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»Alle Geschichten sagen die Wahrheit, aber keine ist wahr. Die Geschichte ist immer der schillernde Drache, der seinen Schatz nicht preisgeben will. Er will selbst als die Wahrheit angebetet werden. Aber man muss ihn töten.«
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2018
Hans-Ulrich Möhring
Roman
Foto des Erfurter Michaels © Karen Nölle, 2016
Umschlaggestaltung: Notburga Reisener, Hamburg
© 2018 Hans-Ulrich Möhring
Verlag und Druck: tredition GmbH, Hamburg
ISBN
Paperback:978-3-7469-4107-3
Hardcover:978-3-7469-4108-0
e-Book:978-3-7469-4109-7
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Dem Fernhintreffenden es nachtun, sagt er sich und blickt wie blind ins Dunkel: Du spannst den Bogen in der Nacht und schießt den lichtenden Pfeil, je ferner Ziel nehmend, umso sicherer treffend, mitten ins eigene Herz.
1Er schloss ab. In der guten Stunde, die er gebraucht hatte, um sich zu sammeln – durch die stillen Räumen wandernd, hier und dort verweilend, dem Nachhall der Worte lauschend, sich setzend, an diese Wand starrend und jene, zum Fenster hinaus, in die Flammen der beiden Altarkerzen – war er ruhiger geworden. Ruhig. Ein Gefühl von Verstehen war in ihn eingesickert. Tief ausatmend drehte er den Schlüssel herum, und erst bei dem bekannten leisen Knirschen wurde ihm der Ton bewusst, den er im Ohr hatte, vielleicht schon länger. Ein hohes Pfeifen, ein Sirren. Verdutzt schaute er sich nach der Ursache um, obwohl ihm schon im Ansatz der Bewegung klar war, dass es keine äußere Ursache gab. Tinnitus? So einen Ton hatte er noch nie gehört. Schlagartig wurde es finster. Wie ausgeknipst der lichte Zauber, mit dem eben noch alles übergossen war. In dem Fall aber gab es eine äußere Ursache. Er hob die Augen zu der hart konturierten Schattenmasse auf, die den Vollmond verdeckte, ein, zwei, drei, vier Sekunden, dann war sie abgezogen, und was er im wieder aufflutenden Licht am stürmischen Nachthimmel sausen und hinter dem Turmberg verschwinden sah, war ein riesiges, langgestrecktes Flugwesen. Er erkannte zwei weitgespannte Schwingen, einen durchlaufenden bläulich schimmernden Zackenkamm auf dem Rücken bis zum Ende des hochgebogenen Schwanzes, ein aufgerissenes Maul, dem das Brausen Rauschen Zischen in der Luft zu entfahren schien. Sein Pfeifton im Ohr auch? Ihm stockte das Herz vor Schreck, und lange behauptete sich der erste Eindruck gegen die Stimme der Vernunft, die keinen Zweifel daran dulden mochte, dass es sich bei der Erscheinung natürlich nur um ein Wolkengebilde gehandelt haben konnte. Was sonst? Ein Drache!, schrie es in ihm, und mit einem Mal meinte er zu wissen, welcher Macht er an diesem Abend begegnet war.
Sonst war es eher die Macht der Trägheit, der Pfarrer Michael Altmann in der Konfirmandenstunde begegnete. Auch der eigenen, wenn er ehrlich war. Die Überwindung, die es ihn kostete, jeden zweiten Donnerstagabend die Schritte zum Gemeindehaus zu lenken, war wahrscheinlich nicht kleiner als die seiner Schüler, allen guten Vorsätzen zum Trotz, die er zwischendurch immer wieder fasste. Beim nächsten Mal wirst du deinen Stoff lebendiger aufbereiten! Du wirst spontan und unmittelbar sein! Bist du nicht angetreten, um die Jugend zu erreichen, gerade die Jugend? Und kaum fing er mit dem Unterricht an, spürte er schon die einschläfernde Wirkung, die er ausübte, auch auf sich selbst. Welcher Dämon der Ödnis ergriff da von ihm Besitz? Durfte er sich beschweren, wenn die Kinder das Vaterunser gedankenlos herunterleierten, sich beim Glaubensbekenntnis verhaspelten, auf seine Fangfrage nach den zwölf Geboten hereinfielen? wenn es für sie eine Erlösung war, nach den anderthalb Stunden endlich wieder auf ihre Smartphones glotzen zu dürfen? Hatte er in ihrem Alter nicht auch beim Gemeindepraktikum geschwänzt und über die Binsenweisheiten gestöhnt, die ihnen eingetrichtert werden sollten? Er war keinen Deut besser als sie. Wenn es diesen Donnerstag ausnahmsweise einmal lebhafter zugegangen war, dann hatte er das nicht sich zuzuschreiben, sondern allein Tim.
Tim. In den anderthalb Jahren, die er die Gruppe jetzt leitete, war der Junge häufig sein Lichtblick gewesen, interessiert, kritisch, redegewandt, manchmal ein wenig altklug, aber außer Leonie, und an guten Tagen noch Vanessa, der einzige, der von sich aus Fragen beantwortete, Meinungen äußerte, Ideen entwickelte und dazu beitrug, dem stockenden Gespräch eine Richtung zu geben. Beim vorletzten Mal wäre Altmann fast geplatzt vor Ärger über die vernagelten Hirne, mit denen er sich abplagen musste, und hinterher hatte er Hanne angerufen, um sich Luft zu machen: »... und dann sagt diese Schnepfe glatt zu mir, sie wäre doch ›nicht so blöd‹, auf die Geschenke und so zu verzichten, wörtlich, ›nicht so blöd‹, und bei den andern wird es genauso sein. Die machen das Theater doch nur mit, weil die Eltern das verlangen oder weil sie denken, sie haben später vielleicht Nachteile im Beruf, wenn sie nicht konfirmiert sind, oder kriegen Schwierigkeiten, wenn sie heiraten wollen, oder werden womöglich eines Tages nicht beerdigt! Der ganze Lebenshorizont lückenlos ausgefüllt von Konvention und sonst gar nichts! Erwachsen sein heißt für die ...« Aber Hanne war müde gewesen und hatte bald aufgelegt, und er hatte ins Leere gestarrt und sich für seinen billigen Zynismus geschämt. War es der Generation seiner Eltern mit ihnen nicht ähnlich gegangen? Andererseits, wenn man sich umschaute im Land, hatten sie nicht recht gehabt? Was machte es mit der Gesellschaft, was machte es mit der Kirche, wenn jeder nur auf den eigenen Vorteil bedacht war und zu bequem und zu angepasst, um sich für das Allgemeinwohl zu engagieren, um den lebendigen Gott im eigenen Leben tätig zu bezeugen? Alle Fesseln, von denen Jesus die Menschen zu erlösen verhieß, begehrten sie geradezu inbrünstig. Als er vor einiger Zeit ein paar seiner künftigen Gemeindekarteileichen beim Hinausgehen darüber diskutieren hörte, welches Bibelwort sie sich unter den Vorschlägen ihres Konfispruch-Tools aussuchen sollten, hätte er ihnen beinahe die Offenbarung nachgerufen, Kapitel 3, Vers 15 und 16: »Ach, dass du kalt oder warm wärest! Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.«
Insofern war es ihm ganz willkommen gewesen, als Tim letztens beim Thema »Die Schöpfung bewahren« die gebotenen Beispiele nicht gleichgültig abnickte wie die andern, sondern ihm speziell in einem Punkt entschieden widersprach: Alternative Energiequellen wie Windräder seien doch nur auf dem Papier schöpfungsbewahrend, real bedeute ein Windpark »hier draußen bei uns« die brutale Verschandelung der heimischen Landschaft und des natürlichen Lebensraumes, was den papiergläubigen städtischen Linksintellektuellen natürlich egal sei; oder als er sich – es ging um den Umgang mit Gewalt – über Vanessas und Melanies in der Tat recht nachgeplappert klingende Friedensbekenntnisse lustig machte und es wichtig fand, sich nicht um die eigenen Aggressionen herumzulügen und sie zuzulassen, wo sie berechtigt waren, womit er beinahe so etwas wie eine Diskussion auslöste. Schon da witterte Altmann einen bestimmten Geist, oder Ungeist, der aus dem Jungen sprach, aber er war auch beeindruckt, wie überzeugt und überzeugend er seine Meinung vortrug, und hielt die Tendenz darin für eher zufällig und bei einem klugen Kopf wie Tim leicht zu korrigieren.
Zweifel kamen ihm erst, als er im Februar mit der Gruppe in die Konfirmandenfreizeit auf der Wangenburg fuhr – aber die waren an dem Wochenende nicht sein vorrangiges Problem. Als übergreifendes Thema hatte er »Leben mit Fremden« gewählt und die Freizeit unter ein Motto aus dem Matthäusevangelium gestellt: »Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen.« Vielleicht, sagte er sich, bot ihm das mehrtägige nahe Zusammensein ja doch noch eine Chance, wenigstens an einige seiner Schützlinge heranzukommen und ihnen zum guten Schluss etwas Bleibendes fürs Leben mitzugeben. Vielleicht entstanden in der Alltagssituation Zugänge und Begegnungen, auf die er sonst gar nicht kam, weil es mit seiner praktischen Erfahrung schlicht nicht weit her war. Die Michaelsgemeinde in Treckingen war seine erste Pfarrstelle und die Konfirmandengruppe ebenfalls seine erste, und ein Naturtalent im Umgang mit jungen Menschen war er denn doch nicht; da kannte er andere Geistliche, die unmittelbar viel besser ankamen als er; im Studium war es eher die Systematische als die Praktische Theologie gewesen, die ihn anzog, und im Vikariat hatte er aufgeatmet, wenn er wieder ins Predigerseminar durfte. Deshalb hatte er eigentlich fest vorgehabt, sich gründlich auf diese Freizeit vorzubereiten, um der Herausforderung gewachsen zu sein, inhaltlich wie menschlich. Dann aber waren von Hanne Zeichen einer gewissen Wiederannäherungsbereitschaft gekommen, die zu mehreren Treffen und vielen nächtlichen Telefonaten und langen nacherklärenden Emails führten, alle getragen von der wachsenden Hoffnung, sie möge eines nicht zu fernen Tages mit dem kleinen Jonathan zu ihm zurückkehren, so dass neben der Vielzahl anderer Pflichten für eine Vorbereitung, wie er sie sich vorgestellt hatte, gar keine Zeit blieb. Zuletzt hatte er keine andere Wahl, als sich einfach an den Leitfaden der Landeskirche zu halten, der vorschlug, den Kindern das Thema Fremdheit mit einem Spiel um die Geschichte vom Turmbau zu Babel erlebnispädagogisch nahezubringen. Ach, warum nicht der reichen Erfahrung anderer vertrauen? Das Wesentliche war auf jeden Fall die menschliche Präsenz.
Als er begriff, worauf er sich einließ, war es zu spät. Oder? Im nachhinein fragte er sich, ob er den Kindern sein Entsetzen hätte gestehen, das Spiel abbrechen und ein offenes Gespräch beginnen sollen, sei es über den wirklichen Sinn der Turmbaugeschichte, sei es über seine persönliche Ratlosigkeit und ihre Gründe. Den Mut und die Spontanität besaß er nicht. Tim schien seine Verunsicherung zu spüren, denn er sah ihn mehrfach spöttisch?, abschätzig? an und versuchte nicht einmal, sich konstruktiv zu beteiligen, sondern schoss die ganze Zeit nur quer. Zu Recht! Altmann sah sich Dinge tun und sagen, für die er hinterher vor Scham am liebsten im Boden versunken wäre. Eine der tiefsten und reichsten biblischen Geschichten, unmittelbar einleuchtend und doch unerschöpflich in ihrem Sinngehalt, wurde unter seiner Anleitung in ihr genaues Gegenteil verkehrt, in eine unfassbar alberne Travestie. Kein Wort von der menschlichen Urkatastrophe, die es bedeutete, dass Gott die Menschen daran hinderte, einen Turm bis zum Himmel zu bauen, indem er ihnen die gemeinsame Sprache und überhaupt ihre Einigkeit nahm und sie in alle Länder zerstreute. Kein Wort davon, dass in diesen Bildern der Schlüssel zur leidvollen irdischen Conditio humana lag. Kein Wort von der einstigen Heilung der babylonischen Sprachverwirrung, vorweggenommen im Pfingstwunder der zungenredenden Apostel. Die Vorgabe des Leitfadens war gnadenlos positiv, und er setzte sie um.
Er wies seine Konfirmanden an, sich in vier kleine Gruppen aufzuteilen und jede aus Tischen, Stühlen und sonstigen Gerätschaften einen »Turm« zu bauen. Den Turm sollten sie mit einem Tuch in der Farbe ihrer Gruppe und einem Schild behängen, auf dem ihr selbstgewählter Name stand. Jede Gruppe sollte sich charakteristische Gemeinsamkeiten überlegen, einen bestimmten Verhaltenskodex oder Wertekanon zum Beispiel, und eine eigene Sprache erfinden, die etwa in jedes Wort eine zusätzliche Silbe einbaute oder frei definierte Phantasiewörter gebrauchte, verbunden vielleicht mit besonderen Gesten. Dann sollten sich Delegationen der einzelnen Türme gegenseitig besuchen, um sich über die Eigenheiten hinweg sprachlich zu verständigen und die verschiedenen Wertvorstellungen gegeneinander zu vertreten, und schließlich sollten in den einzelnen Gruppen und im Plenum die Erfahrungen im eigenen Turm und in der Fremde ausgetauscht werden. Weitere Übungen waren vorgesehen, Erläuterungen wie, dass das Volk Israel zur damaligen Zeit von den Babyloniern bedroht war, die alles nach ihrer Reichsnorm vereinheitlichen und andere Kulturen und Sprachen nicht zulassen wollten. Viele verschiedene Kulturen und Sprachen, das war nicht mehr Gottes Strafgericht, sondern das irdische Paradies universeller Harmonie, mit unendlichen Möglichkeiten der friedlichen Völkerverständigung. Die Erkenntnis, die aus der biblischen Geschichte zu ziehen war, lautete: Gott ist gar nicht eifersüchtig, Gott will Vielfalt.
Bis zu so einem Fazit kam es nicht. Altmann ließ es hilflos geschehen, dass die »Verständigung« zwischen den Gruppen in gegenseitiges Verulken und johlendes Gehampel und Gestammel ausartete, und schritt auch nur halbherzig ein, als Tim anfing, die anderen als Kanaken und »Dunkle Brut« zu beschimpfen, und sie für »minderrassig« erklärte, wenn sie sich der »vaterländischen Ordnung«, die er für seinen Turm proklamiert hatte, nicht fügen wollten. Die andern gaben mit gleicher Münze zurück, so gut sie konnten. Das Dalbern und Kalbern einer Horde Vierzehnjähriger griff um sich. Der Turmbau zu Babel interessierte niemanden. Der überforderte Leiter war heilfroh, als das Abendessen dem Treiben ein Ende machte, und übertrug es Vanessa, die für den Samstagabend angesagte Disco zu organisieren. Die kam allerdings nur schleppend in Gang und blieb anfangs eine reine Mädchensache, weil die Jungen sich mehrheitlich um Tim versammelten, der in einer Ecke mit seiner PlayStation Hof hielt und das neue Dragon Age vorführte. Altmann beschloss, gute Miene zu machen, gesellte sich dazu und ließ sich erklären, mit welchen spieltechnisch superraffinierten Mitteln die Dunkle Brut zu bekämpfen war. Der gute Ritterorden der Grauen Wächter wurde im Kampf mit den Bösen fast aufgerieben, und die Spielerfigur und ein weiteres überlebendes Ordensmitglied mussten anschließend Verbündete gewinnen und Kämpfe mit schrecklichen Dämonen und Monstern bestehen, bis am Schluss der »Bossfight« gegen den Erzdämon anstand. Der mächtigste Gegner war der Hohe Drache, und Tim zeigte seinem faszinierten Publikum, wie er die Gruppe um seine Figur mit phantastischen Waffen, Panzern, Heilzaubern, Tränken und Gnaden ausrüstete, bevor sie auf dem Berggipfel gegen das Ungetüm antraten, das jedoch allem Einsatz von Gruppenheilungen, Wiederbelebungen und Lyriumtränken zum Trotz in dem grotesken blutigen Gemetzel zuletzt die Oberhand behielt. Weitere Heldentaten unterband Altmann, zumal er inzwischen mitbekommen hatte, dass das Spiel erst ab achtzehn freigegeben war. Statt Tim darüber zur Rede zu stellen, erzählte er den maulenden Jungen die Legende von Sankt Georg und seinem Drachenkampf, und zum ersten Mal an diesem Tag hatte er ihre Aufmerksamkeit. So was hätte er in der Konfer mehr bringen sollen, fanden sie. Er lächelte: Vielleicht. Was Georg allerdings befähigte, das Ungeheuer zu töten und die Jungfrau zu retten, die ihm geopfert werden sollte, war keine besondere Rüstung oder Wunderwaffe, stellte er klar, sondern allein die Kraft seines Glaubens. Seine männliche Stärke war anderer Art als die von Superman und Co. Reine Menschenmacht, und verfügte sie auch über Superkräfte, reichte nie zum Sieg über die Drachen der Welt, oder höchstens in einem Spiel, sie reichte nur zu selbstherrlichen Türmen zu Babel, und im wirklichen Leben stürzten die immer unweigerlich ein. Und weil Georg das wusste, verlangte er auch nichts zum Lohn für sich selbst, ihm war nichts gelegen an der Hand der Prinzessin, und die Reichtümer des Königs ließ er unter den Armen verteilen. Altmann nickte nachdrücklich.
»Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben. Ich bin durstig gewesen und ihr habt mir zu trinken gegeben. Ich bin ein Fremder gewesen und ihr habt mich aufgenommen. Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan«, zitierte er den Evangelisten. Dies sei der Geist des Heldentums, mit dem das Böse in der Welt überwunden werde. Und mit dem Gefühl, dass ihm wenigstens das Resümee dieses Tages doch noch halbwegs geglückt war, schickte er die Jungen auf die Tanzfläche zu den Mädchen.
Zur nächsten Konfirmandenstunde erschien er mit dem Vorsatz, in der Nachbereitung gar nicht mehr auf die verkorkste Turmbaugeschichte einzugehen, sondern inhaltlich nachzuholen, was während der Freizeit weitgehend unter den Tisch gefallen war. Ausgehend von dem Matthäuswort wollte er Flüchtlingsschicksale aus der Bibel anführen, um dann auf den Umgang mit Fremden in der Gesellschaft und konkret auf die Asylproblematik und das Zusammenleben mit nicht deutschstämmigen Mitbürgern überzuleiten. Er rechnete mit Tims Widerspruch und freute sich sogar darauf. Womit er nicht rechnete, war die Veränderung, die in den wenigen Tagen mit dem Jungen vorgegangen war. Arm in Arm mit Leonie anmarschierend, löste er sich erst beim Betreten des Gruppenraums von ihr. Ein trotzig-unsicherer Blick streifte den Pfarrer, der erstaunt die Augenbrauen hochzog. Tims blonde Lockenhaare waren millimeterkurz geschoren, was den länglichen Schädel, sicher anders als beabsichtigt, wie ein rohes Ei aussehen ließ und den noch kindlich weichen Gesichtszügen etwas Ungeschütztes, Verletzliches gab. Im Gegensatz dazu stand der uniformierte Eindruck, den die einheitlich schwarze Kleidung machte, woran auch der einzige Farbtupfer nichts änderte, ein roter Schriftzug auf dem Sweatshirt, von dem unter der offenen Bomberjacke nur einige Buchstaben zu sehen waren. Altmanns Blick glitt darüber hinweg und kehrte dann ruckartig mit geweiteten Augen dahin zurück: NSDAP las er, und so sorgfältig, wie Tim sich beim Eintreten die Jacke zurechtgezogen hatte, war an der Absicht nicht zu zweifeln.
Bloß nicht drauf reinfallen. Er ließ den Blick weiter schweifen. Wer sich darüber empörte, bekam bestimmt mit Unschuldsmiene den völlig harmlosen kompletten Markennamen gezeigt. Der Junge war ganz offenbar seit zwei, drei Monaten in der akuten Trotzphase, die Ausprägung allerdings wurde langsam extrem. Was stand dahinter? Er wusste, dass Tim viel las. War er dabei, sich aus halbverdauten rechtsradikalen Schriften ein oppositionelles Weltbild zusammenzuzimmern? War er unter den Einfluss einer nazistischen Gruppierung geraten? Eine nennenswerte rechte Szene gab es in Treckingen nicht, soweit Altmann wusste. In Göppingen sollte es eine Gruppe »Autonomer Nationalisten« geben – dehnten die sich in andere Städte aus? Wie reagierten Tims Eltern auf seine Entwicklung? Der Pfarrer hatte keinen Kontakt zu ihnen und wusste über sie nicht mehr, als dass sie nach der Wende aus Zwickau gekommen und beide berufstätig und konfessionslos waren. Den Entschluss, sich konfirmieren zu lassen, hatte Tim selbst getroffen. Bei der Anmeldung des Jungen hatte die Mutter einen freundlich distanzierten und gebildeten Eindruck gemacht. Tim war ein Einzelkind und dem Anschein nach viel allein. Vielleicht sollte er mal mit ihnen reden, dachte Altmann, aber ganz sicher war er sich nicht.
Erst einmal über das reden, was auf dem Programm stand. Er ließ die Kinder der Reihe nach einzelne Bibelstellen zur Flüchtlingsthematik vorlesen und machte jeweils mit kurzen Kommentaren das Besondere der Schicksale deutlich: dass Abraham und Sara praktisch zeitlebens Migranten waren, angewiesen auf die Gastfreundschaft der anderen, dann aber an ihren Wohnorten ihrerseits Gastfreundschaft übend; dass Joseph, von den eigenen Brüdern verkauft und von Schleppern nach Ägypten gebracht, dort mit seinem Aufstieg am Hof des Pharaos zu einem schönen Beispiel gelungener Integration wurde; dass Ruth, die erst einen Ausländer geheiratet hatte und nach dem Tod des Mannes mit ihrer Schwiegermutter in dessen Heimat gezogen war, um dort ihrerseits als Ausländerin zur Stammmutter des Hauses David zu werden, die Verbindung der Völker musterhaft vorlebte; dass Gott dem Volk Israel ausdrücklich gebot, einen bei ihnen wohnenden Ausländer nicht zu unterdrücken, sondern zu lieben, »denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland«; dass Jesus schon als ganz kleines Kind mit seinen Eltern als politisch Verfolgter in die Fremde vertrieben wurde und dennoch seinen Jüngern mit dem Missionsauftrag »Gehet hin in alle Welt!« ein Leben in der Fremde um Gottes willen auferlegte. Vor dem zweiten Teil, in dem Kurzberichte über Flüchtlinge aus dem Irak, Afghanistan, Äthiopien und Nigeria vorgestellt werden sollten, forderte Altmann zur Diskussion auf und fragte seine Konfirmanden, welche Gedanken und Gefühle die biblischen Geschichten bei ihnen auslösten. Er wollte, dass sie die Verbindung zwischen den äußerlich so weit auseinanderliegenden Themenbereichen zogen, dass sie das Allgemeinmenschliche darin erkannten. Es war ihm nicht entgangen, dass Tim angespannt wirkte, wie unter Strom, und tatsächlich meldete er sich sofort zu Wort.
Gastfreundliche Migranten, begann er in einem ungewohnt scharfen Ton, seien die Israeliten doch nur so lange gewesen, wie sie in der Minderheit waren. Nach dem Auszug aus Ägypten hätten sie das Land Kanaan, das Abraham ewig lange vorher versprochen worden war, mit brutaler Gewalt erobert und die Einheimischen daraus vertrieben. Für deren Flüchtlingsschicksale hätten die sich nicht sonderlich interessiert. Und was die Völkerverbindung anging – Tim schlug eine eingemerkte Stelle in seiner Bibel auf – so war die Ruth-Geschichte eine absolute Ausnahme. Normalerweise achteten die Israeliten extrem darauf, dass sie ihre Volksgemeinschaft blutsrein hielten und sich nicht mit andern Völkern vermischten. Als zum Beispiel nach der babylonischen Gefangenschaft viele Heimkehrer einheimische Frauen heirateten, setzte der Oberpriester durch, dass die Mischehen geschieden und Frauen und Kinder »entlassen« wurden. Tim las zwei Stellen aus dem Buch Esra vor. So was sollte hier und heute einer nur mal vorsichtig andenken, der würde sofort einen Kopf kürzer gemacht – in den Medien, setzte er hinzu. Er verzog verächtlich den Mund. Dass man den einen oder andern notleidenden Fremdling gastfreundlich aufnahm und nicht unterdrückte, war völlig in Ordnung, aber wenn die Fremden faktisch als Eroberer kamen, wenn sie die einheimischen Sitten und Werte verachteten und abschaffen wollten, wie damals die Juden in Kanaan oder heute die Türken und Araber in Deutschland, mussten sich die Einheimischen dann etwa nicht dagegen zur Wehr setzen? Etwa nicht? Er sah sich in der Runde um wie ein Wahlkampfredner. Doch sobald man ein Wort gegen Ausländer sagte, fuhr er schnell fort, bevor Altmann ihn unterbrechen konnte, kam das Kartell der Meinungsmacher in Politik, Medien und Kirche sofort mit der Moralkeule an und tat so, als wäre es ein Verbrechen wider die Menschlichkeit, wenn man seine eigene Kultur vor der Aushöhlung und Überfremdung schützen wollte, vor Zerstörung durch Multikulti. Genau das aber passierte im Land. Tim hatte den Finger gehoben und fing an, ihn beim Reden auf und ab zu bewegen. Es gab keinerlei Maß, nach dem Fremde eingelassen oder abgewiesen wurden, es war, als hätten die das Recht, sich nach Belieben im Land breit zu machen, Arbeitsplätze zu fordern, Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen, Ausbildungen finanziert zu bekommen, und irgendwann –
Altmann hob die Hand. Offensichtlich hatte der Junge sich wieder bis an die Zähne bewaffnet, um gegen die Dunkle Brut zu Felde zu ziehen, diesmal allerdings mit schlagkräftigen Phrasen statt mit Meteoritenschwert und Diamantenstreithammer. »Das reicht fürs erste, Tim«, sagte er. Gewiss könne man vieles an den biblischen Geschichten kritisch sehen, an der gesellschaftlichen Situation in Deutschland auch, zu fragen sei aber in jedem Fall, in welchem Verhältnis die Bewahrung der eigenen Identität zum Gebot der Nächstenliebe und zur Offenheit für das Neue und Andere stand. Oder vielleicht sollte man statt Bewahrung eher Gewinnung der eigenen Identität sagen, denn die Aushöhlung und Zerstörung der eigenen Werte geschah auch durch gedankenlosen Trott und Abschottung von der Außenwelt, an der sich diese Werte immer zu bewähren hatten. Wo die Begegnung mit dem Fremden ängstlich gemieden oder aggressiv verhindert wurde, da waren die eigenen Werte wahrscheinlich zu schwach oder zu wenig lebensbestimmend, um in der Begegnung bestehen zu können. Genau dafür brauche es die Konfirmation, denn Konfirmation bedeute wörtlich die »Bestärkung«, die »Befestigung« in den eigenen Werten, damit die falsche Alternative vermieden wurde, dass man entweder vor dem Fremden kapitulieren oder das Fremde verteufeln musste.
Tim setzte zu einer Erwiderung an, aber Altmann erteilte erst einmal anderen, die sich erfreulicherweise gemeldet hatten, das Wort. Ein Mädchen erzählte von der überwältigenden Gastfreundschaft, die sie im Türkeiurlaub mit ihren Eltern erlebt hatte, ein anderes berichtete von einer Freundin, die eine Weile mit einem libanesischen Jungen gegangen war, sich aber bald wieder von ihm getrennt hatte, weil der und seine Freunde deutsche Mädchen
