Dornröschenjagd - Jürgen H. Ruhr - E-Book

Dornröschenjagd E-Book

Jürgen H. Ruhr

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Beschreibung

Plötzlich gerät das Leben der drei Freundinnen Daniela, Claire und Vera vollkommen aus den Fugen, als drei Millionäre aus einer Laune heraus eine Wette abschließen und sich vornehmen, das Leben der Frauen zu beeinflussen. Jede der Freundinnen muss fortan um das Überleben kämpfen und sich gegen unbekannte Angreifer wehren. Bei Daniela fallen plötzlich Strom und Telefon aus, ihre Wohnungseinrichtung wird zerstört. Claire entgeht nur knapp einer Vergewaltigung und Vera muss sogar wegen Drogen- und Waffenbesitzes für einige Tage in Untersuchungshaft. Als Daniela stirbt, wendet sich das Blatt: Die Zeit der Vergeltung ist gekommen.

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Seitenzahl: 520

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Jürgen H. Ruhr

Dornröschenjagd

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

-

Erster Teil - Die Wette

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

Zweiter Teil - Die Vergeltung

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

21.

22.

23.

24.

25.

Epilog

Über den Autor

Impressum neobooks

-

Dornröschenjagd

Thriller

© by Jürgen H. Ruhr

Mönchengladbach

Erster Teil - Die Wette

Prolog

Die zwei Männer lehnten an ihren Golfkarren und sahen dem dritten des Trios zu, wie er wiederholt mit seinem Schläger Schwung holte, dann das Eisen herabsausen ließ, so dass es nur Millimeter über den kleinen weißen Ball schoss, ohne ihn zu berühren. Der Golfer nickte zufrieden, maß noch einmal die Entfernung und fixierte die kleine Golffahne, die das Zielloch kennzeichnete.

„Ich wette, er schafft ein Hole-in-one“, meinte der ältere der beiden Männer und fügte hinzu: „Bei einem Par-4-Loch durchaus nicht ungewöhnlich.“

Der andere Mann, einige Jahre jünger, aber von fülliger Figur, nickte: „Er hat das schon einmal geschafft. Da warst du allerdings nicht mit von der Partie. Ist auch schon eine Weile her, aber du weißt ja ...“

„Golfen verlernt man nie“, vollendete der Ältere den Satz. „Außerdem stammt der Gute von einem echten englischen Adelsgeschlecht ab, da wurde ihm das Golfen vermutlich schon in die Wiege gelegt.“ Dann lachte er leise und sah seinen Partner an: „Na, wie wär’s mit einer kleinen Wette?“

Der Jüngere stöhnte. „Du und deine Wetten. Diese Leidenschaft wird dich noch eines Tages um dein Vermögen bringen. Hast du nicht erst kürzlich beim Pferderennen Geld verloren, Leo?“

Der Mann, den der Kleinere mit ‚Leo‘ angesprochen hatte, nickte und lachte. „War aber nur eine geringe Summe, kaum der Rede wert. Nicht ganz Zweihunderttausend, also was soll’s? Was ist nun mit unserer Wette? Ethan scheint seine Position schon fast gefunden zu haben.“

Erneut stöhnte der andere Mann. „Und an wieviel hast du diesmal gedacht? Wie viel willst du jetzt verlieren?“

„Wie wäre es mit fünfzigtausend Euro? Komm, schlag ein.“

Die beiden Männer schüttelten sich die Hände und schauten dann wieder gespannt zu dem mit dem Golfschläger herüber.

„Er wird es nicht schaffen“, lächelte der Füllige. „Der Wind ist zu stark und sein Abschlagwinkel wird den Ball neben das Loch bringen. Auch wenn ein 4er Eisen perfekt für den Schlag ist, der Wind ist heute ziemlich unberechenbar. Mach schon mal einen Scheck fertig.“

„Schecks gibt’s nicht mehr“, knurrte der andere. „Du kriegst es später in bar. Falls du gewinnst“, fügte er dann hinzu. Doch seine Stimme klang jetzt nicht mehr ganz so selbstsicher.

Der Golfer namens Ethan ließ jetzt das Eisen heruntersausen und beide Männer neben den Golfwagen hielten den Atem an. Der Treffer schien perfekt zu sein und führte den Ball in einem Wahnsinnstempo in Richtung des Golfloches. Es schien fast so, als würde der Ältere seine Wette gewinnen, doch dann erfasste eine Böe den kleinen weißen Ball und brachte ihn um Millimeter aus der Bahn. Er rollte aus und kam ein Stück neben dem Golfloch zum Stehen.

Jetzt gesellte sich der dritte Mann zu ihnen und sah den Fülligen fragend an. „Was grinst du so, Kurt? Der Schlag war perfekt, doch heute macht uns der Wind leider einen Strich durch die Rechnung.“ Er sprach mit einem leichten englischen Akzent, was ihn neben dem gepflegten Aussehen und seinem Auftreten noch arroganter erscheinen ließ.

„Uns?“ Kurt schüttelte den Kopf. „Du meinst doch eher dich, Ethan. Ich habe noch nie ein Hole-in-one geschafft und soweit ich weiß, unser Freund Leo hier auch nicht. Ich musste nur lächeln, weil ich gerade fünfzigtausend Euro gewonnen habe.“

„Leo hat wieder gewettet? Das wird dich noch arm machen, mein Freund.“

„Genau meine Worte“, verkündete der dickliche kleine Mann. „Leo hat erst kürzlich beim Pferderennen Zweihunderttausend verloren.“

„Einhundertneunundachtzigtausend“, warf Leo dazwischen und zucke mit den Schultern. „Das sind doch nur Peanuts.“

Kurt suchte sich jetzt sorgsam einen Golfschläger heraus, nahm einen der kleinen Bälle und begab sich zum Abschlagspunkt.

Ethan - mit vollem Namen William Ethan Chesterport - blickte auf seinen Golfpartner herab, den er mit seinen ein Meter achtzig um gut sechs Zentimeter überragte. Der Mann trug seine grauen, ein wenig ungepflegten Haare schulterlang und der ebenfalls graue Vollbart hätte auch dringend gestutzt werden müssen. Leo machte auf ihn - der er auf ein gepflegtes Äußeres einen immensen Wert legte - ein wenig den Eindruck einer zwielichtigen Gestalt und er wusste immer noch nicht, womit der Mann nun genau sein Geld verdiente. Jeuschen stand einer Unternehmensberatung vor, investierte aber auch in Immobilien. Außerdem hatte Kurt einmal erwähnt, dass Leopold Jeuschen auch eine Import- und Exportfirma sein Eigen nannte. Der dicke Mann mit dem wallenden Haar hatte offensichtlich mehrere Eisen im Feuer und warf mit dem Geld nur so um sich.

„Eines Tages wirst du völlig mittellos dastehen, Leopold. Und nein - ich wette jetzt nicht mit dir.“

Leopold Jeuschen schüttelte den Kopf. „Das hatte ich auch nicht vor. Ich frage mich nur, ob es bei dem Wind viel Sinn macht, weiter zu spielen. Wir könnten uns beim 19. Loch besser einen Cognac gönnen.“

„Später, Leopold. Wir kommen noch früh genug in die Bar und zu deinem Schnaps. Zunächst spielen wir die Partie zu Ende.“ Das 19. Loch - so wurde die Bar im Clubhaus scherzhaft genannt. „Außerdem haben wir ja einen Tisch bestellt.“ William Ethan Chesterport war dem Grauhaarigen nicht sonderlich zugetan und nur auf das Drängen von Kurt von Gersmann hatte er sich dazu überreden lassen, Jeuschen in ihren Kreis aufzunehmen.

Kurt von Gersmann dagegen war ein ganz anderer Typ Mensch: Als Inhaber eines Familienunternehmens in der Pharmabranche verfügte der kleine, dickliche Mann mit Glatze auch über mehr Geld, als er jemals würde ausgeben können, doch von Gersmann stellte sein Vermögen nicht so offen zur Schau, wie der Neureiche Jeuschen.

Chesterport war sich sicher, niemals im Leben Geschäfte mit Leopold Jeuschen zu tätigen. Aber als Inhaber der Fondsgesellschaft ‚GAIG‘ - Global Attraction Investment Group - und dank seines ererbten Vermögens, konnte er sich seine Geschäftspartner zum Glück ja auch aussuchen.

Kurts Golfball landete im Green, weit abgeschlagen vom Golfloch. Auch ihm hatte der böige Wind ein Schnäppchen geschlagen und die vorgesehene Flugbahn maßgeblich verändert.

Leopold Jeuschen suchte sich jetzt einen Schläger heraus und er wählte ein 3er Holz, was Ethan Chesterport innerlich erschauern ließ. Jeuschen zeigte keinerlei Talent für den Sport auf dem grünen Rasen und ihm schien eher daran gelegen zu sein, damit anzugeben, dass er zur Elite und dem entsprechenden Elitesport dazugehörte. Der Mann mit den langen Haaren zögerte auch nicht lange, visierte die Fahne grob an und schlug kraftvoll zu.

Jeuschens Ball flog weit über das Golfloch hinaus und landete ein ganzes Stück hinter dem Green.

Sie beendeten die Partie schließlich und wie immer lag der Sieg bei Ethan Chesterport. Leopold Jeuschen hatte schon nach der Hälfte des Parcours das Interesse an dem Spiel verloren und drosch mehr oder weniger lustlos auf die Bälle ein. Ethan fragte sich einmal mehr, was Kurt von Gersmann dazu bewogen haben mochte, den Mann in ihr Team aufzunehmen. Während dicke, dunkle Wolken am Himmel aufzogen und den nächsten Regenschauer ankündigten, fuhren sie mit ihren Golfkarren zurück zum Clubhaus.

„Jetzt brauche ich erst einmal einen Cognac“, stöhnte Jeuschen und zwinkerte seinen beiden Partnern zu. „Die Getränke gehen auf meine Rechnung.“

„Und das Essen ebenfalls, du hast verloren“, erinnerte ihn Kurt von Gersmann an die von ihnen aufgestellte Regel, während Ethan in den Sinn kam, dass dies vielleicht der Grund war, warum Kurt den Langhaarigen beim Spielen dabeihaben wollte. Bisher hatte nämlich er immer verloren und die Zeche zahlen müssen. Doch eigentlich konnte es ja nicht am Geld liegen, denn davon hatte der Pharmaunternehmer - so wie sie alle - mehr als genug.

Chesterport und Gersmann nippten an ihren Blue Hawaii, einem Cocktail mit Wodka und Rum, den sie mit extra viel Zitronensaft zubereiten ließen. Nach einem Match vor einiger Zeit, bei dem Karl von Gersmann seinen Partner Chesterport fast geschlagen hätte, verköstigten sie in der Clubbar mehrere Cocktails und kürten den ‚Blue Hawaii‘ übereinstimmend zu ihrem Lieblingscocktail.

Jeuschen war inzwischen bei seinem dritten doppelten Cognac angelangt und erzählte in verschwörerischem Tonfall von einem Liebesabenteuer mit einer jungen Asiatin. Ethan und Kurt hörten ihm nur mit einem halben Ohr zu und hingen ihren Gedanken nach. Nach einer Weile trat der Barkeeper zu ihnen und meinte diskret zu Ethan: „Ihr Tisch wäre jetzt soweit. Wollen sie die Cocktails mit ins Restaurant nehmen?“

Der Engländer schüttelte den Kopf und schob sein halbvolles Glas von sich. „Danke, das wird nicht notwendig sein.“

Kurt von Gersmann nahm sein Glas in die Hand. „Ich nehm’s mit. Es wird ja noch etwas mit dem Essen dauern ...“

Die beiden Männer erhoben sich und blickten Leo Jeuschen an. Schließlich stupste ihn Kurt an der Schulter an: „Was ist, Leo? Kommst du mit ins Restaurant oder willst du hier weiter deinen Cognac trinken? Ich für meinen Teil habe einen Bärenhunger.“

Jeuschen nickte, winkte dem Barkeeper, der sich inzwischen wieder zurückgezogen hatte und fleißig Gläser polierte: „Fülln se noch mal ordentlich nach, Meister. Ich nehm mein Glas auch mit.“

Der Barkeeper nickte, doch Ethan sah seiner versteinerten Miene genau an, was der Mann dachte. Cognac hätte Jeuschen schließlich auch im Restaurant bestellen können.

Bei dem Tisch, an den der Ober sie führte, handelte es sich um ihren Stammplatz, den Chesterport und von Gersmann schon seit Jahren innehatten. Er lag ein wenig abseits, ermöglichte aber einen grandiosen Blick über einen Teil des Course und die Spieler, die sich redlich abmühten, ihren Ball an dem Bunker dort vorbeizuschlagen. Jetzt hüllte leichter Regen den Platz in ein unangenehmes Grau und der Rasen lag leer und verlassen da.

Der Ober legte lautlos die Speisekarten vor ihnen auf den Tisch und wartete auf die Getränkebestellung.

„Ich nehme den La Tâche“, lächelte Kurt von Gersmann und Chesterport schloss sich der Bestellung an. Die Bestellung und der Genuss des roten Burgunders waren bei ihnen inzwischen zu einem Ritual geworden, dass die beiden Männer jedes Mal aufs Neue genossen.

„Mir können sie ein kühles Blondes und noch einen Cognac bringen“, orderte Leo Jeuschen und kippte den Rest seines Glases in einem Zug herunter. „Und dazu ein ordentliches Steak mit Pommes Frites.“

Der Ober wandte sich an Chesterport: „Wollen die Herren ihre Speisen auch schon bestellen?“

Ethan schüttelte den Kopf. Das Studium der Speisekarte war - ebenso wie die Bestellung des Rotweins - ein genüssliches Ritual, das sie sich nicht nehmen lassen wollten und das seine Zeit brauchte. „Wir bestellen später.“

Der Ober drehte sich erneut zu Jeuschen: „Wünschen der Herr sein Essen schon vorab? Oder wollen der Herr noch warten?“

Leopold Jeuschen sah den Ober eine Sekunde forschend an, dann meinte er in blasiertem Tonfall: „Der Herr wünschen durchaus mit den anderen Herren zusammen zu speisen. Sonst säße der Herr ja nicht hier mit den anderen Herren zusammen. Der Herr wäre aber sehr zufrieden, wenn er endlich sein Bier bekommen könnte, der Herr ist nämlich durstig!“

Der Ober verbeugte sich leicht und zog sich ohne ein weiteres Wort zu verlieren, zurück. Chesterport vertiefte sich in die Karte, ohne dem Langhaarigen noch weiter Beachtung zu zollen.

„Du hättest den armen Kerl nicht so anfahren müssen“, wies Kurt von Gersmann seinen Freund zurecht. „Er macht doch auch nur seinen Job und den macht er sehr gut.“

Jeuschen spielte mit seinem leeren Cognacglas herum und blickte auf den Tisch. Er gab den Zerknirschten, als er schließlich antwortete: „Es tut mir leid. Das ist mir nur so herausgerutscht.“ Dann sah er von Gersmann lächelnd an: „Wird schon nicht mehr vorkommen, versprochen.“ Als Kurt nickte, fügte er hinzu: „Aber im Moment bin ich ein wenig ... unterfordert, gelangweilt. Da fehlt die Würz...“ Er unterbrach sich, als der Ober mit den Getränken an den Tisch trat. Auch Chesterport legte für einen Moment die Speisekarte zur Seite und sah dem Ober dabei zu, wie er ihnen die Flasche Rotwein zeigte und sowohl Kurt, als auch ihm einen kleinen Schluck einschenkte. Genießerisch probierte er den Wein und die beiden Männer nickten dem Ober gleichzeitig zufrieden zu.

„Perfekt wie immer“, seufzte Kurt von Gersmann, während sein Glas gefüllt wurde. „Ausgezeichnet.“

Jeuschen betrachtete derweil, wie die beiden Männer sich zuprosteten und einen kleinen Schluck des rubinroten Weins zu sich nahmen. Bevor der Ober sich abwenden konnte, nahm er sein Bier und trank es in einem Zug leer. „Bringen sie mir mal direkt noch ein Neues“, orderte er dann und fügte nach einem Seitenblick auf von Gersmann hinzu: „Bitte.“

„Ich denke, meine Wahl fällt heute auf den Rehrücken mit Spätzle“, verkündete Chesterport schließlich und sah Kurt von Gersmann lächelnd an. „Die Spätzle sind hausgemacht.“

Kurt nickte. „Ich weiß. Aber heute steht mir der Sinn eher nach Rindfleisch. Ich glaube, ich werde mich für das Rinderfilet mit Basilikumpesto entscheiden.“

„Eine hervorragende Wahl“, bestätigte Ethan und sah Leopold Jeuschen an: „Ein durchaus zu empfehlendes Gericht!“

„Nee danke“, antwortete der. „Für mich keine Experimente. Es geht doch nichts über ein anständiges Steak mit Fritten. Presto hin oder her ...“

„Pesto“, korrigierte ihn Kurt. „Das ist eine spezielle Soße.“

„Weiß ich doch“, knurrte Leo. „Dann können wir ja endlich bestellen. Mein Magen knurrt wie verrückt, ich könnte jetzt ein ganzes Schwein vertilgen.“ Er lachte leise und sah dem Ober entgegen, der sein neues Bier brachte.

Sie aßen schweigend, was Jeuschen sichtlich schwerfiel. Doch auch das gehörte zu ihren Ritualen: Sie konzentrierten sich voll und ganz auf das Essen und Chesterport hatte ihrem neuen Golfpartner schon bei Zeiten erklärt, dass sie beim Essen keinerlei Konversation wünschten. Erst nach dem Nachtisch, bei einer Tasse Espresso war er wieder bereit, sich auf ein Gespräch einzulassen.

„Und, Kurt? Euer neues Wundermittel? Hat es Erfolg am Markt?“, fragte Ethan schließlich und stellte die kleine Tasse mit dem starken Kaffee auf den Unterteller.

Kurt von Gersmann winkte ab. „Von ‚Wundermittel‘ kann gar keine Rede sein, Ethan. Es handelt sich lediglich um einen Cocktail aus Vitaminen.“ Er lachte kurz und strich sich über den nicht vorhandenen Bart. „Auch wenn ich sagen muss, dass die Rezeptur einzigartig ist.“ Dann seufzte er leise. „Allerdings muss sich das Mittel erst noch auf dem freien Markt durchsetzen. Und was das bedeutet kannst du dir ja denken: „Werbung, Werbung und noch einmal Werbung. Unsere armen Pharmareferenten müssen bei den Ärzten und Apothekern fleißig Klinken putzen, um es erst einmal bekannt zu machen. Und die Anzeigen und Werbespots verschlingen ein Heidengeld.“

Ethan nickte. „Du brauchtest aber die Zulassung, oder?“

Kurt schüttelte den Kopf. „Es handelt sich nicht um eine Arznei, sondern lediglich um ein Nahrungsergänzungsmittel. Ein neuer Zweig unseres Unternehmens, den wir nach und nach weiter ausbauen wollen. Wenn du möchtest, kann ich dir ja eine Probe zukommen lassen.“

„Danke, Kurt. Aber noch bin ich auf solche Mittel nicht angewiesen. Dank dem Sport, den ich treibe“, Ethan lachte und blickte auf den Rasen hinaus, der jetzt im Dauerregen verschwand, „und ich meine damit nicht unbedingt Golf, geht es mir gesundheitlich ausgezeichnet. Und das soll auch so bleiben, noch habe ich ja nicht einmal die Fünfzig erreicht.“

„Das wird sich noch ändern“, grinste Kurt von Gersmann. „Das Älterwerden geht ganz automatisch.“

Jeuschen sah eine Möglichkeit, sich in das Gespräch einzubringen und nickte. „Und die Sechzig kommt auch schneller, als man denkt. Aber auch ich bin mit meinen zweiundsechzig Jahren noch topfit.“ Der etwas dicke Jeuschen klopfte sich auf den Bauch und lachte laut. „Und dank Viagra stehe ich immer noch meinen Mann. Oder besser sogar: meine Männer.“ Er lachte erneut, trank einen Schluck Bier und verschluckte sich prompt. Als er sich ein wenig erholt hatte, fuhr der dicke Mann mit den schulterlangen Haaren fort: „Aber es gibt da auch noch etwas anderes, was einen Mann jung halten kann ...“

„Danke, Leopold“, unterbrach ihn Ethan Chesterport, „ich denke wir haben für heute schon genug von deinen Frauengeschichten gehört.“

Jeuschen schüttelte den Kopf und beugte sich vor. „Davon rede ich jetzt nicht, obwohl ... Aber lassen wir das.“ Er senkte seine Stimme und fuhr verschwörerisch fort. „Ich meine das Abenteuer. Das wirkliche Abenteuer. Etwas, bei dem es um Leben und Tod geht. Bei dem der ganze Mensch gefordert wird und sich Verluste nicht nur auf dem Papier in Geldscheinen ausdrücken. Echte Abenteuer.“

Kurt von Gersmann schüttelte den Kopf. „Du meinst so etwas, wie Höhlen erforschen, durch die Wüste wandern oder in einem destabilisierten Land Krieg spielen? Danke, mein Freund, aber dazu bin ich zu alt. Außerdem habe ich mit meinem Pharmakonzern genug Abenteuer. Du glaubst gar nicht, wie viele schlaflose Nächte mir das Familienunternehmen bereitet. Zumal meine Vorfahren - Gott hab sie selig - einst offenbar nicht zu den besten Kaufleuten gehörten.“

„Bist du in Schieflage geraten, Kurt?“, ließ sich Ethan vernehmen und seine Stimme klang ehrlich voller Sorge.

„Nein, nein. Im Gegenteil. Der GPD - der Gersmann Pharma Düsseldorf - ging es noch nie so gut wie heute.“ Er warf sich ein wenig in die Brust und erklärte stolz: „Und das verdankt das Unternehmen einzig und allein meinem Einfallsreichtum und Durchsetzungsvermögen.“

„Und genau das meine ich“, fiel Jeuschen ein. „Ein Abenteuer, bei dem Einfallsreichtum, Durchsetzungsvermögen und die Skrupellosigkeit eines Unternehmers gefordert wird.“ Er sah Ethan Chesterport direkt ins Gesicht: „So wie man sie zum Beispiel als Chef der GAIG an den Tag legen muss.“

Chesterport blickte Jeuschen leicht irritiert an. „Was hat die Global Attraction Investment Group damit zu tun? Ich verstehe nicht ganz, worauf du hinauswillst, Leopold.“

Leo Jeuschen winkte dem Kellner und ließ sich einen weiteren Cognac bringen. Er machte noch keinen betrunkenen Eindruck, doch seine glasigen Augen sprachen Bände. Schließlich beugte er sich noch weiter über den Tisch, wobei er fast sein Bierglas umgestoßen hätte. „Ich rede davon, dass auch der feine englische Herr William Ethan Chesterport keine Gewissensbisse kennt, wenn es um seinen Profit geht. Wie nennt man euch noch im Volksmund - Heuschrecken?“

Indigniert rutschte Chesterport auf seinem Sitz zurück. „Ich betreibe eine Investmentfirma, eine Fondsgesellschaft. Dein Ausdruck ‚Heuschrecken‘ ist da etwas fehl am Platz.“

„Trifft aber den Punkt“, grinste Jeuschen. „Ich habe von deinem Projekt in Ratingen gehört. Ihr habt den gesamten Hochhauskomplex für einen Appel und ein Ei übernommen. Und was macht ihr nun? Setzt die Leute vor die Tür, um die Sanierungen zu Luxuswohnungen durchzuführen. Und was geschieht mit den armen Mietern, die bisher dort wohnten? Auch das kann ich dir sagen: Die landen auf der Straße. Nicht, dass mir so etwas irgendwie nahe gehen würde, doch erzähl du mir lieber nicht, dass ein gehöriges Maß an Skrupellosigkeit dazu gehört, so etwas durchzuziehen. Und das ist ja nicht dein erstes und einziges Projekt ...“

„Davon verstehst du nichts, Leopold“, knurrte Ethan Chesterport. „Wir bieten den Mietern menschenwürdige Wohnungen. Lebensräume, in denen sie sich wohlfühlen können. Natürlich müssen die Mieten erhöht werden, doch die Lebensqualität ist doch eine ganz andere.“

„Ja, sicher. Mieten, die sich kein Normalsterblicher mehr leisten kann. Aber ich will dich nicht verurteilen Ethan. Im Gegenteil. Ich bewundere deinen Geschäftssinn und ehrlich gesagt: Im Grunde genommen betreiben wir ja das gleiche Geschäft. Meine Unternehmensberatung ist darauf spezialisiert, die Schwachpunkte in maroden Firmen zu finden und überflüssige Kapazitäten freizustellen.“

„Was nichts anderes bedeutet, als Leute zu entlassen“, fiel von Gersmann ein. „Ich dachte, du betreibst eine Import- Exportfirma, Leo?“, fragte er dann.

„Auch, mein Lieber. Aber nicht nur. Ein guter Mann muss auf guten Beinen stehen. Jeuschen Import- und Export ist nur ein Teil meiner Unternehmungen.“ Er sah Ethan wieder an und grinste. „Und auch ich bin im Immobiliengeschäft tätig!“

„Das ist ja schön“, gab Chesterport trocken von sich und sah sich nach dem Ober um. „Ich glaube wir sollten den Abend jetzt beenden. Es war ein langer Tag.“

„Ethan, es tut mir leid“, gab Jeuschen kleinlaut von sich. „Ich wollte dich nicht beleidigen. Hört euch doch einfach mal an, welchen Vorschlag ich euch unterbreiten will. Denn ich habe das Gefühl, das auch ihr das echte, wirkliche Abenteuer sucht. Ihr gebt es nur nicht zu.“

Kurt von Gersmann stöhnte vernehmlich. „Leo, ich sagte doch schon, dass ich kaum Interesse daran habe, durch irgendeine Wüste zu stapfen oder was immer du unter ‚Abenteuer‘ verstehst. Ich fühle mich einfach zu alt für solche Sachen.“

„Es geht auch nicht darum, etwas physisch zu beweisen“, erwiderte Leo und tippte sich an die Stirn. „Sondern darum, dies hier zu benutzen. Wie bei einem Schachspiel Zug um Zug einen Gegner auszumanövrieren, in die Enge zu treiben und Schachmatt zu setzen. Besser zu sein, als der andere, das ist der Sinn des Lebens. Der einzige Sinn.“

Er schwieg und blickte die beiden Männer am Tisch durchdringend an, während der Ober einen weiteren Cognac vor ihn auf den Tisch stellte. Schließlich fuhr er fort: „Die einzige Art, wie ein Mann sich beweisen kann. Die Wette des Lebens.“

Ethan Chesterport stöhnte vernehmlich: „Hab ich’s doch gewusst. Es läuft wieder einmal auf eine Wette hinaus. Fällt dir denn wirklich nichts Besseres ein, Leopold?“ Allerdings war ihm anzusehen, dass der Gedanke seines Golfpartners ihn zu fesseln schien. „Aber du sprichst in Rätseln, Leopold. Worauf willst du hinaus? Von was für einer vertrackten ‚Wette‘ sprichst du? Und wo ist da das Abenteuer?“

Auch Kurt von Gersmann schien jetzt von den Worten des Langhaarigen gefesselt zu sein, zumindest war er bereit, ihm sein Gehör zu schenken. „Du redest von einem Schachspiel, Leo. Denkst du an ein Turnier oder so etwas?“ Dann setzte er sich auf dem Stuhl zurück und lachte. „Allerdings empfinde ich ein Schachspiel nicht unbedingt als Abenteuer. Das letzte ‚Abenteuer‘, das ich erlebt habe, fand zu meiner Kinderzeit statt. Wir hatten uns in einem Gebüsch versteckt und heimlich Zigaretten geraucht. Was sind wir gerannt, als das trockene Gestrüpp Feuer fing! Zum Glück befanden sich in der Scheune, die neben dem Gebüsch stand und ebenfalls ein Raub der Flammen wurde, keine Tiere oder Menschen.“ Kurts Blick wanderte in die Ferne und ein Lächeln stahl sich auf sein Gesicht, als er an dieses ‚Abenteuer‘ denken musste. „Sie haben uns nie erwischt und abends kam der Brand sogar in den Nachrichten. Mein Vater meinte damals, dass man die Brandstifter einsperren und den Schlüssel wegwerfen sollte. Ich glaube, ich habe nie mehr so ein ... merkwürdiges Gefühl gehabt wie damals. Euphorie und Angst, beherrschten mich wochenlang. Heute weiß ich, dass es der erhöhte Adrenalinausstoß war, der mir solch ein Wechselbad der Gefühle bescherte.“

Jeuschen lachte. „Genau das meine ich: Ein wirkliches Abenteuer. Aber wir sind keine Kinder mehr, meine Herren. Da muss etwas mehr her, als eine heimlich gerauchte Zigarette oder die ungewollte Brandstiftung. Und das Schachspiel habe ich nur als Beispiel erwähnt. Mir schwebt eher etwas vor, bei dem der Spieler seine Züge im Voraus plant und konsequent und ohne Skrupel umsetzt.“

„Das hört sich nicht unbedingt nach einer legalen Sache an, Leopold“, warf Ethan Chesterport ein. „Könntest du aber endlich ein wenig konkreter werden? Von was für einem ‚Abenteuer‘ sprichst du? Ich glaube nicht, dass es noch irgendeine Sache gibt, die mir das Adrenalin durch die Adern schießen lässt. Das muss schon wirklich etwas Besonderes sein!“

Kurt von Gersmann nickte. „Dem kann ich mich nur anschließen. Leo, wir alle haben ein gewisses Alter erreicht und die Höhen und Tiefen des Lebens miterlebt. Schöne Frauen betrachte ich heutzutage mehr wie ein gelungenes Gemälde und es zählt die Schönheit des Gesamten. Aber einen Adrenalinrausch verursacht selbst die schönste Frau schon lange nicht mehr bei mir.“

Ethan lachte. „Du bist einfach zu lange verheiratet, Kurt. Wie geht es deiner Frau überhaupt?“

„Frag lieber nicht“, murmelte der Pharmaunternehmer. „Nach der letzten Schönheits-OP im Frühjahr ist sie jetzt auf dem Ayurveda Trip. Momentan befindet sie sich auf einer Ayurveda Farm in Chennai. Liegt direkt am Golf von Bengalen.“ Kurt seufzte vernehmlich, grinste dann aber. „Was der Frau wirklich fehlt, ist eine richtige Tracht Prügel, die sie wieder auf den Boden der Tatsachen zurückbringt. Ihr glaubt gar nicht, was ihre Eskapaden mich an Geld kosten. Aber immerhin habe ich noch anderthalb Wochen Ruhe vor ihr.“

„Schon mal an Scheidung gedacht, Kurt?“, bemerkte Leo und schüttete das halbe Bier in einem Zug herunter. Suchend blickte er sich nach dem Kellner um, hielt sein Glas hoch, als er ihn erblickt hatte und klopfte mit dem Zeigefinger dagegen.

„Scheidung kommt nicht in Frage. Das wird teurer, als ihre ständigen Operationen oder Aufenthalte auf Schönheitsfarmen. ‚Bis das der Tod euch scheidet‘ hat der Pfarrer gesagt und so wird es auch kommen.“

Leo Jeuschen lachte. „Man könnte da nachhelfen ...“

„Bist du wahnsinnig, Leo? Ich habe keine Lust, den Rest meines Lebens im Knast zu verbringen.“ Er lachte freudlos. „Über Mord will ich nicht einmal nachdenken, auch wenn bei so etwas mein Adrenalinpegel über alle bekannten Grenzen hinausschießen würde.“

„War ja auch nur ein Witz, Kurt“, beschwichtigte der Mann mit den grauen, schulterlangen Haaren. „Wo sagtest du, befindet sie sich jetzt?“

„In Chennai. Indien. Das Land, wo dieses vermaledeite Ayurveda herkommt. Aber komm bloß nicht auf dumme Ideen. Vera ist eine Person ‚non tangere‘, denn ich liebe sie trotz allem noch sehr.“

„Keine Sorge, mein Freund. Deine Frau soll ruhig weiter ihren Leidenschaften frönen. Aber nehmen wir einmal an - nur rein hypothetisch - du könntest einer Person des anderen Geschlechtes einmal so richtig beweisen, wie hart das Leben sein kann?“

Ethan Chesterport stöhnte vernehmlich. „Leopold, du redest seit einer halben Stunde um den heißen Brei herum, wie eine Katze, die sich nicht an die Milch traut. Willst du uns hier zum Narren halten oder was soll das Gerede von einem ‚Abenteuer‘, Adrenalin und - wie hast du es genannt? - die Wette des Lebens?“

„Nun“, Jeuschen legte eine Pause ein, während der Ober ein frisches Bier auf den Tisch stellte. Chesterport nutzte die Gelegenheit, für Kurt und sich eine weitere Flasche Rotwein zu ordern.

„Und bringen sie uns ein paar Snacks“, fügte der Engländer hinzu. „Können wir vielleicht Käsehäppchen mit Weintrauben bekommen?“

„Selbstverständlich der Herr.“

„Für mich Erdnüsse, wenn sie haben“, fiel Jeuschen ein. „Eine große Schale. Und noch einen Cognac!“

Die drei Männer schwiegen und hingen ihren Gedanken nach, bis sie die gewünschten Getränke und Snacks erhalten hatten. Schließlich fuhr Jeuschen fort: „Wir sind uns doch darin einig, dass die Frauen uns Männern gegenüber heutzutage viel zu wenig Demut zeigen. Uns und unseren Leistungen gegenüber. Dem, was wir auf die Beine gestellt und geschaffen haben. Es wird Zeit, das weibliche Geschlecht in seine Schranken zu verweisen.“

Ethan Chesterport lachte. „Du hast wirklich merkwürdige Ideen, Leopold. Willst du die Frauen wieder auf ihre Rollen im Mittelalter reduzieren? So etwas kannst du vielleicht in deinen Träumen machen, doch die Realität sieht anders aus! Und diese wirren Vorstellungen nennst du ein ‚Abenteuer‘? Ich habe gar nicht gewusst, dass du so ein Macho bist.“

Jeuschen schüttelte den Kopf. „Nicht alle Frauen, Ethan. Aber es sollte an diesen Emanzen ein Exempel statuiert werden. Es genügt ja schon, zu zeigen, wer hier wirklich die Macht und das Sagen hat. Wir nämlich. Wir, die Männer!“

„Ich habe gar nicht gewusst, dass du so ein Frauenhasser bist, Leopold“, antwortete Ethan leise. „Das ist doch purer Bullshit, was du da redest!“

Jeuschen schüttelte den Kopf. „Bin ich auch nicht.“ Er gab sich kleinlaut. „Es geht ja auch lediglich darum, dass wir ein Abenteuer bestehen wollen. So ein Abenteuer, wie Kurt es als Kind erlebt hat. Ein Abenteuer, das uns das Adrenalin durch die Adern schießen lässt, bevor unser eintöniges Leben vollkommen dem Ende entgegen geht.“

„Was willst du machen, Leo?“, fragte Kurt und nahm zwei Käsehäppchen auf einmal. „Ich würde nicht wünschen, dass jemand durch meine Hand zu Schaden kommt. Abenteuer gut und schön, aber was schwebt dir nun wirklich vor?“

„Das wüsste ich auch endlich gerne. Leopold, was soll diese ‚Wette des Lebens‘ nun beinhalten?“

Jeuschen stopfte eine Hand voll Erdnüsse in den Mund, kaute genüsslich und spülte es anschließend mit Bier hinunter. Dann blickte er sich um, senkte die Stimme und meinte verschwörerisch: „Selbstverständlich soll niemand zu Schaden kommen. Im Gegenteil: Sollten wir uns zu dieser ‚Wette‘ entschließen, so werden unsere Zielobjekte anschließend besser dastehen, als zuvor. Doch zunächst gilt es, sie gründlich auf den Boden zurückzubringen.“ Er zog sein Smartphone hervor und tippte darauf herum. Dann hielt er den beiden Männern das Display so hin, dass sie ein Bild erkennen konnten. „Das sind drei Frauen, die ich nach einigen Recherchen mehr oder weniger willkürlich ausgesucht habe. Dies hier ist Claire Fèvre, achtundzwanzig Jahre alt, dann Daniela Bruhm, Neunundzwanzig und diese junge Frau hier heißt Vera Riegalt und ist dreißig Jahre alt. Jeder von uns wird die Aufgabe haben, eine der Frauen ‚zu erden‘ und wem das zuerst gelingt, der hat die Wette gewonnen. Alles ganz easy!“

Chesterport schüttelte den Kopf. „Leopold, was meinst du mit ‚erden‘? Und wie stellst du dir diese Wette vor? Und was - verdammt nochmal ist dabei das Abenteuer?“

Jetzt mischte sich Kurt von Gersmann wieder ein und es klang eher abweisend: „Also, ich weiß nicht. Das hört sich doch ziemlich abgehoben an. Vielleicht sollten wir deine merkwürdige ‚Wette‘ einfach vergessen. Bleiben wir doch einfach beim Golfspiel.“

„Schon die Hosen voll, bevor wir überhaupt angefangen haben?“, gab Jeuschen sarkastisch von sich. „Hört euch doch erst einmal an, was ich zu sagen habe. Dann könnt ihr immer noch ‚nein‘ sagen.“ Er gab sich enttäuscht und fügte leise hinzu: „Allerdings dachte ich, ihr wolltet endlich einmal ein richtiges Abenteuer erleben.“

„Dann komm endlich zur Sache, Leopold“, stöhnte Chesterport. „Rück endlich heraus mit der Sprache.“ Er überlegte einen Moment. „Wenn niemand zu Schaden kommt, kann diese ‚Wette‘ oder dieses ‚Abenteuer‘ doch vielleicht ganz amüsant sein ...“

„Sag ich doch“, grinste Jeuschen. „Lange Rede, kurzer Sinn: Wir ‚erden‘ die Frauen, indem wir ihr Leben auf null zurückstellen. Das wi...“

„Du redest immer verworrener“, unterbrach ihn von Gersmann. „Was soll das denn jetzt bedeuten: Ihr Leben auf null zurückstellen?“

„Wir nehmen ihnen alles, was sie haben. Und bringen sie damit auf den Boden der Realität zurück. Zeigen den Frauen, was wirkliche Macht bedeutet. Und wenn sie dann total am Boden liegen, reichen wir ihnen die helfende Hand und bauen für sie ein neues Leben auf.“

„Und wer es von uns schafft, sein ‚Opfer‘ zuerst fertigzumachen, der hat gewonnen?“

„Ganz genau, Ethan. Jetzt hast du es verstanden. Wir müssen eine Zielsetzung festlegen und wenn die erreicht ist, steht der Gewinner fest.“

Ethan klang plötzlich interessiert, als er sagte: „Dann erzähl mal, Leopold, wie du dir das vorstellst.“

„Zunächst legen wir die Richtlinien unserer Wette fest und jeder von uns bekommt eine der Frauen zugewiesen. Dann gilt es anhand dieser ‚Richtlinien‘ das Leben dieser Frauen, so wie die es zurzeit führen, zu zerlegen. Wem das als erstes gelingt, der streicht den Wetteinsatz ein.“

Kurt von Gersmann räusperte sich und meinte mit heiserer Stimme: „Du willst damit sagen, dass wir das Leben dieser unschuldigen Frauen komplett zerstören? Wie soll das funktionieren?“

„Das bleibt natürlich eurer Phantasie überlassen“, antwortete Jeuschen mit einem Grinsen. „Ich denke da zum Beispiel an die Diskreditierung bei Freunden, auf der Arbeit oder im privaten Bereich. Die Herabsetzung der Kreditwürdigkeit unserer Zielobjekte bis hin zum Verlust ihrer Wohnungen. Eurer Phantasie sind keine Grenzen gesetzt, außer denen, die wir zuvor als Richtlinien unserer Wette festlegen.“

„Es darf natürlich niemand körperlich zu Schaden kommen“, warf Kurt von Germann ein. „Und wir müssen sie am Ende entsprechend entschädigen.“

„So ist der Plan“, nickte Jeuschen und in seiner Stimme klang ein leises Jubeln mit. Ihm war bewusst gewesen, dass es nicht einfach werden würde, die beiden Männer von seinem Plan zu überzeugen, doch jetzt schienen sie angebissen zu haben. Er kramte einen kleinen Notizblock hervor. „Ich kann ja ein paar Notizen machen“, bot er dann an. „Also zunächst gilt, dass niemand körperlich angegriffen werden darf. Sind wir uns da einig?“

Die beiden Männer nickten.

„Der Sieger steht dann fest, wenn sein Ziel ...“ Jeuschen überlegte. „Was können wir als Ziel festlegen? Hmm, wie wäre es, wenn das Ziel ist, dass die Frau aus der Stadt wegzieht?“

„Wir terrorisieren die Frauen also so lange, bis sie aus der Stadt, in der sie momentan leben, fortziehen?“, brachte Ethan es auf den Punkt.

Jeuschen nickte. „Alle drei Frauen wohnen hier in Düsseldorf. Die Voraussetzungen sind also gleich.“ Er notierte wieder etwas und sah die beiden Männer lächelnd an. „Punkt drei wäre dann, dass wir die Frauen anschließend entschädigen.“

Kurt nickte eindringlich.

„Dann der Wetteinsatz“, fuhr Jeuschen fort. „Wieviel Euro würden euch denn richtig wehtun? Hunderttausend? Oder mehr?“

Ethan blickte sinnend in sein Weinglas und schwenkte das rubinrote Getränk langsam darin herum. „Eine Million“, gab er dann von sich und beobachtete mit Genugtuung aus den Augenwinkeln, wie sowohl Kurt von Gersmann, als auch Jeuschen kurz den Atem anhielten. „Darunter steige ich gar nicht erst ein. Es soll doch ein richtiges Abenteuer werden!“

„Dann muss der Sieger aber die Frauen von seinem Gewinn entschädigen“, beharrte von Gersmann. „Jede der Frauen soll aus der Gewinnsumme dreihunderttausend Euro erhalten. Immerhin bleiben für den Sieger dann noch eine Million und hunderttausend Euro übrig.“

Jeuschen nickte und sah zu Ethan Chesterport. „Ich denke, das ist in Ordnung. Ethan?“

Der Engländer nickte. „Ein guter Vorschlag. Kommen wir aber zu der Wette im Detail. Was hast du dir da noch ausgedacht, Leopold?“

„Es ist jedem Spieler erlaubt, auf fremde Hilfe zurückzugreifen. Doch das Budget dafür sollten wir beschränken. Ist es aufgebraucht, dann muss jeder von uns selbst tätig werden. Damit stellen wir sicher, dass nicht unendlich viel Geld in fremde Hilfe investiert oder für die erforderlichen Maßnahmen ausgegeben wird. Ich dachte an eine Beschränkung von zwanzigtausend Euro. Wenn die aufgebraucht sind, ist es erforderlich, selbst Hand anzulegen.“

„Gut, aber wer soll das kontrollieren?“, fragte von Gersmann. „Wie wollen wir sicherstellen, dass niemand von uns heimlich mehr Geld investiert?“

Jeuschen hob die Hände. „Meine Herren! Wir sind doch alle Gentlemen und vertrauen einander. Oder sollte ich mich in euch getäuscht haben?“

„Also gut“, ließ sich Ethan Chesterport vernehmen. „Halten wir fest, dass maximal zwanzigtausend Euro für Hilfsmittel oder Personal ausgegeben werden darf. Gibt es sonst noch Punkte, die es festzulegen gilt?“

Leopold Jeuschen schüttelte den Kopf. „Bleibt nur noch die Verteilung der Ziele. Ich schlage vor, dass Kurt sich Vera Riegalt vornimmt, Ethan es mit Claire Fèvre versucht und ich selbst diese Daniela Bruhm als Ziel nehme. Seid ihr damit einverstanden?“

„Eine ist so gut wie die andere, denke ich“, nickte Kurt. „Ich bin einverstanden. Es muss aber wirklich gewährleistet sein, dass den Frauen kein körperlicher Schaden entsteht und dass sie später von uns reichlich entschädigt werden.“ Er rieb sich die Hände und die leichte Röte in seinem Gesicht sprach für sich. „Ich habe jetzt schon das Gefühl, dass es sich wirklich um ein Abenteuer handeln könnte, bei dieser ‚Wette des Lebens‘.“

„Euch ist doch klar, dass wir wegen solch einer Geschichte vor Gericht landen könnten?“, fragte Ethan leise.

„Das ist ja gerade das Abenteuer bei der Sache“, bestätigte Jeuschen. „Wir müssen vorsichtig vorgehen, dürfen nicht auffallen und niemandem auch nur den geringsten Grund geben, strafrechtlich gegen uns vorzugehen.“ Er tippte sich an die Stirn. „Hirn, liebe Freunde, Hirn benutzen.“ Er kritzelte wieder etwas auf den kleinen Schreibblock und nickte zufrieden. Gut, dann weiß jetzt jeder von uns, wer sein Zielobjekt ist. Ich werde euch morgen Vormittag eine Kurzbeschreibung der jeweiligen Frau zukommen lassen. Ihr bekommt ein Bild, sowie alle relevanten Daten per SMS von mir.“

„Und wann soll diese Wette beginnen?“, fragte Kurt, dessen Gesicht jetzt eine hektische Röte überzogen hatte.

„Montag. Den morgigen Tag könnt ihr damit verbringen, euch mit den Zielen vertraut zu machen, über geeignete Maßnahmen nachzudenken und gegebenenfalls Hilfskräfte anzuheuern. Denkt daran: Wessen Ziel zuerst die Stadt verlässt, der hat gewonnen.“

Die beiden Männer nickten.

„Ach ja, und noch etwas: Falls einer von euch daran denkt, die Frauen anzusprechen und ihnen Geld dafür zu bieten, dass sie in eine andere Stadt ziehen, der wird disqualifiziert. Die Ziele müssen wirklich alles verloren haben - und das sollte auch überprüfbar sein!“

Die drei Männer reichten sich über den Tisch hinweg die Hände und legten die Handflächen auf die Hand des jeweils anderen.

„Somit gilt also die Wette?“, gab Jeuschen schließlich von sich und fügte hinzu: „Nennen wir unser kleines Abenteuer doch ‚Dornröschenjagd‘. Ich finde, das passt ausgezeichnet.“ Er sah seinen Golfpartnern ins Gesicht und lächelte. „Möge der Bessere gewinnen!“

1.

Der Mann hinter dem übergroßen Schreibtisch erhob sich nicht von seinem Platz, sondern wies lediglich auf den wackeligen Stuhl, der vor dem pompösen Möbelstück stand. „Setzen sie sich, bitte.“ Immerhin besaß er die Höflichkeit, ein ‚Bitte‘ an seinen Satz anzuhängen.

„Sie wissen, weswegen ich sie habe zu mir rufen lassen, Frau Bruhm?“ Der Mann blickte auf eine aufgeschlagen vor ihm liegende Mappe. Er war schlank, eher sogar dürr, trug vorwiegend, selbst jetzt im Sommer, Rollkragenpullover und hatte ansonsten das Aussehen und die Ausstrahlung eines völlig uninteressanten Durchschnittsmenschen.

‚Wäre er nicht der Erbe des Auktionshauses Quahn & Quahn‘, dachte Daniela Bruhm, während sie vorsichtig Platz nahm, ‚dann würde Phillip Quahn eher hinter den Schalter in einer Postfiliale passen.‘ Daniela versuchte ein zögerliches Lächeln. „Es geht um den Marc nehme ich an.“

Phillip Quahn nickte und klopfte mit den Knöcheln auf die Akte. „Franz Moritz Wilhelm Marc oder kurz Franz Marc. Wie kommen sie darauf, dass das Gemälde ‚Springende Einhörner‘ eine Fälschung sein soll? Ihr geschätzter Kollege Dahrer ist da ganz anderer Ansicht. Er ist der Überzeugung, dass es sich um ein Original handelt. Ein Original, das unser Kunde jetzt erst auf dem Dachboden seiner Eltern gefunden hat.“

„Kai ... also Herr Dahrer irrt sich. Franz Marc hat zwar sehr viele Pferde gemalt, doch Einhörner gehörten nie zu seinem Repertoire. Außerdem gibt es in der Pinselführung gewisse Differenzen zu den Originalwerken des Künstlers. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich um eine Fälschung handelt.“

„Die ihr Kollege, der schon mehr als dreißig Jahre in unserem Hause tätig ist, eindeutig als Original identifiziert hat.“ Phillip Quahn erhob sich halb aus seinem komfortablen Chefsessel und fixierte die Frau vor seinem Schreibtisch mit zusammengekniffenen Augen. „Wie kommen sie eigentlich dazu, Frau Bruhm, sich anzumaßen, die Expertise ihres Kollegen in Frage zu stellen?“ Seine Stimme klang jetzt schrill, gut zwei Oktaven höher als gewöhnlich. Phillip Quahn war dafür bekannt, schnell aus der Haut zu fahren. „Waren sie mit der Begutachtung des Gemäldes beauftragt?“

Daniela spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen. ‚Verdammt‘, dachte sie, ‚fang bloß nicht an zu heulen, Mädchen‘. „N... nein“, stammelte sie leise und blickte zu Boden.

„Ich kann sie nicht hören, Frau Bruhm“, donnerte jetzt der Dürre hinter seinem Schreibtisch und erneut klopfte er auf die Akte.

Jetzt liefen ihr die Tränen die Wangen herunter, doch sie getraute sich nicht sie wegzuwischen. „Nein, damit war ich nicht beauftragt.“

„Frau Bruhm, wie lange sind sie jetzt bei Quahn & Quahn? Drei Monate?“

„Fünf.“ Daniela war kaum zu verstehen.

„Herr Dahrer war schon unter meinem Vater Mitarbeiter unseres Auktionshauses und soweit ich mich erinnern kann, gab es nie eine falsche Einschätzung der Kunstwerke. Was für einen Beruf haben sie noch einmal gelernt?“

Daniela Bruhm hätte am liebsten laut losgeheult, doch sie riss sich bestmöglich zusammen. Immer noch den Blick fest auf den Boden gerichtet, antwortete sie: „Bankkaufrau. Doch danach habe ich hier in Düsseldorf an der Heinrich-Heine-Universität Kunstgeschichte und Linguistik studiert.“

„Ach ja, das war mir fast entfallen“, erwiderte ihr Chef süffisant. „Sie haben studiert. Und“, er schnippte mit den Fingern, die eine auffallende Ähnlichkeit mit Spinnenbeinen hatten, „schwupps können sie erkennen, dass es sich um eine Fälschung des Gemäldes handelt? Ein kurzer Seitenblick und“, er schnippte erneut mit den Fingern, „schwupps Frau Bruhm identifiziert den Franz Marc als Fälschung.“

„Ich habe mir das Gemälde schon sehr genau angesehen“, rechtfertigte Daniela sich schwach. „Und ich bleibe bei meiner Meinung: Dieses Bild ist eine Fälschung.“

„Halten sie sich aus Angelegenheiten heraus, die sie nichts angehen, Frau Bruhm. Ansonsten muss ich mich nach einer neuen Mitarbeiterin umsehen. Kunsthistoriker gibt es wie Sand am Meer. Und jetzt sehen sie zu, dass sie ihre Aufgaben erledigt bekommen. Was ist eigentlich mit der Statue, die sie begutachten sollten? Ich warte immer noch auf die Expertise!“

Daniela schlich zu ihrem Arbeitsplatz zurück und wischte sich dabei unauffällig die Tränen aus dem Gesicht. Sie war überzeugt davon, dass es sich bei dem Gemälde um eine Fälschung handelte, doch dieser blasierte Kerl von Chef hatte keinerlei Ahnung von Kunst und wieso ihr Kollege einen solchen Fehler bei der Einschätzung des Bildes machen konnte, wollte sie einfach nicht verstehen. Sie hatte versucht, Kai Dahrer zu erklären, warum es sich um eine Fälschung handeln musste, doch ihr Kollege war keinem ihrer Argumente zugänglich gewesen.

‚Sie werfen dir Steine in den Weg, seitdem du hier angefangen hast‘, dachte sie. Aber es war heutzutage schwierig als Kunsthistorikerin einen Job zu finden und als Phillip Quahn sie eingestellt hatte, war sie froh gewesen, aus dem Zustand der Arbeitslosigkeit endlich herauszukommen. Ja, sie hatte zwischenzeitlich sogar daran gedacht, wieder eine Arbeit als Bankkauffrau anzunehmen, doch auch in der Sparte war es äußerst schwierig, etwas zu finden. Das Arbeitsamt hatte ihr zuletzt angeboten, es als Spielhallenaufsicht zu versuchen, doch zum Glück fand sie dann die Stelle bei Quahn.

Als Kunsthistorikerin zu arbeiten, war immer ihr Traum gewesen.

„Na, Frau studierte Kunsthistorikerin“, hörte sie Kai Dahrer süffisant sagen, „keinen guten Stand beim Chef gehabt?“ Er lachte leise und Daniela hasste ihn dafür.

Sie warf einen Blick auf die Uhr und seufzte leise. Bis zur Mittagspause würde es noch eine ganze Weile dauern, heute war erst Montag und sie schon mit den Nerven am Ende. Wie hatte sie sich doch auf den Job gefreut, doch jetzt ertappte sie sich immer öfter dabei, wie sie die Stellenagebote in der kostenlosen Stadtteilzeitung durchforstete. Sie dachte an die knapp fünfzehn Zentimeter hohe Maya Statue, bei der es sich um ein Replikat aus Kunststein handelte. Wieder so eine Sache, über die ihr Chef nicht sonderlich erfreut sein würde. Das Ding war keine zwanzig Euro wert und würde kaum zur Versteigerung kommen. Der junge Mann, der es zu Quahn & Quahn gebracht hatte und von ‚wertvollem Erbstück‘ sprach, würde seine Hoffnungen auf zehn bis fünfzehntausend Euro wohl begraben müssen. Und das Auktionshaus auch keine Provision erhalten. Nein, Phillip Quahn wäre sicherlich nicht erfreut ...

Der Tag schleppte sich dahin und Daniela zögerte die Fertigstellung der Expertise so lange hinaus, wie nur möglich. Für heute konnte sie keinen Anschiss ihres Chefs mehr ertragen und erst kurz vor Feierabend legte sie das kurze Pamphlet auf den klobigen Schreibtisch von Phillip Quahn. Der war zu dem Zeitpunkt zum Glück aber schon verschwunden und würde vermutlich mit seinem Porsche wieder Düsseldorf und Umgegend unsicher machen.

Als sie aus dem Linienbus stieg, fiel leichter Regen vom Himmel und alles verschwamm in einem grauen Einerlei. ‚Das passt ja zu meiner Stimmung‘, dachte die junge Frau, als sie dem Hochhaus mit der billigen Einzimmerwohnung entgegenstrebte. Wie nahezu jeden Tag würde sie sich in ihrer Wohnung verkriechen, rasch ein Fertigessen herunterschlingen und den Rest des Tages damit zubringen, irgendeine billige Dokusoap im Fernsehen anzuschauen.

Ein Flugzeug donnerte über sie hinweg, doch den Lärm der Düsentriebwerke nahm sie kaum noch wahr. Am Anfang, als sie hierhin gezogen war, hatte sie bei jeder Maschine, die sich im Landeanflug auf den nahen Flughafen befand, noch richtige Ängste ausgestanden, doch inzwischen gehörte der Lärm zu ihrem Alltag. Als Arbeitslose nach dem Studienabschluss konnte sie sich aber kaum ihre Wohnung aussuchen und musste mit dem zufrieden sein, was man ihr anbot. Auch wenn sich diese Unterkunft in einem Hochhaus befand, dessen Fahrstuhl regelmäßig defekt war und das Treppenhaus nach Kot und Urin stank.

Vor der Kneipe nebenan lungerten die üblichen Arbeitslosen herum, teilweise um diese Zeit schon betrunken und warfen ihr anzügliche Bemerkungen zu, die sie geflissentlich überhörte. Auch daran hatte sie sich inzwischen gewöhnt und wie der Fluglärm gehörte es mittlerweile zu ihrem Alltag.

‚Ich sollte Vera einmal wieder anrufen‘, dachte sie und schloss die Wohnungstür auf, die mit einem Quietschen schließlich den Zugang zu ihrem Reich ermöglichte. ‚Vielleicht können wir wieder einmal etwas gemeinsam unternehmen.‘ Immerhin verstand es die Freundin Vera Riegalt, ebenso wie die dunkelhäutige Claire Fèvre mit den französischen Wurzeln, ihr regelmäßig Trost zu spenden und ihre düsteren Stimmungen - insbesondere während der Zeit der Arbeitslosigkeit - zu vertreiben.

Während sie das Fertigessen mechanisch in die Mikrowelle stellte, dachte Daniela wehmütig an die unbeschwerte Zeit ihres Studiums zurück. Sie hatte Vera und Claire auf einer WiWi Party, einer Feier der Wirtschaftswissenschaften, an der Uni kennengelernt und schnell waren die drei Frauen gute Freundinnen geworden. Leider ging die Verbindung ein wenig auseinander, als Vera direkt nach dem Studium eine Stelle als Programmiererin bei einer IT-Firma antrat und Claire in die Forschungsabteilung eines Chemieunternehmens eintrat. ‚Die beiden hatten damals keine Probleme, einen Job zu finden‘, dachte sie und verwarf den Gedanken, selbst das falsche Studienfach gewählt zu haben. Aber Kunst und Kunstgeschichte waren immer ihre Leidenschaft gewesen und im Grunde bereute sie es nicht, ausgerechnet dies studiert zu haben.

Das Klingeln der Mikrowelle riss sie aus ihren Gedanken. Daniela nahm die Flasche Rotwein aus dem Kühlschrank und goss sich ein Wasserglas halbvoll. Dann nahm sie die kleine Schale aus der Mikrowelle und schlang schließlich lustlos das Fertigessen herunter. ‚Vielleicht können wir am Wochenende zusammen irgendwo schick Essen gehen“, überlegte sie. Auch wenn ihre Finanzen äußerst knapp bemessen waren und kaum dazu reichten, sie über den Monat zu bringen, brauchte sie endlich einmal wieder eine Abwechslung von ihrem tristen Alltag und jemanden, mit dem sie offen und ehrlich reden konnte. Ja, sie würde Vera gleich nach diesem grausigen Abendessen einmal anrufen ...

Nachdem sie die noch fast halbvolle Schale im Mülleimer entsorgt hatte, nahm sie ihr Glas und die Flasche und ging in das Wohnzimmer, das ihr auch als Schlafgemach diente. Die Räume waren winzig, die Küche kaum mehr als eine größere Besenkammer, doch dies war ihr Zuhause, das sie sich im Laufe der Jahre liebevoll eingerichtet hatte. Neben dem kleinen Schränkchen im Wohnzimmer, auf dem das Telefon und einige Fotos aus ihrer Jugend und von der Zeit des Studiums standen, befand sich ihr ganzer Stolz: Eine Vitrine aus Buchenholz mit Echtglasscheiben, in der sie ihre gesammelten Schätze aufbewahrte. Oh nein, keine wirklich wertvollen Sachen, doch jedes der ausgestellten Stücke erzählte eine Geschichte. Artefakte, an denen ihr Herz hing.

Daniela stand mit dem Glas in der Hand vor der Vitrine und - wie immer, wenn sie die Stücke betrachtete - überkam sie ein Gefühl der Ruhe und Geborgenheit. Da waren die römischen Münzen, die sie auf Ebay ersteigert und in mühseliger Kleinarbeit von Schmutz und Ablagerungen befreit hatte. Der Kauf war ein Glückstreffer gewesen, denn nach der Reinigung hatte sich herausgestellt, dass sich auch mehrere silberne Denare in dem kleinen Tütchen befanden. Daniela lächelte und dachte daran, wie stolz sie gewesen war, als sie die für wenige Euro erworbenen Münzen strahlend und glänzend vor sich liegen sah. ‚Das war im ersten Semester meines Studiums‘, dachte sie und ihr Blick wanderte weiter zu dem Geschenk ihrer Eltern, die kein Jahr später leider bei einem Autounfall ums Leben gekommen waren. Es handelte sich um ein kleines Astrolabium unter einer Kunststoffglocke. Ihre Eltern hatten es gut gemeint, doch das Teil war weder Antik, noch stand es in irgendeinem Bezug zu ihrem Studium. Aber Daniela liebte es von ganzem Herzen, da es sie an die liebsten Menschen erinnerte, mit denen sie eine lange Zeit ihres bisherigen Lebens verbracht hatte. Sie waren es auch gewesen, die ihr das Studium erst ermöglichten und obwohl sie nicht mit Reichtümern gesegnet waren, drangen ihre Eltern damals darauf, dass sie ihren Lebenstraum verwirklichen sollte.

Daniela seufzte, nahm einen Schluck Rotwein und griff zu dem Schnurlostelefon. Dann machte sie es sich auf der kleinen Couch bequem und drückte den Kurzwahlknopf, unter dem sie die Rufnummer von Vera Riegalt gespeichert hatte. „Ob sie zu Hause ist?“, murmelte Daniela. Sie wusste, dass Vera sehr aktiv Sport trieb und häufig Laufen oder in ihr Kampfsportstudio ging. Daniela überlegte, wie der merkwürdige Sport hieß, den Vera betrieb, dann lächelte sie: Krav Maga. Ein merkwürdiger Name. Von Judo oder solch einem Zeug hatte sie ja schon gehört, aber Krav Maga ...

Selbst kaum an Sport interessiert, lehnte sie rigoros ab, als Vera ihr einmal anbot, sie in das Studio zu begleiten. Daniela genügten die Spaziergänge von ihrer Wohnung zur Bushaltestelle oder vom Hauptbahnhof zur Arbeitsstelle völlig.

Sie hielt das Telefon ans Ohr und lauschte auf den Klingelton, doch das Gerät blieb stumm. Erstaunt warf sie einen Blick auf das Display, denn Daniela war sich sicher, das Telefon aufgeladen zu haben. Und wirklich, der Akku war voll. Aus einem Reflex heraus schüttelte sie das Gerät, was aber natürlich keinerlei Wirkung zeigte.

Sie zuckte mit den Schultern und ging in die Küche, wo sie ihre Handtasche abgelegt hatte. Der Akku des altertümlichen Handys war ebenfalls geladen und jetzt drückte sie die Kurzwahltaste. Aber wieder ließ sich kein Rufzeichen vernehmen, wieder schien das Telefon tot zu sein. ‚Erst das Festnetz und jetzt auch noch mein Handy?‘, dachte sie. ‚Vielleicht gibt es ja eine größere Störung irgendwo.‘ Sie probierte noch ein wenig an dem Handy herum, doch das Gerät gab außer dem Piepsen der Tasten keinerlei Ton von sich. Sie überlegte, ob sie ihren Nachbarn fragen sollte, ob sein Telefon ebenfalls gestört war, doch dann musste sie daran denken, dass der dicke Mann von nebenan garantiert betrunken sein würde. Sich jetzt auch noch die schmuddeligen Sprüche des Glatzkopfes anhören zu müssen, ließ ihr einen Schauer den Rücken herunterlaufen. Und öffentliche Telefone gab es in der Gegend auch nicht mehr. Seitdem jeder Mensch ein Handy oder Smartphone besaß, fand man in der Stadt kaum noch Fernsprecher.

Daniela versuchte ihr Glück noch einmal beim Festnetztelefon, aber ohne Erfolg. „Und was jetzt?“, fragte sie sich halblaut und überlegte die möglichen Optionen. Sie könnte in die Kneipe unten gehen und von dort telefonieren. Sofern deren Apparat es tat. Doch als sie an die Männer vor dem Lokal dachte, verwarf sie den Gedanken.

Plötzlich kam sie sich hilflos und verloren vor. Wie einsam sie doch war! Ohne es zu wollen, rannen ihr plötzlich Tränen über das Gesicht und sie nahm rasch einen Schluck Rotwein. ‚Wenn das Scheißtelefon morgen nicht wieder funktioniert, rufe ich von der Arbeit die Störungsstelle an‘, nahm sie sich vor und schaltete den Fernseher ein. Doch auch dieses Gerät schien den Dienst zu verweigern, denn außer einem matten Leuchten erschien kein Bild. Resigniert drückte sie den Aus-Knopf. „Ihr könnt mich mal“, sprach sie zu den Geräten, den Telefonen und dem Fernseher, „dann gehe ich heute halt früh zu Bett!“

Am nächsten Morgen funktionierten Handy und Festnetztelefon immer noch nicht. Daniela hätte gerne noch den Fernseher ausprobiert, doch die Zeit drängte: Sie durfte auf keinen Fall den Bus verpassen und zu spät zur Arbeit kommen.

Kai Dahrer fing sie am Eingang des Büros grinsend ab und zeigte auf die Tür von Phillip Quahns Büro. „Der Chef will dich sprechen, aber pruntu!“

„Du meinst wohl ‚pronto‘“, korrigierte sie ihren Kollegen und wünschte sich im selben Moment, lieber nichts gesagt zu haben. „Das ist italienisch und bedeutet so viel wie ‚prompt‘.“ Kai grinste sie nur dumm an.

Diesmal bot ihr Phillip Quahn keinen Platz an, sondern ließ sie vor dem wuchtigen Schreibtisch wie ein kleines Schulmädchen beim Rektor stehen. „Frau Bruhm, was soll das hier sein?“ In bekannter Manier klopfte er auf die dünne Akte. Die Akte, die sie ihm gestern auf den Schreibtisch gelegt hatte.

„Die Expertise zu der Maya-Statue.“

„Ja, das weiß ich. Wieso ist das Ding laut ihrer Meinung wertlos? Sind sie sicher, dass sie keinen Fehler gemacht haben?“

Daniela nickte. „Die Statue besteht aus Kunststein und ist ein Replikat. Keine zwanzig Euro wert. Aber das steht ja alles in meinem Bericht. Und ja - ich bin mir völlig sicher.“

Quahn zog eine weitere Akte hervor und zeigte darauf. „Und wissen sie, was das hier ist?“

„Nein.“

„Nein? Natürlich nicht“, donnerte ihr Chef. „Dies ist eine Expertise ihres Kollegen Kai Dahrer. Über eine gewisse Maya-Statue. Und jetzt raten sie einmal: Herr Dahrer kommt zu einem ganz anderen Ergebnis, als sie.“ Quahn sah sie triumphierend an und öffnete die Akte. „Und jetzt hören sie einmal gut zu“, dozierte er dann und begann von einem Blatt abzulesen: „Bei dem begutachteten Objekt handelt es sich um eine Maya-Figur aus Kunststein“, er unterbrach sich und sah Daniela an, „- in diesem Punkt haben sie ja recht gehabt -“, dann las er weiter vor: „die auf die mittlere Präklassik datiert werden kann. Die Entstehung der Skulptur dürfte in den Zeitraum zwischen Siebenhundert und Vierhundert vor Christi fallen.“

Wieder klopfte ihr Chef auf die Akte und grinste: „Wollen sie noch mehr hören?“ Er suchte in den Zeilen und nickte schließlich zufrieden: „Kunststein ist seit der Antike bekannt, schon Tausend vor Christi wurde Kunststein aus hydraulischem Bindemittel hergestellt. Es trug die Bezeichnung ‚opus caementicium‘. Noch Fragen, Frau Bruhm?“

Daniela schüttelte den Kopf. Sie spürte, wie ihr die Tränen schon wieder in die Augen schossen und hielt ihren Blick fest auf den Boden gerichtet. „Bei der Statue handelt es sich um ein aus Mörtelmasse bestehendes Objekt, das frühestens zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts hergestellt worden sein kann. Eine genaue Datierung der Entstehung ist natürlich erst nach einer umfangreichen Untersuchung mittels Radiometrie, Kalium-Argon-Datierung oder zum Beispiel der Uran-Blei-Datierung möglich. Allerdings rechtfertigt die Statue solche umfangreichen Untersuchungen keineswegs. Es handelt sich meiner Meinung nach um ein Replikat, das in China hergestellt wurde.“

„Aha, ihrer Meinung nach! Eine Meinung, die die Fachwelt allerdings in keiner Weise teilt. Laut ihrem Kollegen ist das Objekt gut und gerne zwanzig bis dreißigtausend Euro wert und so wird es auch versteigert. Gehen sie an ihren Arbeitsplatz zurück und leisten sie vernünftige Arbeit! Und fragen sie ihren Kollegen Dahrer, der besitzt schließlich das ihnen offensichtlich fehlende Wissen! Wir haben heute Morgen ein Gemälde hereinbekommen, an dem sie sich noch einmal versuchen können. Doch liefern sie mir diesmal bessere Ergebnisse! Ansonsten ...“

Quahn ließ den letzten Satz im Raum stehen und Daniela wandte sich rasch zur Tür. Sie war sich absolut sicher, dass die Statue wertlos war und sie würde niemals ihren guten Namen unter eine falsche Expertise setzen. Verstohlen wischte sie sich die Tränen fort. Zum Glück war Kai Dahrer nicht zu sehen, so dass ihr dessen süffisante Bemerkungen erspart blieben.

„Bitte haben sie einen Moment Geduld, der nächste freie Mitarbeiter wird sich in wenigen Minuten um sie kümmern.“ Daniela hörte den Ansagetext jetzt schon zum x-ten Mal und die Dudelmusik, die dem Standardspruch folgte, fiel ihr langsam auf die Nerven. Aber offensichtlich hatte die Telefongesellschaft viel zu tun, so dass sie vermutlich nicht die einzige war, deren Telefone nicht funktionierten.

„Platz drei, mein Name ist Herta Brückschen. Womit kann ich ihnen helfen?“

„Daniela Bruhm, guten Tag. Meine Telefone funktionieren nicht mehr. Seit gestern schon.“

Es blieb eine Sekunde still, dann sprach die Frau wieder: „Aber momentan telefonieren sie doch. Geht ihr Telefon jetzt wieder?“

Daniela stöhnte leise. „Ich rufe gerade aus dem Büro an. Mein Festnetztelefon und auch mein Handy tun es nicht mehr. Gibt es vielleicht eine größere Störung?“

„Nein, die gibt es nicht. Nennen sie mir doch bitte ihre Kundennummer.“

„Die habe ich nicht zur Hand, alle Unterlagen liegen zu Hause.“

„Gut, kein Problem, wie war doch gleich ihr Name?“

„Daniela Bruhm.“

Wieder dauerte es einige Sekunden, bis sich die Frau erneut meldete: „Frau Brumm, ich kann sie nirgends in unserer Datenbank finden. Sind sie sicher, dass sie bei uns Kunde sind?“

„Ja, ich bin sicher. Und mein Name ist nicht ‚Brumm‘, sondern Bruhm. Brumm mit einem ‚h‘ an Stelle des ersten ‚m‘.“

„Würden sie ihren Namen bitte buchstabieren?“

„B-r-u-h-m“, buchstabierte Daniela.

„Ja, hier ist es: Daniela Bruhm. Das sind sie?“

„Ja, das bin ich.“

„Und bei ihnen funktioniert weder das Handy, noch ihr Festnetz?“

„So ist es. Weder Handy, noch Festnetz.“

„Gut, Frau Bruhm, ich habe die Störung aufgenommen. Sie bekommen noch eine Bestätigungs-E-Mail und unsere Techniker kümmern sich darum. Die Telefone dürften in spätestens einer Stunde wieder funktionieren.“

Daniela nickte erleichtert und wollte gerade auflegen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte.

„Frau Bruhm“, vernahm sie die Stimme ihres Chefs. „Sie wissen aber doch, dass sie hier im Büro nicht privat telefonieren dürfen? Nutzen sie dazu die Pause und ihr Handy oder was auch sonst immer. Haben sie denn das Gutachten zu dem Gemälde schon fertig?

„Gleich“, wisperte Daniela, die schon wieder spürte, wie ihr die Tränen in die Augen schossen.

„Ich denke, wir sollten uns noch einmal eingehend unterhalten. Leider habe ich jetzt keine Zeit, sagen wir morgen um neun Uhr in meinem Büro!“

Während Daniela sich die Tränen aus dem Gesicht wischte, vernahm sie das leise Lachen ihres Kollegen Kai Dahrer.

2.

Die dunkelhäutige Frau mit den brünetten lockigen Haaren erhob sich lächelnd von ihrem Platz und trat zu dem Mann im dunkelblauen Anzug, der ihr freundlich zunickte. „Meine Herren, ich darf ihnen Frau Fèvre, die Leiterin unseres Laborteams für Polymerdispersionen vorstellen. Frau Fèvre wird ihnen einen kurzen Überblick über den Entwicklungsstand einer neuartigen Polymerdispersion, die insbesondere als Barrieresystem im Bereich der Nahrungsmittelverpackung zum Tragen kommt, verschaffen.“ Der Mann im Anzug - ein leitender Angestellter des Chemieunternehmens ‚Vereinigte Düsseldorfer Chemiewerke‘ - nickte Claire Fèvre noch einmal aufmunternd zu und ließ sich dann auf seinem Stuhl nieder.

‚Als wenn ich zum ersten Mal eine Präsentation halten würde‘, dachte Claire amüsiert und warf einen kurzen Blick in die Runde. Um den länglichen Tisch herum saßen die einflussreichen Manager der wichtigsten Verpackungsunternehmen aus ganz Deutschland. Alles durchweg Männer im fortgeschrittenen Alter, die in ihren teuren Maßanzügen vor Kaffee, Orangensaft oder Limonade saßen und sie erwartungsvoll anschauten. Das ein oder andere Gesicht kannte sie schon von vorherigen Präsentationen und Claire wusste, dass diese Männer zu einem dankbaren und treuen Kundenstamm der VDüCW gehörten. ‚Mit meinen achtundzwanzig Jahren bin ich hier so etwas wie das Küken‘, dachte die Frau mit dem lockigen Bob flüchtig und strich unbewusst den Stoff des schwarzen Etuikleides, das knapp unter ihren Knien endete, glatt. Ein Kleid, das sie ein kleines Vermögen gekostet hatte, aber zu dem seriösen Anlass hier unbedingt dazugehörte.

„Guten Morgen meine Herren“, begann sie ihre Ausführungen und aktivierte über eine Fernsteuerung den Beamer, der das Bild einer chemischen Formel auf die Leinwand zauberte. „Karton, der zur Verpackung von Nahrungsmitteln dienen soll, muss zahlreiche Eigenschaften aufweisen, wie zum Beispiel eine geringe Durchlässigkeit für leichtflüchtige Bestandteile der Nahrungsmittel. Aber es gilt noch weitere zahlreiche Faktoren zu beachten ...“

Claire Fèvre beobachtete während ihres Vortrages die Gesichter der Männer und stellte zufrieden fest, dass alle aufmerksam und interessiert zuhörten. Als sie auf die - stolz dachte sie daran, es durchaus ‚bahnbrechend‘ zu nennen - Weiterentwicklung der Polymerdispersion zu sprechen kam, beugten sich einige der Herren sogar höchst interessiert auf ihren Stühlen vor. Claire wusste, dass das Produkt, das sie und ihr vierköpfiges Team entwickelt hatten, zu einem Verkaufsschlager werden würde.

„Die Dispersion befindet sich bereits in der Produktion und kann in Kürze ausgeliefert werden. Dazu erhalten sie aber detaillierte Informationen von unserem Vertrieb“, schloss sie schließlich ihre Präsentation, während auf der Leinwand das Firmensymbol der VDüCW erschien. „Ich danke Ihnen für ihre Aufmerksamkeit.“ Das Klopfen zahlreicher Handknöchel auf der Tischplatte belohnte sie für ihre Ausführungen und lächelnd ging sie zu ihrem Stuhl zurück. Das Wort übernahm wieder der Mann im dunkelblauen Anzug, doch Claire hörte ihm jetzt nicht mehr sonderlich aufmerksam zu. Ihre Gedanken wanderten zu ihrem Laborteam, der Arbeit an der neuartigen Polymerdispersion und den Rückschlägen während der zahlreichen Proben und Tests. Mühen, die sich durchaus gelohnt hatten und deren Ergebnis bestätigte, dass sie ein hervorragendes Team zusammengestellt hatte.

Frank Kreuschner, der vierzigjährige, schlanke Mann mit dem gepflegten Haarschnitt, inklusiv akkurat gezogenem Seitenscheitel, sah von seinem Mikroskop auf, als Claire Fèvre in das Labor trat. „Und Claire, wie ist es gelaufen?“, fragte er mit einem Lächeln.

„Super. Die neue Polymerdispersion wird garantiert ein Verkaufsschlager werden.“ Sie sah sich in dem Labor suchend um. „Wo sind die anderen?“

Kreuschner lachte leise. „In der Mittagspause. Ich habe auch nur auf dich gewartet, um zu fragen, ob du mit in die Kantine kommst. Heute gibt es Sauerbraten.“

„Na danke“, lächelte die Brünette, „du weißt doch, dass ich Vegetarierin bin.“

Frank markierte den Ertappten und schmunzelte: „Ich dachte ja auch eher an mich, Claire. Also, kommst du mit? Es gibt bestimmt auch wieder so ein vegetarisches Gericht.“

„Gerne. Aber gib mir noch zwei Minuten, ich muss die Unterlagen noch in meinem Schreibtisch verstauen.“