Dr. Stefan Frank 2602 - Arztroman - Stefan Frank - E-Book

Dr. Stefan Frank 2602 - Arztroman E-Book

Stefan Frank

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Beschreibung

Katrin Neugebauer ist extrem ehrgeizig und steht ständig unter Strom. Dementsprechend viel hat sie in ihrem Leben schon erreicht. Die Dreißigjährige ist nicht nur glücklich verheiratet und Mutter von kleinen Zwillingsjungen, sie hat auch ihr Medizinstudium fast abgeschlossen und arbeitet nebenher als Rettungssanitäterin. Auf einer ihrer Rettungsfahrten kommt Katrin zu einem besonders schweren Unfall. Eine junge Frau ist mit ihrem Wagen gegen einen Brückenpfeiler geprallt und eingeklemmt. Katrin tut, was sie kann. Sie spricht noch mit dem Unfallopfer und hält es bei Bewusstsein. Schließlich wird die junge Frau aus dem Wagen befreit und in die Klinik gebracht. Alles scheint gut gegangen zu sein. Erleichtert setzt die Rettungssanitäterin ihre Schicht fort. Doch als sie später einen weiteren Notfall in die Waldner-Klinik einliefert, erhält Katrin die Nachricht, dass das Unfallopfer es doch nicht geschafft hat. Die junge Frau ist verstorben. Kurz nach Erhalt dieser Hiobsbotschaft bricht die Sanitäterin in der Waldner-Klinik zusammen ...

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Seitenzahl: 120

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Inhalt

Cover

Und wer rettet mich?

Vorschau

Impressum

Und wer rettet mich?

Ein schwerer Einsatz verändert das Leben der Rettungssanitäterin Katrin

Katrin Neugebauer ist extrem ehrgeizig und steht ständig unter Strom. Dementsprechend viel hat sie in ihrem Leben schon erreicht. Die Dreißigjährige ist nicht nur glücklich verheiratet und Mutter von kleinen Zwillingsjungen, sie hat auch ihr Medizinstudium fast abgeschlossen und arbeitet nebenher als Rettungssanitäterin.

Auf einer ihrer Rettungsfahrten kommt Katrin zu einem besonders schweren Unfall. Eine junge Frau ist mit ihrem Wagen gegen einen Brückenpfeiler geprallt und eingeklemmt. Katrin tut, was sie kann. Sie spricht noch mit dem Unfallopfer und hält es bei Bewusstsein. Schließlich wird die junge Frau aus dem Wagen befreit und in die Klinik gebracht. Alles scheint gut gegangen zu sein. Erleichtert setzt die Rettungssanitäterin ihre Schicht fort.

Doch als sie später einen weiteren Notfall in die Waldner-Klinik einliefert, erhält Katrin die Nachricht, dass das Unfallopfer es doch nicht geschafft hat. Die junge Frau ist verstorben. Kurz nach Erhalt dieser Hiobsbotschaft bricht die Sanitäterin in der Waldner-Klinik zusammen ...

»Kannst du die Kinder heute in den Kindergarten bringen?«

Dumpf tönte Katrin Neugebauers Stimme aus dem Kühlschrank, wo sie nach Milch und Aufstrich für die Pausenbrote der Zwillinge suchte.

»Meinst du mich?«, fragte ihre Mann Julian, der gerade in die Küche kam.

Sein Blick konzentrierte sich auf seine fünfjährigen Söhne, die sich am Frühstückstisch um die Packung mit Frühstücksflocken stritten.

Katrins Kopf tauchte hinter der Kühlschranktür auf.

»Siehst du sonst noch jemanden mit Führerschein hier?«

»Aber ich dachte, du fährst heute, weil du in die Uni musst.«

»Agnes hat mich gebeten, die Schicht mit ihr zu tauschen. Ich habe zugesagt.«

Der Turm aus Gläsern, Butterdose und Milchflasche wackelte gefährlich, als Katrin ihn zum Tisch brachte.

»Einfach so? Ohne dich mit mir abzusprechen?« Nur mit Mühe konnte Julian seine Empörung verbergen.

Forscher als beabsichtigt nahm er Oskar die Packung aus der Hand und schüttete einen Schwung Flocken in Olegs Schüssel. Indianergeheul war die Antwort.

»Du weißt so gut wie ich, dass ich Agnes bei Laune halten muss. Demnächst steht die mündliche Prüfung an. Um sie zu bestehen, werde ich wieder eine Menge Schichten tauschen müssen. Irgendwoher muss die Zeit zum Lernen ja kommen.«

»Aber ausgerechnet heute ...«, reklamierte Julian und setzte sich mit einer Tasse Kaffee an den Frühstückstisch.

Eine weitere reichte er seiner Frau. Inzwischen war wenigstens das Geschrei verstummt. Als wäre nie etwas geschehen, saßen Oskar und Oleg in schönster Eintracht nebeneinander und löffelten ihre Frühstücksflocken.

Katrin griff nach der Tasse und nippte am heißen Muntermacher, ehe sie sich die zweite Scheibe Vollkornbrot vornahm und sie mit Auberginenaufstrich, Tomate und Salat in ein gesundes Sandwich verwandelte.

»Was heißt ›ausgerechnet heute‹?«, fragte sie. »Es ist völlig egal, ob ich etwas plane oder nicht, dir kommt sowieso meistens etwas dazwischen.«

»Tut mir leid, dass ich unseren Lebensunterhalt verdienen muss.«

Katrin sah hinüber zu den Kindern und dann zu ihrem Mann. Ihr Blick sprach Bände. Augenblicklich bedauerte Julian seine Reaktion. Eine ihrer Vereinbarungen lautete, die Kinder nicht unter dem anstrengenden Alltag der Eltern leiden zu lassen.

Als sich Oskar und Oleg überraschend angekündigt hatten, stand Katrin noch am Anfang ihres Medizinstudiums. Ganz kurz hatte sie mit sich gehadert, ob sie auf die Kinder oder das Studium verzichten sollte. Nur Julians Hartnäckigkeit war es zu verdanken, dass sie den Mut gefunden hatte, beide Herausforderungen anzunehmen. Bereut hatte sie es bisher nicht, obwohl ihr Alltag zwischen Studium und den Zwillingen alles andere als ein Spaziergang war. Besonders das letzte Jahr ihres Studiums hatte es in sich, da sie als Wahlfach »Akuttraumatologie und Rettungsdienst« gewählt hatte. Um möglichst viele Erfahrungen in ihrem Wunschberuf sammeln zu können, fuhr sie als Rettungssanitäterin zu den Einsätzen mit. Erschwerend kam hinzu, dass Julian inzwischen Karriere gemacht und zum Ressortleiter aufgestiegen war.

Katrin erinnerte sich gut an die ersten Monate der Schwangerschaft, wenn sie nebeneinander auf dem Sofa oder im Bett gelegen waren und Julian sich die Zukunft als Papa in den schönsten Farben ausgemalt hatte. Er wollte anders sein als sein Vater, der immer nur durch Abwesenheit geglänzt hatte. Wollte nachts aufstehen, um seine Söhne zu füttern, ihre ersten Schritte erleben, Schneemänner im Winter und Baumhäuser im Sommer mit ihnen bauen.

Natürlich war alles anders gekommen. Oskar und Oleg hatten ihre ersten Schritte in der Kinderkrippe gemacht und die Schneemänner baute der Babysitter. Um den Rest kümmerte sich meistens Katrin. Zumindest war das ihr Gefühl, wenn sie abends wieder einmal vor Erschöpfung kurz nach den Kindern auf der Couch einschlief.

»Ich weiß, was du alles für unsere Familie tust, mein Schatz«, sagte Julian in ihre Gedanken hinein. Er beugte sich zu ihr hinüber und küsste sie flüchtig.

»Mama und Papa knutschen! Mama und Papa knutschen!«, feierte Oleg das neue Wort, das er im Kindergarten aufgeschnappt hatte.

Die Zwillinge kicherten und prusteten noch immer, als ihr Vater sie zum Zähneputzen ins Bad hinaufscheuchte. Katrin packte inzwischen die Brotzeitdosen und Saftflaschen in die Kindergartentaschen. Sie half den beiden Jungs mit den Übergangsjacken, küsste die weichen Kinderwangen und sah ihren drei Männern nach.

Sie stand noch in der Tür, als sie dieses seltsame Druckgefühl in der Brust spürte.

»Wahrscheinlich wieder der Kaffee«, murmelte sie auf dem Rückweg in die Küche. »Oder das fettige Curry vom Inder gestern Abend.«

Vielleicht ärgerte sie sich aber auch einfach nur über den Zustand der Küche. Der Tisch glich einem Schlachtfeld. Wie Konfetti lagen die Haferflocken zwischen benutztem Besteck und Geschirr. Der Honigtopf war umgefallen, goldgelbe Masse tropfte über die Tischkante auf den Boden. In einem Milchsee stand ein vergessener Plastikbagger. Bei seinem Anblick wäre Katrin um ein Haar in Tränen ausgebrochen. Der Druck verstärkte sich.

Zwischen Kugelschreibern, Büroklammern, Heftpflaster, Radiergummis, Schmierpapier, Flaschenöffner und anderer Kleinkram suchte sie in der Küchenschublade nach dem Mittel gegen Sodbrennen. Katrin kaute ein paar Tabletten, während sie hoffte, ein paar Heinzelmännchen würden sich des Küchentisches erbarmen. Natürlich geschah das Wunder nicht. Doch ehe sich Katrin selbst an die Arbeit machen konnte, erinnerte sie das Klingeln ihres Handys daran, dass sie längst auf dem Weg in die Klinik sein sollte.

***

»Aufwachen! Die Sonne lacht! Raus aus den Federn!«, rief Dr. Stefan Frank fröhlich und zog mit beiden Händen die Vorhänge auf.

Wie versprochen fiel strahlender Sonnenschein durch das Fenster der Grünwalder Villa, direkt ins Gesicht von Stefans Lebensgefährtin Dr. Alexandra Schubert. Schlaftrunken brachte sie sich in Sicherheit.

»Lass mich! Nein!«, tönte es dumpf unter der Bettdecke hervor. »Weiche von mir, du Frühaufsteher! Wie konnte ich mich nur in einen Mann verlieben, der um diese Uhrzeit schon putzmunter ist und obendrein auch noch gute Laune hat? Ich muss betrunken gewesen sein.«

Stefan lachte. »Trunken vor Liebe hoffentlich.« Er beugte sich über sie, zog die Bettdecke ein Stück herunter und küsste sie. »Und ich handle auf deinen ausdrücklichen Wunsch. Du hast nämlich heute deinen Vortrag und musst pünktlich um acht Uhr losfahren.«

»Ach, stimmt ja«, stöhnte Alexa.

»Zum Trost habe ich dir das Wundermittel mitgebracht, das dich aus den Federn bringt.« Er hielt ihre eine dampfende Tasse Kaffee unter die Nase.

»Hoffentlich ist er stark genug«, murmelte sie und kämpfte sich hoch, schob zuerst den rechten und dann den linken Fuß über die Bettkante und gähnte herzhaft.

Stefan setzte sich neben seine Freundin.

»Wann bist du denn ins Bett gekommen?«

»Ich glaube, es war drei Uhr«, erwiderte sie und rieb sich die Augen.

Normalerweise war Alexandra keine Nachteule, was zum Glück auch nicht nötig war. Sie betrieb mit ihrer Kollegin Helene Braun eine eigene Augenarztpraxis. Notfälle und Überstunden, die bei Stefan auf der Tagesordnung standen, waren eine Ausnahme. Nur hin und wieder, wenn sie auf Fachkongressen Vorträge hielt, musste sie Nachtschichten einlegen. Dann blieb noch weniger Zeit für die ohnehin raren Stunden der Zweisamkeit.

»Ich bin froh, wenn der Vortrag vorbei ist«, seufzte Stefan an ihrer Seite. »Es ist viel schöner, beim Einschlafen deine Hand zu halten, als Schäfchen zu zählen.«

Alexandra schickte ihm einen verschmitzten Seitenblick. Trotz Schlafmangel hatte sie ihren Humor nicht verloren.

»Du fühlst dich noch nicht etwa vernachlässigt?«, fragte sie mit gespielter Anteilnahme.

»Viel schlimmer. Ich leide schon unter Entzugserscheinungen«, scherzte er gut gelaunt. »Du wirst einiges zu tun haben, wenn der Kongress erst vorbei ist.«

»So schlimm?« Sie hauchte ihm einen Kuss auf die Wange. »Ich rechne dir die Opfer hoch an, die du für meine wissenschaftlichen Ambitionen bringst. Deine Liebe muss wahrlich groß sein.«

»Bis zum Mond und wieder zurück«, zitierte Stefan ein berühmtes Kinderbuch.

»Apropos Mond«, griff Alexa dieses Stichwort dankbar auf und münzte es für ihre Zwecke um. »Wollten wir nicht mal ein paar Tage zusammen wegfahren?«

»Zum Mond?«

Alexandra lachte. »So weit muss es gar nicht sein. Aber ein gemeinsames Wochenende in den Bergen oder an irgendeinem See wäre schon schön. Dann könnten wir unser Streicheleinheiten-Depot endlich mal auffüllen.«

»Die Erfahrung hat gezeigt, dass es mir mit dir geht wie einem Süchtigen mit seinem Rauschmittel. Je mehr ich von dir bekommen kann, umso mehr will ich haben.«

»Ach, das ist also der Grund, warum du deine Patienten in der Waldner-Klinik auch an den Wochenenden betreuen willst«, kicherte Alexa und schmiegte sich an ihren Liebsten. »Das nennt man dann wohl Schicksal und dem kann man bekanntlich nicht entfliehen.«

Neben seiner Hausarztpraxis unterhielt Dr. Stefan Frank Belegbetten in der Klinik von Dr. Ulich Waldner. Schon seit Studienzeiten verband die beiden Männer eine enge Freundschaft. Sie hatte auch dann noch Bestand gehabt, als sie unterschiedliche Berufswege einschlugen. Während sich Dr. Frank als Allgemeinarzt und Geburtshelfer niederließ, erfüllte sich Ulrich Waldner den Traum einer eigenen Klinik.

»Das habe ich nur für dich gemacht«, beliebte der Klinikchef seither hin und wieder zu scherzen. »Es wäre ein Jammer gewesen, dein chirurgisches Talent brachliegen zu lassen.«

Tatsächlich liebte Dr. Frank die zusätzliche Herausforderung, die allerdings auch mit weiterem Aufwand verbunden war. Besuche bei seinen Patienten in der Klinik standen ebenso auf der Tagesordnung wie seine Anwesenheit bei Notfällen, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit. Auch an diesem Dienstag würde er wieder in der Klinik vorbeischauen.

»Das Leben ist grausam«, seufzte er und legte tröstend seinen Arm um Alexas Schultern.

»Zum Glück ist mir bewusst, dass auch du jedes Opfer wert bist.«

Sie leerte ihre Tasse, küsste ihn noch einmal und stand auf. Wenn sie nicht zu spät zu ihrem Vortrag kommen wollte, wurde es höchste Zeit, sich fertig zu machen.

Auf ihrem Weg ins Bad sah Stefan ihr nach. Vielleicht sollte er doch einmal alle Fünfe gerade sein lassen und seine Freundin mit einem Wellness-Wochenende überraschen. Denn dass das Leben zu kurz war, um die schönen Dinge stets auf später zu verschieben, das lehrte ihn sein Beruf jeden Tag aufs Neue.

***

Katrin Neugebauer hatte die Waldner-Klinik eben erreicht, als ein schrilles Kreischen aus ihrer Jackentasche ertönte. Das Display des Funkmeldeempfängers leuchtete auf. Katrin schaltete ihn aus und eilte Richtung Ambulanz. Sie nahm die rote Funktionsjacke aus dem Spind in der Umkleide und schlüpfte gerade hinein, als sich Dennis Nowak zu ihr gesellte.

»Guten Morgen, Sonnenschein. Gut geschlafen?«, erkundigte er sich auf dem Weg zum Notarztwagen bei seiner Kollegin.

»Mal abgesehen davon, dass Oskar auf dem Weg zur Toilette Olegs Legoburg zum Einsturz gebracht und für eine mittelschwere, nächtliche Schlägerei gesorgt hat, war alles in bester Ordnung.« Katrin lächelte schief.

»Dann hoffen wir mal, dass die beiden heute deine schwierigsten Patienten bleiben.«

Dennis stieg in das Einsatzfahrzeug und wartete, bis auch Katrin die Tür hinter sich zugezogen hatte.

»Da hast du auch wieder recht«, räumte sie mit einem Anflug von schlechtem Gewissen ein.

Im Gegensatz zu Dennis hatte sie allen Grund, glücklich zu sein. Sie war mit ihrer großen Liebe verheiratet und Mutter von gesunden Zwillingen. Sie lebte mit ihrer Familie in gesicherten Verhältnissen in einer großen Wohnung mitten in München und hatte obendrein bald eine abgeschlossene Ausbildung zur Ärztin in der Tasche. Dennis dagegen war alleine, hatte weder Freundin noch Familie und ein abgebrochenes Medizinstudium. Das hatte er Katrin einmal während der langen Stunden des Wartens auf einen Notfall erzählt.

Katrin wusste um diesen Vertrauensbeweis. Keiner von Dennis' Kollegen bei der Feuerwehr ahnte etwas davon.

»Ich konnte eh nicht schlafen wegen der Prüfung demnächst.«

»Ich schon«, erwiderte Dennis auf dem Weg durch die Stadt. Er hob den Arm und legte den Kippschalter um.

Obwohl Katrin wusste, was das bedeutete, erschrak sie beim Klang des Martinshorns. Wieder fühlte sie den Schmerz in der Brust. Sie hätte die Tabletten gegen Sodbrennen doch mitnehmen sollen! Doch nun war es zu spät und sie musste sich bis zu ihrer Rückkehr in die Klinik gedulden. Dort würde ihr Schwester Veronika bestimmt helfen.

Über diesen Überlegungen erreichten sie den Unfallort. Katrin erkannte es am flackernden Widerschein des Blaulichtes an den Häuserwänden. Inzwischen war der Verkehr fast komplett zum Erliegen gekommen. Langsam schob sich der Rettungswagen durch die Fahrzeuge, die Platz machten, so gut es ging. Katrin reckte den Hals. Schon bald kamen die ersten Einsatzfahrzeuge in Sicht, ein Polizeiauto, ein weiterer Rettungswagen und ein Fahrzeug der Feuerwehr. Zwei Polizisten in Warnwesten leiteten den Verkehr in eine Nebenstraße um.

»Puh, ganz schön was los hier«, seufzte Dennis.

Bis zuletzt hatte er die Hoffnung gehabt, es könnte sich um einen minderschweren Unfall handeln. So genau wusste man das nie, wenn ein Notruf einging.

»Das kann man wohl sagen«, gab Katrin ihrem Kollegen recht.

Vergessen war die anstehende Prüfung. An das Chaos zu Hause verschwendete sie keinen Gedanken mehr. Mit einem Schlag war Katrin nur noch im Hier und Jetzt. Sie nahm ein Paar Einweghandschuhe aus der Schachtel unter dem Armaturenbrett. Beim Aussteigen griff sie nach dem Defibrillator. Dennis warf sich den roten Rucksack mit dem reflektierenden, weißen Dreieck darauf über die Schulter. Gemeinsam bahnten sie sich einen Weg Richtung Unfallstelle. Unter ihren Füßen knirschte das Bindemittel, das die Feuerwehr zum Aufsaugen der Flüssigkeiten gestreut hatte.

»Ach, du meine Güte!«, entfuhr es Dennis beim Anblick des silbernen Wagens, der sich förmlich um einen Brückenpfeiler gewickelt hatte. »Der Fahrer hatte es offenbar ziemlich eilig.« Dennis sah sich um. »Am besten, wir fragen mal den Kollegen da drüben.« Er deutete auf einen Rettungsassistenten, der zwischen Feuerwehrleuten und Polizisten stand und eine Infusionsflasche in die Höhe hielt.

»Guten Morgen, Kollege«, grüßte Katrin ihn. »Was habt ihr für uns?«

»Eine eingeklemmte Frau. Ansprechbar. Blutdruck 110 zu 70, Herzfrequenz 90«, erwiderte der Rettungsassistent. »Zum Glück ist die Seitenscheibe kaputt gegangen. Wir konnten einen Kragen anlegen und einen Zugang legen.« Er klang erleichtert darüber, Verstärkung bekommen zu haben.