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Danke Delphi! 10 weitere humorvolle Kurzgeschichten aus der Feder des Autors Jürgen H. Ruhr: - Das Orakel - Die Familienfeier - Der Fernsehkoch - Survival-Training - Die Probefahrt - Der Fahrradurlaub - Ein neuer Freund - Kindergeburtstag - Der Freundschaftsdienst - Das Shopping-Wochenende
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Seitenzahl: 471
Veröffentlichungsjahr: 2023
Jürgen H. Ruhr
Danke Delphi!
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
-
Das Orakel
Die Familienfeier
Der Fernsehkoch
Survival - Training
Die Probefahrt
Der Fahrradurlaub
Ein neuer Freund
Kindergeburtstag
Der Freundschaftsdienst
Das Shopping - Wochenende
Über den Autor
Impressum neobooks
Danke Delphi!
10 humorvolle Kurzgeschichten
© by Jürgen H. Ruhr
Mönchengladbach
Bisher in dieser Reihe erschienene Titel:
Danke Doc!
Danke Duke!
Die Personen dieser Geschichte
sind frei erfunden.
Irgendwelche Bezüge
zu
irgendeiner Realität
wären rein zufällig!
„Maaannniii.“
Wenn meine liebe Ehefrau Anna mir so kam, dann wusste ich, sie wollte wieder einmal etwas von mir. Meistens ging es um Dinge, die mich eine Stange Geld kosteten und die wir uns auf keinen Fall leisten konnten.
Schon gar nicht in unseren jungen Jahren, der gerade erst bezogenen eigenen Wohnung und einer nicht einmal ein Jahr zurückliegenden Hochzeit. Auch hätte ich mir gewünscht, mehr zu verdienen, doch als Fachmann für Paketdienstleistungen - manche Menschen nannten uns einfach nur ‚Paketzusteller‘ - war mein Gehalt nicht allzu üppig.
Meine blonde Fee hatte leider schon einen Monat nach unserer Hochzeit aufgehört zu arbeiten, da sie der Meinung war, dass ihre Aufgabe jetzt darin bestand, sich um die Wohnung und das Baby zu kümmern.
„Welches Baby?“, fragte ich sie damals. „Wir haben gar kein Baby. Und wenn es nach mir geht, möchte ich mich auch noch nicht mit einem Kind belasten.“
„Ein Baby ist keine Belastung, Manfred“, belehrte mich mein Schatz. „Ein Baby ist eine Bereicherung. Ein Sinn des Lebens. Und eines Tages werden wir auch ein Baby haben. Alle meine Freundinnen haben eins.“
„Ja und die meisten von denen sind entweder geschieden, oder heirateten gar nicht erst“, murrte ich. „Ein Baby braucht Aufmerksamkeit und kostet viel Geld. Und ich will erst einmal mein Leben genießen. Du doch auch, oder?“
Anna nickte und warf die blonden, schulterlangen Haare zurück. „Das lasse ich mir auch nicht verbieten.“ Dann überlegte sie einen Moment. „Aber man sollte sein Leben auch mit einem Baby genießen. Der Mann kann ja auch ein paar Aufgaben übernehmen und auf das Kind aufpassen. Warum soll ich das immer machen?“
„Wir haben doch noch kein Baby“, erinnerte ich und fügte hinzu: „Und ich soll dann auf das Kind aufpassen, damit du was machen kannst?“
„Na, zum Beispiel auf Partys gehen. Das machen meine Freundinnen auch so.“
„Aber wer passt auf deren Kinder auf, wenn deine Freundinnen doch alleinerziehend sind?“ Ich fand die Diskussion ziemlich unsinnig, da wir ja noch nicht einmal ein Kind hatten.
„Die Eltern, also die Großeltern der Babys. Die sind immer ganz stolz darauf.“
Ich machte ihr dann klar, dass das ja vielleicht bei einigen Eltern ihrer Freundinnen zutreffen könnte, doch weder meine, noch ihre Eltern bereit wären, auf unser Kind aufzupassen, während wir uns auf Partys herumtrieben.
Meine blonde Anna verzog sich schmollend ins Schlafzimmer und schloss die Tür ab. „Du liebst mich halt nicht mehr“, rief sie noch, bevor die Tür krachend ins Schloss fiel.
„Maaannniii.“
„Was ist denn mein Schatz?“
„Komm doch mal in die Küche.“
„Warum?“
„Ich will dir was sagen.“
Nun lag ich bequem auf der Couch und genoss meinen Feierabend, indem ich mir kleine Filmchen im Internet ansah. Die eiskalte Flasche Bier war fast leergetrunken und ich hatte so gar keine Lust, mich hoch zu quälen und in die Küche zu gehen. „Kannst du nicht ins Wohnzimmer kommen? Und bring mir doch bitte noch ein Bier mit.“
Eine Weile herrschte Schweigen. „Nein, kann ich nicht. Komm doch in die Küche, Manni.“
Ich seufzte, aber noch gab ich nicht auf. Obwohl mir eigentlich klar sein musste, dass ich über kurz oder lang meine gemütliche Position würde aufgeben müssen. „Warum kannst du denn nicht ins Wohnzimmer kommen?“
„Weil ich dir was zeigen will.“
„Ich dachte, du wolltest mir etwas sagen.“
„Ja, das auch. Und es ist sehr wichtig.“
Fast wäre ich von der Couch gefallen. Meine blonde Ehefrau würde mir doch jetzt nicht mitteilen wollen, dass sie schwanger war?“ Zwei Sekunden später stand ich in der Küche vor ihr. Anna hatte auf dem Tisch eine Zeitung ausgebreitet und blickte ernst auf eine der Seiten.
„Was ist los, Anna? Was wolltest du mir sagen oder zeigen?“ Ich hielt die Luft an. Wenn sie jetzt schwanger war, dann musste ich meinen Traum von dem BMW begraben. Und ich hatte mir schon genau überlegt, wie lange ich sparen musste, um genug Geld für die Anzahlung zu haben. Die Kreditraten später würden zwar einen tiefen Einschnitt für uns bedeuten, doch der BMW war es wert. Ein wenig Angst hatte ich nur vor dem Gespräch, in dem ich Anna von meinem Traumwagen erzählen würde. Andererseits - ich war ja der Ernährer der Familie und ich verdiente das Geld. Also, warum sollte ich ihr überhaupt von dem Wagen erzählen? Zumindest bevor ich ihn gekauft hatte.
„Hier, nun schau doch mal, Maaannniii.“ Sie sah mich aus ihren blauen Augen an, klimperte mit den falschen Wimpern und tippte auf die Zeitung ohne groß hinzusehen.
„Neue DHL Packstation“, las ich laut vor und fragte mich, was mein Schatz daran so großartig fand, dass sie mich von der Couch holen musste.
Doch in diesem Moment bekam ich einen leichten Schlag vor den Kopf. „Nicht dieser Artikel, du Dummkopf“, fauchte Anna. „Der hier: Große Kirmes am Wochenende. Und das Wochenende haben wir jetzt. Maaannniii? Ich möchte morgen mit dir zur Kirmes gehen. Da habe ich mich immer so drauf gefreut.“
„Ja, als du ein kleines Kind warst“, knurrte ich. „Schon mal darüber nachgedacht, was das kostet? Allein eine Fahrt auf der Achterbahn schlägt mit gut und gerne sieben Euro zu Buche. Willst du mein Geld für so einen Scheiß ausgeben?“
„Das ist kein Scheiß, Manfred.“ Anna war von ihrem verlockenden ‚Maaannniii‘ zum strengen ‚Manfred‘ zurückgekehrt. „Ich fahre für mein Leben gern Achterbahn. Und Autoscooter und Geisterbahn und Karussell und ...“
„Ja, ja, ist ja gut“, unterbrach ich sie. Wenn Anna einmal anfing etwas aufzuzählen, fand sie so schnell kein Ende mehr.
„Gönnst du deiner kleinen Frau denn nicht ein kleines bisschen Spaß? Ich rackere mich den lieben langen Tag ab und darf nicht ein kleines bisschen Spaß haben? Wenn ich das vor der Heirat gewusst hätte.“
„Dein kleines bisschen Spaß wird uns wieder einmal ein Vermögen kosten. Außerdem bin ich es, der sich abrackert. Tag für Tag die schweren Pakete schleppen. Oft in den obersten Stock ohne Aufzug. Und was tust du dagegen schon?“
„Ich halte die Wohnung sauber, Manfred. Für dich. Damit du es gut und gemütlich hast, wenn du nach Hause kommst. Du und deine paar Pakete. Mach doch erst einmal die Arbeit einer Hausfrau, dann wirst du ganz anders reden.“
„Wir können ja tauschen“, schlug ich vor, doch Anna wandte sich ab und schmollte.
Ich dachte inzwischen an das morgige Fußballspiel im Fernsehen, ein kühles Bier und eine Riesentüte Chips. Etwas über fünf Minuten hielt ich es aus, dann gab ich mich geschlagen. „Na gut“, murmelte ich. „Gehen wir morgen auf die Kirmes.“
Anna drehte sich um, jubelte und fiel mir um den Hals. „Du bist der beste Manni, den ich habe“, lächelte sie und gab mir einen Kuss auf die Wange.
‚Ja und ich hoffe, der einzige‘, erwiderte ich in Gedanken, sprach es aber nicht aus. Schließlich wollte ich Anna nicht verärgern.
Ich hatte gehofft, am Samstag wenigstens lange ausschlafen zu können, doch Anna wusste meine Hoffnung zunichte zu machen. Schon um sieben Uhr morgens schüttelte sie mich an der Schulter, bis ich knurrend reagierte. „Was ist los, Schatz? Brennt das Haus? Oder willst du so früh schon Sex?“ Ich grinste und wollte mich zur Seite rollen, um weiterzuschlafen.
„Aufwachen, Schlafmütze. Heute geht es auf die Kirmes!“
„Oh Anna, das weiß ich doch. Jetzt lass mich noch etwas schlafen, es reicht doch, wenn ich während der Woche immer früh aufstehen muss. Und alle vierzehn Tage auch samstags“, fügte ich hinzu, damit sie nicht vergaß, dass ich auch an den Wochenenden arbeiten musste.
„Aber heute gehen wir auf die Kirmes, Manfred“, beharrte meine blonde Frau. „Wie kannst du da so ruhig schlafen?“
„Weil wir erst heute Nachmittag dorthin gehen?“, fragte ich vorsichtig. „Warum soll ich um sieben Uhr morgens aufstehen, wenn ich erst um fünf Uhr nachmittags zur Kirmes gehe? Und jetzt gib Ruhe, damit ich noch ein oder zwei Stunden schlafen kann.“
Anna kroch leise murrend aus dem Bett und kurz darauf hörte ich die Dusche rauschen. Ich stülpte mir das Kopfkissen über den Kopf und war gerade eingeschlafen, als wieder etwas an meiner Schulter rüttelte. Dann wurde das Kopfkissen weggezogen. „Manni?“
„Hmm?“
„Ich habe Hunger, ich will frühstücken.“
„Dann tu das doch.“ Ich versuchte, das Kopfkissen wieder an mich zu nehmen, doch Anna hielt es fest.
„Ich will aber frische Brötchen, Manni.“
„Du weißt doch, wo die Bäckerei ist, kauf dir doch ein paar.“
Irgendetwas kitzelte an meinem Ohr und unwillig versuchte ich die Fliege oder was immer es war, mit der Hand zu verscheuchen. „Manni? Kannst du nicht die Brötchen holen? Wir frühstücken dann auch zusammen.“ Jetzt bohrte sich ein Finger in mein Ohr. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Knurrend erhob ich mich und stolperte ins Bad.
Die Brötchen waren pappig, hatten aber ein kleines Vermögen gekostet. Ich legte sie ein paar Minuten auf den Toaster, so dass sie überhaupt genießbar wurden. Anna saß derweil am Küchentisch und lackierte sich die Fingernägel.
„Welche Farbe findest du für die Kirmes schöner, Manni?“, fragte sie schließlich und hielt mir zwei unterschiedlich lackierte Finger hin. „Glaubst du, das Rosa würde zum Autoscooter passen?“
„Schwarz, Anna. Nimm schwarz. Denn die Mengen, die wir an Geld auf deiner Scheißkirmes lassen werden, können einen nur traurig stimmen.“
„So ein Blödsinn, Manfred“, meinte sie streng. „Kirmes ist doch fröhlich. Ich nehme das dunkle Rot, das wird sehr gut zum Riesenrad passen.“
„Ja und zur Geisterbahn, da fließt nämlich echtes Blut.“
Anna sah mich erschrocken an. „Stimmt das? Das Blut an den Wänden dort ist wirklich echt?“
Ich nickte ernsthaft und drehte mein Gesicht von ihr fort, damit sie mein Grinsen nicht sehen konnte. Manchmal glaubte meine blonde Fee auch wirklich alles. „Das stammt von Mitarbeitern, die nicht schnell genug arbeiteten und Kunden, die sich zu weit aus den Wagen gelehnt haben.“ Ich machte ein zischendes Geräusch: „Sssst ist die Rübe ab.“
„Dann will ich nicht in die Geisterbahn“, entschied Anna, was ich als einen Punkt für mich verbuchte. Jetzt musste ich lediglich ein paar weitere Horrorgeschichten erfinden und mein Fernsehabend war gerettet!
„Am Autoscooter hat letztens ein Mann einen tödlichen Stromschlag bekommen, als er aus seinem Wagen stieg“, log ich und überlegte mir schon eine Geschichte für die Achterbahn.
Aber Anna lachte und schüttelte den Kopf. „Jetzt weiß ich, dass du mir nur einen Bären aufbinden willst, Manfred. Und ich hätte dir beinahe geglaubt. Aber beim Autoscooter kann man garkeinen Stromschlag bekommen. Genau wie bei einem Elektroauto!“
„Ja?“, fragte ich. „Und wieso?“
„Weil die Autoscooter - genau wie die Elektroautos - mit einer Batterie fahren. Und eine Autobatterie hat nur zwölf Volt, das weiß ich genau.“
Ich stöhnte. Manchmal machte sich Anna die Welt so, wie sie sie brauchte. „Und wofür ist dann die lange Stange an dem Auto beim Autoscooter?“, fragte ich und sah meinen blonden Engel fragend an.
„Damit man die Autos sieht“, erklärte sie und nickte dabei. „Das ist wie bei den Einkaufswagen für Kinder. Nur, dass die Autoscooter keine Fähnchen oben dran haben, sondern so ein ... ein ...“
„Einen Drahtbügel?“, half ich ihr auf die Sprünge. „Einen Drahtbügel, der den Strom aus dem Drahtnetz über der Fahrbahn abgreift? Oder wofür ist dann das Netz deiner Meinung da?“
Anna verzog den Mund schon wieder zu einem leichten Schmollen. „Da kommen manchmal Funken, das ist das Himmelsnetz, damit alles schöner aussieht.“ Sie klopfte mit der flachen Hand auf den Tisch. „Und mit dem Blut das glaube ich dir auch nicht. Die nehmen niemals Menschenblut, dann käme nämlich die Polizei oder so. Die benutzen bestimmt Schweineblut dafür ...“
Ich schenkte ihr Kaffee ein und meinte lediglich: „Okay.“ Wenn Anna schmollte, war ohnehin nicht mit ihr zu reden. Es erschien mir schon wie ein Wunder, dass sie nicht wieder ins Schlafzimmer gerannt war.
Wir schwiegen eine ganze Weile und aßen die Brötchen. Plötzlich meinte Anna: „Ich will auf jeden Fall Lose kaufen. Gaaaanz viele Lose. Ja, Manni?“
„Meinetwegen.“
„Denkst du, dass es auf der Kirmes auch eine Losbude gibt? Es wäre ja schade, wenn nicht.“
„Bestimmt“, nickte ich. „Auf jeder Kirmes gibt es Losbuden. Ist ja schließlich die einfachste Art, den Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen.“
„Ja, ich denke, es wird eine Losbude geben. Oh, Manni, ich freu mich ja so.“
Ich warf einen Blick auf die Wanduhr und gähnte. „Na, da hast du ja noch ein paar Stunden, in denen du dich freuen kannst. Es ist gerade einmal kurz nach acht Uhr. Ich glaub, ich geh wieder ins Bett.“ Grinsend sah ich meine blonde Ehefrau an: „Wie wär’s, wenn du mitkommst, wir könnten doch ...“
Anna sah mich entsetzt an. „Heute? So kurze Zeit, bevor wir auf die Kirmes gehen? Für deinen Sex habe ich keine Zeit, ich muss ja noch duschen und mir die Fingernägel machen.“
„Du hast doch schon geduscht, heute Morgen“, gab ich zu bedenken.
„Und du hast überhaupt nicht geduscht“, meckerte sie. „Bevor wir gehen, duschst du aber noch!“
Je näher der Moment unseres Aufbruchs rückte, desto rappeliger wurde Anna. Sie hatte sich inzwischen die Fingernägel dreimal umlackiert und trug nun ein tiefes Dunkelrot. Als es mir zu doll wurde, verschwand ich im Bad und duschte ausgiebig.
„Hast du auch genug Geld dabei?“, fragte mich meine Frau zum dritten Mal, als wir die Wohnung verließen.
Ich nickte. „Ja, habe ich. Und im Notfall kann ich ja einen Kredit aufnehmen, damit du deinen Spaß auf der Kirmes hast.“
Anna sah mich misstrauisch an. „Verscheißern kann ich mich selbst, Manfred. Heute ist doch Samstag, da hat keine Bank offen. Wie willst du dann einen Kredit bekommen? Weißt du“, sie überlegte einen Moment angestrengt, „ich denke, du nimmst die Bedürfnisse deiner Frau nicht wirklich ernst ...“
Ich stöhnte leise, so dass sie es nicht hören konnte.
Wir fuhren mit der S-Bahn zum Kirmesplatz. Einerseits, weil man dort vermutlich sowieso keinen Parkplatz bekommen würde, andererseits, da wir kein Auto besaßen. Und meinen Traum - BMW sah ich schon wieder in weitere Ferne rücken, da viel von meinem gesparten Geld heute auf der Kirmes bleiben würde.
Warum eigentlich hatte ich Anna geheiratet?
Schon als wir aus der S-Bahn stiegen, dröhnte uns Kirmesmusik entgegen. Anna beschleunigte ihre Schritte und ich folgte ihr, so wie ein kleiner Hund seinem Herrchen folgt.
Dann blieb sie urplötzlich stehen, so dass ich gegen sie prallte. „Aua, kannst du Trottel denn nicht aufpassen?“, schimpfte Anna, sah mich kurz böse an und wandte sich dann wieder der Kirmes zu, die direkt vor uns lag. Ihr Gesicht nahm einen verklärten Ausdruck an und sie säuselte: „Ist das nicht eine Pracht, Manni? Was für eine Pracht! Und die vielen bunten Lichter. Siehst du die Lichter?“
„Natürlich sehe ich die Lichter. Ich bin ja nicht blind. Aber noch ist es zu hell, die Sonne steht ja hoch am Himmel“, knurrte ich. Ein Glück, dass es heute nicht regnete. „Wir können uns ja auf dem Heimweg später noch einmal umdrehen und die Lichter bewundern.“
„Du bist aber auch kein bisschen romantisch, Manfred. Es ist ja fast schon wie im Märchen. Da hinten, das Riesenrad. Ist das nicht riesig?“
„Ja, wirklich riesig. Deswegen heißt es ja auch Riesenrad. Wär’s nur ganz klein und winzig, würde es Minirad heißen.“ Ich konnte schon sarkastisch sein, wenn ich mich anstrengte, doch das perlte an Anna ab. Oder sie wollte meine Bemerkungen einfach nicht verstehen.
„Komm, Manni, stürzen wir uns ins Getümmel. Die Spiele sind eröffnet.“ Sie ließ mich einfach stehen und eilte den vielen Fahrgeschäften entgegen. Ich folgte ihr, bevor ich meine blonde Frau in den Menschenmengen verlieren würde.
Anna eilte an einem Schießstand vorbei, ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Vielleicht bekam ich ja später die Gelegenheit, meine Schießkünste auszuprobieren. Ich überlegte mir, wie ich Annas Zustimmung erlangen könnte, und kam zu dem Schluss, ihr anzubieten, ein paar Blumen für sie zu schießen. Da konnte sie doch eigentlich nicht ‚nein‘ sagen ...
„Oh Manni, schau mal. Entchen angeln!“
Die ersten fünf Euro gingen dafür drauf, dass meine liebe Frau mit einer billigen Plastikangel kleine, billige Plastikenten aus einem Wasserbecken zog. Wir eilten nach einer geraumen Weile mit einem Riegel Kaugummi und zwei Dauerlutschern als Gewinn weiter.
Als wir an einer Schießbude vorbeikamen, nutzte ich die Gelegenheit: „Wir könnten ja ...“, begann ich, korrigierte mich dann aber. „Also, ich könnte für dich ja vielleicht ein paar Blumen ... also ... schießen.“
Anna sah mich streng an. „Bei den süßen Entchen hast du Theater gemacht, das wäre so teuer und jetzt willst du dein Geld für das blöde Schießen herauswerfen?“
„Nur für dich“, beteuerte ich. „Ich will dir doch nur ein paar Blumen schießen. Schau mal, die schönen Blumen dort.“
Anna warf einen Blick zu dem Stand. „Da, der riesige Teddybär. Kannst du mir den auch schießen?“
Für das leicht verstaubte Plüschtier musste man auf einer Karte in die Mitte von vier Herzen treffen. Vier Herzen, die immer kleiner wurden. „Blumen wären doch viel schöner.“
„Ich will aber den Bären oder gar nichts!“ Dann blickte Anna an mir vorbei: „Oh, Manni, schau: Zuckerwattenalarm!“ Schon rannte sie zu einem kleinen Stand auf Rädern, an dem ein schmuddeliger Typ Zuckerwatte herstellte. Als ich Anna dort endlich eingeholt hatte, verlangte der Verkäufer auch prompt sechs Euro von mir.
Meine blonde Fee grunzte zufrieden und riss mit den Fingern ein Stück Zuckerwatte ab, dass sie anschließend mit verzücktem Gesichtsausdruck in den Mund steckte. „So, jetzt darfst du mir den Bär schießen.“
„Den Bären. Es heißt: den Bären“, ließ sich der Schmuddelverkäufer vernehmen, doch ich führte Anna rasch zum Schießstand, bevor sie es sich anders überlegte.
„Blumen wären aber einfacher und würden unsere Wohnung prima schmücken“, versuchte ich noch einmal die leichtere Variante zu wählen, doch Anna sah mich lediglich eindringlich an und aß weiter von ihrer Zuckerwatte. Inzwischen war ihr halbes Gesicht verklebt.
„Für die Karte mit den vier Herzen braucht man vier Schuss“, erklärte mir der Verkäufer, was natürlich einleuchtete. Dann bemerkte er: „Jeder Schuss muss treffen. Und der Rand der Herzen darf nicht angekratzt werden. Treffen sie schon mit dem ersten Schuss nicht, dann müssen sie trotzdem viermal auf die Karte schießen.“ Er lachte meckernd. „Sehen sie es als Übung an.“
Ich nickte und blickte sehnsuchtsvoll auf die Plastikblumen.
„Und sie dürfen sich nicht aufstützen!“
Ich kaufte vier Schuss, von denen jeder einen Euro kostete. Dann visierte ich das obere, ziemlich große Herz an. Die Kugel ging weit daneben, doch nach dem dritten Versuch traf ich in die Mitte. Mit der letzten Kugel versuchte ich mich an dem kleinsten Herz, traf aber nur den roten Rand.
Anna sah mich enttäuscht an. „Das kannst du aber nicht besonders gut.“
Ich versuchte mein Glück erneut. Wieder wechselten vier Euro den Besitzer. Nach zehn Versuchen, also insgesamt vierzig sinnlosen Schüssen, gab ich endlich auf. Für den Betrag hätte ich Anna zwei der scheußlichen Teddybären im Kaufhaus besorgen können.
„Du bist aber auch ne Niete“, meckerte meine Ehefrau und sah sich suchend um. „Wo ist denn die Achterbahn?“
Ich konnte keine entdecken und zuckte mit den Schultern. „Vielleicht gibt es hier ja keine.“ Wieder ein paar Euro gespart ...
„Ich habe Hunger“, quengelte mein blondes Glück jetzt und zog mich zu einer Würstchenbude. „Und Durst. Hoffentlich gibt es hier auch kaltes Bier.“
„Da vorne.“ Ich zeigte auf den Bierstand. Für das leibliche Wohl war hier bestens gesorgt. Anna wechselte die Richtung und steuerte auf den Bierstand zu.
„Vier Bier“, orderte sie und hielt ihre Finger hoch. Ich wollte ihr noch sagen, dass es bei einer Bestellung von vier Bier sinnvoll wäre, einen der Finger abzuknicken, doch da wurden auch schon fünf dürftig gefüllte Gläser vor uns hingestellt.
„Macht fünfundzwanzig Euro, Meister“, verlangte der Mann in dem Stand, ein dicker Typ mit einer schmuddeligen Schürze, und hielt mir die offene Hand hin.
Mir verschlug es die Sprache. Dann fragte ich nach Luft japsend: „Fünfundzwanzig Euro für fünf Bier?“
„Drei Euro das Bier und zwei Euro Pfand für das Glas. Macht zusammen Fünfundzwanzig.“
Zähneknirschend bezahlte ich. Wenn das so weiterging, musste ich in Kürze wirklich einen Geldautomaten ansteuern. Aber wir würden ja das Pfand für die Gläser zurückbekommen. Da jeder nur zwei Gläser von uns tragen konnte, leerte Anna direkt ein Glas und steckte die zwei Euro Pfand anschließend ein. Ich musste darauf achten, die nächsten Gläser selbst zurückzugeben.
Wir schleppten das Bier vorsichtig zum Bratwurststand und ergatterten zum Glück ein kleines freies Eckchen an einem der Tischchen davor. Eines meiner Gläser war leider nur noch halbvoll, da mich so ein Idiot angerempelt hatte und ein Teil des Getränks meine Hose durchnässt hatte. Da Anna aber einfach weitereilte, ließ ich den Mann ungeschoren davonkommen. Allerdings war das Muskelpaket auch mehr als einen Kopf größer als ich, so dass ein Streit vermutlich nur Nachteile für mich gebracht hätte.
„Nun, was darf ich meinem kleinen Schatz bringen?“, fragte ich Anna höflich.
„Ich weiß nicht. Was haben die denn so?“
„Bratwurst. Im Brötchen.“
„Ich will aber ne Currywurst. Mit Pommes und Mayo. Und Soße.“
„Currywurst ist immer mit Soße“, erklärte ich. Eine einfache Bratwurst im Brötchen wäre billiger gewesen. Aber was tat man nicht alles für die Liebe seines Lebens ... „Mit Currysoße.“
„Wie jetzt, mit Currysoße?“ Anna sah mich fragend an und schien intensiv zu überlegen.
„Currywurst gibt es immer mit Currysoße“, erklärte ich bereitwillig.
Wieder überlegte mein blonder Schatz. „Frag doch mal, ob es die Currywurst nicht auch mit Schaschliksoße gibt. Du weißt doch, dass ich Curry nicht so gerne mag.“
Nein, das wusste ich nicht. Das war neu.
Während ich mich in der Schlange am Verkaufstresen anstellte, beobachtete ich, wie Anna eines der Gläser zur Hälfte leerte und mit meinem vollen tauschte. Hoffentlich dauerte das hier nicht so lange, denn dann wären bei meiner Rückkehr alle Gläser vermutlich leer.
„Was darf’s denn sein, junger Mann?“ Eine dicke Frau mit mayonnaiseverschmierten Händen sah mich fragend an.
„Eine Currywurst bitte aber mit Schaschliksoße.“
„Dann ist es aber keine Currywurst mehr“, gab die Dicke zu bedenken.
Ich wollte schon antworten ‚Das ist mir scheißegal‘, nickte dann aber lediglich.
„Currywurst mit Schaschliksoße haben wir nicht. Sie können aber ein Schaschlik nehmen. Da ist die Schaschliksoße dabei.“
Jetzt wollte Anna aber eine Currywurst mit Schaschliksoße und wenn ich ihr ein Schaschlik brachte, wäre die Hölle los. „Können sie nicht einfach eine Bratwurst mit Schaschliksoße machen?“, fragte ich höflich.
Die dicke Frau schüttelte den Kopf und wies auf die Tafel, auf der die Speisen angeschlagen standen. „Haben wir nicht.“
Dann kam mir eine Idee: „Ich nehme einmal Schaschlik, zweimal Bratwurst im Brötchen und einmal Pommes mit Mayonnaise. Und vielleicht eine leere Schale dazu.“
Erneut schüttelte die Verkäuferin den Kopf und wies erneut auf das Schild. „Leere Schalen haben wir nicht.“
Während die Dicke meine Bestellung fertig machte, zählte ich verstohlen das verbliebene Geld.
„Macht zweiundzwanzig Euro.“
Nachdem ich bezahlt hatte, rutschte ich ein wenig zur Seite. Vorsichtig zog ich eine Bratwurst aus dem Brötchen und legte sie in die Schaschliksoße. Dann legte ich das Schaschlik mitsamt dem Spießchen vorsichtig in das leere Brötchen. Zufrieden kehrte ich mit meinem Einkauf zu Anna zurück, kleckerte aber ein wenig Soße auf mein T-Shirt.
Auf dem Tisch standen nur noch zwei Gläser mit Bier: Ein volles vor Anna und mein halbvolles. „Wo sind die anderen Gläser?“, fragte ich und stellte die Pommes und die Bratwurst in Schaschliksoße vor meine Frau.
„Ooch“, machte sie und betrachtete meine beiden Brötchen. „Da war so ein netter Typ, der fragte, ob er die Gläser für mich wegbringen solle. Damit ich keine Mühe hätte. Ja, Manni, es gibt auch noch nette Menschen.“
Vier Euro weniger.
Anna spielte mit der Plastikgabel, die beim Schaschlik dabei gewesen war, an der Bratwurst herum. „Die ist ja am Stück“, meckerte sie dann. „Wie soll ich die denn Essen? Ich habe ja noch nie erlebt, dass eine Currywurst nicht durchgeschnitten ist.“
„Du kannst ja Stückchen davon abbeißen“, schlug ich vor und biss in meine Bratwurst. „Siehst du, so ungefähr.“
Anna blickte wieder auf meine beiden Brötchen. „Wieso hast du eine Bratwurst und ein Schaschlikbrötchen? Ich dachte, wir wollten sparsam mit unserem Geld umgehen?“
„Sonderangebot“, log ich und ärgerte mich darüber, dass ich vergessen hatte, auf meine Bratwurst Senf geben zu lassen. Irgendwie schmeckte die Wurst fad.
Anna schob die Bratwurst mit der Schaschliksoße von sich. „Dann will ich auch ein Schaschlik haben. Aber ein richtiges, nicht im Brötchen.“
Ich popelte den Spieß aus dem Brötchen und legte ihn zu der Wurst in die Soße. „Hier, du kannst mein Schaschlik haben.“
Anna stampfte mit dem Fuß auf dem Boden auf. „Was bist du doch für ein Geizhals! Habe ich kein eigenes Schaschlik verdient?“
„Und was ist mit der Wurst?“, fragte ich und setzte ein gequältes Lächeln auf. „Du wolltest doch unbedingt eine Currywurst in Schaschliksoße.“
„Die kannst du ja essen, die ist doch nicht einmal geschnitten. Ich will jetzt mein Schaschlik!“
Ich ließ alles stehen und liegen und stellte mich in der Schlange am Wurststand erneut an. Wenn Anna jetzt nach einem Schaschlik war, dann konnte ich halt nichts ändern ...
„Junger Mann, sie haben aber einen gesunden Hunger. Waren sie nicht eben schon einmal hier?“
Ich nickte. „Jetzt hätte ich gerne noch ein Schaschlik.“
Die Dicke nickte. „Ja, die schmecken ausgezeichnet. Da haben sie eine gute Wahl getroffen. Mit Pommes?“
„Nein, ohne alles.“
„Auch nicht mit Brötchen?“
„Nein, ohne alles.“
Die Frau wies auf die Speisentafel. „Schaschlik mit Pommes ist aber im Angebot. Nur heute. Ihnen entgeht etwas.“
Ich gab mich geschlagen, die Alte konnte einen wirklich weichklopfen. „Na gut, dann einmal Schaschlik mit Pommes.“
Diesmal verschlang das Essen mein letztes Geld. Hoffentlich fanden wir rasch einen Geldautomaten.
Zurück am Tisch fiel mir sofort auf, dass mein Bierglas verschwunden war. „Wo ist denn mein Glas?“
„Das hat so ein Typ im Vorbeigehen mitgenommen“, erklärte Anna. „Ich wollte erst hinterher, doch dann hätte ich ja den Tisch verlassen müssen. Den Tisch mit deiner Bratwurst, deinem Schaschlik, deiner Currywurst in Schaschliksoße und deinen beiden Brötchen. Außerdem war es ja nur ein Glas, das wir sowieso zurückbringen mussten.“ Sie wies auf die Pommes, die von der Schaschliksoße ziemlich durchweicht waren. „Warum hast du Pommes dazu geholt? Ich habe doch schon welche.“
„Sonderangebot.“ Diesmal log ich nicht.
Anna schaufelte angewidert die Pommes auf das Schälchen mit der Wurst, wobei ein Großteil auf dem Tisch landete. „Du willst mich wohl mästen, Manfred. Damit mich niemand mehr anschaut und mir meine Klamotten nicht mehr passen, was?“
Ich sagte nichts, sondern widmete mich meinem inzwischen kalten Essen. „Wir müssen zu einem Geldautomaten“, erklärte ich schließlich. „Ich habe keinen Cent mehr.“
„Wenn du auch alles für dein dämliches Schießen ausgibst. Andere hätten sofort getroffen!“
„Ich bin aber nicht andere“, murrte ich und brachte die Reste - eine Bratwurst in Schaschliksoße mit Pommes - zum Mülleimer.
Wir fanden einen Geldautomaten schließlich außerhalb der Kirmes in dem Gebäude einer Bankfiliale. Eine lange Schlange von Männern stand davor, die geduldig darauf warteten, an die Reihe zu kommen. „Und dass du mir genügend Geld abhebst“, mahnte Anna und lächelte einem Typen zu, der aus einem Sportwagen stieg. Wie würde Anna mir erst zulächeln, wenn ich mit meinem BMW vorfuhr!
Aber zunächst rutschte mein Konto tief in die roten Zahlen, als ich bis zum Limit des Überziehungskredits gehen musste.
„Wir müssen jetzt wirklich sparsam sein“, bemerkte ich vorsichtig, als wir in den Trubel des Volksfestes zurückkehrten, doch Anna schien es geflissentlich zu überhören.
„Da, Manni, schau mal. Das sieht ja toll aus“, gab sie plötzlich von sich und zeigte auf ein unscheinbares Zelt aus schwarzem Stoff, über dem ein großes Schild prangte. ‚Das Orakel von Delphi‘ stand in schwarzer Schrift darauf.
„Ja, wirklich schön“, meinte ich desinteressiert. „Ein Wahrsager. Das sind doch alles Scharlatane, die dir dein gutes Geld aus der Tasche ziehen. Wollen wir zum Autoscooter?“
„Ich will da mal rein“, beharrte meine blonde Fee und zog mich in Richtung des Zeltes. Auf dem Stoff klebten kleine silberne und goldene Sterne und es sah alles überaus billig aus.
„Das ist doch uninteressant“, murrte ich. „Wir können auch Karussell fahren. Oder Riesenrad.“
„Später. Jetzt will ich erstmal da rein. Hast du denn kein Interesse an deiner Zukunft? An unserer Zukunft?“, fügte sie streng hinzu. „Außerdem sind das doch so schöne Tiere.“
Ich blickte meine blonde Frau fragend an. „Tiere? Das ist keine Tierausstellung, Anna, das ist ein Wahrsager. Vermutlich eine bucklige, alte Frau, die dir das Blaue vom Himmel herunterlügt.“
„Ach Manni“, seufzte Anna. „Da steht es doch schwarz auf weiß: ‚Das Orakel von Delphi‘. Und Delphi, das sind Delfine, das weiß doch jeder Mensch.“
„Du vertust dich, Anna“, klärte ich meine kleine Frau auf. „Das Orakel von Delphi ist irgend so ein Orakel in einer Stadt in einem Urlaubsland. Spanien, Italien, Türkei, Griechenland oder Holland. Oder so.“ Ich kannte mich einigermaßen aus.
Anna schüttelte den Kopf. „Holland auf keinen Fall“, erwiderte sie im Brustton der Überzeugung. „In Holland gibt es kein Orakel. Da war ich früher mit meinen Eltern in Urlaub. Dann eher Türkei. ‚Orakel‘ hört sich schon ein bisschen Türkisch an, oder?“
Wir hatten den Eingang des Zeltes erreicht und ich folgte Anna in das düstere Innere.
„Willkommen, willkommen. Tretet näher zum Orakel von Delphi“, scholl uns eine Stimme entgegen. Hinter einem dichten Vorhang saß ein älterer Mann im Schneidersitz auf dem Boden. Vor ihm stand ein niedriges Tischchen, auf dem eine Glaskugel thronte.
Der Mann trug einen langen, grauen Bart, der auf den ersten Blick als unecht zu identifizieren war. Er wies auf den Boden vor dem Tischchen. „Nehmt Platz an diesem Ort der Weisheit. Hier gibt es keine offenen Fragen, keine Zweifel und keine Rätsel. Das Orakel von Delphi weiß alles. Die Zukunft, die Vergangenheit, die Gegenwart. Alle drei Zeiten kann das Orakel sehen.“
„Das ist toll“, flüsterte Anna ehrfurchtsvoll während wir uns in den Schneidersitz quälten.
Der Mann sah uns forschend an, sagte aber zunächst nichts.
Wir schwiegen eine ganze Weile, dann wollte ich fragen: „Wie i...“
„Psst“, machte der Mann mit dem falschen Bart. Er war in einen Umhang gehüllt, der aus dem gleichen Stoff wie das Zelt zu sein schien und auf dem die gleichen kitschigen Sternchen aufgeklebt waren. „Psst“, wiederholte er. „Das Orakel muss erst eure Aura erfassen.“ Er hampelte ein wenig mit den Händen herum, schwieg aber erneut.
Als ich wieder etwas sagen wollte, bekam ich einen zurechtweisenden Knuff von Anna in die Seite.
Dann legte der Bärtige seine Hände um die Glaskugel. „Das Orakel sieht, das Orakel hört, das Orakel riecht, das Orakel denkt. Schweigt und lauscht dem, was das Orakel zu sagen hat.“
Wir schwiegen, doch noch schwieg der Alte ebenfalls.
Dann blickte er uns plötzlich in die Gesichter. „Das Orakel nimmt eure Aura zur Kenntnis, das Orakel denkt.“
Wieder verging einige Zeit schweigend.
„Ihr seid ein liebendes Ehepaar, das noch nicht lange im Bund der Ehegemeinschaft steht.“
„Das stimmt“, flüsterte Anna und gab mir erneut einen Knuff in die Seite.
„Psst“, machte das Orakel. „Das Orakel denkt.“ Dann lächelte der Alte uns an und entblößte dabei einen nahezu zahnlosen Mund.
„Es ist gut, dass ihr den Weg nach einer sättigenden Mahlzeit zum Orakel gefunden habt. Hier erfahrt ihr alles, was euch auf dem Herzen liegt. Vor euch liegt noch eine Zukunft.“
‚Und hinter uns eine Vergangenheit‘, dachte ich. Allmählich schliefen meine Beine ein und sie kribbelten wie verrückt. Hoffentlich zog sich das hier nicht allzu lange hin.
„Das Orakel spürt Zweifel in deiner Aura, junger Mann“, gab der Alte mit dem falschen Bart streng von sich. „Befreie deine Seele von negativen Gedanken! Das Orakel sieht, das Orakel hört, das Orakel riecht, das Orakel denkt.“
Erneut folgte eine längere Denkpause. Ich dachte an das verpasste Fußballspiel. „Das Orakel gewährt euch eine kostenlose Frage.“
Anna und ich sahen uns an.
„Nun fragt schon, das Orakel hat nicht ewig Zeit“, drängte der Alte.
„W... was ... was kostet das Ganze hier?“ Mir war die Frage so herausgerutscht. Aber schließlich waren meine finanziellen Mittel ja begrenzt.
„Die Befragung des Orakels ist günstiger, als du denkst, junger Freund. Das Orakel will lediglich helfen und für das Orakel sind die finanziellen Aspekte nicht so wichtig. Das Orakel sieht, das Orakel hört, das Orakel riecht, das Orakel denkt“, wiederholte er und legte erneut seine Hände um die Glaskugel. Mir fielen die langen Fingernägel auf, unter denen sich dicke Dreckkrusten angesammelt hatten.
„Und was kostet das jetzt hier?“
Der alte Mann hob eine Hand. „Das war jetzt die zweite Frage, junger Heißsporn. Aber ich will einmal großzügig sein und noch nichts berechnen.“
Ich schwieg und wartete mehr oder weniger geduldig auf das, was er endlich sagen würde.
Das Orakel bietet - so wie es die Legende will - Antworten auf zwei Arten von Fragen: Die direkte Antwort für fünf Euro und die ‚Ja - Nein‘ Antwort für nur einen Euro. Der Fragende lege den Obolus für das Orakel in diese Schale und formuliere seine Frage.“ Er stellte eine große Glasschüssel neben die Kugel auf den Tisch.
Anna sah mich fragend an, doch ich hatte genauso wenig verstanden wie sie.
„Das ist jetzt keine Frage, Orakel“, begann ich. „Aber ich habe kein Wort verstanden.“
Der Alte kniff die Augen zusammen und sah mich an: „Für fünf Euro werde ich eure Frage genau beantworten, für ein Euro erhaltet ihr nur ein ‚Ja‘ oder ein ‚Nein’. Das Orakel sieht, das Orakel hört, das Orakel riecht, das Orakel denkt.“
„Das ist jetzt wieder keine Frage, Orakel“, formulierte ich vorsichtig. „Aber ein Beispiel hätte ich doch schon gerne. Damit ich verstehe, was das Orakel uns sagen möchte“, fügte ich entschuldigend hinzu.
Der Alte seufzte und strich sich durch den langen Bart, der sich an einer Stelle löste. Hastig drückte er ihn wieder fest. „Nun junger Freund. Du kannst zum Beispiel fragen: Wie spät ist es und das Orakel antwortet ‚achtzehn Uhr‘. Das ist eine fünf Euro Frage. Oder du fragst: Ist es jetzt achtzehn Uhr und das Orakel antwortet: ‚Ja‘.“
„Aber warum sollte ich nach der Uhrzeit fragen?“ Irgendwie erschien mir die ganze Orakelsache noch sehr undurchsichtig.
Der Alte deutete auf die Schüssel, hob eine Hand und zeigte mir fünf Finger. Ich legte fünf Euro hinein. „Um die Uhrzeit zu erfahren, junger Freund“, klärte er mich auf.
Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Tatsächlich zeigte sie exakt achtzehn Uhr an. Wenigsten wusste ich jetzt, wie spät wir es hatten.
„Fragt, junger Freund“, forderte der Alte mich auf. „Das Orakel sieht, das Orakel hört, das Orakel riecht, das Orakel denkt.“
Ich legte weitere fünf Euro in die Schüssel und grinste den Alten an. „Wie sind die Lottozahlen von nächster Woche?“
Das Orakel wiegte den Kopf hin und her, strich sich durch den Bart und schüttelte schließlich den Kopf. „Das Orakel sieht, das Orakel hört, das Orakel riecht, das Orakel denkt. Aber das Orakel darf nicht gegen die Datenschutzbestimmungen verstoßen. Diese Frage musst du anders formulieren, junger Freund. Als Ja - Nein Frage.“
Ich sah Anna an und flüsterte: „Hast du einen Zettel und einen Stift dabei?“ Anna nickte, kramte in ihrer Tasche herum und reichte mir schließlich beides.
Ich legte einen Euro in die Schüssel. „Wird bei den Lottozahlen der nächsten Woche eine Fünf dabei sein?“
Das Orakel schüttelte den Kopf. „Nein.“
Wieder wanderte ein Geldstück in die Schale. „Eine Drei?“
Diesmal nickte der Alte. „Ja.“
Ich notierte die Drei auf dem Zettel und opferte einen weiteren Euro. „Wie steht es mit der Sieben?“
„Nein.“
„Zwölf?“
„Nein.“
„Acht?“
„Ja.“
Das ging noch eine ganze Weile so weiter und zwischendurch wechselte ich das Kleingeld aus der Schüssel gegen Scheine ein, um weitere Eurostücke für die Fragen zu erhalten.
„Zwanzig?“
„Nein.“
„Einundzwanzig?“
„Ja.“
Immerhin hatte ich schon drei von sechs Zahlen zusammen, auch wenn inzwischen ein kleines Vermögen in der Schüssel lag. Gerade, als ich überlegte, ob ich auch die Superzahl und die Zahlen für Super6 oder Spiel77 erfragen sollte, stieß mich Anna an.
„Das ist doch öde, Manfred. Zahlen, Zahlen, Zahlen. Jetzt will ich auch mal.“
„Aber ich bin doch noch nicht fertig, Schatz. Mir fehlen doch noch drei Zahlen.“
„Jetzt bin ich auch mal dran, Manfred. Nicht immer nur du. Ich habe auch wirklich wichtige Fragen.“ Sie sah den alten Mann an: „Was meinst du Orakel?“
Der Alte nickte zur Glasschüssel hin und Anna legte einen Euro hinein.
„Ja.“
„Siehst, du Manfred. Jetzt bin ich an der Reihe.“ Anna sah mich triumphierend, hielt die Hand auf und ließ sich mein Geld geben. Dann legte sie einen fünf Euro-Schein in die Glasschüssel.
„Sag mir Orakel, werde ich schwanger werden?“
Der Alte nickte. „Du, junge Frau, wirst schwanger werden und ein Kind zur Welt bringen.“
Anna sah mich freudestrahlend an. Wieder opferte sie fünf Euro. „Und wann, liebes Orakel“
Wie vorhin auch, wiegte der Alte seinen Kopf hin und her, strich sich durch den Bart und schüttelte schließlich den Kopf. „Das Orakel sieht, das Orakel hört, das Orakel riecht, das Orakel denkt. Aber das Orakel darf nicht gegen die Datenschutzbestimmungen verstoßen. Diese Frage musst du anders formulieren, junge Dame. Als Ja - Nein Frage.“
Anna wollte schon das nächste Geldstück in die Schüssel werfen, als ich sie zurückhielt. „Lass das, Anna. Es gibt unendlich viele Tage, Monate und Jahre. Willst du alle durchgehen, bis du endlich auf das Geburtsdatum stößt? Außerdem ...“
„Was außerdem, Manfred?“, unterbrach sie mich. „Du darfst deine blöden Zahlen abfragen, ich aber nicht einmal das wichtigste Datum in unserem Leben?“ Sie sah den alten Mann an: Ich habe doch ein Recht darauf, das wichtigste Datum in unserem Leben zu erfahren, oder?“
Wieder klingelte ein Euro in die Schüssel.
„Ja.“
„Siehst du, Manfred“, lachte Anna. „Das Orakel hat ‚ja‘ gesagt.“ Mein blonder Schatz legte einen weiteren Euro in die Schüssel. „Wird das Baby im Januar geboren?“
„Nein.“
Acht Euro gingen dahin, dann hatten wir zumindest schon einmal den Monat. Das Kind würde im August zur Welt kommen, was mich ein wenig aufatmen ließ, denn das garantierte mir, dass ich dieses Jahr nicht mehr Vater werden konnte.
Dann schlug ich im Geiste die Hände über dem Kopf zusammen, als Anna fragte: „Werde ich dieses Jahr noch Mutter?“
„Nein.“
Diesmal kamen wir ein wenig billiger davon, denn das Orakel sagte schon beim nächsten Jahr sein ‚Ja‘, was mir aber überhaupt nicht recht war. Ich fühlte mich einfach noch zu jung, um Vater zu werden. Und dann war da ja auch noch der BMW ...
Dreißig Euro später wussten wir auch den genauen Tag. Anna war systematisch vorgegangen und hatte bei ‚eins‘ begonnen. Das Kind würde gemäß Orakel also am dreißigsten August nächsten Jahres das Licht der Welt erblicken. Anna war hellauf begeistert.
„So, jetzt bin ich aber wieder dran“, entschied ich. Noch fehlten drei der Lottozahlen. Ich hielt Anna die Hand hin. „Das restliche Geld zurück, bitte.“ Widerwillig drückte sie mir fünfzehn Euro in die Hand. „Das ist alles, was noch übrig ist?“, fragte ich entgeistert.
Anna nickte.
Jetzt galt es, taktisch klug zu handeln. Ich rechnete im Kopf: Lotto spielte man mit sechs aus neunundvierzig Zahlen. Drei Zahlen kannte ich schon und einige weitere hatte ich ja auch abgefragt. Leider erinnerte ich mich nicht mehr genau, bei welcher Zahl wir zuletzt stehengeblieben waren. Leider blieben mir jetzt nur noch fünfzehn Euro, was für vielleicht vierzig Fragen viel zu wenig war. Ob das Orakel gestattete, eine Pause einzulegen, damit ich weiteres Geld vom Automaten holen konnte?
Einen Euro opferte ich für die Antwort: „Erlaubt das Orakel, eine Pause einzulegen, damit ich noch Geld vom Automaten holen kann?“
„Nein.“
Nun, dann eben nicht. Meine Fragen würden dann sehr gezielt erfolgen müssen.
„Die nächste Lottozahl ... Ist es die Vierzig?“
„Nein.“
Und plötzlich war das Geld alle. Das Orakel hatte keine einzige Zahl mehr bestätigt, ich war also nicht schlauer, als zuvor. „Wenn ich hier sitzen bleibe und Anna geht das Geld abholen, geht das denn?“, fragte ich das Orakel, doch der alte Mann nickte lediglich mit dem Kopf zur Schüssel hin. Da ich aber kein Geld mehr hatte, würde diese Frage unbeantwortet bleiben.
„Das Orakel sieht, das Orakel hört, das Orakel riecht, das Orakel denkt. Das Orakel dankt und das Orakel erklärt die Sitzung für beendet“, säuselte der alte Mann und ließ die Schale mit dem vielen Geld verschwinden.
Anna und ich erhoben uns.
„Das Orakel freut sich auf weitere Befragungen. Geht in Frieden. Das Orakel sieht, das Orakel hört, das Orakel riecht, das Orakel denkt.“ Der alte Mann hob beide Arme in die Höhe und wedelte mit den Händen herum.
Vielleicht war das das Abschiedsritual.
Missmutig trat ich vor das Zelt. Drei dämliche Zahlen, mehr brauchte es doch nicht. Ob ich morgen noch einmal zum Orakel gehen sollte? Diesmal aber ohne Anna, die mit ihrem unnötigen Gefrage einen Haufen Geld ausgegeben hatte. Wen interessierte schon das Geburtsdatum eines Kindes, auch wenn es unseres war?
Anna sah mich glücklich an. „Bald sind wir eine kleine Familie. Siehst du, Manni, es war doch gut, dass wir zu dem Orakel gegangen sind. Sonst hätten wir ja nie gewusst, wann es soweit ist.“
„Ja, ja. Nur dass durch deine dämliche Fragerei nicht genügend Geld mehr für meine Zahlen übrig war. Das Kind kommt auch so, die Lottozahlen leider nicht.“
„Das war keine dämliche Fragerei“, murrte die blonde Anna. „Deine Fragen waren dämlich.“ Sie imitierte meine Stimme: „Ist es die Vierzig? Was für eine dämliche Frage.“
Ich wollte ihr gerade meine Meinung bezüglich ‚dämlicher Fragen‘ sagen, als sich eine Hand auf meine Schulter legte. „Ihr wollt da doch nicht etwa reingehen?“, fragte eine tiefe Stimme, die ich sofort erkannte. Hinter mir stand mein Arbeitskollege Ernst Tieferport, der ebenfalls die Ehre hatte, die Menschen mit Paketen zu erfreuen.
„Wir waren schon drin“, erklärte ich.
Vera Tieferport, die Frau von Ernst, schüttelte den Kopf. „Das hättet ihr lieber bleibenlassen sollen.“
Ich nickte. Jetzt war mir das auch klar.
„Wieviel Geld hast du denn bei dem alten Scharlatan gelassen?“ Ernst sah mir tief in die Augen. „Eine Bekannte von uns hat sich von dem auch über den Tisch ziehen lassen. Das hat sie sage und schreibe dreißig Euro gekostet.“ Mein Kollege lachte. „Dreißig Euro für nichts und wieder nichts.“
„Fünfhundert“, nuschelte ich leise.
Ernst sah mich an und lachte. „Wieviel? Ich habe doch gerade wirklich ‚Fünfhundert‘ verstanden.“
Erneut nickte ich. „Du hast richtig verstanden.“
Ernst verstummte, das Lachen erstarb plötzlich. „Verdammt, fünfhundert Tocken. Das ist ganz schön viel Geld.“ Er überlegte einen Moment, dann haute er mir mit seiner Pranke so fest auf die Schulter, dass ich in die Knie ging. „Komm mal her.“ Er zog mich zur Seite und flüsterte: „Was hältst du davon, dir dein Geld zurückzuholen? Ich helfe dir auch. Gegen einen kleinen Bonus von ... sagen wir mal zehn Prozent. Wir stellen dem Orakel einfach ein paar richtige Fragen.“
„Aber ich habe kein Geld mehr, sonst hätte ich ihm schon noch die richtigen Fragen gestellt.“ Ich dachte an die drei fehlenden Lottozahlen. Aber vielleicht würde ich die ja mit Ernsts Hilfe noch erfahren.
„Ja, aber diesmal stelle ich die Fragen“, bestimmte er. „Und das Kleingeld dafür leihe ich dir.“
Wir gingen zu den Frauen zurück, die sich angeregt unterhielten. Ernst steckte seiner Vera einen Schein zu. „Geht ihr beide doch schon mal zum Bierstand, wir kommen gleich nach. Manfred und ich haben noch etwas zu erledigen.“
Als wir das Zelt betraten, klebte der alte Mann sich hastig wieder seinen Bart ins Gesicht. Die grauen Kunstfaserhaare hingen ziemlich schief und der Alte hob eine Hand. „Das Orakel wird heute keine Weissagungen mehr treffen. Das Orakel hat Feierabend.“
Ernst nickte und lächelte. „Das Orakel hat ja auch genügend Geld ergaunert. Wir wollen dem Orakel lediglich ein paar Fragen stellen, dann sind wir wieder fort.“
„Das Orakel beantwortet heute keine Fragen mehr. Kommt morgen wieder ...“
Ernst sah den Mann drohend an. Sein Lächeln war wie weggewischt. „Das Orakel stellt jetzt seine Glasschüssel auf den Tisch und beantwortet ein paar Fragen. Wir zahlen auch dafür.“
Der alte Mann seufzte. An der linken Gesichtsseite hatte sich der Bart inzwischen wieder gelöst und hing herunter. „Dann nehmt Platz.“ Er selbst ließ sich im Schneidersitz nieder, dann stellte er die Schüssel auf den Tisch. „Aber eilt, eilt mit euren Fragen. Das Orakel hat Hunger.“
Ernst blieb stehen und legte einen Euro in die Schüssel. „Orakel, sag uns, hast du diesen jungen Mann und seine junge Frau über den Tisch gezogen und nach Strich und Faden betrogen?“
„Nein.“
„Falsche Antwort, Orakel.“ Ernst nahm den Euro wieder aus der Schüssel. „Nächste Frage.“ Wieder klingelte die Münze in die Schüssel. Als der alte Mann danach greifen wollte, um sie in Sicherheit zu bringen, sah Ernst ihn drohend an. Rasch zog der seine Hand wieder zurück.
„Also die nächste Frage: Wäre das Orakel bereit, diesem jungen Mann einen Großteil - sagen wir vierhundert Euro - zurückzuzahlen?“
„Nein.“
Wieder nahm Ernst den Euro aus der Schüssel. „Falsche Antwort, Orakel. Jetzt habe ich nur noch zwei Fragen.“ Ernst legte die Münze wieder in die Schüssel.
Der Alte atmete sichtlich auf.
„Sag mir Orakel: Möchte das Orakel, dass ich hier und jetzt die Polizei rufe?“
„Nein.“
„Richtige Antwort, Orakel.“ Ernst ließ das Geld in der Schüssel. „Jetzt nur noch eines: Ist das Orakel jetzt bereit, dem Mann hier vierhundert von seinen fünfhundert Euro zurückzuzahlen? Überlege dir die Antwort wohl, gutes Orakel.“
Der Bärtige schwieg eine ganze Weile und wir konnten förmlich hören, wie er angestrengt überlegte. Dann seufzte er vernehmlich: „Ja.“
Zehn Minuten später gesellten wir uns zu den Frauen, die uns sehnsüchtig entgegenblickten.
„Gut, dass du kommst, Ernst“, lächelte seine Frau.
Mir würde es auch gefallen, wenn Anna sich nach so vielen Jahren Ehe noch dermaßen über meinen Anblick freuen würde.
„Uns ist das Geld ausgegangen und der Biernachschub stockt.“
Ernst sah seine Frau entgeistert an: „Ihr habt in der kurzen Zeit zwanzig Euro versoffen? Meine Herren!“
Vera Tieferport lachte: „Bei den Preisen hier ist das nicht allzu schwer. Was ist jetzt, holst du uns endlich etwas zu trinken?“
„Die Runde geht auf mich“, verkündete ich. Ein wenig wollte ich mich für die Rettung eines Großteils meines Geldes bei Ernst ja bedanken. Auch wenn er direkt nach dem Verlassen des Orakel-Zeltes seine zehn Prozent eingefordert hatte. Aber lieber vierzig Euro an Ernst bezahlt, als dem alten Orakel vierhundert zu lassen.
Wir zogen noch bis spät in die Nacht hinein mit Ernst und Vera über die Kirmes und ich legte die verbliebenen Euro bei zahlreichen Fahrgeschäften, Schießbuden und Imbissbuden an.
Eine bessere Investition, als für das alte Orakel, denn in einem unbeobachteten Moment gab Anna mir einen dicken Kuss und sah mich glücklich an: „Jetzt werden wir aber fleißig üben müssen, damit unser Kind auch pünktlich zur Welt kommt ...“
Ich spiele heute noch Lotto mit den drei Zahlen und verschiedensten Kombinationen, doch mehr als einmal drei Euro habe ich bisher noch nie gewonnen.
Ende
„Tobias kommst du endlich? Noch einmal werde ich dich bestimmt nicht rufen!“
‚Das wäre ja schön‘, dachte ich und bugsierte das Männchen auf dem Bildschirm meines Smartphones über die schmale Brücke. Wann würde Mutter endlich verstehen, dass man ein Spiel nicht einfach abbrechen konnte, ohne alle Fortschritte zu verlieren?
Plötzlich donnerte Mutters Stimme direkt neben meinem Ohr los: „Tobias Markus Laupner! Haben deine Eltern dich so erzogen? Wenn ich dich zum Essen rufe, dann hast du gefälligst zu kommen. Und zwar sofort!“
Vor Schreck fiel mir das Smartphone aus der Hand. „Ich komm ja schon“, murrte ich mit einem Seitenblick auf das Spiel, das sich beim Sturz geschlossen hatte. Zweitausendachthundertdreiundreißig mühevoll gesammelte Punkte waren dahin! Ich wollte nach dem Handy greifen, doch meine Mutter zog mich am Arm fort. „Es ist immer das Gleiche mit dir, Tobias“, schimpfte sie. „Da ergibt sich endlich einmal die Gelegenheit, mit der ganzen Familie zusammen zu essen und der Herr Sohnemann spielt seine dämlichen Telefonspiele! Jetzt aber marsch in die Küche und wasch dir vorher die Hände.“
Vater saß schon am Tisch und schaute mich böse an, als ich Platz nahm. Er sagte nichts, sondern faltete lediglich die Hände.
„Heute spricht Tobias das Mittagsgebet“, bestimmte meine Mutter und sah mich auffordernd an.
Ich faltete ebenfalls meine Hände, blickte auf den Teller mit der ekligen Erbsensuppe und stammelte: „Danke lieber Gott für die Speise ...“ In Gedanken führte ich den Satz fort und musste grinsen: ‚gibt’s heut auch wieder nur Erbsensuppenscheiße.‘
Wegen der entstandenen Pause sah mich Mutter streng an: „Weiter, Tobias. Und was gibt es da so dämlich zu grinsen?“
„Und den Trank“, fuhr ich fort, obwohl auf dem Tisch nichts zu trinken stand. „Die du uns täglich gibst. Dank für Speis und Trank. Amen.“
Vater und Mutter stimmten ein und griffen zu den Löffeln. Heute war Samstag und samstags gab es immer irgendeine dämliche Suppe. Das war bei uns schon Tradition so lange ich zurückdenken konnte. Und mit meinen elf Jahren erinnerte ich mich an zahlreiche Suppen - Samstage.
„Die Suppe ist kalt“, grollte mein Vater und sah mich böse an. Vater schaute mich meistens böse an. Zumindest dann, wenn ich - seiner Meinung nach - irgendetwas angestellt hatte.
Also meistens.
„Wärst du pünktlich gewesen, Tobias, dann wäre die Suppe noch warm.“
Mutter sprang auf und nahm Vaters Teller an sich. Der wollte gerade den Löffel zum Mund führen, erschrak aber und kleckerte grüne Erbsensuppe auf sein weißes Hemd. „Ich mache sie dir schnell in der Mikrowelle warm“, bot Mutter an und stellte den Teller auch schon in das Gerät. Dann drehte sie an der Zeitschaltuhr. Mit einem fürchterlichen Quietschen nahm die Mikrowelle ihre Arbeit auf, die sie drei Minuten später mit einem lauten Klingelton beendete.
Drei Minuten, in denen mein Vater den Löffel wie ein Zepter in der Hand hielt und mich böse anstarrte.
Mutter wollte den Teller aus der Mikrowelle nehmen, verbrannte sich aber die Finger und hielt sie fluchend unter den Wasserhahn. „Du sollst nicht fluchen“, wies sie mein Vater zurecht und klopfte mit dem Löffel zur Bekräftigung seiner Worte auf den Tisch. Ein grüner Fleck blieb auf der weißen Tischdecke zurück.
Endlich bekam er seinen Teller zurück und beherzt nahm er einen Löffel. „Ahh, Scheiße“, grunzte mein Vater und spuckte die Suppe auf den Teller zurück. „Die ist ja viel zu heiß!“
Ich löffelte lustlos meine kalte Erbsenpampe und hielt den Blick vorsorglich auf den Teller gerichtet. Am liebsten hätte ich mich unsichtbar gemacht.
„Du sollst nicht fluchen“, wiederholte meine Mutter jetzt die Worte ihres Ehemanns, hielt den Blick aber ebenfalls auf ihren Teller gerichtet.
Als mein Vater endlich vorsichtig einen Löffel Suppe in den Mund schob - nicht ohne vorher ausgiebig und demonstrativ gepustet zu haben - hob sie den Kopf und meinte: „Detlef und Simone müssen dabei sein.“
Vater nahm den nächsten Löffel Suppe.
Detlef und Simone waren meine Großeltern. Opa und Oma Jagels nannte ich sie liebevoll. Insbesondere dann, wenn mir Oma wieder einmal fünf Euro zugesteckt hatte. Oma war eine praktisch denkende Frau, die genau wusste, dass elfjährige Kinder in permanenter Geldnot steckten. Opa dagegen hatte mir - außer zum Geburtstag - noch nie etwas geschenkt. Vermutlich gab er sein ganzes Geld für Essen aus, denn seine unheimliche Leibesfülle zeugte davon, dass er gerne und viel aß. Dafür hatte Opa auch immer einen knallroten Kopf. Er keuchte und schnaufte bei jedem Schritt und sogar wenn er saß, ging sein Atem röchelnd.
„Das kommt von deiner Fettleibigkeit“, gab Oma dann regelmäßig von sich und fügte in ständig gleichem Tonfall hinzu: „Nimm doch mal etwas ab. Das täte dir sehr gut!“
„Mir geht es gut, so wie es ist“, keuchte Opa jedes Mal und zwinkerte mir zu.
Warum er das machte, weiß ich nicht. Vielleicht war es ja auch nur ein Zucken seiner Augenlider über den runden Schweinsäuglein.
„Es ist doch mein Geburtstag, Steffi“, intervenierte mein Vater jetzt. „Warum willst du ausgerechnet deine Eltern dabeihaben? Es genügt doch, wenn Gerd und Elfriede kommen.“
Bei Gerd und Elfriede Laupner handelte es sich um meine anderen Großeltern und ich war mir sicher, dass es die ‚richtigen‘ Großeltern waren, da sie den gleichen Nachnamen trugen wie wir. Außerdem waren Opa Gerd und Oma Elfie genauso schlank wie wir.
„Es gehört sich einfach. Bei meinem Geburtstag waren deine Eltern doch auch dabei.“
„Da sind wir aber auch nicht in ein Restaurant gegangen“, murrte Vater. „Und dein Vater wird sich bestimmt wieder eine Platte für zwei Personen bestellen und alles mit Unmengen von Bier und Schnaps runterspülen. Was das wieder kostet!“
Mutter knurrte und legte ihren Löffel auf den Tisch, was ebenfalls einen grünen Fleck produzierte. Das sollte ich mal machen, dann wäre mir aber ein Tag Computerverbot sicher. „Es war deine Idee, ins Restaurant zu gehen, Friedhelm. Schon vergessen?“ Sie nannte meinen Vater immer ‚Friedhelm‘, wenn sie sauer wurde. Dann war Vorsicht geboten. Sonst nannte sie ihn liebevoll ‚Friedi‘. „Immerhin habe ich angeboten, hier zu feiern und Kuchen zu backen.“
„Man wird nur einmal im Leben Vierzig“, knurrte mein Vater. „Aber Astrid und Horst hättest du nicht einzuladen brauchen. Die bringen ja bestimmt ihr ungezogenes Kind Lena mit.“
Astrid Hagedorn und ihr Mann Horst waren meine Tante und mein Onkel und ich fand, dass Lena, ihre siebenjährige Tochter keineswegs ungezogen war. Mit Lena konnte man Pferde stehlen und mit ihr zusammen wurde es immer lustig. Onkel Horst verfügte über die gleiche Leibesfülle wie Opa Jagels, keuchte und röchelte aber nicht so schlimm wie der. Vielleicht lag es ja daran, dass er einige Jahre jünger war.
„Immerhin ist Astrid meine Schwester“, meinte Mutter böse. „Willst du denn die ganze Familie von der Feier ausschließen? Vielleicht solltest du alleine in dein komisches Restaurant gehen ...“
Vater erhob sich halb von seinem Stuhl. „Was soll das denn für eine Feier werden? Ich alleine im Restaurant? Und wer soll mir dann zum Geburtstag gratulieren? Man wird nur einmal im Leben Vierzig.“
„Das sagtest du schon.“ Mutter lachte, doch es klang nicht sonderlich lustig. „Wirst wohl mit deinen vierzig Jahren langsam senil?“
„Noch bin ich keine Vierzig! Nächste Woche erst. Und außerdem werde ich nicht senil!“ Vater ließ sich auf den Stuhl zurückfallen und nahm einen weiteren Löffel Suppe. „Außerdem ist die Suppe kalt.“
Diesmal sprang Mutter nicht auf und erwärmte die Suppe wieder in der Mikrowelle, was sich auch bei dem kleinen Rest auf Vaters Teller kaum lohnen würde. „Jedenfalls kommen sowohl Detlef und Simone, als auch Horst und Astrid mit. Ansonsten kannst du gerne mit deinen Eltern allein in das Restaurant gehen! Wir machen es uns dann bei Kaffee und Kuchen hier gemütlich.“
Vater schwieg und löffelte den Rest seiner Suppe. „Macht doch, was ihr wollt“, grollte er dann und schob den Teller von sich. „Ist ja schließlich lediglich mein Geburtstag!“
„Den du im Kreis deiner lieben Familie feiern sollst“, fügte Mutter hinzu und lächelte zufrieden. Ich hatte noch nie erlebt, dass mein Vater bei solchen Gesprächen die Oberhand behielt.
„Gibt’s denn keinen Nachtisch?“, fragte er, ohne auf Mutter einzugehen.
„Dürfen wir vielleicht auch erst einmal aufessen? Schau doch, wie es Tobias schmeckt. Der Junge kann halt nicht so schnell essen wie du. Er genießt sein Essen noch und schlingt nicht alles einfach runter.“
Ich würgte den letzten Löffel mühsam herunter und schob meinen Teller von mir. Wenn ich einmal erwachsen war, würde es bei mir zuhause niemals Suppe geben.
„Möchtest du noch einen Nachschlag, Tobi?“, flötete meine Mutter mit einem Seitenblick auf Vater.
„Danke, aber ich bin pippesatt. Das war sehr lecker.“ Es wurde Zeit für den Nachtisch.
„Das heißt nicht, ‚pippesatt‘“, belehrte mich mein Vater mit strenger Stimme. Er legte stets Wert darauf, dass wir uns gepflegt ausdrückten. ‚Wohlartikuliert und verständlich, aber nicht zu laut‘, war sein Lieblingsspruch, den wir uns regelmäßig anhören mussten. Viele Leute hielten Papa für einen Schulrektor oder Politiker oder so etwas.
Papa war Busfahrer und durfte sogar einen der großen Gelenkbusse fahren. Ich wollte später auch einmal Busfahrer werden oder Astronaut. Das wusste ich noch nicht so genau.
„Es heißt ‚pappsatt‘ mein Sohn. Merk dir das und vergiss es nicht.“ Vater hob die Hand wie ein Schulmeister und wiederholte: „Pappsatt, Tobias, pappsatt.“
Onkel Horst nannte Papa oft ‚Klugscheißer‘.
„Wer möchte jetzt noch einen Nachtisch?“, ließ sich Mutter wieder vernehmen und räumte die Teller ab.
Vater knurrte. „Das habe ich doch eben schon gesagt.“
„Du hast gar nichts gesagt, Friedhelm“, wies ihn meine Mutter zurecht. „Du hast gefragt, ob es keinen Nachtisch gibt, du hast aber nicht gesagt, dass du einen Nachtisch möchtest.“
Vater knurrte erneut. „Das ist doch dasselbe. Was gibt es denn?“
„Apfelmus. Diese Woche waren die Äpfel im Angebot. Für morgen backe ich uns auch noch einen schönen Apfelkuchen. Einen richtigen Sonntagskuchen.“
