Dorn. Ruf der Toten - Jan Beck - E-Book

Dorn. Ruf der Toten E-Book

Jan Beck

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Beschreibung

»Was wollen Sie? Ich will dich unsterblich machen.« Der zweite Fall für Simon Dorn und Lea Wagner, bei dem die Grenzen zwischen Leben und Tod, Mensch und Maschine verschwimmen …

Simon Dorn, nach dem Tod seiner bisherigen »Sponsorin« Karla Hofbauer finanziell am Abgrund, wird über das Internet von einer mysteriösen Klientin kontaktiert. Was als Hilferuf beginnt, entpuppt sich als Teil eines perfiden Spiels. Als sie den Kontakt abbricht, bittet Dorn Lea Wagner, bei der Klientin nach dem Rechten zu sehen. Doch die Frau ist tot – verdurstet, und das schon mehrere Wochen zuvor. Neben der Leiche steht ein Computer, auf dem eine KI läuft, die im Namen der Toten mit Dorn kommuniziert hat. Dorn sieht eine Verbindung zu einem ungelösten Fall, bei dem ein Täter seine Opfer in seinem Beisein verdursten ließ. Lange Zeit war der Mörder untergetaucht. Ist er nun zurück? Und warum wenden sich die Toten ausgerechnet an Simon Dorn?

Kriminalpsychologe Simon Dorn hat nach zahlreichen persönlichen Schicksalsschlägen seinen Polizeidienst beendet und sich in das leerstehende Hotel Dornwald in Bad Gastein zurückgezogen. Dort setzt er heimlich seine Arbeit fort. Zimmer für Zimmer verwandelt er das Dornwald in einen Schaukasten ungelöster Mordfälle.
Auch in diesem Fall muss er sich mit der Kriminalpolizistin Lea Wagner zusammenraufen, wenn sie den Mörder stoppen wollen. Und erneut erweisen sich ihre unterschiedlichen Temperamente und Methoden als äußerst zielführend.

Abgründige Täter, psychologische Spannung und düstere Settings: Jan Beck sorgt auch diesmal für nervenaufreibende Spannung.

»Ich bin megabegeistert von seiner neuen Reihe um den Kriminalpsychologen Simon Dorn und muss wissen, wie es weitergeht!« Mike Altwicker, WDR 4, Krimitipps, über »Dorn. Zimmer 103. Hotel der Angst«

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Seitenzahl: 405

Veröffentlichungsjahr: 2025

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»Was wollen Sie?«

»Ich will dich unsterblich machen.«

Der zweite Fall für Simon Dorn und Lea Wagner, bei dem die Grenzen zwischen Leben und Tod, Mensch und Maschine verschwimmen …

Simon Dorn, nach dem Tod seiner bisherigen »Sponsorin« Karla Hofbauer finanziell am Abgrund, wird über das Internet von einer mysteriösen Klientin kontaktiert. Was als Hilferuf beginnt, entpuppt sich als Teil eines perfiden Spiels. Als sie den Kontakt abbricht, bittet Dorn Lea Wagner, bei der Klientin nach dem Rechten zu sehen. Doch die Frau ist tot – verdurstet, und das schon mehrere Wochen zuvor. Neben der Leiche steht ein Computer, auf dem eine KI läuft, die im Namen der Toten mit Dorn kommuniziert hat. Dorn sieht eine Verbindung zu einem ungelösten Fall, bei dem ein Täter seine Opfer in seinem Beisein verdursten ließ. Lange Zeit war der Mörder untergetaucht. Ist er nun zurück? Und warum wenden sich die Toten ausgerechnet an Simon Dorn?

Dorn und Wagner müssen sich auch in diesem Fall zusammenraufen, wenn sie den Mörder stoppen wollen. Und erneut erweisen sich ihre unterschiedlichen Temperamente und Methoden als äußerst zielführend.

»Ich bin megabegeistert von [Jan Becks] neuer Reihe um den Kriminalpsychologen Simon Dorn und muss wissen, wie es weitergeht!« Mike Altwicker, WDR 4, Krimitipps

JANBECK arbeitete zunächst als Jurist, bevor er sich dem Schreiben widmete. Seine Thriller rund um Inga Björk und Christian Brand (Das Spiel, Die Nacht, Die Spur, Das Ende) landeten allesamt auf der SPIEGEL-Bestsellerliste. Wenn Jan Beck nicht gerade schreibt, verbringt er seine Zeit in der Natur, besonders gerne im Wald. Dorn. Zimmer 103. Hotel der Angst, der Auftakt zu Becks neuer Thriller-Reihe um den Kriminalpsychologen Simon Dorn und die junge, taffe Ermittlerin Lea Wagner, mit Schauplätzen in Bad Gastein, Wien und Hamburg, wurde sofort zum SPIEGEL-Bestseller. Dorn. Zimmer 203. Ruf der Toten ist der zweite Fall für das ungewöhnliche Ermittlerpaar.

www.penguin-verlag.de

JAN BECK

Dorn

Zimmer 203. Ruf der Toten.

THRILLER

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Copyright © 2026 Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagmotiv: plainpicture/John Heseltine, www.buerosued.de

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-33271-6V001

www.penguin-verlag.de

Den Geschichten,die wir uns erzählen,von Mensch zu Mensch.

»Wir formen unsere Werkzeuge, und dann formen die Werkzeuge uns.«

John M. Culkin

DONNERSTAG

1

Michael Bergmann, Chirurg | Graz

Die Frau betrat Operationssaal vier, lautlos und schnell. Sie ging auf Doktor Michael Bergmann zu und stellte sich auf die Zehenspitzen.

»Polytrauma in Fünf«, hauchte sie in sein Ohr. »Rademacher operiert.«

Bergmann hielt in der Bewegung inne, die Pinzette nur knapp über der halb verschlossenen Appendix-Wunde.

»Wie lange ist er schon im Dienst?«, fragte er Maria Brückner. Sie war seit Jahrzehnten der gute Geist im Operationsbereich des Universitätsklinikums Graz.

»Achtundvierzig Stunden. Er operiert fast durchgehend.« Sie holte tief Luft. »Irgendetwas stimmt nicht. Die Werte fallen.«

Der schrille Alarmton aus dem Nachbar-OP drang durch die Wand.

»Weber.« Bergmann nickte seinem Assistenten zu und legte die Instrumente in eine Schale. »Übernehmen Sie den Verschluss.«

Der junge Arzt zuckte kurz. Sein erster selbstständiger Eingriff. »Hmhm«, machte er, aber da war kein Lachen, keine ausgelassene Freude, wie man es oft in Arztserien sah.

Nur Psychopathen lachten, wenn man sie in kaltes Wasser warf.

»Sie schaffen das schon«, sagte Bergmann, streifte die blutigen Handschuhe ab und folgte Maria Brückner in die Fünf.

Eine üble Mischung von Gerüchen schlug ihm entgegen. Desinfektionsmittel. Schweiß. Besonders aber der rauchige Geruch des Elektrokauters.

Brückner half Bergmann in neue Handschuhe, während der die Situation mit einem Blick erfasste. Fractura femoris aperta. Ein zertrümmerter Oberschenkelknochen ragte durch die Haut, die starke Blutung deutete auf ein verletztes Gefäß hin. Alle Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf diese spektakuläre Verletzung.

Die Monitore zeigten bedrohliche Werte. Sauerstoffsättigung unter 90 Prozent. Blutdruck im freien Fall. Die Assistenzärzte waren völlig auf die Gefäßverletzung fixiert.

Auf die Thoraxdrainage achtete niemand.

Chefarzt Rademacher stand nach vorne gebeugt, die Schultern verkrampft. Seine Hände zitterten kaum merklich, während er versuchte, die Blutung zu stillen. Schweiß lief ihm in die Augen, musste abgetupft werden, sein Atem ging schnell. Die Erschöpfung war ihm überdeutlich anzusehen.

Bergmanns Blick glitt über den Thorax des Patienten. Die Drainage lag ungünstig. Leicht zu übersehen im Gesamtkontext.

»Was machen Sie hier, Bergmann?«, fragte Rademacher barsch. Sein Blick war glasig.

Mehrere Köpfe drehten sich zu Bergmann.

»Ich wollte mir das nur mal ansehen.« Er trat näher. »Interessanter Fall.«

»Wenn Sie etwas lernen wollen, besuchen Sie meine Vorlesung.« Rademachers Stimme klang heiser. »Das ist keine Lehrstunde.«

Die Assistenzärzte wirkten nervös. Eine junge Kollegin warf schnelle Blicke hin und her. Bestimmt wussten alle, dass etwas nicht stimmte, aber keiner hatte den Mut, den Chefarzt darauf anzusprechen.

»Ich sehe, Sie orientieren sich an Wendland.« Bergmann bewegte sich zur anderen Seite des Tisches, näher an den Thorax heran. »Seine Techniken waren stets …« Er ließ den Satz in der Luft hängen, während seine Hände ganz beiläufig die Drainageposition korrigierten. »… innovativ.«

Die Anästhesistin runzelte die Stirn.

»Wendland?« Rademacher hielt kurz inne, zog die Augenbrauen zusammen.

Bergmann positionierte die Drainage neu. Die Werte stabilisierten sich schnell, der Alarm am Monitor ging aus.

»Druck steigt«, meldete die Anästhesistin. »Sättigung verbessert sich.«

Rademacher beobachtete die Anzeigen, wirkte nachdenklich, konzentrierte sich aber schnell wieder auf die Gefäßverletzung. »Wenn Sie schon hier sind, Bergmann, übernehmen Sie mal die Drainage. Ich kümmere mich um die Blutung.«

»Natürlich.«

Die nächsten zwei Stunden vergingen wie im Zeitraffer. Bergmann überwachte die Thoraxseite, während Rademacher sich auf die Gefäßverletzung konzentrierte. Präzise Handgriffe. Klare Ansagen. Keine überflüssigen Worte.

Eine weitere Stunde später lag der Patient stabil im Aufwachraum. Er würde noch einige Operationen benötigen, ehe er wieder aufrecht laufen könnte. Ob er jemals wieder Motorrad fahren würde, lag in Gottes Hand – und in der Vernunft des Patienten.

Am Ende seines Dienstes besuchte Bergmann Rademacher in dessen Büro. Der hing über Dokumente gebeugt am Schreibtisch. In einer Ecke glänzte ein nagelneues Golfbag. Draußen, auf dem besten Parkplatz, wartete der rote Jaguar E-Type auf den Chefarzt.

»Diese Wendland-Technik …« Rademacher sah nicht auf. »Die kenne ich gar nicht.«

»Klaus-Peter.« Bergmann setzte sich. »Du weißt, dass es keinen Wendland gibt. Und warum ich hier bin.«

»Weil ich alt werde?« Rademacher klopfte nervös auf die Schreibtischplatte. »Weil ich nach achtundvierzig Stunden nicht mehr so präzise bin wie der große Michael Bergmann?«

»Weil du der beste Chirurg bist, den ich kenne. Und weil gute Chirurgen erkennen müssen, wann sie eine Pause brauchen.«

»Wie du?« Rademacher lachte bitter. »Der brillante Schüler, der sein Talent verschwendet? Der zwischen Windelnwechseln und Hausaufgabenhilfe operiert?«

»Es geht hier nicht um mich.«

»Nein?« Rademacher griff nach einem Kugelschreiber, was sein Zittern aber nur noch deutlicher machte. Er legte den Stift gleich wieder weg. »Wie viele Leben hättest du retten können, wenn die Windeln jemand anderes gewechselt hätte? Schon mal darüber nachgedacht?«

Es sollte eine Spitze sein. Aber Bergmann hörte nur die Erschöpfung darin. Und die Einsamkeit.

»Die Drainage lag falsch«, wurde er konkreter, als er es vorgehabt hatte. Er hasste es, andere bloßzustellen. Ihre Kompetenz, vor allem aber ihre Würde anzugreifen. Aber Rademacher ließ ihm keine andere Wahl.

»Das hatte ich längst bemerkt.«

»Und nichts dagegen unternommen?«

»Es blieb genug Zeit.«

»Zeit ist alles«, sagte Bergmann bewusst zweideutig.

»Was schlägst du vor? Dass ich kürzertrete? Meine Dienste reduziere? Mehr Golf spiele?« Rademacher deutete auf das unbenutzte Golfbag.

»Das wäre ein Anfang.«

»Da pfeif ich drauf.«

»Die Schwestern reden schon«, sagte Bergmann. »Die Assistenzärzte würden es auch tun – wenn sie den Mut hätten.«

»Sollen sie doch.«

»Es wird nicht besser werden, Klaus-Peter. Nicht nach solchen Schichten.«

»Du willst mir Ratschläge geben? Du, der sein Können vergeudet?«

Bergmann schwieg einen Moment. Rademacher war einst sein Mentor gewesen und Bergmann sein bester Schüler – bis Bergmann sich für ein Leben entschied, das eine Balance zwischen Chirurgie und Wickeltisch herzustellen versuchte. Er liebte seine Frau und die beiden Töchter. Ein Leben ohne sie – ohne das Windelnwechseln, die ständigen Infekte aus der Kita und die kleinen und großen Dramen des Aufwachsens – wäre ein Irrtum gewesen. Er freute sich auf den Abend bei seiner Familie und hatte nicht vor, etwas an seiner Work-Life-Balance zu ändern.

»Ich bereue nichts«, sagte er.

Rademacher schüttelte verständnislos den Kopf. »Dein Leben wird sich ändern müssen, wenn du in meinem Sessel sitzt.«

»Ich werde niemals darin sitzen, das weißt du. Ich bin dir keine Gefahr.«

»Du kommst in meinen OP und legst Hand an meinen Patienten. Keine Gefahr?«

»Niemand hat etwas mitbekommen. Ich bin dein Freund, Klaus-Peter.«

»Verrat bleibt Verrat.«

»Manchmal bedeutet Freundschaft, jemanden vor sich selbst zu schützen.«

Rademacher sah weg. Der Chefarzt saß wie versteinert hinter seinem Schreibtisch, gefangen in seiner eigenen Überforderung.

»Du weißt es selbst, Klaus-Peter«, sagte Bergmann. »Ich vertraue darauf, dass du das Richtige tust.«

Dann ging er.

Bald darauf lenkte Bergmann seinen silbergrauen Citroën Berlingo durch die fortschreitende Dämmerung. Der Wagen hatte schon bessere Tage gesehen. Kleine und große Kratzer übersäten die Flanken, eine Delle zierte die Heckklappe. Auf der Rückseite des Fahrersitzes waren noch immer die Fußabdrücke von Sophies schmutzigen Schuhen zu sehen. Er hatte die Spuren nie weggewischt. Ein Einhorn-Aufkleber prangte am Armaturenbrett, den hatte Emma dort platziert. Laura hatte vorgeschlagen, den Wagen endlich gegen etwas Neueres einzutauschen, aber er weigerte sich. Sie fuhren das Ding, seit sie sich kennengelernt hatten. Jeder Kratzer erzählte eine Geschichte, die zu ihrem Leben gehörte.

Die Landstraße führte durch dichte Waldgebiete. Links und rechts ragten hohe Bäume auf, sein täglicher Heimweg; eine kleine Pause zwischen der Hektik der Klinik und dem fröhlichen Chaos zu Hause.

Er war heute spät dran, er fuhr schneller als üblich. Laura hatte vor zwei Stunden eine Nachricht geschickt: Die Lasagne sei schon im Ofen, Emmas Lieblingsessen, weil die Kleine heute eine Eins in Mathe geschrieben hatte. Bergmann wollte unbedingt pünktlich sein.

Doch die Sache mit Rademacher geisterte hartnäckig durch seinen Kopf. War er zu weit gegangen? Dem Chefarzt gegenüber – und seinem Freund? Aber irgendjemand musste es doch ansprechen, bevor irgendwann ein Patient starb. Jetzt konnte er nur hoffen, dass es in Rademacher arbeitete; dass es ihm, Bergmann, erspart blieb, die ärztliche Leitung zu informieren. Am Ende zählte das Leben der Patienten mehr als Loyalität oder Freundschaft.

Etwas riss Bergmann aus seinen Gedanken. Die Scheinwerfer seines Transporters beleuchteten die Straße schwächer, als es bei modernen Fahrzeugen üblich war, und trotzdem sah er die dunklen Streifen auf dem Asphalt sofort – Spuren einer Vollbremsung, die von der Straße ab führten, über das Bankett und zwischen die Bäume.

Bergmann bremste bis zum Stillstand und spähte in den Wald hinein. Da war doch etwas …

Er zögerte. Sein Dienst war vorbei. Zu Hause warteten Laura und die Mädchen, und er war ohnehin spät dran. Sollte er die Polizei verständigen? Aber was, wenn sie die Stelle nicht gleich fanden? Und was, wenn dort im Wald jemand dringend Hilfe brauchte? Nein, weiterzufahren war keine Option.

Er griff nach seinem Handy, aktivierte die Taschenlampe und stieg aus. Es war kalt und völlig still – kein Verkehr, keine Tierlaute, nicht das geringste Windgeräusch war zu hören.

Die Spuren der Reifen zeichneten sich deutlich im aufgeweichten Boden ab. Nach ein paar Schritten in den Wald hinein sah Bergmann ein gelbes Blinklicht.

Die Warnblinkanlage, registrierte er, als er auch das zweite Licht sah.

Warum hatte sonst niemand angehalten? Die Spuren waren doch überdeutlich zu sehen gewesen.

Oder war es eben erst passiert?

Er arbeitete sich bis zum Wagen vor. Ein schwarzer Audi. Der Motor war aus.

»Hallo? Brauchen Sie Hilfe?«

Niemand antwortete. Saß der Fahrer noch drin, war er bewusstlos vom Aufprall? Dabei wirkte es nicht, als sei der Audi gegen ein Hindernis gefahren. Ein Schlaganfall des Fahrers? Zeit ist Hirn, drei Stunden, vielleicht auch vier oder fünf, bis irreversible Hirnschäden eintraten.

Mit klopfendem Herzen eilte er auf die Fahrertür zu, leuchtete hinein. Der Wagen war leer. Keine ausgelösten Airbags. Kein Hinweis auf den Lenker …

Hinter ihm knackte ein Ast.

Bergmann wirbelte herum, aber die Taschenlampe erfasste nur Bäume und Unterholz.

Geh zurück, sagte der Verstand. Ruf die Polizei.

Der Stich kam aus dem Nichts. Wie ein Wespenstich, aber heißer, in seinen Nacken. Seine Hand fuhr hoch. Bergmann versuchte, etwas zu erkennen, als sich die Welt schon zu drehen begann.

»Was …«, brachte er noch hervor, dann knickten ihm die Beine weg. Der Waldboden, auf dem er plötzlich lag, war nass und aufgeweicht.

Das Letzte, was er wahrnahm, waren fremde Hände, die ihn an der Jacke packten.

Dann verschluckte ihn die Dunkelheit.

FREITAG

2

Simon Dorn | Hotel Dornwald

Wer an diesem Tag am Hotel Dornwald vorbeispazierte, musste schon genau hinhören, um die Arbeitsgeräusche zu bemerken, die vom verwilderten Hinterhof kamen.

Mit ölverschmierten Händen untersuchte Dorn den Zylinderkopf des alten BMW-Beiwagenmotorrads vom Typ R60/2. Dorn ging langsam auf die vierzig zu, aber die BMW überstieg Dorns Lebensalter um fast drei Jahrzehnte. Das Motorrad war ein echter Oldtimer, mit allen damit verbundenen Wehwehchen.

Auf einer verschrammten Werkbank lagen die Einzelteile des Boxermotors säuberlich aufgereiht, fast wie die Beweisstücke in einem seiner Kriminalfälle. Der Geruch von altem Öl und zersetzten Dichtungen mischte sich mit den modrigen Ausdünstungen des Dornwald, die für Dorn inzwischen so selbstverständlich waren wie sein Leben in der Hotelruine. Die Vergangenheit trat mehr und mehr in den Schatten der Erinnerung. Und das war gut so.

Buddy hob die Nase in den Wind, die Ohren gespitzt.

»Was witterst du schon wieder?«, fragte Dorn.

Vor fünf Monaten hatte Lea Wagner den herrenlosen schneeweißen Schäferhund angeschleppt, und Buddy hatte sich zum Bleiben entschlossen. Seither musste Dorn sich auch um den Hund kümmern.

Was er lieber tat, als er zugegeben hätte.

Das Tier entfaltete eine seltsame Wirkung auf ihn. Seit Buddy hier war, hatte Dorn begonnen, einzelne Bereiche des Hotels zu putzen. Er hatte den alten Tresen in der Lobby poliert, Teppiche ausgeklopft und Türbeschläge neu eingestellt – so aussichtslos diese Arbeiten ob des schieren Ausmaßes der Verwahrlosung des Dornwald auch sein mochten. Es waren kleine Schritte zurück ins Leben, während um ihn herum sein Erbe zerbröckelte.

Die kaputte Nockenwelle in Dorns Hand stammte noch aus der Erstausstattung der Maschine. Das Motorrad war der stolze Besitz seines Großvaters Gabriel gewesen und zugleich die einzige Leidenschaft, die sich der letzte Direktor des Hotels erlaubt hatte. Dorn erinnerte sich noch gut an das Grinsen in Opas Gesicht, wenn er von einer seiner ausgedehnten Touren über die Alpenpässe Österreichs zurückkehrte. Oma Franziska hatte nur ein einziges Mal im Beiwagen Platz genommen und danach jahrelang die Geschichte von den tausend Toden erzählt, die sie dabei gestorben war.

Dorn lächelte. Sich an diese Sachen zu erinnern, war wie ein Feuer, das in seinem Inneren flackerte. Und an dem er sich – manchmal zumindest – wärmen konnte.

Buddy trottete langsam an die Werkbank heran und inspizierte die Teile.

»Die Nockenwelle ist hinüber«, murmelte Dorn.

Buddy legte den Kopf schief.

»War gar nicht so leicht, eine neue zu finden. Aber es gibt eine in der Schweiz. Einzelstück.«

Seit das Hotel geschlossen war, hatte niemand mehr die Maschine angerührt. Wie so vieles hier siechte sie still vor sich hin, halb verschlungen vom Efeu, der vor nichts haltmachte.

Zwei Monate zuvor hatte Dorn mit der Restaurierung begonnen. Warum, konnte er selbst nicht sagen. Er hatte keine Ahnung von Motorrädern, aber mit jedem Teil, das er von der BMW abmontierte, wuchs sein Wunsch, das Ding zu verstehen und es wieder zum Laufen zu bringen. Manches brachte er sich über YouTube-Filmchen bei, anderes war nur über spezielle Foren zu erfahren, und an etlichem biss er sich die Zähne aus. Trotzdem ging es immer irgendwie weiter – als würde ihn eine unsichtbare Hand schieben.

Entgegen seinen ursprünglichen Absichten war er seit Monaten nicht mehr in den präparierten Zimmern des Hotels gewesen und hätte nicht im Traum daran gedacht, an einem der Cold Cases weiterzuarbeiten. Ohne Karla Hofbauer ergab es schlicht keinen Sinn mehr. Er verbrachte seine Tage lieber hier draußen, zwischen Hunderten Einzelteilen, während der weiße Schäferhund über den verwilderten Hof patrouillierte und ihn nur ab und zu daran erinnerte, dass er etwas zu fressen brauchte oder sich erleichtern musste.

Das Knirschen von Reifen auf Schotter ließ beide gleichzeitig aufhorchen. Die Post. Buddy schoss bellend um die Hausecke. Dorn wischte sich hastig die Hände an einem verschlissenen Lappen ab. Als er ebenfalls nach vorne kam, verschwand der gelbe Transporter bereits in einer Staubwolke.

»Hast ihn wieder erschreckt, was?«, sagte Dorn. »Dabei hat die Post ohnehin schon Personalprobleme.«

Buddy sah ihn an und winselte.

»Immerhin beißt du nicht, was? Komm, wir sehen nach.«

Leider fand Dorn auch heute kein Päckchen. Das benötigte Ersatzteil für den Motor war jetzt schon eine Woche überfällig. Dafür fand er im rostigen Briefkasten mehrere Briefe, die nach Ärger aussahen. Seit Karla Hofbauer tot war und Dorns Arbeit im Dornwald ruhte, türmten sich die offenen Rechnungen. Die Hotelruine fraß Geld, obwohl Dorn sich auf das Allernötigste beschränkte. Sein Konto war seit mehreren Wochen im Minus, und die Bank drohte mit Zwangsvollstreckung.

Buddy stupste seine Hand mit der feuchten Nase an.

»Vielleicht ist sie morgen dabei«, sagte Dorn leise und strich über den Schädel des Hundes. Wenn die Nockenwelle aus Schaffhausen kam, würde der Motor wieder laufen. Was beweisen würde, dass sich manche Dinge doch reparieren ließen.

Dorn spürte einen Tropfen, dann noch einen. Der Blick zum Himmel versprach nichts Gutes – an den Berghängen regnete es bereits. »Lass uns reingehen, Buddy.«

Am Hinterhof rieselte Erde aus einem großen Loch in der Stützmauer, ein Stein rollte fast bis zum Haus. Wie lange die Mauer den Kräften des Hangs noch standhalten würde, war ungewiss. Dorn hatte Zement besorgt, aber schnell gemerkt, dass er kein Talent zum Mauerbau hatte.

Genauso wenig wie zum Restaurieren eines Motorrads …

Er und Buddy betraten das Hotel durch den Hintereingang, der einst nur für das Personal vorgesehen war. Vertraute kühle Dunkelheit empfing sie, der typische Geruch des alten Hauses. Buddy folgte Dorn lautlos wie ein Schatten.

Sie kamen in den einstigen Empfangsbereich mit der Rezeption und den Schlüsseln zu den Gästezimmern, die jetzt ganz anderen Zwecken dienten.

Dorn ging weiter, hinunter in den Weinkeller, wo er seit Jahren wohnte. Dort zog er die Briefe aus der Tasche und warf sie auf einen Tisch. Bereits das erste Schreiben war eine letzte Mahnung mit Androhung der Zwangsvollstreckung.

»Stellt euch hinten an«, murmelte Dorn, ohne es so zu meinen. Das schlechte Gewissen nagte an ihm. Doch er wusste keinen Ausweg. Er hätte versuchen können, Inventar aus dem Dornwald zu verkaufen – die Gemälde im Empfangsbereich, die edlen Brandys aus dem Keller oder Opas BMW –, aber er brachte es nicht übers Herz.

Dorn zog den nächsten Brief aus dem Umschlag. Die zittrige Handschrift auf dem karierten Papier ließ ihn das Alter des Verfassers erahnen.

Sehr geehrter Herr Dorn, mit großem Bedauern muss ich Ihnen mitteilen, dass ich die Lieferung der gewünschten Nockenwelle für Ihre BMW R60/2 leider noch nicht veranlassen konnte. Wie Sie sicher wissen, handelt es sich bei diesem Teil um ein Stück, das nur in kleinster Menge produziert wurde, für die Vorserienmodelle. Nach Rücksprache mit meiner Hausbank, die sich freundlicherweise nach Ihrer Bonität erkundigt hat, muss ich auf Vorauskasse bestehen. Dies ist mir durchaus unangenehm, aber Sie werden verstehen, dass ich als Privatperson gewisse Sicherheiten benötige. Sobald der Betrag von 289 Schweizer Franken bei mir eingegangen ist, werde ich die Nockenwelle umgehend und sorgfältig verpackt an die von Ihnen genannte Adresse versenden. Mit freundlichen Grüßen aus Schaffhausen Hans-Rudolf Meier PS: Sollten Sie eine Überweisung in die Schweiz als zu kompliziert erachten, können Sie den Betrag auch gerne als Bankscheck oder in bar an meine Privatadresse senden.

Dorn warf den Brief auf den Tisch. Zweihundertneunundachtzig Franken. Und dafür hatte sich dieser Meier nach seiner Bonität erkundigt?

Zu Recht, sagte die innere Stimme.

Dorn wusste nicht, wie er die Nockenwelle bezahlen sollte.

Tat er es nicht, war das Projekt BMW-Restaurierung gestorben.

Es muss doch noch etwas geben.

Dorn klappte den Bildschirm hoch. Beim Hochfahren klang der Lüfter, als hätte sich eine Biene darin verfangen. Der Computer würde in der feuchten Umgebung hier auch nicht mehr lange durchhalten. Mit quälender Langsamkeit baute sich der Startbildschirm auf. Dorn ging ins Internet, rief die Website seiner Bank auf und tippte die Zugangsdaten ein. Vielleicht hatte er irgendwo noch ein vergessenes Sparkonto? Ein Wertpapierdepot mit Restbeständen? Einen Kredit, der noch nicht ganz ausgeschöpft war – irgendetwas, das ihn schnell zu Geld kommen ließ?

Die Bank-Website baute sich träge auf. Dorn erwartete, gleich ein Minus von fast zehntausend Euro auf dem Girokonto zu sehen. Doch es war noch schlimmer.

Kontostand: 10 289,00 EUR

Über zehntausend Euro schon, seufzte Dorn. Dazu noch offene Rechnungen in derselben Höhe. Mindestens.

Er war pleite.

Musste er das Dornwald demnächst an einen Spekulanten verkaufen? Tausendmal hatte er schon überlegt, wo er hinsollte. Dabei schnürte ihm schon der Gedanke, einen Fuß über die Schwelle des Dornwald in die Welt zu setzen, die Kehle zu. Das Dornwald hat mich, wusste er, und mit einem Mal schienen sich die Wände des Weinkellers auf ihn zuzubewegen.

Kontostand: 10 289,00 EUR

Erst jetzt las Dorn die Zeile darunter.

Verfügbar gesamt: 10 289,00 EUR

Weitere Sekunden vergingen, bis Dorn verstand. Ein Plus? Doch, es war ein Plus.

Mit zitternden Fingern rief er die letzten Kontoumsätze auf. Eine einzige Überweisung, datiert mit dem gestrigen Tag, hatte sein Konto aus den Miesen geholt und auf über zehntausend Euro hochkatapultiert.

Absender: Dr. Susanne Roth

Verwendungszweck: +491505556789 Telegram

»Das muss … muss ein Buchungsfehler sein … eine Verwechslung«, stammelte Dorn.

Buddy, der neben ihm auf dem abgewetzten Teppich gelegen hatte, hob den Kopf. Ein Knurren drang aus seiner Kehle.

Dorn sah wieder zum Bildschirm und fokussierte eine Zeile.

Verwendungszweck: +491505556789 Telegram

3

Michael Bergmann

Das Erste, was Doktor Michael Bergmann wahrnahm, war der metallische Geschmack. Etwas steckte in seinem Mund, presste seine Zunge nach unten. Er versuchte, es loszuwerden, doch das ging nicht. Es war wie …

Ein Knebel?

Er versuchte, den hämmernden Kopf zu heben. Was war denn mit ihm? Hatte er einen Unfall gehabt? Oder war er einfach bewusstlos geworden?

Unfall, Unfall – war er es, der einen Unfall gehabt hatte?

Nein, das passte alles nicht. Seine Gedanken umtanzten einander, aber keiner wollte zum anderen finden. Es musste etwas anderes sein. Aber woran konnte er sich überhaupt noch erinnern?

Da war das Gespräch mit Rademacher gewesen. Der Heimweg, die Landstraße, diese Bremsspuren …

Die Warnblinkanlage des schwarzen Autos im Wald. Und dann der Stich.

Sein Puls ging hoch, als er verstand, dass nicht etwas der Grund für seinen Zustand war. Sondern jemand.

Jetzt überschlugen seine Gedanken sich.

Ja, er war überfallen worden, ganz sicher. Aber von wem? Und warum? Hatte man ihn sich gezielt ausgesucht? Oder war er ein Opfer des Zufalls? Die Panik kroch ihm langsam den Nacken hoch. Ruhig bleiben, ermahnte er sich. Panik macht alles nur schlimmer.

Er versuchte, an etwas zu denken, das ihm Kraft gab, doch genau das versetzte ihm den nächsten Stich.

Seine Familie wartete zu Hause auf ihn. Seine Mädchen: Emma und Sophie. Laura hatte eine Nachricht geschickt wegen der Lasagne, wegen Emmas Einser in Mathe, und er war ohnehin schon zu spät dran gewesen …

Ruhig. Denk einfach an nichts. Atme ein, atme aus. Konzentriere dich auf das, was gerade passiert.

Er lag auf einer harten Fläche, die bei jeder Erschütterung gegen seine Schulter schlug. Dazu vibrierte es, gleichmäßig und beständig, wie von einem Dieselmotor. Ein Laderaum, vielleicht auch ein Kofferraum? Emma liebte diese Art von Detektivgeschichten, die er ihr vorlas, nur das hier war bittere Realität.

Bergmann atmete durch die Nase, langsam und gleichmäßig, so gut es eben ging. Er durfte nicht in Panik geraten. Musste das Erstickungsgefühl ignorieren, das der Knebel auslöste. So schnell starb man nicht, das wusste er doch. Der Körper konnte eine ganze Weile ohne Sauerstoff aushalten. Aber der Geist war eine ganz andere Geschichte.

Seine Handgelenke waren auf dem Rücken gefesselt, vermutlich mit Kabelbindern, die sich bei jeder Bewegung tiefer in die Haut schnitten. Auch die Beine hatte man ihm aneinandergebunden. Als er versuchte, sich zu bewegen, merkte er schnell, wie eng es um ihn herum war.

Tatsächlich: ein Kofferraum.

Er versuchte, sich auf das zu konzentrieren, was sonst noch passierte. Das Fahrzeug bewegte sich jetzt schnell, es gab kaum Kurven. Waren sie auf einer Autobahn?

Wo bringt er mich hin? Wie viel Zeit ist schon vergangen, seit … meiner Entführung?

Ich wurde entführt, natürlich! Der Schweiß drang aus allen Poren.

Laura würde sich schreckliche Sorgen machen. Sie wartete sicher schon seit Stunden. Sie würde die Mädchen zu beruhigen versuchen und sie dann unter einem Vorwand zu Bett bringen. Papa muss noch operieren. Er ist Arzt, er rettet Menschenleben. Zum Frühstück ist er ganz bestimmt wieder da. Papa sagt, dass er euch liebt.

Die Sorge seiner Familie zu erahnen, schmerzte Bergmann fast mehr als sein eigener Zustand. Was würde Laura jetzt unternehmen? Zuerst würde sie sicher im Krankenhaus anrufen. Dann in anderen Kliniken. Schließlich bei der Polizei, die ihr sagen würde, dass sie nichts tun könne, solange der Vermisste nicht länger als …

Wie lange bin ich schon hier? Wohin werde ich gebracht?

Wann werden sie meinen Wagen finden?

Das Auto wurde langsamer, steuerte in eine lang gezogene Kurve, beschleunigte dann wieder. Bergmann versuchte, sich jede Richtungsänderung einzuprägen, aber schon nach wenigen Minuten verlor er den Überblick. Sein Orientierungssinn war niemals gut gewesen, er hatte die Spiele nie gemocht, in denen man sich eines nach dem anderen einprägen und schließlich wieder aufsagen musste.

Seine Schulter schmerzte von der harten Unterlage, doch egal, wie sehr er es versuchte, er konnte seine Position nicht ändern. Seine Kopfschmerzen waren inzwischen kaum noch zu ertragen.

Bergmann suchte einen Grund für diese Entführung. Ein wütender Patient? Eine Verwechslung? Ein Racheakt? Hatte es etwas mit Rademacher zu tun? Nein, das war lächerlich, außerdem viel zu kurz nach dem Vorfall im OP. Er zwang sich, jeden Patienten der letzten Monate durchzugehen. Jeden Konflikt. Jede Beschwerde. Man konnte es nicht allen recht machen. Aber Bergmann gab sich alle Mühe, und das merkten die Menschen normalerweise.

Wieder und wieder drifteten die Gedanken zu seiner Familie. Macht euch keine Sorgen. Bald bin ich wieder bei euch. Ich liebe euch.

Macht euch keine Sorgen …

Das Fahrzeug wurde langsamer. Der glatte Asphalt wich holprigem Untergrund, bis schließlich Kies unter den Reifen knirschte. Bergmann wurde hin und her geworfen, sein Kopf schlug mehrmals gegen die Seitenwand. Eine scharfe Linkskurve.

Dann hielten sie an, und der Motor ging aus.

Eine Tür öffnete sich und wurde wieder zugeworfen. Schritte auf Kies. Die Kofferraumklappe schwang auf. Kühle Nachtluft strömte herein, brachte den Geruch von feuchtem Laub mit. Bergmann sah nichts. Hände griffen nach seinen Schultern, zerrten ihn rückwärts heraus. Seine Fersen schlugen auf Schotter. Irgendwo in der Nähe plätscherte Wasser. Bergmann wurde mehrere Meter weit gezogen, bis er harte Stufen spürte.

Dann quietschte eine Tür. Die Luft dahinter roch modrig. Abgestanden, wie in einem Keller. Eine Treppe führte abwärts. Dann noch eine Tür.

Fremde Hände drückten ihn auf einen Stuhl. Metall schabte über den Boden. Seine Hände wurden an den Armlehnen fixiert, die Füße an den Stuhlbeinen.

Jemand löste seinen Knebel. Bergmann keuchte, schluckte ein paarmal. Der Kiefer schmerzte und knackte vom langen Zubeißen.

»Bitte«, brachte er hervor. Seine Stimme war heiser, fremd. »Ich habe Familie. Zwei kleine Töchter. Was immer Sie wollen, Sie können es haben, aber lassen Sie mich gehen!«

Eine Tür ging auf und wieder zu.

»Wenn es um Geld geht … oder um einen Patienten … wir können reden. Wir finden eine Lösung, ganz bestimmt. Lassen Sie mich bitte meiner Frau Bescheid geben.«

Stille. Nur das gleichmäßige Summen der Klimaanlage.

»Hören Sie«, versuchte er es erneut. »Ich bin Arzt. Wenn jemand durch mich zu Schaden gekommen ist, bedaure ich das zutiefst. Aber das hier nützt niemandem!«

Die Stille lastete schwer. War der andere gegangen?

»Was wollen Sie von mir?«, schrie er in die Dunkelheit, und die Frage verhallte zwischen den Wänden.

Plötzlich durchbrach eine Frauenstimme die Stille, ruhig und kontrolliert.

»Wer bist du?«

4

Simon Dorn | Hotel Dornwald

Dorn öffnete den Browser und gab den Namen der Frau ein, die ihm das Geld geschickt hatte. Doktor Susanne Roth. Die Suchergebnisse zeigten Fotos einer attraktiven Frau Mitte vierzig, perfekt geschminktes TV-Gesicht, lange schwarze Haare, makellose Figur, teure Garderobe. Dorn fand Artikel über ihre wöchentliche Sendung Roth hilft, wo sie seit Jahren Menschen in Beziehungskrisen beriet. Aber ihr Wirken ging weit darüber hinaus. Roth wurde unzählige Male zu allen möglichen Themen interviewt und hatte eine eigene Podcast-Reihe. Instagram-Auftritte zeigten sie bei Veranstaltungen der High Society, stets war sie perfekt in Szene gesetzt.

Doch seit mehreren Wochen: komplette Funkstille.

Das letzte Posting auf Instagram zeigte sie lächelnd in einer Blumenwiese. Zeit für eine Auszeit! Ein Klatschmagazin titelte: »TV-Psychologin Doktor Susanne Roth nimmt sich Zeit: Spannende neue Projekte – oder eine neue Liebe?«

Wieso hatte sie ihm zwanzigtausend Euro geschickt?

Verwendungszweck: +491505556789 Telegram

Dorn griff nach seinem Smartphone und installierte den Nachrichtendienst Telegram. Er hatte schon von dem Dienstleister gehört, der einerseits für seine Verschlüsselung gepriesen wurde, andererseits als Tummelplatz für Verschwörungstheoretiker und zwielichtige Gestalten galt.

Er tippte die Telefonnummer der Empfängerin ein, dann schwebten seine Finger über der Tastatur.

Soll ich das wirklich tun?

Er dachte an das zerlegte Motorrad auf dem Hinterhof. An die notorischen Geldsorgen. An den unausweichlichen Bankrott, der ihm bevorstand. Dabei wollte er nicht wieder in die Rolle des Psychologen schlüpfen. Schon gar nicht für die Lebenden und erst recht nicht für eine TV-Psychologin.

Buddy winselte.

»Jaja, ich weiß«, raunte Dorn und tippte los.

»Dr. Roth, hier ist Simon Dorn. Ihr Geld …« Zu direkt. Gelöscht. »Sehr geehrte Frau Dr. Roth, bezüglich Ihrer Überweisung …« Zu förmlich – weg damit. »Hier ist Simon Dorn.« Ohne länger zu zögern, drückte er auf das Senden-Symbol.

Die drei Punkte des Chatpartners erschienen sofort. Sie schrieb zurück.

»Danke, dass Sie sich melden, Herr Dorn. Die Überweisung ist also angekommen?«

Er starrte auf den Bildschirm. So schnell? Als hätte sie die ganze Zeit auf ihn gewartet.

»Ja. Aber ich verstehe nicht.«

»Betrachten Sie es als Vorschuss.«

Dorn rieb sich die Augen. Das Geld würde alle seine Probleme lösen. Die Nockenwelle. Die Mahnungen.

Es wäre zu einfach. Nichts ist einfach.

Er tippte: »Ich kann Ihnen nicht helfen.« Gelöscht. »Ich biete weder Beratungen noch Therapie an.«

»Ich weiß. Gerade deshalb wende ich mich an Sie. Ich brauche absolute Diskretion.«

Buddy stupste seine Hand an. Dorn sah auf den Laptop zurück. Roth war überall – Talkshows, Magazine, Social Media. Eine Expertin für das perfekte Leben. Wie sollte er ihr da helfen?

»Sie finden bestimmt einen guten Therapeuten.« Nein, zu abweisend. »Es gibt viele gute Therapeuten.«

»Die alle mein Gesicht kennen. Bitte. Keine Therapie, keine Beratung, nur ein Gespräch.«

Das Dornwald ächzte im Regen. Oder bildete er sich das nur ein?

»Ich bin der Falsche.«

Dorn stand auf, lief im Weinkeller auf und ab. Der Regen rauschte lauter. Bestimmt war das Dach wieder undicht, und er hatte keine Ahnung, womit er das Material für eine Reparatur bezahlen sollte.

»Ich brauche wirklich Ihre Hilfe.«

»Es tut mir leid. Es geht nicht.«

Diesmal dauerte es länger, bis die Antwort kam.

»Ich bin ein Opfer von Gewalt.«

Dorn dachte an die vielen TV-Auftritte, in denen Roth selbstbewusst und stark aufgetreten war, wie sie anderen Menschen Ratschläge gegeben hatte, während ihre eigene makellose Fassade nicht einmal den Hauch von Verletzlichkeit ausstrahlte. War das alles nur Show gewesen? Eine Maske, die sie jahrelang aufrechterhalten hatte?

Er tippte: »Das tut mir leid.« Nein. »Wieso ausgerechnet ich?« Auch nicht. »Sie sind Therapeutin. Sie wissen, wie man damit umgeht.«

»Genau das macht es so schwer. Ich sehe die Muster. Kann sie aber nicht durchbrechen.«

Der Boden unter Dorns Füßen war so kalt wie die ganze verdammte Ruine.

»Suchen Sie sich professionelle Hilfe.«

»Das hier IST meine Suche nach professioneller Hilfe.«

Seine Finger zitterten über dem Display. »Warum ich?«

»Weil Sie wissen, wie es ist, wenn die Dunkelheit einen nicht loslässt.«

Dorn ließ sich auf den Stuhl sinken. Die Dunkelheit. Ja, die kannte er. Sie war sein ständiger Begleiter, hier im Dornwald. Nur Buddy brachte neues Licht in sein Leben.

Wie viel wusste Roth von der Dunkelheit in seinem Leben?

»Ich habe kein Licht, das ich Ihnen geben könnte.« Dorn löschte den Satz. Viel zu pathetisch.

Er war kurz davor, die App zu schließen, als er sah, dass Roth wieder tippte.

»Geld spielt keine Rolle. Ich bezahle 20 000, und noch mal 20 000, wenn wir fertig sind.«

Seine Augen weiteten sich. Vierzigtausend Euro. Damit wären seine Geldprobleme erst mal gelöst. Doch dann fiel ihm der nächste Grund ein, warum es nicht klappen würde. Sogleich tippte er: »Ich kann nicht zu Ihnen kommen und Sie nicht zu mir.«

»Das ist auch nicht nötig. Die Unterhaltung per Telegram reicht.«

Es klang zu gut, um wahr zu sein.

»Wo ist der Haken?«

»Es gibt keinen. Ich will nichts als Ihren Rat. Und Ihre Diskretion.«

Buddy kam wieder zu ihm. Dorn wusste sofort, dass er Hunger hatte. Was auch auf Dorn selbst zutraf. Er hatte seit Tagen keine Bestellung mehr gemacht, die Vorräte gingen zur Neige. Nicht nur die Lieferdienste, auch der Betreiber des lokalen Supermarkts wusste inzwischen von Dorns Geldnöten und lieferte nur noch gegen Vorkasse. Irgendwo waren noch Konserven, doch Dorn hätte nicht sagen können, ob es sich dabei um Menschen- oder Tierfutter handelte.

Ihm blieb keine andere Wahl. Er musste sich kaufen lassen. In gewisser Weise tat das doch jeder. Menschen verkauften ihre Zeit an einen Arbeitgeber. Er selbst hatte sich in der Vergangenheit an Karla Hofbauer verkauft, indem er sie bei den Ermittlungen in Cold Cases unterstützte.

Das war doch etwas ganz anderes.

War es das?

Die nächste Nachricht traf ein. »Ich bitte Sie, Herr Dorn, helfen Sie mir!«

Zu gut, um wahr zu sein …

Er hatte genauso wenig Lust, mit ihr zu sprechen, wie mit irgendeinem anderen Menschen. Aber er musste nicht reden. Nur schreiben.

»OK. Morgen um zehn. Hier im Chat.«

»Danke. Wirklich. Vielen Dank.«

Keine weiteren Punkte, auch nicht nach einer Minute. Die Unterhaltung war vorbei.

Morgen um zehn, las er seinen eigenen Text.

Buddy bellte und holte Dorn in die Wirklichkeit zurück.

»Okay, Buddy, kriegst gleich was.«

Dorn bestellte Essen, das er sich mit Buddy teilen würde, und bezahlte es mit einem Klick.

So einfach …

In zwanzig Minuten würde es geliefert werden, in vierzig wären sie satt.

Morgen um zehn.

So einfach …

Er loggte sich erneut ins Onlinebanking ein und klickte auf Auslandszahlung. Die Maske war schnell befüllt. 289 Schweizer Franken an Hans-Rudolf Meier. Er gab die Überweisung frei, und die Transaktion wurde sofort bestätigt.

So einfach …

In einer Woche könnte der Motor der BMW wieder laufen.

Und dann?

Das Dornwald ächzte im Wind. Oder war es ein Seufzen? Als wüsste es, dass Dinge in Bewegung gekommen waren. Dass sein Bewohner einen ersten Schritt in eine neue Zukunft getan hatte.

Buddy legte den Kopf schief und sah ihn an.

»Ich weiß«, murmelte Dorn. »Keine gute Idee.«

Vierzigtausend Euro. Zu wenig, um das Dornwald zu retten, aber mehr als genug, um die BMW wieder flottzumachen und Buddy und sich selbst über die Runden zu bringen. Für eine ganze Weile.

Morgen würde er zum ersten Mal seit langer Zeit wieder mit einem Menschen arbeiten. Der Gedanke ließ seinen Magen verkrampfen.

Wieder knarrte es irgendwo.

Morgen um zehn.

5

Michael Bergmann

»Wer bist du?«, fragte die Frauenstimme wieder.

Doktor Michael Bergmann schüttelte den Kopf, die Schmerzen an seinen Schläfen explodierten. »Was. Soll. Das? Warum quälen Sie mich? Was soll diese Frage? Was wollen Sie von mir?«

Keine Antwort. Um ihn herum war es vollkommen dunkel. Er spürte den Metallstuhl unter sich, die Kabelbinder, die sich bei jeder Bewegung tiefer in seine Handgelenke schnitten. Seine Schultern schmerzten.

»Wer bist du?«

Er hatte keine Chance, etwas von ihr zu sehen. Er hörte nur, dass sie vor ihm war, vielleicht anderthalb Meter entfernt. Sie klang ruhig und kontrolliert, fast sanft – als würde sie mit einem Kind sprechen. Bergmann grübelte und grübelte, aber er glaubte nicht, die Stimme schon einmal gehört zu haben.

Seine Beine wurden langsam taub, er änderte die Sitzposition etwas.

»Ich weiß wirklich nicht, was Sie von mir wollen.« Die Worte, die seine Kehle verließen, klangen heiser und fremd. »Meine Familie macht sich Sorgen. Meine Frau, meine Töchter …«

»Das ist keine Antwort.«

Die Art, wie sie es sagte – nicht vorwurfsvoll, eher bedauernd –, jagte ihm einen Schauer über den Rücken.

»Können Sie mir nicht einfach sagen, was Sie wollen?«

»Wer bist du?«

Er zerrte an den Fesseln und bereute es sofort. »Wenn es um Geld geht – ich kann Ihnen Geld besorgen. Viel Geld.«

»Geld ist nicht relevant.«

Ob Laura inzwischen die Polizei verständigt hatte? Suchte man vielleicht schon nach ihm? Wie ging es den Mädchen? War immer noch Nacht oder schon wieder Tag? Seine Zunge klebte am Gaumen, und ein leichtes Gefühl von Übelkeit stieg in ihm auf – Nachwirkungen von dem, was auch immer man ihm gespritzt hatte.

»Ich bin Arzt.«

»Auch das interessiert mich nicht. Noch nicht.« Die Frau klang unendlich geduldig – als hätte sie alle Zeit der Welt.

Er rutschte unruhig auf dem Stuhl hin und her. Seine Beine waren jetzt völlig taub, der Harndrang wurde quälend. Die Vorstellung, sich vor ihr einzunässen, war furchtbar. »Ich muss … ich meine … können Sie mich nicht wenigstens …«

»Wer bist du?«

»Das hat doch alles keinen Sinn.« Seine Stimme brach.

»Es hat allen Sinn der Welt.« Die Worte kamen so stetig wie unerbittlich. Sein Magen krampfte sich zusammen. Vor Hunger? Vor Angst?

»Ich brauche bitte etwas zu trinken«, kam er auf ein Bedürfnis zu sprechen, das er eindeutig verspürte.

»Wer bist du?« Diese Ruhe und Gelassenheit. Als ginge sie sein Zustand gar nichts an.

»Hören Sie endlich auf!« Er riss wieder an den Fesseln. Das Metall des Stuhls knirschte, gab aber nicht nach. »Was soll denn das alles? Macht es Ihnen Spaß, mich zu quälen? … Was wollen Sie?«, schrie er mit aller Kraft, bis er husten musste.

»Ich will eine einfache Antwort.«

»Wer ich bin?«, verließen Worte seinen Mund, die er gar nicht sprechen wollte. Er wollte protestieren. Sich wehren. Nicht hier sein.

»Wer du bist«, bestätigte die Frau.

Er atmete schwer. Schweiß lief ihm über die Stirn. »Sie wissen genau, wer ich bin! Sie haben mich doch entführt!«

»Wer bist du?« Ihre Stimme war wie ein Echo in seinem Kopf.

Gehirnwäsche, dachte er. Funktionierte die nicht genau so? Diese ständige Wiederholung. Isolation. Dunkelheit. Unnachgiebiges Fragen. Das Vorenthalten grundlegender menschlicher Bedürfnisse.

»Sie … Sie sind krank! Sie brauchen Hilfe!«

Die Stille, die jetzt entstand, ließ seinen Puls nach oben schnellen, sein Herz hämmerte gegen die Rippen, Angst machte sich in ihm breit. »Es … es tut mir leid. Ich wollte nicht …«

»Wer bist du?«

Er schluckte. Seine Kehle war inzwischen völlig ausgetrocknet. Was hätte er für einen Schluck Wasser gegeben. Aber er durfte sich nicht verrückt machen lassen. Musste sich an Dingen festhalten, die ihm Kraft gaben. Sophie hatte letzte Woche ihr erstes Turnier gewonnen. Emma mit der Eins in Mathe. Laura, seine geliebte Laura … Aber die Schmerzen, der Durst und der Blasendruck machten es ihm immer schwerer, auch nur einen klaren Gedanken zu fassen.

»Bitte«, flüsterte er. »Ich will einfach nur nach Hause.«

»Antworte mir.« Sie klang sanft. Bestimmt. Unausweichlich.

Seine Schultern zuckten, worüber er sich wunderte. Weinte er gerade? »Ich … ich weiß nicht …«

»Du weißt nicht, wer du bist?«

»Ich …« Seine Stimme versagte.

»Ja?« Ermunternd. Fast zärtlich.

»Ich bin …« Er schluckte trocken, seine Zunge war wie ein Fremdkörper in seinem Mund.

»Ich bin Michael.«

Die Stille, die folgte, zog sich erdrückend in die Länge.

»Weiter«, sagte die Frau ruhig und gelassen.

Erst die warmen Tränen auf seinen Wangen ließen ihn begreifen, dass er weinte.

»Ich bin Michael. Michael Bergmann.«

»Gut gemacht. Zeit für eine Belohnung.«

Zuerst wusste Bergmann nicht, was sie meinte. Erst in einer Atempause merkte er, dass es irgendwo tropfte. Dann fühlte er es auch, an seinem rechten Oberschenkel.

Wasser!, schrie sein Bewusstsein.

Er streckte den Kopf vor, bis er das Wasser im Gesicht spürte. Gierig streckte er die Zunge aus, um es einzufangen. Quälend langsam sammelte sich der erste Schluck, er zwang ihn mit Gewalt die Kehle hinunter.

Seine Aufmerksamkeit war so sehr auf die nächsten Tropfen gerichtet, dass es ihm erst sehr viel später auffiel:

Die Frau war weg.

SAMSTAG

6

Lea Wagner | Wien

Lea Wagner erwachte mit einem Brummschädel. Die Kopfschmerzen hämmerten im Takt des Geräuschs, das ihr Mixer in der Edelstahlschüssel machte – wobei sie ziemlich lange nachdenken musste, um draufzukommen, wer denn da am anderen Ende des Mixers war.

Es roch nach Zimt und angebranntem Toast. Schranktüren und Schubladen gingen auf und wieder zu, so, wie man es machte, wenn man in einer fremden Küche war. Jetzt gerade studierte er ihr Gewürzregal, das wie jede andere Aufbewahrungsmöglichkeit in ihrer Wohnung mit einem bunten Sammelsurium der letzten Jahre vollgestopft war.

»Ach du Scheiße«, murmelte sie und setzte sich auf. Der Typ von gestern machte tatsächlich Frühstück. Und den Geräuschen nach zu urteilen, gab er sich dabei richtig Mühe.

»French Toast!«, rief er viel zu enthusiastisch, als er sie erblickte. »Mit Zimt und Ahornsirup. Du magst es doch gerne süß, oder, Honey?«

Sie stöhnte. Mochte sie es morgens süß? Sie mochte es vor allem schnell und praktisch. Was er gerade veranstaltete, sah nach einer Stunde Putzen aus.

Der Typ – Manuel? Markus? – balancierte lässig ein Tablett, das sie schon ewig gesucht hatte. Darauf dampfte eine Tasse.

»Ist das Porzellan von deiner Oma?«, fragte er und stellte das Tablett vorsichtig auf ihren Nachttisch. »Wunderschönes Dekor.«

Lea hätte beinahe losgeprustet. Porzellan von meiner Oma. Das klang so sehr nach heiler Familie, dass bloß noch Zimt und Zucker fehlten.

Das Geschirr hatte sie vor Jahren auf einem Flohmarkt gekauft. Ein Euro pro Teil, weil das Dekor so kitschig war, dass es niemand haben wollte. Vielleicht sollte sie es ihm gleich schenken.

Er drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und ging zu den Pfannen zurück.

Sie griff sich die Tasse und stand auf. Der French Toast sah richtig gut aus. Ihr uralter Ahornsirup war großzügig über alles geleert. Außerdem frischer Karottensaft – wie auch immer er den Saft aus diesen Dingern herausbekommen hatte.

Wie hieß er noch gleich?

Er strahlte sie erwartungsvoll an. Sein nackter Oberkörper wirkte im Tageslicht weniger beeindruckend, als sein weißes Hemd gestern in der Bar versprochen hatte.

Ich habe ein ernsthaftes Weißhemdproblem, dachte Lea und rieb sich die Schläfen.

»Danke«, sagte sie nur. »Hör mal, Ma…«

»Manuel«, half er nach.

»Weiß ich doch«, log sie. In Wahrheit erinnerte sie sich nur noch bruchstückhaft an holprigen Sex und Monologe über Rennräder, Paleo-Diät und irgendwas mit Kryptowährungen.

»Tut mir echt leid, Manuel, aber ich hab total verschlafen. Muss in einer halben Stunde zum Dienst.«

»Oh.« Seine Augenbrauen zogen sich zusammen. »Aber es ist Samstag und bald Mittagszeit …?«

»Verbrecher haben kein Wochenende. War echt nett von dir mit dem Frühstück, aber …«

»Ich warte einfach«, schlug er vor. »Könnte ja mal ein bisschen aufräumen. Vielleicht koche ich was Schönes für heute Abend? Ich mache eine geile Quinoa-Bowl mit …«

»Neinnein, das geht nicht, leider.« Lea zog sich das erstbeste T-Shirt über. »Ich hab Spätschicht. Wird sehr lang.«

»Dann eben morgen?«

»Hör zu.« Sie griff nach dem French Toast und biss ein Höflichkeitseck ab, das sie beinahe würgen ließ. »Mhm, echt gut. Nimm deinen am besten mit, für unterwegs.«

»Aber …«

»Tut mir leid, Manuel.« Sie legte den angebissenen Toast weg. »War eine schöne Nacht, aber ich bin grade nicht …« Sie machte eine vage Handbewegung.

»… bereit für was Festes?«

»Genau.« Sie schob ihn sanft Richtung Flur. »Außerdem hab ich eine Regel: Keine Männer, die im Haushalt fitter sind als ich.«

Das brachte ihn tatsächlich zum Lachen. »Das ist die kreativste Abfuhr, die ich je bekommen hab.«

Sie bückte sich nach seinem weißen Hemd, das im Eingang lag, und spürte etwas unter ihren blanken Füßen, das sich als Knopf herausstellte – Spuren einer so leidenschaftlichen wie unerklärlichen Liebesnacht. »Ich hab noch irgendwo Nähzeug, falls …«

»Schon gut. Ich bin gut ausgestattet«, sagte Manuel und zwinkerte. »War schön, dich kennenzulernen, Lea.«

»Ja …«, schaffte sie nur, schloss die Tür und lehnte sich dagegen. »Scheißtequila«, murmelte sie. »Nie. Wieder.«

Das schrille Piepen des Rauchmelders riss sie aus ihren Gedanken. In der Küche qualmte der Toaster.

Erst mal lüften, dachte sie. Dann die Hühner füttern.

Aber vorher noch diesen verdammten Kater killen.

Zwanzig Minuten später öffnete Lea ein Fenster und schwang sich auf die Eisenleiter, die genauso verboten war wie die Nutzung des Daches auf ihrem Wohnhaus.

Sie fühlte sich schon etwas besser, einem Familienrezept sei Dank: zwei rohe Eier, Karottensaft – wundersam von diesem Manuel fabriziert –, Tabasco, naturtrüber Apfelessig, schwarzer Pfeffer und Ingwer. Das war der berühmte Pratergeist ihrer Mutter, die als junge Bardame im Prater so manchen Kater damit bezwungen hatte.

Der frische Morgenwind tat gut. Die Leiter war rutschig vom Morgentau. Sie kletterte vorsichtig, Sprosse für Sprosse, während ihr Kopf nur noch leise protestierte.

Von hier oben wirkte Wien so erhaben, als ginge die Stadt keines ihrer Probleme etwas an. Dächer leuchteten in der Morgensonne. Das Rauschen unten auf der Straße war leiser als sonst – samstags brauchte Wien etwas länger, um in die Gänge zu kommen.

Genau wie ich.

Die Hühner gackerten aufgeregt, als Lea sich dem selbst gezimmerten Verschlag näherte. Braune Federn stoben, als sie das Futter auffüllte.

»Ganz ruhig«, murmelte sie und sammelte die Eier ein – gleich vier Stück, was Lea an ihr schlechtes Gewissen erinnerte, gestern nicht mehr hier gewesen zu sein. »Sorry, Mädels«, sagte sie. »Kommt nicht wieder vor, versprochen.«

Ihr Blick wanderte zur hellblauen Holzbeute im Windschatten des großen Schornsteins. Die Bienen waren deutlich anspruchvoller als die Hühner, doch Lea wollte sie behalten, solange es ging. Ein guter Teil von ihr sehnte sich nach diesem Stück Natur, nach dem Rhythmus der Jahreszeiten, nach dem Gefühl, etwas wachsen und gedeihen zu sehen. Sie träumte von einem eigenen Bauernhof, und niemand durfte wissen, dass sie heimlich Fachzeitschriften über biologische Landwirtschaft abonniert hatte.

Die ersten Bienen tummelten sich ums Einflugloch. Lea beobachtete ihre Flugbahn, wie sie in eleganten Bögen ausschwärmten. Sie hatte gelernt, die Bewegungen zu lesen. Heute schienen sie ihr Ziel zu kennen, was bedeutete, dass sie keine Dummheiten im Sinn hatten.

»Na, wie sieht’s aus bei euch?«, murmelte sie und trat näher. Der typische Geruch stieg ihr in die Nase. Sie beugte sich vor und lauschte dem leisen Summen, das aus der Beute drang.

Vor drei Jahren hatte sie das Volk von einem älteren Imker übernommen, der in Pension gegangen war. »Ein ruhiges Volk«, hatte er gesagt. »Aber die Königin ist nicht mehr die Jüngste.«

Lea hatte extra einen Kurs besucht und hielt sich peinlich genau an das Gelernte. Sie erinnerte sich noch an die schlaflosen Nächte, wenn sie sich Sorgen um ihr Volk machte. An die vielen Dinge, die schiefgehen konnten – und meist tatsächlich schiefgingen.

Im letzten Frühjahr war das halbe Volk abgehauen. Sie hatte die Zeichen übersehen: das unruhige Summen, die Spielnäpfchen am unteren Rand der Waben. Plötzlich hing ein ganzer Schwarm an der Regenrinne vier Häuser weiter, und die Feuerwehr holte sie ab. Hätte Lea sich gemeldet, wäre ihr illegaler Dachbauernhof aufgeflogen. Aber der verbliebene Rest des Bienenvolks machte weiter – gemächlich und zufrieden, wie es schien.

Als sie gerade nach dem Gemüse sehen wollte, das im Hochbeet gedieh und endlich mal von Unkraut befreit werden musste, vibrierte ihr Handy in der Hosentasche. Sie holte es heraus und ging dran, ohne auf die Anzeige zu sehen.

»Hallo?«

»Hallo …, Lea.«

»Mum?«, entfuhr es ihr.

»Könntest ruhig ein bissl weniger überrascht tun«, blaffte Friederike Riki Wagner, ehemalige Bardame im Wiener Prater, die das Kunststück geschafft hatte, fünf Kinder von fünf verschiedenen Typen zu bekommen, nur drei der Erzeuger identifiziert und nur zwei zum Zahlen der Alimente gebracht zu haben. Lea kannte ihren Vater nicht und wollte auch besser nichts über ihn wissen.

»Sorry, Mum. Wer ist’s diesmal?«, fragte sie und setzte sich auf den Rand des Hochbeets. Der Kater meldete sich zurück, drückte seinen Krallen in Leas Schläfen.

»Karl ist mit den Bullen über Kreuz.«

»Und?« Ihr Bruder Karl im Visier der Polizei – das war so normal wie die Tauben am Stephansplatz.