Dr. Stefan Frank 2434 - Arztroman - Stefan Frank - E-Book
Beschreibung

Als Annika ihre neue Stelle als Bürokauffrau antritt, schlägt ihr das Herz bis zum Hals. Ihre letzte Arbeit hat sie gekündigt, weil sie durch ihre ständigen Panikattacken nicht mehr in der Lage war, unter Menschen zu gehen. Seitdem hat sie sich weitestgehend von allem zurückgezogen. Lebensfreude und Glück kennt sie nicht mehr. Die freie Stelle bei dem jungen Schuhmacher Crispin in Grünwald scheint eine einmalige Chance für sie zu sein. Zwar führt der attraktive Mann ein sehr erfolgreiches Geschäft für Maßanfertigungen, doch bislang gibt es außer ihm und seiner Mutter keine weiteren Beschäftigten. Somit könnte Annika hier fast ganz allein und völlig in Ruhe arbeiten. Mutig nimmt sie die Herausforderung an - ohne ihrem Chef zu verraten, dass sie große Ängste hat. Anfangs läuft alles bestens. Die Arbeit macht ihr Spaß, und sie ist sehr gut darin. Auch mit Crispin versteht sie sich blendend. Aber dann wird sie vor eine schwere Prüfung gestellt: Crispin bittet sie, ihn zu einer großen Veranstaltung zu begleiten. Sie sagt zu, doch wie soll sie es durchstehen, so viele fremde Leute um sich zu haben? Panisch wendet sie sich an Dr. Stefan Frank. Der Grünwalder Arzt kann ihr doch sicher ein Beruhigungsmittel verschreiben! Aber Dr. Frank hat eine ganz andere Idee, mit der Annika gar nicht einverstanden ist ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:126


Inhalt

Cover

Impressum

Ich habe solche Angst, Dr. Frank!

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: fizkes/shutterstock

eBook-Produktion: César Satz & Grafik GmbH, Köln

ISBN 978-3-7325-6027-1

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Ich habe solche Angst, Dr. Frank!

Kann Annika in Grünwald ihre Lebensfreude zurückgewinnen?

Als Annika ihre neue Stelle als Bürokauffrau antritt, schlägt ihr das Herz bis zum Hals. Ihre letzte Arbeit hat sie gekündigt, weil sie durch ihre ständigen Panikattacken nicht mehr in der Lage war, unter Menschen zu gehen. Seitdem hat sie sich weitestgehend von allem zurückgezogen. Lebensfreude und Glück kennt sie nicht mehr.

Die freie Stelle bei dem jungen Schuhmacher Crispin in Grünwald scheint eine einmalige Chance für sie zu sein. Zwar führt der attraktive Mann ein sehr erfolgreiches Geschäft für Maßanfertigungen, doch bislang gibt es außer ihm und seiner Mutter keine weiteren Beschäftigten. Somit könnte Annika hier fast ganz allein und völlig in Ruhe arbeiten.

Mutig nimmt sie die Herausforderung an – ohne ihrem Chef zu verraten, dass sie große Ängste hat. Anfangs läuft alles bestens. Die Arbeit macht ihr Spaß, und sie ist sehr gut darin. Auch mit Crispin versteht sie sich blendend. Aber dann wird sie vor eine schwere Prüfung gestellt: Crispin bittet sie, ihn zu einer großen Veranstaltung zu begleiten. Sie sagt zu, doch wie soll sie es durchstehen, so viele fremde Leute um sich zu haben?

Panisch wendet sie sich an Dr. Stefan Frank. Der Grünwalder Arzt kann ihr doch sicher ein Beruhigungsmittel verschreiben! Aber Dr. Frank hat eine ganz andere Idee, mit der Annika gar nicht einverstanden ist …

„Guten Morgen, Frau Baumann.“ Schwungvoll hakte Martha Giesecke den Namen der Patientin in ihrem breiten Tischkalender ab.

„Grüß Sie, Schwester Martha.“ Sieglinde Baumann lächelte matt.

Dr. Franks langjährige Arzthelferin kniff die Augen ein wenig zusammen und betrachtete die Frau, die nur wenige Jahre älter war als sie selbst.

„Sie sehen aber schlecht aus, wenn ick det mal ganz offen sagen darf.“

„Dürfen Sie, dafür kennen wir uns schließlich lange genug. Übrigens fühle ich mich ungefähr so, wie ich aussehe.“

„Na, dann ist es ja höchste Zeit, det Sie zu uns kommen.“ Die Berlinerin schaute auf die runde Uhr über dem Empfang der Praxis. „In fünf Minuten sind Sie dran. Wir liegen genau im Plan.“

„Schön.“ Erleichtert strich Sieglinde Baumann mit beiden Händen über ihre kinnlangen grauen Locken, die der Wind ordentlich durcheinandergewirbelt hatte. „Ich lasse das Büro während der Öffnungszeiten nämlich nicht gern unbesetzt, wissen Sie?“

„Ist Ihr Sohn denn nicht da?“

„Doch, aber Crispin hat in der Werkstatt alle Hände voll zu tun. Schuhe machen und im Büro ans Telefon gehen, das ist ein bisschen viel auf einmal.“

„Hm. Sie haben abgenommen.“ Martha Gieseckes Feststellung klang fast wie ein Tadel.

„Ja, drei Kilo. Und ohne etwas dafür zu tun! Wenn ich an all die Diäten zurückdenke, die ich ausprobiert habe … Jetzt hält mich das Büro einfach so in Atem, dass ich automatisch weniger esse.“

„Ick gönne Ihrem Sohn den Erfolg ja von Herzen, Frau Baumann, aber wollen Sie als Rentnerin denn nicht irgendwann kürzertreten? Den Ruhestand mit Ihrem Mann genießen?“

Sieglinde Baumann seufzte. Sie legte beide Unterarme auf den hohen Tisch am Empfang und beugte sich ein wenig vor. Gerade öffnete sie den Mund, da wurde die Praxistür aufgestoßen. Eine mollige ältere Dame kam herein.

Traudl Huber, Klatschtante vom Dienst. Neugierig blickte sie von Schwester Martha zur Patientin und wieder zurück.

„Grüß Gott, miteinander! Na, störe ich bei einem trauten Tête-à-Tête?“

Sofort richtete sich Sieglinde Baumann wieder auf.

„Grüß Gott, Frau Huber. Wir haben gerade darüber gesprochen, wie schön es ist, dass endlich mal wieder die Sonne scheint.“ Sie wandte sich der Arzthelferin zu. „Ich setze mich dann noch kurz ins Wartezimmer.“

„Tun Sie das. Grüß Sie, Frau Huber“, sagte Martha Giesecke geschäftsmäßig und hakte den nächsten Namen in ihrem Kalender ab.

Zwei Minuten später führte sie Sieglinde Baumann in das Sprechzimmer. Dr. Frank kam hinter seinem Schreibtisch hervor und begrüßte die Patientin mit Handschlag.

„Bitte, nehmen Sie Platz, und erzählen Sie mir, was Sie heute zu mir führt.“

Sie setzte sich auf den Stuhl gegenüber vom Schreibtisch.

„Ich habe Schmerzen im linken Ohr. Es kommt mir vor, als würde es darin pochen. Und ich höre schlechter als sonst. Das ist besonders beim Telefonieren unangenehm. Normalerweise halte ich den Hörer nämlich mit der linken Hand an das linke Ohr, damit ich mir mit rechts Notizen machen kann.“

„Seit wann haben Sie diese Beschwerden denn schon, Frau Baumann?“

„Seit zwei, drei Tagen. Anfangs waren sie allerdings nicht so stark. Zuerst dachte ich, ich habe vom Duschen noch Wasser im Ohr. Aber das tut ja nicht weh, und mein Ohr tut inzwischen ziemlich weh.“

„Sie sehen fiebrig aus. Haben Sie Ihre Temperatur gemessen?“, erkundigte sich der Arzt.

„Ja, vor einer Stunde erst, weil ich dachte, dass Sie vielleicht danach fragen. 38,7.“

Stefan Frank nickte. „Waren Sie in letzter Zeit erkältet?“

„Schon. Das ist noch gar nicht so lange her. Eigentlich war ich der Meinung, ich hätte alles überstanden, aber dann kamen diesen vermaledeiten Ohrenschmerzen.“

„Und es ist nur das linke Ohr, das Ihnen Probleme bereitet? Nicht auch das rechte?“

„Nur das linke, Dr. Frank.“

„Haben Sie bemerkt, ob Eiter aus dem Ohr geflossen ist?“

„Eiter?“, wiederholte Sieglinde Baumann verwundert. „Nein, das wäre mir bestimmt aufgefallen.“

„Gut. Dann setzen Sie sich doch bitte auf die Untersuchungsliege. Ich sehe mir Ihre Ohren einmal mit dem Otoskop näher an.“

Stefan Frank holte den Ohrenspiegel aus einer Schublade, schaltete das Licht ein und untersuchte beide Ohren mit dem trichterförmigen Gerät, in das eine Lupe eingebaut war.

„Rechts sieht alles normal aus“, stellte er fest. „Aber ich kann gut nachvollziehen, dass Ihr linkes Ohr schmerzt. Das Trommelfell ist ganz rot und hat sich nach außen gewölbt. Die Schleimhaut in der Paukenhöhle ist entzündet. Sie haben eine Mittelohrentzündung, Frau Baumann.“

„Ach.“ Sieglinde war beruhigt, weil ihr Hausarzt so rasch eine Diagnose stellen konnte. Nicht auszudenken, wenn er sie an einen Facharzt überwiesen und sie weitere Zeit mit Arztbesuchen verbracht hätte. Im Büro stapelten sich die Anfragen.

„Eine Mittelohrentzündung tritt oft im Zuge einer Erkältung auf. Deswegen bekommen in dieser Jahreszeit auch mehr Menschen solche Beschwerden. Die Krankheitserreger schieben sich vom Rachen in das Mittelohr und lösen dort in der Paukenhöhle die Entzündung aus. Das ist in der Tat schmerzhaft. Eine gute Nachricht habe ich allerdings: Kein Eiter in Sicht.“

„Wenigstens etwas“, meinte die Patientin mit einem schwachen Lächeln.

Dr. Frank legte das Otoskop zur Seite.

„Ich verschreibe Ihnen Tabletten, die Ihre Schmerzen lindern und gleichzeitig das Fieber senken. Außerdem Nasenspray, damit die Schleimhaut abschwillt und das Mittelohr wieder besser belüftet werden kann.“

„Gut. Auf dem Rückweg ins Geschäft stoppe ich gleich bei der Apotheke und besorge mir die Sachen.“

„Sie wollen heute noch arbeiten?“, vergewisserte sich Stefan Frank konsterniert.

„Ja. Oder – ist eine Mittelohrentzündung etwa ansteckend?“ Sie durfte auf keinen Fall ihren Sohn anstecken. Crispin konnte sich vor Aufträgen kaum retten. Nicht auszudenken, wenn er ausfallen sollte, noch dazu durch die Schuld seiner eigenen Mutter!

„Nein, das nicht. Aber Sie dürfen vorläufig nicht arbeiten, Frau Baumann. Sie haben Fieber.“

Ach ja, das Fieber hatte sie ganz verdrängt.

„Ich könnte mit Crispin vereinbaren, dass er in der Werkstatt bleibt, bis ich fieberfrei bin“, überlegte sie laut. „Das Büro ist ja ohnehin mein Reich, da muss er nicht hin.“

Energisch schüttelte Dr. Frank den Kopf.

„Noch einmal: Sie dürfen nicht arbeiten. Bedenken Sie bitte, dass Sie eine Entzündung im Körper haben. Der braucht jetzt Energie, um die Krankheit zu bekämpfen. Legen Sie sich ins Bett, und trinken Sie viel Wasser oder Tee, bis es Ihnen besser geht.“

„Wie lange soll ich denn daheimbleiben?“, fragte Sieglinde vorsichtig.

„Nach maximal sieben Tagen haben die meisten Patienten keine Beschwerden mehr.“

Sieben Tage! Und dann auch nur die meisten Patienten! Was, wenn sie zu den Ausreißern zählte?

„Sie sehen bestürzt aus“, stellte Dr. Frank fest. „Können Sie sich nicht freinehmen?“

„Nein“, antwortete sie wie aus der Pistole geschossen. „Nicht, dass ich mich für unentbehrlich halten würde“, schickte sie auf den erstaunten Blick ihres Hausarztes hinterher. „Aber ich bin ja die einzige Bürokraft in unserem Geschäft. Gerade jetzt haben wir sehr viel zu tun.“

„Und wenn das Büro ausnahmsweise eine Woche lang nicht besetzt ist? Während Ihrer Betriebsferien geht das doch auch.“

„Ja, nur … Crispin hat einiges verändert, als er das Geschäft von meinem Mann und mir übernommen hat. Früher waren wir ein ganz gewöhnlicher Schuhmacherbetrieb, mit einem Telefon und einem Briefkasten. Mehr war nicht nötig. Am meisten hatten wir mit dem Besohlen von Schuhen zu tun. Unsere Kundschaft kam aus dem Umkreis, und der Bürokram war ruckzuck erledigt.“

Stefan Frank nickte.

„Inzwischen ist das sicher anders.“

„Allerdings. Seit Crispin sich auf hochwertige Maßanfertigungen spezialisiert hat, kommen wir mit der Arbeit kaum hinterher. Natürlich ist es wunderbar, dass er so gefragt ist“, beteuerte Sieglinde, die nicht undankbar wirken wollte.

Nachdenklich betrachtete Dr. Frank seine Patientin.

„Wächst Ihnen das Ganze nicht manchmal über den Kopf, Frau Baumann? Immerhin hatten Sie sich vor zwei Jahren zur Ruhe gesetzt.“

„Ach, es war immer geplant, dass ich noch ein bisschen im Büro mithelfe.“

„Aber es ist mehr als ein bisschen, oder?“

Widerstrebend nickte sie.

„Das Telefon klingelt ständig. Dazu kommen die Anfragen aus ganz Europa, per Fax oder E-Mail.“ Sieglinde ertappte sich bei einem Seufzer, genau wie vorhin bei Schwester Martha. Da war sie doch glatt versucht gewesen, einzugestehen, dass es ihr manchmal zu viel wurde.

Aber jetzt, Dr. Frank gegenüber … Nein, Sieglinde wäre sich wie ein Jammerlappen vorgekommen, wenn sie zugegeben hätte, dass sie an manchen Tagen nicht mehr wirklich gern im Büro saß.

Gerade im zurückliegenden Altweibersommer wäre sie mit ihrem Mann gern öfter gewandert oder in den Biergarten gegangen. Doch sie hatte sich ermahnt, nicht egoistisch zu sein.

Crispin war ein hohes Risiko eingegangen, indem er sich auf Maßanfertigungen spezialisiert hatte. Sie wollte ihn nach Kräften unterstützen. Schließlich war viel Arbeit besser als zu wenig, oder? Das Geschäft hatte einige Jahre kaum Gewinn abgeworfen. Solche Zeiten wollte Sieglinde nie wieder erleben.

„Es freut mich, dass Ihr Sohn Erfolg hat und der Laden brummt“, beteuerte Stefan Frank, während er ein Rezept schrieb. „Gleichzeitig hört es sich nach einer hohen Arbeitsbelastung an. Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, jemanden einzustellen?“

„Ja, wir haben sogar eine Anzeige aufgegeben, aber die Sache ist im Sande verlaufen. Die Bewerberinnen gucken ganz entsetzt, wenn sie hören, dass sie vorübergehend mit der Mutter des Chefs ein Büro teilen sollen. Dabei bin ich nun wahrlich kein Drache, oder?“

„Natürlich nicht“, beruhigte Dr. Frank seine Patientin.

„Sobald ich die neue Kraft eingearbeitet habe, ziehe ich mich ja ohnehin zurück. Eine Bewerberin wollte übrigens wissen, warum mein Sohn Crispin heißt. Ich bitte Sie – das spricht doch Bände!“

Stefan Frank musste lächeln, so empört sah Sieglinde Baumann aus.

„Und wenn Sie sich kurzfristig von einer Zeitarbeitsfirma jemanden vermitteln lassen? Nur für die Dauer Ihrer Abwesenheit, damit Sie sich ohne schlechtes Gewissen auskurieren können?“

Sieglinde schaute wenig begeistert drein.

„Dann wäre das Büro besetzt und Ihr Sohn entlastet, auch wenn die Aushilfe vielleicht nicht sämtliche Aufgaben erledigen könnte“, ergänzte Dr. Frank und reichte ihr das Rezept.

Sie steckte es in ihre große schwarze Handtasche.

„Eine Überlegung ist es wert“, antwortete sie höflich.

Schuster Baumann war ein Traditionsgeschäft in vierter Generation. Alle drei Baumanns identifizierten sich zutiefst mit dem Betrieb. Und Zeitarbeitskräfte, die mal hier, mal dort ein paar Wochen werkelten – nein, das passte einfach nicht zusammen.

***

Crispin Baumann eilte von seiner Werkstatt in das Büro, ein Paket unter den linken Arm geklemmt und seinen Lieblingskuli, der in Türkisblau schrieb, in der rechten Hand. Auf der Schwelle blieb er abrupt stehen.

„Was machst du denn hier, Mama? Hat Dr. Frank dir etwa gesagt, dass du fit genug zum Arbeiten bist?“

Ertappt ließ Sieglinde das Fläschchen mit dem Nasenspray sinken. Sie schniefte, was sich nicht besonders damenhaft anhörte.

„Er hat mir Tabletten und das Nasenspray hier verschrieben“, drückte sie sich um eine direkte Antwort.

Ihr Sohn kam näher, stellte das Paket auf den Schreibtisch und sah Sieglinde scharf an.

„Wie lautet denn die Diagnose?“

Um Crispins forschendem Blick zu entgehen, beschäftigte sie sich damit, das Nasenspray umständlich im dazugehörigen Schächtelchen zu verstauen.

„Herrschaftszeiten, diese Verpackungen sind wirklich eine Zumutung“, schimpfte sie. „Das liegt an den Gebrauchsanweisungen. Wenn man die nicht ganz genau so zusammenfaltet, wie sie waren, klappt es nicht. Dabei liest die sowieso kein Mensch durch, bei der winzigen Schrift.“

„Die Diagnose, Mama“, beharrte Crispin.

Sieglinde winkte ab.

„Nicht der Rede wert. Mittelohrentzündung. Mit diesen Medikamenten kriege ich die ganz schnell in den Griff.“

„Mittelohrentzündung?“ Entgeistert starrte der Achtundzwanzigjährige seine Mutter an. „Die hatte doch neulich der Enkel von den Müllers. Da hast du gesagt, er wäre schwer krank.“

„Bei Kindern ist das ja auch eine ganz andere Sache. Erwachsene stecken so etwas viel besser weg.“

„Tatsächlich? Aber deine Wangen sind ungewöhnlich rot, Mama. Du hast doch Fieber, oder?“

„Nur erhöhte Temperatur.“

Kopfschüttelnd zog Crispin sein Handy aus der Jeanstasche.

„Am besten rufe ich kurz Dr. Frank an und frage ihn, warum jemand mit einer Mittelohrentzündung seiner Meinung nach arbeitsfähig ist. Ich hätte schwören können, dass du ins Bett gehörst. Aber ich bin ja kein Arzt und lerne gern dazu.“

Die Wangen seiner Mutter färbten sich noch einen Ton dunkler.

„Dass du aber auch immer so stur sein musst … Na gut. Bis zu sieben Tage soll ich mich schonen, sagt Dr. Frank. Aber das kann ich auch hier tun. Es ist ja nicht anstrengend, hier zu sitzen und …“

„Kommt gar nicht infrage“, unterbrach Crispin sie. „Du fährst jetzt nach Hause und schonst dich so, wie es sich gehört.“

„Aber dann habe ich das Gefühl, dich im Stich zu lassen, und mache mir die ganze Zeit Sorgen“, protestierte Sieglinde. „Wer soll denn hier ans Telefon gehen, wenn ich daheim im Bett liege?“

„Die Büronummer habe ich schon auf mein Handy umgeleitet.“

„Und die Anfragen per E-Mail und per Fax? Oder wenn du dringend eine bestimmte Sorte Leder oder Schnürsenkel bestellen musst? Das kannst du doch nicht alles selbst machen, Junge.“

„Keine Sorge. Ich mache, was ich schaffe, und der Rest bleibt halt liegen. Wichtig ist jetzt deine Gesundheit. Ich rufe nachher eine Zeitarbeitsfirma an. Vielleicht gibt es jemanden, der kurzfristig hier aushelfen kann.“

„Wahrscheinlich taugen die Damen genauso viel wie die, die schon hier waren“, grummelte Sieglinde.

Crispin wuschelte sich mit der linken Hand durch die kurzen braunen Locken, wie immer, wenn er ungeduldig war.

„Wir sind uns doch einig, dass wir Verstärkung brauchen. Papa kann uns mit seiner Sehschwäche nicht helfen, und das soll er auch gar nicht. Er hat in seinem Leben wahrlich genug gearbeitet. Ich habe ein schlechtes Gewissen, weil du so viele Stunden hier die Stellung hältst.“

„Das mache ich doch gerne“, versicherte Sieglinde. „Mein Herz wird immer am Geschäft hängen, das weißt du.“

Er legte ihr eine Hand auf die Schulter.

„Ja, das weiß ich, Mama. Und ich bewundere es, wie du jahrzehntelang hier alles geregelt hast. Aber im Leben gibt es nicht nur die Arbeit. Du bist Rentnerin, und wir sollten den Betrieb so führen, dass du diesen Lebensabschnitt genießen kannst. Nun fahr schon heim und lass dich von Papa verwöhnen.“