Reise - Begleitung - Jürgen H. Ruhr - E-Book

Reise - Begleitung E-Book

Jürgen H. Ruhr

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Beschreibung

Das neue Abenteuer Jonathan Lärpers führt den beliebten Privatdetektiv in die Karibik. Nach zwei kleineren Aufträgen in Mönchengladbach, die er seiner Meinung nach mit Bravour löst, muss er mit seiner Kollegin Birgit Zickler eine ältliche Gräfin als Reisebegleitung auf einem Kreuzfahrtschiff betreuen. Dass Jonathan dabei lediglich im Hintergrund agieren soll und er seinen Aufenthalt an Bord als Barkeeper tarnen muss, kommt dem Detektiv und Bodyguard sehr entgegen. Leider verpasst er bei einem Zwischenstopp auf Gibraltar die Abfahrt des Schiffes und muss sich anschließend über Marokko nach Teneriffa durchschlagen. Bei herrlichem Wetter, ruhiger See und entspannter Atmosphäre an Bord verspricht dieser Job das zu werden, was Jonathan sich erhofft hat: Ein kostenloser Karibikurlaub auf einem der schönsten Kreuzfahrtschiffe Europas. Wären da nur nicht die Piraten, die sich plötzlich an Bord befinden und den Traum von einem ruhigen Urlaub jäh platzen lassen ...

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Seitenzahl: 866

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Jürgen H. Ruhr

Reise - Begleitung

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

-

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

XXII.

XXIII.

XXIV.

XXV.

XXVI.

XXVII.

Epilog

Über den Autor

Impressum neobooks

-

Reise - Begleitung

Thriller

Buch 4 der JL Reihe

© by Jürgen H. Ruhr

Mönchengladbach

[email protected]

ISBN: 978-3-7380-9218-9

2. überarbeitete Ausgabe

Bisher in der JL Reihe erschienene Titel:

(1) Kokain-Hotel        (auch als Taschenbuch erhältlich)

(2) Personen-Schutz     (auch als Taschenbuch erhältlich)

(3) Undercover-Auftrag (auch als Taschenbuch erhältlich)

(4) Reise-Begleitung (auch als Taschenbuch erhältlich)

 Die Personen dieser Geschichte

     sind frei erfunden.

    Irgendwelche Bezüge

           zu

     irgendeiner Realität

     wären rein zufällig!

I.

Der erste Tag im Jahr, an dem es endlich einmal wirklich warm war. Gut, gestern war es auch schön warm. Und Vorgestern. Aber Vorgestern nicht so warm wie gestern. Und gestern nicht so warm wie heute. Herrlich warm.

Genau das richtige Wetter für einen Schwimmbadbesuch. Der Betreiber hatte das Bad pünktlich beim ersten warmen Sonnenstrahl geöffnet und die wasserhungrigen Besucher in Scharen eingelassen. Wunderbar. Kühles Nass auf erhitzter Haut. Ich schaute auf das Thermometer in meinem Wagen: Zweiundvierzig Grad Celsius. Wunderbar. Jedenfalls wenn ich jetzt ebenfalls in die Fluten springen könnte. Was aber leider nicht ging. Seit zwei Tagen stand ich nun von morgens neun Uhr bis abends neun Uhr hier vor dem Volksbad und beobachtete den Eingang. Denn ich musste arbeiten. Konnte mich leider nicht im kühlen Nass vergnügen - so wie die Person, die ich beschattete und an der ich nun seit gut einer Woche dran war.

Bernd hatte für mich wieder einmal einen dieser ‚super wichtigen’ Aufträge angenommen: Beobachtung einer Person, männlich, wegen des Verdachts der ehelichen Untreue. In Auftrag gegeben von seiner - vermutlich noch - Ehefrau. Die ersten Tage zeigte der Job sich ja ganz erträglich. Meine Zielperson verhielt sich unauffällig, fuhr hier- und dorthin und verursachte mir keinen allzu großen Aufwand. Dann aber änderte sich die Situation schlagartig: Mit dem Aufkommen der ersten Sonnenstrahlen zog es ihn in unser Volksbad. Und das schon in aller Frühe. Und so sitze ich jetzt seit zwei Tagen hier in der Hitze und beobachte den Eingang des Bades. Aber was treibt der Mann da drinnen? Trifft er sich dort mit seiner Freundin? Oder seinen Freundinnen? Mir gefiel der Plural besonders, denn so würden sich meine schweißtreibenden Ermittlungen umso mehr lohnen.

Nun ja, die letzten Tage kam er immer wieder alleine aus dem Schwimmbad. Oder war vorher alleine in der Stadt herumgegangen. Immer alleine. Aber ich würde ihn noch erwischen, denn nicht umsonst saß ich hier mit meiner Digital Single Lens Reflex Kamera, kurz DSLR, schussbereit auf dem Schoß. Doch bis jetzt konnte ich noch kein einziges Foto machen und meinen Auftrag damit erfolgreich beenden. Nichts. Nada. Niente.

Holger Hewa hieß der Kerl, kurz HH. So wie Hansestadt Hamburg. Die mit dem Rotlicht. Also der Reeperbahn. Na, wenn da nicht der Name schon alles sagte. Allerdings hieß seine Frau auch HH - jetzt nicht Holger mit Vornamen, sondern Heike. Aber mit Nachnamen ebenfalls Hewa und das ergab ja wiederum HH. Ich glaubte aber nicht, dass das irgendetwas zu bedeuten hatte.

Das Thermometer kletterte auf über siebenundvierzig Grad und der ganze Nachmittag stand mir noch bevor. Im Wetterbericht sprachen sie davon, dass dies der heißeste Tag des Jahres sein würde. Bisher jedenfalls. Aber so etwas war ja bei dem kalten und nassen Frühling nicht besonders schwer. Wenn ich mich nur nicht auf der falschen Seite des Schwimmbadzauns befinden würde!

Laut meinen Unterlagen war Holger ein sportlicher, schlanker Typ. Knapp ein Meter zweiundachtzig groß, gepflegt und seine dunkelbraunen Haare in einem modischen Kurzhaarschnitt tragend.

Die Unterlagen stimmten. Der Mann sah exakt wie ein Model aus einem Versandkatalog aus. Kein Wunder, dass er sich ständig mit anderen Frauen herumtrieb. Wie mochte seine eigene aussehen? Helga. Vermutlich eher der rustikale Typ, Marke ‚Hummelhüfte’, nicht Wespentaille. Ich lachte leise vor mich hin. Bei so einer Frau würde ich mein Glück auch anderweitig versuchen. Oder Helga sah vielleicht doch noch ganz anders aus - ich hatte sie ja nicht kennengelernt. Schließlich war es ja Bernd, mein Chef, der den Auftrag höchst persönlich angenommen hatte.

Und natürlich die Zicke, also Birgit Zickler, unsere Sekretärin, die mir die Unterlagen dann brühwarm und mit einem süffisanten Lächeln überbrachte. „Schau hier, großer Johni, was ich für unseren Superdetektiven habe.“ Grinsend stand sie in der Tür zu meinem Büro, natürlich ohne anzuklopfen, und wedelte mit einer Mappe herum. „Jetzt kannst du wieder einmal zeigen, was in dir steckt!“ - „Leg’s da hin“, meinte ich nur müde und zeigte auf meinen Schreibtisch. Aber den Gefallen tat mir die ‚Zicke’ nicht. Sie schüttelte den Kopf mit den bunt gefärbten Haaren: „Sag’ erst ‚Bitte’.“ - „Birgit, du bist meine Sekretärin, also lass’ den Scheiß und leg’ die Akte einfach auf meinen Schreibtisch.“ Wo käme ich denn hin, wenn ich auch noch ‚Bitte’ sagen würde?

Aber die Zicke drehte sich wieder um und stapfte davon - mit der Akte in der Hand. Im Flur hörte ich sie noch rufen: „Gut, dann informiere ich Bernd darüber, dass du an dem Job kein Interesse hast.“

Nun ist es ja nicht so, als könnten mich diese Worte schrecken. Bernd war schließlich mein Freund. Aber um was für einen Auftrag handelte es sich überhaupt? Vielleicht wieder einer von dem Oberstaatsanwalt Eberson. Eberson, der uns von Zeit zu Zeit Aufträge erteilte, die hart am Rand der Legalität lagen. Gefährliche Aufträge. Aufträge, für die ein Jonathan Lärpers wie geschaffen war. Als Tarnung für diese Operationen hatten wir extra das Detektivbüro hier gegründet. ‚Argus’, so wie das Auge. Und jetzt verschwand die Zicke gerade wieder mit dem so wichtigen Auftrag?

Keine zwei Sekunden stand ich hinter ihr und riss den Ordner an mich. So nicht, Fräulein! Ich drehte mich wortlos um und ging wieder zu meinem Büro.

„Johni?“ Warum konnte sie mich nicht wie alle anderen Jonathan oder - wie ich es wollte, aber niemand tat - ‚Jon’ nennen?

„Was?“, entgegnete ich barsch ohne mich umzudrehen.

„Wie sagt man?“, klang es von ihr zuckersüß.

Ohne ein weiteres Wort ging ich in mein Büro und setzte mich an den Schreibtisch. Dann klappte ich die Akte auf. Die Akte, die leer war und lediglich aus dem Pappendeckel bestand. Was sollte das jetzt wieder? Sekunden später stand ich vor Birgits Rezeption und klopfte auf den Tresen.

„Ach, Johni, was kann ich für dich tun?“ - „Die Akte. Sie war leer. Wo sind die Blätter?“ - „Johni, du bist so unhöflich. Was sagt man, wenn man etwas möchte?“

Ich biss mir auf die Lippe. „Bte“, murmelte ich dann - aber nur, um dem Ganzen hier ein Ende zu machen.

„Was sagst du? Ich habe dich nicht verstanden.“

Ich hätte die Frau erwürgen können. Diese Zicke war mein schlimmster Alptraum. „Bitte!“

„Na siehst du, Johni, geht doch.“

Sie reichte mir einige Blätter. „Viel Spaß mit dem Auftrag, Johni. Ist genau deine Kragenweite.“

Natürlich war der Auftrag nicht ‚genau meine Kragenweite’. Meine Kragenweite? Wenn Birgit so etwas sagte, konnte nicht viel dabei herauskommen. Und genau das hatte ich ja auch schon vorher vermutet. Wieso schanzte Bernd mir immer wieder solche Aufträge zu? Gut, auf meine Frage meinte er lächelnd ‚wir müssen auch Geld verdienen’ und ‚du kannst ja nicht immer nur nutzlos herumsitzen’. Aber Beschattungen? Oder verschwundene Hunde suchen? Da hatte ich doch schließlich etwas Besseres verdient.

Die Luft im Wagen kochte. Seufzend warf ich einen weiteren Blick auf das Thermometer: Neunundvierzig Grad Celsius. Ich überlegte kurz, ob es sinnvoll wäre, Herrn Anders Celsius wegen der Erfindung seiner von uns benutzten Temperaturskala zu verfluchen, beschränkte mich dann aber darauf, ein paar böse Worte über Bernd und seine Verteilung der Aufträge zu verlieren.

Ich musste hier aus der Gluthitze raus. Mein Hemd war an zahlreichen Stellen durchgeschwitzt, Schweiß tropfte von meiner Stirn auf die Hose und die Kamera wäre beinahe meinen nassen Händen entglitten. Also ließ ich den Wagen an und fuhr von meinem Beobachtungsposten auf den ein wenig versteckt liegenden Parkplatz. Wenn jetzt nur HH nicht aus dem Schwimmbad flüchtete! Ich beeilte mich, schloss rasch die Fenster und sprang förmlich aus dem Wagen. Der stand zwar ein wenig schräg auf zwei Parkplätzen, aber wen kümmern schon solche Kleinigkeiten? Ich hatte es halt eilig, Holger durfte mir auf keinen Fall durch die Lappen gehen. Obwohl der in den letzten Tagen ja erst gegen einundzwanzig Uhr das Bad verlassen hatte. Wieso eigentlich so spät? Wie ich wusste, schloss das Bad doch um acht Uhr abends. Das war alles höchst verdächtig!

Keuchend und schwitzend stand ich endlich in einer kurzen Schlange vor dem Kassenhäuschen. Um diese Zeit kamen nicht mehr viele Besucher, die meisten befanden sich schon seit den frühen Morgenstunden im Bad. Zumal ja heute auch noch Samstag war. Wer außer mir arbeitete schon an einem Samstag? Bei dieser Hitze. Ob Bernd mir eine Zulage zahlen würde?

Ich dachte an meinen letzten Auftrag zurück. Nahezu im Alleingang hatte ich eine komplette rumänische Verbrecherbande zerschlagen. Ein Undercover - Auftrag, den uns der Oberstaatsanwalt Eber...

Ich bekam einen Stoß in den Rücken und gleichzeitig plärrte hinter mir eine Stimme los: „Woll’n se nich oder könn’ se nich? Geh’n se man voran, se halten hier den ganzen Vekehr auf!“ Ich blickte mich um und sah zuerst in die Spitze eines Sonnenschirms an dessen Ende eine extrem dicke Frau stand. Kurz blitzte der Gedanke, wie dieses Walross in einem Badeanzug aussehen würde, durch mein Gehirn, dann schüttelte ich mich.

„Einmal Erwachsener?“ Die Dame an der Kasse sah mich abschätzend an. War es so ungewöhnlich, dass ein durchgeschwitzter Mann ohne Badetasche oder Handtuch, aber dafür mit einer DSLR bewaffnet, ihr Bad betreten wollte? Mir kam eine Idee, wie ich die Eintrittsgebühren sparen konnte.

„Guten Tag, junge Frau. Mein Name ist Jonathan Lärpers und ich bin von der Presse. Wir wollen einen Artikel über ihr schönes Bad schreiben. Lassen sie mich einfach rein.“

Die Frau sah erst auf meine Kamera, dann in mein Gesicht. „Das müssen sie mit dem Chef ausmachen. Hier können sie nicht so einfach für irgendeine Zeitung fotografieren. Welche Zeitung ist das denn eigentlich?“

Ich druckste ein wenig herum: „Rhnsch Pst.“ - „Entschuldigung, können sie auch deutlich sprechen? Ich habe sie nicht verstanden. Zeigen sie mir doch einmal bitte ihren Presseausweis.“

Nun, einen Presseausweis besaß ich natürlich nicht. Ob es auch mein Detektivausweis tat? Ich verwarf den Gedanken. Unschlüssig stand ich vor dem Kassenhäuschen.

„Jeht dat nich voran? Ich muss in et Wasser, Männeken. Hasse kein Geld? Mach hinne!“ Die dicke Frau hinter mir stieß mich wieder mit dem Schirm an.

„Also, wo ist ihr Presseausweis?“ - „Den, den habe ich vergessen“, stammelte ich. Der Schweiß lief mir in Strömen das Gesicht herunter. Und das nicht nur wegen der Hitze.

„Dann müssen sie wie jeder andere auch bezahlen. Aber die Kamera dürfen sie nicht mit hineinnehmen!“ - „Nicht mit hineinnehmen?“, echote ich. Wie sollte ich HH bei seinen Amouren fotografieren ohne Kamera? „Das geht doch nicht.“

„Doch das geht“, beschied mir die Kassenfrau. „Das bestimme ich jetzt so. Alles andere können sie ja mit dem Chef besprechen. Wenn sie hinein wollen, dann nur ohne Kamera.“

„Ja, jetz schläget abber dreizehn. Wenne nich gleich wech bis, du Fuzzi, dann renn’ ich dich platt!“ Die Frau hinter mir schien jetzt richtig in Fahrt zu kommen. Die Schirmspitze kam meinem Rücken wieder bedenklich nahe. Rasch trat ich aus der Reihe. Was nun? Ohne Kamera war es sinnlos in das Bad zu gehen. Es sei denn, ich würde mir Schwimmsachen besorgen. Was aber illusorisch war. Schließlich musste ich HH im Auge behalten, da konnte ich nicht einfach nach Hause fahren und meine Badehose holen. Also ohne Kamera hinein? Ich könnte ja in den Männerduschen nackt duschen. Wenn es so etwas gab. Sollte ich die Kamera zum Wagen bringen?

Ich hastete den Weg zum Fahrzeug zurück und zermarterte mir das Hirn, wie sich das Problem an der Kasse lösen lassen würde. Dann kam mir eine Idee ...

Mit der um die Schultern gelegten Decke, die sich zum Glück noch auf der Rücksitzbank befunden hatte, stand ich erneut in der Schlange. Die Digitalkamera hielt ich mit einer Hand krampfhaft fest, in der anderen befand sich schon das Eintrittsgeld. Langsam rückte die Reihe weiter.

„Mama, ist das ein Indianer?“ - „Nein, mein Kind, das ist nur ein Mensch, der vermutlich friert.“ - „Hat der deswegen die alte Decke so um sich gezogen?“ - „Ja, mein Kind. Vermutlich.“

Ich ignorierte die Leute hinter mir. Endlich stand ich wieder vor dem Kassenhäuschen.

„Sie schon wieder? Frieren sie, oder was soll das mit der Decke?“ - „Einmal Erwachsener bitte.“ Die Frau sah mich wieder merkwürdig an, riss aber eine Eintrittskarte ab. „Typen gibt es“, murmelte sie und winkte mich weiter.

Grinsend schaute ich mich um. Die Idee mit der Decke war nahezu perfekt gewesen. So fiel die Kamera nicht auf und ich konnte meine Suche nach HH ungestört beginnen. Sobald ich ihn in einer verfänglichen Situation ausmachen würde, käme die DSLR zum Einsatz. Blitzschnell. Naja, so schnell wie möglich, denn die Decke um meinen Körper fixiert zu halten, erforderte schon etwas Aufwand. Sie durfte ja nicht einfach herunterrutschen und mich mit der Kamera bloß da stehen lassen.

Auf der Liegewiese fand ich Holger Hewa nicht, dafür aber einige leere Handtücher und Decken, die durchaus ihm hätten gehören können. Also eine davon. Und eine seiner Freundin. Oder zwei - sofern er sich hier mit zwei Freundinnen traf. Ich sah mir die leeren Liegeplätze genau an, konnte aber nichts ausmachen, was auf einen männlichen Besitzer hinwies. Dafür bemerkte ich, wie man mich genau beobachtete. Nun, die Decke um meine Schultern musste bestimmt den einen oder anderen ein wenig irritieren. Gut, dass niemand ahnte, welch wertvolles Stück Überwachungstechnik ich in meiner versteckten Hand hielt.

Dann entdeckte ich ein übergroßes Handtuch und wusste sofort: dies gehört HH! Daneben lagen zwei kleinere Handtücher und ich schmunzelte: Holger, du Schwerenöter! Also doch zwei Freundinnen. Auf dem großen Handtuch stand eine abgedeckte Tasche. Diese konnte nur Holger Hewa gehören! Wem denn sonst? Ich näherte mich den drei Handtüchern. Ein unauffälliger Blick links und rechts zeigte mir, dass mich momentan niemand beobachtete. Rasch bückte ich mich und zog das Handtuch von der Tasche. Geschlossen, aber eindeutig die von Holger. Das ging gar nicht anders. Ich erinnerte mich zwar nicht daran, dass er mit solch einer Tasche das Bad betreten hatte, aber auch ein Jonathan Lärpers konnte ja einmal etwas übersehen.

Nach einem weiteren unauffälligen Blick zog ich den Reißverschluss der Tasche auf. Und staunte nicht schlecht, was Holger so alles mit sich führte: Zunächst jede Menge Nahrung. Vermutlich Brötchen - der Form nach - aber eingepackt in Aluminiumfolie. Dann Obst. Nun, es sprach ja nichts gegen Obst. Das war ja schließlich gesund. Sonnencreme. Auch sehr löblich. Eine Packung Tampons. Tampons? Was wollte Holger damit? Na, vielleicht für die Freundinnen. Der Mann dachte aber auch an alles! Ein Taschenbuch. Ich konnte den Titel nicht erkennen, deswegen drehte ich das Buch ein wenig herum. ‚Romantische Ärzte’ - was Holger aber auch so las. Das klang für mich eher wie ein Frauenroman. Aber vielleicht suchte er ja in dieser Literatur nur Anregungen dafür, wie er sich den Frauen gegenüber verhalten musste.

Ich beschloss der Sache hier und jetzt - also gleich - ein Ende zu bereiten. Ich brauchte ja lediglich darauf zu warten, dass Holger mit seinen Gespielinnen aus dem kühlen Nass kam. Dann die DSLR aktiviert und mit den Beweisfotos zurück ins Büro. Wer wollte da leugnen, dass Jonathan Lärpers der geborene Privatdetektiv war? Birgit der Zicke würde ich die Zunge herausstrecken.

Ich zog mich ein wenig zurück und suchte mir eine günstige Fotografierposition. Dann hockte ich mich auf den Boden. Jetzt fiel die Decke wie ein Zelt über meinen Körper und die Kamera. Lediglich mein Kopf schaute noch heraus. Die perfekte Tarnung. Wie ich feststellte, beobachtete mich jetzt ein dicker Mann. Ich ließ mir aber nicht anmerken, dass ich es bemerkte. Ein Detektiv Lärpers lässt sich nicht von seinem Auftrag ablenken!

Ich musste eine geraume Weile warten, dann tat sich etwas. Zwar war es nicht Holger Hewa, der sich da den Handtüchern näherte, sondern eine schlanke Frau Mitte dreißig mit zwei kleinen, lachenden Kindern, aber immerhin geschah jetzt etwas. Holger erstaunte mich immer mehr. Eine Frau mit zwei Kindern? Junge, war der Mann abgebrüht. Zu Hause wartete seine eigene Frau auf ihn und er vergnügte sich hier im Schwimmbad mit einer fremden Frau, die zwei Kinder hatte. Vermutlich war diese Frau auch noch verheiratet und beide gingen fremd. Er und Sie. Das würde im Büro einschlagen wie eine Bombe. Jonathan Lärpers löst Doppelfall mit dem kleinen Finger!

Jetzt aber benutzte ich erst einmal meinen rechten Zeigefinger, um den Auslöser der Kamera zu betätigen. Auch wenn Holger noch nicht bei seinen Lieben hier eingetroffen war, so sicherte ich doch schon vorab Beweise.

Gerade bannte ich den erstaunten Blick der Frau auf digitales Zelluloid, als sie bemerkte, dass das Abdeckhandtuch von ihrer Tasche nicht mehr am rechten Ort lag. Plötzlich tippte mir jemand auf die Schulter. Langsam wandte ich meinen Blick und schaute direkt in das ernste Gesicht Holger Hewas.

Holger schien sich umgezogen zu haben - daher vermutlich auch seine Verspätung - denn er trug keine Badekleidung, sondern eine weiße kurze Hose mit einem ebenso weißen T-Shirt. Den kleinen Schriftzug auf seiner Brust konnte ich nicht lesen, aber es handelte sich vermutlich um den Markennamen des Herstellers. ‚Eitel ist er auch noch’, dachte ich in Anbetracht seiner ausgefallenen Kleidung. Der Mann sah eher aus wie ein Tennisspieler, denn ein Badegast. Auch so eine Masche, um bei den Frauen besser anzukommen!

„Was um alles in der Welt machen sie da?“, herrschte er mich an. „Stehen sie doch mal auf und kommen sie mit!“ An seiner Seite befand sich der dicke Mann, der mich vorhin schon beobachtet hatte. Was wollte der Kerl von mir?

Holger zog mich zu der Frau mit den beiden Kindern hin. Zu seiner Freundin. Wollte er mir die drei jetzt vorstellen? Das wäre ja noch schöner, dann könnte ich ihn bitten, mit denen für ein Foto zu posieren. Ich musste ihm ja nicht sagen, was ich vorhatte. Aber Holger Hewa wandte sich jetzt an die Frau: „Entschuldigen sie, fehlt bei ihnen etwas? Dieser Herr hier“, er zeigte auf den Dicken, der leicht hinter mir stand, „hat beobachtet, wie dieser Mann“, jetzt zeigte er mit dem nackten Finger auf mich, „in ihren Sachen gewühlt hat.“

Ich, gewühlt? Aber Holger sprach weiter: „Überprüfen sie doch bitte, ob etwas gestohlen wurde. Geld, Wertsachen oder sonst etwas. Obwohl wir ja immer davor warnen, Wertsachen in den Taschen zu lassen.“

Die Frau sah erstaunt hoch: „Ich habe keine Wertsachen. Und mein Geld ist sicher im Schrank eingeschlossen.“ Dann wühlte sie in ihrer Tasche. „Nein, es scheint nichts zu fehlen. Wer ist der Mann?“

Holger blickte mich an: „Ja, wer sind sie? Und was machen sie hier? Mir wurde berichtet, dass sie die Tasche dieser Frau durchsucht haben und - wie ich selbst sah - sie dann auch noch fotografierten. Was soll das also?“

Der Dicke schob sich etwas nach vorne: „Ich habe den Typ schon die ganze Zeit beobachtet. Der hat sich alle möglichen Taschen und Liegeplätze angesehen. Das kann nur ein Dieb sein.“

„Ich bin kein Dieb“, protestierte ich, wurde dann aber durch das Plärren eines der Kinder unterbrochen: „Ich habe Hunger, Mama, gibt es nichts zu essen?“ Mama wühlte in ihrer Tasche und brachte zwei der silbernen Päckchen zum Vorschein. Ich musste lächeln, denn jetzt würde sich zeigen, ob meine Vermutung richtig war. Befanden sich dort belegte Brötchen drin?

Ich beobachtete aufmerksam, wie die Kinder die Aluminiumfolie abwickelten. Und wirklich! Belegte Brötchen. Siegessicher lächelte ich Holger Hewa an.

„Was grinsen sie so?“, wollte der nur wissen und schüttelte den Kopf. „Erklären sie uns lieber, wer sie sind und warum sie diese Frau hier fotografiert haben.“

Natürlich durfte ich nicht einfach so mit der Wahrheit herausrücken, das hätte Holger garantiert misstrauisch gemacht. Jetzt lag es an mir, durch geschicktes Hinterfragen weitere Informationen über sein Verhältnis zu dieser Frau zu erlangen. Ich wusste sofort, wie ich den Mann verblüffen konnte: „Sie sind Holger Hewa“, begann ich meine Ausführungen und dachte ‚eins zu null für mich’. Aber Holger winkte lediglich ab: „Seit vorne die Tafeln mit unseren Fotos hängen, kennt hier jeder unsere Namen. Ich habe sie aber nicht gefragt, wer ich bin, sondern wer sie sind. Zeigen sie mir doch einmal bitte ihren Ausweis!“

Ich schüttelte den Kopf. Soweit kam es noch, dass ein x-beliebiger Badegast meinen Ausweis zu sehen bekam. „Ich glaube nicht, dass ich ihnen den zeigen werde.“ Dieses kurze Statement musste reichen. Und wie es mir schien, hatte ich Holger damit überzeugt. Der wandte sich nämlich um und sprach in ein kleines Handy.

In Gedanken rieb ich mir die Hände. Mehrere Fotos seiner Freundin nebst Kindern, ihn eindeutig dabei erwischt, wie er sich in ihrer Nähe herumtrieb und eventuell als Zeugen noch den Dicken. Der allerdings sah mich unverwandt böse an, so dass ich diese Möglichkeit doch eher ausschloss.

„Dann kommen sie einmal mit mir“, sprach Holger mich jetzt wieder an und riss mich aus meinen Gedanken. Wohin wollte er gehen - und was noch wichtiger war: was wurde jetzt aus dem gemeinsamen Foto?

„Würden sie - bevor wir gehen - dann bitte noch für ein Foto neben ihre Freundin treten?“

Holger sah mich fragend an. Ebenso wie die Frau. Lediglich der Dicke blickte weiter böse. Dem hatte ich doch gar nichts getan. Und ihn wollte ich ja auch nicht fotografieren ...

„Jetzt reicht es mir aber, Freundchen!“ Holger klang jetzt so böse, wie der Dicke guckte. „Ich kenne diese Frau nicht. Sie kommen jetzt mit und wehe sie weigern sich!“ Was dann wäre, sprach er nicht aus. Aber so, wie ich mich kannte, würde es für diesen ‚Lust - Holger’ schlecht ausgehen. Mir konnte der Mann nichts vormachen. Kannte die Frau angeblich nicht ...

Trotzdem folgte ich ihm und fand mich kurze Zeit später in einem Raum für Bademeister wieder. Umso besser, dann würde ich hier ja wenigstens einen vernünftigen Menschen treffen, dem ich alles erzählen konnte. Der Dicke war uns ebenfalls gefolgt, stand wie ein Wachposten an der Tür und ließ mich nicht aus den Augen. Mir hing immer noch die Decke um die Schultern und es war verdammt warm. Auch wenn ich es nicht zugeben wollte, am liebsten hätte ich die Decke fort gelegt. Aber ich schwieg beharrlich. Ebenso wie Holger und der Dicke. Und kein Bademeister kam. Endlich wurde es mir zu dumm: „Also, schön Herr Hewa. Jetzt sitzen wir hier und warten auf einen Bademeister. Wo bleibt der Mann denn?“

„Wir warten nicht auf einen Bademeister“, erklärte mir HH, „sondern auf die Polizei.“

Auf die Polizei? Was sollte das denn jetzt? Hier ging es doch um kein schwerwiegendes Verbrechen, sondern lediglich um seine außereheliche Beziehung. Wieso warteten wir jetzt auf die Polizei? Ich konnte meine Frage nicht unterdrücken: „Wieso warten wir auf die Polizei? Wollen sie mir das bitteschön einmal erklären?“

Holger schüttelte den Kopf: „Sie werden es schon noch früh genug erfahren - außerdem: da kommen die Herrschaften ja schon.“ In der Tat betraten jetzt ein Polizist und eine Polizistin den kleinen Raum, wobei der Mann mit sanfter Gewalt den Dicken beiseiteschob. Er trug Handschuhe, wie ich sie bei Bauarbeitern schon gesehen hatte.

„Guten Tag, wer ist hier Herr Hewa?“

Ich grinste. Jetzt ging es zur Sache. Wenn die Beamten schon so gezielt nach HH fragten, dann würde es ihm jetzt gewiss an den Kragen gehen. Nur schade, dass ich kein Foto machen konnte, auf dem er mit seiner Freundin zusammen zu sehen war.

Holger räusperte sich. „Das bin ich. Es handelt sich um diesen Mann hier - den mit der dreckigen Decke um die Schultern.“

Der männliche Polizist sah mich an. Aus seinem Blick las ich ein wenig Besorgnis - aber auch Belustigung. „Ist ihnen kalt, dass sie diese Decke so fest um sich geschlungen haben?“, fragte er mich grinsend, wurde aber sofort wieder ernst. „Dann zeigen sie uns doch einmal bitte ihren Ausweis.“ Die Polizistin wandte sich an Hewa: „Wie aus der Meldung hervorging, handelt es sich hier um einen mutmaßlichen Dieb ...“

Hewa nickte: „Dieser Herr dort hinten“, sein ausgestreckter Finger zeigte auf den Dicken, „hat den Mann beim Versuch etwas zu stehlen beobachtet. Und anschließend hat er sein Opfer auch noch fotografiert.“

Ich lächelte. HH gab sich aber redlich Mühe. Und das alles nur, um von seiner Liebschaft abzulenken. Der Polizist stand immer noch vor mir und hielt die Hand auf: „Ihren Ausweis bitte. Sonst muss ich sie mitnehmen zur Wache.“

Mühsam kramte ich meinen Ausweis hervor und musste dabei die Decke ein wenig loslassen. Sie rutschte vorne auf und gab die Sicht auf die Kamera frei. „Sie gehen mit der Kamera in ein Schwimmbad? Wollten sie hier fotografieren?“ Vermutlich konnte sich die Polizistin nicht vorstellen, dass man eine DSLR zum Fotografieren benutzte. Ich gab dem Mann meinen Ausweis und lächelte.

„Wurde denn etwas gestohlen?“ Der Polizist besah sich meinen Ausweis genau und verglich das Foto mit mir. Holger schüttelte den Kopf: „Die Frau sagt, dass nichts fehlt.“

„Welche Frau?“, hakte die Polizistin sofort nach.

„Die, die der Mann fotografiert hat“, erklärte Holger geduldig. „Wir haben ihn dabei erwischt. Die Frau und die Kinder hat er fotografiert.“

„Erst hat er deren Sachen durchwühlt und dann hat er sie fotografiert!“ Der Dicke trat etwas näher und mischte sich ungefragt ein.

„Gut, bitte geben sie meiner Kollegin ihre Personalien. Wir kommen dann später auf sie zurück, falls erforderlich.“ Murrend nannte der Dicke der Polizistin Name und Anschrift, dann zog er Richtung Liegewiese davon. Nicht ohne mir noch einen letzten bösen Blick zuzuwerfen.

„Während wir dem Dicken hinterher schauten, sprach der Polizist leise in ein Mikrofon an seiner Jacke. Ich bekam nur mit, dass er meinen Namen dabei erwähnte. Nach wenigen Minuten wandte er sich wieder an mich: „Gut, Herr Lärpers. Hier ihr Ausweis. Darf ich dann bitte einmal ihre Kamera sehen?“ Er wartete nicht lange, sondern nahm mir die DSLR aus der Hand. Dann rief er die von mir eben gemachten Bilder ab. „Warum um alles in der Welt haben die die Frau und die Kinder fotografiert? Offensichtlich sind das ja die einzigen Bilder auf der Kamera. Bis auf das mit den Füßen im Fahrerraum!“

Oh, da musste ich im Auto versehentlich an den Auslöser gekommen sein.

„Haben sie die Frau um ihr Einverständnis gebeten?“, fragte er nun wieder und ich schüttelte den Kopf. „Sie können doch nicht einfach so hier Leute fotografieren! Ich werde die Fotos löschen.“ Schon drückte er mehrere Knöpfe, dann gab er mir die Kamera zurück. „Jetzt erklären sie uns doch einmal, was das hier sollte.“

Die Polizisten und Holger Hewa sahen mich neugierig an. Was sollte ich nun erklären? Dann würde alles auffliegen und Holger könnte weiter seinen Abenteuern ungestraft nachgehen. Mir kam eine Idee: „Ich erzähle ihnen alles, aber nicht im Beisein dieses Mannes dort.“ Ich zeigte auf Holger. Der hob beide Hände: „Ich bin zwar neugierig, worum es geht, aber ich lasse sie gerne mit dem Spinner alleine. Ich muss sowieso wieder - mein Kollege ist schon viel zu lange allein da draußen.“ Holger quetschte sich an den Beamten vorbei, drehte sich in der Tür stehend aber noch einmal zu mir um: „Ach ja, bevor ich es vergesse: Sie haben hier Hausverbot. Lassen sie sich bloß nie wieder hier blicken!“ Dann verschwand er durch die Tür.

Ich atmete auf. Dann kramte ich in meinen Taschen nach dem Detektivausweis, was die Polizistin aber unwillkürlich zu ihrer Dienstwaffe greifen ließ. Beschwichtigend hob ich beide Hände - ebenso, wie es Holger vorhin getan hatte.

„Mein Name ist Jonathan Lärpers ...“

„Das wissen wir schon“, unterbrach mich der Polizist, wobei seine Kollegin den Kopf schüttelte „Ich wusste das noch nicht.“

„Gut, also, Herr Lärpers - weiter.“

Ich begann noch einmal von vorne. Schließlich musste alles seine Richtigkeit haben. „Mein Name ist Jonathan Lärpers ...“

Diesmal unterbrach mich die Frau: „Ja, das sagten sie schon.“

„... und ich bin Privatdetektiv.“ Ich hielt den Beamten meinen Detektivausweis hin. Der Polizist studierte ihn sorgfältig und machte sich eifrig Notizen. „Detektei ‚Argus’? Aha. Wer ist denn der Inhaber?“

Er hatte mich ein wenig aus dem Konzept gebracht. „Bernd gehört die Detektei.“

„Bernd? Hat ihr Bernd auch einen Nachnamen?“

„Heisters. Bernd Heisters.“ Er notierte fleißig weiter. Dann gab er mir den Ausweis zurück.

Rasch erklärte ich: „Ich habe den Auftrag - also, die Frau von Holger Hewa hat uns beauftragt - ihn zu beschatten, da sie vermutet, dass er eine Freundin hat und ihr untreu ist. Nach meinen Recherchen kann es sich durchaus um die von mir fotografierte Frau handeln.“

Die Polizistin sah mich an: „Seine Frau?“ - „Nein, seine Freundin. Ich habe den Liegeplatz observiert und plötzlich stand Holger hinter mir. Als Beweis hatte ich die Frau schon einmal fotografiert, aber natürlich sollte Herr Hewa mit auf das Foto. Dann wäre mein Auftrag abgeschlossen.“ So, diese Erklärung dürfte genügen, jetzt konnten die Polizisten sich ein Bild machen.

Die Frau sah mich an: „Es ist ja mächtig warm heute, finden sie nicht auch?“ Ich wusste zwar nicht, was das jetzt mit meinem Fall zu tun hatte, trotzdem nickte ich heftig. Natürlich war es warm und im Auto erst recht! Neunundvierzig Grad Celsius. Ich hatte ja auch keinen Parkplatz im Schatten gefunden.

„Sie gehen jetzt am besten nach Hause. Nicht wieder auf die Liegewiese. Haben wir uns verstanden?“ Ich nickte. Na klar, jetzt würde ich ja Holger mit seiner Liebsten dort poussierend antreffen. Steckte die Polizei etwa mit dem Mann unter einer Decke?

Während ich den Raum verließ, rief die Polizistin noch hinter mir her: „Herr Läsers, sie werden noch von uns hören ...“

Ich überlegte, vielleicht doch einen Abstecher über die Liegewiese zu machen - einen ganz kurzen nur, so für ein oder zwei Fotos - bemerkte dann aber, dass die beiden Polizisten mich beobachteten. Also zuckte ich mit den Schultern, was unter meiner Decke kaum zu sehen war, und strebte an den Umkleidekabinen auf den Ausgang zu.

Bis ich an dem Waschbecken für Badebekleidung vorbeikam. Mir kam der Gedanke, einmal kurz meinen Kopf unter den Wasserhahn zu stecken. Eine kurze Abkühlung. Das konnten mir selbst die strengen Polizisten nicht verwehren. Schließlich hatte ich ja Eintritt bezahlt. Einmal Erwachsener. Und ich wollte ja auch nicht ins Schwimmbecken. Das ging ja sowieso nicht, da ich keine Badehose anhatte. Aber kurz den Kopf unter kaltes Wasser. Da musste gehen!

Vorsichtig legte ich die DSLR Kamera auf den Rand des Waschbeckens und vergewisserte mich, dass sie dort sicher und gut lag. Dann drehte ich langsam den Hahn auf. Wie köstlich spritzte das kühle Nass heraus. Während ich abwechselnd mit einer Hand die Decke über meinen Schultern hielt, spritzte ich mit der anderen kaltes Wasser über meine Arme. Wie gut das tat! Dann tauchte ich in einer fließenden, raschen Bewegung den ganzen Kopf unter den Strahl. Eiskalt! Es klirrte und schepperte in meinen Ohren.

Als ich mich wieder aufrichtete, erkannte ich, dass das Klirren und Scheppern von der Kamera her stammte, die jetzt im Waschbecken genau unter dem Wasserstrahl lag. Rasch drehte ich den Hahn wieder ab. Vorsichtig hob ich die Kamera hoch und begutachtete sie von allen Seiten. Nichts passiert, kein Schaden. Zum Glück! Ich drehte den Einschaltknopf, um zu sehen, ob noch alle Funktionen gegeben waren. Die Kamera gab ein kurzes, zischendes Geräusch von sich. War das jetzt gut oder nicht? Ich drückte ein paar Mal den Auslöser, hörte aber nichts mehr. Vielleicht musste das Ding ja erst einmal trocknen ...

Mein Wagen stand mittlerweile wieder in der prallen Sonne und an der Windschutzscheibe prangte ein großer Zettel: ‚Geh’ zur Fahrschule, dort lernst du richtig parken - du Idiot’.

Wie kleinlich die Leute aber auch waren!

II.

Am nächsten Morgen klingelte mich mein Wecker zeitig aus dem Schlaf. Abends hatte ich die Kamera noch mit in meine Wohnung genommen und mit einem Fön getrocknet. Leider zeigte sie trotzdem keine Funktion mehr. Vielleicht war ja auch die Batterie leer. Gleich am Montag würde Birgit sie zur Reparatur geben müssen, schließlich brauchte ich die Kamera für meine Überwachung. Heute müsste allerdings mein Smartphone reichen. Falls ich Holger Hewa endlich einmal mit einer seiner Freundinnen vor die Linse bekommen würde.

Auf meinem Handy befand sich eine Mitteilung von Bernd, eine SMS in der er mich bat, um zehn Uhr in seinem Büro zu sein. Das passte mir nun gar nicht, da in dieser Zeit ja dann keine Observierung stattfinden würde. Ich rief Bernd also direkt an.

„Jonathan. Dir auch einen guten Morgen. Weißt du eigentlich wie spät es ist?“

Natürlich wusste ich, wie spät es war. Ich saß ja schließlich im Schlafanzug auf der Bettkante und hatte meinen Wecker gerade abgestellt. Vielleicht wusste Bernd es nicht. „Ja, sicher, Bernd. Es ist jetzt exakt zwanzig Minuten vor sieben.“

„Achtzehn Minuten“, korrigierte mich mein Freund. Warum fragte er mich erst, wenn er es doch wusste? „Jonathan, was gibt es denn so Dringendes, dass du mich um diese Zeit am Sonntag wecken musst?“

„Du hast mir eine SMS geschickt“, erklärte ich. „Ich muss aber Holger Hewa observieren, da kann ich doch nicht einfach um zehn Uhr in dein Büro kommen.“

Ich hörte, wie Bernd am anderen Ende gequält aufstöhnte. „Jonathan, lass’ die Observierung sein und komm’ einfach in mein Büro. Zehn Uhr, ja? Und jetzt möchte ich noch ein wenig schlafen, also störe mich nicht länger.“ Schon legte er wieder auf.

Die Observierung abblasen? Hatte ich gestern durch meine Aktion im Schwimmbad vielleicht die entscheidenden Hinweise gefunden? Oder gab es am Ende doch noch einen wichtigeren Auftrag für mich? Einen knallharten Einsatz vom Oberstaatsanwalt? Ich ließ mich zurück auf mein Bett sinken und dachte über einen möglichen neuen Auftrag nach.

Ich erwachte um fünfzehn Minuten vor zehn Uhr. Während meiner Grübeleien musste ich wohl wieder eingeschlafen sein. Ärgerlich, dass ich vergessen hatte, meinen Wecker erneut zu stellen. Jetzt hechtete ich aus dem Bett, fuhr mir schlaftrunken über das Gesicht und versuchte zu überlegen, was ich als erstes tun sollte. Schuhe an, Autoschlüssel schnappen und los. Nein, erst lieber noch etwas anziehen, ich konnte ja schlecht im Schlafanzug durch die halbe Stadt fahren.

Der Einfachheit halber schnappte ich mir meine Sachen vom Vortag und verzichtete auf Waschen und Frühstück. Innerhalb weniger Minuten saß ich in meinem Wagen und fuhr mit quietschenden Reifen an.

Bernds Büro lag im Güdderather Industriegebiet. Er unterhielt dort ein Sportstudio, ‚Krav Maga’, wobei der Begriff ‚Sportstudio’ wirklich untertrieben war. In dem Gebäude befanden sich ein Schießstand, eine Bibliothek, ein kleines Schwimmbad, sowie diverse Trainingsräume. Und unter dem ganzen Komplex gab es eine Tiefgarage mit einer exklusiven Auswahl an Fahrzeugen. Im gleichen Gebiet, ein paar Straßen weiter, war auch das Gebäude unserer Detektei. Bernd hatte es günstig von einem in Konkurs gegangenen Unternehmen gekauft, das versucht hatte mit der Digitalisierung von Akten Geld zu verdienen.

Ich wohnte seit einiger Zeit im Ortsteil Wickrath. Christine, meine ehemalige Sekretärin und jetzige Kollegin, hatte die Räume unter mir gemietet. Sie war es auch gewesen, die mir meine Wohnung vermittelte. Von dort aus bis zu Bernds Büro musste ich gerade einmal zehn Minuten mit dem Auto fahren - wenn ich nicht trödelte. Was ich jetzt auch nicht tat. Die eine oder andere rote Ampel interessierte mich nicht und so schaffte ich es, um exakt zehn Minuten nach zehn Uhr mit quietschenden Reifen auf dem Parkplatz vor Bernds Krav Maga Studio zum Stehen zu kommen. Um zehn Uhr fünfzehn stand ich keuchend vor Bernds Schreibtisch.

„Guten Morgen, Jonathan“, Bernd sah demonstrativ auf seine Uhr. „Du bist exakt sechzehn Minuten zu spät!“

„Um zehn nach war ich auf dem Parkplatz, also eigentlich nur zehn Minuten ...“, erklärte ich kleinlaut. Bernd sah mich nur zweifelnd an.

„Setz’ dich, Jonathan. Du brauchst mir jetzt nichts zu erklären, das hat schon die Polizei erledigt.“ - „Die Polizei?“, echote ich fragend und war mir sicher, dass ich bei Bernd fleißig Pluspunkte sammelte. Die Beamten hatten ihn bestimmt darüber informiert, dass Holger Hewa mit seinen Freundinnen im Schwimmbad von offizieller Seite beobachtet wurde. Also so, wie ich es vermutet hatte!

„Ja, Jonathan. Die Polizei. Gestern Abend noch. Es ging um deinen Auftritt im Schwimmbad. Was denkst du dir eigentlich dabei, wenn du solchen Unsinn verzapfst?“

Ich schluckte. Dabei denken? Eigent...

Aber Bernd sprach weiter, seine Frage schien also rein rhetorischer Natur zu sein: „Holger Hewa hat keine Freundin. Die Ehefrau steigerte sich da in etwas hinein, weil ihr Mann in letzter Zeit häufig abwesend gewesen war. Aber für diese Abwesenheit gab es auch einen Grund: Holger Hewa wurde nämlich umgeschult. Der Mann war lange Zeit arbeitslos und das Arbeitsamt besorgte ihm schließlich eine Stelle als Bademeister. Dazu war es aber notwendig, dass er zunächst einige Schulungen absolvierte. Herr Hewa wollte das Ganze seiner Frau dann als Überraschung präsentieren, wenn alles ganz sicher, also endgültig in trockenen Tüchern war. Diese Informationen hättest du allerdings auch mit ein oder zwei Telefonanrufen bekommen können!“

„Wie das? HH war ja ständig unterwegs“, versuchte ich eine Rechtfertigung. Sicher, Holger war oft in die Stadt gegangen. Jetzt, da ich darüber nachdachte - ja, er war mehrere Male beim Arbeitsamt gewesen. Ja, er kaufte in einem Laden in der Sportabteilung ein. Aber wer kann denn ahnen, dass der Mann einen neuen Job antrat?

„Der Auftrag ist erledigt. Herr Hewa wollte heute alles mit seiner Frau besprechen und ich gehe davon aus, dass sie nun kaum eine weitere Beobachtung ihres Mannes wünschen wird. Und ob die Frau für deine zweifelhaften Bemühungen bezahlen wird, glaube ich auch nicht. Das war nicht gerade eine Glanzleistung, Jonathan.“ Bernd blickte wieder auf seine Uhr. „Ruhe dich heute noch ein wenig aus, geh’ ins Schwimmbad oder mach’ sonst irgendetwas. Morgen Punkt neun Uhr treffen wir uns drüben im Präsentationsraum. Und wenn ich sage, Punkt neun Uhr, dann meine ich auch Punkt neun Uhr!“

Ich nickte. Dann fiel mir noch etwas ein: „Bernd, in das Schwimmbad kann ich nicht, dort habe ich Hausverbot.“

Bernd grunzte etwas, was ich nicht verstand.

Gut, ein freier Sonntag. Und das bei dem herrlichen Wetter. Während ich zu meiner Wohnung zurückfuhr - schön gesittet und den Verkehrsregeln entsprechend - dachte ich darüber nach, ob ich nicht mit Christine etwas unternehmen sollte. Chrissi, wie ich sie auch nannte, würde bestimmt schon wach sein. Vielleicht konnte ich ja auch bei ihr frühstücken. Und anschließend würden wir gemeinsam den Sonntag genießen ...

Schon damals, als sie noch meine Sekretärin gewesen war - ich kam gerade aus Frankfurt nach Mönchengladbach zurück und meine Eltern nötigten mich als Privatdetektiv selbständig zu werden - machte sie mir unmissverständlich klar, dass ich nicht ihr Typ sei. Also gab ich meine Versuche, sie zu erobern auf und wir wurden gute Freunde. Also Freund und Freundin quasi. Guter Freund und gute Freundin. Nachdem meine Karriere als Privatdetektiv dank einer Bande von kriminellen Chinesen den Bach heruntergegangen war, beziehungsweise dem Brandanschlag dieser Verbrecher zum Opfer fiel, stellte Bernd uns beide als feste Mitarbeiter in seinem Krav Maga Sportstudio an. Das beinhaltete auch Dienstleistungen im Personenschutz. Und später eröffnete Bernd das Detektivbüro ‚Argus’, um Aufträge vom Oberstaatsanwalt offiziell annehmen zu können. Naja, halb offiziell - also gut, gar nicht offiziell - mehr so am Rande der Legalität. Chrissi und ich gehören zu der Mannschaft. Und Sam, der kleine kampferprobte Doktor der Naturwissenschaften mit asiatischen Wurzeln, sowie Monika, die verheiratet ist und noch als Übersetzerin arbeitet. Und noch einige mehr, die alle zusammen ein starkes Team bilden.

Ja, ja. Ich weiß: Und natürlich die Zicke, also mit richtigem Namen Birgit Zickler. Unsere Sekretärin in der Detektei. Bunt gefärbte Haare, flippige Kleidung und ein freches Mundwerk, das seinesgleichen sucht. Ich persönlich würde sie ja lieber gegen die Sekretärin vom Sportstudio tauschen: Jennifer Enssel, die blonde Schönheit. Jennifer ist ein wirklicher Engel: sie sorgt stets für frischen Kaffee, sowie kalte Getränke und sogar für belegte Brötchen. So ganz anders als die Zicke, die für mich nur schnippische Worte übrig hat.

Christine öffnete nicht. Zunächst versuchte ich es mit normalem Klingeln, dann mit intensiverem Schellen, danach rhythmisch. Nichts. Entweder schlief sie noch, wollte mir nicht öffnen oder ihr war etwas passiert. Ich klopfte mit dem Fingerknöchel gegen ihre Tür. Dann wechselte ich zum Klopfen mit der Faust. Dumpf wummerten die Schläge durch das Treppenhaus. Selbst wenn Chrissi schlief, so musste sie spätestens jetzt wach werden. Ich war mir sicher: ihr war etwas passiert. Vielleicht im Schlaf erstickt. Oder von der Bettkante gerutscht und jetzt lag sie hilflos da, streckte dem Klopfer an der Tür hilfesuchend ihre Arme oder nur einen, wenn der andere gebrochen war, entgegen.

Klingel und Klopfen wechselten sich jetzt ab. Dann hielt ich es nicht mehr aus: „Chrissi!“, schrie ich aus Leibeskräften, „mach die Tür auf. Ich bin es, Jonathan. Chrissi! Chrissi!“

Die Tür öffnete sich nicht, dafür ging aber die von gegenüber auf und die alte Nachbarin stand dort. Beide Fäuste in die Hüften gestemmt, blökte sie mich an: „Sind sie wahnsinnig? Was brüllen sie denn so im Hausflur herum?“

Ich drehte mich um. „Chris..., also Frau Weru öffnet nicht!“

Jetzt tippte sich die Nachbarin an die Stirn. „Natürlich nicht, sie ist ja auch nicht zu Hause. Sie ist doch zu irgendwelchen Bekannten oder Verwandten gefahren.“ Dann musterte sie mich von oben bis unten: „Sie sind doch der Mieter über ihr - ihr Freund. Wissen sie denn nichts davon?“

Ich schüttelte den Kopf und spürte, wie mein Gesicht rot wurde. Warum hatte mir Christine aber auch nichts davon erzählt? Ich klingelte noch einmal abschließend, dann ging ich achselzuckend zu meiner Wohnung. Die Nachbarin tippte sich erneut an die Stirn. Ob die sich nie Sorgen um jemanden machte? Dafür waren Freunde doch da.

Und was fing ich jetzt mit dem angebrochenen Tag an? Es war noch nicht einmal Mittagszeit. Eigentlich müsste ich jetzt Holger Hewa beschatten. Ob ich vielleicht doch zum Schwimmbad fahren sollte? Ich könnte mich ja mit einem Schal und einer Mütze tarnen und so in das Bad gelangen. Rein private Observation. Dann aber erinnerte ich mich daran, dass HH ja angeblich keine Freundin hatte. Obwohl - HH, also Hansestadt Hamburg und das Rotlichtviertel ...

Nach langem Hin und Her überlegte ich mir, einen Spaziergang zu machen. Bei dem herrlichen Wetter wollte ich hier nicht in der Wohnung herumhocken, das war einfach nicht meine Art. Ich erkor das Schloss Wickrath zu meinem Ziel aus. Dort könnte ich auch eine Kleinigkeit zu mir nehmen, vielleicht sogar frühstücken. Die Idee gefiel mir und so machte ich mich nur allzu bald auf den Weg. An Chrissis Tür schlich ich leise vorbei - um ja nicht wieder die Nachbarin auf mich aufmerksam zu machen - und verkniff mir, noch einmal zu klingeln.

Die Sonne brannte und schon nach wenigen Metern bereute ich, keine Mütze angezogen zu haben. Oder einen Hut. Dabei bin ich nicht wirklich der Huttyp. Obwohl mir natürlich als Privatdetektiv so ein Schlapphut bestimmt gut zu Gesicht stehen würde. Ich beschloss, mir in den nächsten Tagen einen zuzulegen. Wenn sich die Gelegenheit ergab. Befand sich in Rheydt eigentlich ein Hutgeschäft? Oder bekam man so etwas auch im Kaufhaus? Nun, ich würde es herausfinden. Nicht umsonst war ich ja der Privatdetektiv Jonathan Lärpers. Und Personenschützer und Bodyguard und Kampfschullehrer und ...

Die Plakate wiesen mir den Weg: ‚Knospen und Genussfest in Wickrath. Der Gewerbekreis lädt ein’ Dazu einige Fotos von glücklich grinsenden Menschen. Nun, das war doch etwas! Wo fand das statt? Ah ja, in der Innenstadt von Wickrath. Nicht mehr weit zu Fuß. Rasch änderte ich meine Pläne. Das Schloss lief mir nicht davon. Jetzt aber lockte das ‚Genussfest’ mehr. Allein schon der genüssliche Gedanke an ein ‚Genussfest’ weckte in mir den Wunsch auf Genuss. Ich durchquerte schnellen Schrittes den Schlosspark und landete kurze Zeit später auf dem Marktplatz. Die Menschen drängelten sich zwischen Ständen und Verkaufspavillons. An allen Ecken und Enden stand jemand und stopfte sich vor der vorbeiziehenden Menschenmenge Essen in den Mund. Ich lächelte. Hier kostete eine Mahlzeit im Stehen mehr als ein komplettes Essen in einem Restaurant. Wehmütig dachte ich an Curry - Erwin, der mir im Laufe der Jahre ein echter Freund geworden war. In seiner kleinen Frittenbude stimmten Preis und Leistung. Und natürlich der Service. Erwin hatte immer ein offenes Ohr und eine helfende Hand für mich.

Die Gedanken an Erwins Fritten- und Wurstangebote ließen meinen Magen knurren und als ich plötzlich etwas mit Wurst und Fritten erblickte, beschloss ich mir ein kleines Essen zu gönnen. Mitten in der Einkaufsstraße befand sich nämlich ein winziger mobiler Verkaufsstand mit Pommes und Wurst. ‚Echte Berliner Currywurst’ stand da. Entgegen kam mir, dass noch kein einziger Kunde davor stand. So brauchte ich wenigstens nicht lange zu warten.

„Einmal Currywurst, bitte“, orderte ich und suchte den Preis auf der kleinen Anschlagtafel. Auch der war in Ordnung. „Normal, scharf oder sehr scharf?“, fragte mich die Verkäuferin. Eine Frage, die sich bei einem Jonathan Lärpers doch eigentlich von selbst verbietet. Normal? Naja. Scharf? Hahaha. „Natürlich sehr scharf“, entschied ich und blickte die Verkäuferin lächelnd an. Eigentlich ganz nett, die Kleine.

„Haben sie denn schon einmal ‚sehr scharf’ gegessen? Die ist nämlich ‚sehr scharf’, wirklich!“

Machte sie sich jetzt Gedanken um mich? Natürlich hatte ich schon einmal sehr scharfe Currywurst gegessen. Curry - Erwin lachte dann immer, streute die doppelte bis dreifache Menge Currypulver über die Wurst und sagte regelmäßig: „Natürlich wieder sehr scharf, für den Spezialdetektiven Lärpers.“ Daran musste ich jetzt denken und lächelte in seliger Erinnerung.

„Warum grinsen sie so? Haben sie denn wirklich schon einmal unsere ‚sehr scharfe’ Wurst gegessen?

Ich winkte ab. Was sollte dieses Herumgerede; war ich der Kunde oder nicht? „Nun machen sie schon, bevor ich verhungere.“

Sie nickte: „Pommes oder Brot dazu?“ - „Nein, danke, nur die Wurst.“ - „Ich würde aber Brot empfehlen.“

Bald reichte es mir. Bekam ich nun endlich meine Wurst oder nicht? Aber die Verkäuferin schien nun verstanden zu haben und würzte. Ziemlich zurückhaltend, wie mir schien; Curry - Erwin war da großzügiger. Aber ich hielt mich mit Kritik zurück, sonst würde ich am Ende vielleicht nie meine Wurst bekommen. Endlich nahm ich die kleine Schale entgegen.

„Wirklich kein Brot?“

Ich hielt es nicht für notwendig, darauf zu antworten.

Die ersten zwei Wurststücke schlang ich heißhungrig hinunter, beim dritten Stück lief es siedend heiß durch meinen Körper. Mein Mund brannte, mein Hals brannte. Der Magen rebellierte und vor Tränen erkannte ich alles nur noch verschwommen. Was war mit mir geschehen? Brannte die Wurst vielleicht? Hatte man mir brennendes Öl in den Rachen geschüttet?

Lächelnd sah mich die Verkäuferin an: „Gut nicht? Und auch wirklich scharf. Aber das ist ja noch gar nichts. Wir verkaufen hier die Würste bis Schärfegrad vier, also so fünfzigtausend bis hunderttausend Scoville. In unserer Niederlassung in Berlin können sie Currywürste sogar mit bis über zwei Millionen Scoville kaufen.“ Sie lachte. „Aber die dürfen sie dann nur ab Achtzehn und auf eigene Gefahr essen.“ Sie blickte mich besorgt an. Es schien mir, als würden meine Augen aus dem Gesicht quellen.

„Ist ihnen nicht gut? Sie haben doch gesagt, dass sie scharfes Essen gewohnt sind.“

„Wasser“, krächzte ich, „Wasser.“

Sie kramte eine Flasche mit Drehverschluss hervor. „Kalt oder warm?“, fragte sie dann und hielt die Flasche in für mich unerreichbare Ferne.

„Egal, egal. Nur schnell“, meine Worte klangen wie ein einziges Hauchen. Die Schale mit der Wurst lag mittlerweile vor meinen Füßen am Boden. Beide Schuhe waren mit roter Currysoße bekleckert. Ich fächelte mir Luft zu und atmete hechelnd.

„Wasser bitte.“ - „Also ich würde ja an ihrer Stelle lieber etwas Brot essen. Das lindert den Schmerz besser!“

Ich schüttelte den Kopf: „Wasser, schnell.“

Die Verkäuferin nickte: „Gut, wie sie wollen. Macht vierfuffzig.“

Ich kramte einen fünf Euro Schein hervor und reichte ihn ihr. Dankbar nahm ich die Flasche entgegen. Ein Stück seitlich sah ich einen abgestellten Brunnen und ächzend ließ ich mich auf dessen Rand nieder. Meine Knie zitterten heftig. Dann setzte ich die Flasche an den Hals und trank in kleinen Schlucken. Das Wasser war kalt und durchfloss meine Kehle wie ein Strom von spitzen Nadeln. Ich verschluckte mich, hustete und übergab mich schließlich in den trockenen Brunnen.

Ein älteres Ehepaar ging kopfschüttelnd an mir vorbei. Ich hörte nur wie sie zu ihm sagte: „Dass diese Penner schon mittags betrunken in der Stadt herumlungern.“ Worauf er antwortete: „Dat is dat Genussfest, Luise, dat Genussfest!“

Das Wasser brachte nicht wirklich Linderung und ich brauchte noch eine geraume Weile, bis ich wieder einigermaßen normal atmen konnte. Nie und nimmer ging es bei dieser Currywurst mit rechten Dingen zu! Ich beschloss, um den kleinen Verkaufswagen einen großen Bogen zu schlagen. Sobald ich wieder gehen konnte.

Als es mir endlich wieder etwas besser ging, wankte ich - im Bogen um den Currywurstwagen herum - zu einem Bierstand. Der Wirt in dem Stand blickte mir misstrauisch entgegen und schüttelte den Kopf, als ich mich schwer atmend auf den Tresen stützte.

„Nee, nee Männchen. Hier krisse kein Bier!“ - „Wasser“, bat ich, „bitte ein Wasser.“ Er sah mich an: „Naja, Wasser geht. Drei Euro aber im Voraus.“

Ich zählte das Geld ab und stürzte das lauwarme Getränk herunter. Nie war mir klares Wasser leckerer vorgekommen. Auch wenn dieses kaum noch über Kohlensäure verfügte und lauwarm war. „Noch eins.“ Wieder legte ich das passende Geld auf den Tresen. Dieser Tag kostete mich ein Vermögen. Nach dem vierten Glas ging es mir einigermaßen besser, einmal abgesehen von dem Wasserbauch und der damit verbundenen Übelkeit. Als ich an die Wurst von eben dachte, musste ich ein wenig würgen.

„Datte mir hier nich hinkotzt“, herrschte der Mann mich an und wischte demonstrativ mit einem feuchten Lappen über die Theke. „Sie’ ma zu, datte weiterkomms.“

Ich hatte ohnehin genug getrunken und meine Beine trugen mich wieder tadellos. Guten Mutes setzte ich meinen Weg durch die Stadt der Knospen und des Genusses fort. Schnurstracks auf einen Stand zu, der verschiedenste Accessoires feilbot. Mützen, Schals, Handschuhe und auch Hüte. Ich schaute mir die Auslagen an und musste schmunzeln. Jonathan Lärpers der Privatdetektiv mit Schlapphut. Das könnte mein Markenzeichen werden!

„Wat grinste denn so dämlich oder willste wat kaufen?“ Die Dame auf der anderen Seite des Verkaufstisches schien entschieden zu haben, dass ich weniger ein Kunde wäre. Sonst hätte sie sich doch wohl kaum so rüde geäußert.

Ich ließ meinen ganzen Charme spielen: „In der Tat gute Frau, ich habe vor eines ihrer Exponate zu erwerben.“ - „Wat willste? Wat kaufen - wat denn?“

„Was soll denn dieser Hut dort kosten?“, erkundigte ich mich zeigte auf einen mittelbraunen Schlapphut.

„Dat iss en Damenhut. Wollste den selbst tragen?“ - „Der Hut sieht mir aber mehr nach unisex aus“, entgegnete ich und griff nach dem guten Stück. Nach einigem Suchen fand ich einen Spiegel. Perfekt. Die Kopfbedeckung stand mir wirklich gut. Sie betonte richtig das Detektivische in mir.

„Neunundsechzich neunzich. Un dat is nen Damenhut!“

Nun, das war ein stolzer Preis aber schließlich wollte ich mich nicht lumpen lassen. Ich blätterte siebzig Euro in die ausgestreckte Hand der Frau. „Stimmt so“, beschied ich großzügig. „Für ihre freundliche Bedienung.“

„Na, dat is ja wirklich großzügich. Zehn Cent! Willste noch wat kaufen?“

Ich winkte dankend ab. Mein Barvermögen näherte sich drastisch dem Nullpunkt. Mehr konnte und wollte ich mir jetzt nicht leisten.

Den Hut ließ ich gleich auf und machte mich mit meiner Errungenschaft auf den Heimweg. Wohlweislich wählte ich einen Weg, der mich in einem weiten Bogen um den Currywurststand herumführte. Auch den trockenen Brunnen mied ich.

Auf dem Weg in meine Wohnung klingelte ich noch einmal probeweise bei Chrissi. Vielleicht war sie ja jetzt zu Hause. Aber niemand öffnete und bevor wieder die misstrauische Nachbarin auftauchte, stieg ich die Treppe zu meiner Wohnung hinauf. Nun, vielleicht sollte ich den Schlapphut ja morgen ins Büro anziehen. Ich hielt das für eine prima Idee.

III.

Überpünktlich, um fünfzehn Minuten vor neun Uhr, betrat ich unsere Detektei in Güdderath. Birgit saß schon hinter der Rezeption und blickte mir entgegen. „Guten Morgen, Johni. Schön, dass du auch schon da bist.“ - „Was soll das denn bedeuten?“ Wollte die Zicke schon am frühen Montagmorgen mit mir Streit anfangen? „Das Meeting beginnt doch erst um neun. Also spare dir deine Worte. Ich bin sogar noch zu früh dran.“

„Johni, du bist mal wieder der Letzte. Die anderen sind alle schon im Präsentationsraum. Bis auf Bernd natürlich.“ Dann schaute sie mich ausgiebig an. „Was trägst du denn da?“ - „Wo?“ - „Na, auf deinem Kopf!“

Ich lächelte. Ja, meine neue Kopfbedeckung machte Eindruck. Privatdetektiv Jonathan Lärpers - der Mann mit dem Schlapphut. „Klasse, nicht? Das gute Stück habe ich gestern auf dem Fest in Wickrath gekauft. Ein Schnäppchen quasi.“ Ich berührte die Krempe mit zwei Fingern und zog den Hut etwas weiter ins Gesicht.

„Und was hast du dafür bezahlt?“ Birgit tippte fleißig auf ihrer Tastatur herum. Zwischendurch blickte sie immer wieder auf meinen neuen Hut. Ich sah aber auch zu gut aus. „Also wie viel, Johni?“

Vielleicht gefiel ihr der Hut so gut, dass sie sich auch einen kaufen wollte. Die Detektei der Schlapphüte ... Der Gedanke gefiel mir. „Neunundsechzig neunzig“, gab ich stolz bekannt und blickte die Zicke überlegen an. „Ein echtes Schnäppchen eben.“

Birgit tippte noch einmal auf ihre Tastatur und blickte mich freundlich an: „Du siehst ja wirklich toll darin aus, Johni.“ Sie kicherte, was ich jetzt albern fand. „Auch wenn das ein Damenhut ist. Aber du bist ja ohnehin mehr der feminine Typ.“

Was das nun wieder heißen sollte! Da denkt man einmal, dass das Fräulein Zicke nett und freundlich wäre und dann doch wieder nur Boshaftigkeiten. Ich hielt lediglich meinen ausgestreckten Mittelfinger hoch und wandte mich Richtung Präsentationsraum. Die anderen sollten nicht meinetwegen warten müssen. Obwohl - wenn Bernd auch noch nicht da war ...

Nach nicht ganz zwei Schritten rief mich Birgit zurück: „Johni, das hier solltest du dir noch kurz anschauen ...“

Ich drehte mich um: „Was ist denn nun wieder?“ - „Hier, Johni. Du solltest einen Blick auf den Monitor werfen.“

Neugierig trat ich hinter den Empfangstresen. Was gab es jetzt wieder so Wichtiges, das ich mir noch unbedingt anschauen sollte? Aber auf dem Bildschirm erblickte ich nur das übergroße Bild eines Schlapphutes. Genau so einer wie ich ihn auf dem Kopf trug. Aha, kombinierte ich messerscharf, Birgit wollte sich jetzt auch so einen Hut kaufen und mich deswegen um Rat fragen. „Sehr schön, Birgit“, lobte ich.

„Ja, nicht, Johni? Aber schau hier.“ Sie scrollte den Bildschirm ein wenig herauf, dann hielt sie ihren Zeigefinger mit einem bunt lackierten Nagel auf den Bildschirm. Dort wurde eine Zahl angezeigt, die sie mir dann aber auch gleich glucksend vorlas: „Acht Euro und neunundneunzig Cent“, verkündete sie und ich spürte, wie sehr sie ein brüllendes Lachen zurückhielt. „Da kommt allerdings noch Porto hinzu“, meinte sie dann todernst, sah mich an, blickte auf meinen Hut und brach in lautes Gelächter aus. „Du hast dich aber ganz schön über den Tisch ziehen lassen“, stieß sie mühsam hervor und ihr knallrotes Gesicht passte hervorragend zu den gefärbten Haaren.

„Das ist ja auch eine ganz andere Qualität“, stieß ich zwischen den Zähnen hervor und stürmte in den Konferenzraum. Diese blöde, blöde Zicke!

Hochroten Kopfes ließ ich mich auf einen Stuhl fallen. „Guten Morgen, Jonathan.“ Christine grinste mich an. „Der Esel grüßt aber zuerst, wenn er in den Stall kommt.“

„Morgen, Chrissi, morgen Sam.“ Sam nickte mir zu und blickte interessiert auf meinen Schlapphut. „Was ist denn das, Jonathan? Bist du jetzt unter die Cowboys gegangen? Wir haben doch keinen Karneval.“ Christine lachte: „Ich glaube eher, dass Jonathan seine weibliche Seite damit ausdrücken will.“

Reichte es eigentlich nicht, dass Birgit mich so ärgern musste? Warum hörte ich mir jetzt auch noch die dummen Kommentare meiner Kollegen an? Mir lag schon eine entsprechende Entgegnung auf der Zunge, als Bernd den Raum betrat. Hinter ihm kam Birgit in das Zimmer und schloss die Tür.

Ich grinste und machte ihr ein Zeichen: „Von außen, Birgit, von außen.“

Bernd nickte uns zu und wünschte uns einen guten Morgen. „Guten Morgen zusammen. Und Jonathan: Es hat schon seine Richtigkeit, dass Fräulein Zickler, also Birgit, heute beim Meeting anwesend sein wird. Nähere Erläuterungen später.“

Birgit ließ sich mir gegenüber grinsend nieder und machte - als Bernd nicht hinsah - das Victory - Zeichen. Ich konterte mit dem ausgestreckten Mittelfinger, was Bernd allerdings auffiel, da er sich in diesem Moment umdrehte. „Jonathan, Jonathan. Was soll das jetzt wieder? Und nimm’ endlich diesen kindischen Hut ab. Das ist doch ein Damenhut; du siehst damit irgendwie komisch aus.“ Er suchte einige Unterlagen zusammen und sah mich an. „Gut, wenn Jonathan auch endlich bereit ist, dann können wir ja beginnen. Nachdem der Observierungsauftrag nun beendet ist - auch wenn der Ausgang doch etwas, wie soll ich sagen ... eigenartig war, so ist Jonathan nun immerhin für weitere Aufgaben frei. Aber dazu gleich mehr. Monika sollte eigentlich heute auch dabei sein, musste aber kurzfristig absagen, da sie mit ihrem Mann zu einem Kongress nach Dublin geflogen ist. Wir sind also unter uns ...“

Als Birgit leise lachte, machte ich ein böses Gesicht: Nein, wir waren nicht unter uns, denn die Zicke gehörte schließlich hinter die Rezeption und nicht in dieses Meeting hier. Dieser Platz war für die wirklichen Detektive reserviert. Und wenn es nun in der Tat um einen Auftrag vom Oberstaatsanwalt gehen sollte, so hatte das Mädchen hier erst recht nichts verloren.

Aber ich sagte nichts, schließlich war Bernd ja der Chef und er würde schon wissen, wen er zu seinen Meetings einlud.

Seufzend goss ich mir ein Glas Mineralwasser ein. Wieso standen eigentlich die Flaschen Orangensaft, Apfelsaft und Limonade außerhalb meiner Reichweite? Das ging doch wieder auf die Zicke zurück! Aber ich wollte die Versammlung jetzt ja auch nicht stören, indem ich aufstand und mir eine Flasche vom anderen Ende des Tisches her holte. Und warum kochte Birgit niemals Kaffee?

„Jonathan, hörst du mir zu?“ Bernd riss mich aus meinen Gedanken.

„Natürlich Bernd“, entgegnete ich und sah Birgits Grinsen aus dem Augenwinkel.

„Also, zunächst zu einer kleinen Änderung die Detektei betreffend: Wie wir feststellen mussten, erfordern die Aufgaben hier keine Sekretärin mit Vollzeitstelle. Ja, eigentlich nicht einmal eine in Teilzeit. Nach intensiven Gesprächen mit Jennifer und Birgit sind wir zu dem Schluss gelangt, dass die verwaltungstechnischen Dinge auch von Jennifer miterledigt werden können. In den nächsten Tagen wird an der Eingangstüre ein Hinweis für Laufkundschaft ausgehängt werden, dass die Detektei ab sofort drüben im Krav Maga Zentrum von Jennifer, also Frau Enssel, mitverwaltet wird. Anrufe werden direkt umgeleitet und ihr sorgt bitte dafür, dass die Türe vorne stets geschlossen ist, so dass niemand Unbefugtes in die Räume gelangen kann.“

‚JA - JA - JA’, jubelte es in mir. Das war’s dann, liebe Frau Zickler - Birgit - Zicke! Ich hatte Mühe, mir meine Freude nicht anmerken zu lassen. Also deswegen befand sich Birgit jetzt mit uns hier im Meeting! Bernd entließ sie. Endlich! Das wurde ja auch Zeit. Vielleicht könnte ich ja sogar Bernd davon überzeugen, dass Jennifer ihre Tätigkeit hierhin verlegte. Die Anrufe von drüben hierhin umleiten. Ich roch schon den von Jenni so perfekt aufgebrühten Kaffee. Rasch überlegte ich, welche Brötchen ich mir zuerst von ihr wünschen würde. Schinken? Käse? Vielleicht Mettbrötchen mit Zwiebeln ... Ich sah rosige Zeiten auf mich zukommen.

Bis Bernd meinen Traum auf brutale Weise platzen ließ. Ich hatte ihm nicht richtig zugehört, so sehr war ich in meiner Freude versunken, aber die folgenden Worte drangen wie Schläge mit einem Vorschlaghammer in mein Hirn: „... deswegen also haben wir beschlossen, dass Birgit ab jetzt bei uns aktiv im Team mitarbeiten wird. Sie bekommt eine Ausbildung, wobei einer von euch sie zunächst unter seine Fittiche nehmen wird, dann absolviert sie entsprechende Lehrgänge.“

Das kühle, klare Mineralwasser floss aus meinem offenstehenden Mund heraus, meinen Hals hinunter und durchnässte mein Hemd. Mir war klar, dass ich das Glas absetzen musste, aber meine Hand gehorchte mir nicht mehr. Erst als sich alles Wasser auf meinem Hemd und meiner Hose befand, war ich in der Lage das Glas auf dem Tisch abzustellen. Aus ungläubigen Augen blickte ich abwechselnd Bernd und die Zicke an. Birgit Zickler als Kollegin! Ich stöhnte gequält auf. Das fehlte gerade noch. Wie hieß es so schön: Den Bock im Garten machen. Oder so ähnlich.