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Die Pflanzenwelt hat die Schnauze voll von der Menschheit und vertreibt sie von der Erde. In "Dr. Patchwork und die Insekten" finden die Menschen einen neuen Heimatplaneten und gründet dort eine Kolonie. Doch sie hat nichts aus ihren Fehlern gelernt und macht die gleichen Fehlern auf dem neuen Planeten erneut. Adam Steinberg alias Dr. Patchwork gehört zu einer Gruppe von Wissenschaftlern, welche die Kolonie vor dem Aussterben bewahren soll, doch leider verursachen diese "Helden" mehr Probleme, als sie lösen. Adam selbst ist ein Misanthrop und sucht nach einem Heilmittel gegen Tribalismus und die menschliche Dummheit. Hat das mit der Menschheit überhaupt noch einen Sinn?
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Seitenzahl: 559
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Gordon Goh
Dr. Patchwork und die Insekten
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1: Der vitruvianische Dr. Steinberg
Kapitel 2: Einleitung
Kapitel 3: Der vitruvianische Dr. Patchwork
Kapitel 4: Material
Kapitel 5: Töne, Klänge & Rhythmen
Kapitel 6: Methoden
Kapitel 7: Die süße Frucht
Kapitel 8: Ergebnisse
Kapitel 9: Das Tetraeder
Kapitel 8: Ergebnisse
Kapitel 9: So lasst uns alle tanzen
Kapitel 10: Diskussion
Kapitel 11: OmniHume
Kapitel 12: Fazit
Literaturverzeichnis
Impressum neobooks
Gordon Goh
Doktor Patchwork und die Insekten
Eine WarTimeSaga
„Realität ist eine Illusion, die das Bewusstsein als existierende Welt projiziert.
Der Mensch versucht diese Illusion stets aufrechtzuerhalten.“
NeoHume
Im Jahre 2070 fand auf der Erde ein Ereignis statt, welches die Menschheit zwang, die Erde zu verlassen. Ein außerirdisches Wesen namens Ilmatar besuchte den Planeten und gab der irdischen Flora die Macht, sich gegen die Menschheit zur Wehr zu setzen. Während die Nationen verzweifelt gegen die Flora kämpften, war es einigen Forschern klar, dass menschliches Leben auf einem Planeten unmöglich ist, auf dem das Zusammenleben zwischen Mensch und Natur dermaßen aus den Fugen geraten ist. Deshalb intensivierten sie die Arbeit an dem Exodus-Projekt, einem Projekt, welches ursprünglich dazu gedacht war, den Mars und einige Monde des Sonnensystems zu kolonisieren, nun aber einen neuen Schwerpunkt bekam: Der Aufbruch in den interstellaren Raum.
Im Jahre 2073 brach die Menschheit mit drei verschiedenen Raumflotten, bestehend aus Generationsschiffen und ihren Begleiter-Sonden auf. Das Ziel der Phoenix-Flotte war ein Planet namens Chriaske, dessen Existenz jedoch hypothetisch (angeblich basierend auf Informationen aus Area 51, wonach sich an den Zielkoordinaten ein bewohnbarer Planet befinden soll) war, was im Vorfeld stark kritisiert wurde. Der Kontakt zur Flotte brach nach 13 Reisejahren ab. Auf der NeoHume-Flotte gründete sich nach 43 Jahren Reise eine Art Sekte, wahrscheinlich durch kollektive Wahnvorstellungen. Wenige Zeit später kam es zu einem letzten Funküberkontakt, seitdem gilt auch diese Flotte als verschollen.
Unsere Geschichte beginnt auf der dritten Flotte, Eden-2, welche zufällig im interstellaren Raum auf eine gigantische, ringförmige Struktur außerirdischen Ursprungs traf, die bald nur als „Nemesisobjekt“ bezeichnet wurde. Diese Struktur, welche etwa den halben Durchmesser des irdischen Mondes hatte, zog die Flotte durch ihre Mitte. Alle Versuche auszuweichen blieben erfolglos. Als die Flotte das Objekt, welches eine Art Sternentor zu sein schien, passiert hatte, fand sie sich in einem neuen Sternensystem wieder. Das „Nemesisobjekt“ war verschwunden, aber vor ihnen befand sich eine neue Welt, ein Planet mit blauen Ozean und einem braunen Superkontinent. Die Besatzung der Flotte siedelte sich auf diesem Planeten an und im Laufe der nächsten 300 Jahre entwickelte sich die Kolonie zu einer blühenden Zivilisation, welche die Siedler nach der Flotte, die sie hier hergebracht hatte, „Eden-2“ tauften. Dreihundert Jahre nach dem Exodus war die Kolonie eine blühende Zivilisation. Der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre von Eden-2 war zu etwa 50% geringer als auf der Erde. Um nicht zu ersticken, wurde über der Stadt, welche die Kolonisten aufgebaut hatten, eine riesige, transparente Polymerkuppel errichtet, welche nur durch streng kontrollierte Ein- und Ausgänge mit der Außenwelt verbunden war. Die Kolonie wurde mit den Materialien und der Technologie der Raumflotte errichtet. Außer der planetaren Kolonie gab es noch zwei weitere dauerhaft bewohnte Außenposten in dem neuen Sternensystem. Auf den zwei Monden des Planeten wurden ebenfalls je ein Außenposten gegründet, um dort Rohstoffe abzubauen und um Teleskope zu errichten. Die Monde wurden Dante und Vergil getauft. Dante war der größere der beiden Monde und näher als Vergil an Eden-2. Auf Grund seiner reichhaltigen Bodenschätze und vielfältigen Erzvorkommen hatte Dante ein sehr farbenfrohes Aussehen. Vergil dagegen war ein Eismond und für die Rohstoffgewinnung eher uninteressant. Der dortige Außenposten diente als Hafen für die Kohlenstofftransporter, welche regelmäßig zu dem pechschwarzen Kohlenstoffplaneten Negro flogen, um dort die reichen Öl- und Kohlevorkommen abzubauen.
Nach einiger Zeit stellten die Kolonisten fest, dass sie nicht alleine waren. Durch die Erforschung der Planetenoberfläche von Eden-2 wurden durch die Kolonisten schlafende Hunde geweckt. Es existierten dort drei verschiedene Lebensformen, von denen zwei den Kolonisten feindlich gesinnt waren. Die Quarzorganismen im Ozean lebten wie eine präkambrische Küstenflora und waren ungefährlich. Die zweite Lebensform war eine Art homogene Substanz, die sich anfangs ruhig verhielt, dann aber eine Art Selbsterhaltungstrieb zeigte, als die Kolonisten anfingen sie als Energiequelle abzubauen. Sie zeigte nicht nur Reaktionen, sondern sogar intelligentes Verhalten, schien Strategien entwickeln zu können und konnte nach Belieben ihren Aggregatzustand ändern. Mal war sie hart wie Edelstahl, mal gasförmig und dann wieder flüssig. Gerüchten zu Folge konnte sie brennen und Elektrizität erzeugen, sogar verschwinden und an anderen Stellen wieder auftauchen. Manchmal bildete die Substanz Knospen aus, die geometrische Formen bildeten und mit den Fahrzeugen der Kolonisten kollidierten. Es war ein einzigartiges homogenes Medium und konnte als lebendig angesehen werden. Die Kolonie gab dieser Bedrohung den Namen „Matrix“. Die dritte Lebensform ähnelte viel eher dem Leben auf der Erde. Es war ein gewaltiger Insektenstaat, der in einem der Höhlensysteme des Planeten gefunden wurde. Schon beim ersten Kontakt reagierten diese Wesen feindsinnig und wurden mit der Zeit immer aggressiver. Sie fingen an, die Kolonisten anzugreifen, fast so, als hätte man ein Rudel wilde Tiere aus ihrem Winterschlaf geweckt. Bald schon fingen sie an die Kolonisten nun als Nahrung anzusehen. Die Kolonie wurde immer wieder durch die verschiedensten Formen dieser Insekten angegriffen. Manche waren klein und bissig, andere groß und bissig und wieder andere waren gigantisch und verfügten über eine Art organischer Schusswaffen. Es war schwer zu sagen, ob diese Tiere intelligent waren oder nicht. Eines aber war klar: Sie wollten die Menschen fressen. Sie befanden sich im Krieg mit ihnen und ihre Anzahl schien kein Ende zu nehmen. Daher nannte man sie „Die Plage“.
Abb. 1: Die Eden-2-Kolonisten passieren das Nemesisobjekt.
1
In der Forschungsabteilung der interstellaren Eden-2 Kolonie forscht der exzentrische Dr. Adam Steinberg in seinem Labor nach den Geheimnissen der Plage. Bereits drei Jahre sind seit dem ersten Kontakt mit dieser außerirdischen Spezies vergangen, aber dennoch fehlen ihm die nötigen Proben zur Erforschung dieser, so bezeichnet Dr. Patchwork sie, wunderbaren Kreaturen, da bis jetzt kaum einer diesen Kontakt überlebt hat. Und wenn doch, dann nur, weil die militante Interstellar Force Hochleistungsplasma-Waffen eingesetzt hat. Aber was soll der arme Doktor mit verkohlten Überresten anfangen?
»Nutzlose Spasstis!« murmelt er vor sich hin, während er die schwarz verkohlten Chitin-Panzer analysiert, die die Interstellar Force ihm von ihrem letzten Außeneinsatz mitgebracht hat.
Abb. 2: Dr. Adam Steinberg alias Dr. Patchwork.
»Ihr hirnzelllosen Affen wollt mich drängen, meine Ergebnisse schnell auf den Tisch zu bringen? Dann riskiert verdammt nochmal eure nutzlosen Drecksleben! Mit dieser Scheißprobe kann ich nicht arbeiten.«
Aus der Richtung der Eingangstür vernimmt Dr. Steinberg eine bekannte, aber dennoch unwillkommene Stimme, die ihm antwortet »Wer soll hier sein Drecksleben riskieren, Steinberg?«.
Es ist Mr. Sinclair, der Leiter der Forschungsabteilung zur Entwicklung von Verteidigungsmitteln, Science of Defends, kurz SOD - jene Abteilung, für die Dr. Steinberg arbeitet.
Dr. Steinberg hebt die verkohlten Chitin-Panzer-Reste mit der Zange hoch und zeigt sie seinem Chef.
»Was soll ich mit dieser verschmorten Kampfdrohne machen? Wissen schaffen? Gewiss nicht! Ich brauche frisches Material und kein BBQ.« grummelt Dr. Steinberg seinem Chef entgegen.
»Ihre eigenbrötlerische Lebensweise schadet noch der Glaubwürdigkeit unseres Unternehmens Dr. Steinberg. Ich wette, auf der Erde würden Sie unter einer Brücke hausen und mit Mäusen reden.« zieht Sinclair ihn auf und fügt noch hinzu »Vielleicht würden Sie an der Probe mehr erkennen, wenn Sie mal hin und wieder das Licht anknipsen.«.
Steinberg rümpft die Nase und erwidert »Im Gegensatz zu euch Schlipsträgern, bevorzuge ich das Licht in meinem Kopf.«.
Steinberg gibt schließlich nach und kommt aus seiner dunklen Ecke vor dem Seziertisch, seinem Lieblingsplatz, hervor. Nun sieht Sinclair das seltene Gesicht seines zwielichtigen Mitarbeiters. Sie stehen sich gegenüber. Ein vom Schlafmangel geprägter Laborant im weißen Kittel steht einem Bürohengst im Anzug und lila grau gestreifter Krawatte gegenüber. Steinberg hat eine Augenschwäche auf dem linken Auge, weshalb er eine Schutzbrille trägt, die nur das linke Auge bedeckt. Dieses auf Eden-2 als Monoggle bekannte Design ist schon fast ein Markenzeichen Steinbergs. Seine rotblonden Haare stehen aufrecht und kurz. Schon ziemlich gepflegt. Gepflegter als sein Sechstagebart. Auf seinem Laborkittel hängt auf der linken Brusttasche ein Namensschild mit einer Stecknadel, auf dem das Wappen seiner Arbeitsabteilung steht. Jeder, der für SOD oder einem anderen Großunternehmen Edens arbeitet, trägt so eine Stecknadel mit dem entsprechenden Wappen. Steinberg arbeitet für die SOD in der Plageforschungsabteilung. Deswegen ist neben den schwarzen Initialen „SOD“ eine goldene Küchenschabe als Wappen abgebildet. Manche nennen diese Stecknadeln auch scherzhaft Familienwappen. Sinclairs Familienwappen ist ein goldenes SOD, was bedeutet, dass er zur Führungsabteilung gehört.
»Du solltest dich frisch machen, Steinberg!« kommentiert Sinclair »Wir haben in weniger als zehn Minuten eine Sitzung. Die anderen Forschungsabteilungen präsentieren ihre Ergebnisse. Ich hoffe, du bringst auch welche mit. Wäre zu deinem Besten.«.
Steinberg rümpft die Nase und sagt »Bei den Scheißproben, die mir die Interstellar Force gebracht hat, war es nicht leicht, aber weil ich ein unschlagbarer Meister auf meinem Gebiet bin, mache ich eure Inkompetenz durch meine Kompetenz wett.«.
»Sollte das ein „ja“ sein?« fragt Sinclair.
»Das soll heißen, dass ihr ohne mich aufgeschmissen wärt. Und jetzt: raus aus meinem Königreich, Sie Insekt!«
Sinclair kehrt ihm den Rücken zu und erwidert mit erhobenem Finger »Zehn Minuten, Steinberg!«.
Steinberg erhebt zum Abschied ebenfalls einen Finger, aber nicht denselben.
Sinclair verlässt Steinbergs Labor mit wütenden Schritten und rennt dabei fasst Ivy um, die gerade das Labor betreten will und erschrocken vor Sinclairs griesgrämiger Fratze stehen bleibt. Auch Sinclair erschreckt kurz, aber nicht nur weil Ivy ihn überrascht hat, sondern auch weil er sich niemals daran gewöhnt, dass Ivy kein Mensch, sondern eine Ratte ist. Sie ist eine genetische Meisterleistung von Steinbergs Vater, einem genialen Genetiker, dem es gelungen ist, Ratten mit menschlicher DNA zu züchten. Ivy ist eine 1,8 m große Rattendame, die aufrecht auf zwei Beinen steht und ihr weißes Rattenfell und ihre prallen Brüste aus Scham unter einer Hose und einem Hemd versteckt. Darüber trägt sie einen Laborkittel mit derselben Anstecknadel, wie Steinberg sie trägt, da sie nicht nur in der selben Abteilung arbeitet, sondern Adam Steinbergs einzige Laborassistentin ist. Ihre schwarzen Pupillen und die rote Iris drumherum verfolgen die ungeduldigen Schritte von Sinclair, der soeben das Labor verlässt. Sie lassen ihn nicht aus den Augen, während sie weiter in Adams Labor hineingeht und fragt »Hast du ihn wieder provoziert«.
»Wen kümmert´s? Er ist ein Idiot, wie all die anderen in dieser bekloppten Kolonie.« antwortet Steinberg.
»Mich kümmert es, wenn du Ärger bekommst.«
»Mach dir keine Sorgen, Ivy! Mit dem komme ich klar.« sagt Adam, während er seine verkohlte Probe entnervt auf die Präparierschale schmeißt. »Ivy, nimm die „Protokolle“ und geh schon mal in den Sitzungsraum! Wir haben gleich eine Sitzung. Ich werde mich etwas verspäten, also will ich, dass du Sinclair etwas ausrichtest.«.
2
Abb. 3: Ivy (Rattus sapiens), Laborassistentin von Dr. Adam Steinberg.
Drei Minuten nachdem Adam seiner Rattenassistentin erklärt hat, was sie zu tun hat, ist sie bereits eilig auf dem Weg zum Sitzungsraum der SOD, der sich im selben Gebäudekomplex befindet, wie die Labore und der Rest der Forschungsabteilung. Sie rennt durch die Korridore und lässt dabei ein paar Seiten der Protokolle aus Versehen aus ihren Händen fliegen, fängt diese jedoch sofort mit ihrem 1,25 m langen Rattenschwanz wieder auf. Sie rennt an den anderen Angestellten vorbei, die ihr ausweichen müssen. Immer wieder entschuldigt sie sich beim Personal, den SOD-Beamten, den Sekretären und dem Reinigungsdienst, für ihre hastigen Sprints durch die Gänge und erwischt noch geradeso den nächsten Aufzug. Sie hat es eilig, weil Steinberg seine Gelder an seine Konkurrenten verlieren würde, falls nicht irgendein Fürsprecher rechtzeitig für ihn einspringt. Ivy hasst diese Eile und sie muss tief hecheln, weil sie nicht so viele Schweißdrüsen hat, wie ein Mensch. Im Lift neben ihr steht einer von Adams Konkurrenten. Es ist Jeremy Needle, der Projektleiter, der Floraabteilung. Seine Forschungsgruppe beschäftigt sich mit der Entwicklung genetisch angepasster Pflanzen. Es ist seine Aufgabe, die Pflanzen, die sie mit nach Hause nehmen konnten, so zu modifizieren, dass sie nicht wieder die Oberhand übernehmen können, so wie es auf der Erde der Fall war. Dazu dienen Ihnen Pflanzen, die von Ilmatars Macht unberührt blieben und von den Kolonisten einfach kultiviert werden konnten und zum anderen isolierte Exemplare von mutierten Pflanzen, die aggressiv auf Menschen reagieren. Manche hielten es für einen Fehler, diese „Proben“ mitzunehmen und aufzubewahren, weil sie die Kulturpflanzen mit IlmatarsMacht anstecken könnten. Doch die Forschungsabteilung und auch SOD erhoffen sich durch die Erforschung der Flora eine wirksame Methode, die Flora eines Tages auf genetischer Basis kontrollieren zu können und so Ilmatars Macht entgegenzuwirken, sollten die Kolonisten ihr jemals wieder begegnen.
»Na, Steinberg schickt Sie wohl wieder vor!?« kommentiert Dr. Needle.
Ivy schaut mit schüchternem Blick in seine Richtung in sein sarkastisches Lächeln und der dunkelbraunen Igelfrisur. Seine Anstecknadel trägt neben den SOD-Initialen zusätzlich eine Tulpe aus Weißgold. Er ist schlank und 1,9 m groß. Er trägt immer dieses scheinheilige Lächeln auf, aber Ivy merkt nicht, dass es scheinheilig ist. Sie findet ihn dadurch sogar irgendwie sympathisch. Sie traut sich nur nie, das zuzugeben, weil sie Adam auch nicht in den Rücken fallen will. Immerhin sind Adam und Ivy wie Geschwister aufgewachsen. Ivy betrachtet Jemery Needle als sympathischen Konkurrenten. Leider hat Adam durch seine arrogante Haltung nicht besonders viele Freunde, wodurch auch Ivy nicht viele Freunde hat. Aber würde sie sich mit den Leuten anfreunden, mit denen Adam nicht klarkommt, müsste sie sich von Adam immer weiter distanzieren. Und wen hätte Adam dann noch, außer seiner Schwester, die bei der Interstellar Force als Major dient oder seinen Vater, mit dem er sich viel zu oft in die Haare kriegt. Und seine Mutter ist tot. Sie wurde vor Jahren bei einer Straßenschlägerei von religiösen Fanatikern getötet. Es gibt religiöse Fraktionen, die nicht wollen, dass sich unterschiedliche ethnische Gruppen miteinander vermischen. Adam ist nämlich ein Halbjude. Seit die Kolonisten das ringförmige Nemesisobjekt passiert und ihren neuen Heimatplanet Eden-2 betreten haben, reden viele der Kolonisten von einer göttlichen Fügung des Schicksals und fingen wieder an, sehr religiös zu denken. Sie konvertierten ins Christentum, ins Judentum, der Scientology oder traten der neugegründeten Präastronautiksekte bei. Einer der Gründe, weshalb Adam Steinberg seine Mitmenschen verachtet. Zum einen, weil deswegen seine Mutter sterben musste und zum anderen, weil er der Meinung ist, dass die Kolonisten unfähig sind, klare Zusammenhänge zu erkennen und nicht das Recht haben, sich Wissenschaftler zu nennen. Er empfindet Menschen als äußerst irrational, gedankenlos, dumm und unwürdig. Adam Steinberg ist ein Misanthrop. Wahrscheinlich versteht er sich deswegen so gut mit Ivy. Sie ist nicht menschlich. Aber man muss auch berücksichtigen, dass er sonst kaum jemanden hat. Er wäscht sich sogar die Hände, nachdem er jedes Mal mit einer anderen Person in Kontakt gerät, aber nicht bei Ivy.
»Vielleicht sollten Sie sich einer besseren Forschungsabteilung anschließen.« sagt Dr. Needle kurz, bevor er zutraulich seine rechte Hand auf ihre linke Schulter legt. Ivy versteht, dass dahinter eine Taktik steckt, die es Dr. Needle ermöglichen könnte, Adams einzige Assistentin abspenstig zu machen. Ivy ist eine Ratte und gegenüber körperlichen Berührungen sehr beeinflussbar. Dr. Needle weiß das und verwandelt die simple Schulterberührung in eine sanfte Massage. Dann geht die Fahrstuhltür auf und Ivy verlässt irritiert, aber souverän den Lift, während Needle ihr hinterher geht. Sie hat es zwar geschafft Dr. Needles kleiner hinterhältigen Strategie aus dem Weg zu gehen, aber sie ist ihn nicht los, denn er muss in die gleiche Sitzung wie sie. Und es wird noch schlimmer, denn im Sitzungsraum warten noch zig weitere Konkurrenten Steinbergs. Einer unsympathischer als der Andere. Oft motzen sie sich gegenseitig an, aber vor allem sind sie gegenüber Adam sehr angriffslustig. Und heute muss sie ohne Adam in den Sitzungsraum. Mal wieder! Man möchte meinen, dass Ivy inzwischen daran gewöhnt sein sollte, doch sie gewöhnt sich nie an die stechenden Blicke, die unangenehmen Fragen und Vorwürfe, die Verachtung und den hinterhältigen Absichten, jemandem ein Bein zu stellen. Insofern kann sie Adam gut verstehen. Menschen können ekelhaft sein, wenn man sie in einen Raum pfercht und aufeinanderhetzt wie abgerichtete Hunde, die sich gegenseitig tot beißen sollen. Genau so will SOD seine Angestellten haben: Konkurrenzfähig und abgehärtet. Ivy ist beides nicht. Alles was sie hat, ist Adam, aber der ist nicht da. Warum ist er nicht da, verdammt? Adam ist ein fähiger und zuverlässiger Wissenschaftler. Aber als Mensch? Als Freund? Ivy könnte all diese Unsympathien ein für alle Mal beenden. Dafür müsste sie nur auf eines von Needles unzähligen Angeboten oder die der anderen Konkurrenten Steinbergs eingehen. Sie müsste ihm nur in den Rücken fallen. Ein Wort würde ausreichen. „Einverstanden!“. Aber das kann Ivy nicht. Dafür ist sie nicht hinterfotzig genug. Und nun betritt sie leider den Raum, in dem sie diese Entscheidung vielleicht bereuen könnte: den Sitzungsraum. Sie hebt die Hand und will die Tür mit ihrer ID-Karte öffnen. Doch Mr. Needle kam ihr schon zuvor und macht die Tür mit seiner ID-Karte auf, nur um sich wie ein scheinheiliger Gentleman aufzuführen und mit einer sympathischen Geste ihr den Vortritt zu lassen.
»Ma`am!« sagt er zu ihr und lässt sie vorgehen.
Eine scheinheilige Höflichkeit verdient ein scheinheiliges Dankeschön.
»Danke!« erwidert Ivy dementsprechend und betritt den Sitzungsraum.
3
Im Sitzungsraum haben schon die anderen Konkurrenten an einem ovalen Glastisch Platz genommen einschließlich einiger Soldaten der Interstellar Force, einschließlich Adam Steinbergs älterer Schwester Maria. Sie sitzen jedoch nicht am Tisch, sondern stehen diszipliniert und diskret daneben. Die Interstellar Force macht es sich nicht bequem, denn sie haben noch einen Außeneinsatz vor sich. Das wissen sie. Und es kann blöd enden für einen Soldaten, der es sich schon vor seinem Einsatz bequem macht. Maria und die anderen drei Führungsoffiziere tragen schwarze Anzüge aus Vantablack, einer Kohlenstoff-Nanoröhrchen-Folie und einigen anderen Materialien, die die Folie vor Verunreinigung und Leitfähigkeit schützen. Aber das geht zu sehr ins Detail. Die Anzüge gucken nur als schwarze Ärmel aus dem Rest der Uniform heraus. Sie tragen eine dunkelgraue Schutzweste mit waagerechten Rillen darüber. Ihre Waffen haben sie immer griffbereit in ihren Gürteltaschen. Am Tisch sitzen unter anderem Victoria Belgrad und Nikolai Wolga. Zwei russische Ingenieure, die für das SOD in der Waffen-Forschungsabteilung arbeiten. Ihre Stecknadel trägt neben den schwarzen SOD-Initialen ein rotes Fadenkreuz. Sie haben momentan ein sehr vielversprechendes Projekt am Laufen, das ihnen sicherlich einen großen Prozentsatz der Forschungsgelder einbringt, wenn ihre Präsentation die Führungsabteilung überzeugt. Victoria trägt lange kastanienbraune gebundene Haare und eine Brille mit spitzen schmalen Gläsern, die an eine verklemmte Sekretärin erinnern. Einen Laborkittel trägt sie immer, anders als der zwei Meter große Nikolai mit seiner blonden Igelfrisur und der vorstehenden Stirn. Sie sind im Gegensatz zu vielen anderen Kolonisten nicht religiös, sondern konservative Homo faber. Das heißt, sie legen mehr Wert auf Fortschritt und Zweckmäßigkeit und entwickeln ihre eigene mechanische und elektronische Philosophie. Eine weitere Person am Tisch ist Kalle Erlmeyer. Er ist der einzige Deutsche in der Forschungsabteilung. Er arbeitet für die Forschungsabteilung zur Analyse und Datensammlung der auf Eden-2 einheimischen Organismen, sowie den geologischen und astronomischen Zuständen. Auf seiner Anstecknadel ist ein schwarzes SOD nebst Orbitalringen des Eden-2-Sonnensystems abgebildet. Der pummelige Kalle mit seiner Halbglatze und den roten Wangen ist für die Datensammlung zuständig und soll Zusammenhänge zwischen den Gefahren der Kolonie suchen. Er steht außerdem in Kontakt mit den Mondstationen und soll überprüfen, ob fremde Himmelskörper, wie Asteroiden oder eventuell sogar unbekannte Flugobjekte sich Eden-2 nähern und das SOD schnellstmöglich darüber informieren. Er leitet außerdem die medizinische Abteilung. Er ist übrigens Präastronautiker. Mihamoto Sakurada ist der Firmenpräsident von BrainConnection. Dieser Konzern betreibt bereits vor dem Aufbruch des Exodus-Projektes auf der Erde und jetzt auf Eden-2 kommerzielle Hirnforschung und ist Erfinder und Administrativer des sogenannten NeuroNet. Das NeuroNet ist eine Technologie, die es Menschen ermöglicht, sich kognitiv zu verbinden und Gedanken auf eben dieser Ebene auszutauschen. Mit anderen Worten, das Internet findet auf Eden-2 im Gehirn statt. Der Konzern ist von der SOD unabhängig, aber fördert die Wirtschaft der Kolonie und sponsert SOD. Als Gegenleistung für Sicherheit und diversen Privilegien statten sie SOD und ebenso die Interstellar Force mit neuen Technologien aus, auch solche, die der Allgemeinheit verborgen bleibt. Der Konzern handelt manchmal korrupt und gewissenlos auf Kosten der Unterschicht, doch die Regierung der Kolonie sieht einfach weg. Jeder Angestellte von BrainConnection trägt als Anstecknadel ein weißes Neuronen-Symbol auf schwarzem Grund. Unter dem Symbol steht in weißen Buchstaben die Initialen BC. Am Tisch sitzt eine noch viel zwielichtigere Person namens Esa Spencer. Dieser Mann ist ein sogenannter Cyberkinetiker. Das sind Menschen, die in der Lage sind, Software mit ihren Gedanken zu steuern. Diese Anomalie hat sich seit der Ankunft der Kolonisten auf Eden-2 entwickelt. Wie viele andere Cyberkinetiker ist auch Esa der Scientology beigetreten, nachdem er seine Fähigkeit bemerkt hat. Er ist ein narzisstischer Kontrollfreak und kann schlecht mit Kritik oder Beschämungen umgehen. Wie viele andere Scientologen auf Eden-2 trägt er einen blauen Trenchcoat mit goldenen und silbernen Flicken als Verzierung. Er gehört zur Forschungsabteilung, die für das elektronische Verteidigungssystem und der Kolonie zuständig ist und trägt als Anstecknadel einen goldenen Computerchip nebst den schwarzen SOD-Initialen. Er ist auch dafür zuständig, gesellschaftliche Freidenker aufzuspüren und gegen aufständische Gruppierungen vorzugehen. Am liebsten tut er das über das NeuroNet. Seine Forschungsabteilung arbeitet eng mit der von Victoria und mit BrainConnection zusammen. Er ist etwas blass im Gesicht und trägt kurze schwarze Haare mit einigen Haarsträhnen, die an seiner Stirn einzeln herunterhängen. Die nächste erwähnenswerte Person am Tisch ist Charlotte Hubble. Sie ist christlichen Glaubens und soll die Energieversorgung der Stadt, den Zustand der Stadtkuppel und Transportwege zu den Außenposten unter Beobachtung halten. Sie trägt fuchsrotes langes Haar und macht einen tollpatschigen, manchmal sogar sehr naiven Eindruck. Ihre Anstecknadel ist ein schwarzes SOD nebst einem goldenen Halbkreis, der die Stadtkuppel darstellen soll. Dann wäre da noch Adam und Marias Vater von der Genetik-Abteilung, die auch nicht direkt dem SOD untergeordnet ist, aber daran arbeitet, seine genetisch veränderten Menschenratten als Arbeiterklasse für gefährliche Einsätze zu züchten, die den Kolonisten ein angenehmeres Leben verschaffen sollen. Deshalb wird er, Kane Steinberg, vom SOD finanziell unterstützt. Er ist dunkelhaarig, etwas übergewichtig und Jude. Seine Anstecknadel ist eine silberne Doppelhelix. Die letzte und populärste Person ist Gabriel Voyage. Er ist Adams stärkste Konkurrenz. Mit ihm muss Adam bei jeder Sitzung ausdiskutieren, von welcher Lebensform die stärkste Bedrohung für die Kolonie ausgeht. Der Plage oder der Matrix. Er hat den Plan, die Matrix zu erforschen, abzuernten und als Energiequelle für die Kolonie einzusetzen. Er trägt einen lila Laborkittel und eine Stecknadel mit dem schwarzen SOD und daneben ein lila Dreieck mit einem lila Ring in dessen Mitte. Sieht aus wie ein Illuminatenabzeichen, doch jedes Mal, wenn man Gabriel fragt, was es damit auf sich hat, antwortet er „Das Dreieck ist nun mal die stabilste Form und der Kreis hat die perfekte Symmetrie. Die Matrix nimmt diese Formen stets an und erreicht damit ebenfalls einen nahezu perfekten Zustand. Die Matrix steht für alles, was vollkommen ist.“.
Wann immer ihn jemand eine Frage über die Stecknadel stellt, antwortet er immer exakt mit dieser Wortwahl und zwar in genau der Reihenfolge. Gabriel Voyage ist ein Neurotiker. Einer der Gründe, warum Adam Steinberg ein Misanthrop ist. Seine braunen Haare mit den grauen Strähnen hängen ihm links und rechts herunter, in der Mitte durch einen Scheitel getrennt und erreichen knapp vor den Augenbrauen ihre Haarspitzen. Vor dem Tisch steht noch Sinclair mit den Händen hinter dem Rücken und der Brust herausgestreckt, wie ein dominantes stolzes Kerlchen. Das ist SOD mit ihren Forschungsabteilungen.
Mit Sinclair an der Spitze.
Victoria Belgrad und Nikolai Wolga, die Waffen bauen.
Kalle Erlmeyer, der den Himmel und den Boden beobachtet.
Mihamoto Sakurada von BrainConnection.
Esa Spencer der Cyberkinetiker.
Die tollpatschige und naive Charlotte Hubble.
Adams Vater, der Ratten züchtende Kane Steinberg.
Adams Erzkonkurrent Gabriel Voyage.
Adams Assistentin, die Ratte Ivy.
Und Jeremy Needle, der Ivy schon etwas zu nahegekommen ist.
4
»Wo steckt denn Steinberg schon wieder?« fragt Sinclair.
»Er, äh... er müsste...« stottert Ivy nervös und fast schon verzweifelt.
Da unterbricht Victoria Ivy im Hintergrund und äfft sie scherzhaft und fies nach »„Äh, äh, äh!“«.
Ivy möchte sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, beißt die Zähne zusammen und erhebt die Stimme, um zu verkünden »Ich soll ausrichten, dass er sich etwas verspätet, weil er sich einen Kaffee holt.«.
Das war alles genau so, Wort für Wort, wie Adam es ihr gesagt hat. Nur das „etwas“ hat sie selbst hinzugefügt. Sinclair verstärkt seine Stimme und brüllt laut aus »Einen Kaffee? Wir besprechen hier die Zukunft der menschlichen Zivilisation und dieser Penner verspätet sich wegen eines Kaffees?«.
Ivy zuckt vor Schreck den Kopf leicht nach unten mit zugekniffenen Augen und fügt noch hinzu »Ja, und ich soll ebenfalls von ihm ausrichten, wenn Sie ein Problem damit haben, dann sollen Sie nicht so eine Pussy sein und können sich ins Knie ficken. Zitat Ende!«.
Warum sie das jetzt auch sagen musste, hat Ivy selber nicht ganz kapiert. Es ist ihr einfach wie eine Tomatenscheibe aus einem zu grob belegtem Sandwich rausgeflutscht. Aber sie hat ihn nur zitiert und noch nicht mal übertrieben. Die Pussy hätte ein Affenficker werden sollen und die Sache mit der Kastration hat sie ganz weggelassen. Und dann waren da noch ein paar Sätze mit dem A-Wort, die sie sich eh nicht merken konnte. Sinclair kommt mit gesenktem Kopf nachdenklich auf sie zu spaziert und massiert sich die eigenen Finger. Er läuft ein paar Mal an ihr vorbei, während die anderen Sitzungsteilnehmer noch nicht ganz verarbeitet haben, was Ivy da bekanntgegeben hat. Ivy ist nervös. Da bleibt Sinclair direkt vor ihr stehen und hat einen Entschluss gefasst. Den Entschluss, ihr eine saftige Maulschelle zu verpassen, die auch sofort schneller auf ihre linke Rattenbacke zugeflogen kommt, als sie reagieren kann. Ihr Fell im Gesicht hat die Wucht etwas gedämpft, jedoch nicht die Schande, der sie sich bewusst wird, zwei Sekunden, nachdem sie den Schreck begriffen hat. Der Schreck wird zu einem psychischen Schock, der sich langsam in Unbegreiflichkeit und Verzweiflung entwickelt. Denn jeder hat es gesehen und schließlich verwandelt sich der Druck auf ihrer Wange zu einem pochenden Schmerz. Sinclair hat doch eine heftigere Maulschelle drauf, als sie anfangs bemerkt hat. Das merkt sie vor allem, nachdem sie ihre blutige Schnauze bemerkt. Ivy wurde geschlagen und sie kann sich nicht dagegen wehren. Sie würde den Kürzeren ziehen. Niemand würde hinter ihr stehen und sie unterstützen. Das tut auch jetzt niemand. Jetzt kommt auch noch ein freches schadenfrohes Kichern und Gelächter aus Seiten der russischen Homo faber und Esa. Sie lachen sie aus und das macht es nur noch schlimmer. Gabriel wirkt etwas genervt und rollt mit den Augen. Ein paar einzelne Tränen sind jetzt unvermeidlich, nur Geheule und Geseufze kann und muss sie sich verkneifen. Mit ganzer Kraft schluckt sie es runter und erduldet es. Sie richtet sich wieder auf und bemerkt erst jetzt, dass Sinclair sich bereits fünf Meter von ihr distanziert und ihr den Rücken zugekehrt hat. Er schenkt ihr keine Beachtung mehr. Dann öffnet sich die Tür und Adam betritt den Raum. Mit einer vollen Kaffeetasse in der einen Hand und zwei Donuts in der anderen. Einen Donut hält Adam zwischen Daumen und Zeigefinger und einen weiteren hat er sich auf den Mittelfinger gesteckt. Das erste was Adam sieht, ist die blutige Rattenschnauze seiner Assistentin. Das zweite sind die armseligen Arschgeigen, die er genau so nennt.
»Hey, Arschgeigen!« begrüßt er seine Kollegen und wendet sich dann seiner Schwester und seinem Vater zu »Maria! Dad!«. Dad schüttelt seinen gesenkten Kopf und stöhnt.
Nun kommt Adam zur Sache und fragt »Also, wer war der intelligente Vollidiot, der meine Ratte geschlagen hat?«.
Sinclair neigt seinen Kopf in seine Richtung und antwortet erbost »Setzen Sie sich, Steinberg!«.
»Ach kommen Sie, Sincli! Ich hab mir nur einen Donut geholt. Sehen Sie?« erwidert Adam.
Sinclair blickt zu ihm rüber und sieht dabei, wie Adam ihm den Donut zeigt, den er sich um den Mittelfinger gesteckt hat, nur damit er Sinclair den Mittelfinger ausstrecken kann, ohne dass es zu offensichtlich wird.
»SETZEN SIE SICH, STEINBERG!« brüllt Sinclair.
Damit das Ganze nicht eskaliert und Adam wissen will, was die anderen Vollidioten zu sagen haben, geht er ohne weiteres Aufsehen auf den Tisch zu. Jeremy sitzt zwischen den zwei einzigen unbesetzten Stühlen, so dass sich Adam und Ivy separieren müssen. Jeremy zieht einen Stuhl nach hinten und bietet diesen Ivy an. Ivy denkt nicht lange nach und nimmt den Stuhl an. Doch Adam zieht den letzten Stuhl mit dem Fuß heraus, macht dabei einen großen Bogen um Jeremy und platziert ihn hinter Ivys weiße Rückenlehne und zwar so, dass die Rückenlehne seines Stuhls in Sinclairs Richtung zeigt, damit er sich verkehrt rum auf den Stuhl setzen kann. Die Stühle haben nämlich keine Armlehne, deswegen ist es praktisch sich verkehrt herum hinzusetzen, um seine Arme auf das Ende der Rückenlehne zu schonen. Nur kluge Menschen machen das so. Ansonsten müsste man die Hände auf den Schoß legen wie ein braves Schulmädchen oder man steckt sie sich beim Sitzen in die Hosentaschen, so dass man wie ein Penner wirkt. Oder, was noch viel schlimmer wäre, man lässt die Arme wie zwei tote Fische von den Schultern hängen und sieht dabei aus wie der letzte Vollidiot. Nur Sinclair hat einen eigenen Privatstuhl mit Armlehnen, wodurch er mehr Würde ausstrahlen kann als die Anderen und das darf Adam nicht zulassen. Auf gar keinen Fall. Er muss den Stuhl verkehrt herum besetzen und seinen eigenen Stolz präsentieren. Die anderen haben es nicht gemacht, weil sie es für kindisch hielten, doch jetzt bemerken sie, wie stolz sich Adam auf dem Stuhl präsentiert und können es ihm nicht nachmachen, da dies nur plagiater Nachäfferei gliche. Tja, zu spät. Jetzt müssen sie ihre Arme auf den Tisch lehnen, bis sie Rücken und Schulterbeschwerden bekommen. Adam hofft von ganzem Herzen, dass seine Kollegen daran fürchterlich zu Grunde gehen und vollzieht dabei ein schadenfrohes Grinsen.
Dann bietet er Ivy einen Donut an und sagt »Hier, der ist für dich!«.
Adam weiß, dass Ivy eine Vorliebe für Erdbeerglasur hat. Deshalb hat er ihr einen mit genau dieser Zuckerglasur besorgt. Und genau aus diesem Grund ist Ivy ihm gegenüber so loyal. So viel Fürsorglichkeit würde sie bei der Konkurrenz nie bekommen. Ein Adam Steinberg denkt an sein Rattenmädchen. Diese kleine freundliche und aufmerksame Geste lässt sie die Schande und den Schmerz in ihrem Gesicht wieder vergessen und die letzte Träne vergießt sie aus Freude. Dann wischt sie sich die Tränen und das Blut mit einem Taschentuch weg, das ihr Jeremy überreicht.
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Abb. 4: Die Feinde der SOD; Matrix (oben), Plage (unten links), Flora (unten rechts)
Needle, Belgrad, Wolga, Erlmeyer, Sakurada, Spencer, Hubble, Voyage, Sinclair, Steinberg. Diese Typen werden noch Probleme bereiten. Doch erst einmal besprechen wir die Lage und stechen uns gegenseitig aus. Wir sind im Sitzungsraum und besprechen, wie wir diesen Planeten am besten kaputt machen können. Ich mache mir Sorgen um Ivy. Sie sitzt direkt neben mir und sieht sehr mitgenommen aus. Ich hätte sie nicht alleine vorschicken sollen. Ich habe ein hilfloses Nagetier in einen Käfig voller fauchender, gieriger Raubtiere geschmissen. Ich muss in Zukunft besser aufpassen. Aber jetzt erstmal Besprechung.
»Herr Erlmeyer! Wie sieht die Lage mit der Plage aus?« fragt Sinclair.
Kalle steht auf und legt einen Infrarotchip auf den Glastisch. Das ist ein etwa 5 cm breiter, 10 cm langer und 1 cm dicker rötlich schwarzer Quarzklotz, der wegen seiner Dreidimensionalität etwa 200 Terabyte Daten speichert. Der Glastisch hat eine transparente Elektronik unter der Oberfläche, die diesen Infrarotchip erkennt und seine Daten liest, sobald man ihn auf die Glastischfläche legt. In der Mitte des Tisches befindet sich ein 3D-Projektor, der ein Hologramm erzeugt, sobald der Tisch den Chip erkennt. Das SOD-Logo ist zuerst als Hologramm zu erkennen. Es ist so etwas wie das Startbild. Kalle schwenkt mit einer wischenden Handbewegung das SOD-Logo weg und öffnet damit das Menü. Er tippt mit dem Finger eines der vielen Symbole, die die verschiedenen Verzeichnisse darstellen. In seinem gewählten Verzeichnis wählt er wieder ein 3D-Icon. Nun öffnet sich eine 3D-Karte von Eden-2. Auf dem Holo-Bild sind rotmarkierte Stellen, die mir aus anderen Beiträgen bereits bekannt sind.
Kalle beginnt zu erklären »Meine Damen und Herren, die markierten Stellen, die Sie sehen, sind Aufenthaltsorte der Plage. Alle Orte, an denen sie gesichtet wurde. Seit den letzten paar Jahren hat sie sich immer weiter in unsere Richtung ausgebreitet, während wir den Aufenthaltsort der Matrix bis jetzt noch nicht genau wissen. Die Vulkanaktivität nimmt an den Polen stetig zu, während sie am Äquator, wo wir uns befinden, weiter abnimmt. Ich halte es daher für besser, die Gründung einer zweiten Stadt im Norden erst Mal auf Eis zu legen.«.
Gabriel erhebt die Hand und sagt »Die Gründung einer zweiten Stadt wäre gar kein Problem, wenn wir den Energiebedarf abdecken könnten. Wenn wir Belgrads Vorschlag wahrnehmen und eine mobile Kolonie gründen, wären wir auch nicht länger auf einen festen Standpunkt beschränkt.«.
»Und woher sollen wir diese Energie nehmen, Voyage?« fragt Charlotte.
»Na, von der Matrix natürlich.« antwortet Gabriel erweitert »Die Matrix ist eine hoch thermische, homogene Substanz, die in Richtung Kern immer wärmer wird. Unsere früheren Analysen haben das bestätigt.«.
»Und dann wolltet ihr sie abschöpfen und verbrennen.« kommentiere ich.
Gabriel erwidert »Haben Sie ein Problem damit, Steinberg?«.
Ich füge hinzu »Seit ihr versucht habt, die Matrix wie Erdöl abzusaugen, ist sie angeeiert und will uns an den Kragen. Das ist größtenteils Ihre Schuld. Wollen Sie das verleugnen, Voyage?«.
»Empfinden Sie etwa Mitgefühl für die Matrix?« fragt er mich.
Ich antworte ihm »Die Matrix ist eine lebende Tinktur. Sonst hätte Sie keinen Selbsterhaltungstrieb. Und anstatt sie in Ruhe zu lassen, jagen wir ihr hinterher und zetteln einen Krieg an.«.
Sinclair spricht dazwischen »Warten Sie bis Sie dran sind, Steinberg! Voyage, fahren Sie fort! Was haben Sie sonst noch für Erkenntnisse gesammelt?«.
Gabriel fährt fort »Also... Wie mein Kollege Steinberg bereits erwähnt hat, handelt es sich bei der Matrix tatsächlich um eine Art lebende, denkende Tinktur, die bereit ist, ihre Existenz mit aller Gewalt zu verteidigen. Doch dürfen wir nicht vergessen, dass auch wir Menschen ums Überleben kämpfen. Die Matrix kann uns dabei helfen, unser Überleben auf diesen Planeten für lange Zeit zu sichern und sehr angenehm zu gestalten, so wie Gott es wollte, sonst hätte er uns nicht auf diesen Planeten geschickt.«.
Ich verdrehe die Augen und stöhne, so dass er es merkt. Nach einem zweisekündigen Räuspern redet der dumme Gabriel weiter »Die Matrix bildet zur Verteidigung und zum gezielten Angriff sogenannte Agenten. Das sind Gebilde, die der Matrix entspringen und meistens klare geometrische Formen annehmen. Die am häufigsten bekannte Form ist die sogenannte Metallosphäre. Eine metallisch glänzende Kugel im festen Aggregatzustand, die womöglich mit Hilfe von elektromagnetischen Ladungen nach Belieben in alle Richtungen schweben kann. Diese haben meistens einen Durchmesser von ein bis zwei Metern und erreichen manchmal sogar Schallgeschwindigkeit. Es wurden jedoch auch schon Exemplare mit einem Durchmesser von fünf Metern gesichtet. Wenn eine solche Metallosphäre die Kolonie angreift, benötigen wir alle schweren Geschütze, die wir kriegen können oder wir sind geliefert. Wir vermuten einen thermischen Kern im Innern jeder Sphäre, der die Kugel mit Energie und Anweisungen versorgt. Wenn es uns gelingt, diesen zu durchbohren und die Energie freizusetzen, würden wir der Sphäre den Hahn zudrehen und sie würde zu Boden fallen wie ein Stein. Eventuell können wir sogar die Energie der Agenten sammeln und als Energiequelle nutzen und wer weiß, was sonst noch. Eine weitere Agentenform sind die purpurnen Wolken. Sie haben einen gasförmigen bis plasmaartigen Zustand, der extrem energiereich ist und sie können elektrische Ladungen in Form von Blitze verschießen. Sie wurden bis jetzt von nur wenigen Zeugen gesichtet und dokumentiert. Eine dieser Wolken hat einen ganzen Außenposten in wenigen Sekunden in Schutt und Asche gelegt.«.
Sinclair wendet sein Gesicht in Gabriels Richtung und fragt ihn »Wie wollen Sie die Matrix bekämpfen und abbauen?«.
»Belgrad und ihr Team arbeiten derzeit an einem Projekt, das uns dabei weiterhelfen kann.« antwortet Gabriel und fordert mit einem kurzen Nicken Victoria zum Mitreden auf.
Victoria legt ihren Infrarotchip auf die Tischplatte, während Kalle seinen wegnimmt. Nun erscheint auf dem Holographie-Bildschirm eine 3D-Projektion einer Blaupause von einer Konstruktion, die einem Riesenrad ähnelt.
Victoria erhebt den Arm mit nach oben gerichteter Handinnenfläche und zeigt mit ihren geschlossenen Fingerspitzen in Richtung der bläulich weißen 3D-Projektion und beginnt zu erklären »Meine Damen und Herren! Ich präsentiere Ihnen den Zirkelpanzer. Dieses schwerbewaffnete Einrad ist 17 Stockwerke hoch und die Radbreite beträgt knapp 7 m. Er wird von einem Piloten im Cockpit gesteuert, der sich in der Radmitte befindet. Das Rad umgibt diesen sogenannten Kern mit einem Innendurchmesser von 37 m. Dieser Ring beinhaltet das elektronische Kugellager, das den Zirkelpanzer in Rotation versetzt und so nach vorne zieht. An beiden Seiten des Cockpits befinden sich jeweils vier Plasmakanonen, die dreidimensional in alle Richtungen bewegt werden können. Laterale Stützen können an den Seiten ausgefahren werden, um den Panzer wieder aufzurichten, falls er auf die Seite kippen sollte. Er wurde bis jetzt noch nicht getestet, denn wir bauen gerade den ersten Prototypen fertig. Der Zirkelpanzer könnte es locker mit der Plage und der Matrix aufnehmen. Er könnte in weniger als einem Jahr fertig sein, doch die Materialkosten sind für diese Konstruktion selbstverständlich wesentlich höher als für einen herkömmlichen Lehemoziz.«.
Lehemoziz sind die flugfähigen Amphibienpanzer der Interstellar-Force. Auch diese Dinger halte ich für komplette Geldverschwendung. Würden wir mehr Geld und Arbeit in die Erforschung der einheimischen Lebensformen investieren, könnten wir eine Methode entwickeln, sie ohne viel Aufwand zu unterjochen und vielleicht sogar zu kontrollieren. So sehe ich das. Aber dieses russische Trockenbrot will ja nur demonstrieren, wie viele Tonnen Perlen sie mit ihren Spielzeugen in verbrannte Scheiße verwandeln kann.
Nachdem Belgrad ihren Vortrag beendet hat, entnimmt sie ihren Infrarotchip und lehnt sich in ihren weißen Fieberglasstuhl zurück. Sinclair drückt noch ein herzliches »Dankeschön!« aus und fordert mich mit einer ruhigen Handbewegung zum Vortragen auf und sagt mit sarkastisch höflichem Unterton »Steinberg!«.
Ich löse mich von meiner bequemen Sitzhaltung, um aufzustehen. Eigentlich ist das völlig unnötig, aber ich stehe lieber, wenn ich rede, um den anderen klar zu machen, dass ich über ihnen stehe und die Krümel leise zu sein haben, wenn der Kuchen redet. Ich bin zwar nicht der Chef in dem Laden, aber darauf pfeife ich einfach. Alles was ich erreiche, ist keine Unterwürfigkeit, sondern arrogante Blicke, die ich auf mich ziehe. Aber das ist OK, denn das heißt, die Flaschen haben meine indirekte Botschaft verstanden. Diese Verachtung ist auch nur eine Form der Unterwürfigkeit. Genau das brauche ich, um mich wohl zu fühlen. Nur so habe ich ihre Aufmerksamkeit, die ich brauche, um mit meinem Vortrag zu beginnen. Und jetzt hört mir gut zu, denn was ich gleich sage, ist von größter Wichtigkeit!
»Gabriel, dein Vortrag war scheiße! Kalle war ganz in Ordnung, aber du nicht. Du warst scheiße!« sage ich und richte mein Monoggle zurecht, damit ich besser auf die leeren Protokolle in meinen Händen starren kann, die Ivy mitgeschleppt hat, um so zu tun, als hätte ich etwas Handschriftliches.
Sinclair packt sich genervt an die Stirn und stöhnt »Steinberg, bitte...!«.
»Auch wenn Mr. Voyage der Meinung sein mag, die Matrix als Problem Nummer 1 festzulegen, sehe ich in der Plage wesentlich mehr Gefahr für die Kolonie als auch sehr viel Potential, das wir für unsere eigenen Zwecke nutzen könnten, wenn wir sie mehr erforschen würden.« sage ich, bevor mich Jeremy Needle vorlaut mit folgender Frage durchbohrt »Was genau haben Sie denn herausgefunden, wenn ich fragen darf?«.
Ich antworte, ohne Needle auch nur einen Blick zu würdigen »Obwohl die Proben von der Interstellar Force verkohlt und beinahe komplett nutzlos waren, konnte ich einige DNA-Reste extrahieren und analysieren. Sie besitzen zwar ein Genom, welches der Zusammensetzung unserer DNA gleicht, doch diese tauchen eher als kleine Fragmente im extrazellulärem Raum auf. Diese DNA-Fragmente treten immer im Zusammenhang mit einem Enzym auf, das an den DNA-Fragmenten koppelt, wenn sich diese im extrazellulärem Raum aufhalten. Im intrazellulären Raum existieren diese Enzyme nicht. Diese DNA-Fragmente verhalten sich wie Viren, werden durch das Enzym wie ein Hormon durch den gesamten Organismus oder an bestimmte Stellen im Körper transportiert und dann in bestimmte Zielzellen eingeschleust, um sich dort mit dem zellulärem Genom zu vereinen und dieses zu modifizieren, damit es neue Funktionen und Strukturen ausbilden kann. Auf diese Weise kann der gesamte Organismus noch im selben Lebenszyklus mutieren, um sich seiner Umgebung besser anzupassen. Wir reden von einem „genetischen Chaos“. Ich bin davon überzeugt, dass, egal welche Verteidigungsmittel wir auch entwickeln, die Plage immer einen Weg findet, dieses Hindernis zu umgehen oder zu eliminieren. Es kann keine Endlösung geben. Um die Plage als Bedrohung los zu werden, müssen wir sie erforschen und herausfinden, wie sie funktioniert. Was wir bisher wissen ist, dass die Plage kollektiv denkt. Es gibt ein Nest, aus dem die sogenannten Drohneninsekten ausschwärmen. Und sie mobilisieren die meisten Drohnen dort, wo sie am meisten gebraucht werden. Die einzelnen Insekten haben keine hohe Intelligenz, doch anhand ihres strategischen Vorgehens muss es eine Intelligenz geben, die alles überschaut und koordiniert. Entweder geht ihre Intelligenz von einer Königin aus oder sie ist ein Zusammenspiel aus kollektivem Bewusstsein, verankert in ihrem Genom und gesteuert durch pheromonelle Kommunikation, ähnlich wie bei Ameisen. Wir kennen bereits fünf bekannte Drohnen, die wir wie folgt klassifizieren. Da gibt es einmal die bis zu drei Meter großen Kampfdrohnen mit ihren zwei vorderen Fangarmen und den langen Mandibeln, mit denen sie sogar Edelstahl durchbeißen können. Von denen gibt es die meisten und sie tauchen auch leider meist in viel zu großer Zahl auf. Das Beste wäre, wenn wir denen einfach aus dem Weg gehen. Die sogenannten Orgaschinen sind bis zu zehn Meter hohe fünf- bis neunbeinige Panzerinsekten, die Laser verschießen können. Es wäre sogar möglich, dass es keine Lebewesen sind, sondern von anderen Drohnen gesteuert werden. Auch diesen Drohnen sollten wir aus dem Weg gehen. Die Explosionsdrohnen sind kleine flugfähige Wespen mit einer Sprengladung am Hinterteil, die explodieren, sobald sie ein feindliches Ziel berühren. Die Späher-Drohnen sind ebenfalls flugfähige wespenartige Insekten, die bestimmte Orte auskundschaften und Kampfdrohnen hinschicken, falls diese Orte für die Plage von Interesse sind. Die letzte Gruppe ist ein Mysterium, von denen noch nie lebende Exemplare gefunden oder beobachtet wurden. Wir wissen nur, dass an manchen Außenposten tote Offiziere der Interstellar Force mit aufgeschlitzten Kehlen vorgefunden wurden. Dabei handelt es sich um drei parallel verlaufende Kratzspuren am Hals, die mit Sicherheit, von einem wilden Tier stammen müssen. Ich benötige ein lebendes Exemplar, um die Plage besser zu untersuchen. Entweder sie schicken mir einen Späher oder sie suchen neue Exemplare, die sich nicht wehren können.«.
»Und wo sollen wir so einen Späher finden, Adam?« fragt mich meine eigene Schwester.
»Im Hive!« antworte ich direkt.
»Im Hive? Warum denn dort?« erwidert sie mit Entsetzen und erbosten Augenwinkel.
Ich antworte wieder direkt »Draußen sind nur die Drohnen, die sich wehren können. Die kleinen Schützlinge befinden sich dort, wo Mommy auf sie aufpassen kann.«.
»Du sagst deiner eigenen Schwester, sie soll sich in ein Himmelfahrtskommando stürzen?« fragt mich mein eigener Vater erzürnt.
Ich sehe ihm nicht in die Augen und schweige.
»Mal ganz davon abgesehen, warum sollten wir die Plage erforschen, wenn wir sie einfach vollständig eliminieren können? Ich denke, gegen den Tod können sie sich nicht anpassen.« ergänzt Gabriel.
»Einen Dreck können wir eliminieren, du Holzkopf! Selbst wenn wir sie flächendeckend bombardieren, können wir nie sicher sein, dass wir alles zerstört haben, was militärisch wichtig wäre. Jede Drohne könnte mit ihrem genetischen Chaos die Fähigkeit entwickeln, selbst ein Hive zu gründen.« sage ich als Vorwarnung.
Doch was ich jetzt sage, lässt mir fast ein Grinsen im Gesicht wachsen, was ich mir gerade noch so verkneifen kann.
»Außerdem könnten wir mit diesem genetischen Chaos Erkenntnisse gewinnen, die uns dabei helfen könnten, die dritte Bedrohung zu beseitigen. Ich rede von der Flora.«
Das hat gesessen. Anhand ihres verstörten, aber ehrfürchtigen Gesichtsausdrucks erkenne ich ihre volle Aufmerksamkeit, die sie mir nun schenken. Sogar Sinclair kann sich ein verblüfftes Stottern nicht verkneifen, als er mich fragt »W... W... Wie meinen Sie denn das jetzt?«.
Ich sehe zu seinem bleich gewordenen Gesicht und erkenne, dass er mir eine Frage stellt, auf die er die Antwort eh schon kennt.
Aber was er will, ist die verbale Bestätigung, die ich ihm darauffolgend gebe »Na, wenn die Flora ihre Fähigkeit zur spontanen Weiterentwicklung auf genetischer Ebene bezieht, dann könnten wir mit Hilfe des genetischen Chaos diese Fähigkeit ausschalten oder uns sogar zu Nutze machen. Wie würde Ihnen das gefallen?«.
Sogar Needle gibt dem Ganzen auch noch eine Befürwortung »Na ja! Mit den Proben aus meinem Labor wäre das durchaus machbar. Zumindest wenn Steinberg Recht behält.«.
Ich nicke ihm zustimmend zu, während ich mit erhobenem Hauptes und ausgestrecktem Brustkorb auf seinen kleinen Affenkopf herabschaue. Auch wenn er sich jetzt auf meine Seite stellt, darf ich nie vergessen, dass auch er nur ein Sterblicher ist. Zumindest für diesen einen Moment bin ich für ihn wie ein Gott. Diesen Moment koste ich aus. Dann wird der triumphale Augenblick jedoch von seitens Gabriel ruiniert, als er sagt »Falls Steinberg Recht behält, Needle!«.
Der Blick, den Gabriel mir nun zuwirft, gleicht einer Speerspitze aus Verachtung und Gegenwehr.
»Erstens bezweifle ich, dass ein Trupp der Interstellar Force lebendig das Hive verlassen kann, zweitens sehe ich ein Problem darin, ein lebendes Exemplar der Plage zu fangen, geschweige denn in der Kolonie zu beherbergen und drittens glaube ich nicht daran, dass die Flora für uns ein Problem darstellt. Zumindest nicht auf diesem Planeten. Die Flora ist auf der Erde. Und wenn wir die Proben in Needles Labor beseitigen, wird es auch hier kein Problem mit der Flora geben. Ich habe schon viel zu oft sagen müssen, was für ein idiotischer Fehler es war, überhaupt Proben von ihr mitzunehmen.« fügt Gabriel hochnäsig hinzu.
Jeremy Needle steht auf und antwortet mit einem Finger, den er auf Gabriel richtet »Die Flora wurde von einem außerirdischen Wesen namens Ilmatar auf die Erde gebracht, das ganz offensichtlich ein Problem damit hatte, wie wir mit dem Ökosystem umgegangen sind.«.
Sinclair fügt hinzu »Bitte! Das sind doch alles nur Gerüchte. Ich sage, es war das jüngste Gericht, das die ungläubigen Sünder bestrafen sollte. Dann hat Gott uns auserwählt, damit wir eine neue Zukunft aufbauen können. Unsere Vorfahren wurden in den Himmel geschickt und haben uns durch das Tor in unsere neue Heimat gebracht. Gott allein hat uns diesen Ort hinterlassen, damit seine größte Schöpfung, der Mensch, aus seinen Fehlern lernen kann.«.
Charlotte Hubble fügt noch mit hoch wedelnden Armen ein predigendes »Gelobt sei Jesus!« hinzu.
Ich muss mich danach setzen und packe mir an die vor Wut pochende Stirn, während ich mir bei diesem Gespräch nicht sicher bin, ob ich lachen, weinen oder mal kräftig zuschlagen soll. Pah, jedes Mal wenn Hubble eine ihrer klischeehaften Kirchenmonologe von sich gibt, wird meine Neigung zur Menschenverachtung noch stärker. Ja, ich glaube sogar, dass mein größter Wunsch in Erfüllung ginge, wenn Polizeibeamte eines Tages ihren aufgedunsenen Leichnam im dreckigen Keller eines perversen Sexualtriebtäters identifizieren.
»Was soll dieser Blödsinn mit Jesus?« sagt ein jüdischer Interstellar Force-Soldat mit Davidstern um seinen Hals zu Hubble und fügt hinzu »Es ist ein Wunder, dass Gott so viele Heiden am Leben gelassen hat, die einen Propheten als Halbgott anbeten. Wegen Heiden wie euch, wird die Plage doch noch über unsere Kolonie trampeln.«.
Ach, zum Teufel! Auch ihn soll dieser Sexualtriebtäter erwischen. Ich kann einfach nicht glauben, welch einen Schrott ich da höre. Diese Torfnasen haben das Sagen über die Kolonie und benehmen sich wie Straßenprediger, die sich gleich mit ihren religiösen Protestschildern erschlagen. Aber in einem Punkt hat dieser jüdische Offizier namens David Recht. Diese religiösen Meinungsverschiedenheiten könnten tatsächlich mal der Grund dafür sein, weshalb die Kolonie eines Tages zu Grunde gehen könnte. Wenn die Plage oder die Matrix es nicht schaffen sollte, uns zu vernichten, dann geben wir uns einfach selbst den Rest. So eine verdammte gequirlte Scheiße! Und genau aus dem Grund gehe ich nicht gerne zu diesen Sitzungen. Weil eh nichts Intelligentes dabei herauskommt. Wie gerne würde ich doch einer anderen Spezies angehören. Dann rutscht es mir plötzlich aus dem Mund.
»Ihr Flachzangen seid der Grund dafür, wenn wir eines Tages noch vor die Hunde gehen! Ihr Arschlöcher!« rufe ich und die Nulpen in diesem Raum blicken alle verwirrt zu mir.
Dann fahre ich fort »Zunächst einmal haben wir uns selbst in den Himmel geschickt. Die Raumflotte für das Exodus-Projekt haben wir selbst auf die Beine gestellt. Und dieses ringförmige Nemesisobjekt war nichts anderes als Alien-Technologie. Irgendeine außerirdische Pappnase hat das Teil dort positioniert, um interstellares Reisen zu ermöglichen oder zu beschleunigen. Eine Gruppe von Wissenschaftlern, die ihr ja leider nicht für die Forschungsabteilung einstellt, weil sie eure religiösen Ansichten in Frage stellen, konnte das mit logischen Ansätzen rational erläutern. Und wenn die Recht behalten, existiert auch außerhalb dieses Sternensystems ein solches Nemesisobjekt. Das heißt, egal wer das Ding oder diese Dinger gebaut hat, kann sie jederzeit benutzen, um auch hier her zu kommen und uns einen Besuch zu bestatten. Womöglich ist dieses Ilmatarwesen so zu uns kommen. Also kann sie jederzeit hier aufkreuzen und das Spiel fortsetzen, das sie auf der Erde begonnen hat. Wenn das passiert, sollten wir besser gegen sie gerüstet sein und das Genom auf molekularer Ebene so beherrschen, dass wir gegen ihre Floramächte anstinken können.«.
Esa wirft mir einen neugierigen, aber dennoch arroganten Blick zu und fragt mich »Warum sollte Ilmatar hier herkommen?«.
Ich packe mir mit aller Geduld an die Schläfe und hebe erklärend die Hand, während ich diesem Vollidioten antworte »Warum? WARUM? OK, wo fange ich an? Ach ja, wie wär´s damit, dass ihr alle EIN HAUFEN GEISTLOSER UND SELBSTSÜCHTIGER SPINNER SEID? Ja, es stimmt, dass wir eine zweite Chance auf einem neuen Planeten haben. Wir können nochmal ganz von neu beginnen und alles besser machen. Wir könnten nachhaltige Ressourcen nutzen, unseren neuen Heimatplaneten pflegen und mit Bedacht fürs eigene Überleben nutzen, eine ordentliche kriegsfreie Zivilisation aufbauen und uns weniger gegenseitig anpimmeln ... ABER VON DIESEN GANZEN SACHEN DRINGT NICHTS IN EURE VERDAMMTEN HOHLSCHÄDEL EIN. NEIN! DEN GANZEN PROBLEMATISCHEN KURZSICHTIGEN SCHEIß, DEN WIR DAMALS AUF DER ERDE GEMACHT HABEN, MACHEN WIR GLEICH NOCHMAL AUF DIESEM PLANETEN. WIR HOLEN RESSOURCEN VOM KOHLENSTOFFPLANETEN, UM SIE ALS EMISSIONEN IN DIE SOWIESO SCHON VERSEUCHTE ATMOSPHÄRE ZU PUMPEN UND HETZEN ZU ALLEM ÜBERFLUSS AUCH NOCH DIE EINHEIMISCHEN LEBENSFORMEN AUF UNS. Ist euch eigentlich mal in den Sinn gekommen, dass das hier noch nicht einmal unser Planet ist? Wir haben hier noch nicht mal was zu suchen. Aber trotzdem machen wir uns hier gleich breit, als wären wir hier zu Hause wie ein ungebetener Schmarotzer, machen hier auch gleich alles kaputt und bauen eine Gesellschaft auf, die sich religiös so stark differenziert, dass religiöse Streitereien und Schlägereien zum Alltag werden.«.
Hubble unterbricht mich und sagt »Adam hat Recht. Es wäre alles viel einfacher, wenn wir alle der gleichen Religion angehören.«.
Sinclair erwidert diesen Kommentar »Gut, Hubble! Dann konvertieren Sie doch ins Judentum!«.
Ich rede einfach rein »Nein! Ihr dämlichen Hornochsen! Seht ihr? Genau diesen Scheiß meinte ich. Ich finde, wir haben momentan weitaus größere Probleme als uns mit religiösen Differenzen zu befassen. Auf der Erde haben wir uns tagtäglich darüber aufgeregt, dass ein anderer nicht denselben Glauben oder die gleiche politische Meinung hat wie man selbst oder weil er eine andere Hautfarbe hat oder einer anderen Kultur angehört. Dann haben wir uns deswegen gleich gegenseitig abgeknallt. Und genau den gleichen Scheiß machen wir jetzt schon wieder. Ihr wollt mich doch alle verarschen!«.
Sinclair erwidert meinen Kommentar mit folgenden Worten »Passen Sie auf, was Sie sagen, Steinberg! Ich weiß, dass Sie hinter unserem Rücken über unsere Glaubensrichtungen lästern, aber...«.
»Hinter eurem Rücken? Ich sage euch das ins Gesicht!« rede ich dazwischen.
»...,ABER« ergreift Sinclair erneut das Wort »...denken Sie daran, dass sich der Mensch immerhin durch seinen Glauben definiert! Denken Sie daran, dass uns der Glaube immer vorangetrieben hat! Gerade in solchen Zeiten dürfen wir nicht den Glauben aufgeben, dass wir aus einem bestimmten Grund hier sind. Und ich glaube, Gott will, dass wir diesen Planeten nutzen. Alles, was wir über die Plage und die Matrix wissen müssen, ist wie wir sie besiegen und nutzen können. So will es Gott! Daran glaube ich fest und mein Glaube wird uns die Kraft geben dieses Ziel zu erreichen.«.
Ich gebe noch einen philosophischen Denkzettel von mir und schmeiße ihn in Sinclairs dumme Visage »Menschen, die mehr glauben als sie denken, reden mehr als sie verstehen.«.
Sinclair erhebt seinen Finger vor mir und will mir jähzornig etwas mitteilen, aber ich lasse es nicht darauf ankommen und rede ihm dazwischen »Ich will Ihnen mal meine Meinung über diese ignorante Denkweise des Menschen erläutern. Ich habe da eine Theorie, was die menschliche Dummheit angeht. Der Mensch war den anderen Spezies auf der Erde gegenüber im Vorteil, weil er intelligent war. Er war so intelligent, dass er sich als Einziger darüber bewusst war, was er seiner eigenen Umwelt antut. Und das war nicht schön und das wusste er auch. Aber der Selbsterhaltungstrieb des Menschen zwang ihn dazu etwas zu entwickeln, das ihn davon abhielt aus Schuldgefühlen seinen Egoismus aufzugeben, den er fürs Überleben braucht. Was er entwickelte war die sogenannte Ausrede und die Rechtfertigung. Alles, was er auf Kosten anderer zerstören musste, um sein Überleben und seine Bequemlichkeiten zu sichern, konnte er sich mit Ausreden schönreden. Aber die Logik machte dem Menschen immer wieder einen Strich durch die Rechnung und erzeugte Widersprüche. Aber auch dagegen hat der Mensch eine geistige Barriere entwickelt, die wir heute Irrationalität nennen. All die schlimmen Dinge, die wir täglich anrichten, die wir uns selbst und unserer Umwelt antun, reden wir uns schön und wenn es uns unlogisch erscheint so zu denken, konstruieren wir irgendwelche Ausreden, wie Männerstolz, Tradition, Patriotismus, Kultur und auch Religion, die uns davor abhalten klar nachzudenken und um so weitermachen zu können wie bisher, um unser Überleben und all den bequemen Luxus vor Vernunft und Schuldgefühle zu bewahren. Das heißt, die Dummheit ist ironischerweise eine Weiterentwicklung der menschlichen Intelligenz. Und deswegen ist der Mensch heute das, was er ist und tut das, was er tut. Er ist eine selbstsüchtige Gedankenmaschinerie, die ihr Überleben auf Kosten natürlicher Schönheit bewahrt, indem er seine Schandtaten mit Blumen und Perlen verziert und Puderzucker über die eigenen Hände verstreut, damit man das Blut nicht herausschmecken kann. Damit der Mensch noch leichter überleben kann, beutet er sogar andere Menschen aus und spaltet sich in weitere Kulturen, Nationen und Religionen auf, um jene ausbeuten oder als Konkurrenten ausrotten zu dürfen. So hat sich Rassismus entwickelt. Es ist ein Nebenprodukt der Dummheit, die wir zum Überleben brauchen. Und das beste Beispiel dafür sind die närrischen Insekten mit denen ich diesen Raum teilen muss. Aber nicht die Plage! Die Plage braucht keinen Rassismus. Sie existiert nicht als Population. Sie existiert als ein Kollektiv, als eine Einheit. Eine Gesellschaft, die perfekt zusammen lebt. Und es existiert auch kein Rassismus, weil es keine Rassen, keine Gruppierungen, keine Minderheiten, keine Diversität in der Plage gibt. Denn sie mutieren so schnell und gezielt und können daher alles sein, was sie sein müssen, um sein zu können. Und deswegen können wir, eine Gesellschaft, die sich noch nicht einmal selbst in Ruhe lassen kann, niemals einen Krieg gegen die Plage gewinnen. Im Gegensatz zu uns, ist die Plage nämlich eine perfekte Gesellschaft.«.
Gabriel sieht mich mit Erstaunen an und fragt mich »Das klingt ja fast so, als ob Sie die Plage beneiden, Steinberg! Ich meine, Sie empfinden ein bisschen zu viel Sympathie für diese Käfer. Liege ich da richtig?«.
Ich blicke mit runzelnder Stirn zu ihm hin und antworte mit einer Gegenfrage »Sollte ich lieber Sympathie für eine Gesellschaft empfinden, die mich entweder verachtet, weil ich nur ein halber Jude bin oder nur, weil ich ein halber Jude bin?«.
Sinclair greift mit den Fingerspitzen nach der Tischoberfläche und sagt zu mir mit gesenktem Kopf »Ich muss Ihnen jetzt mal diese Frage stellen, Steinberg. Auf wessen Seite stehen Sie eigentlich?«.
Ich antworte mit abwendendem Blick »Ich stehe auf der Seite der Menschen, aber ich bin nicht stolz drauf.«.
Mein Vater mischt sich in das Gespräch ein »Aber du bist doch auch ein Mensch.«.
Darauf antworte ich mit leichter Verzögerung »Es ist ja nicht so als ob ich mir das aussuchen durfte.«.
Mein Vater erwidert »Du bist, was du bist! Akzeptiere das!«.
Ich erwidere wiederum »Die Worte eines beschränkten Mannes! Ja ich beneide die Plage. Wegen ihrer Fähigkeit die Grenzen des Darwinismus trotzen und alles sein zu können, was sie sein will. Kann man mir dafür wirklich Vorwürfe machen?«.
Esa fängt lachend und lästernd an sich in das Gespräch einzumischen »Ja, das wäre praktisch. Überlegt mal! Dann wird unser Patchwork-Mensch zu einem Nager und kann seine eigene Ratte ficken. Und das wäre dann keine Sodomie.«.
Man sieht es Ivy nicht an, weil ihr Gesichtsfell ihre Wangen verdeckt, aber an ihrem Gesichtsausdruck erkennt man, dass sie vor Scham errötet und dass es ihr peinlich ist, dass ihr Name nur erwähnt wird, um sie in den Topf der Unzüchtigkeiten zu stecken.
Nun quatscht Gabriel wieder dazwischen »Jetzt kommt mal wieder runter! Steinberg, auch wenn es Ihnen nicht passt, aber wir sind nun mal Menschen und sind an gewisse Grenzen gebunden. Und ob geistige Ausrede oder nicht. Wir müssen ums Überleben kämpfen und meine Idee sichert uns dieses Überleben. Wir fressen oder werden gefressen. Das nennt man eine Nahrungskette. Die Matrix ist eine potentielle Energiequelle, die wir effizient nutzen könnten. Die Matrix steht in der Nahrungskette unter uns. So ist das einfach. Und die Plage steht uns im Weg. Das ist das Konkurrenzausschlussprinzip. Unser Volk braucht Raum (Hitler, 1938).«.
»„Hitler, 1938 (Shatner, 1991)! Ich glaube, Sie müssen noch realisieren, dass wir in der Nahrungskette unter der Plage stehen. Die würden uns nur zu gerne in der Kuppel besuchen und fressen. Sie stehen trophisch über uns.« predige ich, während ich mit erhobenem Haupt und aufgerissenen Augen durch die Fensterfassade starre, durch die man eine Aussicht auf die Kolonie hat.
Sinclair erkennt, wie sehr ich mich mitreißen lasse und versucht mich wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen »Jetzt kommen Sie mal wieder runter, Patchwork, äh ich meine Steinberg!«.
Ich steige auf den Glastisch und schnappe mir das Wasserglas von Hubble und trinke es aus. Alle starren mich an, als wäre ich blöd, ob wohl sie es selber sind. Dann fahre ich aufrechtstehend fort »Erkennt ihr denn nicht den Goldesel, der vor unserer Haustür steht? Die Plage ist die Antwort auf alles.«.
Sakurada ergreift auch mal das Wort und versucht mich mit folgenden Worten zu überzeugen »Jetzt machen Sie mal halblang! Das sind bloß dumme Insekten.«.
Ich schmeiße das Wasserglas. Aber nicht auf Sakurada, weil er Scheiße gelabert und es deshalb eigentlich verdient hätte, sondern auf Sinclair, weil er meine Ratte geschlagen und es deshalb noch mehr verdient hat. Er weicht aus und ich verfehle nur knapp seinen Hohlschädel. Das Glas prallt gegen die Wand hinter Sinclair und zerspringt in viele Scherben. Während mein Vater voller Enttäuschung die Kinnlade runterhängen lässt und den Kopf schüttelt und Ivy und Maria vor Ratlosigkeit und Fremdschämen mit gesenktem Blick sich die Hand vors Gesicht halten, richte ich meinen Zeigefinger auf Sakurada und den Rest dieses Versagervereins und spreche mit röhrender Stimme mein Fazit »IHR SEID NUR DUMME INSEKTEN!«.
Abb. 5: SOD-Abzeichen der Antiplage-Forschungsabteilung.
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