Dr. Leon Blautaler - Monselius Fabricius - E-Book

Dr. Leon Blautaler E-Book

Monselius Fabricius

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Beschreibung

Drei romantische Arzt-/Liebesromane aus der Reihe, Dr. Leon Blautaler, in einem Band. Genießen Sie frohe und spannende Lesestunden. Tauchen Sie ein in eine Welt voller Romantik, Spannung und Liebe. Lassen Sie sich bezaubern von einer Welt, in der nicht Neid und Missgunst, sondern Vertrauen und Liebe siegen.

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Seitenzahl: 397

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Monselius Fabricius

Dr. Leon Blautaler

Drei romantische Arzt-/Liebesromane

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

01. Das Wunder wahrer Liebe Leonie auf ihrem Weg zu Selbstbewusstsein und Liebe

02. Echte Liebe überwindet alle Hindernisse Miriam findet ihr großes Glück in dem Buchhändler Lukas

03. Grenzenlose Liebe Tülay und Fabian finden ihr Glück

Impressum neobooks

01. Das Wunder wahrer Liebe Leonie auf ihrem Weg zu Selbstbewusstsein und Liebe

Drei romantischeArzt-/Liebesromane

in einem Band

Dr. Leon Blautaler

Das Wunder wahrer Liebe

Echte Liebe überwindet alle Hindernisse

Grenzenlose Liebe

Autor:

Monselius Fabricius

Wie an jedem Freitag während der Schulzeit, so saß auch heute das Lehrerkollegium der Astrid Lindgren Grundschule im Lehrerzimmer zusammen. Dabei besprachen die Lehrkräfte Besonderheiten der abgelaufenen Woche, um sich wechselseitig hilfreich zu unterstützen.

Leonie Satori, eine 27-jährige, schüchterne Referendarin war erst seit kurzer Zeit an dieser Schule. Zeitgleich zu Leonie hatte auch ihr 31-jähriger Referendariatskollege, Felix Schachtner dort seine Zeit als Referendar begonnen. Insgesamt saßen 12 Kolleginnen und Kollegen rund um einen großen Konferenztisch, an dem jeder einen individuell gestalteten Platz einnahm. Wohl sortierte Bücherstapel, Klassenarbeitshefte und Schreibutensilien lagen in großer Zahl auf dem Tisch. Leonie hatte ihren Platz rechts neben dem Kopfende zugeteilt bekommen. Dort saß sie direkt neben Schulrektor Michael Strehlau, der allerdings des Öfteren nicht an diesen wöchentlichen Besprechungen teilnahm. Am anderen Ende des Tisches befand sich der ihm zugewiesene Platz von Felix.

„Einen schönen guten Tag, liebe Kolleginnen und Kollegen“, sagte Schulrektor Michael Strehlau, der gerade zur Tür herein kam. Michael Strehlau, ein 52-jähriger, locker gekleideter Mann, war Schulrektor aus Leidenschaft. Schon seit seiner Jugendzeit war es ihm stets ein Bedürfnis, Kindern Freude am Lernen vermitteln zu wollen. „Ich nehme an, sie haben sich schon hinsichtlich der aktuellen Ereignisse in der abgelaufenen Woche ausgetauscht? Wie sie alle wissen, ist es mir ein besonderes Anliegen, unsere junge Kollegin, Leonie, sowie unseren jungen Kollegen, Felix, bestmöglich zu unterstützen. Sie, meine lieben Kolleginnen und Kollegen, die schon längere Zeit hier an unserer Schule unterrichten, können sich bestimmt noch daran erinnern, wie aufgeregt sie damals waren.“

In diesem Moment warf Nele Neid, eine 28-jährige Lehrerin, einen missgünstigen Blick zu Leonie. Leonie, die schon seit ihrer Kindheit unter Minderwertigkeitskomplexen litt, fühlte sich in diesem Moment stark verunsichert. „Leonie, wie Sie bestimmt wissen, müssen Sie im Rahmen Ihres Referendariats eine Präsentation anfertigen. Nach sorgsamer Durchsicht ihres Studienverlaufs, habe ich für Sie ein Thema ausgewählt, das Sie bestimmt gut und gern bearbeiten werden. Ich darf Sie bitten, eine Präsentation zum Thema „Lernpsychologie in der Schule“ anzufertigen. Bitte achten Sie bei Ihrer Präsentation darauf, dass vor allem der Grundschulbereich eine besondere Beachtung findet. Für die Vorbereitung dieser Präsentation, die dann hier vor unserem Lehrerkollegium vorgeführt wird, haben Sie insgesamt 14 Tage Zeit. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und viel Freude bei Ihrer Arbeit“, sagte Schulrektor Strehlau.

Mit einem leicht nach unten geneigten Kopf sagte Leonie zu Schulrektor Strehlau: „Vielen Dank. Ich werde mir Mühe geben, eine gute Präsentation vorzubereiten.“ Während sich Leonie bedankte, hörte sie, wie Nele leise vor sich hin plapperte: „Ob die das wohl schafft? Dieses Mauerblümchen sollte doch lieber in den Kindergarten gehen.“ Felix, der diese böse Bemerkung ebenfalls gehört hatte, warf Leonie einen ermutigenden Blick zu.

„Meine Damen, meine Herren, ich möchte Sie nun auch nicht länger stören. Vermutlich möchten Sie hier noch einiges besprechen, bevor Sie dann ins wohlverdiente Wochenende gehen. Ich wünsche Ihnen allen noch einen schönen Tag.“ Kurz darauf verließ Schulrektor Strehlau das Lehrerzimmer. Während die meisten der Kolleginnen und Kollegen schnell wieder in eigene Gespräche vertieft waren, verspürten Leonie und Felix ein zartes Band wechselseitiger Sympathie. Für Leonie war es ein völlig neues Gefühl, dass sich ein Mann für sie engagieren könnte. Der Blick, den Felix ihr eben in der für sie so schwierigen Situation zugeworfen hatte, war für sie von großer Bedeutung. Sie fühlte sich hin- und hergerissen. Einerseits war sie gerührt von dem Gefühl, dass ihr Felix einen so zarten Blick geschenkt hatte. Andererseits stiegen sogleich wieder ihre quälenden Selbstzweifel in ihr auf. Es konnte einfach nicht sein, dass sich ein so liebevoller, gut aussehender Mann für sie interessiert.

„Hast du schon Pläne für dieses Wochenende?“, fragte Nele mit ihren stark geschminkten Augen klimpernd Felix? „Ja, ich werde an einem Schachturnier teilnehmen. Damit wird mein Wochenende bestens ausgefüllt sein“, antwortete Felix, sichtlich desinteressiert. „Schade, sonst hätten wir vielleicht etwas gemeinsam unternehmen können.“

Leonie, die diesen Dialog sehr wohl mitbekommen hatte, sah sich sogleich in ihren Minderwertigkeitskomplexen bestätigt. „Das ist schon klar, dass ich mit einer so selbstbewussten und modisch gestylten Frau nicht konkurrieren kann“, sagte Leonie zu sich selbst. In ihrer Fantasie hatte sie schon davon geträumt, gemeinsam mit Felix eine Zukunft zu gestalten. Der liebevolle Blick, den Felix ihr gerade geschenkt hatte, löste in ihr eine Kaskade schönster Gedanken und Gefühle aus. Sie malte sich aus, wie es wohl wäre an der Seite von Felix ein Leben voller Glück und Harmonie leben zu können? Während sich Leonie diesen Träumereien hingab, vergaß sie für einen kurzen Moment, dass sie sich im Lehrerzimmer befand.

Nele, die diese Gefühlsregung offenbar mitbekommen hatte, riss Leonie jäh aus ihren Tagträumen, und sagte zu ihr: „Du machst auf mich den Eindruck, dass du gar nicht anwesend bist. Konzentriere dich lieber mal auf deine Präsentation, denn die wird mit darüber entscheiden, ob du das Referendariat hier erfolgreich bestehen wirst.“ „Ja, ja, schon klar“, sagte Leonie kleinlaut. „Ich weiß, dass diese Präsentation sehr wichtig für mich sein wird.“ Während Nele zu ihrem Platz zurückging, warf sie Leonie erneut einen missgünstigen Blick zu, dem Leonie zu entnehmen glaubte: „Lass' bloß die Finger von Felix. Der gehört mir. Versuch' erst gar nicht, ihn auf deine Seite zu ziehen. Gegen mich hast du ohnehin keine Chance.“

In Neles Leben gab es bisher schon viele Männer. Allerdings konnte sie bisher keine längerfristige Beziehung aufbauen. Sicher lag es daran, dass Nele Männer grundsätzlich nur als Trophäen betrachtete, die es in möglichst großer Zahl zu sammeln galt. Wahre Liebe, wie sie sich Leonie wünschte, kam in Neles Welt schlichtweg nicht vor.

Felix, der beobachtete, dass Leonie gedankenschwer an ihrem Platz saß, ging zu ihr, und sagte: „Leonie, ich bin ganz sicher, dass du eine gute Präsentation entwickeln wirst. Hab' Mut, du schaffst das ganz bestimmt!“ Während Felix zu Leonie sprach, spürte Leonie eine liebevolle Wärme in seinem Blick, die sie innerlich elektrisierte. Da sie Angst hatte, Felix könnte ihre Gefühlsregung mitbekommen, lenkte sie schnell ab.

„Du nimmst also an einem Schachturnier teil, Felix?“ „Ja, ich spiele schon seit vielen Jahren im hiesigen Schachverein. Das macht mir große Freude.“ „Dann bist Du bestimmt ein besonders kluger Mensch?“ „Ach, Leonie, ich bin eher sehr bescheiden, und freue mich, wenn ich anderen Menschen behilflich sein darf.“ „Das gefällt mir sehr gut. Du hast eine bemerkenswerte Lebenseinstellung. So etwas findet man heutzutage leider nur noch selten.“ „Danke, für deine lieben Worte, Leonie.“ „Wie lange dauert denn eine solche Turnierpartie?“ „Nun, das ist sehr unterschiedlich. Durchschnittlich sind etwa vier bis sechs Stunden keine Seltenheit.“ „Puh, dann musst du auch ein sehr geduldiger Mensch sein, oder?“ „Ja, das ist wahr.

Einer meiner Leitsätze lautet: „In der Ruhe liegt die Kraft“. Das ist eine Lebensweisheit, die du in vielen Situationen des Lebens sinnvoll nutzen kannst.“ „Ich bin schwer beeindruckt, Felix. Du bist sehr sympathisch und klug noch dazu. Das finde ich richtig gut.“

Während sich Leonie und Felix so angeregt unterhielten, murmelte Nele trotzig vor sich hin. „Warte mal ab, naiver Felix. Wir wollen doch mal sehen, ob es diesem Mauerblümchen gelingt, dich um den Finger zu wickeln?“ Im Lehrerzimmer war eine knisternde Atmosphäre entstanden. Einerseits die missgünstig agierende Nele. Andererseits die sich sehr zart andeutenden Bande einer aufkeimenden Liebe zwischen Leonie und Felix.

Draußen schaute die Sonne zwischen den Wolken hervor. Gegen 14 Uhr verließen die Kolleginnen und Kollegen das Lehrerzimmer, und freuten sich auf das wohlverdiente Wochenende.

*

„Einen wunderschönen guten Morgen“, begrüßte Dr. Blautaler die aufgeregt wirkende Leonie in seiner Praxis. „Guten Morgen, Dr. Blautaler.“ „Was führt Sie zu mir? Sie wirken irgendwie so verstört auf mich. Was ist geschehen? Sind Sie krank? Fühlen Sie sich nicht wohl?“, fragte Dr. Blautaler besorgt. „Ach, wissen Sie, ich weiß gar nicht so recht, wie ich anfangen soll? Irgendwie fühle ich mich total durch den Wind.“ „Am besten wird es sein, Sie kommen erst einmal herein, setzen sich hier auf einen Stuhl, und dann erzählen Sie mir in aller Ruhe, was Sie so bedrückt.“ „Ja, vielen Dank. Das ist eine gute Idee.“

Aus dem Wartezimmer hörte man vereinzelt einige Gesprächsfetzen anderer Patientinnen. „Haben Sie denn bei Ihrer vollen Praxis überhaupt Zeit für mich? Ich möchte Ihnen nicht Ihre so wertvolle Zeit stehlen. Die anderen Menschen brauchen bestimmt auch Ihre Hilfe, Dr. Blautaler?“ Obwohl Dr. Blautaler Leonies Einschätzung grundsätzlich zustimmte, spürte er, dass Leonies Befindlichkeit eine besondere Aufmerksamkeit benötigte. „Ja, das ist zwar richtig, dass hier viele Menschen darauf warten, von mir behandelt zu werden, aber meine ärztliche Intuition sagt mir, dass Sie akut in Not zu sein scheinen. Von daher nehme ich mir sehr gern etwas Zeit für Sie. Darf ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten?“ „Ja, vielen Dank.“ Während Leonie auf einem bequemen Stuhl Platz nahm, versuchte Dr. Blautaler zunächst durch seine besonnene und freundliche Art beruhigend auf Leonie einzuwirken.

„Was kann ich denn für Sie tun? Wo drückt der Schuh? Haben Sie Sorgen?“ Allmählich beruhigte sich Leonie ein wenig, und sie öffnete sich. „Dr. Blautaler, ich bin z. Z. im Referendariat, und soll nun dort eine Präsentation vorbereiten.“ „Ich nehme an, davor haben Sie Angst?“ „Nein, das ist es nicht. Die Präsentation werde ich bestimmt gut schaffen.“ „Was ist es dann, was Sie so sehr bedrückt?“ „Nun, wie soll ich es sagen? Es gibt dort einen sehr netten Kollegen, Felix, der ebenfalls dort als Referendar tätig ist.“ „Ich verstehe. Und wo genau sehen Sie das Problem?“

Sichtlich berührt wechselte Leonies Gesichtsfarbe zu einem verschämten Rot. Dr. Blautaler ließ sich nichts anmerken, und ahnte, worauf Leonie hinaus wollte. „Gibt es Probleme mit diesem Kollegen?“ „Nein, so kann man das nicht sagen. Ganz im Gegenteil.“ „Ganz im Gegenteil?“, fragte Dr. Blautaler etwas spitzbübisch. „Nun ja, ich glaube, dass ich mich in Felix verliebt habe.“ „Herzlichen Glückwunsch. Das ist ein schönes Gefühl, dessen Sie sich nicht zu schämen brauchen.“

Als Leonie merkte, dass Dr. Blautaler sehr empathisch mit dieser Situation umging, atmete sie innerlich ein wenig auf. „Das Problem ist, dass es im Lehrerkollegium eine Nele gibt, die offenbar ein Auge auf Felix geworfen hat. Ich habe den Eindruck, dass sie gar kein ernsthaftes Interesse an Felix hat, und ihn nur als Spielball benutzen möchte.“ „Ich verstehe. Das ist kein schöner Zug von Nele.“ „Außerdem befürchte ich, dass ich mit Nele nicht konkurrieren kann. Ich habe doch gar keine Chance bei Felix, wenn sich diese falsche Schlange an ihn heran macht.“ „Warum denken Sie, dass Sie keine Chance bei Felix haben?“ „Nele wirkt viel attraktiver und selbstsicherer als ich.“

„Haben Sie schon mal daran gedacht, dass manche Menschen nur eine aufgesetzte Selbstsicherheit zur Schau tragen, weil sie im Grunde genommen oftmals eher unsichere Menschen sind?“ Nachdenklich antwortete Leonie: „Mmh? Nein, dieser Gedanke ist mir so noch nicht in den Sinn gekommen. Da könnte etwas dran sein.“ „Oftmals hat mangelndes Selbstbewusstsein vor allem etwas damit zu tun, dass Menschen schon als Kinder zu wenig Anerkennung bekommen haben. Wie war das denn in Ihrer Familie?“, fragte Dr. Blautaler?

„Wenn ich so darüber nachdenke, dann stelle ich fest, dass genau das auch bei mir ein wichtiger Grund sein könnte. Mein Vater, Gottfried Satori, den ich eigentlich sehr liebe, hatte zu mir immer eine sehr unterkühlte, sachliche Beziehung gepflegt. Zwar hatte er sich stets um mein materielles Wohl bemüht, weniger aber um mein seelisches Gleichgewicht. Das hatte mir schon immer sehr zu schaffen gemacht.“

„Das kann ich sehr gut nachvollziehen“, sagte Dr. Blautaler in seiner sehr verständnisvollen Art. „Sie sind ein sehr aufmerksamer Zuhörer und zudem ein wunderbarer Arzt, Dr. Blautaler. Ich glaube, dass ich hier bei Ihnen genau richtig bin. Schon lange habe ich keinen Menschen mehr getroffen, der mir so geduldig zuhört. Das tut mir sehr gut.“

Aus dem Wartezimmer hörte man schon ein ungeduldiges Raunen einiger Patientinnen. „Ich schlage vor, dass Sie bis zu unserem nächsten Termin eine Liste erstellen. Dort tragen Sie bitte in eine Spalte alle Vorzüge ein, die sie bei sich wahrnehmen. In einer zweiten Spalte notieren Sie bitte alle Eigenschaften, die Sie an sich nicht mögen. Diese Liste werden wir dann bei unserem nächsten Termin hier besprechen.“ „Ja, das werde ich so machen. Ich wäre so froh, wenn ich endlich mehr Selbstbewusstsein entwickeln könnte. Vielen Dank für Ihre Hilfe. Bis bald dann, und Ihnen noch einen schönen Tag, Dr. Blautaler.“

„Bitte lassen Sie sich an der Rezeption noch einen neuen Termin geben. Alles Gute, bis bald dann wieder. Auf Wiedersehen, Frau Satori.“ Schon kurz nachdem Leonie die Praxis von Dr. Blautaler verlassen hatte, überkamen sie erneut starke Selbstzweifel. Sie vermochte sich nicht vorzustellen, wie es ihr gelingen könnte, Felix für sich zu gewinnen.

Die schier übermächtige Nele würde ihr bestimmt Steine in den Weg legen wollen. Mit gemischten Gefühlen machte sich Leonie auf den Heimweg. Dort wartete noch ein Stapel Klassenarbeiten auf sie, die es zu korrigieren galt.

*

Am Wochenende besuchte Leonie ihren Vater, Gottfried, in dessen hauseigener Bibliothek. Er war schon immer ein richtiger Bücherwurm gewesen. Wenn er sich in seine Bücher zu den Themen Kunst und Theater vertiefte, konnte er alles um sich herum vergessen. In seiner Funktion als Verwaltungsdirektor eines privaten Bildungsträgers suchte er bewusst nach einem Ausgleich zu seiner beruflichen Tätigkeit.

Gottfried, ein leicht übergewichtiger Herr von 55 Jahren, litt sehr unter dem viel zu frühen Tod seiner schon mit 51 Jahren an Krebs verstorbenen Ehefrau, Marianne. „Hallo, Papa“, begrüßte ihn Leonie freudestrahlend. „Hallo, Leonie. Wie war deine Woche in der Schule?“, fragte Gottfried eher beiläufig, während er in einem großen Kunstbildband blätterte.

„Na ja, meine Zeit als Referendarin ist schon sehr aufregend. Schulrektor Strehlau hat mir den Auftrag erteilt, eine Präsentation zum Thema „Lernpsychologie in der Schule“ anzufertigen. Dieses Thema interessiert mich schon seit längerer Zeit.“ Ohne den Blick von seinem Kunstbildband abzuwenden sagte Gottfried: „So, so. Ist das wieder so ein neumodischer Quatsch? Wir haben früher in der Schule einfach nur gelernt, und aus uns ist doch auch etwas geworden.“

„Nein, Papa, das ist überhaupt kein neumodischer Quatsch. Es geht darum, dass die Kinder schon frühzeitig lernen sollen, wie sie ihr eigenes Lernen verbessern können. In unserer Welt, in der eine gute Bildung immer wichtiger geworden ist, sollten Kinder schon in der Grundschule lernen, wie sich möglichst gut und effektiv lernen lässt.“ „Na ja, wenn du meinst“, murmelte Gottfried mürrisch in sich hinein.

„Aber Papa, das ist eigentlich gar nicht mein Problem.“ „Was hast du denn für ein Problem?“ „Nun ja, im Lehrerkollegium gibt es einen sehr netten jungen Mann, Felix.“ „Na schön. Und wo ist das Problem?“ „Wie soll ich es dir sagen, Papa? Ich habe mich wohl ein wenig in ihn verliebt.“ „Taugt er denn etwas? Kann er dich denn auch gut versorgen?“ „Ach, Papa, du bist so schrecklich nüchtern. Mir geht es doch hier nicht um meine materielle Versorgung, sondern darum, dass ich Felix unglaublich nett finde.“ „Leonie, sei vorsichtig. Die meisten Kerle wollen die Mädels doch nur ins Bett kriegen. Anschließend lassen sie sie fast immer wie eine heiße Kartoffel fallen.“ „Papa, ich bin mir ganz sicher, dass Felix nicht so ist. Er ist sehr aufmerksam, ausgesprochen hilfsbereit und hat einen so liebevollen Blick.“

„Leonie, mein Kind, du bist hoffnungslos romantisch“, antwortete Gottfried in einem gelangweilten Tonfall. „Was ist schon schlimm daran, dass ich romantisch bin, Papa?“ „Schlimm ist, dass dein Blick für die Realität offenbar getrübt ist. Wie du weißt, macht Liebe bekanntlich blind.“ „Papa, mir ist sehr wohl bewusst, dass dieser bekannte Spruch einen guten Schuss Wahrheit enthält. Schließlich lese ich Fachzeitschriften und Bücher aus den Bereichen Psychologie und Hirnforschung. Dennoch sollte die Romantik nicht völlig auf der Strecke bleiben. Meinst du nicht auch, Papa?“

„Ich kann dich nur warnen. Das Leben ist hart und ungerecht. Ich will doch nur dein Bestes, mein Kind.“ „Ja, ich weiß. Aber da gibt es noch ein Problem. Nele, eine richtig fiese Kollegin hat wohl einen Blick auf Felix geworfen. Ich bin mir sicher, dass sie Felix gar nicht wirklich liebt. Sie macht sich wohl nur an ihn heran, um eine weitere Trophäe in ihrer schon großen Männersammlung zu erobern.“

„Dann ist sie sozusagen eine richtige Großwildjägerin“ sagte Gottfried mit einem schmunzelnden Unterton. „Ja, so kann man es wohl sagen. Bei mir ist das aber total anders. Ich spüre tief in mir drin, dass Felix genau der richtige Mann für mein Leben sein wird. Rational kann ich das zwar nicht erklären, aber mein Bauchgefühl sagt mir ganz klar, dass wir füreinander bestimmt sind.“

„Ach Leonie, Bauchgefühl, was soll das nun schon wieder bedeuten?“ „Papa, hast du denn in deinen schlauen Büchern noch niemals davon gelesen, dass das Bauchgefühl äußerst wichtig für viele Entscheidungsfindungen ist?“ „Nein, davon habe ich so noch nichts gelesen. Bestimmt ist das auch wieder so ein neumodischer Quatsch, den vor allem Psychologen so von sich geben.“, antwortete Gottfried in einem erkennbar verächtlichen Tonfall. „Papa, bevor du vorschnell zu einem Thema etwas sagst, zu dem du offenbar bisher nichts weißt, wäre es doch besser, du informiertest dich erst einmal in der einschlägigen Literatur.“, entgegnete Leonie, sichtlich enttäuscht. „Leonie, willst du deinem alten Vater sagen, was er zu tun und zu lassen hat?“ „Ach, Papa, warum reagierst du denn so gereizt? Ich möchte dir doch nur sagen, dass das Bauchgefühl sehr wichtig ist.

Mein Bauchgefühl sagt mir jedenfalls ganz klar, dass ich Felix für mich gewinnen möchte.“ „Dann lass' dich nicht aufhalten, mein Kind. Du wirst schon sehen.“ „Meinst du denn, ob ich gegen diese dominante Nele überhaupt eine Chance habe?“ „Na ja, wenn du dich immer wie ein schüchternes Mäuschen benimmst, wird das wohl kaum funktionieren.

Schon während der Schulzeit warst du doch immer sehr zurückhaltend. Deine Freundinnen waren viel lebenslustiger. Warum bist du nicht auch so?“ Insbesondere die letzte Frage traf Leonie bis ins Mark. Schließlich hatte sie nicht absichtlich ein nur wenig ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Vor allem ihr Vater war es doch, der entscheidend dazu beigetragen hatte, dass sie sich gegenüber anderen Menschen als minderwertig erlebte. Immer wieder musste sie sich schon früher schmerzliche Vergleiche anhören. Wie hätte sie da ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein entwickeln können?

Hinein in diese traurige Grundstimmung kam ihr der Gedanke, dass Dr. Blautaler ihr bestimmt dabei helfen könnte, neues Selbstbewusstsein zu entwickeln. Traurig und ernüchtert verließ Leonie das Haus ihres Vaters. „Auf Wiedersehen, Papa.“ „Leonie, Kopf hoch. Mach's gut.“

*

Am frühen Montagmorgen saß Leonie schon im Computerraum der Astrid Lindgren Grundschule, um dort für ihre Präsentation zu recherchieren. Heute begann ihr Unterricht in der 3b erst um 11 Uhr. Somit blieben ihr noch gute zwei Stunden Zeit für ihre Recherche. Im Gegensatz zu vielen anderen Grundschulen, war die Astrid Lindgren Grundschule computertechnisch sehr gut ausgestattet.

Ein schön eingerichteter, lichtdurchfluteter Computerraum mit insgesamt 15 Computerarbeitsplätzen bot optimale Bedingungen für ein effektives Lernen. Speziell für die Lehrkräfte standen drei eigens reservierte Computer zur Verfügung, die zudem alle passwortgeschützt waren.

Lediglich der IT-Administrator, Jonas Gerber, ein 34-jähriger Computerfreak – auch Nerd genannt – verfügte über sämtliche Zugriffsrechte. Nachdem Leonie an einem der Lehrer-PC Platz genommen hat, loggte sie sich mit ihrem Passwort in den Computer ein. Für jede Lehrkraft stand ein eigens dafür eingerichteter Dateiordner zur Verfügung, so dass ein geordnetes Arbeiten ermöglicht wurde.

Aus Datenschutzgründen wurden alle Dateiordner mit eigenen Passwörtern ausgestattet. Diese Passwörter waren nur der jeweiligen Lehrkraft sowie aus organisatorischen Gründen auch dem IT-Administrator, Jonas, bekannt.

„Hallo, einen schönen guten Morgen“, ertönte es plötzlich im Computerraum, als gerade Jonas den Computerraum betrat. „Hallo, guten Morgen, Herr Gerber“, antwortete Leonie zaghaft. „Nicht so förmlich, bitte. Leonie, wir können uns gern duzen. Ich heiße Jonas.“ „Einverstanden, Jonas. Ich heiße Leonie.“ „Ja, ich weiß. Lass' dich nicht stören bei deiner Arbeit. Ich muss hier noch einige Wartungsarbeiten an einigen Computern durchführen. Immer mal wieder gab es technische Probleme. Das war aber auch kein Wunder, denn schließlich wurden die Computer hier von vielen Leuten benutzt.“

Jonas nahm Platz an einem der anderen Lehrer-PC, um sich dort als IT-Administrator einzuloggen. Währenddessen war Leonie schon wieder intensiv mit der Recherche für ihre Präsentation beschäftigt. Mit schüchterner Stimme fragte sie Jonas: „Darf ich dich mal kurz etwas fragen?“ „Aber klar doch. Wie kann ich dir helfen?“ „ Ich nehme an, dass du dich sehr gut mit Computern auskennst? Kannst du mir vielleicht kurz einmal zeigen, wie ich möglichst schnell die gewünschten Informationen im Internet für meine Präsentation finden kann?“

„Ja, kein Problem. Am einfachsten wird es sein, dass du die wichtigen Schlüsselbegriffe direkt in die Suchmaschine Google eingibst. Dort wirst du fast immer sehr schnell fündig werden.“ „Ja, Google ist mir natürlich schon aus meinem Studium her bekannt. Leider komme ich damit aber bisher nicht so wirklich gut zurecht.“ „Pass' auf, ich zeige dir die Vorgehensweise an einem konkreten Beispiel. Wonach genau suchst du denn, Leonie?“ „Ich suche Material zum Thema „Lernpsychologie in der Schule“.“ „Ich verstehe. Schau' mal, dann trägst du die wichtigen Begriffe einfach hier in dieses Suchfeld ein, und schon bekommst du binnen kürzester Zeit eine große Auswahl hilfreicher Quellen angezeigt.“ Erfreut über diese spontane Hilfe strahlte Leonie bis weit hinter beide Ohren. „Super, das funktioniert ja ganz einfach. Toll finde ich, dass ich die Suchbegriffe auch kombinieren kann.“ „Ja, genau das ist eine der vielen Stärken von Google. Meinst du, ob du jetzt alleine klar kommst, denn ich muss mich hier dringend um die Wartung einiger Computer kümmern?“ „Ja, klar. Vielen Dank für deine schnelle Hilfe. Ich weiß jetzt Bescheid.“

Beschwingt recherchierte Leonie im Internet, um dort hilfreiche Informationen für ihre Präsentation zu sammeln. Zwischenzeitlich musste sie immer wieder an Felix denken. Zeitweise fiel es ihr schwer, sich auf ihre Arbeit zu konzentrieren. In kurzen Tagträumen malte sie sich schon eine wunderbare Zukunft mit Felix aus; wäre da nicht Nele, der sie nicht über den Weg traute.

Binnen etwa einer Stunde hatte sie schon viel Material für ihre Präsentation gesammelt. Da ihr Unterricht in der 3b schon bald begann, speicherte Leonie das bisher gesammelte Material in ihrem Dateiordner auf dem Lehrer-PC. „Auf Wiedersehen, Jonas. Vielen Dank nochmals für deine Hilfe.“ „Gern geschehen, bis dann mal wieder“, antwortete Jonas.

*

Als Leonie ins Lehrerzimmer kam um dort ihre Materialien für den Unterricht in der 3b zu holen, kam ihr gerade Nele entgegen. Erneut warf sie Leonie einen Blick zu, der von Missgunst und Arroganz geprägt war. „Na, auch schon hier, Leonie? Du bist wohl ganz schön spät dran heute, oder?“ „Nein, Nele, ich bin nicht spät dran, sondern ich habe bis gerade eben intensiv an meiner Präsentation gearbeitet. Und stell' dir mal vor, Jonas hat mir sogar dabei geholfen. Ist das nicht richtig nett von ihm?“

„Wobei hat Jonas dir denn geholfen?“ „Er hat mir gezeigt, wie ich wichtige Informationen für meine Präsentation mit Google im Internet finden kann.“ „Na, das weiß doch wohl heutzutage jedes Kind. Das ist doch nichts Besonderes“, sagte Nele spöttisch. „Da übertreibst du aber, Nele. Nein, das, was Jonas mir gezeigt hat, weiß ganz bestimmt nicht jedes Kind. Und ich bin mir auch nicht sicher, ob du das alles weißt?“ „Was soll's? Das ist mir auch egal.“ Missmutig ging Nele den Gang entlang zu ihrer Klasse. Dabei drehte sie sich noch einmal zu Leonie um, und schickte ein freches Grinsen in deren Richtung. Nach dieser unerfreulichen Begegnung mit Nele freute sich Leonie um so mehr, dass sie im Lehrerzimmer auf Felix traf.

„Hallo, Leonie. Schön, dich zu sehen. Wo kommst du denn gerade her?“ „Hallo, Felix. Ich bin sehr froh, dass du noch hier bist. Viel Zeit bleibt uns jetzt nicht mehr, bevor gleich die nächste Unterrichtsstunde beginnt.“ „Du wirkst irgendwie so aufgekratzt, Leonie. Was ist denn los?“ „Ich habe heute Morgen im Computerraum eine längere Zeit an meiner Präsentation gearbeitet. Das ist ganz schön aufregend.“ „Ja, das glaube ich dir gern. Kommst du denn gut voran mit deiner Arbeit?“ „Ja, alles in allem komme ich gut voran.

Jonas hat mir zu Beginn ein wenig geholfen. Er hat mir gezeigt, wie ich wichtige Begriffe kombinieren kann, um in Google die gewünschten Quellen zu finden. Das ist sehr hilfreich für mich gewesen, denn so genau hatte ich mich bisher nicht mit dieser Technik beschäftigt.“ „Prima, das freut mich sehr für dich, Leonie. Ich bin sicher, dass du eine richtig gute Präsentation vorbereiten wirst. Vor allem finde ich auch das Thema sehr interessant.“ „Ja, wirklich? Das freut mich sehr, denn mein Vater meinte, das sei wohl wieder so ein neumodischer Quatsch.“ „Lass' dich nicht beirren.

Wenn Menschen so dumm daher schwätzen, bedeutet das meistens nur, dass sie keine Ahnung haben. Manchmal steckt auch Neid und Missgunst dahinter.“ „Ja, das kann wohl so sein, Felix.“ „Neid, das ist ein gutes Stichwort. Ich habe den Eindruck, dass Nele irgendwie neidisch auf mich sein könnte. Sie benimmt sich mir gegenüber sehr merkwürdig. Immer wieder reagiert sie unfreundlich und aggressiv auf mich.“

„Ja, das ist mir auch schon aufgefallen. Ich habe so eine Idee, woran das liegen könnte.“ „Lass' hören, das interessiert mich sehr.“ „Ich habe den Eindruck, dass sich Nele an mich heran machen möchte. Da ich aber überhaupt nicht an ihr interessiert bin, ärgert sie das wohl. Vermutlich hat sie auch mitbekommen, dass mein Verhältnis zu dir viel freundlicher ist. Das kann sie wohl nicht ertragen.“ „Ja, meinst du?“ „Ja, ich denke, dass das ein wichtiger Grund für ihr unfreundliches Verhalten dir gegenüber sein könnte.“ „Sie hat doch gar keinen Grund neidisch auf mich zu sein. Wie sollte ich wohl mit ihr konkurrieren können? Sie ist eine selbstbewusste, sehr gut aussehende und aktive Frau. Ich dagegen bin sehr zurückhaltend, eher unauffällig und habe so gut wie gar kein Selbstbewusstsein.“

Felix, der sichtlich erstaunt war, konnte diese Einschätzung so nicht teilen. „Leonie, ich glaube, da ist deine Wahrnehmung getrübt. Für mich ist Nele nicht selbstbewusst, sondern vielmehr zickig. Ich habe den Eindruck, dass sie im Grunde genommen sehr unglücklich ist, und dass sie sich das selbst nicht eingestehen kann. Von daher versucht sie betont selbstbewusst zu agieren, aber das wirkt auf mich überhaupt nicht glaubwürdig.“

„Ja, wirklich, meinst du?“ „Ja, genau das meine ich. Du dagegen, Leonie, bist eine sehr liebevolle, warmherzige Kollegin, mit der ich sehr viel lieber zusammenarbeite.“ Während Felix diese Worte sprach, hellten sich Leonies Gesichtszüge deutlich auf. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann zuletzt ein Mensch derart freundliche Worte über sie gefunden hatte. Sie spürte, dass ihr Gefühlsleben in Aufregung gekommen war.

Einerseits war da Felix, ein so wunderbarer Mann, den sie nur zu gern für sich gewinnen wollte. Andererseits waren da die quälenden Selbstzweifel, die immer wieder an ihr nagten. „Leonie, mach' dir bitte nicht so viele Gedanken. Du wirst deinen Weg finden. Ich bin ganz sicher, dass du alles gut geregelt bekommst.“ „Danke, Felix. Das tut sehr gut, das so aus deinem Mund zu hören. Du bist wirklich ein sehr lieber Mensch.“

„Sag' mal, Leonie, wie kommt es denn, dass dein Selbstbewusstsein gestört zu sein scheint? Hast du schlechte Erfahrungen gemacht?“ „Das ist eine sehr gute Frage, Felix. Ich vermute, es könnte damit zu tun haben, dass ich in meiner Familie nicht richtig gefördert worden bin. Mein Vater, den ich sehr liebe, ist ein sehr pragmatischer Mann. Für ihn zählen nur harte Fakten. Gefühle sind für ihn eher lästig. Während meiner Schulzeit hatte er mich immer wieder mit anderen Mädchen verglichen. Er warf mir oftmals vor, dass ich viel zu zurückhaltend sei, und dass ich mich doch auch so aktiv und fröhlich verhalten sollte, wie meine Freundinnen.“

„Ich verstehe, das muss eine schwere Zeit für dich gewesen sein, Leonie.“ „Ja, das ist wahr. Leider war meine Mama schon früh an Krebs gestorben. Darüber bin ich sehr traurig gewesen.“ Ja, das kann ich sehr gut verstehen, Leonie.“ „Deshalb konnte ich auch nicht so fröhlich sein, wie viele meiner Freundinnen.

Mein Vater hatte das aber leider nie so richtig verstanden. Darüber war ich immer sehr traurig.“ „Wie ich sehe, hast du eine schwierige Kindheit und Jugendzeit durchlebt. Da ist es nur zu verständlich, dass du eher zurückhaltend bist. Das verstehe ich sehr gut, Leonie.“

Leonie war ganz gerührt von Felix' so einfühlsamen Worten. Endlich ein Mensch, der sie wirklich zu verstehen schien. „So, jetzt muss ich mich schleunigst auf den Weg zur 3b machen, denn ich möchte nicht zu spät kommen. Vielen Dank dafür, dass du mir so aufmerksam zugehört hast, Felix. Das hat mir sehr gut getan. Bis nachher dann.“

Mit einem Gefühl voller Dankbarkeit verließ Leonie das Lehrerzimmer. Auch bei Felix keimte ein Gefühl wachsender Sympathie für Leonie auf, von der er zunehmend fasziniert war. Ein greller Sonnenstrahl schien ins Zimmer.

*

Nach einem anstrengenden Tag in der Schule besuchte Felix seine liebe Mutter, Gabriele Schachtner. Die Zusammenkünfte von Felix und Gabriele waren stets von einer besonders herzlichen Grundstimmung geprägt.

Gabriele, eine 53-jährige Kindergärtnerin, die vor zwei Jahren ihren geliebten Ehemann, Heinrich, durch einen tragischen Bauunfall verloren hatte, freute sich immer ganz besonders auf Felix' Besuche.

„Grüß' Dich, Mama. Wie war dein Tag?“ „Sei gegrüßt mein lieber Sohn. Schön, dass du mich besuchst. Mein Tag war sehr kontrastreich. Heute Vormittag war der Tag im Kindergarten sehr lebhaft. Nun, wenn ich hier alleine zuhause bin, ist alles so gespenstisch ruhig.“

„Ja, Mama, das kann ich gut verstehen. Vermutlich fühlst du dich manchmal auch einsam, oder?“ „Ja, manchmal gibt es Tage, da wird mir immer wieder schmerzlich bewusst, wie sehr ich deinen Vater doch vermisse. Um so mehr freue ich mich immer, wenn du mich hier besuchst.

Aber, sag' mal, wie läuft es denn eigentlich bei dir in der Schule?“ „Die Zeit in der Schule ist für mich sehr aufregend. Als Referendar gibt es noch viel Neues zu lernen. Der Umgang mit den Kindern ist oftmals eine große Herausforderung.“ „Wie meinst du das?“ „Nun, ich meine, dass die Schule heutzutage oftmals Aufgaben übernehmen muss, die eigentlich in den Elternhäusern geleistet werden sollten. Viele Kinder sind schlecht erzogen. Das macht das Unterrichten manchmal sehr schwer, und manche Lehrerinnen und Lehrer werden sogar ernstlich krank.“

„Ja, davon habe ich auch schon gehört. Das ist ein bedenklicher Trend. Lass' uns von etwas Schönerem erzählen. Gibt es denn auch erfreuliche Neuigkeiten aus der Schule zu berichten?“ „Ja, das gibt es tatsächlich.“ „Jetzt hast du mich richtig neugierig gemacht.“

„Stell' dir mal vor, im Kollegium gibt es eine Referendarin, die zeitgleich mit mir dort an der Schule angefangen hat. Sie heißt Leonie, und ist unglaublich nett. Schon als ich sie das erste Mal im Lehrerzimmer gesehen hatte, verspürte ich sogleich Schmetterlinge in meinem Bauch.“

„Das ist ja sehr schön. Hast du ihr das denn auch so gesagt?“ „Nein, natürlich nicht, denn ich wollte sie nicht überrumpeln.“ „Mein Sohn, Felix, wie immer bist du sehr taktvoll und rücksichtsvoll. Wenn du magst, dann erzähl' mir gern etwas mehr von Leonie. Das interessiert mich sehr.“ „Ja, sehr gern, Mama. Leonie ist eine natürliche Erscheinung, hat eine sportliche Figur, blaue Augen und eine sehr romantische Ader. Das habe ich sofort gespürt.“ „Schön, das freut mich für dich. Hast du denn ein Auge auf sie geworfen?“ „Ehrlich gesagt, ja. Allerdings ist Leonie sehr schüchtern.

Sie hat mir davon erzählt, dass sie kein Selbstbewusstsein habe, und dass sie sich immer als minderwertig wahrnimmt.“ „Das ist aber sehr schade. Wie kommt das denn?“ „Leonie meint, es liegt vor allem daran, dass ihr Vater immer nur Vergleiche mit ihren Freundinnen anstellt. Er wirft ihr vor, dass sie nicht so fröhlich und aktiv sei, wie ihre Freundinnen.“

„Das finde ich sehr schade, dass Leonies Vater so etwas sagt. Bestimmt gibt es doch Gründe dafür, dass Leonie unter einem mangelnden Selbstbewusstsein leidet, oder?“ „Ja, klar. Es liegt bestimmt daran, dass Leonies Vater viel zu nüchtern denkt und handelt. Irgendwie scheint es ihm bisher nicht gelungen zu sein, auch mal auf Leonies Gefühle zu achten. Das hat Leonie offenbar sehr verunsichert.“

„Ja, das ist schon sehr traurig. Ich denke, du könntest Leonie dabei behilflich sein, neues Selbstbewusstsein zu entwickeln. Und, wer weiß, vielleicht werdet ihr sogar ein glückliches Paar?“ „Nun aber mal langsam, Mama. Ich muss erst einmal feststellen, ob wir überhaupt zusammen passen? Da möchte ich nichts überstürzen.“ „Ja, das ist klar. Jedenfalls drücke ich euch beiden ganz fest die Daumen, dass ihr eine glückliche Beziehung aufbauen könnt. Das wäre doch sehr schön, nicht wahr?“ „Ja, Mama, das wäre wirklich sehr schön. Mal sehen, wie sich die Dinge so entwickeln?“ In diesem Moment goss Gabriele ihrem Sohn eine lecker duftende Tasse heißen Kakao ein. Felix trank liebend gern heißen Kakao. „Mmh, das riecht ja köstlich. Vielen Dank, Mama, für diesen leckeren Kakao. Da fühle ich mich immer sogleich unglaublich wohl. Kakao erzeugt in mir immer so eine friedliche Stimmung. Das ist ganz wunderbar.“

„Das freut mich, Felix, dass du dich hier so wohl fühlst.“ Während Felix seinen heißen Kakao genoss, legte Gabriele eine CD mit Kuschelmusik in den CD-Spieler. „Ach, Felix, wenn ich diese CD höre, muss ich immer an deinen verstorbenen Vater denken. Sehr oft hatten wir diese schöne Musik hier gemeinsam gehört. Das war eine sehr schöne Zeit, die durch Papas viel zu frühen Tod jäh unterbrochen wurde. Wenn ich diese Musik höre, schwelge ich immer in schönen Erinnerungen.“

„Ja, Mama, das ist sehr traurig, dass Papa durch einen Bauunfall ums Leben gekommen ist. Ich bin aber sicher, dass es ihm an dem Ort, wo er jetzt ist, sehr gut geht. Bestimmt freut er sich mit uns, wenn wir unser Leben nach besten Kräften zu meistern versuchen.“

„Ja, da hast Du bestimmt recht, Felix. So wird es wohl sein.“ Gemeinsam verbrachten Felix und Gabriele noch zwei schöne Stunden in Gabrieles Wohnzimmer. „Mama, ich bin so froh, dass du mich dabei unterstützen möchtest, etwas Gutes für Leonie zu tun. Es ist ein gutes und schönes Gefühl, anderen Menschen helfen zu dürfen.“

„Ja, Felix, so sehe ich das auch. Und ich bin so froh, dass du mich immer mal wieder hier besuchst, und mit mir auch über Papa sprichst. Schön, dass wir uns wechselseitig Kraft und Hoffnung schenken können. Dafür bin ich dir sehr dankbar, Felix.“ „Lass' uns noch ein wenig gemeinsam deine schöne CD genießen, bevor ich dann gleich nachhause muss.

Morgen wird wieder ein anstrengender Tag in der Schule werden.“ „Warum?“ „Morgen hospitieren zwei Lehrkräfte und Schulrektor Strehlau in meinem Unterricht. Da muss ich fit sein, um einen guten Eindruck zu hinterlassen.“ „Dann wünsche ich dafür ganz viel Glück, mein Sohn. Ich bin sicher, dass du das gut schaffen wirst. Schließlich bist du mein Sohn, und der stellt sich solchen Herausforderungen mit Mut und Tatkraft.“

„Ganz lieben Dank, Mama, für deine aufbauenden Worte. Eine so wunderbare Unterstützung hätte sich Leonie von ihrem Vater früher bestimmt auch sehr gewünscht.“ „Ja, das glaube ich auch.“ „Bis bald dann wieder, Mama.“ Nach einer herzlichen Umarmung verließ Felix die Wohnung seiner Mutter.

*

Am nächsten Tag saß Leonie wieder im Computerraum der Astrid Lindgren Grundschule, um dort ihre Präsentation fertigzustellen. Da sie bereits über genügend gut recherchiertes Material verfügte, war sie guter Hoffnung, dass sie ihre Präsentation relativ zügig fertigstellen konnte.

Mit dem weithin bekannten Präsentationsprogramm PowerPoint kannte sie sich gut aus. Das hatte sie schon während ihres Lehramtsstudiums oftmals erfolgreich benutzt. Frohen Mutes machte sie sich an ihre Arbeit.

Im Hinterkopf immer auch die Gedanken an Felix, für den sie von Tag zu Tag mehr Gefühle entwickelte. Es könnte alles so schön sein, wäre da nicht auch die missgünstige Nele. Kaum hatte Leonie diesen Gedanken zu Ende gedacht, betraten Nele und Jonas den Computerraum.

Offenbar hatten sie Leonie noch gar nicht bemerkt. „Jonas, hast du schon davon gehört, dass Leonie eine Präsentation für ihr Referendariat erstellen soll?“, fragte Nele in einem betont missgünstigen Tonfall. „Ja, das ist mir wohl bekannt. Warum fragst du danach?“ In diesem Moment räusperte sich Leonie, die sich gerade an einem frischen Minzbonbon verschluckt hatte. Erschreckt stockte Nele der Atem, und sie flüsterte Jonas mit einem hämischen Grinsen in ihren Augen zu: „Warte mal, Feindin hört mit.“ Jonas konnte sich zunächst keinen Reim auf diese merkwürdige Aussage von Nele machen. Leicht unterwürfig schwieg er plötzlich. „Lass' uns mal nach draußen auf den Flur gehen, Jonas.“ Wie ein gehorsamer Dackel folgte Jonas Nele auf den Flur der Schule. Leonie, die diesen merkwürdigen Vorgang sehr wohl mitbekommen hatte, ließ sich nicht aus der Ruhe bringen. Fleißig arbeitete sie weiter an der Fertigstellung Ihrer Präsentation. Nach knapp zwei Stunden hatte sie es geschafft. Voller Freude speicherte sie ihre gut gelungene Präsentation in ihrem dafür reservierten Dateiordner auf einem der Lehrer-PC. Gut gelaunt verließ sie den Computerraum, um sich nun im Lehrerzimmer auf die nächste Unterrichtsstunde vorzubereiten. Nele und Jonas, die mitbekommen hatten, dass Leonie den Computerraum verlassen hatte, betraten diesen erneut. „So, jetzt ist die Luft hier endlich rein, Jonas.“ „Was wolltest du mir denn so dringend mitteilen vorhin? Du klangst so geheimnisvoll.“ „Jonas, du bist doch ein ausgewiesener Computerexperte.“

„Ja, warum fragst du, Nele?“ „Könntest Du mir vielleicht dabei helfen, dass die Präsentation von Leonie, na, du weißt schon...“, stammelte Nele vor sich hin. Irritiert sagte Jonas: „Nein, was soll ich schon wissen?“ „Ich kann Leonie nicht ausstehen, und möchte ihr zu gern einen Denkzettel verpassen. Kannst du dafür sorgen, dass Leonies Präsentation ein Misserfolg für sie wird?“ Jonas, ein typischer Nerd, dessen Welt nahezu ausschließlich nur aus Computern zu bestehen schien, war zunächst irritiert. „Warum sollte ich so etwas tun? Leonie hat mir doch nichts Böses getan.“ „Ja, schon klar. Aber ich könnte dir als Gegenleistung für deine Hilfe einen schönen Abend verschaffen. Du verstehst schon?“ Jonas, der bisher stets Probleme damit hatte Frauen anzuflirten, wollte sich dieses verlockende Angebot nicht entgehen lassen.

„Was genau soll ich denn machen, Nele?“ „Pass' auf! Du, als IT-Administrator hast doch bestimmt Zugriff auf alle hier gespeicherten Daten. Also auch auf Leonies Präsentation, die sie doch wohl auch hier gespeichert hat, oder?“ „Ja, das ist richtig. Als Administrator habe ich Zugriff auf alle Passwörter, so dass ich im Prinzip auf alle Dateien problemlos zugreifen kann.“ „Na super. So habe ich mir das auch schon gedacht.

Dann dürfte es doch für dich auch kein Problem sein, dass du die Präsentation von Leonie sabotierst, oder?“ „Nun ja, im Prinzip schon, aber...“ „Kein Aber, denk' doch einfach an den schönen Abend, den wir dann zusammen verbringen könnten.“ Kurzentschlossen ließ sich Jonas auf dieses schändliche Angebot ein. Gemeinsam mit Nele begab er sich an einen der Lehrer-PC. Nachdem er sich dort eingeloggt hatte, schaute er zunächst in der eigens dafür angelegten Passwortdatei nach, wie das Passwort von Leonie lautete. Währenddessen schaute Nele ihm mit weit aufgerissenen Augen, die ihre ganze Boshaftigkeit aufblitzen ließen, über die Schulter.

In destruktiver Vorfreude sah sie schon den Moment kommen, bei dem Leonie sich dann total blamieren würde. „Hast du jetzt das Passwort von Leonie? Kommen wir jetzt an Leonies gespeicherte Präsentation heran?“ „Ja, ich habe Leonies Passwort. Jetzt ist es nur noch eine Kleinigkeit, herauszufinden, wo genau sie ihre Präsentation gespeichert hat.“

„Super, du bist mein Held, Jonas“, tönte Nele laut hervor. „So, hier haben wir nun den Dateiordner mit Leonies Dokumenten. Und sieh' mal hier, das ist offenbar ihre Präsentation. Lass' uns da mal einen Blick rein werfen.“ „Oh ja, das machen wir.“ Schon nach kurzer Zeit zeigte sich, dass Leonie offenbar eine sehr gute Präsentation vorbereitet hatte, die wohl zu einer sehr guten Benotung führen könnte.

„So, Jonas, jetzt mal los. Lass' uns zunächst einmal möglichst viele Fehler in die Textfolien einbauen. Das wird dann bestimmt sehr peinlich werden für Leonie.“ „So richtig wohl ist mir bei dieser ganzen Aktion hier nicht, Nele.“ „Nun mach' schon weiter, bevor hier noch jemand in den Computerraum kommt, und merkt, was hier gespielt wird.“

Willenlos sorgte Jonas dafür, dass viele Rechtschreibfehler und Grammatikfehler in die bereits fertige Präsentation eingebaut wurden.“ „Lass' uns auch noch die integrierten Videosequenzen verändern. Bestimmt wird es super peinlich für Leonie werden, wenn wir beispielsweise ein Video einbauen, das Lehrer verunglimpft. Das kommt bestimmt gar nicht gut an, wenn Leonie dann ihre Präsentation vor dem Kollegium vorführen wird. Na los, jetzt mach' schon“. Binnen einer knappen halben Stunde hatten Nele und Jonas ihr schändliches Werk vollbracht.

Abschließend speicherte Jonas die so manipulierte Präsentation zurück in Leonies Dateiordner. „Du hast dir deine Belohnung verdient, Jonas.“ „Wenn du willst, dann komm' doch heute Abend um 21 Uhr einfach zu mir nachhause. Lass' dich mal überraschen, wie ich dich dort verwöhnen werde.“ Jonas, der ein derartig offensives Angebot noch niemals zuvor in seinem Leben erhalten hatte, sah dem Abend schon mit ein Mischung aus freudiger Anspannung und Unwohlsein entgegen. Zwischenzeitlich zog ein kräftiges Gewitter auf. Ein Zeichen des Himmels?

*

Tags darauf besuchte Leonie wieder Dr. Blautaler in dessen Praxis, um mit ihm die erstelle Liste zu besprechen. Obwohl sie sich bisher noch nicht vorstellen konnte, welchen Sinn eine solche Liste wohl haben könnte, betrat sie die Praxis von Dr. Blautaler.

Schon während sie noch an der Rezeption stand, kam Dr. Blautaler gerade aus seinem Besprechungszimmer. „Guten Tag, Leonie. Ich bin gleich für Sie da, muss nur noch eben ein Rezept für eine andere Patientin ausstellen. Bitte nehmen Sie schon mal in meinem Sprechzimmer Platz. Ich komme dann gleich direkt zu Ihnen, Leonie.“ „Ja, das mache ich sehr gern. Vielen Dank, Dr. Blautaler.“

Dr. Blautaler kannte Leonie schon von klein auf. Von daher war es für ihn auch völlig normal, dass er Leonie mit ihrem Vornamen ansprach. „So, da bin ich auch schon. Wie ist es Ihnen denn in den letzten Tagen so ergangen?“ „Ehrlich gesagt bin ich ganz schön aufgeregt. Es gibt so viele neue Eindrücke in der Schule, die auf mich einströmen.“

„Ja, das kann ich mir gut vorstellen.“ Dr. Blautaler beobachtete, dass Leonie nervös an ihren Fingernägeln kaute, und zappelig auf ihrem Stuhl hin und her wackelte. Allerdings ließ er sich das nicht anmerken. Seine ruhige und verständnisvolle Art würde sicher dazu beitragen, dass sich Leonie schon bald etwas beruhigte. So hoffte Dr. Blautaler zumindest. „Leonie, ich nehme an, Sie haben die Liste mitgebracht?“ „Ja, das habe ich. Wollen Sie sie jetzt sofort sehen, Dr. Blautaler?“ „Ja, sehr gern.

Bitte erzählen Sie mir zunächst mal davon, wie das so für Sie gewesen ist, diese Liste zu erstellen? Vermutlich war es ein wenig ungewöhnlich für Sie, oder?“ „Das stimmt. Zunächst wusste ich gar nicht, wo genau ich anfangen sollte.“ „Das ist nicht unüblich. So ergeht es vielen meiner Patientinnen, die ich psychologisch betreue.“

„Vor allem ist es mir besonders schwer gefallen, die Spalte mit meinen Vorzügen zu füllen. Die andere Spalte mit den Dingen, die ich nicht an mir mag, ist sehr viel umfangreicher geworden.“ „Das überrascht mich nicht wirklich, denn bei Menschen, die unter einem gestörten Selbstwertgefühl leiden, ist das fast immer so.“ „Ist das jetzt ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, Dr. Blautaler?“ „Das ist zunächst einmal lediglich ein Erfahrungswert, den ich hier in meiner Praxis immer wieder bestätigt sehe. Bitte zeigen Sie mir einfach mal Ihre Liste, so dass wir dann gemeinsam überlegen können, was zu tun ist?“

„Ja, sehr gern. Hier, bitte sehr.“ „Wie Sie schon eben sagten, so fällt tatsächlich sofort auf, dass die Spalte mit den Dingen, die Sie nicht an sich mögen, viel größer ist als die Spalte mit den Eigenschaften, die Sie als positiv an sich erleben.“

Gespannt saß Leonie auf ihrem Stuhl. Sie hoffte so sehr, dass Dr. Blautaler ihr dabei helfen konnte, neues Selbstbewusstsein zu entwickeln. Dadurch würden ihre Chancen bei Felix bestimmt deutlich ansteigen, so ihre Hoffnung. „Leonie, Sie schreiben hier beispielsweise, dass Sie es nicht mögen, so schüchtern zu sein.“ „Ja, stimmt. Das nervt mich ganz besonders. Sehr gern würde ich auch so aktiv und fröhlich agieren wie viele andere junge Frauen in meinem Alter. Leider gelingt mir das aber bisher überhaupt nicht. Das macht mich immer wieder sehr traurig.“ „Das kann ich gut verstehen, dass Sie das sehr traurig macht. Woran könnte es denn Ihrer Meinung nach liegen, dass Sie so schüchtern agieren?“

„Nun, wir sprachen ja kürzlich schon kurz darüber. Ich vermute, dass die Ursache für meine Schüchternheit schon in meiner Kindheit liegen könnte.“ „Wie meinen Sie das genau?“

„Na ja, wie ich Ihnen schon sagte, ist mein lieber Vater immer ein sehr pragmatisch denkender Mensch gewesen, der sich aber wenig für mein Seelenheil interessiert hat. Immer wieder hatte er mich mit anderen Mädchen verglichen. Er warf mir oftmals vor, dass ich nicht auch so fröhlich sei, und hat mich so gut wie nie auch mal gelobt.“

„Leonie, wie ich höre, haben Sie selbst schon einen entscheidenden Schlüssel zur Lösung Ihres Problems gefunden.“ „Wie kann das denn wohl sein, Dr. Blautaler? Sie sind doch hier der Arzt.“

„Leonie, ein guter Arzt, der Patientinnen auch psychologisch berät, sieht seine Aufgabe vor allem auch darin, die richtigen Fragen zu stellen. Die eigentliche Problemlösung liegt nahezu immer schon in den Patientinnen selbst. Sie wissen es eben nur zunächst nicht.“

„Mmh, das hört sich ja sehr interessant an, Dr. Blautaler. Und was bedeutet das nun konkret für mich?“ „Das bedeutet, dass Sie die Ursache für Ihr mangelndes Selbstbewusstsein im Grunde genommen schon ganz richtig erkannt haben. Soweit ich das richtig sehe, liegt es wohl vor allem daran, dass Ihr Vater Sie schon während Ihrer Kindheit viel zu selten gelobt hat. Ein solcher Mangel wirkt sich für die betreffenden Menschen dann oftmals im weiteren Leben unangenehm aus. Allerdings bedeutet das nicht, dass sich ein mangelndes Selbstbewusstsein nicht wieder deutlich verbessern ließe.“

„Schön, das hört sich schon mal sehr gut an. Was kann ich denn nun konkret tun, um mein Selbstbewusstsein wieder zu stärken, Dr. Blautaler?“ „Mein Rat an Sie ist, dass Sie ab sofort Ihre Vorzüge deutlich mehr bewusst wahrnehmen sollten. Es wird darauf ankommen, dass die Aspekte, die Sie bisher als negativ an sich wahrgenommen haben, von Ihren positiven Eigenschaften überlagert werden. Das funktioniert zwar leider nicht von heute auf morgen, aber entscheidend ist, dass Sie diesen Richtungswechsel konsequent anstreben. Dann werden Sie gute Chancen haben, dass sich Ihr Selbstbewusstsein in absehbarer Zeit spürbar verbessern wird. Da bin ich ganz sicher!“

„Dr. Blautaler, ich bin Ihnen ja so dankbar, dass Sie mir so viel Mut machen. Das freut mich sehr!“ „Leonie, nennen Sie mir doch bitte mal ganz spontan eine Eigenschaft, die Sie ganz besonders an sich mögen.“ „Mmh, ja also, da muss ich erst einmal überlegen. Ich denke, dass ich vor allem sehr zuverlässig und hilfsbereit bin. Zählt das auch?“

„Aber sicher doch. Ja, natürlich. Genau das sind doch Eigenschaften, die sehr viel wertvoller und wichtiger sind, als beispielsweise modisch gestylt durch die Gegend zu laufen. Vermutlich trifft das auch auf Nele zu, die Sie neulich schon erwähnten?“

„Ja, das ist wahr. Nele sieht immer so aus, als käme sie gerade von einem Modelwettbewerb. Voller Stolz läuft sie immer durch die Flure unserer Schule. Sie fühlt sich offenbar als unwiderstehlich.“

„Sehen Sie, Leonie. Genau das meine ich. Offenbar hat Nele ihre Prioritäten in einer Art und Weise gesetzt, die alles andere als gut sind, oder?“ „Stimmt, das könnte so sein.“ „Nein, das könnte nicht nur so sein, denn das ist wohl auch so. Oder macht Nele denn einen glücklichen Eindruck?“

„Wenn ich so genau darüber nachdenke, nein, Nele macht auf mich eher einen unglücklichen Eindruck. Irgendwie wirkt sie wie eine Getriebene, die ihr wahres Glück bisher noch nicht gefunden hat.“ „Das sehe ich auch so.