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Im Sommer 1984 ist Ella ein junges Mädchen und eine Klassenreise nach Rügen wird ihr Leben für immer verändern.
Achtzehn Jahre später ist sie eine forensische Psychologin und arbeitet zusammen mit Kommissar Dreitt an dem Fall des „Gottesboten“, einem Serienmörder, der seine Opfer in Museen tötet. Die Morde stehen im Zusammenhang mit den Todsünden und Der Göttlichen Komödie von Dante Alighieri. Wird es Ella und dem Kommissar gelingen, den Mörder zu entlarven?
Dornenprinzessin ist ein Kriminalroman, in dem nichts so ist, wie es scheint, und die Wahrheit nur am Ende ans Licht kommt. Ein Roman, den man in einem Rutsch lesen kann und der einen Seite für Seite in Atem hält.
Sandra Vogt, am 20.05.1979 in Aschaffenburg geboren, lebt mit ihrem Mann und ihren Kindern in der Region Untermain, umgeben von Natur und verschiedenen Tieren.
Sie ist Krimiautorin und ihre Veröffentlichungen spielen in der Region zwischen Frankfurt am Main und Würzburg.
Ein Bild, das Menschliches Gesicht, Lächeln, Person, Porträt enthält.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Sandra Vogt
Dornenprinzessin
© 2025 Europa Buch | Berlin
www.europabuch.com | [email protected]
ISBN 9791257032746
Erstausgabe: September 2025
Gedruckt für Italien von Rotomail Italia
Finito di stampare presso Rotomail Italia S.p.A. - Vignate (MI)
Dornenprinzessin
„Zur Fahrt in bess´re Fluten aufgezogen
Hat seine Segel meines Geistes Kahn,
Und lässt nun hinter sich so grimme Wogen.
Zum zweiten Reichehin geht seine Bahn,
Wohin zur Reinigung die Geister schweben,
Um würdig dann dem Himmelreich zu nah´n.“
Ella war zum ersten Mal auf Rügen. Früher war sie zwar schon an der See gewesen, aber noch nie ohne ihre Eltern. Sie war froh, dass sie die Klassenreise machen durfte.
Und da war Bastian. Sie traf ihn gleich am ersten Tag in dem kleinen Café. Und sie war sofort in ihn verliebt. Er hatte dunkelblonde Haare und wenn er lächelte, dann bekam er süße Grübchen. Bastian war damals siebzehn Jahre alt. Er war zur gleichen Zeit wie sie mit seiner Klasse auf Klassenfahrt. Ella und er hatten sich von Anfang an super verstanden. In dem kleinen Café hatte sie allein mit einem Buch an einem Bistrotisch Platz genommen. Sie bestellte ein Eis und begann zu lesen. Dann kam er. Da sonst kein Tisch frei war, fragte er Ella, ob er sich dazu setzen dürfe. Die beiden kamen schnell ins Gespräch. Die Woche verging wie im Flug. Sie hatten sich jeden Tag getroffen.
Bastians Klassenkameraden hatten ihn zusammen mit Ella gesehen. Sie hatten ihn am Abend auf dem Zimmer verspottet, wie er sich so einen Trampel anlachen konnte. Bastian wusste, dass Ella nicht den Schönheitsidealen entsprach, die ein Siebzehnjähriger in Bezug auf Mädchen hatte. Er wusste aber auch, dass Ella es ehrlich meinte. Trotzdem verletzte es ihn, dass ihn die anderen Jungs in der Öffentlichkeit lächerlich machten. Er überlegte, ob er sich überhaupt noch einmal mit ihr treffen sollte. Morgen war ihr letzter Tag hier auf Rügen und er hatte es versprochen. Einer der Jungs kam am nächsten Tag in sein Zimmer. „Sag mal, triffst du dich heute wieder mit deinem Trampel?“ „Was geht dich das an?“ fragte Bastian. „Wir, also ich und Jens und Andreas, wir hatten uns überlegt, ob die Kleine es schon mal getrieben hat.“ „Was soll das?“ wurde Bastian laut. „Naja, stell dir mal vor, was für einen Spaß wir mit der haben könnten.“ „Sag mal tickst du nicht richtig?“ Bastian war wütend und verunsichert, was er davon halten sollte. „Immerhin arbeitet dein Vater doch bei uns in der Firma. Unsere Eltern sind ziemlich gute Freunde. Es wäre doch schade, wenn sie erfahren würden, dass ihr Sohn nicht auf Mädchen steht. Was für ein Verlust des Ansehens, für den Prokuristen der größten IT-Firma in unserer Region. Und glaub mir, er wird es erfahren, wenn du nicht tust, was wir sagen.“ Bastian hatte Angst. Es stimmte, was Kevin sagte. Er stand nicht auf Mädchen. Er fand Ella einfach nett. Mehr nicht. „Nun“, sagte Kevin, „es gibt da Fotos von einer Party im letzten Sommer. Ich könnte schwören, dass du mit einem Kerl darauf zu sehen bist. Aber vielleicht habe ich mich auch getäuscht. Auf jeden Fall sind die Fotos bei mir erst mal gut aufgehoben. Überleg dir, ob du bei unserem kleinen Ausflug mitmachst. Eventuell schenke ich sie dir dann.“ Das blanke Entsetzen spiegelte sich auf Bastians Gesicht. Kevin teilte ihm seinen Plan mit und Bastian wurde schlecht. Er hatte Angst, was seine Eltern dazu sagen würden. Seine Schläfen begannen zu pochen. Er war in einer Zwickmühle und sah keinen Ausweg, wie er mit heiler Haut davon kommen sollte. Er musste sich auf die perversen Spielchen seiner Klassenkameraden einlassen, um nicht selbst ans Messer geliefert zu werden.
Am letzten Tag auf Rügen, führte er sie hinunter zu den Kreidefelsen. Die beiden lachten viel, obwohl der bittere Beigeschmack des Abschieds ihre sonst so lebhaften Gespräche überschattete. Ella sprach mit Bastian darüber, dass sie sich gerne noch häufiger mit ihm getroffen hätte. Sie genoss die unbeschwerte Zeit mit ihm. Es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sie sich geliebt fühlte. Sie wurde nicht abgelehnt und gemaßregelt. Bastian maß sie nicht an ihrem Aussehen, an ihrer Intelligenz oder ihren Leistungen. Er verbrachte einfach gerne Zeit mit ihr. Das letzte Mal, dass sie sich so leicht und unbeschwert gefühlt hatte, war als ihr Vater noch gelebt hatte. Ella war mit Bastian eine Zeit an der Kante der Kreidefelsen gesessen. Sie hatten über Gott und die Welt geredet. Bastian hatte ihre Hand gehalten. Von Meer her zog Wind auf und die Sonne zog sich hinter die Wolken zurück. Ella fröstelte, denn sie hatte nur ein dünnes Sommertop und einen knielangen Baumwollrock an. Bastian legte seinen Arm um sie und bot ihr an, dass er sie ein bisschen warmhalten könnte. Ella schlug vor, zurück zu gehen. „Es ist unser letzter Tag hier, willst du wirklich schon zurück? Ich war am ersten Tag unserer Reise schon mal hier unten. Da hinten gibt es eine geschützte Stelle, die nicht einsehbar ist zwischen den Felsen. Wenn du willst, kann ich sie dir zeigen. Zumindest müssten wir dann noch nicht so schnell zurück.“ Ella fühlte ein Kribbeln in der Magengegend. Bastian nahm ihre Hand, und sie gingen am Meer entlang. Ellas Füße berührten kaum den Boden, zumindest dachte sie das. Jedes Mal, wenn er sie ansah, machte ihr Herz einen Sprung. Und dann kam der Moment. Bastian stand vor ihr. Ein tiefer Blick und ihre Lippen näherten sich einander. Sie würde sich noch lange an diesen Kuss erinnern. So weich. Ihr war schwindelig. Sie lächelte ihn an. Er ging ihr voran und sie folgte ihm bis in eine kleine Bucht, die weiter zu einem kleinen Plateau bergauf führte. Das Plateau lag nur ein paar Meter über dem Meer und war nicht einsehbar. Bastian war einige Meter vor ihr und wartete auf sie. Als sie die Felskante erreichte, half er ihr den letzten Schritt nach oben. Der Boden war sandig und nur wenige, dornige Zweige streckten ihre Finger über die Erde. Sie trat in die Mitte des ungefähr drei Meter messenden Platzes. Er breitete sein T-Shirt auf dem sandigen Boden aus und setzte sich darauf. Mit seiner Hand bedeutete er ihr, sich zu ihm zu setzen. Sie konnten die Sonne, die wieder durch die Wolken brach über dem Meer sehen. Es war ein schöner Anblick. Ellas Herz machte einen kleinen Freudensprung, als er wieder seinen Arm um sie legte. Sie schmiegte sich an ihn und legte ihren Kopf auf seine Schulter. In ihrem Bauch spürte sie wieder dieses angenehme Kribbeln.
Ella sah nicht, dass die Idylle bald gestört werden würde. An drei Seiten ragten Kreidefelsen in den Himmel, aus deren zerklüfteten Spalten drei weitere junge Männer hervortraten. Zuerst sah Ella nur einen von ihnen an ihrer linken Seite. Sie wollte schnell aufstehen und so tun, als ob das alles ganz harmlos sei. Dann sah sie die anderen. Bastian hatte sich an die Felswand zurückgezogen. Sein Gesichtsausdruck hatte sich verändert. Die Züge waren hart geworden, nicht mehr freundlich und strahlend. Ella verstand nicht. Warum waren sie hier? Sie wollte doch mit Bastian allein sein. Die vier traten auf sie zu. Sie bekam Angst. Irgendetwas stimmte hier nicht. Was hatten die anderen hier zu suchen und vor allem, was wollten sie von ihr. Sie hatte geglaubt, sie und Bastian wären hier ungestört, würden weiter Zärtlichkeiten austauschen. Mehr hatte sie doch gar nicht gewollt. Die jungen Männer näherten sich ihr. Sie blickte zu Bastian, der wie angewurzelt da stand und die Situation beobachtete. Sie war eingekreist. Sie spürte das Pochen ihres Herzens. Hatte Bastian sie absichtlich hierher gelockt? Sie verstand nicht warum? Was hatte er vor? Bastian kam schnell auf sie zu und packte sie am Arm. Ella wurde zu Boden geworfen. Sie schrie und versuchte sich loszureißen. Sie trat nach Bastian. Die anderen Männer hielten sie fest. Sie verstand nicht, was los war. Bastian drückte sie auf den Boden. Sie spürte, wie sich jemand auf ihre Arme kniete. Ihre Beine wurden festgehalten. Wie Schraubzwingen schlossen sich die Hände der Männer um ihre Handgelenke. Ihre Gesichter waren gerötet vor Aufregung und Geilheit. Dann ging alles ganz schnell. So schnell, dass Ella kaum begriff, was hier vor sich ging. Bastian hatte sich auf ihre Brust gekniet. Sie hatte das Gefühl keine Luft zu bekommen. Ihr Rock wurde mit Gewalt von ihrer Hüfte über die Beine heruntergerissen, das T-Shirt mit einem Messer aufgeschnitten. Ein Lachen spielte um Bastians Lippen, als er ihren BH durchschnitt. Ellas Bauch hob und senkte sich. Ihre Angst schnürte ihr die Kehle zu. Sie hörte das Blut in ihren Ohren rauschen. Hinter Bastian, der sich eine Zigarette angezündet hatte, tauchte einer der anderen mit einer Kamera auf. Sie wurde von zwei der Kerle festgehalten, während Bastian begann, seine Hose auszuziehen. Er hatte sich das Halstuch, dass er an diesem Tag trug über sein Gesicht gezogen. Ella begann zu schreien. Endlich brach sich ihre Angst Bahn. Nichts passierte. Sie hoffte, dass jemand kommen würde und ihr half. Sie strampelte mit den Beinen und versuchte verzweifelt, ihren Peiniger wegzustoßen, doch es war vergebens. Niemand würde sie sehen. Schreien war die einzige Möglichkeit, auf sich aufmerksam zu machen. Sie wollte weg und versuchte nach Bastian zu treten. Sie schlug nach ihm und zerkratzte ihm das Gesicht. Die Horde johlte und fand Gefallen daran, dass sie sich wehrte. Sie wurde festgehalten und in den Sand gedrückt, während Bastian das Messer vor ihr Gesicht hielt. Langsam führte er die Klinge über ihre Brust. Er spielte mit ihrer Angst. Wieder begann sie zu schreien. Einer ihrer Peiniger holte eine Flasche mit Hochprozentigem hervor. Er schüttete ihr den Alkohol in den geöffneten Mund, dass jeder Schrei im Keim erstickt wurde. Sie hatte sich verschluckt und musste heftig husten. Bastian wartete ab, bis der Hustenanfall vorbei war und zog sich das Halstuch wieder über das Gesicht, dass ihm Ella fast heruntergerissen hatte. Das Tuch verdeckte die blutigen Kratzer, die Ellas Fingernägel auf seiner Wange hinterlassen hatten. Danach begann er mit der glühenden Zigarettenspitze ihren Körper zu malträtieren. Ella fühlte die Demütigung. Sie war auf ihn hereingefallen und nun musste sie dafür bezahlen, dass sie ihm vertraut hatte. Wie hatte sie nur glauben können, er könnte jemanden wie sie lieben? Tränen liefen über ihr Gesicht. Sie spürte die heiße Zigarettenglut, die die Haut ihrer Brüste verbrannte und schmerzende Wunden zurückließ. Sie wusste nicht, wie oft er die Zigarette auf ihre Haut gedrückt hatte. Auf ihre Brüste, auf ihren Bauch. Zehnmal, Fünfzehnmal? Sie schrie vor Schmerz, doch irgendwann waren ihre Schreie einfach weg. Die anderen drei Männer gaben Anweisungen, dass er sie mit dem Messer schneiden solle. Zuerst ritzte er ihre Haut nur leicht. Einer der anderen drückte seine Hand mit dem Messer herunter, so dass die Klinge eine tiefe Wunde in die Haut an ihrem Bauch schnitt. Ein brennender Schmerz durchzuckte Ella. Sie spürte, wie Blut über ihren Bauch lief. Bastian wehrte sich, als der andere erneut versuchte, das Messer in seiner Hand anzusetzen und warf es weg. Er stand auf und ging einige Schritte zurück. Scheinbar angewidert von seiner eigenen Tat. Der Mann, der zuvor die Anweisungen gegeben hatte, kniete sich über sie. Er öffnete seine Hose.
Sie wollte schreien, aber sie war verstummt. Mit einem Mal hatte sie das Gefühl, jemand hätte ihre Gefühle und ihr Empfinden ausgeknipst. Es war so, als ob Ella aus ihrem eigenen Körper geflohen wäre. Sie konnte wie aus einiger Entfernung sehen, was die Angreifer ihr antaten. Wie sie sie einer nach dem anderen missbrauchten. Sie sah sich dort liegen. Es war ihr bewusst, dass ihr Körper fürchterliche Schmerzen ertragen musste, trotzdem fühlte sie nichts. Es war, als hätte sich ihr Verstand vom Körper getrennt, als könnte sie das, was ihr angetan wurde, damit ungeschehen machen. Es machte ihr nichts mehr aus. Auch die Schmerzen spürte sie in diesem kurzen Moment nicht. Sie kannte in diesem Moment keine Demütigung und keinen Schmerz. Sie dachte, dass sie sterben würde und deshalb dieser Zustand der Gleichgültigkeit sie vor dem Schlimmsten bewahren würde. Gleich würde sie sehen, wie einer der Täter sie mit dem Messer erstach, wie Blut aus ihrem Bauch oder ihrer Kehle laufen würde. Sie tauchte ab, trieb in einem Ozean, geborgen, schwerelos. Sollten sie doch tun, was sie wollten, sie konnte niemand verletzen. Wieder die Gesichter. Sie lachten. Ella konnte sie nicht richtig erkennen, denn ein Tränenschleier benetzte ihre Augen. Unbewusst nahm ihr Gehirn wahr, dass sie litt. Sie nahm ihr Leiden auf sich. Ein Gesicht schälte sich aus der Masse heraus. Es kam dem ihren sehr nahe. „Jetzt du“, sagte eine Stimme zu Bastian. „Jetzt bist du dran. Mach schon, oder wir machen mit dem Messer bei dir weiter!“ Dann – rhythmische Bewegungen, auf und ab. Auf und ab. Das Lachen nahm noch zu. Anfeuerungsrufe ertönten. Ella war gar nicht mehr da. Irgendwo beobachtete sie, was geschah. Ihr Bewusstsein hatte sich von ihrem Körper getrennt. So fühlte es sich für sie an. Sie konnte ihren Körper daliegen sehen. Konnte sehen, wie der Eine das Messer an die Kehle von Bastian hielt, wie Bastian sie auch missbrauchte. Auf dem sandigen, mit Dornen überwucherten Boden. Die Dornen bohrten sich in ihre Kopfhaut. Ihr nackter Körper lag da, fast verdeckt von dem des jungen Mannes, der auf ihr lag und sie penetrierte. Die Dornenzweige hatten sich wie eine Krone um ihren Kopf gewunden. Wie eine Dornenprinzessin lag sie da. Zwei von den Jungen hielten wieder ihre Unterarme fest und der Vierte filmte die Tat. Ella konnte alles genau sehen, so als ob sie ihrem Körper entschwunden sei und nur als stumme Beobachterin fungierte. Ella war rein gewesen. Unschuldig. Sie wollte nicht, was jetzt passierte, aber sie gab sich die Schuld daran.
Ihre Mutter war eine sehr religiöse Frau. Sie war immer streng gewesen. Zweimal in der Woche musste Ella in die Bibelstunde. Sie musste mit ihrer Mutter schon als sie sehr klein war im Katechismus lesen. Ella hatte nichts dagegen gehabt. Ihr gefielen die biblischen Geschichten und die Vorstellung, dass Gott ihr Freund sei. Doch als Ella älter wurde und den Kindergarten besuchte, war ihre Mutter nicht damit einverstanden, dass Kindern dort beigebracht wurde, dass sie selbstbestimmt Entscheidungen treffen. Sie konnte die normalen Verhaltensweisen einer vierjährigen nicht akzeptieren. Ella wurde bestraft, wenn sie nicht auf ihre Mutter hörte. Oft war sie dann in ihrem Zimmer eingesperrt. Ella hatte, seit sie denken konnte von ihrer Mutter gehört, wie sehr sie es bedauere, dass Ella kein Junge geworden sei. Sie habe sich einen Sohn gewünscht. Ellas Vater war gläubig, aber nicht fanatisch. Sie war gerne mit ihm allein unterwegs. Er war nicht so streng und sie durfte spielen und einfach Kind sein, wenn er da war. Ihre Eltern hatten oft Streit ihretwegen. Vater dachte sogar daran, sich von ihrer Mutter zu trennen. Doch dann wurde sie mit Vicky, ihrer kleinen Schwester schwanger und Vater entschied sich dagegen. Er wollte das Baby nicht im Stich lassen. Die Situation verschlimmerte sich immer weiter. An jedem Problem war Ella schuld. Sie konnte der Mutter nichts recht machen, hatte sie das Gefühl, egal, wie sehr sie sich anstrengte. Sie war nie gut genug.
Wie lange wurde Ella hier festgehalten? Sie war ohnmächtig geworden und es hatte begonnen, dunkel zu werden. Ein brennender Schmerz riss sie aus dem Dämmerschlaf ihrer Ohnmacht und den Gedanken an früher. Erneut wurde ihr eine Zigarette an der Innenseite ihrer Beine ausgedrückt.
Sie spürte wieder das Brennen der Zigaretten auf ihrer Haut. Die Schläge und das Würgen. Wieder diese rhythmischen Bewegungen. Auf und Ab. Immer wieder. Viele Stunden. Ella hatte nicht mehr geschrien, nicht versucht sich zu wehren, sie lag einfach nur da, als wäre sie tot. Sie ließ alles über sich ergehen. Es war nur körperlich. Die Bewegungen endeten abrupt. Sie gewahrte einen Tritt, der ihr Gesicht traf. Ihre Nase begann zu bluten. Sie wurde wieder eins mit ihrem Körper. Nur langsam ertrug sie, in diesen Körper zurückzukehren. Der brennende Schmerz, der zwischen ihren Beinen pochte, machte sich bemerkbar. Sie sah nach unten und bemerkte das Blut. Die anderen waren weg. Sie waren verschwunden, hatten sie zurückgelassen. Die Gefahr war vorüber. Langsam kam Ella wieder an die Oberfläche. Sie fühlte sich, als würde sie aus einem Rausch aufwachen. Sie war weg gewesen, verschollen in einem Ozean aus Dunkelheit. Nun tauchte sie wieder auf. Sie spürte den Schmerz wieder. Sah, was mit ihrem Körper geschehen war. Peinlichkeit kroch in ihre Gedanken. Sie raffte ihre Kleider zusammen und drückte sie an ihren Körper. Ihre Arme, Beine, ihr Bauch und ihre Brüste waren übersäht mit Brandwunden. Auf ihren Brüsten waren die Buchstaben „HURE“ eingeritzt. Über ihren Bauch zog sich eine tiefe Schnittwunde. Ihr Hals schmerzte, schon alleine, wenn sie die Haut dort nur berührte. Sie hatten ihr die langen braunen Haare abgeschnitten. Die Strähnen lagen neben ihr im Sand. Ein Schmerz ließ sie ihre Hand an ihren Kopf legen. Sie fühlte kleine Risse und Verletzungen an der Kopfhaut, die die Dornen dort hinterlassen hatten. Ihr Haar war vom Blut verkrustet. Auch ihr Gesicht war voll Blut, dass aus ihrer Nase lief. Ihr Nasenbein fühlte sich geschwollen an und unter ihren Fingern konnte sie eine breiige Masse fühlen, wo der Schuh die Haut und die Knorpel das Nasenansatzes zerquetscht hatte. Sie weinte. In ihrem Haar hatten sich die Brombeerzweige verfangen, die ihre Stirn wie eine Tiara umrahmten. Sie versuchte sie vorsichtig herauszuziehen, ohne die Haare dabei auszureißen. Die Krone aus Dornen saß fest in den verkletteten Haaren.
Ella blieb fort aus dem Schullandheim. So wie sie aussah, konnte sie dort nicht auftauchen. Auch wenn es schon längst über die Zeit hinaus war, zu der sie eigentlich wieder dort sein sollte, ging sie nicht. Sie blieb am Meer. Es war ein warmer Tag gewesen und der Abend war angenehm. Eine Brise strich ihr durchs Haar und verwehte ihre zuvor noch langen Strähnen. Sie ging ins Meer. Spürte die elementare Kraft des Wassers, das sie hin und her warf. Ziellos trieb sie dahin. Ella hoffte, sie würde auf das Meer hinausgetrieben. Niemand würde sie finden und sie musste niemals mehr zurückkehren. Doch es kam anders. Die Wellen trieben sie immer wieder an Land. So sehr sie es auch wollte, schien sich das Wasser gegen sie aufzulehnen, ihren Todeswunsch nicht zu respektieren. Was würde passieren, wenn sie zurück ging? Ob die Lehrer nach ihr suchten? Es war ihr egal. Sie trieb in dem flachen Wasser am Ufer. Ihr Blick war zum Himmel gerichtet. Sie beobachtete die Wolken, die über sie hinweg zogen. Erst orangefarben durchzogen, dann schwarz. Und schließlich ließ die Dunkelheit sie völlig mit dem Himmel verschmelzen. Sie konnte Sterne erkennen. Und die schmale Sichel des aufgehenden Mondes. Welches Sternbild war das? Sie kannte sich damit nicht aus. Sie begann sich selbst einen Namen dafür auszudenken. Es sah aus, wie eine Blume. Vielleicht eine Rose? Das Bild von heute Nachmittag kam ihr wieder in den Sinn: Dornen stachen in ihre Kopfhaut. Eine Dornenkrone. Das Blut war in ihren Haaren getrocknet. Das Meer spendete ihr Trost. Es spülte alle Spuren von ihr ab. Machte sie wieder rein. Sie schwor sich, irgendwann wieder hier her zurückzukehren, um in die Fluten zu tauchen und sich ein letztes Mal treiben zu lassen, bevor ihr Leben endete. Sie wollte eins mit dem Meer werden. Irgendwann würde sie wieder hier treiben und sich einfach davontragen lassen, das wusste sie.
Lange trieb sie so am Ufer. Das Wasser kühlte ab und ihr Verstand wurde wieder klar. Sie hatte Angst zurückzugehen. Aber ihr blieb nichts anderes übrig. Sie musste zurück. Es musste weitergehen, sie hatte ihre Bestimmung noch nicht erfüllt, war noch nicht einmal erwachsen. Ihre Mutter hatte, nachdem ihr Vater gestorben war gesagt, jeder Mensch hätte von Gott eine Bestimmung bekommen, die er erfüllen müsse. Ihre Bestimmung sei es, die Familie zu unterstützen, jetzt wo Vater tot sei. Ihre Mutter hatte nie viel über den Tod des Vaters gesprochen. Auch nicht an dem Tag, an dem Ella ihn mit zwölf Jahren erhängt auf dem Dachboden gefunden hatte. Ella hatte gefragt, warum Vater das getan hatte. Sie hatte seinen Abschiedsbrief damals gelesen. Er konnte nicht weitermachen wie bisher. Er liebte seine Kinder, konnte sich aber gegen die religiöse Verblendung seiner Frau nicht zur Wehr setzen. Er war schwach. Aber er war ein guter Mensch. Der einzige Mensch, dem Ella vertrauen konnte. Sie erinnerte sich daran, dass ihr Vater ihr immer gesagt hatte: „Ella, hör nicht darauf, was die anderen sagen. Du bist zu etwas Großem bestimmt, so schlau wie du bist.“ Dann hatte er sie mit dem Finger auf die Nasenspitze gestupst und ihr einen Kuss auf die Stirn gegeben. Vater hatte ihr beigebracht, egal, wie gemein andere Menschen zu ihr waren, ganz gleich, was sie von ihr dachten, es gab immer einen Grund, auf sich stolz zu sein und weiterzumachen.
Wie eine zarte Pflanze keimte neue Hoffnung in ihr auf. Sie musste das Grauen, das sie vor einigen Stunden erfahren hatte, vergessen. Sie konzentrierte sich. Ella schaffte es, sich aus dem Wasser zu lösen. Sie dachte nach. Sie entschied auf dem Fußweg zur Herberge, nur diesen einen Kuss in ihrem Gedächtnis zu behalten. Sie stellte sich vor, wie über den Rest der Erinnerung die Brandung hinwegbrauste, die schlechten Gefühle mit sich nahm. Ella wollte sie loslassen. Sie wurden in die Gischt gespült, trieben weit hinaus ins Meer, um nie wieder in ihrem Kopf aufzutauchen. Sie stellte sich vor, wie jedes einzelne Bild, schwer wie ein Fels, in die Tiefe gezogen wurde und hart auf dem Grund aufschlug. Viele hundert Meter tief unter dem Meeresspiegel, für immer verborgen. Etwas in Ella war an diesem Tag zerbrochen. Ihre Erinnerungen wurden in ein dunkles Gefängnis verbannt und ein neuer Teil von ihr wurde geboren, der unverletzlich war, der alles schaffen konnte. Die Erinnerung an ihren Vater, gab ihr ihre Stärke zurück und sie lief los.
Ella war fast an der Herberge angekommen. Sie konnte sehen, wie die Lichtkegel der Taschenlampen sich über das Gelände bewegten. Sie hörte Stimmen, weit weg, die ihren Namen riefen. Die Lehrer und die Herbergseltern suchten tatsächlich nach ihr. Sie kroch in das Unterholz des kleinen Wäldchens, aus dem sie gerade herausgekommen war. Der Weg vom Meer her hatte ungefähr eine Stunde gedauert. Sie verbarg sich. Ella hatte sich ausgemalt ungesehen durch ein Fenster in die Herberge einzusteigen und sich zu waschen. Danach würde sie sich ins Bett legen. Am nächsten Morgen würde sie einfach behaupten, sie sei zum Meer gelaufen und zwischen den zerklüfteten Felsen gestürzt und ohnmächtig geworden. Danach habe sie zunächst den Weg in die Herberge nicht mehr gefunden. Die Strafe, die ihr drohte, konnte sie sich sehr bildhaft ausmalen. Trotzdem war das alles noch besser als die Fragen, die sie ihr stellen würden. Wie erstarrtes Eis saß sie hinter dem Gebüsch auf dem Boden, der die Feuchte der Nachtluft einsog. Einmal kam ihr der Strahl einer Taschenlampe sehr nah. Sie ließ sich flach auf den Boden fallen. Wieder Dornen. Brombeerzweige bohrten ihre Dornen in ihre Handflächen und ihre Wange.
Sie sah, wie die Dornen Wunden in ihre Hände stachen und ihre Wange zerkratzten. Sie fühlte keinen Schmerz. Sie blieb dicht am Boden, bis die Lichter allmählich verschwanden. Insgeheim fragte sie sich, warum ihre Seele in den letzten vierzehn Jahren soviele Dornenstiche hatte ertragen müssen. Ihr fiel ein Vergleich mit Jesus Christus ein, der die Dornenkrone wie ein König getragen, und die Demütigung und den Schmerz ertragen hatte, ohne jemanden anzuklagen. Sie wünschte sich, sie könnte das ebenso. Aber in ihrem Herzen war Wut und Aggression auf die, die ihr das angetan hatten. Trotzdem. Wenn sie sich die Situation von Jesus vorstellte, dann war ihre Situation nicht sehr viel anders. Auch sie wurde getäuscht und betrogen, geschunden und geschlagen. Verhöhnt und erniedrigt. Nur getötet war sie nicht worden. Das sah sie als Zeichen. Die vier jungen Männer hätten sie töten können, das wusste sie. Aber sie hatten es nicht getan. Sie sollte hierbleiben. Deshalb hatte sie das Meer auch nicht mit sich gerissen. Sie würde die Strafe für ihre Sünden annehmen. Die Sünde, sich mit einem Mann leichtfertig eingelassen zu haben. Im Geiste nahm sie die Dornenkrone, die ihr das Leben hingeworfen hatte und setzte sie sich selbst aufs Haupt. Wie eine Prinzessin würde sie verzeihen und vergessen, so hatte sie es in den vielen Bibelstunden am Sonntag, zu denen ihre Mutter sie gebracht hatte gelernt.
All diese Gedanken machten Ella müde. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis endlich alles ruhig war. Sogar die Polizei war verständigt worden. Sie hatten alle Informationen aufgenommen und versprochen, Ella mit Streifen zu suchen. Die Lichter im Haus gingen nach einer Ewigkeit aus. Endlich Ruhe. Ella schlich sich im Schutz der Dunkelheit an die Hinterseite des Hauses heran. Sie hatte Glück. Jemand hatte im Erdgeschoss ein Flurfenster nicht richtig verschlossen. Wahrscheinlich hatte einer der Schüler es nach dem Rauchen nicht richtig zugemacht. Sie drückte vorsichtig gegen die Scheibe. Ella hatte wieder Glück. Das Fenster war auf kipp gestellt und glitt mit einem leisen Knacken aus den Angeln. Es hatte sich ausgehängt. Die Öffnung war nicht riesig, aber gerade so groß, dass sie sich durch das Fenster zwängen konnte. Sie war so leise wie möglich. Eilig schritt sie den Flur entlang, die Treppen hinauf in das erste Stockwerk. Aus einem der Zimmer drangen noch leise Stimmen. Sie beeilte sich, in das Vier-Bett-Zimmer zu kommen. Ihre Mitschülerinnen schliefen bereits. Ella bewegte sich zielsicher in der Dunkelheit. Sie öffnete den Schrank und holte ihren Schlafanzug heraus. Dann verschwand sie im Bad. Sie duschte sich. Danach schlich sie sich in ihr Bett. Sie schlief ein, doch immer wieder rissen sie unruhige Träume in die Realität zurück. Sie spürte die Brandwunden, die die Zigaretten auf ihren Brüsten hinterlassen hatten. Das Atmen fiel ihr immer noch schwer, denn ihre Kehle fühlte sich immer noch kratzig und wund an. Sie fand keine Ruhe und lag wach in ihrem Bett, aus Angst davor, die Bilder wieder vor sich zu sehen, wenn sie einschlief. Ella war froh, als sie die silbergrauen Streifen durch die Fensterscheibe aufziehen sah, die den nahenden Morgen ankündigten.
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Ihre Augen starrten ihn angsterfüllt an. Sie versuchte sich loszureißen. Keine Chance. Ihre Handgelenke waren mit Klebeband festgeschnürt, genauso wie ihre Fußgelenke. Verzweifelt begann sie mit den gefesselten Füßen auf den Boden zu trommeln. Niemand konnte sie hören. Tränen flossen ihr über das Gesicht und benetzten das Klebeband, das ihre Schreie zum Verstummen brachte. Sie unternahm einen letzten Versuch auf sich aufmerksam zu machen und ließ sich von ihrem Stuhl mit dem Körper an die Wand kippen und zu Boden poltern. „Lass es sein. Es hat keinen Sinn. Du wirst schreien, aber nicht jetzt. Höre die Verheißung an. Es ist seine Verheißung.“ Das Rezitieren begann von Neuem, während sie mit dem Gesicht auf dem schmutzigen Teppichboden lag und auf seine Schuhe starrte.
„Doch war er nah ihm, so vom Wahn verblendet,
Dass er gewiss in kurzer Frist erlag.
Um ihn zu retten ward ich abgesendet,
Und hierzu fand ich diesen Weg nur gut,
Auf welchem ich mich jetzt hierher gewendet.
Ich zeigt´ ihm schon der Sünder ganze Brut,
Nun aber ist er die zu sehn bereitet,
die hier sich läutern unter deiner Hut.
Er sucht die Freiheit – wie sie wert zu halten,
Weiß, wer um sie des Lebens sich verzieh´n.
Du weißt´s, du ließest gern sie zu erhalten,
In Utica die Hülle blutbenetzt,
Die hell am großen Tag sich wird entfalten.
Nicht ward der ew´ge Schluss von uns verletzt.“
