Dornenhecke - T. Kingfisher - E-Book

Dornenhecke E-Book

T. Kingfisher

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Beschreibung

Dornenhecke erzählt von einer krötigen Heldin mit einem Herz aus Gold, einem liebenswerten Ritter und einer Mission, die komplett in die Hose geht … Es war einmal eine Prinzessin, die in einem Turm festsaß. Diese Geschichte handelt nicht von ihr. Kurz nach ihrer Geburt wird Krötling von den Feen entführt. So wächst sie zwar fern von ihrer Familie, doch geliebt und geborgen in den warmen Wassern des Feenlandes auf. Eines Tages wenden sich die Feen mit einer Bitte an sie: Sie soll in die Menschenwelt zurückkehren, um ein Neugeborenes mit einem schützenden Segensspruch zu bedenken. Klingt einfach, oder? Doch bei den Feen ist nichts jemals einfach. Jahrhunderte später nähert sich ein Ritter einer hohen Dornenhecke, deren Stacheln so scharf wie Schwerter und dick wie Unterarme sind. Wie er gehört hat, gibt es hier einen Fluch zu brechen – einen Fluch, den Krötling mit aller Macht aufrechterhalten will …

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Seitenzahl: 150

Veröffentlichungsjahr: 2025

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INHALT

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

EPILOG

DANKSAGUNGEN

KAPITEL 1

In der Anfangszeit war die Dornenhecke beunruhigend auffällig gewesen. Eine Mauer aus schenkeldicken Ästen und schwertlangen Stacheln ließ sich eben beim besten Willen nicht verstecken. So etwas erregte zwangsweise Neugier und Neugierige rückten allzu schnell mit Äxten an. Die Fee hatte alle Hände voll zu tun, wenigstens ein paar der Schaulustigen vom Turm fernzuhalten.

Nach und nach wuchsen jedoch Wildsträucher in die Hecke – Brombeeren, Hagebutten und andere wuchernde Nutznießer –, sodass sie zunehmend mit der Landschaft verschmolz und die Fee endlich zu einer Verschnaufpause kam. Auf abenteuerlustige Prinzen und mittellose jüngste Söhne hatten die Dornen, unmissverständlich dazu gedacht, Leute fernzuhalten, eine ungemeine Faszination ausgeübt; so ein bisschen Stachelgestrüpp hingegen kratzte kaum jemanden.

Dass die Gegend immer karger und lebensfeindlicher wurde, half ebenfalls. Von einer Wüste konnte man zwar nicht direkt sprechen, aber Brunnen versiegten, kaum dass man sie ausgehoben hatte, und der Regen versickerte so schnell, als bestünde der Boden aus Sand, nicht aus Lehm. All das war das Werk der Fee, auch wenn sie bedauerte, dass es notwendig war.

Die Fee war grünlich-braun wie ein Pilzstiel, und wenn sie sich stieß, wurde ihre Haut blauschwarz wie die Unterseite einer Röhrlingskappe. Sie hatte ein breites, froschähnliches Gesicht und Haar wie Nixenkraut. Weder war sie so schön noch so scheußlich, wie man es dem Feenvolk gern nachsagt.

In erster Linie war sie nervös und übermüdet.

»Woher wissen die das bloß? Inzwischen sollte die Zeit doch längst alle dahingerafft haben, die sie einst kannten – selbst deren Kinder! Und deren Kinder sollten mittlerweile ergraut sein. Wie in aller Welt erinnert sich überhaupt noch jemand an die Burg hier?«

Sie sprach (mehr oder weniger zumindest) mit einer Bachstelze – einem kleinen Vogel, der am liebsten im kurzen Gras unterwegs ist und dabei fortwährend mit dem Schwanz wippt. Bachstelzen sind zwar nicht so klug wie Dohlen, Saat- oder Rabenkrähen, die Fee aber mochte sie gern, denn sie spöttelten ihr nicht hinterher wie die Saatkrähen und waren auch nicht so geschwätzig wie die Rabenkrähen.

Mit wippendem Schwänzchen kam die Bachstelze näher.

»Bestimmt erzählen sie einander Geschichten«, sagte die Fee niedergeschlagen, »über eine im Turm gefangene Prinzessin und eine Dornenhecke, die Prinzen fernhalten soll.«

Sie rieb sich die Augen und wusste, dass die angestauten Tränen ihre Lider blauschwarz färben würden.

Obwohl außer der Bachstelze niemand zugegen war, zwickte sie sich in den Nasenrücken und legte den Kopf in den Nacken. Die Macht alter Gewohnheiten.

»Gegen Geschichten bin ich wehrlos«, flüsterte sie, während sich ein paar tintenschwarze Tropfen über ihre Wangen stahlen und im Haar versickerten.

Aber die Jahre gingen ins Land und womöglich gerieten die Geschichten zunehmend in Vergessenheit, denn immer weniger Männer rückten der Dornenhecke mit Äxten zu Leibe. Die Bachstelzen zogen fort, weil sie sich auf offener Flur heimischer fühlten. Das betrübte die Fee. Stattdessen flatterten nun Eichelhäher durchs Gestrüpp und machten eine Menge Radau. Trotz ihres frechen Keckerns waren sie scheu und schreckhaft. Da auch die Fee nach wie vor bei jeder Kleinigkeit zusammenzuckte, erkannte sie die Vögel bald schon als verwandte Seelen.

So verstrich die Zeit, und während zwischen den Stacheln allmählich Heckenrosen erblühten, atmete sie zaghaft auf. Unaufhörlich mahlten in ihrem Herzen die Sorgen wie Steine gegeneinander, doch in den prinzenlosen Jahren kamen sie ihr wenigstens nicht mehr ganz so schwer vor.

Eines Tages vernahm die Fee wieder das Schlagen von Äxten und ihr wurde ganz bang. In eine Kröte verwandelt, kauerte sie unter den Sträuchern und rührte sich nicht. Was mache ich bloß, wenn sie hierherkommen?

Aber sie kamen nicht. Sie rodeten nur Bäume, um eine Straße durch den Wald anzulegen; um das Dornicht machten sie einen Bogen.

Die Burg stand auf einem felsigen Hügel. Ein strategischer Vorteil für eine Feste, die sich auf einer Anhöhe leichter verteidigen ließ – aber Straßen wichen Hügeln gemeinhin lieber aus. Die Axtschwinger arbeiteten sich in einer ausladenden Kurve nach Süden vor, über die ehemaligen Felder, durch die längst kein Pflug mehr zog.

Eine ganze Weile fürchtete die Fee, über die Straße würden mehr Prinzen und jüngste Söhne kommen, doch stets waren es nur Händler und Reisende. Das undurchdringliche Dornengestrüpp interessierte sie nicht – weder fiel ihnen auf, wie weit es sich erstreckte, noch schienen sie sich je zu fragen, was sich hinter solch dichtem Wuchs verbergen mochte.

Die Fee beobachtete die Reisenden neugierig, denn außer dem einen sah sie sonst keine menschlichen Gesichter. Sie unterschieden sich in Gestalt und Erscheinung erheblich voneinander. Aus dem Norden kamen blasse Blondschöpfe geschritten, aus dem Osten ritten dunkelhäutige Herren in prächtiger Rüstung heran. Kutschen rumpelten vorbei und die Fahrgäste sahen aus wie Mitglieder der alten Königsfamilie; Leibeigene und Bauern in groben, selbst gewebten Gewändern; das fahrende Volk mit ihren Wagen – ein Querschnitt der Menschheit. Sie alle passierten einander auf der Straße und nickten zum Gruß, und manchmal blieben sie stehen und sprachen in fremden Zungen.

(Eine der wenigen Gaben des guten Volks, die nicht zugleich Fluch ist: Die Feen sprechen alle irdischen Sprachen und können diesen Segen weitergeben. Doch auch wenn die Fee die Worte der Leute verstand, nützte es ihr nicht viel. Weder kannte sie die Städte, von denen die Rede war, noch die Könige und Kalifen; und Steuerwesen und Handelsgesetze blieben ihr erst recht ein Rätsel.)

Immer mehr Menschen strömten vorbei. Ein paar Meilen weiter wurde ein Handelshaus errichtet, das dichten Qualm in den Himmel spie. Die Fee verschränkte ihre Finger und kauerte sich ins Dornengestrüpp, um der nagenden Furcht zu entgehen.

»Bitte lass sie nicht herkommen«, flehte sie. Man hatte ihr erzählt, alle Angehörigen des Feenvolks seien seelenlos, was wohl auch für sie galt – ein verlorenes Geschöpf zwischen den Welten. Trotzdem sprach sie vorsichtshalber ein Gebet. »Lass sie nicht durch die Dornen brechen. Ich weiß nicht, wie viele ich abwehren kann. Bitte halt sie fern. Ähm … Amen.«

Das letzte Wort ergänzte sie mit sorgenvollem Unterton. Reichte das, um ihre Bitte zu einem Gebet zu erheben, oder musste sie dafür noch etwas anderes tun? Der königliche Hofpriester hatte ihre Gegenwart hingenommen, was aber selbstverständlich nicht bedeutet hatte, dass er sie das Beten gelehrt hätte.

Doch vielleicht wurde sie von irgendeiner Macht erhört, denn der stetige Strom aus Reisenden schrumpfte zu einem Rinnsal zusammen. Die Händler blieben aus und fortan kam nur noch vereinzelt jemand vorbei. Dann tauchten Menschen in großen Schnabelmasken und weiten schwarzen Gewändern auf, die sie ganz verhüllten und von einer schimmernden Wachsschicht überzogen waren. Wie Reiher auf Beutesuche stolzierten sie vorbei und die Fee duckte sich vor ihnen weg. Etwas an diesen Masken weckte unangenehme Erinnerungen an die Gesichter der Ältesten des Feenvolks. Dennoch zog sie die Vogelmenschen den Schreihälsen vor. Letztere streiften in Gruppen umher, allesamt halb nackt, und kreischten wie wild gewordene Tiere. Manchmal geißelten sie sich mit Stachelpeitschen und jaulten, wenn das Blut floss, nur um gleich darauf in Gelächter auszubrechen. Sie stanken nach Wahnsinn. Einer zwängte sich ein Stück ins Gestrüpp und ließ sich von den Dornen die Haut zerfetzen, dann stolperte er wieder hinaus.

Die Fee, immer noch in Krötengestalt, traute sich erst wieder in die Nähe der Stelle, als der Regen die Sträucher abgewaschen hatte. Von welchem Irrsinn die Schreihälse auch befallen sein mochten – sie wollte sich auf keinen Fall damit infizieren.

Nach einer Weile waren sowohl die Vogelmenschen als auch die Schreihälse fort. Jetzt war niemand mehr da. Unkraut nahm die Straße in Beschlag.

Da vermisste die Fee die Menschen, vor denen sie sich einst gefürchtet hatte – nicht etwa die Schreihälse oder Vogelleute, sondern die anderen, die vorher vorbeigekommen waren. Auf gewisse Weise hatten sie ihr Gesellschaft geleistet, auch wenn sie von ihrer Existenz nichts gewusst hatten.

Sie schlief immer länger. Die Eichelhäher stahlen einander Glitzertand aus den Nestern, weil sie nichts Neues mehr fanden.

So wechselten sich die Jahreszeiten ab, bis die Fee eines Tages Hufgetrappel hörte. Von Osten her kamen Leute auf schlanken Pferden die verwilderte Straße entlanggeprescht. Keiner von ihnen trug eine Rüstung und sie hatten zwei Vogelmenschen in ihrer Mitte. Sie wirkten, als wären sie auf der Flucht.

Dann brach der Damm. Männer und Frauen strömten zunächst von Ost nach West, dann wieder von West nach Ost – zu Fuß und hoch zu Ross, in Planwagen und Kutschen. Manchmal trabten sie hinter Rittern her, die Banner mit roten Kreuzen trugen.

In ihren Gesprächen fielen Worte wie Pest und Gräber und so viele Tote.

Die Fee rollte sich zusammen und weinte um die Toten, doch zugleich raunte in ihrem Kopf eine unangenehme Stimme: Vielleicht stirbt die Geschichte vom Turm ja mit ihnen.

Wie entsetzlich, froh über den Untergang ganzer Städte zu sein! Dann stimmt es also, dachte sie niedergeschlagen. Wenn ich darüber auch nur den kleinsten Funken Erleichterung empfinde, habe ich wohl wahrhaftig keine Seele. Darauf weinte sie noch heftiger und ihre Tränen färbten den Boden schwarz.

Die vielen Menschen trampelten das Unkraut nieder. Mit der Zeit nahm die Zahl der Reisenden ab, bis wieder das gewohnte Maß erreicht war. Die Mode änderte sich ein ums andere Mal, das fahrende Volk kehrte zurück und nach wie vor wagte sich lange niemand zwischen die Dornen.

Erst viele Jahre später begab es sich, dass ein Ritter am Rande des Gestrüpps stehen blieb und es betrachtete. Wenn der Hecke jemand zu nah kam, spürte die Fee das sofort. Es fühlte sich an, als ließe sich eine Mücke auf ihrer Haut nieder, und diesmal stach sie zu. Also schlich die Fee auf die Hecke zu – erst in Kröten-, dann in Frauengestalt –, um herauszufinden, was los war.

Schließlich entdeckte sie eine Feuerstelle und den Ritter, der daneben sein Lager aufgeschlagen hatte. Es war noch nicht ganz dunkel. Mit dem Rücken zu den Flammen besah er sich die Sträucher.

Dieser Blick gefiel der Fee ganz und gar nicht. Er war zu gedankenvoll. Die Dornenhecke war dem Ritter aufgefallen und er schien zu überlegen. Was, wenn er sich womöglich noch fragte, was sich dahinter verbarg?

Hau ab, dachte sie. Schau woandershin! Diese Geschichten können doch nicht immer noch im Umlauf sein. Das ist viel zu lange her …

Schließlich drehte er sich zum Feuer um. Die Fee stahl sich näher heran.

Seine Ausrüstung ließ darauf schließen, dass er … ein Sarazene war? Sagte man so? Sie war sich nicht ganz sicher. Woran er auch glauben mochte, einen Ritter erkannte sie jedenfalls.

Er war nicht besonders groß und seine Rüstung blank, wenn auch abgetragen. Das Pferd hatte eine kräftige Statur, der Sattel war jedoch abgewetzt und das Zaumzeug beinahe durchgescheuert. Der Krummsäbel an seiner Hüfte war wohl einmal mit Edelsteinen geschmückt gewesen, doch nun waren die Fassungen leer. Das alles erweckte den Eindruck verarmten Adels – ihrer Erfahrung nach sahen so die jüngeren Söhne aristokratischer Familien aus. Der sanfte Feuerschein konnte ebenso wenig die dunklen Augenringe kaschieren wie der gepflegte Bart seine eingefallenen Wangen. Dennoch war er verglichen mit ihr sicher wohlhabend. Als Kröte hatte man für Geld kaum Verwendung, was sich gut traf, da sie keins hatte. Selbst als sie noch bei den Menschen in der Burg gelebt hatte, war es niemandem je in den Sinn gekommen, eine Fee zu entlohnen.

Dafür konnte sie von Würmern und Käfern leben und unter Steinen schlafen, was Menschen verwehrt blieb – letztendlich glich sich das also aus.

Bestimmt bricht er morgen wieder auf, beruhigte sie sich. Er braucht nur ein Nachtlager, das ihn nichts kostet.

Sie schlang die Arme um sich. Das ist ganz bestimmt alles …

Plötzlich hob er den Kopf und schien sie einen Moment lang in ihrem Versteck direkt anzublicken.

Sie wollte sich zurück in eine Kröte verwandeln, aber was, wenn er etwas sah? Sie würde schrumpfen, auf alle viere fallen … Also blieb sie mucksmäuschenstill und hielt die Luft an.

Das Feuer knisterte. Er sah weg.

Leise atmete sie durch den Mund aus. Wenn er mir wieder den Rücken zudreht, verwandle ich mich. Und dann nichts wie weg! Jetzt weiß ich ja Bescheid. Und morgen früh wird er fort sein.

Als er sich endlich seinem Pferd zuwandte, plumpste eine warzige Kröte auf die Blätter und hopste langsam davon.

Am nächsten Morgen jedoch war er keineswegs fort.

Schon bei Tagesanbruch wartete sie nervös darauf, dass er endlich weiterzog, aber er war sogar so unerhört dreist, in aller Ruhe auszuschlafen.

»Du bist doch ein Ritter«, murrte sie leise. »Solltest du nicht auf irgendeinem Lanzenturnier sein oder für Ruhm und Ehre eine Burg belagern?«

Offenbar würde er sich der Burg erst später widmen. Bis er endlich aufstand, war der Morgen halb vorbei und es ging schon auf Mittag zu, als er das Zaumzeug geflickt und sein Pferd gesattelt hatte.

Doch selbst dann stieg er noch nicht auf. Nein, er führte es an den Zügeln!

Sie folgte ihm mit einigem Abstand, in der Hoffnung, er würde zur Straße gehen.

Das tat er aber nicht.

Stattdessen umrundete er das Dornicht und blickte fortwährend hinein, wobei er einen Bogen um die Zwischenräume machte, aus denen das Gestrüpp besonders dicht herauswucherte. Auf einer Anhöhe, wo die Hecke etwas dünner war, blieb er schließlich stehen.

Er machte die Zügel des Pferdes in Bodennähe fest, dann ging er auf und ab. Und schaute.

Der Fee war zum Schreien zumute.

Sie verkroch sich weiter unten am Hang unter einem umgestürzten Baum und beobachtete ihn.

Was will er denn da? Sucht er etwa einen Weg hinein?

Sie versuchte sich vorzustellen, was er sah. Gewiss war doch vom Turm nichts zu erahnen! Das Dach hatte sich längst der Wildwuchs einverleibt und alles andere lag hinter Bäumen versteckt. Von außen war das nur ein hohes Dickicht auf einem Hügel, umringt von Dornbüschen.

Na gut, es gab vielleicht hier und da eine Kante zu erspähen, die zu geradlinig war, um zum Umriss eines Baumstamms zu gehören – aber man musste schon ganz genau wissen, wo man hinzuschauen hatte.

Das sieht er nicht. Ich sehe es kaum und ich erinnere mich noch an die Zeit, als der Turm bewohnt war. Himmel, warum haut er nicht endlich ab?

Stattdessen führte er sein Pferd weiter an der Hecke entlang. Die Fee verfolgte ihn.

Als es Abend wurde, war er ganz um das Dornicht herum und kehrte zu seinem alten Lagerplatz zurück. Er ließ sein Pferd grasen und zündete wieder ein Feuer an.

Wenn er nicht freiwillig geht, muss ich ihn eben vergraulen. Sein Pferd erschrecken. Ihm die Haare verknoten. Irgendetwas.

Er blickte zum Himmel auf und das Abendlicht färbte sein Gesicht orange. Er wirkte nicht wie einer, der sich von ein paar Feenknoten abschrecken ließ.

Ich könnte mich vor seinen Augen in eine Kröte verwandeln. Oder … ähm …

Es war zum Haareraufen. Sie hatte kaum magische Kräfte und die wenigen, die sie besaß, wurden großenteils von der Turmruine in Anspruch genommen. Sie könnte allerhöchstens … na ja, sie könnte Fische heraufbeschwören. Nur würden Fische in dieser Lage wohl auch nicht helfen. Vielleicht hätte sie ein Kelpie überreden können, ihr beizustehen, aber das waren wilde, unberechenbare Geschöpfe und überhaupt müsste sie dazu erst einmal eins finden – was bedeuten würde, die Burg eine Weile unbeaufsichtigt zu lassen.

Ich fange mit Feenknoten an, dachte sie entschlossen, und zwar einer ganzen Menge. Um die auszukämmen, braucht er eine geschlagene Woche.

Er legte noch ein bisschen Holz nach und machte es sich zum Schlafen bequem, und als sein Atem ruhig und gleichmäßig ging, schlich sie heran. In Krötengestalt hätte sie sich sicherer gefühlt, doch um Haare zu verknoten, brauchte man Menschenfinger.

Der Lagerplatz war in dunkelblaue Schatten getränkt. Eine waschechte Fee – das heißt, eine gebürtige – hätte in den kleinsten dieser Schatten schlüpfen und unsichtbar wie Spinnweben werden können.

Über derlei Talente verfügte sie bedauerlicherweise nicht. Sie konnte mit ihren bloßen Füßen nur möglichst leise auftreten und verräterischen Zweigen und Blättern ausweichen.

Der Ritter hatte die Hände ordentlich gefaltet neben seinen Kopf gebettet und regte sich nicht.

Wie das harmloseste Raubtier aller Zeiten beugte sie sich über ihn und lauschte auf seinen Atem.

Als er sich auch nach einer ganzen Weile nicht gerührt hatte, seufzte sie tonlos und entspannte sich.

Seine dichten Locken waren für Feenknoten wie gemacht. Sie tippte ein Haar an.

Es bebte und hob sich langsam. Konzentriert runzelte die Fee die Stirn.

Das Haar bewegte sich ganz von selbst, wie eine hauchzarte Schlange. Es verwob sich mit dem nächsten, einmal und noch einmal.

Auffordernd bewegte die Fee die Finger, und ein zweites kam dazu, dann eine drittes. So schlängelten sie hin und her und nahmen die anderen mit.

Der resultierende Knoten – halb gefilzt, halb geflochten – wuchs immer weiter; zunächst fasste er ein paar Dutzend Haare, dann Hunderte.

Als sie schließlich eine daumendicke Stelle fest verknotet hatte, sank sie auf die Fersen und atmete kurz durch.

Es ist wirklich lange her. Aber Feenknoten konnte ich ja schon immer gut …

Plötzlich fasste der Ritter sie sanft am Handgelenk.

»Bist du fertig?«

KAPITEL 2

Die Fee starrte auf die Hand herab. Ihr erster Gedanke galt jedoch nicht etwa der Tatsache, dass sie auf frischer Tat ertappt worden war.

Wie lange war es her, dass ein lebendes Wesen sie berührt hatte? Viele, viele Jahre. Sie erinnerte sich nicht genau. Fast hatte sie schon vergessen, dass so etwas überhaupt möglich war, doch nun spürte sie den sanften Druck seiner Hand.

»Zuerst wollte ich dich fragen, ob du ein Dschinn bist«, sagte der Ritter zögerlich und setzte sich auf. »Aber die bestehen ja bekanntermaßen aus Feuer.«

Sie schüttelte den Kopf, ohne den Blick zu heben. Im Mondlicht wirkte ihre Haut im Vergleich zu seiner kränklich grün.

»Bist du eine Elfe?«

Es kam ihr wichtig vor, die Wahrheit zu sagen. Sie leckte sich über die Lippen. »So was in der Art, ja.«

»Aha.«

Nun hatten sie tatsächlich ein paar Worte miteinander gewechselt. Auch das war lange nicht mehr vorgekommen.

Er ließ sie los. Erschrocken schaute sie auf.

Im Sitzen machte er eine kleine Verbeugung, die eher einem Nicken gleichkam. »Du bist mir gefolgt«, stellte er fest.