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Dr. Leon Blautaler zeichnet sich durch hohfe Fachkompetenz aus, wobei seine Patientinnen und Patienten vor allem seine ausgeprägten empathischen Fähigkeiten schätzen. Dr. Leon Blautaler versteht es auf eine besondere Art und Weise, menschliche Probleme, deren Ursachen oftmals im psychologischen Umfeld zu suchen sind, behutsam und zielsicher zu lösen. Dr. Leon Blautaler, ein Arzt, dem die Frauen vertrauen.
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Seitenzahl: 117
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Titelseite
Impressum
Arztroman Band 1
Monselius Fabricius
Impressum
Alle Rechte liegen beim Autor
Düsseldorf, im Frühjahr 2017
Herstellung und Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt
ISBN:
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Wie an jedem Freitag während der Schulzeit, so saß auch heute das Lehrerkollegium der Astrid Lindgren Grundschule im Lehrerzimmer zusammen. Dabei besprachen die Lehrkräfte Besonderheiten der abgelaufenen Woche, um sich wechselseitig hilfreich zu unterstützen.
Leonie Satori, eine 27-jährige, schüchterne Referendarin war erst seit kurzer Zeit an dieser Schule. Zeitgleich zu Leonie hatte auch ihr 31-jähriger Referendariatskollege, Felix Schachtner dort seine Zeit als Referendar begonnen. Insgesamt saßen 12 Kolleginnen und Kollegen rund um einen großen Konferenztisch, an dem jeder einen individuell gestalteten Platz einnahm. Wohl sortierte Bücherstapel, Klassenarbeitshefte und Schreibutensilien lagen in großer Zahl auf dem Tisch. Leonie hatte ihren Platz rechts neben dem Kopfende zugeteilt bekommen. Dort saß sie direkt neben Schulrektor Michael Strehlau, der allerdings des Öfteren nicht an diesen wöchentlichen Besprechungen teilnahm. Am anderen Ende des Tisches befand sich der ihm zugewiesene Platz von Felix.
„Einen schönen guten Tag, liebe Kolleginnen und Kollegen“, sagte Schulrektor Michael Strehlau, der gerade zur Tür herein kam. Michael Strehlau, ein 52-jähriger, locker gekleideter Mann, war Schulrektor aus Leidenschaft. Schon seit seiner Jugendzeit war es ihm stets ein Bedürfnis, Kindern Freude am Lernen vermitteln zu wollen. „Ich nehme an, sie haben sich schon hinsichtlich der aktuellen Ereignisse in der abgelaufenen Woche ausgetauscht? Wie sie alle wissen, ist es mir ein besonderes Anliegen, unsere junge Kollegin, Leonie, sowie unseren jungen Kollegen, Felix, bestmöglich zu unterstützen. Sie, meine lieben Kolleginnen und Kollegen, die schon längere Zeit hier an unserer Schule unterrichten, können sich bestimmt noch daran erinnern, wie aufgeregt sie damals waren.“
In diesem Moment warf Nele Neid, eine 28-jährige Lehrerin, einen missgünstigen Blick zu Leonie. Leonie, die schon seit ihrer Kindheit unter Minderwertigkeitskomplexen litt, fühlte sich in diesem Moment stark verunsichert. „Leonie, wie Sie bestimmt wissen, müssen Sie im Rahmen Ihres Referendariats eine Präsentation anfertigen. Nach sorgsamer Durchsicht ihres Studienverlaufs, habe ich für Sie ein Thema ausgewählt, das Sie bestimmt gut und gern bearbeiten werden. Ich darf Sie bitten, eine Präsentation zum Thema „Lernpsychologie in der Schule“ anzufertigen. Bitte achten Sie bei Ihrer Präsentation darauf, dass vor allem der Grundschulbereich eine besondere Beachtung findet. Für die Vorbereitung dieser Präsentation, die dann hier vor unserem Lehrerkollegium vorgeführt wird, haben Sie insgesamt 14 Tage Zeit. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und viel Freude bei Ihrer Arbeit“, sagte Schulrektor Strehlau.
Mit einem leicht nach unten geneigten Kopf sagte Leonie zu Schulrektor Strehlau: „Vielen Dank. Ich werde mir Mühe geben, eine gute Präsentation vorzubereiten.“ Während sich Leonie bedankte, hörte sie, wie Nele leise vor sich hin plapperte: „Ob die das wohl schafft? Dieses Mauerblümchen sollte doch lieber in den Kindergarten gehen.“ Felix, der diese böse Bemerkung ebenfalls gehört hatte, warf Leonie einen ermutigenden Blick zu.
„Meine Damen, meine Herren, ich möchte Sie nun auch nicht länger stören. Vermutlich möchten Sie hier noch einiges besprechen, bevor Sie dann ins wohlverdiente Wochenende gehen. Ich wünsche Ihnen allen noch einen schönen Tag.“ Kurz darauf verließ Schulrektor Strehlau das Lehrerzimmer. Während die meisten der Kolleginnen und Kollegen schnell wieder in eigene Gespräche vertieft waren, verspürten Leonie und Felix ein zartes Band wechselseitiger Sympathie. Für Leonie war es ein völlig neues Gefühl, dass sich ein Mann für sie engagieren könnte. Der Blick, den Felix ihr eben in der für sie so schwierigen Situation zugeworfen hatte, war für sie von großer Bedeutung. Sie fühlte sich hin- und hergerissen. Einerseits war sie gerührt von dem Gefühl, dass ihr Felix einen so zarten Blick geschenkt hatte. Andererseits stiegen sogleich wieder ihre quälenden Selbstzweifel in ihr auf. Es konnte einfach nicht sein, dass sich ein so liebevoller, gut aussehender Mann für sie interessiert.
„Hast du schon Pläne für dieses Wochenende?“, fragte Nele mit ihren stark geschminkten Augen klimpernd Felix? „Ja, ich werde an einem Schachturnier teilnehmen. Damit wird mein Wochenende bestens ausgefüllt sein“, antwortete Felix, sichtlich desinteressiert. „Schade, sonst hätten wir vielleicht etwas gemeinsam unternehmen können.“
Leonie, die diesen Dialog sehr wohl mitbekommen hatte, sah sich sogleich in ihren Minderwertigkeitskomplexen bestätigt. „Das ist schon klar, dass ich mit einer so selbstbewussten und modisch gestylten Frau nicht konkurrieren kann“, sagte Leonie zu sich selbst. In ihrer Fantasie hatte sie schon davon geträumt, gemeinsam mit Felix eine Zukunft zu gestalten. Der liebevolle Blick, den Felix ihr gerade geschenkt hatte, löste in ihr eine Kaskade schönster Gedanken und Gefühle aus. Sie malte sich aus, wie es wohl wäre an der Seite von Felix ein Leben voller Glück und Harmonie leben zu können? Während sich Leonie diesen Träumereien hingab, vergaß sie für einen kurzen Moment, dass sie sich im Lehrerzimmer befand.
Nele, die diese Gefühlsregung offenbar mitbekommen hatte, riss Leonie jäh aus ihren Tagträumen, und sagte zu ihr: „Du machst auf mich den Eindruck, dass du gar nicht anwesend bist. Konzentriere dich lieber mal auf deine Präsentation, denn die wird mit darüber entscheiden, ob du das Referendariat hier erfolgreich bestehen wirst.“ „Ja, ja, schon klar“, sagte Leonie kleinlaut. „Ich weiß, dass diese Präsentation sehr wichtig für mich sein wird.“ Während Nele zu ihrem Platz zurückging, warf sie Leonie erneut einen missgünstigen Blick zu, dem Leonie zu entnehmen glaubte: „Lass' bloß die Finger von Felix. Der gehört mir. Versuch' erst gar nicht, ihn auf deine Seite zu ziehen. Gegen mich hast du ohnehin keine Chance.“
In Neles Leben gab es bisher schon viele Männer. Allerdings konnte sie bisher keine längerfristige Beziehung aufbauen. Sicher lag es daran, dass Nele Männer grundsätzlich nur als Trophäen betrachtete, die es in möglichst großer Zahl zu sammeln galt. Wahre Liebe, wie sie sich Leonie wünschte, kam in Neles Welt schlichtweg nicht vor.
Felix, der beobachtete, dass Leonie gedankenschwer an ihrem Platz saß, ging zu ihr, und sagte: „Leonie, ich bin ganz sicher, dass du eine gute Präsentation entwickeln wirst. Hab' Mut, du schaffst das ganz bestimmt!“ Während Felix zu Leonie sprach, spürte Leonie eine liebevolle Wärme in seinem Blick, die sie innerlich elektrisierte. Da sie Angst hatte, Felix könnte ihre Gefühlsregung mitbekommen, lenkte sie schnell ab.
„Du nimmst also an einem Schachturnier teil, Felix?“ „Ja, ich spiele schon seit vielen Jahren im hiesigen Schachverein. Das macht mir große Freude.“ „Dann bist Du bestimmt ein besonders kluger Mensch?“ „Ach, Leonie, ich bin eher sehr bescheiden, und freue mich, wenn ich anderen Menschen behilflich sein darf.“ „Das gefällt mir sehr gut. Du hast eine bemerkenswerte Lebenseinstellung. So etwas findet man heutzutage leider nur noch selten.“ „Danke, für deine lieben Worte, Leonie.“ „Wie lange dauert denn eine solche Turnierpartie?“ „Nun, das ist sehr unterschiedlich. Durchschnittlich sind etwa vier bis sechs Stunden keine Seltenheit.“ „Puh, dann musst du auch ein sehr geduldiger Mensch sein, oder?“ „Ja, das ist wahr.
Einer meiner Leitsätze lautet: „In der Ruhe liegt die Kraft“. Das ist eine Lebensweisheit, die du in vielen Situationen des Lebens sinnvoll nutzen kannst.“ „Ich bin schwer beeindruckt, Felix. Du bist sehr sympathisch und klug noch dazu. Das finde ich richtig gut.“
Während sich Leonie und Felix so angeregt unterhielten, murmelte Nele trotzig vor sich hin. „Warte mal ab, naiver Felix. Wir wollen doch mal sehen, ob es diesem Mauerblümchen gelingt, dich um den Finger zu wickeln?“ Im Lehrerzimmer war eine knisternde Atmosphäre entstanden. Einerseits die missgünstig agierende Nele. Andererseits die sich sehr zart andeutenden Bande einer aufkeimenden Liebe zwischen Leonie und Felix.
Draußen schaute die Sonne zwischen den Wolken hervor. Gegen 14 Uhr verließen die Kolleginnen und Kollegen das Lehrerzimmer, und freuten sich auf das wohlverdiente Wochenende.
*
„Einen wunderschönen guten Morgen“, begrüßte Dr. Blautaler die aufgeregt wirkende Leonie in seiner Praxis. „Guten Morgen, Dr. Blautaler.“ „Was führt Sie zu mir? Sie wirken irgendwie so verstört auf mich. Was ist geschehen? Sind Sie krank? Fühlen Sie sich nicht wohl?“, fragte Dr. Blautaler besorgt. „Ach, wissen Sie, ich weiß gar nicht so recht, wie ich anfangen soll? Irgendwie fühle ich mich total durch den Wind.“ „Am besten wird es sein, Sie kommen erst einmal herein, setzen sich hier auf einen Stuhl, und dann erzählen Sie mir in aller Ruhe, was Sie so bedrückt.“ „Ja, vielen Dank. Das ist eine gute Idee.“
Aus dem Wartezimmer hörte man vereinzelt einige Gesprächsfetzen anderer Patientinnen. „Haben Sie denn bei Ihrer vollen Praxis überhaupt Zeit für mich? Ich möchte Ihnen nicht Ihre so wertvolle Zeit stehlen. Die anderen Menschen brauchen bestimmt auch Ihre Hilfe, Dr. Blautaler?“ Obwohl Dr. Blautaler Leonies Einschätzung grundsätzlich zustimmte, spürte er, dass Leonies Befindlichkeit eine besondere Aufmerksamkeit benötigte. „Ja, das ist zwar richtig, dass hier viele Menschen darauf warten, von mir behandelt zu werden, aber meine ärztliche Intuition sagt mir, dass Sie akut in Not zu sein scheinen. Von daher nehme ich mir sehr gern etwas Zeit für Sie. Darf ich Ihnen ein Glas Wasser anbieten?“ „Ja, vielen Dank.“ Während Leonie auf einem bequemen Stuhl Platz nahm, versuchte Dr. Blautaler zunächst durch seine besonnene und freundliche Art beruhigend auf Leonie einzuwirken.
„Was kann ich denn für Sie tun? Wo drückt der Schuh? Haben Sie Sorgen?“ Allmählich beruhigte sich Leonie ein wenig, und sie öffnete sich. „Dr. Blautaler, ich bin z. Z. im Referendariat, und soll nun dort eine Präsentation vorbereiten.“ „Ich nehme an, davor haben Sie Angst?“ „Nein, das ist es nicht. Die Präsentation werde ich bestimmt gut schaffen.“ „Was ist es dann, was Sie so sehr bedrückt?“ „Nun, wie soll ich es sagen? Es gibt dort einen sehr netten Kollegen, Felix, der ebenfalls dort als Referendar tätig ist.“ „Ich verstehe. Und wo genau sehen Sie das Problem?“
Sichtlich berührt wechselte Leonies Gesichtsfarbe zu einem verschämten Rot. Dr. Blautaler ließ sich nichts anmerken, und ahnte, worauf Leonie hinaus wollte. „Gibt es Probleme mit diesem Kollegen?“ „Nein, so kann man das nicht sagen. Ganz im Gegenteil.“ „Ganz im Gegenteil?“, fragte Dr. Blautaler etwas spitzbübisch. „Nun ja, ich glaube, dass ich mich in Felix verliebt habe.“ „Herzlichen Glückwunsch. Das ist ein schönes Gefühl, dessen Sie sich nicht zu schämen brauchen.“
Als Leonie merkte, dass Dr. Blautaler sehr empathisch mit dieser Situation umging, atmete sie innerlich ein wenig auf. „Das Problem ist, dass es im Lehrerkollegium eine Nele gibt, die offenbar ein Auge auf Felix geworfen hat. Ich habe den Eindruck, dass sie gar kein ernsthaftes Interesse an Felix hat, und ihn nur als Spielball benutzen möchte.“ „Ich verstehe. Das ist kein schöner Zug von Nele.“ „Außerdem befürchte ich, dass ich mit Nele nicht konkurrieren kann. Ich habe doch gar keine Chance bei Felix, wenn sich diese falsche Schlange an ihn heran macht.“ „Warum denken Sie, dass Sie keine Chance bei Felix haben?“ „Nele wirkt viel attraktiver und selbstsicherer als ich.“
„Haben Sie schon mal daran gedacht, dass manche Menschen nur eine aufgesetzte Selbstsicherheit zur Schau tragen, weil sie im Grunde genommen oftmals eher unsichere Menschen sind?“ Nachdenklich antwortete Leonie: „Mmh? Nein, dieser Gedanke ist mir so noch nicht in den Sinn gekommen. Da könnte etwas dran sein.“ „Oftmals hat mangelndes Selbstbewusstsein vor allem etwas damit zu tun, dass Menschen schon als Kinder zu wenig Anerkennung bekommen haben. Wie war das denn in Ihrer Familie?“, fragte Dr. Blautaler?
„Wenn ich so darüber nachdenke, dann stelle ich fest, dass genau das auch bei mir ein wichtiger Grund sein könnte. Mein Vater, Gottfried Satori, den ich eigentlich sehr liebe, hatte zu mir immer eine sehr unterkühlte, sachliche Beziehung gepflegt. Zwar hatte er sich stets um mein materielles Wohl bemüht, weniger aber um mein seelisches Gleichgewicht. Das hatte mir schon immer sehr zu schaffen gemacht.“
„Das kann ich sehr gut nachvollziehen“, sagte Dr. Blautaler in seiner sehr verständnisvollen Art. „Sie sind ein sehr aufmerksamer Zuhörer und zudem ein wunderbarer Arzt, Dr. Blautaler. Ich glaube, dass ich hier bei Ihnen genau richtig bin. Schon lange habe ich keinen Menschen mehr getroffen, der mir so geduldig zuhört. Das tut mir sehr gut.“
Aus dem Wartezimmer hörte man schon ein ungeduldiges Raunen einiger Patientinnen. „Ich schlage vor, dass Sie bis zu unserem nächsten Termin eine Liste erstellen. Dort tragen Sie bitte in eine Spalte alle Vorzüge ein, die sie bei sich wahrnehmen. In einer zweiten Spalte notieren Sie bitte alle Eigenschaften, die Sie an sich nicht mögen. Diese Liste werden wir dann bei unserem nächsten Termin hier besprechen.“ „Ja, das werde ich so machen. Ich wäre so froh, wenn ich endlich mehr Selbstbewusstsein entwickeln könnte. Vielen Dank für Ihre Hilfe. Bis bald dann, und Ihnen noch einen schönen Tag, Dr. Blautaler.“
„Bitte lassen Sie sich an der Rezeption noch einen neuen Termin geben. Alles Gute, bis bald dann wieder. Auf Wiedersehen, Frau Satori.“ Schon kurz nachdem Leonie die Praxis von Dr. Blautaler verlassen hatte, überkamen sie erneut starke Selbstzweifel. Sie vermochte sich nicht vorzustellen, wie es ihr gelingen könnte, Felix für sich zu gewinnen.
Die schier übermächtige Nele würde ihr bestimmt Steine in den Weg legen wollen. Mit gemischten Gefühlen machte sich Leonie auf den Heimweg. Dort wartete noch ein Stapel Klassenarbeiten auf sie, die es zu korrigieren galt.
*
Am Wochenende besuchte Leonie ihren Vater, Gottfried, in dessen hauseigener Bibliothek. Er war schon immer ein richtiger Bücherwurm gewesen. Wenn er sich in seine Bücher zu den Themen Kunst und Theater vertiefte, konnte er alles um sich herum vergessen. In seiner Funktion als Verwaltungsdirektor eines privaten Bildungsträgers suchte er bewusst nach einem Ausgleich zu seiner beruflichen Tätigkeit.
Gottfried, ein leicht übergewichtiger Herr von 55 Jahren, litt sehr unter dem viel zu frühen Tod seiner schon mit 51 Jahren an Krebs verstorbenen Ehefrau, Marianne. „Hallo, Papa“, begrüßte ihn Leonie freudestrahlend. „Hallo, Leonie. Wie war deine Woche in der Schule?“, fragte Gottfried eher beiläufig, während er in einem großen Kunstbildband blätterte.
„Na ja, meine Zeit als Referendarin ist schon sehr aufregend. Schulrektor Strehlau hat mir den Auftrag erteilt, eine Präsentation zum Thema „Lernpsychologie in der Schule“ anzufertigen. Dieses Thema interessiert mich schon seit längerer Zeit.“ Ohne den Blick von seinem Kunstbildband abzuwenden sagte Gottfried: „So, so. Ist das wieder so ein neumodischer Quatsch? Wir haben früher in der Schule einfach nur gelernt, und aus uns ist doch auch etwas geworden.“
„Nein, Papa, das ist überhaupt kein neumodischer Quatsch. Es geht darum, dass die Kinder schon frühzeitig lernen sollen, wie sie ihr eigenes Lernen verbessern können. In unserer Welt, in der eine gute Bildung immer wichtiger geworden ist, sollten Kinder schon in der Grundschule lernen, wie sich möglichst gut und effektiv lernen lässt.“ „Na ja, wenn du meinst“, murmelte Gottfried mürrisch in sich hinein.
„Aber Papa, das ist eigentlich gar nicht mein Problem.“ „Was hast du denn für ein Problem?“ „Nun ja, im Lehrerkollegium gibt es einen sehr netten jungen Mann, Felix.“ „Na schön. Und wo ist das Problem?“ „Wie soll ich es dir sagen, Papa? Ich habe mich wohl ein wenig in ihn verliebt.“ „Taugt er denn etwas? Kann er dich denn auch gut versorgen?“ „Ach, Papa, du bist so schrecklich nüchtern. Mir geht es doch hier nicht um meine materielle Versorgung, sondern darum, dass ich Felix unglaublich nett finde.“ „Leonie, sei vorsichtig. Die meisten Kerle wollen die Mädels doch nur ins Bett kriegen. Anschließend lassen sie sie fast immer wie eine heiße Kartoffel fallen.“ „Papa, ich bin mir ganz sicher, dass Felix nicht so ist. Er ist sehr aufmerksam, ausgesprochen hilfsbereit und hat einen so liebevollen Blick.“
