Dr. Junkie - Berlin im Rausch - Stefan Schweizer - E-Book

Dr. Junkie - Berlin im Rausch E-Book

Stefan Schweizer

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Beschreibung

BAND 4: Opioide Showdown vor Gericht? Der Prozess gegen Hygieia steht an. Ihr wird schwunghafter Drogenhandel vorgeworfen, es droht sogar eine Haftstrafe. Ihr Freund Mika und sein Kumpel Marius, die einem Araber am Kotti Legal Highs gestohlen haben, wollen sie zum Sündenbock machen und sich reinwaschen. Doch Hygieia plant einen Deal mit der Staatsanwaltschaft … Paul ist mit der Situation überfordert. Er steigert seinen Benzo Konsum und interessiert sich zunehmend für andere Frauen. Bis er seine wahre Geliebte entdeckt: eine neue Droge, die ihm alles gibt. Doch bei der ersten richtigen Umarmung mit dem modernen O kommt es zur Katastrophe.

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Seitenzahl: 145

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Stefan Schweizer

Dr. Junkie–Berlin im Rausch

Band 4:Opioide

eISBN 978-3-911008-11-2

Copyright © 2024 mainbook Verlag

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Gerd Fischer

Coverdesign und Umschlaggestaltung: Florin Sayer-Gabor – www.100covers4you.de

Hintergrundbild: Stefan Schweizer

Illustration ‚Dr. Junkie‘: Lukas Hüttner

Auf der Verlagshomepage finden Sie weitere spannende Bücher: www.mainbook.de

Autor Stefan Schweizer

Stefan Schweizer studierte, promovierte und lehrte an der Universität Stuttgart. Er lebt im Speckgürtel der Bundeshauptstadt, bewegt sich gerne in fremden Kulturen, in exotischen subkulturellen Milieus und ist Grenzgänger zwischen den Scenes.

Veröffentlichungen (Auswahl): „Seitenwende“ (gemeinsam mit Gerd Fischer, mainbook 2023), „Schall & Rausch - Der Graskönig von Berlin“ (gemeinsam mit Martin Müncheberg, Cannabis-Krimi 2022), Thriller-Trilogie „Götterdämmerung“, „Siegfried“ und „WalhallaX“ (gemeinsam mit Autor Michael Seitz, mainbook 2021-2023), „Mörderklima“ (Klimawandel-Krimi, mainbook, 2020), „50 Jahre RAF“ (Südwestbuch, 2019), „Goldener Schuss“ (Gmeiner, 2015).

Inhalt

Prolog: 17. August 2023

1. 19. August 2023, ein Spielplatz in Potsdam

2. 26. August 2023, Insel Kos/Griechenland

3. 26. August 2023, Berlin Kreuzberg

4. 26. August, Insel Kos, Griechenland

5. Potsdam, 28. August 2023

6. 14. September 2023, Potsdam

7. 22. September 2023, Potsdam

8. 29. September 2023, Potsdam

9. 5. Oktober 2023, Berlin/Kottbusser Tor

10. 10. Oktober 2023, Potsdam

11. 15. Oktober 2023, Berlin Kreuzberg, Hinterzimmer einer Teestube

12. 3. November 2023, Berlin/Kurfürstenstraße

13. 9. November 2023, Potsdam

14. 19. November 2023, Potsdam

15. 23. November 2023, Potsdam

16. 28. November 2023

17. 16. Dezember 2023, Potsdam

Prolog

17. August 2023

Hygieia kommt zu sich. Es ist ein harter Aufschlag in der Wirklichkeit.

Plötzlich spürt sie die Handschellen, die tief ins Fleisch ihrer Handgelenke schneiden. Verzweifelt reibt sie die Hände am Metall. Das schmerzt und hilft nicht. Dennoch versucht sie, sich von ihren Fesseln zu lösen, was sie aber der Freiheit keinen Millimeter näherbringt.

„Lass ditte, sonst jibt’s Ärcher, wa“, hört sie eine tiefe Stimme von der linken Seite und damit ist sie endgültig im Hier und Jetzt angekommen.

Die große, starke Frau mit dem breiten Becken und dem ausgeprägten Bauchansatz trägt eine Uniform mit dem Hoheitszeichen des Bundeslands Brandenburg. Eindeutig zu viele Buletten und Knacker, wie auch ihr Bluthochdruckgesicht zeigt. Ihr derbes Gesicht mit den großen blauen Augen, dem viel zu breiten Mund und gigantischen Ohren blickt sie mit einem schiefen Grinsen höhnisch von oben herab an. Der blonde Pferdeschwanz ist preußisch-ordentlich zusammengebunden und betont ungünstig das grobflächige Gesicht.

„Bitte“, fleht Hygieia. „Ich möchte gehen. Nur gehen. Dann wird alles gut …“

Sie spürt, wie verzweifelt ihre Stimme klingt und für den Bruchteil einer Sekunde glaubt sie deshalb, alles wird gut, sie kann gleich aufstehen und nach Hause gehen.

„Ditte jeht nich“, sagt ihr der Justizvollzugsbeamte mit dem freundlicheren Gesichtsausdruck, der auf ihrer anderen Seite Position bezogen hat und sich beim Sprechen zu ihr herunterbeugt. „Zuerst musste durch die Verhandlung durch und dann sehn wer weiter.“

„Wärste halt anständich jeblieben, statt so ne Kacke zu bauen, wa, dann könnt mer alle jetze wat Schöneret machen …“, ergänzt die Frau und lacht abgehackt. „Aber Dienst ist Dienst und den Rest kennst de ja bestens.“

Schnaps und vor allem Drogen, verdammt …

Es fehlt nicht viel und Hygieia beginnt zu weinen. Keine siebzig Zentimeter vor ihr befindet sich eine weiße Stahltür. Nur wenige Schritte und sie ist direkt in der Manege. Dem Gerichtssaal. In der die Potsdamer Justitia auf sie wartet. Sie ist der Star, auf den alle warten. Der JVA-Beamte erhält offensichtlich einen Hinweis, fasst sich ans Ohr und nickt zweimal.

„Dein Auftritt, Frollein!“, meint er. „Nüscht für unjut, aber ick wär froh für meine Kinder, wenn du ordentlich wat uffjebrumt kriejen würdest, damit die sicher sind und ihnen nüscht mit deinen Kackdrogen passiert, weeste …“

Er vollendet den Satz nicht, doch sie weiß genau, was er meint, denn ihr wird unterstellt, sie sei eine Gefahr für die Öffentlichkeit. Weil sie angeblich Betäubungsmittel gegen Geld in Umlauf bringe. Sie möchte nur weg, fliehen, verlagert den Schwerpunkt auf ihr Gesäß wie ein Sumo-Ringer, versucht mit der Bank zu verschmelzen, doch dann fassen sie starke Arme links und rechts und hieven sie einfach hoch. Unsicher steht sie auf den Beinen und ballt immer wieder die Hände zu Fäusten, damit das Blut besser zirkuliert.

„Keene Sperenzjen, sonst jibts nich nur vom Richter noch wat oben druff“, verwarnt sie die fiese Tante und schielt nach dem kleinen Schlagstock, der an ihrem Gürtel baumelt. „Wir jehen da jetze rin und dann is jut, wa …“

Doch Hygieia hört nicht mehr zu. Ihr wird schwarz vor Augen und sie droht wegzusacken. Doch ihre Begleiter sorgen dafür, dass sie auf den Beinen bleibt und Schritt für Schritt tapfer weitergeht. Sie schämt sich jetzt so sehr, dass ihr Herz beinahe entzweibricht, ist aber zugleich froh, keine Fußfesseln tragen zu müssen. Sie stellt sich vor, wie sie alle dort im Saal sitzen und wie die Hyänen lauern, ihre Mutter, ihr Vater, Mika, vielleicht sogar ihr kleiner Bruder und …

Endlich sitzt sie wieder. Hat erneut Bodenhaftung gewonnen. Aber Hygieia ist innerlich zutiefst verzweifelt. Ihr Herz rast ohne Unterlass. Jeden einzelnen Schlag spürt sie wie eine Wasserstoffbomben-Detonation in ihrem Inneren. Die an der sterilen Decke angebrachten grellen Neonlichter im Saal verschwimmen zu einem einzigen Lichttunnel und sie hat Angst, große Angst. Nur mit Mühe kann sie den Blick scharf stellen. Doch das macht es nicht besser …

Sie sieht die kompakte Richterin mit der roten Retrobrille und der Betondauerwelle in einer undefinierbaren Straßenköter Farbe, die auf ihrem Richterstuhl wie eine Königin thront und sie von oben herab mustert.

Das soll die Frau sein, die kein Pardon kennt?, fragt sie sich ungläubig, denn eigentlich sieht sie aus wie Tante Erna am Samstagnachmittag in der Laube oder wie Großmutti Erika vom Späti am Luisenplatz.

Wendet sie den Blick nach rechts, erscheint der Staatsanwalt in ihrer Optik. Oberstaatsanwalt Dr. Grunzke. Ein Witz von einem Mann. Er ist kleinwüchsig, transpiriert stark und hat eine runde Brille mit Stahlgestell auf der riesigen Nase. Am ehesten erinnert sie der Typ an ein Kinderbuch, das ihr Vater ihr als Kind vorgelesen hat: die Geschichte vom Maulwurf Grabowski mit seinen kleinen, putzigen Grabekrällchen …

Ohne Vorwarnung tätschelt eine glitschige Hand die ihre, woraufhin sie zusammenzuckt. Dem folgt ein heiseres Räuspern. Es ist ihr Verteidiger, der ihr Mut einflößen möchte, doch die feuchte Hand fühlt sich nicht nur ekelhaft an, sondern sie findet die Handlung auch übergriffig. Schnell zieht sie ihre Hand zurück, ohne ihm einen flüchtigen Blick zu schenken und murmelt etwas, das alles bedeuten kann.

Es ist ihr nicht möglich, die Kakophonie von Geräuschen, die sie umgibt, voneinander zu trennen. Und dennoch hört sie in aller Klarheit die Stimme des Staatsanwalts Dr. Grunzke: „… haben ergeben, dass es sich um eine Gesamtmenge Cannabinoid-Stoffe im Gesamtvolumen von knapp unter 90 Gramm handelt. Damit geht es zwar um eine nicht mehr geringe Menge, aber wir befinden uns damit noch nicht ganz im Bereich der …“

Auf der Zuschauertribüne entsteht Gejohle. Pfiffe ertönen. Jemand klatscht wie ein Wilder. Sie wendet den Kopf in diese Richtung, obwohl sie doch bereits weiß, wer dort alles sitzt. Sie sieht Mika, der ein weißes Kopfkissenlaken schwenkt, auf dem mit roter Farbe „Free Hygieia“ steht und darunter befindet sich der legendäre fünfzackige Stern in Schwarz. Irgendwie wirkt sein Gesicht verzerrt, beinahe scheint es, als schneide er Grimassen, was sie beim besten Willen nicht versteht, sie hofft, er wird ein Herz formen oder ihr Luftküsse zusenden. Zudem hängt sein Mund schief nach links herunter und die sonst so attraktiven Haare sehen aus wie seit mindestens zwei Wochen nicht mehr gewaschen. Neben ihm sitzt Herr Kowalski, ihr Klassenlehrer. Der lächelt still in sich hinein, ballt die Fäuste wie nach dem Sieg seiner Lieblingsfußballmannschaft und scheint innerlich vor Freude zu feixen.

„Haben Sie, Angeklagte, etwas zum Sachverhalt zu sagen?“

Bevor sie etwas antworten kann, spürt sie wieder diese eklige Hand ihres Verteidigers, der ihr signalisiert, ihre volle Aufmerksamkeit sei nun gefragt. Doch etwas stimmt nicht mit dem Bild. Es waren nämlich 200 Gramm potenzierter Cannabinoide, das hatte Mika ihr doch gesagt und damit sind alle Chancen auf eine Strafe ohne Freiheitsentzug auf Bewährung in den Bereich des Unmöglichen verschoben und ihr ist völlig unklar, wie diese Typen nun auf nur 90 Gramm kommen, aber …

„Zu diesem Zeitpunkt noch keine Aussage“, hört sie die Worte des Rechtsanwalts, die klingen, als kämen sie aus einer anderen Dimension, dabei weiß sie nicht einmal mehr, wo oben und unten ist. Dann leiser, nur für sie bestimmt: „Wir dürfen uns jetzt noch nicht auf den Sachverhalt einlassen, sonst ist alles verloren und …“

Täuscht sie sich oder schluchzt der Mann, der genauso groß wie sie ist, aber einen Bauch vor sich herträgt, als würde er darunter zwei Fußbälle verstecken? Sein fauliger Atem erreicht sie und angewidert rümpft sie die Nase.

„Meine Mandantin wird sich zu einem späteren Zeitpunkt zu dem Sachverhalt äußern“, sagt ihr Rechtsanwalt mit der dünnen, beinahe zitternden Stimme ins Mikrofon. „Ich möchte das Gericht lediglich darauf hinweisen, dass die angegebene Menge in keiner Weise mit den Ergebnissen der kriminalpolizeilichen Untersuchungen übereinstimmt …“

Sie hat das Gefühl, nichts geht mehr, alles ist verloren oder vielleicht noch schlimmer, doch dann …

„Hygieia, gestehe, bereue und nicht nur der Herr wird dir alles vergeben!“, wird ihr Rechtsbeistand von einem Zuruf aus dem Publikum unterbrochen. „Lasset uns beten und den Herrn um Vergebung anflehen! Lasset uns den Herrn preisen und darum beten, dass er uns vor der Sünde bewahrt. Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“

Die Zuschauer im Gerichtssaal brechen in tosendes Gelächter aus. Natürlich ist es ihre Mutter, diese verrückte religiöse Fanatikerin, als sei ihr Martyrium ohne sie nicht schon schlimm genug. Selbst die Richterin und der Oberstaatsanwalt lachen herzhaft und reiben sich dabei die Tränen aus den Augen.

„Auf keinen Fall ein Geständnis, Fräulein Straff, sie müssen schweigen wie ein Grab, sonst ist alles verloren“, insistiert ihr Anwalt und sein modriger Atem macht es ihr unmöglich, regelmäßig zu atmen, denn sie hat Angst, die Fäulnis wird in ihre Lunge kriechen und daran wird sie elendig verrecken. „Auf keinen Fall auch nur ein einziges Wort, sonst sehen Sie das Licht der Freiheit für die nächsten Jahre nicht wieder.“

Seine Worte vermischen sich mit dem Geräuschpegel und in ihren Ohren entsteht ein Rauschen, das sie bisher noch nie gehört hat.

„Ruhe im Saal, oder ich verhänge Ordnungsstrafen“, meldet sich die Richterin lautstark zu Wort, wischt sich die Lachtränen aus dem Gesicht und klopft dann mit ihrem Hammer mehrmals engagiert aufs Holz, wobei sie ein neuer Lachflash ereilt.

„Eins muss ich aber noch loswerden“, meldet sich sofort die Stimme ihres Vaters trotz des Ordnungsrufs, „ich möchte nie wieder Drogen von meiner Tochter verabreicht bekommen. Nie wieder! Was glauben Sie, wie ich gelitten habe, während des Drogenabusus? Meine Tochter ist nicht nur eine Gefahr für die Allgemeinheit, sondern auch für unschuldige Eltern. Das muss doch auch mal gesagt werden.“

Jetzt gibt es kein Halten mehr.

„Ich beantrage für mich Schutzhaft. Bitte schützen Sie mich vor meiner Tochter!“

In dem Raum herrscht Bierzeltstimmung, ein Tumult entsteht, sie sieht, wie Mika über einige Bänke nach vorne klettert, ihren Vater mit hochrotem Kopf, der sie vorwurfsvoll anblickt und dessen Lippen weitere Bewegungen machen …

Das „Ruhe, oder ich lasse den Saal räumen!“ der Richterin wirkt schließlich wie ein Donnerhall und tatsächlich beruhigt sich die Situation wieder. Hygieia hat endgültig das Gefühl abzudriften. Das Bewusstsein zu verlieren. Und dennoch will und muss sie stark bleiben, darf sich diese Blöße nicht geben. Nicht vor diesen Schießbudenfiguren. Die werden noch sehen, was Stärke ist und wie stark sie sein kann.

„Wir fahren nun ordnungsgemäß mit dem Verfahren fort und laden den Kronzeugen Marius Müller.“

„Mist, jetzt gilt’s“, meint ihr Anwalt leise. „Hat die Staatsanwaltschaft diesen Müller doch noch umgedreht“, flucht er. „Das hätte ich nicht erwartet. Gegen Kronzeugen der Anklage ist sogar meine Wenigkeit machtlos.“

Sie kriegt inzwischen kaum noch Luft und noch weniger ist es ihr möglich, die sie umgebenden Ereignisse in sich aufzunehmen, zu rastern und zu verarbeiten. Sie hört die Stimme dieses Schleimers Marius, dieser kleinen Verräterratte, der lieber seine Mutter verkaufen würde als einen winzigen Nachteil im Leben erleiden zu müssen und der Mika und ihr diese ganze Scheiße eingebrockt hat, weil er seine Finger nicht bei sich behalten konnte und ausgerechnet am Kotti einen Araber beklauen musste mit den schlimmsten Folgen, aber ausschließlich für sie …

„Hohes Gericht, auf Anraten meines Vaters, des honorigen Rechtsanwalts Dr. Müller, mache ich folgende Aussage und bin auch jederzeit zu einer Vereidigung bereit. Bei der Menge der bei Hygieia Straff konfiszierten künstlich hergestellten Cannabinoide handelt es sich mitnichten um ein Gesamtgewicht von 90 Gramm, sondern exakt um 200 Gramm, denn ich habe diese selbst …“

„Oh mein Gott, steh uns allen bei und erlöse uns!“ – Christine.

„Das hättest du wissen müssen, ich habe dich immer und immer wieder vor diesen verlotterten Typen gewarnt!“ – Paul.

„Verzweifle nicht, ich besuche dich im Knast und warte für immer auf dich!“ – Mika. „Außerdem haue ich Marius ein paar aufs Maul, bis er um Gnade fleht“ – wieder Mika, gefolgt von lautem Klopfen des Hammers auf dem Tisch, um für Ruhe zu sorgen.

Dann wird es Hygieia tatsächlich schwarz vor Augen, sie bekommt schnell ein Glas Wasser eingeflößt, das seltsam bitter schmeckt, blinzelt und dann ist doch wieder alles da, dabei hatte sie schon gedacht, der Wirklichkeit ein Schnippchen geschlagen zu haben … gleich darauf kippt sie wieder weg und hört dennoch die folgenden Worte, wenn auch nur unterschwellig …

„Da nun die Beweisaufnahme beendet ist und die Verteidigung und die Angeklagte auf eine Stellungnahme verzichten, erheben Sie sich bitte alle und ich verkünde im Namen des Volkes folgendes Urteil: Die Angeklagte Hygieia Straff wird aufgrund des wiederholten Besitzes von Cannabinoiden in Tateinheit mit dem Besitz einer großen Menge Cannabinoide und dem erwiesenen Vorwurf des äußerst schwunghaften Handels mit Betäubungsmitteln unter besonders erschwerenden Umständen, nämlich dem Verkauf an Minderjährige und innerhalb ihrer eigenen Schule, zu einer Freiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt, ohne die Möglichkeit, die Strafe zur Bewährung auszusetzen.“

*

Mit einem grellen Schrei wacht Hygieia aus dem grässlichen Albtraum auf. Jede Faser ihres Schlafanzugs ist durchgeschwitzt, die halblangen Haare kleben ihr am Hals und Nacken. Sie setzt sich auf und ringt verzweifelt um Atem. Das Zimmerfenster steht einen Spaltbreit offen, das Schlafzimmer ist beinahe taghell erleuchtet und von der Straße unten ertönen laute Auspuffgeräusche von frisierten Motorrädern, Gemurmel in einer fremden Sprache und geschäftiges Treiben.

„Was ist denn los?“, fragt ein besorgt klingender Hippo mit seiner kindlich-unschuldigen Stimme.

Sie reibt sich gründlich den Schlaf aus den Augen und muss sich zuerst richtig orientieren. Sie hat keine Ahnung, wo sie ist und was Sache ist. Was sucht Hippo direkt im Bett neben ihr? Stück für Stück kommt aber die Erinnerung zurück, ganz langsam und ihr wird klar, wo sie sich befindet. Alles ist gut. Sie und ihre Familie sind für 14 Tage in den Sommerferien in Griechenland, auf der Insel Kos …

„Ich hatte einen ganz schlimmen Traum“, antwortet sie ehrlich und ist dankbar, dass der kleine Kerl sie mit den riesigen Augen so lieb und besorgt anschaut. „Willst du mal zu mir herüberkommen zum Kuscheln?“

Schnell wie ein Blitz liegt Hippo in ihren Armen und sie drücken sich innig. Es ist verdammt lange her, dass sie so froh war, ihren Bruder in ihren Armen halten zu dürfen und der kleine, warme Körper fühlt sich richtig gut an.

„Wird wieder alles gut mit dir?“, fragt er sie leise. „Ich habe manchmal große Angst um dich. Ich möchte dich nicht verlieren, aber Mama sagt manchmal im Zorn, das wird noch ein böses Ende mit dir nehmen.“

Hippo schluchzt. Jetzt kann sie ihre Tränen nicht mehr zurückhalten und gleichzeitig bricht sie in Lachen aus.

„Es ist alles in Ordnung, Hippo. Mach dir keine Sorgen! Es ist alles in bester Ordnung. Wirklich.“

Ihre eigenen Worte bohren sich wie scharf geschliffene Schwerter in die eigene Brust, denn sie weiß es besser.

1.

19. August 2023, ein Spielplatz in Potsdam

Marius drückt den Joint im sandigen Boden des Spielplatzes aus, erhebt sich und will sich auf den Weg nach Hause machen, als er wie zur Salzsäule erstarrt innehält.

Keine zehn Meter entfernt kommen schnurstracks zwei Araberjungs angelaufen. Und es gibt keinen Zweifel: Sie kommen direkt auf ihn zu, sie wollen was von ihm. Und er weiß natürlich genau, was. Aber das Schlimmste: Sie haben ein Monster dabei. Der eine führt es an der Leine, ein Kampfhund übelster Sorte, groß und fett. Welche Rasse weiß Marius nicht. So ein potthässlicher mit scharfen Zähnen, der ihn auf Befehl in der Luft zerreißen würde.

Marius sackt in sich zusammen, obwohl er gut bedröhnt ist. In dem Zustand kann ihm normalerweise keiner was. Aber jetzt hat er sich nicht mehr unter Kontrolle. Schweiß bricht ihm aus. Er weiß, dass er hier nicht wegkommt, nicht ohne dass das Monster ihm wehtun wird, verdammt wehtun.

Die beiden Araberjungs kommen zielstrebig auf ihn zu und bauen sich vor ihm auf. Der Kleinere bändigt den Hund, der schon die Zähne fletscht und nach ihm schnappen will.

Marius hat sich keinen Millimeter gerührt, sein Schließmuskel öffnet sich leicht vor Schiss. Er hat das Gefühl, seine Zähne klappern zu hören.

„Ey, Alter“, sagt nun der Größere, „soll dir liebe Grüße von Hamid ausrichten. Kennste ja!“