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Im Lichtschein der Laternen und des Mondes erkannte Lucian Cimescu
eine dunkle Gestalt, die sich über Mara beugte. Seine Frau lag reglos
und mit geschlossenen Augen da, ihr Gesicht war blass.
Als die Tür aufgestoßen wurde, blickte der Mann auf. Lucian war sicher,
dass er ihn nie zuvor gesehen hatte. Die Lippen und das Kinn des Unbe-
kannten waren dick mit Blut verschmiert; selbst seine Augen schienen
mit Blut gefüllt zu sein, denn sie glühten förmlich in einem düsteren
Rot. Lange, nadelspitz zulaufende Eckzähne ragten aus seinem Mund
hervor. Ein Vampir!, durchfuhr es Lucian siedend heiß ...
Die Ereignisse in Tirgostevi streben ihrem Höhepunkt zu. Der mächtige
Hexer Jacques d‘Arcy will die von Zakum gestellte Aufgabe erfüllen und
sich als Fürst der Finsternis empfehlen. Einzig Coco und der Dämonen-
killer könnten seine Pläne noch durchkreuzen. Aber was besagt eigent-
lich die ominöse Prophezeiung, um die sich alles dreht?
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Seitenzahl: 140
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Was bisher geschah
EINE DUNKLE PROPHEZEIUNG
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
mystery-press
Vorschau
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Impressum
Cover
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Der ehemalige Reporter Dorian Hunter hat sein Leben dem Kampf gegen die Schwarze Familie der Dämonen gewidmet, seit seine Frau Lilian durch eine Begegnung mit ihnen den Verstand verlor. Seine Gegner leben als ehrbare Bürger über den Erdball verteilt. Nur vereinzelt gelingt es dem »Dämonenkiller«, ihnen die Maske herunterzureißen.
Bald kommt Dorian seiner eigentlichen Bestimmung auf die Spur: In einem früheren Leben schloss er als Baron Nicolas de Conde einen Pakt mit dem Teufel, der ihm die Unsterblichkeit sicherte. Um für seine Sünden zu büßen, verfasste de Conde den »Hexenhammer« – jenes Buch, das im 16. Jahrhundert zur Grundlage für die Hexenverfolgung wurde. Doch der Inquisition fielen meist Unschuldige zum Opfer; die Dämonen blieben ungeschoren. Als de Conde selbst der Ketzerei angeklagt und verbrannt wurde, ging seine Seele in den nächsten Körper über. So ging es fort bis in die Gegenwart. Dorian Hunter begreift, dass es seine Aufgabe ist, de Condes Verfehlungen zu sühnen und die Dämonen zu vernichten.
In seinem Kampf findet Dorian mächtige Verbündete – die Freimaurerloge der Magischen Bruderschaft; den Hermaphroditen Phillip, der stets in fremden Sphären zu leben scheint; den Steinzeitmenschen Unga, der einst dem legendären Weißmagier Hermes Trismegistos diente; den früheren Secret-Service-Agenten Donald Chapman, der von einem Dämon auf Puppengröße geschrumpft wurde; vor allem aber die ehemalige Hexe Coco Zamis, die aus Liebe zu Dorian die Seiten gewechselt hat und ihm einen Sohn, Martin, geboren hat. Aber die Dämonen bleiben nicht untätig: Es gelingt ihnen, mit dem Castillo Basajaun einen wichtigen Stützpunkt der Magischen Bruderschaft in Andorra zu zerstören. Damit bleibt Dorian als Rückzugsort nur noch die Jugendstilvilla in der Londoner Baring Road.
Bei Ausgrabungen in Israel wird der Angisus Nathaniel – ein »Engel« – entdeckt. Dieser wollte die Welt zerstören und wieder komplett neu aufbauen. Doch Nathaniel wird vernichtet. Einige Zeit später bringt Helena Riedberg sein Kind zur Welt: Larissa. – Nach Luguris Tod ruft Zakum potenzielle Kandidaten dazu auf, sich als neuer Fürst der Finsternis zu bewerben. Um sich zu beweisen, soll der französische Hexer Jacques d'Arcy eine geheimnisvolle Prophezeiung aus dem verschwundenen Archiv bergen. Dies soll sich in der Umgebung des rumänischen Dorfes Tirgostevi befinden.
Coco und Martin müssen vor unerwarteten Attacken des Hermaphroditen Phillip aus der Jugendstilvilla fliehen. Dabei hilft ihnen der mysteriöse Isbrant. Obwohl sie erkennt, dass sie von Isbrant beeinflusst wird, kann sich Coco nicht widersetzen. Sie erreichen ein Schloss nahe Tirgostevi, wo Coco eine alte Bekannte erwartet: die Vampirin Rebecca! D'Arcy ergreift die Kontrolle über Tirgostevi und zieht fast alle Fledermausdiener Rebeccas auf seine Seite. Davon ahnt Coco nichts, die mit Vampirbissmalen erwacht und Rebecca eines falschen Spiels verdächtigt ...
von Frank Rehfeld
Seit fast einer Viertelstunde stand Jacques d'Arcy regungslos am Fenster von Fornesceaus Büro im Rathaus und starrte auf die Straße hinaus. So ruhig er nach außen hin wirkte, so aufgeregt war er in seinem Inneren. Er konnte den Anbruch der Dämmerung kaum noch erwarten und freute sich auf eine weitere Nacht voller aus Leid, Furcht und Schmerz geborener Ausschweifungen, noch ekstatischer als die vorige.
Wenn alles so lief, wie er es plante, würde er nicht nur eine beispiellose Wollust erleben, sondern auch in dieser Nacht noch Rebeccas Kristallzauber außer Kraft setzen können und auf ihr Schloss gelangen. Dort würde er sich nicht nur die Prophezeiung holen, sondern er war auch fest entschlossen, Coco und Martin Zamis in seine Gewalt zu bringen. Den Jungen hatte der geheimnisvolle Fremde, der ihm überhaupt erst von diesem Schloss erzählt hatte, als Preis für seine Hilfe verlangt, aber d'Arcy wäre auch mit Coco allein zufrieden. Ihre Entführung würde Dorian Hunter, dem verhassten Dämonenkiller, einen schweren Schlag versetzen und gleichzeitig seine eigene Position innerhalb der Schwarzen Familie stärken.
Diesen Erfolg könnte er noch zusätzlich krönen, wenn es ihm gelingen sollte, auch Rebecca gefangen zu nehmen. Sie galt offiziell als tot, aber es gab eine Menge Dämonen, die nicht besonders gut auf sie zu sprechen waren. Wenn er die Vampirin als seine Gefangene präsentieren könnte, würde dies seine Macht eindrucksvoll unterstreichen. Allerdings glaubte er selbst nicht recht daran, dass ihm dies gelingen würde, und er war nicht bereit, ein übermäßig großes Risiko einzugehen. Wahrscheinlich würde es einfacher sein, sie zu töten, aber selbst das könnte er sich als einen beachtlichen Erfolg auf die Fahne schreiben.
Es war ihm schwergefallen, sich in der Kirche aufzuhalten, doch die Kraft, die er in der vergangenen Nacht getankt hatte, hatte ihm geholfen, die Schmerzen, die der geweihte Ort ihm bereitet hatte, zu ertragen. Dies war einer der wichtigsten Schritte seines Plans gewesen. Nun waren alle entscheidenden Weichen gestellt.
»Es ist so weit«, wandte er sich an den Bürgermeister. »Kommen Sie.«
Gemeinsam verließen sie das Rathaus und machten sich auf den Weg zur Kirche.
Als er den Wagen zurückbrachte, verschwieg Lucian Cimescu dem Schmied, dass er es aufgrund eines ihm völlig unbegreiflichen Phänomens gar nicht erst geschafft hatte, Tirgostevi zu verlassen. Stattdessen behauptete er, das Telefon hätte auch im Nachbarort nicht funktioniert, anscheinend handele es sich um eine Störung im Telefonnetz der gesamten Umgebung. Seine beiden misslungenen Versuche und seine Grübeleien darüber hatten genug Zeit gekostet, sodass die Lüge nicht auffiel; zumindest schöpfte Pietro keinen Verdacht. Stattdessen versuchte der Schmied ihn in ein Gespräch zu verwickeln, was es mit der Krankheit seiner Frau denn nun auf sich habe und was mit ihr geschehen würde, da es ihm nicht gelungen sei, sich mit dem Gesundheitsamt in Verbindung zu setzen.
Lucian wollte so schnell wie möglich nach Hause und hätte am liebsten gar keine Zeit mit Erklärungen vertrödelt, zumal er im Grunde ohnehin keine anbieten konnte. Anderseits aber wollte er Pietro nicht verprellen, da es durchaus möglich war, dass er ihn am nächsten Tag noch einmal um den Wagen bitten musste, in der Hoffnung, dass die unsichtbare Sperre dann verschwunden wäre oder es ihm irgendwie gelingen würde, sie zu durchdringen. Aus diesem Grund gab er einige knappe, ausweichende Antworten, doch der Schmied hakte immer noch weiter nach. Schließlich riss Lucian der Geduldsfaden. Er erklärte in entschlossenem Tonfall, dass er gerade deshalb, weil er an diesem Abend keine Hilfe von außen mehr erwarten dürfte, noch eine Menge zu arbeiten hätte, um ein Mittel gegen die Krankheit zu finden, dann verabschiedete er sich ziemlich überhastet. Ohne eine Entgegnung abzuwarten, wandte er sich anschließend ab, hoffte, dass der Schmied sein Verhalten nicht als Unhöflichkeit auslegte und ihm übel nahm, und machte sich mit raschen Schritten auf den Heimweg.
Es war inzwischen vollends dunkel geworden, und sein anfangs nur vages Gefühl, dass er Mara in dieser Nacht besser nicht allein lassen sollte, verdichtete sich mit jedem Augenblick mehr. Eine fremdartige, unheimliche Stimmung hatte von dem Ort Besitz ergriffen. Er konnte seine Empfindungen nicht erklären oder auch nur in Worte kleiden, aber er meinte fast überdeutlich das Unheil zu spüren, das sich über Tirgostevi zusammenbraute. Noch vor wenigen Stunden hätte er über jeden gelacht, der ihm gegenüber etwas Derartiges behauptet hätte, doch jetzt war ihm kein bisschen mehr zum Lachen zumute. Sein Glaube an eine Welt rein rationaler Kausalitäten war so stark erschüttert worden, dass sein gesamtes Weltbild dicht vor dem Zusammenbruch stand. Dahinter lauerte das, dessen Existenz er bislang stets abgestritten hatte: das Übernatürliche, der Aberglaube, der dämonische Spuk. Es kam nicht auf die Bezeichnung an; was zählte, war ausschließlich die höchst reale Gefahr, die davon ausging. Diese konnte er spätestens seit seinem Erlebnis am Ortsrand nicht länger leugnen.
Er überquerte den Marktplatz und registrierte verwundert, dass die Kirche hell erleuchtet war und eine ganze Reihe von Einwohnern auf dem Weg dorthin waren. Anscheinend registrierten auch sie das Unheimliche, das sie umgab, und sie flüchteten instinktiv dorthin, wo Menschen in schwierigen Situationen schon immer Schutz gesucht hatten. Der ungewöhnlich starke Andrang freute den Priester wahrscheinlich so sehr, dass er eine zusätzliche Messe hielt. Obwohl er nie ein religiöser Mensch gewesen war, verspürte auch Lucian selbst ein inneres Drängen, dorthin zu gehen, das er sich nicht erklären konnte.
Er verdrängte es, schloss die Tür seines Hauses auf und trat ein. Sofort machte er sich auf den Weg nach oben, um nach seiner Frau zu sehen, doch als er vor ihrer Tür stand, stockte er. Ein leises Stöhnen drang aus dem Schlafzimmer. Es konnte sich nur um Mara handeln, und dann schien es ihr ziemlich schlecht zu gehen, doch ebenso, wie er zuvor schon das über dem Ort lastende Böse gespürt hatte, meinte er auch jetzt etwas Unheilvolles wahrzunehmen, das ihn warnte. Merkwürdige saugende und schmatzende Geräusche waren jetzt aus dem Schlafzimmer zu hören.
Lucian atmete noch einmal tief durch, dann legte er die Hand auf die Klinke, drückte sie nach unten und stieß die Tür ruckartig auf. Mit einem Blick nahm er das Bild, das sich ihm bot, in sich auf, doch war es so erschreckend, dass er einen Moment lang wie gelähmt dastand und sich weigerte zu glauben, was er sah.
Das Fenster stand weit offen, und im Lichtschein der Laternen und des Mondes erkannte er eine dunkel gekleidete Gestalt, die neben Maras Bett stand und sich über seine Frau beugte. Mara lag reglos und mit geschlossenen Augen da, war offenbar bewusstlos. Ihr Gesicht war blass.
Als die Tür aufgestoßen wurde, blickte der Mann auf. Er hatte ein hageres, längliches Gesicht mit einer stark gekrümmten Hakennase und buschigen Augenbrauen. Lucian war sicher, dass er ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Die Lippen und das Kinn des Unbekannten waren dick mit Blut verschmiert; selbst seine Augen schienen mit Blut gefüllt zu sein, denn sie glühten förmlich in einem düsteren Rot. Lange, nadelspitz zulaufende Eckzähne ragten aus seinem Mund hervor.
Ein Vampir!, durchfuhr es Lucian siedend heiß. Also hatte Radu Petrov doch nicht nur fantasiert. Es gab Vampire, und nach allem, was er in den letzten Stunden erlebt hatte, fiel es Lucian nicht einmal mehr besonders schwer, ihre Existenz als gegeben hinzunehmen. Der Tod des alten Mannes war tatsächlich kein Unfall, sondern ein Mord gewesen, und seine Verstümmelungen hatten nur dazu gedient, die wahre Todesursache zu verschleiern.
Nun konnte Lucian sich auch denken, was es mit der Epidemie auf sich hatte, und woher die kleinen Wunden stammten, die er bei allen seinen Patienten gefunden hatte. Es waren nicht die Stiche von Insekten gewesen, sondern die Bisse von Vampiren. An Maras Schulter waren sie nun deutlich zu sehen, wesentlich größer als im Verlauf des Tages, da sie nun frisch waren und Blut aus ihnen sickerte.
Wütend über die Störung, stieß der Vampir ein grollendes, animalisches Fauchen aus und bleckte dabei drohend seine Zähne. Lucian wich instinktiv einen Schritt zurück, doch gleich darauf siegte die Angst um Mara über seine Furcht vor dem Dämon. Ohne weiter zu überlegen, stürmte er vor, direkt auf den Vampir zu, der viel zu überrascht war, um schnell genug reagieren zu können, weil er mit einem solchen Angriff offenbar nicht gerechnet hatte. Wahrscheinlich waren die meisten Menschen, denen er begegnete, so erschrocken und entsetzt, dass sie höchstens noch an Flucht dachten.
Lucian warf sich auf ihn und riss ihn mit sich zu Boden. Mit aller Kraft hämmerte er dem Vampir seine Faust ins Gesicht, doch dieser schien den Schlag nicht einmal zu spüren. Er überwand seine Überraschung und demonstrierte im nächsten Moment, über welche übermenschlichen Kräfte er verfügte. Scheinbar mühelos schüttelte er Lucian ab und versetzte ihm einen Stoß, dass dieser mehrere Meter weit zurücktaumelte und gegen einen Stuhl in einer Ecke prallte. Obwohl das Möbelstück aus massivem Eichenholz gefertigt war, ging es unter seinem Gewicht zu Bruch.
Ein stechender Schmerz zuckte durch den Rücken des Arztes. Er erkannte, dass er es mit normaler Körperkraft mit dem Vampir nicht aufnehmen konnte, dass dieser ihm auf diesem Gebiet grenzenlos überlegen war. Verzweifelt versuchte er aus seinem Gedächtnis hervorzukramen, was er über Vampire wusste und wie man ihnen beikommen konnte. Den Gruselfilmen zufolge, die er vor vielen Jahren über sie gesehen hatte, fürchteten sie Kreuze, doch da sowohl er wie auch Mara Atheisten waren, hing nirgendwo in ihrem Haus ein Kruzifix.
Während er sich aufrappelte, kam ihm eine Idee. Er griff nach zwei Streben des zerbrochenen Holzstuhls und legte sie kreuzförmig übereinander. Ein richtiges Kreuz, am besten noch von einem Priester geweiht, wäre vermutlich wirkungsvoller, aber auch seine improvisierte Waffe zeigte Wirkung. Der Vampir, der ihm gerade nachsetzen und sich wieder auf ihn stürzen wollte, stieß ein schauerliches Heulen aus und wich zurück. Einen Moment lang blickte er sich fast hilflos um, dann schien er sich zur Flucht zu entschließen, denn er wandte sich dem Fenster zu.
Dazu jedoch wollte Lucian es nicht kommen lassen. Seine Furcht war wie weggeblasen. Die Kreatur vor ihm war über Mara hergefallen und hatte ihr Blut getrunken, und er war entschlossen, sie nicht ungestraft entkommen zu lassen. Mit einem raschen Schritt verstellte er dem Vampir den Weg zum Fenster.
Mit einem neuerlichen Fauchen, das diesmal mehr ängstlich als aggressiv klang, wich der Blutsauger zurück. Als ihm das Bett im Wege war, sprang er darauf und stieg über die immer noch bewusstlose Mara hinweg. Dabei bemühte er sich, das improvisierte Kreuz nicht anzublicken. Offenbar bereitete es ihm nicht nur Unbehagen, sondern regelrechte Schmerzen.
Gnadenlos setzte Lucian dem Vampir nach, drängte ihn immer weiter in eine Ecke des Zimmers, wo ihm kein weiterer Fluchtweg mehr blieb. Er kauerte sich zusammen, hob eine Hand vor die Augen, um sie vor dem Anblick des Kreuzes zu schützen. Er stieß ein paar Worte in einer fremden Sprache hervor, die Lucian nicht verstand, doch ihr Sinn war unschwer zu erraten. Er wollte, dass Lucian wegging und ihm nichts antat, vielleicht bettelte er sogar schon um sein Leben.
Der Arzt dachte gar nicht daran, auf ihn zu hören. Das Flehen des Vampirs war geradezu Musik in seinen Ohren. Unerbittlich trat er weiter vor, wobei er das Kreuz mit ausgestreckten Armen vor sich hielt. Mittlerweile hatte sich der Vampir wie ein Häuflein Elend in der Ecke zusammengekauert, beide Arme schützend über den Kopf erhoben, und wimmerte nur noch leise vor sich hin.
Lucian blieb unmittelbar vor ihm stehen und senkte das Kreuz. Es zischte, und Rauch stieg auf, als er die Arme des Vampirs damit berührte. Der Blutsauger stieß einen schrillen Schrei aus und zog die Arme weg. Wo ihn das Kreuz berührt hatte, zeigte sich eine Brandnarbe auf seiner Haut. Der Geruch nach verbranntem Fleisch erfüllte die Luft.
Noch einmal senkte Lucian das Kreuz auf ihn herab, bis der Vampir schutzlos vor ihm auf dem Boden lag, sichtlich geschwächt durch das heilige Symbol. Lucian zögerte noch einmal kurz und warf einen Blick zum Bett, wo Mara immer noch wie tot lag. Dann zielte er kurz, ließ die Querstrebe des Kreuzes fallen und rammte dem Vampir das zersplitterte Ende des Stuhlbeins in Höhe des Herzens in die Brust. Erneut stieß der Blutsauger einen schrillen, gequälten Schrei aus, doch Lucian ließ nicht locker. Seine Kraft hatte nicht ausgereicht, den Pflock bis in sein Herz zu treiben.
»Stirb!«, keuchte er, dann stemmte er sich mit seinem ganzen Gewicht auf das Stuhlbein und presste es bis zum Boden durch den Leib des Vampirs.
Nachdem sie bereits immer größere Hoffnung geschöpft hatte, dass ihnen die Flucht tatsächlich gelingen könnte, traf die Enttäuschung Coco umso härter. Sie hatte das Gefühl, als ob sich der Boden unter ihren Füßen öffnen und sie verschlingen würde. Resignation überfiel sie, während sie Rebecca betrachtete, die nur wenige Schritte von ihr entfernt stand. Mit Sicherheit befanden sich auch ihre Riesenfledermäuse ganz in der Nähe, kreisten wahrscheinlich irgendwo über den Baumwipfeln.
»Also«, sagte die Vampirin, als Coco nicht antwortete. »Kannst du mir mal erklären, was dieses Theater soll? Warum rennst du einfach zusammen mit dem Jungen aus dem Schloss davon, ohne ein Wort zu sagen, und bringst euch beide damit womöglich in größte Gefahr?«
Coco starrte sie unschlüssig an. Schon vorher hatte Rebecca die Rolle des unwissenden Unschuldsengels hervorragend gespielt, aber jetzt übertraf sie sich selbst. Ihre Verblüffung wirkte völlig echt. Sie hätte einen Oscar verdient. War es möglich, dass sie wirklich unschuldig war? Aber anderseits hatte Coco die Vampirmale an ihrem Bein selbst gesehen. Rebecca selbst oder einer ihrer Diener hatten sie gebissen und von ihrem Blut getrunken, und sie waren Rebecca so sklavisch ergeben, dass sie etwas Derartiges nie ohne ihre ausdrückliche Erlaubnis gewagt hätten.
»Tu doch nicht so«, schleuderte Coco ihr trotzig entgegen. »Du weißt ganz genau, was los ist. Du hast mich betrogen und mein Vertrauen auf die hinterhältigste Weise missbraucht, während ich geschlafen habe. Anfangs habe ich wirklich geglaubt, dass Isbrant für meine Schwäche verantwortlich wäre, aber als ich vorhin aufgestanden bin, habe ich die Wahrheit entdeckt.«
»Ach«, sagte Rebecca ruhig. »Und was soll das für eine Wahrheit sein? Ich habe nicht die geringste Ahnung, wovon du überhaupt sprichst.«
