferte und sich noch im Salto schwungvoll überschlagend auf dem Misthaufen landete, wo sie vom Augenzeugen Ossi zwar übelstinkend und mit einigen Kratzerchen, zerscheppertem Scheinwerfer und verbogener Fußraste, doch ansonsten vollkommen unbeschädigt sichergestellt werden konnte.

Der Bürger hatte den Pfosten mit dem Helm geschrammt. Oben war der Torstein nach altem Brauch mit Donnerwurz bepflanzt, der das Haus vor Blitzschlag beschützte, den Bürger jedoch nicht vor einer Gehirnerschütterung.

Und das alles hatte sich begeben, weil der Bürger – hier sagte Ossi ruhig, aber mit Nachdruck: dieserrr gottverluchtverrrückte Himmelhund! – eine Entenmutter hatte retten wollen, die gerade mit der Marschformation ihrer kleinen Entlein hintendran quer über die Straße zum Nachmittagsbad im nächsten Tümpel gewatschelt war.

Der Bürger sei kurz weggetreten gewesen, habe aber dann schon wieder protestieren können, als ihn Ossi auf den Tafelwagen gepackt und darauf festgeschnallt habe, für alle Fälle und zur Beruhigung.

Ossis rührselige Entchenstory schlug sofort den gesamten weißen Schwarm unseres Kurheimes in Bann und die Patientinnen von siebzehn bis siebzig dazu.

Sogar unsere Obermedizinalrätin, die wir ihrer rauen Art wegen Miss Sandpapier nannten, bekam Sentimentales in die Stimme, als sie verkündete, man werde nach Absprache diesen feinen, tierliebenden jungen Menschen, für den gottlob weder Contusio noch Compressio noch sonst irgendwelche Komplikationen zu befürchten seien, nicht ans Krankenhaus ausliefern, sondern ihn hier am Orte seiner ergreifenden Tat unter Aufsicht des gesamten medizinischen Personals von seiner kleinen bis mittleren Commotio genesen lassen – worauf die Belegschaft in Beifall ausbrach, einmütig wie selten.

Mir war vorher die Ehre zugefallen, den Verunglückten in Empfang zu nehmen, ihn nach der Untersuchung vollends auszuziehen, zu waschen, zu bepflastern und ins Bett zu bringen, und ich fand dabei überhaupt nichts Bemerkenswertes an dem blaugeprellten nackten jungen Mann, der noch nichts ahnte von seinem Glück und vom Sonnenglanz des Ruhmes, der bald auf ihn fallen sollte.

Ich hatte mir ohnehin angewöhnt, solchen außergewöhnlichen Ereignissen mit gewisser Gelassenheit zu begegnen. Weil ich gemerkt hatte, dass es mich stets mehr mitnahm als alle anderen, die es eigentlich betraf.

Sein Lächeln bei meinem Anblick schwand ihm, als die Übelkeit wie erwartet zuschlug. Er kotzte eine geschlagene Stunde in die Brechschale, die ich ihm hinhielt, sah nicht sehr gut aus dabei, doch er stand es durch, ohne sich selbst leid zu tun, wie man das oft hatte bei solchen selbstsicheren Burschen. Dann beguckte er mich noch einmal wie eine Rarität und schlief ein für sieben Stunden.

Beim Studium der Brieftasche des Verunglückten für den Krankenbogen erfuhr ich aus seinen Ausweisen, dass er den Glücksnamen Sonntag führte und Horizontalbohrer war – worunter ich mir absolut nichts vorstellen konnte, was aber meine lebenslustige runde Kollegin Elsbeth aus der Registratur zu den gewagtesten Gedankenverbindungen inspirierte –, dass er wie ich die seltene Blutgruppe AB hatte – wenn du dir den aufgabeln würdest, dachte ich da so ohne besondere Absicht, hätten also eure Kinder entsprechend der Bernsteinschen Regel niemals die Blutgruppe 0 – und dass er bei der Armee gewesen war. Aus verschiedenen Auftragspapieren erlas ich, dass er geradewegs aus der Volksrepublik Polen kam, wo er in irgendeinem Städtchen mit unaussprechlichem Namen Werkzeugmaschinen seines Betriebes aufgestellt hatte, ein fahrender Ritter der Integration also, und aus einigen Mädchenbildern mit Widmungsschwüren neben dem Fotografenstempel auf der Rückseite (auch zwei fremdsprachigen) ersah ich, dass er ein Windhund sein musste.

Er begann denn auch, als er kaum die Augen wieder aufhatte, hemmungslos mit mir zu flirten.

Nun hatte ich dazu die gleiche hart gesottene Einstellung wie die meisten meiner Mitschwestern. Es gehörte beinahe zum alltäglichen Dienst, dass einem jüngere Patienten den Hof, die im Mittelalter stehenden ziemlich unverblümte Anträge und die älteren Patienten wiederum den Hof machten. Ein Mann, der sich bei uns überhaupt um nichts weiter scherte als um seine Wasserkuren, würde beträchtliches Aufsehen erregen, wäre im Nu als Snob beziehungsweise Impotenter verschrien. Und selbst wenn sich einer, nachdem er bei uns nicht landen konnte, Entsagung schwüre, so würde er doch mit Sicherheit bald auf die Umlaufbahn dieser oder jener Kurpatientin geraten und schließlich, aufflammend wie ein Meteor, ihrer Anziehungskraft erliegen. Mich wundert’s sowieso, dass noch kein Wissenschaftler bei uns brachliegendes Material aufgestöbert und eine „Sittengeschichte des Kurbetriebes“ aus marxistischer Sicht begonnen hat. Das würde garantiert ein Bestseller auf dem Buchmarkt.

Jan nahm also gleich mit vollem Anlauf und übelkeitbezwingendem Lächeln Kurs auf mich, die Dienstschwester. Ich überlegte später allen Ernstes, ob er etwa unter der Einwirkung einer erlebnisbedingten Schreckreaktion zu Fehldeutungen der Umweltvorgänge kam, ob er als Folge eines zerebralen Mikrotraumas für Sekundenbruchteile ins glückselige Säuglingsstadium zurückgeschleudert worden war und als Ziel seiner Emotionen das erste beste nahm, was er nach dem Aufwachen erblickte: mich.

Ich konnte mir einfach keinen Vers darauf machen, dass er für mich immer mehr in Feuer geriet, trotz meiner geübten kühl-freundlichen Abwehrmanöver, trotz der bald darauf einsetzenden Besichtigungscour der Medizinweiber, die ihm den Nachttisch mit Apfelsinen, Schmökern und Blumenväschen beluden, die ihm belebende oder beruhigende Psychopillen röhrchenweise unters Kopfkissen schmuggelten, ihn mit atemberaubendsten Krankenschwesterreizen beschossen – und wir haben da wirklich ein paar aufregende Exemplare in unserem Kollektiv.

Aber nichts focht diesen Sonntag an, er ließ es höflich über sich ergehen und wandte sich dann getreulich wieder mir zu. So dass wir beide bald im Frühstücksklatsch als Pärchen geführt wurden. Aus Erfahrung wusste ich, dass es sinnlos war, gegen eine derartige Meldung unserer Hauszeitung und Reinigungskraft Traudel, genannt Blitzpolitur, Sturm zu laufen. Zumal es hier nicht um üble Nachrede ging – auch da wäre jede Müh vergebens gewesen –, sondern um eine herzergreifende Liebesgeschichte, die der Entchenstory ein neues Glanzlicht aufsetzte, die auch von allen bereitwillig akzeptiert und ausgeschmückt weitererzählt wurde.

Sogar meine wunderhübsche Schichtkollegin Dagmar, die ihre hellen Augen zuvor am heftigsten auf den gestürzten Motorradler Sonntag geworfen hatte, ließ ab von ihm, allerdings mit dem ätzenden Kompliment, dessen Typ seien wohl mehr die unbeständigen Dunklen.

Dagmar war blond und seelenvoll. Sie sang bei den Jungen Talenten, und als ihr Lieblingslied galt der Operettensong von Vilja, dem Waldmägdelein.

Als er einige Tage später aufstehen durfte, hatte er überhaupt nur noch Augen fürs Motorrad, das unser Gärtner in Verwahrung genommen hatte, und für mich.

Es war kein sehr ehrenwertes Spiel, das ich da mit ihm trieb, zugegeben. Ich ließ ihn lange meine Hand halten, plinkerte ihm zu, wenn wir uns begegneten, spazierte mit ihm im traulichen Gespräch durch den Park – und war dabei ständig auf der Hut: mit mir nicht, Freundchen!

Aber er kam mir einfach mit so unverfrorener Sympathie entgegen, dass ich ein sanftes Herzstechen zu verspüren begann, wenn ich an ihn dachte.

Abends gingen wir zum Gärtner und spielten zu dritt Canasta.

Vielleicht, dachte ich, ist das für ihn wirklich mehr als nur eine Episode? Kann es denn so etwas überhaupt geben? Darf da ein verrückter Zufall einfach anfangen, Schicksal spielen zu wollen?

Der alte Gärtner Aurikel-Anton, der ein Glasauge hatte und ein gutmütiges, schweigsames Raubein war, gewann fast alle Canastapartien. Wir zwei Jungen waren wohl beim Spielen zu unaufmerksam.

Der Freundschaft mit Aurikel-Anton verdankte Jan die schönen Blumen, die er mir brachte: blaublühenden Rittersporn, Rosen, Madonnenlilien und Phloxstängel mit betäubendem Duft.

Meine Kolleginnen bewunderten den Fleuropflor in unserem Dienstzimmer, nickten einander bedeutungsvoll zu und bekamen einen mütterlich verklärten Ausdruck, wenn sie mit mir sprachen. Es war wie im Kino.

Als er mit einem farbblitzenden Sträußlein in eine Dienstberatung platzte, sagte die anwesende Miss Sandpapier, die normalerweise jeden Störenfried fürchterlich zusammengestaucht hätte, lediglich mit herzlich-grimmigem Lächeln: Wenn Sie den Rat einer lebenserfahrenen Frau wollen, junger Freund, hören Sie mit Botanik auf und gehen Sie zur Anatomie über. Gehen Sie endlich ran.

Doch der Patient Jan Sonntag machte überhaupt keine Anstalten dazu.

Wenn wir miteinander spielten, war’s Canasta. Mit Anton.

Ein paar Tage darauf wurde er entlassen.

Ich wollte ihm wenigstens den Gefallen tun, ihn um seine Adresse zu bitten, obwohl ich die auch vom Krankenbogen hätte abschreiben können.

Er sagte aber, das sei gar nicht nötig, auf Wiedersehen, und damit stülpte er sich den angeschlagenen Helm auf, klappte das Visier zu, warf sein spektakelndes Mordsinstrument an und mit randalierender Hupe die versammelte winkende Belegschaft grüßend, raste er davon. In der Kurve zur Straßenausfahrt lag er, auf seiner zerkratzten Maschine kauernd, schon wieder so schräg, dass es mir einen Stich gab. Gut gehalten, alte Sabine, sagte ich mir. Dem hast du widerstanden. Jetzt kennst du die Menschheit komplett.

Ich dachte mir den ganzen Tag solche simplen, aufmunternden Sentenzen aus – und verspürte dabei ein wenig Bedauern. Gegen Abend war ich beim Katzenjammer gelandet. Ich war mir gar nicht mehr so glattweg sicher über den Jan Sonntag und über mich. Vor allem wusste ich nicht genau, ob ich ihn nun überschätzt oder unterschätzt hatte.

Ich wusste überhaupt nichts mehr, heulte mich gründlich aus und verfluchte dabei diesen Klotz, der nicht einmal den Versuch unternommen hatte, mir ein bisschen zu nahe zu treten. Als ich die Nachtwache antrat, war ich zu dem Entschluss gekommen, dass ich ihm wahrscheinlich schreiben würde. Und während ich im einsamen Bereitschaftszimmer noch aus allerlei krausen Einfällen die Formulierungen für diesen Brief herausfilterte, klingelte es unten. Ich sprang die Treppen hinunter, gegen die Vorschrift zwei und drei Stufen zugleich, von einer unbestimmten Ahnung getrieben. Und dann begann mein Herz ungestüm zu klopfen.

Er war wiedergekommen!

Es stellte sich heraus, dass er nur seine Mutter beruhigt und sein Zelt geholt hatte.

Die Kaffeemaschine war nicht in Betrieb, ich kochte ihm zur Bewirtung kännchenweise den Nektar des Gesundheitswesens, unsere Plempe, die er mit Todesverachtung schluckte, obwohl ihm dabei der Schweiß ausbrach.

Er redete über alles Mögliche. Ich gab nur zerstreute Antworten. Ich musste ihn immer wieder ansehen.

Ich war völlig durcheinander.

Dazu kam ein unruhiger Nachtbetrieb. Nach eins warfen die unermüdlichen Schwarmgeister aus Zimmer einundzwanzig wieder ihre selbstgeknüpperte Strickleiter von außen übers Balkongitter und hangelten sich hoch, vollgetankt mit Radeberger Bier. Zwei ansonsten vernünftige Frauen aus Magdeburg fielen in dekorativen Nachthemden und mit der gegenseitigen Beschuldigung des Schnarchens bei mir ein. Jans Anblick dämpfte ihre hysterische Forderung, ich solle sie auf der Stelle in andere Zimmer verlegen, völlig. Einträchtig tuschelnd verschwanden sie, um diesen Skandal zu analysieren. Der alte Möbeltischler mit Herzasthma auf Zimmer siebzehn, der infolge Verwechslung der Kurpapiere zu uns gekommen war, hatte wieder seine schlimmen Stunden. Ich musste ihm einige Kubik in den Oberarm jagen und sah öfters nach ihm, obwohl es ihm auch nicht weiter helfen konnte.

Dagmar, bei der Ablösung am frühen sonnenüberfluteten Tag, hatte sich erstaunlich in der Gewalt. Sie tat, als sei das ein alltägliches Bild, dass ein fröhlich grienender Jan Sonntag, die Arme unterm Kopf, lang gestreckt auf der Lederpritsche im Bereitschaftszimmer lag.

Anders die Küchenfrauen in der Kantine: Sie fielen fast über den Ausgabeschalter vor Neugierde. Dann aber machten sie sich ans Werk und brieten uns eine Riesenportion Schinkenrührei. Die Köchin Brunhilde, unsere Kesselwalküre, brachte uns eigenhändig den Kaffee an den Tisch, augenzwinkernd, und mit Lautsprecherstimme sagte sie, der sei extrastark, was wir zwei Hübschen doch sicher verdammt nötig hätten, oder?

Wir fielen schweigsam und konzentriert über das Frühstück her.

Es war ein friedlicher Morgen. In der Küche setzten die Frauen scheppernd die Teller zu weißen Türmchen übereinander. Mit betörendem Duft schmurgelte der Braten für das Mittagessen in den Pfannen. Nebenan im Klubraum der Kantine summte gemütlich eine Bohnermaschine.

Eine dreiviertel Stunde später begann der normale Betrieb. Wir wurden zum Ereignis, darum gingen wir rasch.

Ich hatte erwartet, dass er nüchtern und sachlich fordern könnte, ich möge ihn gefälligst mit zum Pennen rauf ins Zimmer nehmen. Obwohl wir uns doch noch nicht einmal geküsst hatten.

Aber Jan verkündete gleich gähnend, er müsse mal richtig ausschlafen.

Er brachte mich noch zur Villa, in der wir Schwestern wohnten. Vom oberen Balkon unseres Klosters hielt ich Ausschau. Er fuhr mit seinem Motorrad, das hinten ein ulkiges Anhängsel hatte und dadurch gar nicht mehr so gefährlich erschien, zur Brücke hinunter. Ich sah, wie er auf der Wiese hinterm Fluss sein Zelt aufzustellen begann. Von ferne sah es aus wie ein orangefarbenes Dreikanthölzchen aus einem Kinderbaukasten, an dem ein kleines Männchen, braun gebrannt wie Vollmilchschokolade, herumwerkelte. Das Zwerglein sauste dann zum Fluss und planschte im weiß aufspritzenden Wasser umher.

Sonderbar, mir war, als müsste ich gleich auf der Stelle zu ihm hinunterrennen, den erhitzten Kopf unter die leicht nach Fisch riechende Wasseroberfläche tauchen, um mit angehaltenem Atem die Lichtwellen am sandigen Grund zu sehen und die winzigen Fischlein, die schwarmweise mit exakten Wendungen hin- und herschießen.

Ich ging aber tugendhaft ins Zimmer. Wenn man sich was nicht traut, ist es immer Tugend.

Lange konnte ich nicht einschlafen. Daran mochte auch Brunhildes herzerschütternder Kaffee schuld sein.

Abends gerieten wir im Kretscham unter ein lustiges Völkchen, das eine Geburtstagsfete feierte oder ein Bergfest oder sonst was, der Anlass war nicht genau zu erkennen. Ein ausgelassener, quirliger Haufen Leute jedenfalls, alle schon angeschwipst. Der Poldrack-Wirt spielte Tischleindeckdich für sie, und wir gehörten ohne Zeremonie mit zur Runde, weil Jan ihre Einladung, uns mit ranzusetzen, augenblicklich annahm. Ich hätte wahrscheinlich abgelehnt. In Gaststätten gehe ich auch immer an einen leeren Tisch. Ich bin nicht so ein Mensch, der sofort Kontakt zu Wildfremden bekommt. Vielleicht liegt’s daran, dass ich bei alten Leuten aufgewachsen bin, da wird man wohl leicht wunderlich.

Es war eine prima Gesellschaft. Sie zerkrümelte nicht zu Tanzpärchen, die mondsüchtig um die Musikbox herumwogten, sondern blieb beisammen, geschlossen sozusagen, ’ne geschlossene Gesellschaft, und wir gehörten im Nu dazu und spielten diese ganzen Sachen zum Totlachen einfach mit.

Ich fand zum ersten Mal, ich hätte es gut getroffen.

Bei einem der Gesellschaftsspielchen musste ich Jan küssen. Es ging auch ohne vorheriges Üben ganz ohne Komplikationen. Und es gefiel uns so, dass wir uns gleich noch einmal küssten und dann noch mal; die Truppe fand überhaupt nichts dabei und spielte inzwischen weiter. Einer hielt in fließendem Sächsisch einen spaßigen Sermon über irgendeine Ingrid und sagte, man solle ihr zu Ehren einen zur Brust nehmen.

Wir nahmen zu Ingrids Ehren einen zur Brust.

Dann zwitscherten sie einen auf Erwin oder Egon, ich konnte diese Namen noch nie auseinanderhalten, und später gossen sie auf Wohl und Gesundheit von Marianne, Heinzi, Ruckzuck-Suschen und einigen anderen eins hinter die Binde.

Wir saßen auf den harten, alten, hochlehnigen, handbemalten Kretschamstühlen, waren fröhlich miteinander und vergaßen die Zeit.

Kurz vor zehn rannten wir los, ich musste zum Nachtdienst, und der erste Tag war vorbei.

Jan trollte sich zum Fluss hinunter, doch am frühen Morgen, als noch alles schlief, stand er unten im Park, warf Steinchen ans Fenster, und wir gingen zusammen zur Kesselpauke Brunhilde frühstücken.

Ich sah ihm mit sehr zwiespältigem Gefühl vom Balkon aus nach, wie er da brav zu seinem Zelt schlenderte, und träumte dann, er hätte doch was mit der schönen Dagmar.

Am Nachmittag hatte ich Konfliktkommissionssitzung: klebriger, zäher Streit um Kompetenzfragen zwischen einer jungen Arztpraktikantin, ehrgeizig bis zu Gipshärte, und unserer starrsinnigen Oberschwester Else, vor der sogar die Chefin Respekt hatte und die bei uns Oberelse hieß. Das Duell dauerte bis in die Puppen, und als wir es wenigstens provisorisch geschlichtet hatten, dämmerte es schon. Jan wartete getreulich auf der Bank vorm Haus, doch uns blieb kaum eine knappe Stunde im hellen Abendrot, dann musste ich wieder auf Nachtwache ziehen wie ein Soldat.

Für den dritten Tag hatte Jan dem Aurikel-Anton versprochen, ihm beim Fällen eines morschen Walnussbaumes zu helfen. Ich hörte vormittags im Halbschlaf vom Park herauf die Säge schreien und die Äxte klopfen und duselte wieder ein mit dem beruhigenden Gefühl, diesen braven Holzhacker ganz in der Nähe zu haben.

Sie waren aber nicht nur dem Nussbaum zu Leibe gegangen, sondern nach erledigter Arbeit auch der Obstweinbatterie in Antons Keller, um den Baumfall zu feiern. Die brütende Nachmittagshitze und Antons hochoktanigen Stachelbeer-, Zwetschen- und Apfelweine hatten das Ihre getan: Sie saßen sich rittlings auf dem Stamm gegenüber, schwenkten verwegen die Zahnputzbecher und sangen: „Figaro hier, Figaro dort, Figaro links, Figaro rechts, Figaro oben, Figaro unten …“

Einige Weiber aus der Kurbelegung verharrten wie eine Rehherde in geziemender Entfernung und schmachteten Jans braunen Oberkörper an.

„Ich bin das Faktotum der schönen Welt!“, johlten der Alte und der Junge. Mit ungewohnter Begeisterung hieb Aurikel- Anton auf Rindenschründe, narbige Schnitzherzen und auch andere Symbole, blickte Jan scharf an und brummte zärtlich: Aus dir wär auch ein Gärtner geworden, kleines Bürschel.

Er rülpste vernehmlich, doch hinter vorgehaltener Hand und fügte hinzu: Hol’s der Satan!

Ich setzte mich, gut ausgeschlafen und stocknüchtern, auf eine benachbarte Bank und beobachtete sie.

Anton entdeckte mich nach einer Weile als erster, stieß Jan an, und der kam sofort hergerannt. Er lief wie auf Eiern. Sein überschwänglicher Freudenausbruch hauchte mir eine herbe Weinfahne ins Gesicht. Ich freute mich, dass er gutmütig blieb. Einige Promille wirken wie Lackmuspapier, was den Charakter betrifft.

Mit schwesterlicher Beredsamkeit eiste ich ihn von Weinbuddel, Anton und Walnussreitpferd los.

Wir gingen am diesseitigen Flussufer baden und tobten im seichten, lauen Wasser umher, bis es duster wurde, bis nach Sonnenuntergang der Himmel aufglühte wie eine Eisenkante im Feuer. Dann zogen wir uns an und kletterten, uns gegenseitig festhaltend, den Flusshang hoch.

Auf der Brücke schob ich meine kühlen Hände unter sein Haar im heißen Nacken, und wir küssten uns.

Ich würde, das wusste ich plötzlich mit fast schmerzhafter Gewissheit, diesen Moment, als wir mitten auf der Brücke standen, im Leben nie vergessen …

Oben brummelte irgendeine Abendmaschine in Richtung Osten. Sie hatte schon die Positionslichter brennen, abwechselnd ein rotes und ein grünes: zwei zwinkernde bunte Sterne. Wenn man genau hinsah, konnte man die Bullaugen erkennen und auf dem riesigen roten Augustmond überm Horizont die Gebirge.

Vom Wein beschwingt, begann mich Jan mit sanfter Beharrlichkeit nach der anderen Seite zu ziehen, wo im Schatten des Lärchenwaldes sein Zelt stand, dorthin, wo schon dünne Nebelschwaden aufstiegen und die Wiese einhüllten – ein milchig silbernes Fotonegativ.

Da sagte ich ihm, dass ich am nächsten Morgen wegfahren würde.

Er war sofort nüchtern. Fragte, wohin und wie lange. Schwieg.

Hieb schließlich aufs eiserne Brückengeländer und erklärte mir entschlossen, er werde mich mit seinem Motorrad hinkutschieren.

Und ich sagte, ohne viel zu überlegen, ohne in diesem Augenblick gar die Konsequenzen zu bedenken, beinahe instinktiv überzeugt von der Richtigkeit dieser Entscheidung – sagte ihm, ja, er solle mitkommen zu mir nach Hause ins Erzgebirge und solle dort bei mir bleiben und mein lieber Gast sein.

Wir rannten zum Jungfrauenkloster und klopften Veronika aus dem Bett, ein Küchenmädchen, die einen Freund aus der Kreisstadt hatte, der sie auch immer mit einem Motorrad entführte. Lange beschwatzten wir Vroni, und nur weil ich’s eilig hatte zur Nachtschicht, ließ sie sich endlich herbei, mir für ein sündhaftes Geld ihren Sturzhelm zu verscherbeln. Er stand mir überaus gut, ich sah aus wie ein Jockey mit gepolsterter Mütze.

Zwanzig Tage war es her, seit mir der gute ABV-Ossi den Jan angebracht hatte, nicht mehr als drei kleine gewöhnliche Wochen mit drei Montagen, drei Mittwochen und zweieinhalb Donnerstagen. Doch das war unser erstes gemeinsames Stück Vergangenheit.