Kokain - Hotel - Jürgen H. Ruhr - E-Book

Kokain - Hotel E-Book

Jürgen H. Ruhr

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Beschreibung

Jonathan Lärpers kehrt, nachdem sein Frankfurter Arbeitgeber Konkurs anmelden musste, in seine Heimatstadt Mönchengladbach zurück. Leider erfüllt sich seine Hoffnung nicht, wieder bei seinen Eltern wohnen zu können. Im Gegenteil: sein Vater besorgt Jonathan eine Wohnung in Rheydt und kommt auch noch auf die glorreiche Idee seinen Sohn in die Selbständigkeit als Privatdetektiv zu nötigen. Jonathan fällt dieser Job allerdings recht schwer, zumal er direkt seinen ersten Auftrag (ein Fahrzeug aus Bremen für die Ex - Ehefrau eines Bordellbesitzers zurück zu holen) vermasselt. Und sein nächster Auftrag führt ihn dann direkt in die Abgründe der chinesischen Triaden: Die Schwester einer durch eine Überdosis Heroin getöteten Prostituierten bezweifelt die Version der Polizei, bei der lediglich von Selbsttötung die Rede ist. Jonathan ermittelt ungeachtet der Gefahren. Gut, dass er auf einer Feier Bernd Heisters kennenlernt, der sich beruflich mit Personenschutz befasst. Gemeinsam, und mit noch einigen Freunden, wagen sie die Konfrontation mit den Chinesen.

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Seitenzahl: 556

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Jürgen H. Ruhr

Kokain - Hotel

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

-

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

XXII.

XXIII.

XXIV.

XXV.

XXVI.

XXVII.

XXVIII.

XXIX.

Epilog

Leseprobe ‚Personen - Schutz’

Über den Autor

Impressum neobooks

-

Kokain - Hotel

Thriller

Buch 1 der JL Reihe

© by Jürgen H. Ruhr

Mönchengladbach

www.ruhr-scriptum.de

[email protected]

ISBN 978-3-7380-2134-9

4. überarbeitete Ausgabe

Bisher in der JL Reihe erschienene Titel:

(1) Kokain - Hotel      (auch als Taschenbuch erhältlich)

(2) Personen - Schutz    (auch als Taschenbuch erhältlich)

(3) Undercover - Auftrag

(4) Reise-Begleitung

 Die Personen dieser Geschichte

     sind frei erfunden.

    Irgendwelche Bezüge

           zu

     irgendeiner Realität

     wären rein zufällig!

I.

Langsam erwachte ich und sofort stellten sich diese fiesen, hämmernden Kopfschmerzen ein.

Nicht, dass ich überrascht gewesen wäre. Diese Art von Schmerzen kannte ich ja: aha - gestern wieder zu viel getrunken.

Vorsichtig versuchte ich mich zu erinnern. Gestern. Ein Sonntag. Die Erinnerung kehrte allmählich zurück. Wir hatten gefeiert. Meinen Geburtstag. Und zwar in Ernies PUB INN. Tolle Kneipe. Toller Schnaps. Nicht so tolle Kopfschmerzen.

Ernies Pub Inn ist ausgestattet wie eine irische Bar. Wirklich klasse.

So, genug nachgedacht. Vielleicht sollte ich doch lieber noch ein Viertelstündchen schlafen. Ein leises Aufseufzen neben mir zauberte ein Lächeln auf mein Gesicht. Die Kopfschmerzen interessierte das aber nicht, die malträtierten mich weiter.

Nun denn! Hatte ich es wieder einmal geschafft. Ich erinnerte mich an die blonde Schönheit mit dem Minikleid - oder war es ein langes T- Shirt gewesen?

Lange blonde Haare, braun gebrannt und genau die richtige Körbchengröße. Ob da alles echt war? Nun, gleich würde ich es wissen, denn was immer wir auch gestern Abend noch miteinander vollbrachten - und woran ich mich partout nicht erinnern konnte - wir würden es heute Morgen wiederholen. Bestimmt.

Ich Teufelskerl.

Wie hieß sie denn noch gleich? Simone? Frauke? Katja? Nein? Egal. Wir hatten viel Spaß miteinander gehabt und ihr glockenhelles Lachen hallte immer noch durch meine Gedanken. Wenn auch arg gedämpft wegen der Kopfschmerzen.

Ob ich vielleicht erst einmal leise aufstehen und eine Kopfschmerztablette - oder besser direkt zwei - nehmen sollte? Nein, lieber doch nicht bewegen. Angestrengt lauschte ich dem gleichmäßigen Atmen der Hübschen. Die schien noch ziemlich geschafft. Wie spät war es eigentlich?

Mühsam öffnete ich ein Auge und wurde auch sofort mit einer gesteigerten Schmerzattacke belohnt. Also - Auge wieder zu! Der Wecker stand auf halb eins - nun gut. Ich war mein eigener Chef und konnte ins Büro kommen, wann ich wollte. Und jetzt wollte ich wirklich noch nicht.

Schmatzte die Kleine da jetzt ein wenig? Jetzt wurde ich neugierig und erneut in den Schlaf finden könnte ich sowieso nicht. Waren ihre Brüste nun echt oder nicht? Vielleicht einmal vorsichtig fühlen?

Schwerfällig drehte ich mich um. Wieder dieses Hämmern. Leise stöhnte ich auf und hielt meine Augen fest geschlossen. Dann endlich war es geschafft und ich lag schwer atmend neben der Blonden. Ein paar Minuten brauchte ich schon, bis die Schmerzen ein wenig abgeklungen waren. Das gleichmäßige Atmen schien nachgelassen zu haben; nein nicht nachgelassen - es klang anders. War mein Liebchen etwa aufgewacht? Mit aller Anstrengung öffnete ich nun sogar beide Augen. Und schloss sie sofort wieder. Dann noch einmal vorsichtig - Augen auf!

Nein, ich sah schon beim ersten Mal richtig: Mein Blick fiel auf ein bärtiges, männliches Gesicht. Aber ich stand doch gar nicht auf Bärte! Moment - ich stand noch nicht einmal auf Männer! Ob nun mit oder ohne Bart.

Blaue Augen schauten mich ruhig an und dann stahl sich ein breites Lächeln auf das männliche, bärtige Gesicht. „Hallo Jonathan. Einen guten Morgen wünsche ich dir.“

Das war nicht die Blonde. Eindeutig nicht. Bett und Zimmer fingen an, sich um mich zu drehen. Fast hätte ich mich übergeben.

Da lag er vor mir: nackt, die Bettdecke hinter sich. Langsam wanderte mein Blick an seinem muskulösen Körper herunter. Bis zu seinem besten Stück.

Ich machte große Augen. Das Ding musste bestimmt doppelt so groß sein wie meins.

„Ja, Schatz - da staunst du, was? Aber du kennst ihn ja zur Genüge. Sollen wir da weitermachen, wo wir gestern stehengeblieben waren?“ Dabei betonte er ‚stehen’ ausdrücklich mit seiner tiefen, sonoren Stimme, die so gut zu diesem Körper passte.

‚Na wenigstens bist du nicht mit einem hässlichen kleinen Männlein im Bett gelandet’. Ich hätte mich für diese Gedanken erschießen können. Mensch, ich war doch nicht schwul. Oder? Nein, bestimmt nicht.

Der Fremde schien meinen Gesichtsausdruck richtig zu deuten, denn nun fragte er, ob es mir nicht gut ginge. Die Antwort aber blieb ich ihm schuldig, denn trotz aller Kopfschmerzen, war ich im Nu aus dem Bett und im Bad. Hockte vor der Kloschüssel und erbrach sämtliche gestern zu mir genommenen Getränke und Speisen. Immer und immer wieder. Mir war so elend.

Während ich mit tränenden Augen in die trübe Brühe im Klo starrte - waren das Krabben, die da herumschwammen? - hörte ich hinter mir wieder diese Stimme: „Soll ich Dir helfen?“ Der Fremde plauderte jetzt munter drauflos: „Mensch, das war ja ein toller Abend gestern. Erinnerst du dich noch, als du zum Tequila - König gekürt wurdest? Das war kurz bevor du vom Tisch gefallen bist, auf dem du getanzt hast, und ich dich aufgefangen habe.“

Konnte der Mensch nicht einfach leise sein? ‚Tequila - König’, nun kein Wunder, dass es mir so schlecht ging. Ich brachte nur ein Stöhnen zustande, was den Fremden wohl animierte, hinter mich zu treten.

„Alles in Ordnung, Jonathan?“ - Jonathan? Verdammt, kein Mensch nannte mich Jonathan. Meine Eltern mussten wohl den Film mit der Möwe gesehen haben, als sie meinen Namen ersannen. „Jon“, krächzte ich mühsam und spuckte ins Klo. „Alle nennen mich Jon, nicht Jonathan.“

Zärtlich wischte mir der der Fremde meinen Mund ab und dann hielt er mir einen Becher mit Wasser unter die Nase. „Spül’ dir erst einmal den Mund aus, Jonathan. Und dann mache ich uns ein umfangreiches Frühstück.“

Ich wusste gar nicht, dass sich doch noch etwas in meinem Magen befand, aber beim Wort ‚Frühstück’ erbrach ich erneut einen riesigen Schwall gelblich brauner Masse. Wieder wurde mir der Mund mit einem feuchten Handtuch abgewischt. Dann zogen mich zwei starke Arme vorsichtig hoch und setzten mich auf meinen Badehocker. Der Fremde stand vor mir, splitterfasernackt und sein riesiges Gehänge baumelte vor meinem Gesicht. Gequält wandte ich mich ab.

„Komm, leg dich wieder ins Bett und ich kümmere mich inzwischen um alles. Ich kann dich auch ein wenig massieren. Erinnerst du dich noch, wie zärtlich du gestern zu mir warst? Auch wenn du selbst wirklich nicht in der besten Verfassung gewesen bist? Mann, Mann, Mann. Und ein wenig davon möchte ich dir ja auch zurückgeben.“

Ich würgte wieder, aber mein Magen war leer. Könnte ich nicht einfach tot umfallen, jetzt?

Der Fremde plauderte munter weiter: „Du erinnerst dich wohl an nichts mehr? Ich bin Bernd. Als du gestern vom Tisch gefallen bist, stand ich zufällig in der Nähe und konnte dich auffangen. Sonst hättest du dich noch böse verletzt. Nachdem du wieder einigermaßen klar warst, hast du mich gebeten, dich nach Hause zu bringen. Und kaum betraten wir hier deine Wohnung, bist du auch schon über mich hergefallen.“

Ich schüttelte den Kopf. Wie betrunken war ich denn gewesen? Nie wieder. Nie wieder würde ich auch nur einen Tropfen Alkohol anrühren - das schwor ich mir. Bernd? Schwerfällig überlegte ich, wer denn alles bei meiner Feier dabei gewesen war. Einmal zunächst die Blonde. Die hätte jetzt hier sein sollen! Dann Pöting. Kriminalkommissar Albert Pöting. Den kannte ich schon aus der Schule. Und Frank Olders. Er wurde von jedem nur ‚Hit Bit’ genannt, weil er sich so gut mit Computern auskannte. Ach ja, und natürlich Christine.

Christine ist meine Sekretärin. Und ein ganz besonderer Mensch. Nicht nur, dass sie mir von Anfang an alle Hoffnung auf eine Beziehung zunichtemachte - nein, Christine ist eine von diesen Personen, auf die man sich erstens hundertprozentig verlassen kann und die zweitens immer gute Laune haben. Das Mädchen kann einfach nichts erschüttern. Sie behält in jeder Situat...

„Hallo, Jonathan? Bist du eingeschlafen?“ Bernd rüttelte leicht an meiner Schulter. Ich drehte den Kopf und musste erneut auf sein bestes Stück starren. „Na, du bist mir aber einer.“ Bernd ließ ein tiefes Lachen hören.

Jetzt reichte es mir! Diesem schwulen Lustknaben würde ich es jetzt aber zeigen. Mühsam wuchtete ich mich auf die Beine. Dann schob ich ihn recht kraftlos beiseite. Aber immerhin kam ich ohne weitere körperliche Berührung an dem Muskelmann vorbei. Leicht schwankend strebte ich auf mein Nachttischchen zu.

Meine Wohnung ist nicht sonderlich groß. Aber immerhin gehört sie mir. Also - gemietet natürlich nur. Ein Zimmer, eine kleine Kochnische und das kleine Badezimmer. Aber preisgünstig. Und mitten in der Stadt. Und nicht weit von meinem Büro entfernt.

Ja, eigentlich waren meine Vorstellungen ganz anderer Art, als ich von Frankfurt hier in meine Geburtsstadt Mönchengladbach zurückkam.

In Frankfurt Oberrad wohnte ich in einer schönen Fünf - Zimmer - Wohnung. Ziemlich nah am Stadtwald in guter Lage. Aber da befand ich mich ja auch noch in Arbeit und Brot.

Denn ich habe studiert. Jawohl. Philosophie. Und nicht lange nach meinem Abschluss bekam ich auch diesen guten Job in der Marketingabteilung von Swissbird & Co. Eine feine Firma. Fünf Jahre durfte ich da arbeiten, dann war die Firma pleite. Und ich arbeitslos.

Leider sind neue Jobs in meiner Sparte rar gesät und irgendwann, als die beim Arbeitsamt nur noch müde abwinkten, beschloss ich, hier nach Mönchengladbach zurückzukehren. Wehmütig erinnerte ich mich damals an mein hübsches großes Jugendzimmer in der Villa meiner Eltern.

Rasch und ohne Skrupel brach ich meine Zelte in Frankfurt ab. Kurze Zeit später befand ich mich in meinem alten Ford mit all meiner Habe auf dem Weg zu meinen Eltern in Mönchengladbach.

II.

Es regnete in Strömen, als ich endlich in dem Stadtteil Wickrathberg anlangte. Welch Erinnerungen! Hier wuchs ich einst auf, hier kannte ich jeden Stein und jeden Strauch.

Leider musste sich im Laufe der Zeit doch wohl das Eine oder Andere verändert haben, denn als ich schwungvoll in die Auffahrt zu meinem Elternhaus einbiegen wollte, stoppte eine kleine Mauer meine Fahrt. Fluchend stieg ich aus dem Wagen und besah mir den Schaden. Wieder eine hässliche Delle mehr im rechten Kotflügel. Aber bei dem Regen und meinem schlecht reinigenden Scheibenwischer konnte ich diese Mauer ja auch gar nicht sehen. Ein paar Steine waren herausgebrochen. Na, die Freude ihren Sohn wiederzusehen, würde bei meinen Eltern überwiegen. Ich hatte mich ja auch die letzten Jahre kaum noch gemeldet. Aber das würde jetzt ganz anders werden. Ich könnte den beiden zur Hand gehen, Rasen mähen, mein Zimmer schön einrichten, Freunde zu Besuch einladen, Gartenfeste feiern und und und.

Als sich beim fünften Klingeln - zugegeben ein inzwischen recht zorniges Klingeln - nichts rührte, musste ich einsehen, dass meine geliebten Eltern wohl nicht daheim waren. Nun, sie würden bestimmt bald wieder zurück sein. Wenigstens hörte der Regen jetzt allmählich auf. Nass war ich aber trotzdem.

Ich schaute auf meine Armbanduhr. Ein besonders schönes Stück. Rolex. ‚Echt Rolex’, wie mir der Verkäufer am Strand von Ibiza glaubhaft versicherte. Für solch ein gutes Stück muss man natürlich einiges an Euro mehr berappen. Aber was nix kostet - dat is auch nix!

Neunzehn Uhr und zweiunddreißig. Ich rechnete. Die Uhr stellte ich zuletzt vor ungefähr zwölf Stunden, dann ging sie nunmehr eine halbe Stunde und sechs Minuten nach. Merkwürdig, dass diese teure Uhr immer drei Minuten nachging. Pro Stunde.

Somit musste es jetzt um die zwanzig Uhr sein. Wo blieben meine Eltern? Sonst befanden sie sich um diese Zeit immer zu Hause. Es war ihnen doch wohl nichts passiert? Oder waren die zwei einfach nur in Urlaub gefahren? Wenn sie jetzt längere Zeit weg wären, wie sollte ich dann ins Haus kommen?

In meiner Jugend konnte ich oftmals ein auf Kipp stehendes Fenster öffnen und war auch so hinein gelangt. Sicherlich ging damals die ein oder andere Blume und der ein oder andere Blumentopf zu Bruch, aber ich musste wenigstens nicht draußen warten. Irgendwann aber verboten mir meine Eltern das Hineinklettern und da hält man sich schließlich dran. Besonders dann, wenn das Taschengeld gestrichen werden soll.

Also versuchte ich es erst einmal auf der Rückseite. Vielleicht stand ja ein Fenster auf Kipp. Oder würde ich vielleicht über den Balkon hineingelangen? Da es jetzt allmählich dunkel wurde, konnte ich die Fenster im oberen Stock nicht gut erkennen. Hier unten war alles geschlossen. Schade, nichts zu machen.

Vorsichtig hangelte ich mich an dem Rankgitter der Rosen hoch, bis ich endlich den Balkon erreichte. Schon stand ich darauf. Nein, hier war auch alles zu. Ob ich eine Scheibe einschlagen sollte? Ich verwarf den Gedanken und kehrte zum Auto zurück. Was nun? Beim Nachbarn fragen? Der kannte mich zwar nicht, aber höflich fragen, wo meine Eltern seien, konnte ich ja. Gleich einmal zu ihm herüber gehen.

Aber erst musste ich wieder ein wenig warm werden. Und vielleicht die nassen Klamotten loswerden. Im Handschuhfach fand ich noch eine halbvolle Flasche Weinbrand. Der Alkohol wärmte mich erst einmal. Und im Koffer auf dem Rücksitz fand ich auch schnell ein trockenes T - Shirt und eine Hose. Da es jetzt doch ziemlich dunkel war, entledigte ich mich ohne Scheu meiner nassen Kleidung.

Das T-Shirt hatte ich mir schon übergezogen und gerade wollte ich die Hose umständlich vor dem Lenkrad anziehen, als es an mein Seitenfenster klopfte. Überrascht drehte ich den Kopf und blickte in das Licht einer starken Taschenlampe. Dann öffnete sich vorsichtig die Tür.

„Polizei - würden sie bitte einmal langsam aussteigen. Halten Sie ihre Hände so, dass ich sie sehen kann.“ Fast hätte ich einen Lachanfall bekommen. Die eine Hand befand sich gerade in meiner Unterhose, um meinen Johnny zurecht zu legen - natürlich nur, damit ich die sehr enge Jeanshose auch problemlose hochziehen könnte - und die andere Hand - also einen Finger davon - benutzte ich, um einen sehr störenden Popel aus einem meiner Nasenlöcher heraus zu transferieren.

Nun gut. Nachdem ein zweiter Polizist an der rechten Fahrzeugseite der Aufforderung des Kollegen mit dem Klopfen seiner Pistole gegen das Fenster Nachdruck verlieh, konnte ich gar nicht schnell genug aus dem Auto herauskommen.

Da stand ich nun in T - Shirt, Unterhose und Socken auf den nassen Steinen und musste die Hände auf die Motorhaube legen.

„Was machen sie hier?“ Der Ton klang weder freundlich noch herzlich. Und schon schnupperte der Polizist: „Sie haben ja getrunken. Alkohol am Steuer?“ Was wollten die Beamten denn von mir? Schließlich wohnte ich doch hier! „Ich wohne hier. Also, äh, meine Eltern wohnen hier. Und nein. Nicht am Steuer.“ Ich versuchte mich umzudrehen, wurde aber unsanft wieder zurecht geschubst.

„So, so. Sie wohnen hier. Seit wann denn?“ Das wurde mir zu dumm. Dieser junge Polizistenschnösel! „Immer schon.“ Das ‚du Hirni’ verkniff ich mir.

„Also, sie wohnen hier und das schon immer schon. Und haben auch keinen Alkohol getrunken?“ - „Sag ich doch. Und doch“ - „Was und doch?“ - „Also ein wenig Alkohol doch, wegen der Kälte.“ - „Sie geben also zu, Alkohol getrunken zu haben und sind dann noch gefahren?“ - „Nein, nicht gefahren - nur gestanden.“ Aus dem Augenwinkel konnte ich sehen, wie der Polizist den Kopf schüttelte. „Sie sitzen in Unterhosen in einem Auto mit dem sie nicht fahren und trinken Alkohol weil ihnen kalt ist? Ist das denn ihr Wagen?“ - „Würde ich sonst drin sitzen?“

Der Polizist leuchtete mir ins Gesicht. „Was glauben sie, wen wir schon wo drin sitzen gesehen haben. Dann zeigen Sie mir doch mal ihre Papiere. Und erklären sie mir, warum das Fahrzeug ein Frankfurter Kennzeichen hat, wenn Sie doch schon immer hier wohnen.“ „Die Papiere habe ich in meiner Hose.“ Beide Polizisten sahen auf meine Unterhose. „Nein“, ‚du Hirni’, „in der Jeans.“

Der zweite Polizist hielt die Hose hoch, die ich anziehen wollte. „Diese hier?“ - „Nein, die andere. Die auf dem Beifahrersitz.“

Rasch kam er wieder mit der Hose zurück. In der anderen Hand hielt er die Weinbrandflasche. „Die Hose ist ja klatschnass und sieht aus, als wären sie durch ein Blumenbeet gerobbt.“ Er machte sich an dem Kleidungsstück zu schaffen. „Hier sind keine Papiere. Nichts.“ - „Dann liegen die auf dem Beifahrersitz. Herrgott nochmal!“ - „Nun, mal schön ruhig. Fluchen hilft auch nicht weiter.“ Wieder verschwand der Mann in meinem Wagen. „Hier ist nichts.“

Ich überlegte. Vielleicht fiel mir die Brieftasche herunter, als ich den letzten Meter durch die Rosen abrutschte. Dann müsste sie noch unter dem Balkon liegen. Was sollte ich aber jetzt den Polizisten sagen. ‚Als ich auf den Balkon kletterte - beim Einbruchsversuch - sind mir die Papiere vielleicht aus der Tasche gefallen?’ Ob diese beiden Herren für meine Situation Verständnis aufbringen würden?

Ich zuckte nur mit den Schultern.

„Wir nehmen sie erst einmal mit auf die Wache. Legen die ihre Hände bitte auf den Rücken.“ Schon spürte ich, wie sich ein Paar Handschellen um meine Gelenke schloss. „Aber. Die Papi...“ Nicht einmal ausreden durfte ich. „Ruhe jetzt! Sie kommen mit“, herrschte mich einer der Gesetzeshüter an.

Ich musste mich umdrehen und sah direkt in die Gesichter von mehreren neugierigen Passanten. Nachbarn wahrscheinlich. Während mich der eine Polizist zu einem wartenden Polizeiwagen brachte, hörte ich noch, wie der Zweite die Passanten nach den Hausbewohnern befragte. Dann schloss sich die Tür des Wagens hinter mir.

Auf der Polizeiwache musste ich lange Zeit auf einer Bank gegenüber dem Tresen warten. Die Hände immer noch in Handschellen hinter dem Rücken konnte ich nur sehr unbequem sitzen. Neugierig wurde ich von einer jungen Polizistin beäugt, deren Hauptaufgabe wohl im Brühen und Servieren von Kaffee bestand. Flüsternd, aber immerhin so laut, dass jeder im Raum es verstehen konnte, fragte sie ihren Kollegen, ob ich der gesuchte Vergewaltiger sei. Wegen der fehlenden Hose und der nassen Unterhose. Und so.

Der Kollege zuckte mit den Schultern. Vermutlich issers!

Nach einer geraumen Weile kehrte endlich einer der Polizisten zurück, die mich hierhin verschleppt hatten. In der Hand hielt er eine übergroße Latzhose. „Ziehen sie die über. Ich muss jetzt ihre Personalien aufnehmen. Außerdem machen wir anschließend noch eine Blutprobe. Wegen des Alkohols und des Fahrens unter Alkoholeinfluss. Kommen sie mal hier an den Tresen.“ Er hielt mir die Hose hin. Dann merkte er, dass ich ja immer noch die Handschellen trug. „Ups - die haben wir ja vergessen.“

„Name? - Alter?“ Ich nannte meinen Namen und er tippte ihn auch fleißig in seinen Computer.

Dann aber ging es wieder einmal mit mir durch: „Mein Alter heißt Walter Lärpers und wohnt da, von wo sie mich weggeholt haben.“ Um das Witzige an der Sache zu betonen, grinste ich lustig dazu.

„Ihr Geburtsdatum! Die dummen Späße werden ihnen noch vergehen. Und was soll das dämliche Grinsen? Wollen sie mich verarschen?“

Mit dem war wirklich nicht gut Kirschen essen. Dieser Polizisten - Hirni.

Dann blickte der Mann hoch: „Sie haben ja den gleichen Nachnamen, wie der Bewohner des Hauses.“ Jetzt konnte ich mir ein ‚ach sieh an’ nun doch nicht verkneifen. Aber der Polizist setzte noch einen drauf: „Das ist doch nicht ihr wirklicher Name? Sie haben den vom Klingelschild? Stimmt‘s?“

Nein stimmte nicht. Aber jetzt schwieg ich beleidigt.

„Sie bleiben erst einmal die Nacht über hier und morgen befasst sich dann unsere Kripo mit ihnen!“ Dem guten Beamten stand die Schadenfreude im Gesicht geschrieben. Diesen Schwerverbrecher haben wir dingfest gemacht. Jawohl!

Die Nacht in der Zelle war eine echte Quälerei gewesen. Nachdem mir irgend so ein Amtsarzt, der übrigens wesentlich schlimmer nach billigem Fusel roch, als ich, nachdem mir also dieser ‚Arzt’ den halben Arm zerstochen hatte, und triumphierend mit einem Röhrchen meines Blutes davonzog, verpflegte man mich mit einer schon älteren, geschmierten Stulle mit Leberwurst. Ich hasse Leberwurst. Dazu ein Pappbecher mit lauwarmen Wasser. Hier saß ich nun bei Wasser und Brot!

An Schlaf auf der harten Pritsche war nicht zu denken. Irgendein betrunkener Jugendlicher in einer Nachbarzelle rief alle paar Minuten nach seiner Mutter - ‚Mama, holl mie hey ruut’ - und legte sich dann mit dem Polizisten an, der ihn zur Ruhe anhielt.

Seit dieser Nacht ist mein Repertoire an Schimpfwörtern um einiges angewachsen.

Gegen Morgen nickte ich doch wohl etwas ein, wurde aber umgehend durch den Wachmann wieder aus dem Schlaf gerissen. „So, junger Mann. Dann machen sie sich mal bereit.“ Verschlafen blickte ich den in der Zellentür stehenden Mann an. „Nun, mal auf. Hopp, hopp. Wir sind hier kein Ferienparadies. Die Kripobeamtin wartet schon.“

Mühsam rappelte ich mich auf. Mir taten alle Knochen weh und mein Magen knurrte vernehmlich vor Hunger. Natürlich aß ich das Brot gestern nicht. Bah, Leberwurst! Und in einem Anflug von Zorn schleuderte ich beide Scheiben einzeln gegen die Wand. Da klebten sie immer noch, was schon ganz lustig aussah.

„Was ist mit Frühstück?“, versuchte ich vorsichtig und in demütigem Tonfall mein Glück. Allerdings belehrte mich der Blick des Wärters auf die Brotscheiben, dass es mit etwas zu essen wohl nichts werden würde. Und richtig. Er knurrte nur: „Frühstück hängt da“, und zeigte auf die Wand.

„Folgen!“ Schon marschierte er ab, stellte sich neben die Tür. Wohl aus Sicherheitsgründen, da ich ja ein unberechenbarer Schwerverbrecher war, hielt er seinen Gummiknüppel in der Hand. Mit kurzen Kommandos ‚links’ - ‚geradeaus’ - ‚rechts’ - ‚hier lang’ lenkte er mich in ein winziges Büro, in dem eine Frau mittleren Alters saß. Sie blickte nur kurz auf, dann widmete sie sich wieder ihrem Computer. Mein Wächter postierte sich derweil neben der Tür und schlug leicht mit seinem Gummiknüppel gegen seine Hand.

Plötzlich ruckte der Kopf der Beamtin hoch und mit einem zornigen Blick sah sie den Polizisten an. „Daumann, Mensch, legen sie endlich den Knüppel weg. Sie machen mich verrückt!“ Der mit ‚Daumann’ Angesprochene verstaute die Prügelwaffe mit einer Langsamkeit, die mich direkt an den ‚Bullet Mode’ in Spielfilmen denken ließ.

‚Line lost - You have lost - Game over’ klang es da plötzlich aus dem Computer. Die Kriminalbeamtin wandte sich hektisch wieder dem Bildschirm zu. „Scheiße. Das ist ihre Schuld, Daumann!“ Dann sah sie mich an. „Was wollen sie hier?“ Ich merkte, dass diese Frau jetzt schlechte Laune hatte. Na das konnte ja lustig werden. Also versuchte ich es auf die freundlich - heitere Art: „Gefangener Lärpers meldet sich zum Verhör!“ Dabei grüßte ich zackig nach Militärart.

Die Mundwinkel der Beamtin sanken noch weiter herab. „Wohl ein Spaßvogel, was? Na die Scherze werden ihnen noch vergehen! Daumann, verdammt, wo ist denn die Scheiß - Akte von diesem Witzbold?“ Daumann warf nur einen kurzen Blick auf den Schreibtisch: „Liegt direkt vor ihnen, Frau Kriminalkommissarin.“

In meinem Eifer schob ich nach: „Da vorne!“ Das brachte mir einen bösen Blick und ‚sie reden nur, wenn sie gefragt werden’ ein.

„Mensch, Daumann, warum sagen sie das denn nicht gleich?“ - „Sie haben mich nicht gefragt.“ - „Ich kann nicht immer nur Fragen stellen, ich muss auch Antworten bekommen.“ - „Ja.“ - „Was ‚Ja’, Daumann? Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen?“ - „Nein, Frau Kriminalkommissarin.“ Die Beamtin blätterte nun in der Akte. „Daumann, geh’n se mal Kaffee holen. Schwarz und mit viel Zucker. Und schlafen se nicht dabei ein!“

Daumann sah sich ungemütlich um. „Sie wissen doch, Frau Kriminalkommissarin, dass ich sie mit dem Gefangenen nicht allein lassen darf.“ - „Daumann, Mensch, meinen Sie denn, ich kann mich nicht verteidigen?“ Die Dame langte in ihre Schreibtischschublade und förderte einen großkalibrigen Revolver zutage. Mir wurde langsam mulmig. Was stand mir nun noch alles bevor? Gab es hier vielleicht auch einen Folterkeller? Ich nahm mir vor, alles zu sagen. Zumindest alles, was ich wusste. ‚Und’, sagte ich zu mir ‚keine Scherze mehr, sonst wirst du am Ende doch noch erschossen.’

Daumann dackelte ab. Nun, ein Kaffee würde mir gut tun. Dachte ich.

„Setzen!“ Der Befehl wurde an mich gerichtet und die Frau zeigte auf einen Stuhl, der vor ihrem Schreibtisch stand. Rasch folgte ich der Anweisung.

„Mein Name ist Elisabeth Unruh, ich werde sie jetzt verhören und den Fall hier aufklären. Sie dürfen mich Frau Kriminalkommissarin nennen.“ - „Ja.“ - „Ja?“ Es erschien mir, als wenn diese Unruh gleich mächtig an zu brüllen fangen würde. Schielte sie nicht auch zu ihrem Revolver? „Das heißt ‚Ja, Frau Kriminalkommissarin’. Kapiert?“ Oh, oh. Jetzt nur keinen Fehler machen. Wie ich es aus alten Filmen kannte, sprang ich von meinem Stuhl hoch, legte die Arme steif links und rechts an meinen Körper und brüllte aus Leibeskräften „Jawoll, Frau Kriminalkommissarin!“ Dann ließ ich mich wieder auf den Stuhl fallen. Doch die gute Frau musste meine Aktivität missverstanden haben, denn plötzlich hielt die den Revolver in der Hand.

Die würde mich doch jetzt nicht erschießen? Ich ging auf Tauchstation. Flach lag ich vor dem Schreibtisch, als Daumann mit einer Tasse dampfenden Kaffees wieder den Raum betrat. Eigentlich sah ich ihn ja nicht, da ich meinen Kopf fest auf den Boden gedrückt hielt und beide Arme schützend darüber lagen. Nein, ich roch den würzigen Duft des Kaffees und mein Magen drehte sich um vor Hunger. Dann hörte ich, wie eine Porzellantasse am Boden zerschellte und ein vorsichtiger Blick ließ mich eine braune Brühe erkennen, die langsam auf mich zufloss. Ich schaute an Daumanns Beinen hoch und erkannte, dass er mit gezückter Waffe in der Türe stand.

„Daumann, Mensch Daumann. Mein Kaffee! Stecken sie die Waffe weg.“ - „Wollte der Gefangene fliehen - Frau Kriminalkommissarin?“ - „Wer weiß Daumann. Das ist aber kein Grund, meinen Kaffee hinzuwerfen. Los, Abmarsch und holen sie mir einen neuen.“ Dann wandte Frau Kriminalkommissarin sich an mich, wobei sie über den Rand ihres Schreibtisches auf mich herunter lugte. „Und wir setzen uns nun wieder fein auf den Stuhl, ja? Aber dalli!“, brüllte sie noch hinterher.

Kleinlaut setzte ich mich wieder. „So, wo waren wir stehengeblieben? Ah ja. Sie haben versucht in ein Haus einzubrechen, sind trunken Auto gefahren und ihr Fluchtversuch ist gescheitert. Mal sehen, was noch alles dazu kommt ...“

Aber zunächst erschien Daumann wieder. Schwungvoll setzte er einen Becher mit der Aufschrift ‚Polizists Liebling - Die Polizei dein Freund und Helfer’ auf den Schreibtisch. Ein wenig der Flüssigkeit schwappte dabei auf meine Akte, was die Beamtin mit einem tadelnden ‚Daumann, Daumann’ kommentierte. Dann versuchte sie den Kaffee mit der bloßen Hand wegzuwischen, wobei sie alles ordentlich verschmierte. Daumann, Daumann!

„Was haben Sie dazu zu sagen?“ Jetzt endlich kam die Zeit der Erklärung. Jetzt konnte ich etwas zu meiner Entlastung sagen. Mich rechtfertigen. Man würde sich bei mir entschuldigen, vielleicht bekäme ich ja auch einen Kaffee - aber vorsichtig Daumann nichts verschütten! - und bald wäre ich bei meinen Eltern.

„Ich komme aus Frankfurt.“ - „Ich habe sie nicht gefragt, woher sie kommen, sondern was sie zu der Sache zu sagen haben. Herrgott!“ Sollte ich jetzt darauf hinweisen, dass ich nicht ‚Herrgott’, sondern Jonathan Lärpers hieß? Lieber nicht. Der Revolver lag noch zu bedrohlich auf dem Tisch. Vorsichtig setzte ich erneut an, die Lage zu klären: „Ich heiße Jonathan Lärpers un...“ - „Ich weiß, wie sie heißen - oder vorgeben zu heißen. Das war auch nicht meine Frage. Also, ich halte jetzt einmal fest: Der Festgenommene weigert sich der Sache dienliche Aussagen zu machen.“ Schon tippte sie etwas in ihren Computer. Diesmal ließ sich allerdings kein ‚Game over’ hören.

Erneut sah mich die Frau an. Bedauernd stellte ich fest, wie abgehärmt und verbittert der Gesichtsausdruck dieser deutschen Beamtin war. Sah die gute Frau denn nur Schlechtigkeit? Nur schlechte und böse Menschen? Ich vermutete, dass ich an ihrer Stelle auch den Glauben an das Gute verlieren könnte.

Aber sie startete freundlicherweise noch einen Versuch, gab mir noch eine letzte Chance: „Also, wir zwei fangen jetzt noch einmal ganz von vorne an. Ich gebe ihnen jetzt eine letzte Chance. Tun wir einmal so, als wenn wir uns gerade getroffen hätten. Also: Mein Name ist Elisabeth Unruh.“

Schweigen. Wurde von mir erwartet, dass ich auch etwas sagte? Sollte ich denn nicht nur reden, wenn ich gefragt wurde? Schweigen. Wäre eine Stecknadel gefallen, so hätte man das hören können.

Dann erklang das Donnern der kriminalkommissarischen Faust auf den Schreibtisch. Deutlich konnte ich erkennen, wie es die schwere Waffe ein paar Zentimeter in die Luft hob. „Verdammt!“, brüllte die Beamtin, „sind sie verstockt. Ihren Namen, das ist jetzt aber ihre allerletzte Chance!“

Bei dem Ton konnte ich nicht anders. Stracks sprang ich auf, Hände an die Hosennaht. „Jonathan Lärpers, Euer Gnaden!“ Ups, das war sicherlich falsch gewesen. „Euer Kriminalkommissarin.“ Besser? War das die erwartete Reaktion? Der hochrote Kopf der guten Frau belehrte mich eines Besseren. Schielte sie nicht schon wieder nach ihrem Revolver?

Zum Glück ging in diesem Moment das Telefon. Aber Frau Kriminalkommissarin ignorierte das nervtötende Klingeln und sah mich aus blutunterlaufenen Augen nur böse an. ‚Die erschießt dich jetzt. Ade schöne Welt’ dachte ich noch. Doch da rettete mich Daumann. Daumann der Gute. Daumann, dem ich vermutlich mein Leben zu verdanken habe.

„Telefon“, warf er in den Raum und ließ nach einigem Zögern folgen: „Frau Kriminalkommissarin“.

Irritiert hob die Frau den Hörer ab.

„Aha, gut. Sind sie sicher? Aha. Na, das sind ja keine guten Nachrichten. Jawohl Chef. Aber wir waren nahe vor einem Geständnis. Und beide unten? Ja. Gut.“ Seufzend legte Frau Kriminalkommissarin Elisabeth Unruh den Hörer wieder auf. Keine guten Nachrichten? Musste ich nun in den Folterkeller? Todesstrafe? Ich war mir sicher, dass es in Deutschland keine Todesstrafe mehr gab. Oder einfach erschießen? Eine Kugel opfern und dann sagen: ‚auf der Flucht erschossen’?

Meine Hände und Knie fingen an zu zittern.

„Sie haben unverschämtes Glück gehabt, Lärpers!“ Und an Daumann gewandt: „Der hat unverschämtes Glück gehabt.“ Daumann, der doch gar nicht wissen konnte, worum es ging, nickte: „Stimmt, Frau Kriminalkommissarin, der hat wirklich unverschämtes Glück gehabt.“

Gut. Prima. Ich hatte unverschämtes Glück gehabt. Treuherzig sah ich die Kriminalkommissarin an.

„Die Blutprobe ergab nur einen Blutalkoholwert von null Komma eins fünf Promille, da sind sie aus dem Schneider. Und unten in der Wache warten zwei ältere Leute auf sie, die sich als ihre Eltern ausgeben. Offensichtlich haben sie den Wagen in der Auffahrt gesehen, die Nachbarn befragt und sind dann direkt hierhin geeilt. So, sie unterschreiben jetzt noch das Protokoll und dann können sie gehen.“

Sie sah Daumann an, der ihre Aufmerksamkeit heischend mit der Hand wedelte. „Was ist, Daumann?“ - „Die Hose.“ - „Frau Kriminalkommissarin!“ Daumann korrigierte sich: „Die Hose, Frau Kriminalkommissarin!“ - „Daumann, welche Hose?“ - „Na die des Freigelassenen. Frau Kriminalkommissarin.“ - „Also, Daumann. Jetzt versuchen wir es einmal mit ganzen Sätzen. Sonst können sie sich demnächst bei der Streife melden.“ - „Nun, Frau Kriminalkommissarin. Ich bin bei der Streife ... Die Hose ist Eigentum der Polizei.“

Elisabeth Unruh sah mich triumphierend an: „Aha. Sie wollten wohl die Hose mitgehen lassen? Diebstahl von Polizeieigentum?“ Dann brüllte sie plötzlich wieder los: „Runter mit dem Ding. Aber dalli. So etwas dulde ich hier nicht!“

Schon sprang ich auf und nestelte an den Riemen, um das gute Stück schnellstmöglich auszuziehen. „Doch nicht hier! Geh’n se mit Daumann mal auf die Toilette und erledigen sie das da! Aber vorher unterschreiben sie das Protokoll. Und dann ab. Ich muss schließlich noch Verbrecher jagen!“

Daumann dirigierte mich mit dem wohlbekannten ‚links’ - ‚rechts’ - ‚hier lang’. Den Gummiknüppel ließ er diesmal stecken. Ich war ja doch nicht so gefährlich, wie es zunächst wohl den Anschein machte. Die Hose durfte ich dann in einer Toilettenkabine alleine ausziehen.

Die Wache füllte sich um diese Zeit mit allen möglichen Leuten, die alles Mögliche wollten. Hier ein Taschendiebstahl, da eine Anzeige wegen Hausbesprühung. Der Mann sagte immer ‚Gräfferie’, meinte aber wohl ‚Graffiti’. Ich nahm nur Gesprächsfetzen wahr und hielt Ausschau nach meinen Eltern. Plötzlich deutete ein kleines Mädchen auf meine nicht mehr ganz reinen Unterhosen und flüsterte ihrem Vater etwas ins Ohr. Der sprach auch direkt den nächsten Polizisten hinter der Theke an: „Hallo, hallo, sie da Herr Polizist. Schau’n se mal wie der Mann hier rumläuft. Vor Kindern. Ist das der Exebizonist, den sie suchen?“ Nun sah der Polizist mich an. „Exhibitionist - nein, das ist er wohl nicht.“

Aber das konnte ich natürlich erklären: „Die Hose hat mir ihr Kollege oben auf der Toilette abgenommen.“ Dann sah ich meine Eltern.

„Junge, wie läufst du denn herum. Und wie du wieder aussiehst.“ Mein Vater gab mir die Hand, zog seine Windjacke aus und schlang sie mir um die Hüften. „Mein Junge.“ Mutter traten vor Rührung die Tränen in die Augen. „Aber Mutter, du brauchst doch nicht zu weinen. Es is...“ - „Deine Mutter weint nicht, sie hatte gestern in Düsseldorf eine Augenoperation.“ Mein Vater fühlte sich verpflichtet zu erklären. „Wir sind dort eine Nacht im Hotel geblieben und heute Morgen zurückgekehrt. Dann haben wir deinen Wagen in der Einfahrt gesehen. Dass du immer noch diese Schrottlaube fährst. Und die Mauer hast du auch kaputt gefahren. Das wirst du aber bezahlen! Du bist doch versichert?“

Ich war überwältigt. So viel Wiedersehensfreude!

„Du hast in Frankfurt also alles aufgegeben? So mir nichts - dir nichts?“ Mein Vater spielte mit seinem Kaffeelöffel herum. „Und wo willst du jetzt hin? Doch nicht hier zu uns. Wir haben keinen Platz!“ Ich schaute meine Mutter fragend an. Mit der konnte ich eher reden, als mit Vater. Unter ständigen Vorhaltungen schafften wir es schließlich bis hier ins elterliche Wohnzimmer zu gelangen.

„Aber es gibt doch noch mein Zimmer. Ich könnte euch ja auch hier helfen und ...“ - „Dein ‚Helfen’ kennen wir“, unterbrach mich mein Vater barsch. „Wieso haben wir eigentlich so lange nichts von dir gehört? Du hättest ja wenigstens einmal anrufen können oder einen Brief schreiben oder eine Karte.“

Meine Mutter rührte umständlich in ihrer Kaffeetasse herum, stellte diese dann entschieden auf den Tisch und sah mich an: „Dein Zimmer steht nicht mehr zur Verfügung. Da hat sich dein Vater eine Autorennbahn aufgebaut.“

Ich musste lachen. Mein alter Herr und eine Autorennbahn! Mit wem wollte der denn wohl Autorennen fahren?

„Jawohl“, bestätigte mein Vater jetzt stolz. „Eine echte Carrera Bahn. Mit Looping und Kreuzung!“

‚Was für ein kindischer Scheiß’ schoss es mir durch den Kopf. Wohlweislich unterdrückte ich aber meine Worte. „Können wir die nicht abbauen? Oder mein Bett daneben stellen?“ Jetzt kam mir eine geniale Idee: „Und wir fahren dann gegeneinander Rennen, was Paps? Mit wem willst du denn sonst auch fahren? Mit Mama?“

Mein Vater sah mich böse an. „Hermann und ich, wir fahren regelmäßig Rennen.“ Hermann? Meinte mein Vater wirklich Hermann Taubern, den Nachbarn drei Häuser weiter? Ich konnte mir ein Grinsen nicht verkneifen. „Hermann Taubern? Der alte Sack? Lebt der wirklich immer noch? Wie alt ist der inzwischen? Vermutlich auch noch dement und kann ein Rennauto nicht von einem Schaukelpferd unterscheiden.“ Ich musste lachen.

„Hermann ist lediglich zwei Jahre älter als ich und noch sehr gut in Schuss. Kein bisschen dement oder senil. Aber so wie du das sagst, bin ich in deinen Augen also auch ein alter Sack!?“ Mein Vater schaute mich mit hochrotem Kopf wütend an. Den Löffel warf er klirrend auf den Tisch. Dann erhob er sich rasch und verschwand die Treppe hinauf.

„Das hättest du jetzt nicht sagen dürfen, Jonathan“, tadelte mich meine Mutter. „Das wird er dir krumm nehmen. Hermann und dein Vater sind die besten Freunde und auch wenn diese ganze Idee mit der Rennbahn ziemlich kindisch ist, so haben die beiden doch ihre Freude daran.“

Ja sicher. Eine Autorennbahn in meinem Zimmer! Und wo sollte ich schlafen? Jeder dachte nur an sich - nur ich, ich dachte an mich.

„Und was soll nun aus mir werden? Wo soll ich denn unterkommen?“ - „Nun, Jonathan, du bist fast dreißig Jahre alt. Du hattest eine gute Arbeit und wenn du arbeitslos bist, dann suche dir eine neue Stelle. Und eine kleine Wohnung.“

In diesem Moment polterte mein Vater wieder die Treppe herunter. In der einen Hand ein Telefon und in der anderen eine Zeitung. Sich noch halb auf den Stufen befindend, rief er uns entgegen: „So, jetzt habe ich Nägel mit Köpfen gemacht. Hier in der Stadtteilzeitung steht eine wie für dich geschaffene Wohnung. Ein Zimmer, Küche und Bad. Liegt zwar direkt über einem Geschäft aber das steht leer.“ Laut schnaufend ob so viel Anstrengung, ließ er sich in seinen Sessel fallen. „Meine Rennbahn bleibt auf jeden Fall stehen!“

„Eine Wohnung?“ Ich klang sicherlich nicht gerade begeistert. Da musste ich ja alles wieder allein machen: kochen, waschen, putzen, und so weiter. Vielleicht auch wieder arbeiten gehen, obwohl ich mir doch wahrlich jetzt eine kleine Auszeit verdient hatte? „Eine Wohnung“, wiederholte ich, „wo soll das denn sein? Und wie soll ich das bezahlen?“ Nein, das würde nun wirklich nicht gehen. „Ich habe ja gar kein Geld.“ Genau, das war die Lösung. Ruhig so tun als ob und dann den Vermieter mit fehlendem Geld und meiner Arbeitslosigkeit vergraulen. Und außerdem war es ja mehr als schwierig, in meinem Beruf wieder Arbeit zu finden. Das versuchte ich in Frankfurt ja lange genug. Ich wurde wieder zuversichtlicher.

„Na, Paps, wenn du dir schon die Mühe gemacht hast, rufe ich da natürlich einmal an.“ Ein Grinsen konnte ich mir nicht verkneifen. „Bestimmt bekomme ich ja die Wohnung, wenn ich erst einmal mit dem Vermieter gesprochen habe.“

Mein Vater sah mich aus zusammengekniffenen Augen an. Ahnte er, warum ich auf einmal so zugänglich war? Egal, ich sah mich jedenfalls schon diese dämliche Rennbahn abbauen und in Kisten verstauen. Das war doch schließlich mein Zimmer - oder?

„Schön, dass du so einsichtig bist und dir die Idee gefällt, Jonathan. Ich habe mir alles auch schon gut überlegt. Also pass auf! Aber das Beste ist: Ich habe mal wieder alles für dich geregelt und den Vermieter eben schon angerufen. Und wie der Zufall es so will, handelt es sich um einen Bekannten von Hermann. Ja, wie klein doch die Welt ist. Und, lieber Jonathan, du wirst es nicht glauben: Heute Nachmittag treffen wir uns bei der Wohnung und du kannst die Schlüssel übernehmen. Schon heute Abend nächtigst du in deinen eigenen vier Wänden.“ Vater lachte leise und fügte dann überflüssigerweise noch hinzu: „Und nicht wieder im Gefängnis.“

Jetzt aber mischte sich Mutter ein und hätte ihr für die Worte fast um den Hals fallen können: „Aber Walterchen“, sie nannte meinen Vater immer ‚Walterchen’ oder auch schon einmal ‚Walt’, immer ausgesprochen wie ‚Woohlt’, was den alten Herrn regelmäßig zur Weißglut trieb.

Ich zog meine Gedanken des Umarmen - Wollens meiner Mutter zurück und schaute sie stattdessen böse an. Aber Mutter konnte ihren Redefluss jetzt nicht mehr stoppen; sie meinte es ja nur gut: „Findest du nicht, dass das doch ein wenig zu schnell geht? Der arme Junge ist doch gerade erst hier angekommen und muss sich noch ausruhen.“ - „Papperlapapp!“ Vaters roter Kopf signalisierte Gefahr. „Rede nicht so einen Blödsinn, Frieda. Dein ‚ach so armer’ Junge ist alt genug, für sich selbst zu sorgen. Da er wohl alle seine Habseligkeiten im Auto spazieren fährt, kann er auch genauso gut heute in seine neue Wohnung ziehen. Der Mietvertrag wird unterschreiben und damit basta! Ja, er kann sogar noch die alte Luftmatratze haben.“ Mutter zeigte sich eingeschüchtert. „Die Blaue?“ - „Ja, genau die!“ - „Die hatte ich doch immer am See dabei.“ - Das stimmt, Frieda. Aber das ist nun auch schon zwanzig Jahre her.“ - „Da hast du auch wieder recht, Walterchen. Ja gut, dann soll der Junge meine Luftmatratze haben. Er muss aber sorgsam damit umgehen.“

Vater rieb sich die Hände. Hier hatte ich nichts mehr zu sagen. Und wenn ich nun einfach den Mietvertrag nicht unterschreiben würde? Genau. Ich erinnerte mich an die Kriminalbeamtin: Meine letzte Chance. So war das auch hier. Einfach hinfahren, nicht unterschreiben und dann hierhin zurück. Diese Autorennbahn abzubauen, wäre doch bestimmt ein Klacks. Und im Notfall könnte ich dann sogar in meinem Zimmer auf der ‚blauen’ Luftmatratze schlafen. Perfekt.

„Gut, dann fährst du nachher dahin. Mutter und ich brechen nämlich genau zu dem Zeitpunkt auch auf. Wir machen eine Woche Urlaub in der Eifel.“

Mutter sah meinen Vater überrascht an: „Aber Walterchen, davon habe ich ja gar nichts gewusst. Ich muss dann ja noch packen und ...“ ‚Walterchen’ rieb sich erneut vergnügt die Hände und schaute mich mit einem Grinsen unverwandt an, während er sprach. „Ja, Frieda. Das sollte auch eine Überraschung sein. Ein paar Tage Erholung tun auch dir gut - nach deiner Augenoperation!“

Oh, Mann. Der alte Herr schien mich durchschaut zu haben. Eigentlich wie immer. Es war mir noch nie so recht gelungen, ihm etwas vorzumachen. Das fing schon im zarten Kindesalter mit fünf Jahren an, als ich das zweijährige Nachbarskind für die zerschossene Fensterscheibe verantwortlich machen wollte. Auch damals durchschaute er mich schon schnellstens.

„So, Jonathan, hier hast du die Adresse. Im Herzen Rheydts. Eine ruhige Nebenstraße. Wunderbare Lage. Und Morgen, natürlich in aller Frühe, meldest du dich auf dem Arbeitsamt. Sonst stehst du nämlich bald ohne Geld da. Die erste Miete und die Kaution werde ich dem Vermieter überweisen, das ist schon geklärt. Das Geld zahlst du mir natürlich zurück! Meinetwegen auch in Raten.“

Ja, hurra! Mitten in Rheydt. Ich hasste diese Stadt wie die Pest. Auch recht schön weit weg von meinen Eltern. Mit Schaudern dachte ich an meinen letzten Besuch in der Innenstadt, auch wenn der schon viele Jahre zurücklag: Lärm, Autos noch und nöcher, Gestank und Abgase und überall diese hektischen Personen, die wie rastlose Ameisen ihren Shopping - Erlebnissen hinterherhechelten. Leere Geschäfte, eine mehr als verkorkste Verkehrsplanung und viel zu viele Menschen aller Couleur.

Aber: gab es denn für mich eine Alternative? Meinen Plan hier in mein Jugendzimmer zurückzukehren, wusste mein Vater ja blitzgescheit zu vereiteln. Mir fielen keine Argumente mehr ein, die die beiden vielleicht doch noch überzeugen würden, ihren einzigen Sohn im Haus zu behalten.

Seufzend fügte ich mich in mein Schicksal.

„Noch eine Tasse Kaffee, mein Junge?“

III.

All das schoss mir durch den Kopf, als ich mit diesen hämmernden Schmerzen meinem Nachtschränkchen näherkam. Gleich würde ich es diesem Muskelmann zeigen! Mich einfach hier nach Hause zu bringen und sich dann von mir auch noch verführen lassen! Was war eigentlich in mich gefahren? Tequila. Nie wieder dieses Gesöff!

Ich öffnete die Schublade und da lag sie: Meine Pistole. Schwer, mit Metallschlitten und - darauf legte ich Wert - immer geladen. Schussbereit sozusagen. Natürlich nur zur Abschreckung, aber mir würde kein Verbrecher komisch kommen. Und kein schwuler Lover. Mein Lover. Oh mein Gott. Ich stöhnte auf.

„Alles in Ordnung, Jonathan?“, hörte ich seine tiefe Stimme hinter mir. Schon lag die Waffe in meiner Hand und ich drehte mich um. Zwar in Zeitlupe - wegen der Kopfschmerzen - aber immerhin. „Bleib stehen, du - Bernd.“

Der Nackte grinste mich an. „Ah, eine ASG CZ75D Compact. Mit Metallschlitten. Klasse Replikat. Warte mal - ja, ich erinnere mich: Sechs Millimeter Softair, Magazin sechzehn Schuss mit Kohlendioxydkapsel. Da kann man schon ein wenig mit üben. Ist das die Version ab zwölf Jahren?“

Scheiße, Bernd schien sich auszukennen. Nur bei der Version ab zwölf ... „Nein, das ist die ab achtzehn! Und jetzt verschwinde, bevor ich dir ‚ne Kugel auf den Pelz brenne.“ Das kannte ich aus Detektivfilmen. Klang gut und selbstbewusst. Bernd wedelte mit seiner linken Hand: „Schau mal.“ Dann stand er plötzlich mit meiner Pistole in der Hand da. „Hier, Jonathan, dieser Hebel. Zum Schießen musst du die Waffe erst entsichern.“ Ich schaute ihn verdutzt an. Wie machte er das nun wieder? „Außerdem“, und sein Ton wurde jetzt ernst und eindringlich, „solltest du niemals jemanden mit einer Waffe bedrohen. Und schon gar nicht mit so einem Spielzeug.“ Bernd setzte sich auf meine Bettkante, warf die Pistole achtlos hinter sich und bedeutete mir, mich neben ihn zu setzen. Ich achtete auf Abstand.

„Du willst Privatdetektiv sein, Jonathan. Und so, wie ich deinen gestrigen wirren Erzählungen entnehmen konnte, hast du auf gut Glück einfach mal ein Gewerbe eröffnet. Wann war das - ach ja, vor zirka einem halben Jahr. Und bisher hattest du wohl auch nicht allzu viel zu tun.“ Ich dachte an die Unterstützung vom Arbeitsamt und von meinen Eltern, an meinen ersten Fall und nickte leicht.

„Aber was du da machst, ist kein Spiel. Das kann schnell ins Auge gehen. Und mit Erbsenpistolen oder solchen Softair Waffen Menschen zu bedrohen, kann gefährlich werden. Besonders, wenn diese Menschen mit scharfen Waffen zurückschießen. Glaube mir, ich weiß wovon ich rede!“

Irgendwie kam ich mir klein und zusammengesunken vor. Meine Kopfschmerzen hämmerten mich noch zusätzlich in den Boden. Kleinlaut nickte ich: „Du kennst dich aber aus ...“

Bernd sah mich Häuflein Elend an. „Ich arbeite ja auch als Bodyguard. Zurzeit habe ich einen Auftrag in Köln. Personenschutz, ab morgen. Du kennst doch Rihanna, oder?“

Ich staunte. Plötzlich sah ich Bernd in einem ganz anderen Licht. Deswegen die Muskelberge, die sicheren Bewegungen. Und den wollte ich mit meiner Softairpistole beeindrucken? Gut, dass er so ein ruhiger und ausgeglichener Typ war.

„Ich gebe dir einen Tipp, Jonathan: Gehe in einen Kursus für Selbstverteidigung. So ein Training stärkt dein Selbstbewusstsein und deinen Körper.“ Er legte eine kleine Visitenkarte auf meinen Nachttisch.

„Geh’ da mal hin. Und mach dir wegen gestern keine Gedanken. Ich habe kapiert. Du bist nicht homosexuell, warst nur besoffen und willst mich jetzt einfach nur schnell loswerden. Und dann das Ganze vergessen. Gut. Keine Angst, ich werde niemandem von deinem kleinen Fehltritt erzählen. Du kannst dich auf mich verlassen. Lege dich einfach noch etwas hin, ich dusche schnell und bevor ich gehe, bringe ich dir noch ein Glas Wasser und eine Kopfschmerztablette.“

„Zwei bitte.“ Mir war so elend.

Als ich erwachte, sah ich als erstes das Glas Wasser und zwei Kopfschmerztabletten. Ich musste wohl eingeschlafen sein, als Bernd zum Duschen ging.

Mein Kopf fühlte sich seltsam leer an - aber die Schmerzen waren fort. Ein Blick auf die Uhr belehrte mich, dass es keinen Sinn mehr machen würde, heute noch ins Büro zu gehen. Siebzehn Uhr. Scheiße. Da konnte ich mich schon einmal auf eine satte Auseinandersetzung mit Christine freuen.

Umso mehr freudig überrascht war ich dann, als ich in der Küche den reichlich gedeckten Frühstückstisch sah. Bernd würde bestimmt eine gute Ehefrau abgeben ... Sofort schalt ich mich wegen dieses Gedankens. Aber sogar der Kaffee in der Warmhaltekanne ließ sich noch genießen.

Mir gingen die Worte Bernds nicht aus dem Kopf. Ja, er hatte Recht. Nachdenklich schaute ich auf die kleine Karte in meiner Hand. Vielleicht würde ich die noch brauchen. Sorgfältig steckte ich die Visitenkarte ein. Ich musste es zwangsläufig zugeben: die Idee mit der Detektei und die Gewerbeanmeldung war übereilt gewesen. Mir fehlte jegliche Ahnung und Erfahrung. Und von Erfolg konnte schon gar keine Rede sein. Hätten meine Eltern nicht ordentlich etwas dazu gezahlt und würde Christine nicht für kaum mehr als einen warmen Händedruck und ein - zugegebenermaßen - herzliches Dankeschön arbeiten, dann wäre mein Laden schon lange wieder dicht. Inzwischen häufte sich ein ordentlicher Berg Schulden an.

Dabei fing doch zunächst alles mit so viel Enthusiasmus an ...

IV.

Die Übernahme der Wohnung ging reibungslos über die Bühne. Der Vermieter schaute mich zwar zweifelnd an, sagte aber nichts.

Dann stand ich in dem leeren Raum.

Neben der Luftmatratze nötigten mir meine Eltern auch noch ein paar Decken auf und letztendlich drückte mir meine Mutter noch fünfzig Euro in die Hand. Mein Vater hatte nur jede Menge guter Ratschläge für mich.

Seufzend machte ich mich daran, mein Lager für die Nacht vorzubereiten. Wie sich allerdings nach langem Pusten herausstellte, war die Luftmatratze kaputt und ich musste meine erste Nacht in der Wohnung quasi auf dem harten Boden verbringen. Mir taten alle Knochen weh.

Dafür hatte ich das Glück, dass es unten an der Straßenecke ein Café gab. Ein reichhaltiges Frühstück entschädigte mich dort für die letzte Nacht.

Beim Arbeitsamt winkte man wie gewohnt ab. Ob ich nicht daran interessiert wäre, zunächst für vierhundert Euro bei einer Waschstraße anzufangen? Nein? Aha, faul ist er auch noch.

Kaum wieder zu Hause angekommen, klingelte es auch schon an meiner Wohnungstür. Wer könnte das jetzt sein? Niemand, außer meinem Vermieter und meinen Eltern, wusste doch, dass ich hier wohnte. Und richtig, da standen sie: meine Eltern.

„Junge, wo warst du denn so lange? Deine Mutter und ich versuchen nun schon seit Stunden dich zu erreichen. Wo treibst du dich denn wieder herum?“ - „Beim Arbeitsamt.“ - „Und das dauert so lange? Na ja. Und hast du jetzt Arbeit?“ - „Nein ...“

Ich schaute meinen Vater provozierend an: „Ich dachte, ihr wolltet in Urlaub fahren. Was macht ihr dann hier?“ Jetzt hatte ich ihn. Ich war gespannt, wie mein alter Herr sich jetzt aus der Affäre ziehen wollte. Meine Mutter sah sich derweil in meiner Wohnung um und ob der Leere oder des Dreckes hörte ich im Hintergrund hin und wieder ein ‚Ach, wie das hier aussieht. Oh, Junge ...’

Hallo, ihr wisst doch wohl noch, dass ich erst gestern hier eingezogen bin?

„Wir mussten unsere Pläne ändern. Für dich! Erst sollst du in Lohn und Brot kommen, dann finden deine Mutter und ich wieder ein wenig Ruhe.“ Und im Hintergrund Mutter wieder: „Nein, was für ein Dreck. Nicht einmal die Fenster sind geputzt.“

Aber mein Vater ließ sich nicht beirren: „Also, ich habe da schon etwas angeleiert. Komm’ Samstag zum Abendessen zu uns.“ - „Worum dreht es sich denn?“ Wenn mein Vater etwas ‚anleierte’, galt es auf der Hut zu sein. „Nun, lieber Sohn, das soll eine Überraschung werden. Nur so viel: es geht um deine Arbeit.“ Dann wandte er sich meiner Mutter zu, die in der kleinen Küche stand und vor sich hinmurmelte: ‚der Junge muss hier unbedingt putzen’.

„Frieda, komm wir gehen. Jonathan wird bestimmt noch genug zu tun haben.“ Meine Mutter sah mich an: „Jonathan, du musst hier unbedingt putzen. Wie kannst du nur in diesem Schmutz leben? Und warum hast du deine Luftmatratze nicht aufgepumpt? Bist du dazu auch schon zu bequem?“

Bevor ich noch etwas erwidern konnte, rauschten die beiden die Treppe herab. Na, das fing ja gut an. Ich sollte mir einen Plan zurechtlegen, was ich alles noch erledigen musste. Zunächst brauchte ich ein Bett, Putzsachen und mein Handy.

Mir graute schon vor Samstag.

Der Samstagabend kam schneller, als erwartet. Mittlerweile hatte ich meine Wohnung ein wenig eingerichtet; einige gebrauchte Möbel mussten für den Anfang genügen. Meine Bank räumte mir schweren Herzens einen Kleinkredit ein. Allerdings war der sehr klein.

Lustlos putzte ich die Wohnung. Besonders die Fenster waren stark verschmutzt. Jetzt konnte man wenigstens wieder hindurchblicken.

Mein Handy fand ich zwischen einigen alten Socken. Endlich konnte ich auch telefonisch wieder erreicht werden. Das Leben normalisierte sich!

Bis meine Eltern mich am Samstag in das nächste Chaos stürzten.

Diesmal bekam ich keine Chance, die Mauer an unserer Einfahrt zu tranchieren: die Einfahrt stand mit einem dieser übergroßen Geländewagen voll. ‚Protzkarre’ dachte ich verächtlich. Da kompensierte wieder jemand die fehlende Größe seines Geschlechtsteiles mit gekauftem Blech. Na, oder vielleicht war der Wagen ja auch geleast. Da es sich eindeutig nicht um das Fahrzeug meiner Eltern handeln konnte - die parkten ja sowieso immer in der Garage und fuhren aus Sparsamkeitsgründen eher einen Kleinwagen - fragte ich mich, wer heute Abend bei dem Essen dabei sein würde. Was planten meine Eltern jetzt schon wieder zur angeblichen Rettung ihres einzigen Sohnes?

Während ich also noch in der Einfahrt stand, mit meinem Fahrzeugschlüssel so in der Hand herumspielte und ernsthaft überlegte, dieser Protzkarre einen feinen Seitenstreifen zu verpassen, öffnete sich auch schon die Haustür und mein Vater winkte mir. „Jonathan, willst du den ganzen Abend da stehen und diesen schicken Wagen bewundern? Ja, Junge, da musst du ein wenig sparen und dann kannst du dir auch so ein schönes Teil leisten. Und jetzt komm’ endlich herein, wir wollen gleich essen.“

„Wen habt ihr denn da zu Besuch?“ Ich sprach gedämpft, während mich meine Mutter umarmte. Meine Neugier musste ja nicht jeder mitbekommen. „Überraschung, Jonathan. Komm ins Wohnzimmer.“

Da saßen sie. Wie die Hühner auf der Stange. Ein älterer Herr mit einem weißen Vollbart, weißen Haaren und einem in die Jahre gekommenen Anzug in braun. Daneben ein etwas schwabbeliger Mittdreißiger in Sakko und Krawatte, beides fein aufeinander abgestimmt. Soweit eine rote Krawatte zum grünen Sakko passt. Unwillkürlich drängte sich mir der Begriff ‚Jägersmann’ auf.

Der Jüngere kam mir irgendwie bekannt vor; jedoch wollte mir partout nichts zu ihm einfallen. So schaute ich die beiden auch recht verständnislos an.

„Junge, schau’ doch nicht so belämmert! Das sind die Pötings. Die Albert Pötings.“

Aha. Die Albert Pötings also. Wer aber waren die Albert Pötings? Gut, dass mein Vater mir erneut auf die Sprünge half: „Du warst mit Albert zusammen in der Schule. Ja Junge, erinnerst du dich denn nicht?“ Ein leichter Schlag auf meinen Hinterkopf sollte mein Erinnerungsvermögen aktivieren.

Und wirklich, da war es wieder: Albert Pöting. Ein kleiner, dicker Streber. Den musste ich ab der Grundschule bis zum Abitur ertragen. Und das teilweise auch noch als mein Tischnachbar. Wo hatte Vater den denn ausgegraben? Und dann auch direkt mit Verstärkung? Albert und Albert. Vater und Sohn. Pat und Patachon. Dick und Doof. Was fiel mir an Nettigkeiten noch ein? Hatten wir für Albert auf dem Schulhof nicht immer den Spruch parat gehabt: ‚Pöting, Pöting, wir hau ‚n dir auf die Klöten’? Ob ich das jetzt hier mal loswerden sollte? Ein Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. Beide Pötings nickten. Ja, wir erkannten uns wieder.

„Albert ist Polizist.“ Mein Vater war kaum zu verstehen, da er mit vollem Mund sprach. Schon stopfte er wieder Kartoffelsalat nach. Aber Pöting Junior kam ihm zu Hilfe: „Kriminalkommissar, Jonathan. Kriminalkommissar. Hier in unserem schönen Mönchengladbach.“ Und auch er schaufelte sich ordentlich Kartoffelsalat in den Mund. Seit meiner Kindheit hasste ich Kartoffelsalat. Und die Steigerung davon: Kartoffelsalat mit Brühwurst. So saß ich dann auch vor einem leeren Teller. „Junge, du isst ja gar nichts! Hast wohl vorher wieder dieses neumodische Zeugs gegessen - wie hieß das doch gleich, Walterchen?“ ‚Walterchen’ spuckte beim Sprechen einige Kartoffeln und Gurkenstücke auf die Tischdecke „Pzzla.“ - „Was, Walterchen?“ - „Pizza.“ - „Ja, genau Pizza. Oder diese Börger.“

Ich schüttelte den Kopf.

„Kriminalkommissar. Hier in Gladbach.“ Ja, fing der Pöting denn schon wieder damit an? Bisher war mir immer noch schleierhaft, um was es heute Abend überhaupt ging. Also gut, soviel wusste ich: um mich und eine Arbeit für mich. Ich dachte an mein Erlebnis auf der Polizeiwache und die desillusionierte Kriminalkommissarin und schaute Albert Junior genervt an. „Muss ich jetzt ‚Herr Kriminalkommissar’ zu dir sagen?“ - „Nein, nein Jonathan. Du kannst mich ruhig Albert nennen. Aber zu der Idee, die dein Vater und ich ...“ Albert Junior wurde von seinem Vater unterbrochen. „Herr Lärpers und ich, Albert. Herr Lärpers und ich!“ Überraschenderweise sprach Albert Senior mit leerem Mund.

„Also, ja. Die Idee, die die beiden haben, zu der kannste ‚Sie’ sagen. Wir werden ...“ Jetzt unterbrach ihn mein Vater: „Das besprechen wir lieber in aller Ruhe nach dem Essen. Soviel Zeit muss sein. Eine Entscheidung dieser Tragweite kann nicht mit vollem Mund getroffen werden!“ Und er tunkte ein Stück Brühwurst in den reichlich auf seinem Teller verteilten Senf, schlabberte davon ein wenig auf sein Hemd und sah mich zufrieden schmatzend an. „Wir haben die ideale Lösung für dich.“

Ja, prima. Ich sehnte mich nach Frankfurt zurück. Zurück in mein eigenes Leben. Welcher Teufel hatte mich geritten, zu denken ich könnte hier wieder einziehen, ein problemloses Leben führen und mir in aller Ruhe einen guten Job suchen?

„Und nach der Besprechung zeig’ ich euch allen mal meine Carrerabahn.“

Mir wurde schlecht.

„So, Junge, was denkst du dir denn, weswegen wir hier sitzen?“ Mein Vater und seine ‚beliebten’ Ratespiele. Er und Pöting Senior saßen Albert Junior und mir gegenüber und genossen einen übergroßen Cognac. Mutter war nach dem Essen stracks in die Küche geeilt. Hier sollte schließlich ein Männergespräch stattfinden.

Den Cognac bot mein Vater uns gar nicht erst an: ‚Ihr müsst ja noch fahren!’

Jetzt hob er theatralisch die Arme. „Ich habe es ja schon angedeutet, es geht um deine Zukunft. Um deine Arbeit. Um einen Job. Nicht auf der Straße herumlungern und deinen Eltern auf der Tasche liegen sollst du. Nein! Ich habe mir - und das kann ich mit Stolz sagen - etwas ganz Tolles überlegt.“ Pöting Senior räusperte sich. Schnell ergänzte mein Vater: „Ja, also, Herr Pöting und ich, meine ich natürlich.“ Mein Vater holte tief Luft und trank einen riesigen Schluck Cognac.

„Mein lieber Sohn! Wir haben uns etwas für dich überlegt.“

Ja, das kapierte selbst ich mittlerweile. Aber was?

„Dass Albert Kriminalkommissar ist, hast du ja inzwischen mitbekommen. Nun, den Herrn Pöting kenne ich aus dem Kaninchenzüchter - Verein.“

Wen nun? Pöting Junior oder Senior. Ich schwieg. Jetzt bloß meinen Vater nicht unterbrechen. Das konnte böse Folgen haben. Aber da nahte das Unheil schon in Form eines Zwischenrufes meiner Mutter aus der Küche: „Walterchen, erzähl’ dem Jungen doch einmal, dass du Herrn Pöting vom Kaninchenzüchter - Verein her kennst.“ - „Habe ich schon, Frieda. Und jetzt stör’ uns Männer hier mal nicht.“ Wieder nahm er einen ordentlichen Schluck zu sich. Rührte sein roter Kopf jetzt von der Wut oder vom Alkohol her?

„So, wo war ich stehengeblieben? Ach ja, also Herr Pöting und ich kennen uns vom Verein her. Vom Kaninchenzüchter - Verein! Und der Albert, sein Sohn, ist Kriminalkommissar. Noch einen Schluck, Herr Pöting?“ Großzügig schenkte mein Vater nach. Albert Junior grinste mich dümmlich an und machte das ‚Daumen hoch’ - Zeichen.

Ja, verdammt, worum ging es denn nun? Ich zwang mich, Ruhe zu bewahren. Jetzt drang wieder Mutters Stimme aus der Küche: „Hast du dem Jungen schon gesagt, dass er ein Detektivbüro eröffnen wird?“

Mein Vater sprang mit hochrotem Kopf auf und warf dabei sein Cognacglas um. „Das wollte ich gerade. Wenn du uns nicht immer unterbrechen würdest! Außerdem sollte das meine Überraschung für den Jungen sein. Das hast du mir nun gründlich versaut!“ Er setzte sich wieder und versuchte den verschütteten Cognac mit dem Handrücken zurück ins Glas zu befördern. „Jetzt schau einmal, was du angerichtet hast!“ Dann schenkte er sich nach und nahm erneut einen tiefen Schluck. Sein Blick, schon ein wenig glasig, richtete sich auf mich.

„Also, gleich Montag wirst du dich selbständig machen. Die Pötings und ich haben alles besprochen. Es herrscht großer Bedarf an Detektiven in dieser Stadt und damit hast du eine gesicherte Zukunft. Das Lokal unter deiner Wohnung wird dein Büro. Ich habe schon mit deinem Vermieter gesprochen, der Mietvertrag wird erweitert. Deine Mutter“, dabei warf mein Vater einen bösen Blick Richtung Küche, „und ich werden dich die erste Zeit natürlich finanziell unterstützen. Beziehungsweise dir helfen. Ich habe schon mit deiner Bank gesprochen, dein Kleinkredit wird erweitert. Du brauchst später, wenn der Laden gut läuft, lediglich alles zurück zu zahlen. Nun, was sagt du?“

Ich war baff. Nicht, dass ich keinerlei Ahnung von der Materie hatte und hier einfach so überrannt wurde. Nein, ich wurde gefragt, was ich dazu sage? Das schien mir einmal etwas ganz Neues. Aber wieso konnte mein Vater so mir nichts dir nichts über meine Finanzen informiert sein? Gab es denn kein Bankgeheimnis hier? „Ich habe do...“

„Sag’ nichts, Sohn. Wir haben uns das alles sehr gut überlegt. Danken kannst du mir später.“

Wieder räusperte sich Pöting Senior vernehmlich.

„Uns natürlich. Also, morgen wirst du direkt deinen Laden putzen und in Schuss bringen.“

Morgen, am Sonntag? Mein Vater verlor sich in Details. Eifrig nickend unterstützten ihn die Albert Pötings. Selbst von einer Sekretärin war da die Rede. Sie hatten natürlich auch schon jemanden ausgesucht. Nette, kleine Studentin, die sich etwas dazu verdienen musste. Und Möbel, ja Möbel für das Büro könnte ich da und dort günstig gebraucht erhalten. Und bei kriminaltechnischen Fragen stünde mir Pöting Junior jederzeit zur Verfügung. Nur nicht, wenn er arbeiten müsste oder in seiner Freizeit. Aber sonst fast immer. Ich könnte bei Bedarf ja dann einen Termin machen.

Welch rosige Zeiten!

Als Mutter dann mit einem Schokoladenkuchen das Wohnzimmer betrat, war der Jubel groß. Bei allen. Nur nicht bei mir.

Später dann, in meiner kleinen Einzimmerwohnung, auf meinem breiten Bett, günstig gebraucht gekauft und mit einigen Macken versehen, tröstete mich der Rest meines Weinbrandes. Auf was hatte ich mich da wieder eingelassen? Also eher einlassen müssen? Sollte ich vielleicht einfach meine paar Sachen packen und verschwinden? Aber wohin? Außerdem richtete ich mich hier gerade ein wenig häuslich ein. Und meine Eltern meinten es ja nur gut.