Drachenelfen - Die Windgängerin - Bernhard Hennen - E-Book

Drachenelfen - Die Windgängerin E-Book

Bernhard Hennen

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Beschreibung

Die Rückkehr in die atemberaubende Welt der Elfen

Noch herrschen die mächtigen Drachen über Elfen, Zwerge und die anderen Völker Albenmarks. Doch ein unglaublicher Verrat in ihren eigenen Reihen beginnt zu wirken – und plötzlich müssen sich die Drachenelfen entscheiden: Dienen sie weiter ihren Herren oder kämpfen sie für eine neue Zeit, eine Zeit der Elfen . . . Nach dem großen Besteller Drachenelfen legt Bernhard Hennen den heiß ersehnten neuen Roman um die magische Welt der Elfen und Drachen vor.

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Seitenzahl: 1262

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BERNHARDHENNEN

DRACHENELFEN

DIE WINDGÄNGERIN

ROMAN

Copyright © 2012 by Bernhard Hennen

Copyright © 2012 dieser Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Innenillustrationen und Karte »Daia«: Michael Welply

Karte »Albenmark« und »Schlachtfeld«: Andreas Hancock

Redaktion: Momo Evers

Umschlaggestaltung: Nele Schütz Design, München,

unter Verwendung einer Illustration von John Howe & Weta Workshop Designer Andrew Baker

Satz: Leingärtner, Nabburg

ePub-ISBN: 978-3-641-06495-2

www.twitter.com/HeyneFantasySF

@HeyneFantasySF

www.heyne-magische-bestseller.de

Für Lara, die mich in ihr Fjordland einlud und mir zeigte, was wahrer Heldenmut ist.

Now this is not the end. It is not even the beginning of the end. But it is, perhaps, the end of the beginning.

(Dies ist nicht das Ende. Es ist noch nicht einmal der Anfang vom Ende. Aber es ist vielleicht das Ende eines Anfangs.)

Winston Churchill

Aus der Rede nach dem britischen Sieg über das deutsche Afrika-Korps in der zweiten Schlacht von El Alamein in Ägypten, 1942

Erstes Buch

DIE TIEFE STADT

Prolog

»Du gibst mir sofort den Stein«, zischte Sina. Sie war einen Kopf größer als er und die Tochter des reichsten Bauern von Belbek. Sich ihr zu widersetzen war dumm. Aber Daron dachte gar nicht daran, seinen Schatz aufzugeben. Er hielt den Stein fest umklammert.

Niemand kam ihm zu Hilfe. Alle anderen Kinder fürchteten sich vor Sina. Sie standen einfach um sie beide herum und warteten ab, wer das Ringen gewinnen würde.

»Du könntest sie in den Arm beißen«, flüsterte Tura, der Kleinste in der Schar, die sich hinaus in den Palmhain geschlichen hatte.

Sina warf ihm einen giftigen Blick zu. »Das hab ich gehört.«

Daron nutzte den Augenblick, den sie abgelenkt war, und trat ihr vors Schienbein. Fluchend ließ sie den Stein los und verpasste ihm gleich darauf eine Ohrfeige. »Behalt das dumme Ding doch. Ein Stein ist gar kein richtiger Schatz!«

»Doch«, entgegnete er trotzig. »Dieser schon und das weißt du ganz genau.«

Daron hielt seinen kostbarsten Besitz fest umklammert. Sein Vater Narek hatte den Stein, am Tag bevor er gegangen war, beim Umgraben ihres kleinen Ackers gefunden und ihm geschenkt. In ganz Belbek gab es keinen zweiten Stein wie diesen. Er war auf einer Seite weiß wie frische Ziegenmilch und auf der anderen so schwarz wie Holzkohle. Daron konnte den Stein mit der Hand nicht ganz umschließen. Er war flach und kaum dicker als sein kleiner Finger.

Es war so unendlich lange her, dass sein Vater davongezogen war, um für den Unsterblichen Aaron zu kämpfen. Waren es wirklich erst drei Monde? Daron kam es vor wie drei Jahre.

»Fangen wir an.« Sina war immer noch schlecht gelaunt. »Ihr seid die rattengesichtigen Luwier, und wir werden euch aus dem Palmpalast vertreiben.«

»Wir, die Luwier?«, empörte sich Daron. »Das geht nicht!«

»Und ob das geht! Wir waren gestern erst die miesen Luwier. Heute seid ihr dran.«

Daron schüttelte entschieden den Kopf. »Mein Papa zieht mit dem Heer von Aram. Da kann ich doch keinen Luwier spielen. Das ist gegen die Ehre der Familie.«

»Und mein Papa sagt, dass dein Vater höchstens die Pferdeäpfel hinter den Streitwagen des Unsterblichen kehrt. Narek ist gar kein Krieger. Das wissen alle hier im Dorf.«

Daron kämpfte gegen einen Kloß im Hals. Sina konnte so gemein sein. Genau wie ihr Vater! Natürlich wusste er auch, dass sein Papa kein Krieger war, aber er war trotzdem ein Held. Außer ihm und seinem Freund Ashot hatte sich keiner getraut, mit dem Werber des Unsterblichen zu gehen.

»Wir könnten doch wieder den Stein entscheiden lassen«, schlug Tura vor.

»Der Stein betrügt«, grummelte Sina.

»So ein Quatsch. Wir machen es so!« Daron blickte in die Runde. Alle waren einverstanden.

»Aber ich werfe diesmal den Stein!«, befahl Sina.

Widerwillig gab er ihr seinen Schatz zurück. »Mach ihn nicht kaputt.«

»Steine gehen nicht leicht kaputt.« Sie strich über die glatte Oberfläche und betrachtete ihn gierig. »Wenn weiß oben liegt, sind ich und meine Krieger heute die Guten.« Sie streichelte den Stein, als sei er ein junges Kätzchen. Dann warf sie ihn hoch in die Luft. Er drehte sich im Flug, sodass abwechselnd die schwarze und die weiße Seite zu sehen waren.

Als er zu Boden fiel, lag schwarz oben.

Sina seufzte. »Ich sag doch, der Stein betrügt.«

Stolz wandte sich Daron an seine kleine Streitmacht. Sie waren zu siebt. Sina hatte genauso viele Gefolgsleute. Aber ihre Freunde waren alle schon etwas größer. Von den letzten fünf Schlachten um den Palmpalast hatte Sina vier gewonnen. Deshalb wollten die meisten lieber in ihrem Heer mitmachen. Sogar wenn sie dann Luwier sein mussten. Wer in der Schlacht siegte, dem gehörten am nächsten Tag alle reifen Datteln, die von den Palmen zu Boden fielen. Jedenfalls wenn Sinas Vater die Plünderer nicht erwischte, denn der Palmhain gehörte eigentlich ihm, und er ließ sich nicht gerne berauben.

»Wir sind heute Daimonen«, erklärte Sina plötzlich. »Wenn wir schon die Bösen sein sollen, dann sind wir wenigstens so richtig böse.«

Alle sahen sie erschrocken an.

»Meine Tante sagt, wenn man von Daimonen spricht, dann kommen sie auch«, flüsterte Tura.

»Wenn du Angst hast, dir gleich in deinen Wickelrock zu pinkeln, dann geh doch nach Hause, Tura.«

Daron schob sich vor den Kleinen. »Wir haben vor gar nichts Angst!« Allerdings gefiel ihm die Idee mit den Daimonen auch nicht. Es war schon dunkel. Die Erntezeit hatte schon begonnen, deshalb hatten sie alle lange auf den Feldern arbeiten müssen.

»Dann also los!«, rief Sina begeistert. »Folgt mir, Daimonen!«

»Ihr seid die Angreifer. Verlasst sofort den Palmpalast.« Daron wies auf das Hirsefeld hinter der niedrigen Bruchsteinmauer. »Ihr kommt von da.«

Sinas Daimonenschar zog willig davon, während unter Darons Gefolgschaft gedrückte Stimmung herrschte.

»Die werden uns bestimmt verprügeln«, sprach Tura laut aus, was alle dachten.

»Warum?«, entgegnete Daron trotzig.

»Na, weil sie eben Daimonen sind.« Tura sah aus, als würde er gleich anfangen zu heulen. »Und dunkel ist es auch schon. Und wenn ich zu Hause erwischt werde, wie ich mich so spät in mein Bett schleiche, werde ich gleich noch mal verprügelt.«

»Verteidiger von Belbek«, Daron versuchte mit fester Stimme zu sprechen, so wie ein richtiger Held. »Suchen wir uns Steine zum Werfen. Die Daimonen sollen eine Überraschung erleben, wenn sie kommen.«

Damit hatte er sie. Seine Freunde verteilten sich im Palmhain.

»Gehen auch Datteln?«, rief Tura.

Daron lachte. »Wenn du ein paar besonders harte findest.«

In der Ferne war ein Geräusch wie Donnergrollen zu hören.

»Daron!«, erklang Sinas Stimme irgendwo zwischen den Palmen. »Komm schnell! Autsch. Verdammt, hört auf, mich mit Steinen zu bewerfen. Komm endlich, Daron! Das musst du sehen! Komm zur Bruchsteinmauer.«

War das eine Falle? Daron schob sein Holzschwert hinter das alte Hanfseil, das ihm als Gürtel diente. »Kommt alle mit. Und nehmt eure Steine mit, falls die uns hereinlegen.«

Sie kamen unbehelligt bis zur Mauer. Sinas Gefolgschaft stand oben. Alle blickten sie gen Osten. Das Donnergrollen war jetzt deutlich zu hören. Ja, es hörte gar nicht mehr auf. Da kam kein gewöhnliches Gewitter auf sie zu.

Hastig kletterte Daron die niedrige Mauer hinauf. Eine Kette aus kleinen Flammen zog über die Ebene in Richtung ihres Dorfes.

»Da seht ihr es, jetzt kommen die Daimonen«, sagte Tura und begann zu weinen.

Daron lief es eiskalt den Rücken hinab. Er war im Augenblick der Mann im Haus, und er hatte nur ein Holzschwert, um seine Mutter Rahel zu verteidigen. Er kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, was draußen war. Etwas Goldenes funkelte unter den Flammen. Bronzerüstungen! »Das sind Streitwagen …« Ganz sicher war er sich nicht. Aber Streitwagen klang besser als Daimonen.

»Dann haben die Luwier also gewonnen«, sagte Sina niedergeschlagen. »Mein Vater hat immer gesagt, wenn die Luwier siegen, dann plündern sie das ganze Land. Und dass ein Bauernheer nicht gegen richtige Krieger bestehen kann, hat er auch gesagt.«

Daron blickte auf den schwarz-weißen Stein, seinen Schatz. Sein Vater hatte ihm versprochen, dass er wiederkommen würde. Ganz bestimmt hätte er nicht zugelassen, dass die Luwier gewinnen. Aber Streitwagen in der Nacht bedeuteten nichts Gutes, so viel war sicher. »Wir müssen das Dorf warnen«, entschied Daron.

»Du bist also schneller als ein Streitwagen?« Zum ersten Mal an diesem Abend klang Sina nicht kämpferisch.

»Das schaffen wir!« So sicher wie er tat, war er sich nicht. »Wir laufen über die Felder. Die Wagen müssen auf dem Weg bleiben. Los, Tura, gib mir deine Hand. Ich lass dich nicht los, bis wir bei deiner Mutter sind. Und vergesst eure Holzschwerter nicht!«

Drei Monde früher

Der gefallene Meister

Nandalee hob aufmerksam den Kopf. Der Wind hatte gedreht. Das Wispern der Blätter änderte den Ton. Es erschien ihr drängender, als wollten die Geister des Waldes sie warnen. Ein neuer Geruch lag in der Luft. Nach Rauch, Waffenfett und ungewaschenen Kleidern.

Aus den Augenwinkeln sah die Elfe zwei Schatten, die sich lautlos durch den Wald bewegten. Fast waren sie eins mit den dunklen Stämmen und der Nacht. Auch sie rochen nach Rauch. Und nach dem Ruß, mit dem sie sich die Gesichter und die Hände eingerieben hatten, um noch mehr den Schatten zu gleichen.

Ihre Gefährten, Cullayn und Tylwyth, gaben ihr ein Zeichen weiter vorzurücken. Die beiden Maurawan gehörten zu den Elfen, die im alten Wald südlich des Albenhauptes lebten. Ihr Volk galt als eigenbrötlerisch und reizbar. Selbst die Trolle vermieden es, mit den Maurawan zu streiten, und fürchteten ihre Überfälle. Nandalee war nicht begeistert gewesen, als man ihr die beiden für ihre Mission zur Seite gestellt hatte. Sie waren keine Drachenelfen, sondern gehörten zu den Spähern der Blauen Halle. Diese Eskorte war ein Zugeständnis Nachtatems an die übrigen Himmelsschlangen, die nicht duldeten, dass diese wichtige Mission allein einer seiner Getreuen anvertraut wurde. Und obendrein noch der einzigen Elfe, in deren Gedanken sie nicht lesen konnten.

Cullayn, der ältere der beiden Maurawan, trat an ihre Seite.

»Ich habe sie gerochen«, sagte sie, damit keine Missverständnisse aufkamen. Es war nicht die Art der Maurawan, viel zu reden, was den Umgang mit ihnen nicht leichter machte.

Cullayn nickte knapp.

Nandalee war dankbar, dass er die Kapuze seines Umhangs tief in die Stirn gezogen hatte. Sein Antlitz war entstellt, und es fiel ihr schwer, ihm ins Gesicht zu blicken. Es wirkte verrutscht. Nichts war mehr ganz an dem Ort, an dem es sein sollte, so als habe man ihm Haut und Fleisch vom Schädel abgezogen und dann nicht mehr an die richtige Stelle bekommen. Angeblich war Cullayn als junger Krieger vom Keulenhieb eines Trolls getroffen worden. Dass er überhaupt überlebt hatte, war ein Wunder. Ein Wunder, das er selbst wohl jeden Tag verfluchte, vermutete Nandalee.

»Was glaubst du, wie viele es sind?«

Ohne zu zögern, ballte er die rechte Faust, streckte alle Finger aus, ballte die Faust ein zweites Mal und spreizte Zeige- und Mittelfinger ab.

»Sieben?« Sie musterte ihn ungläubig. Sie wusste, dass es mehrere Zwerge sein mussten. Die Duftnote war zu stark für einen gewesen. Aber sie hätte niemals eine genaue Zahl benennen können. Scherzte Cullayn etwa? Bislang hatte sie ihn für völlig humorlos gehalten. Ein Fehler? Auch seine Freundschaft zu Tylwyth, den man hinter seinem Rücken den Schönen nannte, war ungewöhnlich. Tylwyth war in ziemlich allem das genaue Gegenteil von Cullayn. Er war gutaussehend und legte für einen Maurawan außergewöhnlich großes Augenmerk auf seine Kleidung. Cullayn hingegen wirkte abgerissen. Seine knielangen, weichen Lederstiefel waren mehrfach geflickt. Die linke Sohle hatte sich halb gelöst und wurde von Lederriemen gehalten, die um den Stiefel gewickelt waren. Er trug einen Lendenschurz undefinierbarer, dunkler Farbe, dazu eine speckige Lederweste mit etlichen aufgenähten Taschen. Sein weiter Kapuzenumhang war so oft gewaschen, dass die ehemals dunkelgrüne Farbe zu einem scheckigen Muster zwischen Grün und Grau verkommen war. Doch was zählten solche Äußerlichkeiten schon, wenn man ohnehin die meiste Zeit mit dem Wald verschmolz. Nandalee kannte keinen anderen Elfen, der es Cullayn darin gleichtun konnte. Vielleicht wob der Maurawan unbewusst Magie? Vielleicht hatte es mit seinem entstellten Gesicht zu tun? Er wollte schon seit Langem nicht gesehen werden. Und er hatte einen guten Grund dazu.

»Folgen wir den Zwergen«, entschied sie. Seit sie auf dem Berg waren, hatten sie zwei Mal Holzfäller beobachtet. Ansonsten war es ruhig.

Cullayn nickte. Kaum einen Herzschlag später war er wieder in den Schatten verschwunden.

Nandalee nahm erneut Witterung auf. Cullayn schien keinen eigenen Geruch zu haben. Ihn konnte sie hier nicht wahrnehmen. Er roch wie der Wald. Er war der Wald, dachte sie und lächelte. Ganz anders als die Zwerge. Ob die Zwerge etwas ahnten? Wussten sie, dass Elfen hier waren? Nandalee stieg über einen zersplitterten Ast hinweg. Der Wald hier auf dem Berg war nicht gesund. Es gab zu viele Fichten und Kiefern. Wahrscheinlich hatten die Zwerge die schnell wachsenden Bäume gepflanzt, um den Holzbedarf ihrer Stadt zu stillen, die tief verborgen im Berg lag.

Unvermittelt entdeckte Nandalee die Fährte der Zwerge. Abdrücke der plumpen, großen Füße in dem Teppich aus Kiefernnadeln, der den Waldboden bedeckte. Mit einem Schaudern dachte sie an die Zeit zurück, in der sie selbst in einem Zwergenkörper gefangen gewesen war. Wie eine Betrunkene war sie kurz nach der Verwandlung durch die Tunnel der Tiefen Stadt getaumelt. Der Gedanke an den ungelenken, gedrungenen Körper erfüllte sie mit Schrecken. Sie dachte an all die Monde, die sie in der Pyramide im Jadegarten gefangen gewesen war. Lebendig begraben!

Nandalee hob den Blick zu den Fichtenwipfeln, die sich sanft im Wind wiegten. Sie lauschte dem Lied der Bäume, atmete den Duft des Harzes. Der Gestank nach den verschwitzten Kleidern der Zwerge war kaum noch wahrzunehmen, ganz als wolle der Wald selbst die Erinnerung an sie tilgen.

Nandalee folgte weiter der Spur. Man hätte blind sein müssen, um sie zu verfehlen. Zwergen nachzustellen war keine Herausforderung, dachte sie mit einem Anflug von Ärger. Selbst ihre Freundin Bidayn würde diese Fährte nicht verlieren, obwohl sie in der Wildnis hilflos wie ein Kind war. Bidayn hatte Nandalee überrascht, als sie sich für diese Mission freiwillig gemeldet hatte. Nachdem sie auf Nangog verletzt worden war, hätte Nandalee nicht erwartet, dass die Zauberweberin sich so bald wieder in Gefahr begeben würde. Bidayn war … Nandalee verharrte. Etwas stimmte nicht. Da war etwas im Dunkel. Dicht vor ihrem Gesicht. Mondlicht hatte sich daran gebrochen. Ein Faden, fein wie Spinnweben. Doch er war schwarz wie die Nacht.

Sie duckte sich. Witterte. Der Harzgeruch überlagerte alle anderen Düfte. Zu stark, selbst für einen Fichtenhain! Nandalee schloss die Augen und konzentrierte sich ganz auf ihren Geruchssinn. Sie versuchte das zu verdrängen, was sie am stärksten bestürmte. Sie roch einen Dachs, ganz in der Nähe. Rebhühner. Hasenkötel. Rosshaar. Wachs …

Sie schlug die Augen auf. Der spinnwebfeine Faden war ein Rosshaar. Nein, wahrscheinlich mehrere. Sie waren zusammengeknotet und mit Wachs eingerieben. Nandalee atmete schwer aus. Das war knapp gewesen. Sehr knapp! Was wohl geschehen würde, wenn das Haar zerriss? Sie und die beiden Maurawan hatten in dieser Nacht schon etliche Fallen gefunden. Schwere Fußangeln, die einem den Knöchel zertrümmerten, wenn sie zuschnappten, eine Grube voll angespitzter Pfähle. Sie alle waren plump und leicht zu entdecken gewesen. Diese hier war anders. Das Haar war etwa auf Schulterhöhe gespannt. Ein Zwerg konnte diese Falle nicht versehentlich auslösen. Sie war für größere Geschöpfe ersonnen worden. Nandalee versuchte zu entdecken, wohin das Rosshaar führte. Es verschwand zwischen Kiefernästen.

Das plötzliche Gefühl, angestarrt zu werden, ließ sie herumfahren. Da war jemand im Dunkel unter den Fichten. Tylwyth? Der Schatten winkte ihr zu. Rufen konnte er nicht, solange ungewiss war, wie nahe ihnen die Zwerge waren. Sie konnten überall …Plötzlich fügte sich für Nandalee alles zusammen. Die plumpen Fallen, die Fährte, die man nicht übersehen konnte. Sie waren hierher gelockt worden! Wer ein Stück neben der auffälligen Fährte durch den Wald lief, der musste geradewegs in diese Falle laufen. Das schwarze Rosshaar wäre selbst am hellen Nachmittag so gut wie unsichtbar, denn das Dach der Fichtenäste war so dicht verwoben, dass hier stets Zwielicht herrschte.

Sie hatten die Zwerge unterschätzt. Sie ahnten, dass die Drachen und mit ihnen die Drachenelfen kommen würden. Das war naheliegend, bei dem, was sie getan hatten. Die Ermordung des Schwebenden Meisters konnte nicht ungesühnt bleiben.

Tylwyth kam auf sie zu. Er wirkte ungeduldig, winkte ihr. Sie gab ihm ein Zeichen, stehen zu bleiben, aber er ignorierte es. Sie musste ihn aufhalten. Nandalee ließ alle Vorsicht fahren. »Bleib …«

Äste splitterten. Die Wipfel rings um den Maurawan wogten wie von Sturmwind gepeitscht. Tylwyth warf sich zu Boden und rollte zur Seite ab. Ein fassgroßer Baumstumpf, gespickt mit angespitzten Ästen, schwang über ihn hinweg und verschwand in der Dunkelheit. Keinen Herzschlag später schnellten Bretter mit fingerlangen Nägeln aus dem Waldboden. Der Maurawan sprang auf. Nur ein Hechtsprung rettete ihn vor dem zurückschwingenden Baumstumpf.

Nandalee eilte ihm entgegen. Dabei folgte sie in geducktem Lauf der Fährte der Zwerge. Dort, wo sie gegangen waren, konnte es keine Fallen geben. Zumindest nicht in Zwergenhöhe.

Tylwyth kauerte mit schreckensweiten Augen vor einem Baumstamm. Seine linke Hand war verletzt, die enge, graue Wildlederhose voller Schmutz und Blut. Von seiner selbstsicheren Eleganz war wenig geblieben.

»Schlimm?«

Er blickte auf. In seinem rußgeschwärzten Gesicht erschienen ihr seine Augen unnatürlich hell. Die blaugraue Iris war von einem schwarzen Rand eingefasst. Wolfsaugen, dachte Nandalee.

»Ich werde noch meinen Bogen halten können.« Seine Stimme klang gepresst. Tylwyth kämpfte gegen den Schmerz an.

»Lass mich deine Hand sehen!«

Widerwillig streckte er sie ihr entgegen. Er musste in eines der Nagelbretter gegriffen haben. Nandalee bezweifelte nicht, dass er seinen Bogen noch halten könnte. Aber wie sicher würde er noch schießen?

»Verbind das. Warum bist du nicht stehen geblieben, als ich dir ein Zeichen gegeben habe?«

»Sie singt.«

»Wer?«

»Bidayn. Sie singt. Die Zwerge müssen sie gehört haben. Sie gehen genau auf sie zu.«

Das konnte nicht sein! Nandalee lachte auf. Ein verzweifelter, freudloser Laut. Sie wusste es besser. Die Ereignisse auf Nangog hatten Bidayns Seele verletzt. Alles konnte sein!

Tylwyth stand auf und klopfte sich mit fahriger Geste den Schmutz von den Kleidern. »Cullayn ist vorausgeeilt. Er wird sie beschützen.«

Nandalee nickte. Sie fühlte sich der Gegenwart entrückt. Ihre Gedanken waren auf Nangog, der verwunschenen Welt. Bidayn hatte dort nach einer Macht gegriffen, die sie fast getötet hätte. Wer einen Zauber wob, sollte sich nicht gegen die Magie der Welt stellen.

Sie warnte Tylwyth vor den Fallen. Dann folgten sie beide in geducktem Lauf der Fährte der Zwerge.

Bald wechselte die Spur die Richtung. Nandalee hörte es. Ein Lied. Ohne Worte. Eine Melodie voller Schmerz und Einsamkeit. Der Wald schwieg. Selbst der Wind hatte aufgehört im Fichtengeäst zu flüstern. Es gab nur noch diese Stimme. Sie zog sie an wie ein Strudel, der das Wasser verschlingt und in dunkle Tiefen reißt.

Nandalee dachte an Gonvalon, rief sich sein Gesicht vor Augen. Nutzte sein Bild, um sich gegen den Zauber aufzubäumen. Endlich war sie frei.

»Was ist mit dir?« Tylwyth sah sie beunruhigt an. Er schien nicht unter Bidayns Bann zu stehen. Der Maurawan griff nach seinem Köcher und zog einen Pfeil hervor.

Nandalee entdeckte voraus den verwitterten Felsfinger, der sich aus dem Waldboden erhob. Bleich wie Knochen sah er im Mondlicht aus. Zerfurcht von Wind und Regen. Die Bäume wichen vor ihm zurück, als hätten sie Respekt vor dem uralten Fels. Bidayn stand an seinem Fuß. Gut sichtbar, umwoben vom silbernen Licht der Nacht.

Die Gruppe der Zwerge war zu einer Kette aufgefächert. Unruhig sahen sie sich um, drei von ihnen mit der Armbrust im Anschlag.

Ein wenig seitlich entdeckte Nandalee Cullayn. Der Jäger war fast eins mit dem schattenschwarzen Stamm einer Fichte. Er hatte einen Pfeil auf die Sehne gelegt.

Immer noch erklang das verwunschene Lied. Säte Melancholie in ihr Herz. Sie durfte sich dem nicht hingeben. Nandalee löste den Bogen von ihrem Köcher und zog eine Sehne auf. Verdammte Zwerge! Warum mussten diese Narren geradewegs ihrem Untergang entgegengehen!

Die Zwerge traten auf die Lichtung ins Mondlicht. Sie wirkten verstört. Sahen sich nervös um. Ruckartig bewegten sie die Köpfe. Nur zu dem Felsfinger blickten sie nicht.

Was ging hier vor? Was wollte Bidayn? Nandalee öffnete ihr Verborgenes Auge und betrachtete die magische Welt. Ein Gespinst dünner, leuchtender Fäden überzog die kleine Lichtung. Gold und ein warmes Rotorange waren die vorherrschenden Farben. Auch Blau und Lila sah sie. Die purpurnen Auren der Zwerge waren dicht von silbernen Fäden durchzogen. Nandalee musste unwillkürlich an Kokons denken, in die Spinnen Beute einwoben, die sie noch nicht sofort töten wollten. All diese silbernen Fäden liefen auf Bidayn zu.

Ein magisches Netz durchdrang die Welt. Lebewesen, Bäume, selbst Steine. Alles war miteinander verbunden. Befand sich in Harmonie. Zauberweber beeinflussten dieses Netz. Veränderte man es jedoch zu sehr, so konnte sich die Macht gegen den Zaubernden wenden, wie Bidayn auf Nangog auf schreckliche Art hatte erfahren müssen.

Einer der Zwerge hob seine Armbrust an die Schulter. Nandalee blinzelte und verschloss sich dem magischen Blick auf die Welt.

Das Licht des Mondes blitzte auf der scharf geschliffenen Spitze des Armbrustbolzens. Nandalee ahnte, dass Bidayn die Sinne der Zwerge manipulierte. Was sie wohl hörten?

»Ich nehme den Linken mit der Armbrust«, flüsterte Tylwyth.

Nandalee zögerte. Der vorderste der Zwerge war kaum noch fünf Schritt von Bidayn entfernt. Ruckhaft bewegte er seinen Kopf. Fast wie eine Marionette. Er sah nicht zu der Stelle, an der die Zauberweberin in einem weißen Kleid am Fels lehnte.

Der graubärtige Anführer hob jetzt die Hand. Die anderen Zwerge verharrten.

Nandalee hielt den Atem an.

Tylwyth zog die Sehne seines Bogens durch. Er hatte ein klares Schussfeld auf den Zwerg, den er sich zum Ziel erkoren hatte. Zehn Herzschläge, und die Zwerge würden tot auf der Lichtung liegen. Mehr würden sie nicht brauchen. Bidayn durfte nichts geschehen. Nur sie konnte sie zurückbringen. Nur sie vermochte den Drachenpfad zu öffnen, der sie zurück zu den Himmelsschlangen führte.

»Nicht!« Sie legte Tylwyth die Hand auf den Arm. Wenn sie die Zwerge töteten, war ihre Mission gescheitert. Sie durften keine Aufmerksamkeit erregen! Sie waren nur Späher. Sie sollten die Eingänge zur Tiefen Stadt erkunden und herausfinden, ob es Luftschächte gab, die weit genug waren, dass ein Elf durch sie in die Stadt eindringen konnte.

Tylwyth zischte etwas Unverständliches. Dann nahm er den Pfeil von der Sehne.

Nandalee war klar, dass ihre Mission ebenfalls gescheitert war, wenn Bidayn etwas zustieß. Ohne ihre Hilfe würden sie hier festsitzen. Nandalee wusste nicht einmal, wie weit der Berg von der Weißen Halle entfernt war. Unschlüssig strich sie über die Pfeile in ihrem Köcher. Was war die richtige Entscheidung? Bidayn würden sie befreien können, wenn etwas geschah. Mit toten Zwergen hingegen würden sie unumkehrbare Tatsachen schaffen. Sie zwang sich, die Hand vom Köcher zu nehmen. Sie durfte nicht schießen! Sie war die Anführerin. Sie musste beherrscht handeln.

Bidayn lehnte immer noch singend am Fels. Die Zwerge schienen sie nicht im Mindesten zu beunruhigen. Was wollte sie mit ihrem Zauber bezwecken? Wollte sie die Zwerge töten? Sie hätte Bidayn nicht mitnehmen dürfen. Nicht so kurz nach den Ereignissen auf Nangog. Ein Netz aus Narben entstellte ihr Gesicht. Feine rote Linien, die nicht verblassen wollten. Sie ließen die junge Elfe unheimlich erscheinen.

Der Anführer der Zwerge sagte etwas. Ein undeutlich gemurmelter Befehl. Seine Männer senkten die Armbrüste. Der Graubart schüttelte den Kopf, als könne er sich die Ereignisse nicht erklären. Dann führte er den Spähtrupp von der Lichtung.

Nandalee wartete, bis die Zwerge wieder im Wald verschwunden waren. Bidayn sah die ganze Zeit über in ihre Richtung. Sie hatte gewusst, dass sie hier waren.

Ärgerlich trat Nandalee schließlich aus der Deckung. »Was sollte das?«

»Mir war langweilig. Ihr hättet mich mitnehmen sollen«, entgegnete sie mit aufreizender Gelassenheit.

»Du bist keine Jägerin. Du bewegst dich nicht leise genug und hättest uns nur aufgehalten. Und das weißt du auch genau!«

»Was für ein Zauber war das?«, mischte sich Tylwyth ein, ganz offensichtlich fasziniert von Bidayn. »Warst du für die Zwerge unsichtbar? Und warum konnten wir dich dennoch sehen?«

Bidayn lächelte und genoss ganz offensichtlich das Interesse des Maurawan. »Sie konnten nicht in meine Richtung blicken. Unsichtbarkeit … Das übersteigt meine Kräfte. Aber einen tumben Zwerg dazu zu zwingen, nur dorthin zu blicken, wohin ich will, ist etwas anderes.«

»Und dein Lied? Warum musstest du sie darauf stoßen, dass wir hier sind? Wir bemühen uns, im Verborgenen zu bleiben, und du …«

»Sie haben kein Lied gehört. Mit dem Geräusch splitternder Äste habe ich sie hierher gelockt. Ansonsten hörten sie nur Waldesrauschen.« Der überhebliche Tonfall, in dem sie sprach, war neu. So hatte sie Bidayn noch nicht erlebt.

»Du hast durch dein eigenmächtiges Handeln unsere Mission gefährdet. Du …«

»Im Gegenteil, ich habe eine eigene Mission. Ich soll feststellen, ob die Zwerge für diese Art Zauber empfänglich sind. Wir werden wiederkommen, um einige von ihnen zu ermorden. Da mag es wohl hilfreich sein, einen Zauber zu beherrschen, der uns für sie so gut wie unsichtbar macht.«

Nandalee stand wie vom Schlag gerührt. »Eine eigene Mission?«

»Du hast dich ganz und gar Nachtatem verschrieben.« Bidayn sagte das mit einem anzüglichen Lächeln. »Ich habe einen anderen Meister gefunden. Einen, der mich tiefer in die Kunst des Zauberwebens einweihen wird, als du es dir vorzustellen vermagst. Es wird nie wieder so wie auf Nangog sein. In Zukunft werde ich kein Ballast mehr sein, und es wird auch niemand mehr über mich lachen …«

Ihre Reise nach Nangog war geheim gewesen. Es stand Bidayn nicht zu, in Anwesenheit anderer so frei zu sprechen. »Geh zurück und beseitige deine Spuren, dort wo du die Falle der Zwerge ausgelöst hast«, fuhr Nandalee Tylwyth schroff an. »So ein Rosshaar könnte selbst von einer jagenden Eule durchtrennt werden. Sie dürfen nicht wissen, dass Elfen auf ihrem Berg waren. In einer Stunde brechen wir auf.«

Tylwyth sah sie mit seinen Wolfsaugen so durchdringend an, als wolle er in ihren Gedanken lesen. Einen Moment lang schien er etwas sagen zu wollen, doch dann presste er die Lippen zusammen und ging.

Nandalee fluchte stumm. Sie musste lernen, sich besser zu beherrschen. Sie durfte ihren Ärger über Bidayn nicht an anderen auslassen.

»Gibt es noch weitere Missionen, von denen ich wissen sollte?«, fragte sie Bidayn, als Tylwyth außer Hörweite war.

»Von denen du wissen solltest? Nein.«

Was war nur in sie gefahren? Wo war die schüchterne, zurückhaltende Bidayn geblieben? Ihre einzige Freundin. »Was hat dir dein Meister versprochen? Will er dir deine Schönheit zurückgeben?«

»Du fandest mich also schön?«, entgegnete sie bitter. »Warum hast du mir das früher nie gesagt? Warum sprichst du erst davon, nachdem ich meine Schönheit für immer verloren habe?«

»So habe ich das nicht gemeint. Ich …«

»Ich kenne dich, Nandalee. Du bist eine Einzelgängerin. Du brauchst keine Freundinnen. Du vertraust dich ohnehin niemandem an. Mein Meister hat mir gar nichts versprochen. Nicht er hat mich verändert. Einsame Entscheidungen zu fällen und andere nicht einzuweihen habe ich von dir gelernt.« Mit diesen Worten wandte sie sich ab.

Entehrt

Shaya lauschte auf die hämmernden Schritte jenseits des Tores. Sie ertappte sich dabei, wie ihre Finger nervös auf dem schmalen Kopf der Dornaxt trommelten. Über sich selbst verärgert, ballte sie die Hand zur Faust. Sie musste ein Vorbild sein. Ihre Krieger beobachteten sie. War sie von kalter Ruhe, würden auch ihre Männer gelassen bleiben. Zeigte sie aber Nervosität, dann verlor sie zumindest an Ansehen. Als Frau musste sie in allem doppelt so gut wie ein Mann sein, um sich in der Leibwache des Statthalters Kanita Ansehen zu verdienen. Bisher war ihr das gelungen.

Shaya hielt ihren Helm unter den Arm geklemmt. Der Wind spielte in ihrem Haar. Früher wäre es ihr niemals eingefallen, bei einem solchen Anlass offen ihr Gesicht zu zeigen. Trug sie den Helm, sah sie aus wie all die anderen Krieger in der Leibwache des Statthalters. Doch ihre Liebe zum Unsterblichen Aaron hatte sie verändert. Sie sehnte sich nicht mehr danach, ein Mann zu sein.

Die Prinzessin lauschte auf das Geräusch der Schritte. Die Treppe hinauf zum Felsplateau, auf dem die Palastbauten des Statthalters aus Ischkuza lagen, zählte mehr als 1 400 Stufen. Wer dann endlich vor Kanita trat, tat dies in aller Regel keuchend und in Schweiß gebadet. Es kam nur sehr selten Besuch. Der Palast erhob sich weit im Westen der Goldenen Stadt, jener riesigen Metropole, in der der einzige Zugang in die Welt Nangog lag. Etwa eine Stunde entfernt, im Herzen der Stadt, lag, flankiert von Götterstatuen, das magische Portal, das sie so oft durchschritten hatte, um über den Goldenen Pfad zu gehen. Jene dünne Nabelschnur, die sie mit ihrer Heimatwelt Daia verband.

Vor einer Stunde hatte sie ein Bote erreicht, der von der Ankunft einer riesigen, schwer bewaffneten Gesandtschaft aus Ischkuza berichtete. Kanita hatte daraufhin seinerseits Boten ausgeschickt, um herauszufinden, um wen es sich handelte. Es war ungewöhnlich, dass so bedeutender Besuch unangekündigt kam. Das verhieß nichts Gutes. Die Boten waren nicht zurückgekehrt und während der Hofstaat Kanitas sich auf den Empfang der Gäste vorbereitete, machte sich eine klamme Stimmung breit.

Shaya ertappte sich dabei, dass ihre Finger erneut auf den Kopf der Dornaxt trommelten. Sie atmete langsam aus und versuchte sich zu entspannen. Auch wenn ihr Vater, der Großkönig Madyas, nicht für seinen Langmut bekannt war, war sie in Sicherheit. Sie war seine siebenunddreißigste Tochter! Niemand würde es wagen, Hand an sie zu legen.

Der prasselnde Schritt Hunderter Füße verstummte auf einen Schlag. Drückende Stille lag über dem Palasthof.

Eine Ewigkeit schien zu vergehen, bis endlich gegen das Tor geklopft wurde. Schwere, tönende Schläge, die auf dem weiten Hof widerhallten. Einer der Adler schrie auf und schlug mit den Flügeln, als wolle er in den Himmel fliehen.

Ein böses Omen, dachte Shaya.

Auf einen Wink des Statthalters wurde das Tor geöffnet. Krieger, in schimmernde Bronze gewappnet, marschierten auf den weiten Hof. Shaya wusste, wie sie gegen das Keuchen ankämpften. Wie sie sich verzweifelt straff hielten. Die lange Treppe hinauf hatte ihre Kraft verbrannt. Sie diente dazu, Stolz zu Asche werden zu lassen. Sie wusste es gut. Sie selbst war die endlose Treppe schon in Rüstung hinaufgestiegen. Wer hinaufkam, um vor den Statthalter zu treten, sollte sich schwach fühlen.

Die fremden Krieger bildeten ein Spalier. Sie stützten sich auf ihre Speere. Drückten die Rücken durch. Wer immer diese Treppe errichtet hatte, kannte die Menschen nicht. Sonst hätte er gewusst, welchen verzweifelten Hass sie schürte. Und welche Angst.

Eine Sänfte erschien unter dem Tor. Zwölf schwitzende Sklaven gingen gebeugt unter den Stangen aus rotlackiertem Holz. Die hochroten Köpfe waren nicht unter Helmen verborgen, die schwitzenden Leiber nicht unter Rüstungen. Sie hatten ihre Freiheit längst verloren. Sie hatten nur noch wenig zu befürchten. Ganz anders als die Krieger. Sie kämpften gegen ihr Keuchen an. Fürchteten den Augenblick, in dem die gelben Seidenvorhänge der Sänfte zurückgezogen und der Blick ihres Gebieters Zeuge ihrer Schwäche werden könnte.

Zehn Schritt vor Kanitas Thronsitz hielten die Sänftenträger inne. Die Krieger, die ihr folgten, verharrten. Wieder herrschte bedrückende Stille. Durchbrochen vom gelegentlichen Keuchen jener, die noch um ruhigen Atem rangen.

Shaya wurde die Kehle trocken. Wer war in der Sänfte? Wer genoss es so sehr, das Geheimnis um seinen Auftritt hinauszuzögern?

Eine Bö ließ das Pferdekopfbanner hinter Kanitas Pavillon knattern.

Endlich teilte sich der Vorhang. Ein Mann in fließendem, rotem Seidengewand stieg aus. Alle senkten den Kopf. Shaya tat es ihnen gleich. Sie sah die breite, mit Perlen geschmückte Borte am Saum des Gewandes. Sah weiche Stiefel aus purpurn gefärbtem Leder.

Die Prinzessin hob den Blick. Mit einer kurzen Verneigung war der Höflichkeit Genüge getan. Sie war die siebenunddreißigste Tochter des Unsterblichen Madyas. Sie musste sich vor niemandem verbeugen.

Der Würdenträger, der der Sänfte entstiegen war, war ein hagerer Mann. Sein Gesicht eingefallen. Ein langer, schwarzer Schnurrbart wucherte über seiner fleischigen Oberlippe. Die Enden hingen ihm fast bis zum Kinn herab. Die dunklen Augen des Gesandten waren von schwarzer Schminke eingefasst. Wie Wolfshöhlen sahen sie aus. Shaya kannte diesen Blick. Kannte den Mann. Er sah zu ihr herüber, nicht zum Statthalter Kanitas. Und da wusste sie, er war ihretwegen gekommen, ganz gleich, was geschehen würde. Es war Subai, ihr älterer Bruder. Der Bruder, der seinen Hund einst darauf abgerichtet hatte, die Puppen der Prinzessinnen zu zerfetzen. Den Hund, der eines Tages sie gepackt hatte, als sie so dumm gewesen war, vor ihm fortzulaufen. Die Narben, die sie an jenem Tag davongetragen hatte, hatten sie dazu bewogen, den Weg als Kriegerin zu wählen. Als einzige der Töchter des Unsterblichen Madyas. Und trotz all der Kämpfe, die sie seitdem bestanden hatte, verspürte sie immer noch den Drang davonzulaufen, wenn sie einen Hund sah. Subai hatte ihr nie verziehen, dass sein bösartiger Köter geschlachtet worden war.

Shaya hielt dem Blick ihres Bruders stand. Sie dachte an die sieben Schalen, die sie von jener Suppe gegessen hatte, in der sein Hund gekocht worden war. Und er hatte ihr dabei zusehen müssen.

Er bedachte sie mit einem unheilvollen Lächeln. Eine weiße Narbe prangte auf seiner linken Wange. Subai hatte am Seidenfluss gekämpft und einen der aufsässigen Stadtstaaten dort unterworfen. Immer wieder glaubten die Menschen am Großen Fluss, sie könnten das Joch der Herrschaft der Ischkuzaia abwerfen. Immer wieder wurden sie dafür bestraft. Hände, die Seidenstoffe woben, waren nicht dazu geschaffen, die Dornaxt zu führen. Natürlich hatte Subai am Ende triumphiert. Aber sein Triumph hatte einen schalen Beigeschmack bekommen, als bekannt geworden war, wie viele seiner Krieger gefallen waren. Die Narbe auf der Wange hatte ihr eigener Vater ihm beigebracht. Er hatte ihm mit einer Peitsche ins Gesicht geschlagen, als Subai zurückgekehrt war, um in der Wandernden Stadt von seinem Sieg zu berichten. Shaya wäre gern dabei gewesen. Seitdem war sein Ruf als Krieger dahin. So trug er heute auch keine Rüstung. In seinem schlichten Ledergürtel steckten lediglich eine Dornaxt und ein Dolch. Symbole seiner Mannhaftigkeit.

»Der Unsterbliche Madyas, Hüter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Weißen Wolfes, schickt mich, weil er von deinen Taten hörte, Statthalter Kanita«, verkündete Subai mit volltönender Stimme, die bis in den letzten Winkel des weiten Hofes drang.

Shaya stutzte. Nur selten wurde ihr Vater mit all seinen Titeln genannt. Früher hatte er wenig Wert darauf gelegt. Wie es schien, hatten sich die Gepflogenheiten am Wandernden Hof gewandelt. Auch das verhieß nichts Gutes.

Kanita blieb vor Subai sitzen. Der Statthalter war alt, aber keineswegs gebrechlich. Er hätte aufstehen und ihren Bruder damit als gleichrangig oder höhergestellt anerkennen können. Stattdessen blickte er mit verbissenem Lächeln zu ihm auf. »Es erfreut mein altes Herz, dass Kunde von mir bis in das Zelt meines geliebten Königs gelangte. Und ich hoffe in aller Bescheidenheit, dass die Eilfertigkeit des geschätzten Boten nicht auch seiner Zunge Flügel verlieh.«

Shaya war überrascht. Anzudeuten, dass womöglich Lügen an das Ohr des Großkönigs getragen worden waren, war mehr als kühn.

Subai überging die Andeutungen des Statthalters. »Der Unsterbliche Madyas, Hüter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Weißen Wolfes, hat mich beauftragt, dir eine persönliche Nachricht zu überbringen.« Er griff in den weiten Ärmel seines Seidengewandes, zog eine Knochentafel hervor, hielt sie Kanita hin und ließ sie dann fallen, wobei er sich nicht die geringste Mühe gab, es wie ein Missgeschick aussehen zu lassen.

Kanita stieß ein leises, keckerndes Lachen aus. Auch Shaya musste schmunzeln. Ihr Bruder demütigte den Alten keineswegs mit dieser Geste. Ganz im Gegenteil, er machte sich lächerlich.

Der Statthalter beugte sich vor und griff nach der Knochentafel. Im selben Augenblick zog Subai die Dornaxt aus seinem Gürtel. Bevor Kanitas Leibwächter auch nur an ihre Schwerter greifen konnten, sauste die Axt nieder. Mit einem scharfen, knackenden Geräusch durchdrang sie den Hinterkopf des Statthalters. Kanita sackte zu Boden.

»Der Unsterbliche Madyas, Hüter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Weißen Wolfes, wünschte Kanitas Tod. So steht es auf der Tafel.«

Shaya zog ihre eigene Dornaxt. »Tritt zurück!«, fuhr sie ihren Bruder an. Sie wollte die Knochentafel sehen. Kanita hatte dem Großkönig lange treu gedient.

»Durch Kanitas Taten hat der Unsterbliche Madyas, Hüter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Weißen Wolfes, sein Gesicht verloren.« Subai sah sich herausfordernd um. »Er hat unsere stolzesten Krieger der Lächerlichkeit preisgegeben. Hat euch Aaron, dem Großkönig von Aram, unterstellt, damit ihr mit ihm die Bitternis der Niederlage kennenlernt. Der Unsterbliche Madyas, Hüter der Herden, Licht der Sonne, Sohn des Weißen Wolfes, war entsetzt, als er hörte, was hier geschehen ist. Und all dies tat der anmaßende Alte, ohne Nachricht an den Wandernden Hof zu schicken. Ich bin hier, um unsere Ehre wiederherzustellen. Jeder, der sich dem Gebot des Aaron von Aram unterstellt hat, wird Nangog verlassen.« Er sah sie mit gehässigem Lächeln an. »Auch meine Schwester ist abberufen. Und nun zeigt mir, dass es an diesem Hof zumindest noch eine Handvoll Krieger gibt, die nicht vergessen haben, wem sie Treue schulden. Ergreift meine Schwester! Nehmt ihr die Waffen ab, bevor meine Krieger es tun.«

Shaya wurde gepackt. Sie leistete keinen Widerstand. Stolz hielt sie den Kopf aufrecht, als man ihr in die Kniekehlen schlug, um sie vor ihrem Bruder in den Staub zu zerren. Ihr Helm fiel zu Boden. Der Waffengürtel wurde ihr von der Hüfte gerissen. So viele Monde hatte sie die Leibwache Kanitas befehligt. All dies zählte nichts mehr. Ohne zu zögern hatten ihre Krieger sich gegen sie gewendet. Das schmerzte mehr als der Schlag in die Kniekehlen.

»Grüßt den neuen Statthalter!«, rief ausgerechnet Kanitas Schildträger.

Speere wurden vor Schilde geschlagen. Hunderte Krieger riefen Subais Namen.

Ihr Bruder nahm die Huldigung entgegen, ohne eine Regung zu zeigen. Dabei musterte er die Krieger ringsherum. Das Lärmen nahm kein Ende. Erste Stimmen klangen heiser. Shaya hatte das Gefühl, dass niemand es wagte, als Erster mit der Lobpreisung des neuen Statthalters aufzuhören.

Nach einer Ewigkeit beugte sich Subai zu ihr herab. »Erinnerst du dich an den Tag, an dem ich dir dabei zusehen musste, wie du meinen Lieblingshund gefressen hast? Damals habe ich mir gewünscht, dich eines Tages zu töten. Aber der Weiße Wolf hat mir ein gnädigeres Schicksal zugedacht. Ich werde zugegen sein, wenn dein Stolz gebrochen wird. Und ich kann dir versprechen, du wirst dir wünschen, dich hätte ein ebenso schnelles Ende ereilt wie den Statthalter Kanita. Ihm war der Weiße Wolf gewogen.«

Verwandlung

Nachtatem ruhte am Fuß einer Klippe, das Haupt auf seine verschränkten Vorderläufe gebettet. Der große, schwarze Drache verschwamm fast vollständig mit den Schatten. Es war erst später Nachmittag, aber hier bei der Klippe schien es Nacht zu sein. Das Licht mied den riesigen Drachen. Es floh vor der Klippe.

Nandalee fühlte sich unwohl. Der Mord am Schwebenden Meister hatte den Erstgeschlüpften verändert. Kalter Zorn spiegelte sich in seinen Augen. Sie hatte ihm von den Patrouillen erzählt und von den Fallen.

Ihr seid Euch sicher, dass sie von dort gekommen sind, Dame Nandalee? Oder nehmt Ihr es an, weil die Tiefe Stadt die einzige Zwergensiedlung ist, die Ihr kennt?

Die Worte brannten sich in ihren Kopf, und sein spöttischer Unterton verletzte sie. »Nein, ich bin mir nicht sicher.« Sie konnte dem Blick des Drachen nicht länger standhalten. Ein Druck lastete auf ihrer Brust, als läge dort ein Felsklotz.

Aber vor drei Tagen wart Ihr Euch noch sicher, werte Dame.

Sie wollte aufbegehren. Sie hatte nie gesagt, dass sie sich sicher war! Sie hatte ihre Worte sehr vorsichtig gewählt, als sie von den Himmelsschlangen neben dem Kadaver des Schwebenden Meisters befragt worden war. Sie dachte an den ausgeweideten Leichnam ihres Lehrers. Kein Aasfresser hatte sich an den toten Drachen herangewagt. Nicht einmal Fliegen hatten ihre Eier in das zerschundene Fleisch gelegt. Alles, was lebte, fürchtete die großen Drachen.

Mit Schrecken dachte Nandalee an die Befragung zurück. An all die ungezügelten Emotionen der Drachen. Äußerlich hatten sie ruhig gewirkt, aber ihre Gedanken waren voller Hass und Trauer gewesen. All dies hatte sie überdeutlich spüren müssen. Es war ein Gefühl gewesen, als flösse zerriebenes Glas durch ihre Adern … Mehr als nur ein Gefühl. Zuletzt hatte sie aus den Augen zu bluten begonnen. Nachtatem hatte daraufhin die Befragung abgebrochen.

Die Zwerge hatten nach ihrem Drachenmord großen Wert darauf gelegt, ihre Spuren zu verwischen. Und der Schwebende Meister hatte ihnen dabei noch geholfen. Der Windbruch, die gestürzten Bäume, unter denen die Zwerge auf der Lauer gelegen hatten, war niedergebrannt. Fast nichts war zurückgeblieben, was Aufschluss darüber geben konnte, aus welcher Siedlung die Mörder gekommen waren. Sie hatten ihre Beute, Teile des Kadavers des weißen Drachens, in eine nahe Höhle gebracht, in die ein unterirdischer Fluss mündete. Von dort mussten sie in diesen Tauchfässern, die sie Aale nannten, geflüchtet sein. Dieser Spur konnten nicht einmal die Himmelsschlangen folgen. Und deshalb hatte Nachtatem sie geholt.

Es hatte ihr anfangs geschmeichelt, dass der Erstgeschlüpfte glaubte, sie könne etwas entdecken, was ihm, bei all seiner Machtvollkommenheit, entgangen war. Vielleicht lag sein Vertrauen in ihre Fähigkeiten daran, dass sie in jenem unzugänglichen Tal, in dem sie nach einer der Alben gesucht hatten, den Stein mit dem Blutstropfen gefunden hatte.

Ihr Stolz war bald der Verzweiflung gewichen. Fast einen ganzen Tag hatte sie gesucht. Es gab etliche Spuren, aber nichts hatte Auskunft über die Herkunft der Zwerge gegeben. Zuletzt war Nandalee unter den verkohlten Baumstämmen herumgekrochen und hatte die Überreste der Maschine untersucht, die den Speer geschleudert hatte, der dem Schwebenden Meister zum Verhängnis geworden war. Dort hatte es nur ausgeglühte Eisenbeschläge und den verzogenen Stahlbogen gegeben. Und verschiedene halb verkohlte Kisten. In einer von ihnen hatte sie einen merkwürdigen, weißen Klumpen gefunden, kaum halb so lang wie ihr Daumen. Eine weiche Masse, die einen üblen Geruch verströmte. Ein Duft, den man nicht mehr vergaß, wenn man ihn schon einmal gerochen hatte. Koboldkäse!

Hat es Euch die Sprache verschlagen, Dame Nandalee?

Nandalee zuckte zurück. Es war ein Gedanke wie ein Peitschenhieb. Sie wünschte sich, Nachtatem würde normal mit ihr sprechen und nicht seine Gedanken in ihren Kopf brennen. Das war so viel intensiver, als Worte es je hätten sein können.

»Ich dachte an den unfreundlichen Zwergenschmied, in dessen Höhle wir bei unserem Besuch in der Tiefen Stadt gewesen sind. Dort gab es solchen Käse. Ein Beweis ist das freilich nicht. Ich weiß schließlich nicht, wie üblich es unter Zwergen ist, diese stinkende Sauerei zu essen.«

Seid Ihr Euch darüber im Klaren, welche Folgen es haben wird, dass Ihr Euren Verdacht vor meinen Nestbrüdern ausgesprochen habt?

Diesmal empfand Nandalee weniger Schmerzen, als die Gedanken ihres Meisters sie durchströmten. Eine Traurigkeit ergriff sie, die sie mit stummer Verzweiflung erfüllte. Es war ein Gefühl, als müsse sie allein eine riesige Welle aufhalten, die sich am Horizont auftürmte. Ein Unterfangen, das schier unmöglich war. Und doch war es ihre Pflicht, es zumindest zu versuchen.

Sie wollen Rache für den Tod des Schwebenden Meisters. Ich aber will zunächst einmal Gewissheit. Wir sind keine Rächer; wir haben uns den Alben gegenüber verpflichtet, Gerechtigkeit zu üben. Wenn wir strafen, müssen wir uns ganz sicher sein. Wir sind die Hüter ihrer Kinder, und wenn es notwendig ist, dann strafen wir, aber wir sind keine Tyrannen, deren Gnade reine Willkür ist. Alle Kinder der Alben müssen dies tief in ihren Herzen wissen, sonst sind wir an unserer Aufgabe gescheitert.

Nandalee nickte, denn sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Die meisten der Albenkinder hatten Angst vor den Himmelsschlangen. Konnte es wirklich sein, dass Nachtatem dies nicht bewusst war?

Ihr werdet für mich in die Tiefe Stadt gehen, Dame Nandalee. Ihr wisst, wo Ihr jenen frechen Schmied suchen müsst. Findet heraus, ob er der Mörder des Schwebenden Meisters ist und wer ihm geholfen hat. Wer bei ihm war und die Maschine bedient hat, die ersonnen wurde, um uns Drachen zu töten. Bringt mir ihre Namen, Dame Nandalee, und ich werde entscheiden, auf welche Weise die Mörder gerichtet werden.

Sie wollte gerade einwenden, dass sie wohl kaum einfach in eine Zwergenstadt marschieren könne, als Nachtatem sie mit einer Klaue an der Stirn berührte. Es war eine vorsichtige, zärtliche Geste, der ein Orkan von Schmerzen folgte. Nandalee brach in die Knie und kippte zur Seite. Krämpfe schüttelten sie. Ihre Glieder zuckten unkontrolliert, und sie vermochte kaum mehr zu atmen. Ihr Blick trübte sich. Blut rann aus ihrer Nase und benetzte ihre Lippen.

Als sich die Krämpfe legten, hob sie einen Arm und blickte verzweifelt auf ihre Finger. Dick und unförmig waren sie und von Schwielen bedeckt. Nandalee war wieder im Körper eines Zwergs gefangen.

Ihr verfügt über alle Erinnerungen eines Zwergenschmiedes aus den Ehernen Hallen. Ihr sprecht mit dem Dialekt dieser Stadt, werte Dame. So könnt Ihr Euch unauffällig unter den Zwergen der Tiefen Stadt bewegen. Um zu vermeiden, dass Ihr wiedererkannt werdet, entspricht Euer Äußeres nicht dem, das ich Euch beim letzten Besuch der Tiefen Stadt geschenkt hatte. Passende Gewänder für Euch liegen bereit, Dame Nandalee. Ihr werdet feststellen, dass Ihr Euch erinnert, wie man sie anlegt, auch wenn es nicht Eure Erinnerungen sind. Euer Bart ist bereits nach der Mode der Ehernen geflochten und mit Eisenringen geschmückt. Auch habe ich mir erlaubt, den Albenstern zu öffnen. Der Weg zwischen den Welten wird Euch direkt zum Albenstern in der Tiefen Stadt führen. Bitte verzeiht meine unhöfliche Hast, doch meine Nestbrüder erwarten mich. Die Zeit drängt! Ich muss eilen, um zu versuchen, ihren Zorn zu mildern und um sie von einem unbedachten Vorgehen abzuhalten.

Nachtatem weitete seine Schwingen und glitt aus dem Schatten der Klippe. Einen Moment lang verdunkelte seine Gestalt die Sonne, und alles rings um Nandalee versank in unnatürlicher Finsternis. Dann erhob er sich mit machtvollen Flügelschlägen in den Himmel.

Neben dem stechenden Schmerz, der seine Gedanken begleitet hatte, hatte sie auch seine Sorge gespürt. Etwas ging unter den Himmelsschlangen vor sich. Er war sich nicht mehr sicher, dass seine Nestbrüder seinem Rat folgen würden, und fürchtete, was geschehen mochte, wenn es so weit kam.

Nandalee legte die Zwergenkleider an. Der Stoff war aus dicker Wolle, die auf der Haut kratzte. Eine weite Hose und eine sackartige Tunika. Dazu klobige Stiefel. Nachtatem hatte an alles gedacht. Die Kleider sahen nicht nur getragen aus, sie rochen auch so. Nandalee schluckte, band sich aber die schwere Lederschürze um und drapierte ihren Bart darüber. Einen Moment lang betrachtete sie die Eisenringe, die in die Zöpfe ihres Bartes eingeflochten waren. Verschlungene Muster wanden sich darum, zeigten Schlangen und unnatürlich langgestreckte Wölfe, die mit ihnen kämpften. Sie erinnerte sich an die verborgene Bedeutung. Die Schlangen standen für die Drachen, die Wölfe für Zwerge. Sie war Zeugin der letzten Augenblicke im Leben jenes Zwergs, dessen Wissen und Erinnerungen sie geerbt hatte. Nachtatem hatte ihn nicht getötet. Aber er hatte ihm alles genommen, was sein Leben ausmachte. Seine Sprache und sein Gedächtnis. Wie ein leeres Gefäß war er zurückgeblieben. Das war die Rache dafür gewesen, sich heimlich gegen die Drachen verschworen zu haben. Nandalee dachte an all die schönen Worte Nachtatems. Sie fand die Strafe, die den Zwerg allein dafür ereilte, dass er an Verschwörung gedacht hatte, unangemessen hart, und sie entschied sich, sich Arbinumja zu nennen, was in der Sprache der Zwerge so viel wie Erbe hieß.

Mit leicht schwankendem Schritt trat sie zum Albenstern. Wie lange würde sie dieses Mal in diesem gedrungenen Leib gefangen sein? Ohne auf die Schönheit des fließenden Lichtbogens zu achten, durchschritt sie den Albenstern. Nur wenige Schritte und sie fand sich in der Kammer der kommenden Offenbarungen wieder. Die Kammer war ganz und gar mit weißem Marmor ausgekleidet. Das Licht zweier Öllampen brach sich in den Kristallen, die in die Wände eingelassen waren. Kleine Statuen verehrter Ahnen kauerten in Wandnischen. Es roch nach Rauch. Die Luft war abgestanden. Nandalee war froh, dass ihre Sinne in diesem Leib abgestumpft waren.

Auf wackeligen Beinen verließ sie die Kammer. Mit der Linken stützte sie sich an der Wand des Tunnels ab. Ihre Augen gewöhnten sich schnell an das Dunkel der Zwergenhöhlen. In sehr weiten Abständen standen Laternen in Wandnischen. Meist nahe Tunneln, die vom Hauptgang abzweigten. Jetzt konnte sie im Gegensatz zu ihrem ersten Besuch die Runen entziffern, die ab und an in die Wände geschlagen waren. Sie erinnerten an schlagende Wetter, wenn sich Gase, die aus dem Fels drangen, entzündet hatten, und warnten vor Tunnelabschnitten, in denen kein offenes Licht brennen durfte. Manche Inschriften erinnerten an Todesfälle, andere dienten zur Orientierung im Tunnelsystem. Nandalee fand die Zwergenrunen hässlich. Sie waren ohne jede Eleganz, nur dazu erdacht, mit einem Meißel leicht in Fels gekratzt werden zu können.

Nandalee wurde es schwindelig. Sie gewöhnte sich zwar schneller als beim ersten Mal an diesen fremden Körper, doch war sie noch weit davon entfernt, sich mit den kürzeren Gliedmaßen, ihren schweren Schritten und dem üblen Geruch ihres Bartes vertraut zu fühlen. Sie ließ sich an der Tunnelwand niedersacken, schloss die Augen und wartete darauf, dass es ihr wieder besser ging.

Schritte näherten sich. Nandalee rappelte sich auf, musste sich aber immer noch an der Tunnelwand abstützen. Ein Zwerg mit prächtigem, goldenem Bart und langem, zu Zöpfen geflochtenem Haar kam ihr entgegen. Er trug einen Helm mit breitem Nasenschutz und aufgesetzten, goldenen Augenbrauen. Leise klirrte sein Kettenhemd bei jedem Schritt. Er war ein Bild von einem Krieger, dachte Nandalee. Warum konnte mir Nachtatem nicht so eine Gestalt geben?

Himmelblaue Augen musterten sie.

»Die tun hier was ins Bier, das nicht hineingehört«, lallte sie schwerfällig.

Der Krieger grinste. »Koboldkäse, glaube ich.« Ohne innezuhalten ging er vorüber.

Für einen Zwerg ganz nett, dachte Nandalee und ließ sich wieder auf den Boden sinken. Sie lauschte auf die sich entfernenden Schritte. Etwas war eigenartig daran. Ein leises Knirschen begleitete die Schritte. Oder hatte sie sich das eingebildet? Ihr Gehör war nicht mehr so scharf wie als Elfe. Sie wollte den Gedanken schon beiseiteschieben, als ihr Blick an einer feinen, weißen Schramme auf dem Boden haften blieb. Einer der Nägel an den Stiefeln des Kriegers schien vorzustehen!

Ihr Schwindelgefühl war augenblicklich vergessen. Das konnte der Zwerg sein, dem sie mit Nachtatem gefolgt war. Jener Unbekannte, der ihnen bei ihrem ersten Besuch in der Tiefen Stadt so knapp entkommen war und der möglicherweise etwas über das Verschwinden der Alben wusste. In ihrer Eile strauchelte sie mehrfach. Der Tunnel verschwamm ihr vor den Augen. Sie biss die Zähne zusammen. Das Geräusch der Schritte war verklungen. Blendendes Licht flutete den Tunnel. Dann wurde es plötzlich dunkel. Er war durch den Albenstern gegangen.

Fluchend blieb sie stehen. Was für ein eigenartiger Zufall, den Zwerg ausgerechnet jetzt wieder zu treffen. Hatte er vielleicht etwas mit dem Tod des Schwebenden Meisters zu tun? Und wer war er, dass er mit solcher Leichtigkeit den Albenstern öffnete?

So knapp, dachte sie ärgerlich und erleichterte ihr Herz mit einigen üblen Flüchen.

»Was ist das für eine Sprache, Bruder?«

Nandalee sah auf. Sie war so sehr mit sich selbst beschäftigt gewesen, dass sie gar nicht bemerkt hatte, dass noch jemand den Tunnel zur Kammer der kommenden Offenbarungen betreten hatte. Ein rotbärtiger Zwerg, auf dessen Brust die goldene Amtskette eines Ratsmitgliedes prangte, stand vor ihr und musterte sie mit großen, grauen Augen.

»Sprichst du etwa Elfisch?«

Das Tribunal

Der Goldene ließ sich in die Wolken fallen. Genoss es, den eisigen Wind unter seinen Schwingen zu spüren und seine Kraft, die ihm erlaubte, den Elementen zu trotzen. Es lag ein Risiko darin, blind dem Berg entgegenzustürzen. Er hätte sein Verborgenes Auge öffnen können, um zu sehen, was die Wolken verbargen. Aber er fühlte sich lebendiger, wenn er Risiken einging. Jede Empfindung wurde intensiver, wenn es womöglich die letzte war. Es war verrückt, blind durch die Wolken den Berg anzufliegen. Ebenso verrückt, wie sich gegen die Alben zu verschwören, ja, sie sogar zu morden. Aber er wollte der Herr seines Lebens sein, ganz und gar. Frei sein, nach seinen eigenen Regeln zu leben.

Das Singen des Sturmwindes änderte sich. Die Felsen waren jetzt ganz nah. Er versuchte aus der Melodie des Windes herauszuhören, wo er war. Es gab einen Drachenpfad zum weiten Schneefeld dicht unter dem Gipfel des Albenhauptes. Er hätte es sich einfach machen können hierherzugelangen. Aber das war nicht seine Art. Es ging ihm nicht darum, den einfachsten Weg zu finden.

Der Goldene weitete seine Flügel, bremste den Flug. Das fließende, graue Wolkenband zerriss, als hätten die Felsen es zerschnitten. Jetzt sah er die scharfen, steinernen Zacken aus dem ewigen Weiß ragen. Und er sah die grellen Farben seiner Brüder.

Eine letzte Kehre trug ihn über ihre Häupter hinweg, dann landete er elegant, ohne mit einigen Hüpfern um seine Balance kämpfen zu müssen. Er faltete seine Flügel. Er liebte diese Geste und dachte daran, was der Schwebende Meister ihn einst gelehrt hatte. Es kam nicht nur darauf an, was man tat, sondern auch wie man es tat. Das Leben war eine Inszenierung, und so widrig die Umstände auch sein mochten, man war es stets ganz allein, der entschied, ob den eigenen Auftritten Würde innewohnte.

Du kommst spät.Es war Nachtatem, dessen Stimme als erste in seinen Gedanken erklang. Der Erstgeschlüpfte lag ein wenig abseits des unregelmäßigen Kreises, zu dem sich die acht Himmelsschlangen eingefunden hatten. Er ruhte am Fuß einer überhängenden Felsstufe. Eiszapfen hingen über ihm vom Rand des Felsens, und Schatten umspielten seinen älteren Bruder. Ein wenig sah es aus, als habe er sich im Rachen eines riesigen Ungetüms niedergelassen. Einer Kreatur, noch größer und mächtiger, als sie es waren. Einer Kreatur, wie es sie nur einmal gegeben hatte und die nun schon seit unzähligen Jahrhunderten gebannt war. Lebendig begraben in jenem Grabmal, das sie sich selbst errichtet hatte.

Ich bitte um Verzeihung, euch warten gelassen zu haben, Brüder.

Es folgten Augenblicke lastender Stille, in der allein das Heulen des Windes zu vernehmen war. Er würde sich nicht rechtfertigen, dachte der Goldene. Damit würde er seine Stellung gegenüber Nachtatem schwächen. Alles, was er vorbereitet hatte, hing davon ab, aus einer Position der Stärke zu agieren.

Wir sind zusammengekommen, um über die Strafe für die Zwerge in der Tiefen Stadt zu entscheiden, brach schließlich der Himmlische das Schweigen. Er galt als ein Weiser und als Skeptiker. Der Goldene wusste, dass es nicht leicht werden würde, seinen Bruder zu überzeugen. Doch er hatte in der Silberschale gesehen, was sie alle in Zukunft erwarten würde, wenn sie nicht den Mut zu kühnen Taten fanden.

Ich fordere, die Tiefe Stadt zu vernichten. Ich war dort, denn ich wollte nicht allein dem Urteil einer Elfe vertrauen, in deren Gedanken wir nicht lesen können. Das ist der Grund, warum ich zu spät kam, Brüder. Ich war so erschüttert von dem, was ich gesehen habe, dass ich alles vergaß. Mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, was die Zwerge dort unten tun. Seht in meine Gedanken. Teilt meinen Schrecken mit mir und jene Bilder vom ruchlosen Treiben der Zwerge, die bis ans Ende meiner Tage in meine Erinnerung gebrannt bleiben werden.

Er teilte die Gefühle seiner Brüder, während sie in seinen Gedanken lasen. Dies war von Anfang an seine Absicht gewesen, um sie besser einschätzen zu können. Selbst Nachtatem war berührt von dem, was er sah. Vielleicht würde es doch nicht so schwer, ihn dazu zu bewegen, jene Strafe zu verhängen, die die einzig angemessene für den Frevel der Zwerge war.

Brennen sollen sie, alle miteinander!, empörte sich der Flammende, dessen Temperament gerne mit ihm durchging. Der mächtige Drache, dessen Schuppen in allen Farbnuancen zwischen dunklem Dottergelb und leuchtendem Karmesinrot changierten, galt als überaus wankelmütig. Er war leicht zu gewinnen, doch ebenso leicht änderte er seine Meinung auch wieder, wobei er stets voller Inbrunst sprach und sich selbst seines unsteten, aufbrausenden Charakters in keinster Weise bewusst war.

Auch mich werden diese Bilder bis ans Ende meiner Tage begleiten, erklärte sein Bruder Frühlingsbringer in tiefer Niedergeschlagenheit, die so gar nicht zu ihm passte, war doch er derjenige unter ihnen, der sonst jedem Ereignis eine positive Seite abzuringen vermochte. Seine Schuppen, die sonst in allen Tönen des jungen Frühlingsgrüns schimmerten, wirkten nun seltsam matt und farblos. Ihn würde er gewinnen, dachte der Goldene.

Was die Zwerge in ihren verborgenen Höhlen treiben, ist eine Kriegserklärung an uns!, empörte sich der Nachtblaue, der Kriegerischste unter ihnen. Sie fühlen sich sicher, wenn sie sich unter ihren Bergen verkriechen. Zeigen wir ihnen, dass es keinen Ort auf ganz Albenmark gibt, an dem sie vor unserem Zorn sicher wären.

Wir sind die Statthalter der Alben und keine Rächer. Unsere Aufgabe ist es, einen kühlen Kopf zu bewahren und dann Gerechtigkeit zu üben, warf der Erstgeschlüpfte ein. Der Goldene hatte nur auf diesen Einwand gewartet.

Hast du schon einen Plan gemacht, deine Spitzel geschickt und dich mit den Alben besprochen? Hast du wieder einmal im Stillen für dich allein entschieden, ohne mit deinen Brüdern zu beraten, wie du es in der Vergangenheit so gerne getan hast? Mich wundert, dass du dich noch der Strapaze unterziehst, hier in dieser Runde anwesend zu sein, wo dich doch ohnehin nicht interessiert, welcher Meinung wir sind.

Nachtatem fauchte ihn an, und sein mächtiger Schweif peitschte den Schnee. Welchen Krieg willst du führen, Goldener? Einen Bruderkrieg?

Er spricht wahr, mischte sich der Himmlische ein. Wir alle wissen, dass du es vorziehst, allein zu entscheiden. Glaubst du, das wäre uns verborgen geblieben? Hat der Goldene recht mit seinen Anschuldigungen? Hast du bereits entschieden, was geschehen soll?

Weisheit gebietet Mäßigung, entgegnete Nachtatem ausweichend. Nur Tyrannen unterscheiden nicht mehr zwischen Schuldigen und Unschuldigen.

Doch verführt zu viel Mäßigung auf einer Seite nicht zu Unmäßigkeit auf der anderen Seite, wandte der Rote ein. Seine Schuppen waren dunkel wie frisches Blut. Feiner Rauch stieg von seinen Nüstern auf.

Was schlägst du vor? Sollen wir nicht nur die Mörder richten, sondern auch die Mütter, aus deren Schoß sie gekrochen sind?, entgegnete Nachtatem.

Und die Schmiede, die die Speerspitzen schufen, die unseren Bruder töteten, und die Träger, die die Waffen zum Versteck brachten, von dem aus der Schwebende Meister heimtückisch erschossen wurde, fiel der Flammende ein, dem jegliche Ironie fremd war.

Ich finde, wir sollten sie alle töten. Der Goldene bemühte sich, seinen Brüdern diesen Gedanken klar und ganz ohne Emotion zukommen zu lassen. Wir müssen ein Zeichen setzen. Fällt unsere Strafe zu gering aus, dann werden sich die Zwerge nur ermutigt fühlen, demnächst einen von uns zu töten.

Diesem Gedanken folgte Stille. Er spürte, dass der Flammende begeistert, Nachtatem erschüttert, andere zögerlich waren. Doch in fast allen brannte der Wunsch nach Rache.

Wenn wir unsere Drachenelfen schicken und vielleicht zehn Zwergen einen schrecklichen Tod bereiten, glaubt ihr, das wird sie abschrecken? Die zehn werden zu Märtyrern, und Hunderte andere werden sich ermutigt fühlen, es ihnen gleichzutun. Was wir brauchen, ist ein eindeutiges, unmissverständliches Zeichen. Fällt unsere Strafe nur hart genug aus, werden es die Zwerge selbst sein, die künftig jeden in ihren Reihen verfolgen, der auch nur daran denkt, eine Silberschwinge oder einen Tatzelwurm zu töten.

Glaubt ihr, die Alben werden dulden, wenn wir uns wie Schlächter aufführen? Dazu haben sie uns nicht erschaffen. Der Goldene hatte das Gefühl, Nachtatem wolle ihn am liebsten anspringen, um Klauen und Fänge in sein Fleisch zu schlagen.

Sind wir nicht hier, um ihnen die Blutarbeit abzunehmen, die sie selbst nicht verrichten wollen? Wollten sie nicht alle unangenehmen Entscheidungen von sich fernhalten?, begehrte der Goldene auf. Wir tun ganz genau das, wozu sie uns erschaffen haben, wenn wir die Zwerge strafen. Wir halten ihre Schöpfung in Balance. Wir verhindern, dass sich ihre minderen Kinder auflehnen und die von den Alben gesetzte Ordnung zerstören.

Mich haben die Worte des Goldenen überzeugt, ließ der Smaragdgrüne sie an seinen Gedanken teilhaben, der sonst eher ein Zauderer war und mäßigend auftrat.

Warum wollt ihr alle einen Weg verlassen, der sich in so vielen Jahrhunderten als gut erwiesen hat?, begehrte Nachtatem auf.

Warum kannst du dich nicht entschließen, neue Wege zu gehen, Bruder? Liegt es daran, dass du wieder einmal ohne uns entschieden hast? Sind deine Elfen schon in der Tiefen Stadt, und unser Treffen ist wieder einmal nur eine Farce?

Nachtatem schob seinen mächtigen Leib aus dem Schatten der Klippe. Seine blauen Augen funkelten kalt. Niemand ist in der Stadt, um zu töten. Ich habe nicht vergessen, dass wir ein Rat sind.

Dann sollten wir abstimmen. Der Goldene konnte die Gedanken seiner Brüder spüren. Er hatte sie überzeugt. Alle stimmten für den Tod der Tiefen Stadt.

Und wie willst du eine ganze Stadt vernichten? Sollen wir uns in die Tunnel der Zwerge zwängen? Ist dies nun die Art, wie die Statthalter der Alben auftreten?, spottete Nachtatem.