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Am 9. April des Jahres 1641 verlässt die >Mirte<, ein Handelsschiff des Reeders Johan van Dyck, den Hafen von Amsterdam. Ziel ist der bekannte Handelsplatz Batavia, im fernen Ostindien gelegen. Mit an Bord ist Hendrik van Houten. Dem Ziehsohn Herrn van Dycks ist der zehnjährige Friedrich anvertraut, der Sohn eines befreundeten Xantener Tuchhändlers. In erster Linie soll Friedrich auf dieser langewährenden Reise Schutz vor den kriegerischen Unruhen finden, die seit Jahren den europäischen Kontinent fest im Griff haben. Nach einer gefahrvollen Reise entlang den Fieberküsten Westafrikas, erreicht die Mirte schließlich das angestrebte Ziel. Doch, kaum dort angekommen und die begehrten Gewürze und Stoffe an Bord gebracht, erschüttert ein Erdbeben die Stadt. Auf der Flucht vor einstürzenden Gebäudeteilen, verliert Herr van Houten den ihm anvertrauten Schützling buchstäblich von der Hand. Die Suche nach ihm verläuft erfolglos und weitere Beben zwingen zur überhasteten Abreise ohne den Knaben. Herr van Houten trägt nicht nur schwer an diesem Verlust, und die Selbstvorwürfe lassen auch nach der Rückkehr nach Amsterdam nicht nach. Erst Jahre später, zwischenzeitlich ist Herr van Houten selbst zum Inhaber des Handelshauses van Dyck aufgestiegen, stößt dieser eher zufällig in Xanten auf einen jungen Mann und erkennt in ihm Friedrich. Doch dieser Mann weist nur noch wenige Gemeinsamkeiten mit dem einstigen Knaben auf. Die Bestürzung nach der anfänglichen Freude ist bei Herrn van Houten groß, als er erfährt, dass Friedrich in die Fremde zurückkehren möchte, die ihm zur Heimat wurde. Ein packender Zweiteiler.
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Seitenzahl: 417
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Jack Bredaux
Drachenspuren
Verloren in Batavia
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Impressum neobooks
Wie nahe Freud und Leid beieinander liegen, habe ich während der vergangenen Jahre häufiger erleben müssen. Doch erlittene Pein und erfahrenes Glück, sind nur schwerlich gegeneinander aufzurechnen. Und so fiel es auch nicht immer leicht, am rechten Glauben festzuhalten.
Jedoch, ein Zufall, der vielmehr von höheren Mächten gesteuert schien, änderte schlagartig diese Gedanken.
Nach Jahren, in denen immer wieder einmal die längst vergangenen Geschehnisse den Schlaf raubten und Trübsal sich breit machte, stand er urplötzlich vor mir. Auf sonderbare Weise vertraut, als hätte das Schicksal uns nie getrennt und doch gleichzeitig so fremd, als wären wir uns nie zuvor begegnet. Als wir uns freundschaftlich umarmten, konnte ich spüren, wie sehr er sich verändert hatte. Es war aber nicht nur das Gefühl meiner Hände, welches ungeahnte Kräfte bei meinem Gegenüber vermuten ließ. Vielmehr bemerkte ich eine Stärke und Wärme, die aus seinem tiefsten Innersten zu kommen schien.
Ich schämte mich nicht der Tränen, die über meine Wangen rannen, als ich später erkannte, dass er in der Heimat nun ein Fremder blieb und die Fremde ihm zur Heimat wurde.
Mir erscheint dieses Wiedersehen wie ein Wunder und auch, wenn bis-lang ein Großteil meiner Zeit überwiegend den Geschäftsbüchern galt, werde ich mir jetzt die Zeit nehmen, diese Erlebnisse niederzuschreiben, um sie meinen Kindern und Enkeln zu erhalten. Friedrichs Schilderungen, die er mir über Wochen hin darbrachte, gelobe ich ebenso wahrheitsgemäß wiederzugeben, wie meine eigenen und so, wie sie in meiner Erinnerung verblieben sind.
Gerade so, als wollte die Mirte sich mit ihrem Bugspriet direkt in den Meeresgrund bohren, schiebt sich der Bug unter die drohend heranrollenden Wassermassen. Und, als möchte sie sich nur wenige Augenblicke später mit den Naturgewalten messen, reckt sie die Galionsfigur wieder stolz dem Himmel entgegen. Wasser, um uns herum nichts als Wasser, dazu der Lärm der tosenden See und das unheilvolle Pfeifen des Windes.
„Herr van Houten, seht zu, dass Ihr unter Deck kommt“, dringt in Wortfetzen die Stimme des Kapitäns an mein Ohr.
„Kapitän Snijder, unter Deck würde ich nicht mehr Ruhe finden“, schreie ich gegen den Sturm an.
„Wir können es uns aber nicht erlauben, noch mehr Leute zu verlieren, also folgt meinen Worten, Herr van Houten.“
Das Drängen in der Stimme des Kapitäns zeigt deutlich, dass es keine Bitte seinerseits ist, sondern ein klarer Befehl, dem ich folgen sollte.
Als wollte er die erkennbare Schärfe aus seinen Worten nehmen, brüllt er hinterher: „Am Horizont sind Lichtstreifen auszumachen, so Gott will, werden wir es bald überstanden haben. Kümmert Euch um euren Schützling, er wird für Beistand sicher dankbar sein.“
„Ihr ruft Gott an, Kapitän; wäre es nicht besser einen Pakt mit dem Teufel zu schließen, in dessen Händen wir uns gerade befinden?“
Mit diesen Worten und ständig nach Tauen greifend, die mir Halt bieten können, mache ich mich auf den befohlenen Weg unter Deck.
Nicht allzulange war es her, dass ich gelegentlich eine Schänke nahe dem Hafen aufsuchte. Recht gespannt lauschte ich dort den Erzählungen raubeiniger Seeleute. Sicherlich, davon war manches mehr Prahlerei, rasch gesponnenes Seemannsgarn, um sich selbst in ein rechtes Licht zu rücken. Aber vielfach deckten sich auch die Aussagen und ergaben ein wundersames Bild von fernen Ländern und fremden Kulturen. Auf diese Weise keimte in mir die Sehnsucht, selbst einmal an Bord eines dieser Handelsschiffe die Welt zu erkunden.
Doch jetzt auf See verdrängt der tägliche Kampf ums nackte Überleben immer mehr den damals gehegten Wunsch, die salzige Luft auf der Haut zu spüren, gleichsam auf den Lippen zu schmecken. Das gleißende Licht der Sonne und die bisweilen unerträgliche Hitze, machen nicht weniger zu schaffen, als die auf uns hereinstürzenden Wassermassen. Sehnen wir nach unendlichen Tagen, an denen der weiße Feuerball am Himmel uns die Körper ausdörrt, das erfrischende Nass geradezu herbei, dann wechselt die Stimmung rasch wieder ins Gegenteil, wenn sich die Himmelspforten schließlich wirklich über uns auftun.
Nach den gleichsam entbehrungs-, wie auch ereignisreichen Wochen auf See gibt es wohl niemanden an Bord, der sich nicht darauf freut, in Kürze die stets schwankenden Planken verlassen zu dürfen. Hitze und Nässe machen immer mehr unserer Vorräte zunichte, das Wasser schmeckt brackig und der Zwieback beginnt zu schimmeln. Wer sonst, wenn nicht Kapitän Snijder, wäre unter den gegebenen Umständen in der Lage, uns in den sicheren Hafen von Batavia zu führen. Stets las ich in den Geschäftspapieren von diesem Ort, den sich die VOC, die Vereenigde Oost-Indische Compagnie in der Fremde geschaffen hatte. Ein wehrhafter Umschlageplatz für die Güter der umliegenden Inseln, welche den Niederlanden so reichlich Wohlstand bringen.
Es ist meine erste Reise zur See überhaupt und nie zuvor fühlte ich mich der Heimat ferner, als in diesem Moment. Nicht, dass die zu Beginn der Reise verspürte Freude sich nun gänzlich legt. Doch mit je-der Seemeile welche die Mirte hinter sich bringt, wird mir bewusster, um was für eine stete Plackerei es sich handelt. Zwar kann ich beinahe täglich reichlich Neues für mich entdecken, dennoch wäre es völlig falsch, dabei von einem vergnüglichen Abenteuer zu sprechen. Sind es nicht die rauen Winde, die unser Schiff einem Korken gleich, zum Spielball der Wellen werden lassen, dann treibt einen die Sorge um, die wertvolle Fracht zu verlieren oder Ängste machen sich breit, auf Piraten zu treffen. Doch die meisten Gedanken gelten Friedrich, dem mir anvertrauten Buben, der gerade seinen elften Geburtstag vollendet hat.
„Friedrich, Käpt´n Snijder meint, Du benötigst meinen Zuspruch“, bringe ich hastig hervor, bevor ich mehr in die Kammer fliege, als dass ich in sie eintrete. „Er weiß wohl nicht, was für einen zähen Burschen wir uns da an Bord geholt haben“, lobe ich den Knaben.
„Mir ist übel, Herr van Houten und es macht große Mühe, nicht aus der Hängematte zu purzeln, aber trocken ist es hier unten allemal. Ihr hingegen seht aus, als wäret Ihr gerade über Bord gegangen“, lächelt Friedrich verschmitzt.
„So fühle ich mich auch, Friedrich, doch wäre ich wie Du unter Deck geblieben, dann sähe mein Gesicht so grün aus, wie das Deine“, frotzele ich zurück. „Der Käpt´n sagt, dass wir in Kürze in ruhige Fahrwasser gelangen, unsere Geduld wird also nur noch kurze Zeit auf die Probe gestellt werden.“
Tatsächlich ist nach einiger Zeit zu spüren, wie der vermeintliche Ritt auf den Wellen nachlässt und unser stolzes Schiff wieder mehr nach vorne drängt, als seitwärts zu schlingern. Das Heulen des Windes wird weniger und das Knarren von Türen, das Poltern derber Stiefel oder das Tappeln nackter Füßen, ersetzen den bisherigen, unheilvollen Lärm. Endlich scheint das Wüten der vergangenen zwei Tage sein Ende zu finden.
„Komm, Friedrich, lass uns hinauf an Deck gehen und wenn möglich, gar einen Sonnenstrahl entdecken.“
Ein übler Geruch von modriger Nässe, Schweiß und Erbrochenem schlägt uns beim Öffnen der Tür aus Richtung der Mannschafträume entgegen. Bis auf diejenigen, die sich bis hierher den Naturgewalten entgegen-stellten und nun zur Ruhe die Kojen aufsuchen, drängen alle nach oben. Sehr zum Missfallen einiger Offiziere, die durchnässt bis auf die Haut, die Mannschaften immer wieder antreiben, das überall an Bord herrschende Chaos zu beseitigen. Kübel liegen verstreut herum, Taue bilden, wie durch den Sturm verknotet, ein undurchdringliches Dickicht. Hier schlägt ein Stück Segel, welches sich losgerissen hat, wie wild durch die Luft, dort haben Wanten Schaden genommen. Zudem sind nicht mehr alle Waren, die den Bauch der Mirte füllen, noch an ihrem angestammten Platz. Somit ist die Luft nun erfüllt von den schallenden Befehlen und diese verstummen erst, als sich die heisere Stimme des mutigen Mannes hoch oben im Ausguck Gehör verschafft.
„Batavia, Batavia voraus!“
Ein freudiges Gejohle setzt daraufhin ein, wogegen nur die im Sturm erprobte markante Stimme des Kapitäns ankommt.
„Nun Herr van Houten, was habe ich Euch gesagt, Gott hat uns in sicheres Wasser geführt und dem Teufel haben wir ein Schnippchen geschlagen. Wie geht es dem jungen Mann an Eurer Seite?“
„Danke der Nachfrage, Kapitän Snijder, mir geht es recht gut“, erwidert Friedrich beflissen. „Keinen Moment habe ich mich gefürchtet, denn Herr van Houten sagte mir doch, dass Ihr der Beste und Einzige seid, der uns durch dieses Wetter bringen kann“, schmeichelt der Bursche hinterher.
„Dann bin ich froh, dass ich Herrn van Houten unter Deck schickte, bevor er über Bord gespült wurde und Dir Friedrich, diese Nachricht überbringen konnte“, lacht der Kapitän breit, um sich gleich darauf wieder mit neuen Befehlen an seine Offiziere zu wenden.
Aus dem Mastkorb vielleicht, doch von Deck aus ist Batavia noch nicht auszumachen. Aber, wie ein Leuchtfeuer, weist uns nun der in der Ferne erkennbare Feuerberg den Weg. Anmutig, von einem tiefen Grollen begleitet, macht sich dort weißer Rauch auf, dem Himmel entgegen zu streben. Und wie in einem aufwändig gewebten Tuch, präsentieren sich die rotglühenden Fäden darin, die vom Inneren des Berges empor geschleudert werden. Ein Bild, wie von einer anderen Welt, furchteinflößend und schön zugleich.
„Batavia voraus“, ist noch einmal die schwächer werdende Stimme aus dem Korb zu vernehmen, der weitoben am Mast, dem Seemann seit Stunden eine schwankende Heimstatt bietet. Mit schwachem Wind in den Segeln, schiebt sich die Mirte beständig durch eine nunmehr kaum bewegte See. Deutlich sind jetzt auch von Deck aus die festen Mauern auszumachen, die mit jedem Augenblick den wir uns nähern, größer und gewaltiger werden.
Fast gemächlich schiebt sich unser großes Schiff in die gut befestigte und wehrhafte Hafenanlage. Schon seit geraumer Zeit sind die Mannschaften eingeteilt und jeder der Seeleute weiß, welche Arbeiten auf ihn warten. So steht frühzeitig fest, wer zunächst an Bord verbleibt und Wache schiebt oder wer zuerst den lange ersehnten festen Boden unter den Füßen zu spüren bekommt.
Wie immer, wenn ein so großes und schönes Schiff einen Hafen anläuft, so stehen wieder unzählige Schaulustige bereit. Allerdings scheint die Aufmerksamkeit nicht uns zu gelten, sondern vielmehr dem nun deutlich erkennbareren Berg, dessen Grollen ebenfalls klarer an unsere Ohren dringt. Zwar etliche Meilen entfernt hört sich sein Grollen jetzt nicht mehr so sanft an, wie noch wenige Stunden zuvor, sondern eher warnend, vielleicht sogar drohend.
„Schaut, Herr van Houten, das Wasser im Hafenbecken scheint wie in einem großen Topf zu brodeln“ unterbricht Kapitän Snijder meine Ge-danken.
„Ja, Kapitän“, stimme ich zu und hänge ein „als würden die Fische einen Hochzeitstanz aufführen“ daran.
„Ich wusste gar nicht, dass neben dem kaufmännischen Geschick auch noch poetisches Blut durch eure Adern fließt“, kommt es lachend vom Kapitän zurück. „Nehmt euren kleinen Freund an die Hand, damit wir uns aufmachen können, von Bord zu gehen. Ich freue mich schon auf das Badehaus und darauf, endlich was anderes zwischen die Zähne zu bekommen, als eingelegten Kohl oder Pökelfleisch.
Neben Kapitän Snijder und dem mir anvertrauten Buben, gesellen sich noch Herr Wachtendoonk, Herr Juncker, sowie zwei weitere Offiziere dazu.
Trotz der erdrückenden Hitze und kaum zu ertragenden Schwüle erweckt der Tag den Anschein, recht schön zu werden. Dass sich am Horizont die empor geschleuderten Aschewolken verdichten, als würde ein schweres Unwetter aufziehen, trübt keineswegs die Freude auf den Landgang.
Füllte noch bis vor wenigen Augenblicken die frische Luft der See unsere Lungen, so empfängt uns hier in den engen Gassen von Batavia der Gestank des Unrats. Dazu liegt, kaum sichtbar, feiner Staub in der Luft, der einen schwefligen Geruch mit sich führt. Ein Eindruck, als würde Satan selbst seinen heißen Atem ausstoßen.
Wenngleich zahlreiche Schiffe im Hafen liegen und somit überall große Betriebsamkeit herrscht, finden wir doch reichlich Platz in einem der Badehäuser vor. Denn viele hat es nach draußen getrieben, um das immer lauter werdende Spektakel des Berges zu verfolgen.
Obwohl die hoch am Himmel stehende Sonne unerbittlich brennt und die schwere, feuchtigkeitsgeschwängerte Luft, auf uns lastet, ist es dennoch äußerst wohltuend, im warmen Wasser des Zubers zu liegen. Fort mit dem, wie auf der Haut eingebranntem Salz der See.
Während fleißige Hände sich darum bemühen, unsere ramponierte Kleidung in Ordnung zu bringen, gießen andere stets neues, warmes Wasser über uns, so dass ein jeder für sich bald bis zum Halse bedeckt im Zuber liegt. Erfrischt und müde zugleich, aber mit einem gewaltigen Hungergefühl im Bauch, machen wir uns im Anschluss an das Bad daran, ein Wirtshaus aufzusuchen.
Das Glück ist uns hier ebenso wohlgesonnen und unsere kleine Gruppe findet noch Platz auf einer der Bänke, in diesem doch recht gut besuchten Gasthaus. Das Klappern der Teller vermischt sich mit dem Geräusch aneinander stoßender Wein- und Bierkrüge und dieser durchaus angenehme Lärm, wird nur von dem vielfältigen Sprachengewirr übertroffen.
Kaufleute, Seemänner und Händler aus aller Herren Länder geben sich hier ein Stelldichein. Aber so unterschiedlich die Leute in ihrer Kleidung oder ihrem Äußeren auch sind, so verschieden die Gründe, sich hier einzufinden, ein Thema beherrscht so gut wie jeden Tisch. Alle sprechen von dem schaurigschönen, Feuer spuckendem Monster, welches sich, wenn auch Meilen entfernt, dort draußen sehr laut bemerkbar macht.
Aufmerksam das Treiben im Wirtshaus verfolgend, sitzt der aufgeweckte Friedrich neben mir. Kaum dass wir unseren Platz eingenommen haben, werden Krüge und Becher vor uns hingestellt und es dauert nicht zu lange, bis die Teller mit den wohlduftenden Speisen vor uns liegen. Friedrich scheint nicht nur müde und hungrig zu sein, sondern ebenfalls überaus angetan davon, sich jetzt mit etwas anderem beschäftigen zu können, als nur den Gesprächen am Tisch folgen zu müssen.
„Darauf scheinst Du gewartet zu haben, Friedrich“, richtet der
Offizier, Herr Wachtendoonk, das Wort an den Buben.
„Ja, Herr Wachtendoonk, das ist schon etwas anderes, als Salzfleisch und Fisch an Bord oder daheim stets süßes Mandelsulz auf den Teller zu bekommen“, gibt Friedrich mit vollem Munde zurück.
„Ich finde die Speisen auch erfrischend anders. Wahrscheinlich sollten wir die herrlich duftenden und schmackhaften Gewürze nicht nur aufwendig in die Heimat schaffen, sondern sie dort auch mehr benutzen“, mische ich mich in das Gespräch ein.
„Wenn die Kosten in der Heimat nur nicht so hoch dafür wären, Herr van Houten“, gibt nun wiederum Kapitän Snijder sein Wort dazu.
„Ihr, wir alle, profitieren doch recht gut davon, Kapitän“, gebe ich zur Antwort.
Der uns alle um Haupteslänge überragende Herr Wachtendoonk winkt wild mit dem Arm und seine sonore Stimme durchdringt den Gastraum: „Ruben, kommt her und gesellt Euch zu uns, wir haben noch Platz für einen hungrigen Gesellen.“
So aufgefordert, bahnt sich Ruben van Schrieck, unser Steuermann, den Weg durch den Schankraum zu unserer Bank.
„Ah, Käpt´n, findet Ihr es richtig, schon kräftig dem Weine zuzusprechen, während ich noch damit beschäftigt war, die wertvolle Mirte richtig zu vertäuen?“, scherzt der Steuermann zur Begrüßung.
„Herr van Schrieck, Ihr dürftet noch gar nicht im Wirtshaus sein“, entgegnet Kapitän Snijder kurz, um gleich darauf auf den fragenden Blick des Steuermanns einzugehen, „Solltet Ihr nicht auch zuvor das Badehaus aufsuchen?“
Herrn van Schriecks „ich war doch..“, geht im allgemeinen Gelächter unter. Derweil betrachtet Herr Juncker, ganz aus dem Blickwinkel des Botanikers, den vor ihm platzierten Gemüseteller.
So folgt ein Wort dem anderen, bis die Bäuche gefüllt und die Teller nahezu leer sind.
„Wir sollten jedoch nicht zu lange beim Essen verweilen, sondern schauen, dass wir unseren chinesischen Geschäftspartner zu Gesicht bekommen“, mahne ich, immer noch mit dem Essen befasst, bereits vor-sichtig zur Eile. Zwar sind erst wenige Stunden vergangen seit wir Batavia erreichten, doch auf Grund der vor mir liegenden Aufgaben plagt mich die innere Unruhe.
„Herr van Houten, die Mirte ist gut im Hafen auszumachen. Sollten sich unsere Handelspartner bereits in Batavia aufhalten, so werden sie sicherlich von unserer Ankunft erfahren haben und womöglich bereits nach uns Ausschau halten“, versucht Kapitän Snijder mich zu beruhigen. „Wir haben doch reichlich Zeit eingeplant, die Waren an Bord zu nehmen. Den fleißigen Seeleuten sollten wir die Tage an Land gönnen, denn die Rückfahrt mit einer nicht minder vollbeladenen Mirte wird noch beschwerlich genug werden“, ergänzt der Kapitän seine Worte.
„Ihr habt sicherlich Recht, Kapitän, doch versteht meine Unruhe, denn keineswegs möchte ich Herrn van Dyck enttäuschen. Und die Aufgaben, die noch vor mir liegen, habe ich nie zuvor hinter mich gebracht.“
„Wohl wahr, Herr van Houten, wohl wahr, aber Ihr seid umgeben von guten Freunden, die derartige Fahrten nicht zum erstenmal machen. Also geht die Dinge gemächlich an und genießt die Zeit in Batavia. Hier sind wir der Heimat doch viel näher, als während der vorangegangenen Monate auf See.“
„Ja, nur die Hitze und der Gestank in den Gassen zeigt uns auf, wie weit wir von Amsterdam entfernt sind“, bringt Herr Wachtendoonk lachend ein.
So ist das allumgreifende Gespräch über den Feuerberg an unserem Tisch im Moment kein Thema; lautstark werden wir jedoch daran erinnert. Ein Grollen, um ein Vielfaches lauter, als es bislang zu vernehmen war, lässt die Gespräche in der Gaststube verstummen. Die Stille, nach der vor wenigen Augenblicken noch herrschenden Unruhe, wirkt fast gespenstisch. Unser Mahl ist beendet, weshalb auch wir uns von Neugier geplagt aufmachen und die Schänke verlassen. Majestätisch blickt das in der Ferne liegende, feuerspuckende Monster auf uns herab. Mehr und mehr verdrängen die hochemporgeschleuderten Aschewolken das strahlende Blau am Firmament.
„Der Himmel scheint Eure Worte vernommen zu haben, Herr van Houten. Darum ist es wohl besser, wir folgen Eurem Rat und begeben uns zur Mirte, solange uns das Licht des Tages noch erhalten bleibt.“
„Ist recht, Kapitän, wenn auch die verbleibenden Stunden kaum ausreichen werden, den Bauch unseres Schiffes zu leeren und alle Waren in die Lagerräume zu schaffen“, antworte ich beflissen.
Emsig schaffen die Seemänner und angeheuerten Träger die Lasten von Bord. Kiste um Kiste, Sack um Sack und Korb um Korb, kommen aus den Tiefen des Rumpfes nach oben. Zügig muss alles von statten gehen, weshalb die antreibenden Befehle nicht weniger werden. Jede Minute zählt. Denn anders, als in der fernen Heimat, gibt es keine Dämmerung, welche für die Arbeiten genutzt werden könnte. Die Nacht folgt hier dem Tage unmittelbar.
So plötzlich, wie die Nacht dem Tage folgt, endet das geschäftige Treiben und an Bord kehrt Ruhe ein. Lediglich das gelegentliche Tippeln der umhergehenden Wachmannschaft, das im schwachen Wind umsichschlagende Ende eines Segels, die knarrenden Planken oder das regel-mäßige Läuten der Schiffsglocke, bilden die vertraute Geräuschkulis-se. Wäre da nicht der ferne Berg, der Tag und Nacht gleichermaßen hindurcharbeitet und sein Grummeln hören lässt.
Schon früh beginnen am folgenden Morgen die Arbeiten, denn kaum mehr als die Hälfte der mitgeführten Güter sind bislang von Bord geschafft. Der stete Husten des Feuerbergs hüllt ganz Batavia mittlerweile in ein diffuses Licht. Nur weit draußen auf See, spiegelt sich das Blau des Wassers im Himmel wider. Mit der gleichen illustren Truppe des Vortages machen wir uns nach Stunden der Plackerei auf den Weg zu der uns bekannten Schänke. Ein kräftiges Mahl soll Stärkung bringen, denn schließlich gilt es bald noch, den leeren Bauch der Mirte wieder aufzufüllen.
Überall wird indes geschuftet, als gäbe es kein Morgen mehr und überall beherrscht das furchteinflößende Gehabe des speienden Berges die Gespräche.
Weit im Inneren des Gasthauses finden wir diesmal unseren Platz. Und kaum dass wir sitzen und die Bestellungen aufgeben, stehen die Krüge und Becher wieder auf unserem Tisch, folgen die Teller mit den dampfenden Speisen. Doch, noch bevor irgendwer von unseren Leuten den ersten Bissen zum Munde führen kann, lässt ein durchdringender Knall das Gebäude erzittern.
Gläser wackeln, verschütten ihren Inhalt über die Tische. Krüge zerbersten lautstark auf dem steinernen Boden, der sich zu heben scheint. Regale wanken, schwankenden Seeleuten gleich, bevor sie dann mit Getöse umstürzen und zu Bruch gehen. Ebenso fallen zahlreiche Leuchter um, deren verlöschende Flammen den Raum dunkler werden lassen. Bleibt ein Licht jedoch am Flackern, so sucht es einem Raubtier gleich nach Nahrung, so dass die schließlich Flammen hoch auflodern.
Alle drängen zum Ausgang, quetschen sich durch die vermeintlich enger werdende Öffnung, dem schwachen Tageslicht entgegen.
„Raus hier!“, brülle ich in Friedrichs Richtung und greife bei meinen Worten fest nach dessen Hand. Mehr, als dass der Knabe selbst in der Lage ist zu gehen, ziehe ich ihn über alles hinweg, was den Weg versperrt.
Vor der Schänke angekommen, bietet sich kaum ein anderes Bild.
Kreuz und quer laufen die Menschen in alle Richtungen, ohne zu ahnen, in welcher ausreichend Schutz zu finden sei. Zunächst bemühe ich mich, dem hochaufragenden Herrn Wachtendoonk zu folgen. Doch das Gedränge der Verängstigten ist zu groß, als dass dieser Versuch Erfolg verspricht. Längst sind auch Kapitän Snijder und die anderen Begleiter aus meinen Augen verschwunden. Mit Friedrich an der Hand bahne ich mir nicht minder rücksichtslos, als die uns umgebenden Massen, den Weg. Hier fallen Schindeln von den Dächern, dort bricht Mauerwerk ein; der Boden unter unseren Füssen hebt und senkt sich, als möchte er das Spiel der Wellen nachempfinden. Und an manchen Stellen tut sich die Erde gar auf, so, als könnte man direkt in den Schlund des Teufels blicken.
Die Urgewalt, mit welcher der Berg in der Ferne sein glühendes Inneres ausspuckt und die Erde hier zum Beben bringt, hat ihr zuvor schaurigschönes Antlitz verloren. Nach all den vorangegangenen Mühen und Plagen, lecken nun die feurigen Zungen nach uns. Ist Batavia gar selbst die Hölle, die mit Wohlstand lockt, um die davon Berauschten schließlich ins Verderben zu führen und in die Tiefe zu reißen?
Das Geschrei der Menschen um uns herum wird lauter als das stete bedrohliche Grollen, welches der Wind heranträgt. Zudem nimmt es jede Möglichkeit, einen klaren Gedanken zu fassen. Ich entdecke den gewaltigen Mast unseres Schiffes und versuche, mich daran zu orientieren. So schieben wir uns durch das Durcheinander, bis mich plötzlich etwas schmerzhaft an der Schläfe trifft. Ich spüre noch, wie mir Blut über die Wange rinnt und ich gleichzeitig die Kontrolle über meine Beine verliere. Bevor ich auf den Boden aufschlage, gehen mir die Gedanken durch den Kopf, dass ich als Kind bereits ein ähnliches Durcheinander erlebte. Wie nahe Freud und Leid doch beieinanderliegen geht mir durch den Sinn, bevor ich gänzlich das Bewusstsein verliere.
So trug es sich damals zu, als ich mich zu meiner ersten Seefahrt aufmachte.
Wahrscheinlich wäre mir dieses Ungemach, sowie weitere Schicksalsschläge erspart geblieben und mein Leben hätte zudem einen gänzlich anderen Verlauf genommen, wenn ich mich meinen Studien gewidmet oder den üblichen Weg zur nahen Schmiede eingeschlagen hätte.
Mein Name ist Hendrik, Hendrik van Houten, und würde mir im Jahre 1634 jemand erzählt haben, dass ich einmal die Leitung des bekannten Handelshauses der van Dycks übernehmen sollte, den hätte ich schlichtweg als von allen guten Sinnen verlassen beschrieben. Nun leite ich das Handelshaus schon seit geraumer Zeit und brachte es sicher durch die Wirren und Unruhen der vorangegangenen Jahre.
Es sind diese wenigen Augenblicke des Müßiggangs, wenn angetan von einem guten Schluck des Portweins, das Gefühl in mir aufkommt, in einem nicht endenwollenden Traum zu stecken. Dann überkommen mich die Gedanken an diese zurückliegende Zeit.
Zu Beginn der so lange währenden Unruhen, erblickte ich im Jahre 1618 das Licht der Welt. Wohlbehütet, jedoch unter bescheidenen Verhältnissen, wuchs ich als Kind von Reijke und Simon van Houten in Amsterdam auf. Mein Vater unterrichtete als Lehrer die Kinder der wohlbetuchten Kaufleute und der angesehenen Familien. Deshalb erging es uns nicht schlecht in dieser überaus reichen Stadt. Auch wenn unser Wohlstand, im Vergleich zu diesen Leuten, eher bescheiden daher kam.
Erklärlicherweise erlernte auch ich frühzeitig das Lesen und Schreiben und erhielt überaus gute Kenntnisse in der Mathematik. Dabei bereiteten mir diese Fähigkeiten, insbesondere das Jonglieren mit den Zahlen, sehr viel Freude, was in diesen Zeiten durchaus nicht als üblich anzusehen galt. Als junger Bursche verdiente ich mir ein wenig Geld hinzu, indem ich bei einer nahegelegenen Schmiede aushalf. Stunde um Stunde bewegte ich dort den Blasebalg, um die Glut in der Esse auf die richtige Temperatur zu bringen.
Zu Beginn meines dortigen Wirkens hörte ich zu gerne die verschiedenen Klänge der kleinen und großen Hämmer. Wenn sie auf das rotglühende Eisen trafen und der darunterliegende Amboss seinen Ton dazu gab, klang es beinahe wie eine hübsche Melodie. Dazu erschien es mir überaus interessant zu sehen, mit welchen geschickten Bewegungen der Schmied aus dem heißen Metall, mit gezielten Hammerschlägen ein Hufeisen, einen kunstvollen Beschlag oder gar ein Schwert erschaffen konnte. Der anfänglich als Ansporn empfundene Hammerschlag, in dessem Rhythmus ich den Blasebalg bediente, entpuppte sich jedoch bereits nach kurzer Zeit als unangenehmer Lärm, der mir nach getaner Tat einen Brummschädel bescherte. Zudem, wenn ich den Flammen einmal zu nahe kam, senkten sie mir das braungelockte Haar an. Die Arbeit war schweißtreibend und schwer und die Bezahlung weiß Gott nicht gerade üppig, doch dies war allemal besser, als nur herumzulungern und auf vermeintlich bessere Zeiten zu hoffen.
Meine kräftezehrende Arbeit in der Schmiede sahen die Eltern nicht allzugerne. Weitaus lieber wäre es ihnen gewesen, würde ich mich mehr noch mit dem Studium, zum Beispiel dem der Medizin befassen. Natürlich war es auch nicht mein Wunsch, dass spätere Leben in der Schmiede zu verbringen; aber mehr noch als das Wissen um die Medizin, begeisterte ich mich für die Mathematik. Damit wollte ich später vielleicht ebenso vermögend werden, wie die feinen Leute der Stadt. Weiterhin begeisterte ich mich für die Kartographie, fand Interesse an fremden Ländern und nicht umsonst ging mein Blick oftmals über die Dächer der Häuser hinweg, in Richtung des Hafens. Verträumt sah ich die großen Masten der Schiffe näherkommen und malte mir aus, einst selbst an Bord zu sein und die Karten, die derzeit die Welt bestimmten, um ein Vielfaches zu bereichern. Und ich meinte schon, da gäbe es genug zu tun.
So trieb es mich hin und wieder zum Hafen, wo ich den Gesprächen und Erzählungen lauschte und in Träumen versunken auf das Meer schaute.
Es war schließlich vorbei, dass die Erde in der westlichen Hälfte überwiegend den Spaniern und in der östlichen Hälfte den Portugiesen zugeschrieben werden konnte.
Lange hatten die Portugiesen versucht, den von ihnen entdeckten See-weg nach Indien geheim zu halten, um so alleine von den Vorteilen des Handels mit diesen Regionen zu profitieren. Von Europa aus, um Afrika herum zum Indischen Subkontinent und weiter zu den Gewürzinseln Hinterindiens, erschlossen die portugiesischen Entdecker diese Handelswege über das Meer. Sie traten nun neben die Bisherigen, die sich im Mittelmeer und dem Roten Meer befanden; sowie den Karawanenwegen, die von Osmanien bis hin nach Asien führten. Diese Wege zu Lande, die durch unwegsames Gelände, durch Wüsten, wie auch zu Oasen führten, trugen den Namen Seidenstraße.
Diese althergebrachten Routen kontrollierten jedoch eine Vielzahl regionaler islamischer Herrscher. Jeder von ihnen wollte Nutzen daraus ziehen und erhob Steuern, Zölle und forderte für Wegerechte. Zudem taten Diebesbanden ein Übriges, sich der kostbaren Frachten zu bemächtigten, so dass die Preise für die begehrten Waren ins Unermessliche stiegen. Der nunmehr mögliche, direkte Handel mit Hinterindien auf dem Seeweg, versprach somit nicht nur weitaus höhere Profite, sondern ging zudem gefahrloser und schneller vonstatten.
Gefahrloser stellte sich der neue Weg zur See schon dar, jedoch eben nicht frei von jeglicher Gefahr. Wütete auf dem Festland Europas die Pest und hielt der anfängliche Religionskrieg viele Gebiete in seinem festen Griff, so tobte auf der See hingegen ein nicht minder schlimmer Handelskrieg. Engländer, Spanier, Portugiesen und Franzosen, aber nicht zuletzt auch wir Niederländer versuchten, dem jeweils Anderen die Rechte streitig zu machen.
Unter den Flaggen ihrer Länder, machten zudem Freibeuter Jagd auf die Handelsschiffe; aber auch gemeine Piraten machten die Seefahrt überaus unsicher.
Mancher Kaufmann unseres Landes machte sich daran, selbst ein Schiff auf den Weg nach Ostindien zu bringen. Da gleich die ersten Fahrten überaus erfolgreich verliefen, taten sich immer mehr auf, weitere Schiffe zu entsenden. Doch der einzelne Kaufmann und Reeder war vergleichsweise schwach und nur ein Zusammenschluss versprach ausreichend Schutz vor den vielfältigen Gefahren. Aus den vielen einzelnen Initiativen niederländischer Kaufleute und Reeder formierte sich dazu im Jahre 1602 die Vereenigde Oost-Indische Compagnie, die kurzgenannt als VOC, von nun an die Weltmeere befuhr und zu großen Teilen beherrschte.
Aber die VOC fungierte weit darüber hinaus, als dass sie nur eine Handelskompanie verkörperte. Ausgestattet mit prächtigen Schiffen, oftmals den Galeonen, die nicht nur reichlich Platz für Waren boten, sondern mit etlichen Kanonen auch gut gerüstet aufbrachen, machte sie anderen Ländern so manches Gebiet streitig. Nach und nach brachte sie so unter anderem die wichtigsten portugiesischen Faktoreien in fernen Ländern unter ihre Kontrolle und sorgte auf diese Weise für Wohlstand in unserem Land. Da ist es nur zu gut zu verstehen, dass die bisherigen Profiteure ihre Plätze nicht friedlich hergaben.
Bei allem Ungemach und einem steten Hin und Her zeichnete sich immer deutlicher ab, dass zwei Punkte auf der Weltkarte, nämlich Batavia und Amsterdam, über Wohlstand, über Gedeih und Verderb bestimmten. Was sich bis zum heutigen Tage nicht geändert hat.
Eben diese Schiffe, mit ihren mutigen Männern an Bord waren es, die den Wohlstand unserer Stadt und unseres Landes ausmachten; und so gingen nicht nur meine verträumten Blicke zum Hafen, sondern es glich einem allgemeinen Fest, wenn sie aus Übersee zurückkehrten.
Jedesmal bot sich ein prächtiges Bild, wenn sich eine dieser gewaltigen hölzernen Festungen dem Amsterdamer Hafen näherte. Rasch fanden sich zahlreiche Schaulustige ein, um dem folgenden regen Treiben beizuwohnen. Das Entladen der Schiffe war immer ein großer Moment um zu entdecken, welche Schätze der fernen Länder die vollgefüllten Bäuche freigaben und welche Waren in wenigen Tagen in den Geschäften oder auf den Märkten ausliegen würden. Ebenso konnte man die abenteuerlichsten Gestalten antreffen, wie auch allerhand Gesindel, welches darauf aus war, im dichten Gedränge der Gaffenden, die Geldbeutel der gut Betuchten zu schneiden.
Was für ein betörender Duft lag über den Märkten, welche die eingeführten Gewürze wie Pfeffer, Gewürznelken, Muskat oder Zimt verströmten. Ingwer, Weihrauch und Myrrhe stellten ebenso einen immensen Wert dar, weil sie, wie die vorgenannten Kostbarkeiten, nicht nur zum Würzen der Speisen, sondern auch als Konservierungsstoffe und Grundlage für Arzneimittel unverzichtbar wurden. Edle Hölzer kamen aus den dicken Bäuchen der Galeonen zum Vorschein, Seidentuch und feinstes Porzellan.
Allerdings blieb es zumeist beim Anschauen dieser Waren, denn für die Meisten, waren sie schlichtweg unerschwinglich.
In diesen insgesamt angespannten Zeiten galt es für meine Familie als ein eher seltenes Vergnügen, einem derartigen Schauspiel beiwohnen zu dürfen. Nicht anders war es an diesem sonnigen Tag, dem 6. August des Jahres 1634, an dem sich meine Eltern mit mir auf den Weg machten, das bunte Treiben zu beobachten. Gewillt, später daheim von meinen eignen Entdeckungen berichten zu können, entfernte ich mich von den Eltern. Jedoch nur soweit, um sie in diesem Meer aus Menschen, nicht aus den Augen zu verlieren. Hätte ich auch nur geahnt, dass diese wenigen Schritte für mich, das spätere höchste Glück, doch zuvor die tiefste Trauer bedeuteten, so wäre ich gerne daheim geblieben, um mich unter der strengen Aufsicht des Vaters, weiterhin den Studien zu widmen.
Emsig wie die Ameisen, schafften die Seeleute die kostbare Fracht aus der Tiefe des Schiffes ans Tageslicht. Kiste um Kiste, Kübel um Kübel und Sack für Sack barg man aus den Tiefen des leicht im Wasser des Hafens schwankenden Kolosses. Und so rasch, wie die Waren emporkamen, so rasch verschwanden sie in den nahegelegenen Lagerhäusern. Zum Teil sonderlich anzuschauende Menschen kamen mit den Lasten daher. Nicht weniger fremdartig als ihre Kleidung, erschienen bei manchen die Gesichter oder gar die Bemalung der Haut. Ein vielfältiges Sprachengwirr, die Befehle der Schiffsoffiziere oder der Handelsherren, erfüllten das gesamte Hafengelände.
Das besondere Interesse der Zuschauer galt oftmals den riesigen Fässern, die mit Weinen, Gewürzen oder mit sonstigem edlen Zeug gefüllt, noch auf Deck lagen. Fest verzurrt und gehalten von dicken Tauen, bedurfte es neben viel Geschick auch kräftiger Männer, diese Fässer unversehrt über die angelegte Rampe hinab zu bekommen, um sie anschließend zu den Lagerhäusern zu rollen.
Dem Ebenholz gleich, glänzten die bloßen Oberkörper der muskelbepackten Kerle, die sich daran zu schaffen machten.
Welch ein Gegensatz zu dem alltäglichen Hafenbetrieb, wenn die üblichen Fischerboote oder kleinere Frachtschiffe ihre Güter an Land schafften.
War dies für die Einen eine überaus schweißtreibende Arbeit, so ging es für die Zuschauer zu, wie auf einem großen Jahrmarkt. Händler boten zahlreiche Waren und Speisen feil und Gaukler zeigten ihre Kunststücke. Währenddessen schleppten die Arbeiter weiter unentwegt Säcke und Kübel von Bord und endlich, endlich machten sich andere daran, die Taue zu lösen, welche die gewaltigen Fässer umspannten.
Doch kaum fielen die ersten Stricke von ihrer Last befreit zu Boden, erfüllten Geräusche die Luft, wie man sie sonst nur beim Abfeuern von Musketen vernehmen konnte. Mit lautem Knallen barsten die verbliebenen Taue, die dem gewaltigen Druck der Fässer nicht mehr standhalten konnten. Tauenden zuckten wie übergroße Peitschen über das Schiff, wobei sie so manchem Seemann schmerzhafte Verletzungen beibrachten. Schlimmer jedoch, bahnten sich nun die Fässer unkontrolliert ihren Weg. Übermächtig und nicht mehr aufzuhalten, rollten sie auf der angelegten Rampe hinab und auf die dichtgedrängt stehenden, schauenden Menschen zu.
Das daraufhin einsetzende Durcheinander und der gewaltige Lärm wurden nur übertroffen von den Schreien der Menschen, die vor den gewaltigen Lasten davon rannten oder bereits von ihnen erfasst worden waren. Hin und her, auf und ab, wogten die Körper, als wären sie selbst Fässer, die auf den Wellen tanzen. Gestoßen von Männern und Frauen, die sich gleichfalls in Sicherheit bringen wollten, schien um mich herum mit einemmal eine Stille zu herrschen, die jedoch wohl nur ich so wahrnahm.
Mit Entsetzen sah ich, nur wenige Schritte entfernt, meine Eltern leblos am Boden liegen. Eines der schweren Fässer hatte auch sie er-fasst. In einem Zustand, den ich als schlaftrunken bezeichnen möchte, sah ich, wie sich der Boden vor ihnen rot verfärbte. Blut, überall Blut und dazu das hilflose Jammern und Schreien Anderer, das wie aus weiter Ferne zu mir drang. Als wäre ich nicht selbst Teil des Geschehens, stand ich stumm und fassungslos da und hätte doch so gerne meine Gefühle in die Welt geschrien. Ich bitte um Verständnis, dass ich an dieser Stelle meiner Erzählungen von weiteren Schilderungen des Leids und meines Gemütszustandes Abstand nehme.
Üblicherweise kamen zu derartigen Anlässen nicht nur die Leute, welche sich einen schönen Tag machen wollten, sondern natürlich auch die Eigner der Schiffe, die Handelsleute und andere Persönlichkeiten von Rang und Namen. Zu diesen zählte auch der mir bis dahin nur namentlich bekannte Johan van Dyck, der von seinem alten und erkrankten Vater Pieter, die Leitung des bekannten Amsterdamer Handelskontors übernommen hatte und hier sehr aufmerksam verfolgte, welche Waren sein Interesse finden konnten.
Johan van Dyck, der mit seiner Frau Mirte eine kinderlose Ehe führte, stand natürlich nicht unter dem gemeinen Volke, als das Unglück hereinbrach. Dennoch wurde er von diesem Ereignis ebenso überrascht, wie alle anderen Zuschauer. Entgegen mancher Herrschaft jedoch, suchte er in diesem Wirrwarr sein Heil nicht in der Flucht, sondern versuchte zu helfen und Leid zu lindern. So stieß Herr van Dyck auf mich, einen Sechzehnjährigen, der nicht recht verstehen konnte, was um ihn herum geschah und der nun völlig allein und mittellos dastand. Erwachsen zwar und dennoch hilflos. Unzählbar Viele, Seemänner, Kaufleute und auch Kinder, waren durch das Geschehen betroffen und so ist es wohl bei allem Leid als ein Glücksfall anzusehen, dass ausgerechnet Herr van Dyck auf mich traf und sich meiner annahm. Mich neben den am Boden liegenden Eltern zu sehen, die sich nicht mehr bewegten, schien ihn doch sehr mitzunehmen.
Seit jeher zählten die van Dycks in Amsterdam zu den umgänglichen Handelsherren, die ein großes Herz gegenüber den Menschen besaßen, denen das Glück nicht immer hold gesonnen war. Unter dem Eindruck, dass es womöglich auch seine Fracht war, die meine Eltern um ihr Leben brachten, forderte mich Herr van Dyck auf, ihn zu seinem Kontor zu folgen. Noch völlig unter dem Eindruck des unglückseligen Geschehens und gleichzeitig dankbar dafür, dass sich überhaupt jemand meiner annahm, trottete ich wie willenlos hinter ihm her. Es mag sonderbar erscheinen, jedoch hier, nur wenige hundert Schritte von dem Unglücksort entfernt und damit dem schaurigen Lärm und dem Schreien der Verletzten entkommen, fiel mir zunächst das riesige Backsteingebäude auf. Groß prangte in schmiedeeisernen Lettern das van Dyck daran. Als sich die schwere und aufwändig beschlagene Holzpforte öffnete,
bemerkte ich zunächst eine Mixtur betörender Düfte. In reger Betriebsamkeit wurden im Innern des Gebäudes Fässer gerollt, Säcke gestapelt und Kübel geschoben. Ich stand wahrhaftig in einem der Lagerhäuser des so bekannten Amsterdamer Handelshauses.
„Komm hier rüber, Junge“, vernahm ich eine angenehme, weibliche Stimme. In prachtvollen Kleidern, das Haupt geschmückt von einem großen Hut, stand ich einer edlen, wohlaussehenden Dame gegenüber, die sich als die Gemahlin Herrn van Dycks zu erkennen gab. Ich weiß noch, dass ich mich tief verbeugte, bevor ich den angebotenen Platz auf einer langen Bank einnahm. Doch weder wusste ich, mich recht zu verhalten, noch waren meine Gedanken so klar, als dass ich die Eindrücke der letzten Stunde verarbeiten konnte.
Mit beruhigenden Worten sprach Frau van Dyck auf mich ein und ließ Speisen für mich auftragen, die verlockend dufteten. Aber ich ver-spürte keinen Appetit und das Gesprochene erreichte mich nicht.
Erst als Herr van Dyck hinzutrat, holten mich seine Worte aus der Unwirklichkeit zurück.
„Wie ist Dein Name, junger Mann?“
„Hendrik, Hendrik van Houten, mein Herr“, brachte ich aufgeregt her-vor.
„Van Houten? Der Name klingt bekannt, betreiben Deine Eltern ein Geschäft in der Stadt und beziehen gar Waren von mir?“, bohrte er weiter.
„Nein, edler Herr, mein Vater ist Lehrer - war Lehrer“, korrigierte ich meine Aussage und unterdrückte mühsam die aufkommenden Tränen. „Richtig, Simon van Houten, der Lehrer“, nickte Herr van Dyck versonnen und strich sich mit der Hand über seinen Bart. „Nicht, dass ich Deinen Vater je persönlich kennenlernte, doch von Freunden, deren Kinder er unterrichtete, hörte ich nur Gutes über ihn. Ich selbst habe keine Kinder, darum blieb mir das Vergnügen ihn kennenzulernen, leider verwehrt. Ein angesehener Mann, Dein Vater; und Du hinterlässt auch keinen schlechten Eindruck. Doch angesichts des schlimmen Unheils will ich Dich nicht länger mit Fragen löchern. Ich kann Dir zunächst nur eine Kammer für die Nacht hier im Kantor anbieten und dann lass uns morgen weiter reden.“
„Vielen Dank, mein Herr“, mehr brachte ich nicht hervor und dennoch war ich wahrhaftig von einer großen Dankbarkeit erfüllt. Denn lieber hätte ich unter einer der vielen Brücken genächtigt, als nun alleine in die elterliche Wohnung einzukehren, die wir am Morgen noch gemeinsam verlassen hatten.
Die zurückliegenden Ereignisse und die fremde Umgebung machten es mir jedoch trotz aller Müdigkeit unmöglich, in den Schlaf zu finden. Es waren jeweils nur kurze Momente, in denen mich die Müdigkeit übermannte und sich die Augen schlossen. Doch augenblicklich holten mich die beginnenden unschönen Träume zurück in die Wirklichkeit. Ohne Appetit und mehr, um die nicht enden wollende Zeit der Dunkelheit zu überbrücken, wagte ich mich bei flackerndem Kerzenschein an die zuvor bereitgestellten Speisen.
Erlösend wirkten die ersten frühen Sonnenstrahlen, die mich durch das kleine Fenster wohlig wärmend trafen. Nicht nur das zu vernehmende Gezwitscher der Vögel kündigte den neuen Tag an. Das Getrappel von Pferdehufen erfüllte die Gassen und ich meinte sogar, bereits das Klingen eines Schmiedehammers zu hören. Kam es aus der Schmiede, in der ich zeitweilig an der Esse stand? An der mit Wasser gefüllten Schüssel erfrischte ich mich und versuchte beinahe krampfhaft, mir die Geschehnisse des Vortages vom Leib zu waschen. Ich rückte gerade meine Kleidung zurecht, als es an der Tür klopfte.
„Herr van Houten, Herr van Houten; Herr van Dyck wünscht Euch zu sprechen“.
„Ich bin sofort bei Euch“, rief ich aufgeregt und öffnete die Tür. „Wenn Ihr mir bitte folgen wollt“, sprach mich die Magd an, die kaum älter als ich selbst war.
Hocherhobenen Hauptes und mit einem Stolz, als wäre sie die Herrin des Hauses, führte mich das Fräulein auf eine gewaltige Eichentür zu. Mit ihren dürren Fingern schlug sie kaum merklich gegen das schwere Holz, öffnete diese, bevor von drinnen ein Ton zu vernehmen war und meldete mit einem unterwürfigen Knix: „Verehrte Herrschaft, Herr van Houten.“ Und schon war sie in den Gängen verschwunden, als wäre sie nie dagewesen.
„Junge, tritt ein und nimm Platz“, begrüßte mich Herr van Dyck.
Überaus nervös antwortete ich mit einem „Vielen Dank, edler Herr.“
„Ich kann mir sehr gut vorstellen und es ist Dir deutlich anzusehen, dass die vergangene Nacht Dir keinen erholsamen Schlaf brachte“, begann Herr van Dyck das Gespräch. „Aber bei allen traurigen Ereignissen gilt es dennoch, nach vorne zu schauen, denn wir können das Geschehene nicht rückgängig machen. Du kannst versichert sein, dass ich mich um alle Belange, die mit dem Ableben Deiner Eltern zu tun haben, kümmern werde. Doch was wird aus Dir, was hast Du bislang gemacht? Gestern hast Du kurz geschildert, einen Arbeitsplatz in der Schmiede gefunden zu haben. Ist es das, was Du weiterhin zu tun gedenkst?“
„Mein Herr, meinem Vater war sehr daran gelegen, dass ich das Studium der Medizin aufnehme. Selbst fühle ich mich jedoch mehr zu der Mathematik und dem Gebiet der Kartographie hingezogen.“
„Schau an, schau an. Doch es ist nicht verwunderlich, dass der Sohn eines gebildeten Mannes über gute Eigenschaften verfügt und nicht den Rest seines Lebens in einer Schmiede verbringen will. Wenngleich Dir die Arbeit dort sicher nicht geschadet hat. Du siehst kräftig aus, besitzt starke Hände und Arme; gepaart mit einem guten Verstand, könnte ich für so einen Mann durchaus Verwendung finden. Wenn Dir daran gelegen ist, dann kann ich Dir eine Arbeit in meinem Kontor anbieten. Du wirst arbeiten müssen, wie alle anderen auch; Du erhältst die gleiche Entlohnung und ich kann Dir versprechen, dass Du ausreichend Zeit für Deine Studien finden wirst. Wie Du siehst, habe ich hier eine Vielzahl an Büchern, die Du dazu durchaus nutzen kannst. Ebenso kann ich Dir die Kammer, in der Du die letzte Nacht verbracht hast, zur Verfügung stellen.“
„Edler Herr, ich weiß nicht, was ich sagen, wie ich Euch danken soll“, konnte ich nur mühsam hervorbringen.
„Zunächst lass einmal das edler Herr beiseite und sprich mich mit Herr van Dyck an, das ist mir so angenehmer. Dann sollten wir uns nach einem Frühstück gemeinsam auf den Weg machen, um alle erforderlichen Dinge zu regeln.“
„Edler Herr, äh, ich meine Herr van Dyck, ich bin Euch undendlich dankbar.“
Obwohl sich derart viele Gedanken meinem Kopf breit machten, dass ich kaum imstande schien, auch nur einen davon klar zu erfassen, so drängte es sich mir geradezu auf, wie sehr sein angenehmes Äußeres mit seinem Handeln übereinstimmte. Stattlich in der Figur, wenngleich er mich nur wenig überragte und dazu auf das Ordentlichste bekleidet, den Bart gepflegt und die Haltung kerzengerade, gebot man ihm Respekt, ohne dass er ihn einfordern musste.
Wie von Herrn van Dyck versprochen, kümmerte er sich um alles, was es in meinem Leben nun zu regeln galt. Selbstverständlich blieb es mir dabei nicht erspart, nocheinmal in die elterliche Wohnung zurückkehren zu müssen. Reichtümer gab es hier nicht zu entdecken, doch alles weckte die Erinnerung an die geliebten Eltern. Ich nahm meine persönlichen Dinge mit, einige Stücke, die Mutter und Vater stets am Herzen lagen und natürlich die große Anzahl an Büchern, die mein Vater im Laufe der Zeit angesammelt hatte und zum Unterrichten nutzte. All dies ging in wenige Kisten. Den verbleibenden Hausrat, so sagte Herr van Dyck, wollte er nach Möglichkeit gut für mich verkaufen und den Rest, mein Einverständnis vorausgesetzt, an Bedürftige verteilen.
Ja, und so begann ich meine Arbeit im Handelskontor der van Dycks.
Was mich jedoch zunächst verwunderte war die Tatsache, dass dabei weniger meine Fähigkeiten gefragt waren, von denen Herr van Dyck doch anfangs so angetan schien. Lesen, Schreiben oder gar die Fähigkeiten der Mathematik, die waren mir hierbei nicht von Nutzen. Vielmehr schleppte ich Stoffballen von hier nach dort, trug Kisten, die mit Porzellan gefüllt und Säcke, aus denen der Duft fremder Gewürze drang, zu dem für sie bestimmten Platz. Weit mehr als ein halbes Jahr schuftete ich so und kannte somit jede Stelle, wo sich die Muskatnüsse befanden oder Pfeffer und Weihrauch gelagert wurden. In diesem Regal befanden sich die Seidenstoffe, in jenem die aus Leinen. Schleppte ich heute Kisten nach vorne, damit deren Inhalt zu den Häusern der feinen Gesellschaften gelangte, dann schleppte ich morgen wieder Kisten dorthin zurück, um die freien Plätze aufzufüllen.
Weiß Gott, es gab für mich keinen Anlass, unzufrieden zu sein. Pünktlich wie die anderen Mitarbeiter, erhielt ich meinen Lohn und, woran ich schon gar keinen Gedanken mehr verschwendet hatte, an einem Tag einen Beutel voller Gulden, die aus dem Verkauf des Hausrats stammten.
Jeweils zum Abend hin stellte mir die Magd das Essen in die Kammer. Dermaßen feine Speisen, wie ich sie früher daheim nur sehr selten vorgesetzt bekam. Wenn ich Herrn oder Frau van Dyck während dieser Zeit einmal zu Gesicht bekam, erkundigten sie sich sehr höflich nach meinem Wohlbefinden. Hin und wieder nutzte ich diese Gelegenheit, um nach einem der Bücher zu fragen, in dem ich während der Abendstunden bei flackerndem Kerzenschein lesen wollte. Am frühen Morgen, noch bevor ich den Dienst antrat, stellte ich es zurück an seine Stelle und folgte den Anweisungen des Vorarbeiters, schleppte wieder Kisten und Säcke. Nicht, dass ich diese Arbeiten scheute, sie bescherten mir schließlich ein eher sorgenfreies Leben. Nur mit jeder freien Stunde, die ich mich mit den Büchern befasste, wuchs meine Unzufriedenheit. Keineswegs wollte ich undankbar erscheinen und folgte deshalb weiterhin den Anweisungen.
Dabei fiel mir auf, wie sehr Herr van Dyck stets darauf bedacht war, mich seinen Mitarbeitern gegenüber, als Herrn van Houten vorzustellen, wogegen er mir gegenüber häufiger in die Anrede mein Junge verfiel oder mich bei meinem Vornamen nannte.
„Hendrik, Du hast Dich gut gemacht“, sprach mich eines Tages Herr van Dyck an. „Du weißt auf Anhieb, wo welche Waren zu finden sind und kennst Dich aus mit der Lagerarbeit. „Ich denke, es wird Zeit, Deine Fähigkeiten anderswo einzusetzen. Mir schwebt vor, dass Du dich mit den Listen befasst, welche die Warenein- und Ausgänge festhalten und dazu kontrollierst, wo der Schwund entsteht, den wir gelegentlich feststellen müssen. Kannst Du dir das vorstellen?“
„Sehr gerne, Herr van Dyck“, strahlte ich über das ganze Gesicht. „Es ist ja nicht so, dass ich die körperliche Arbeit verschmähe, doch nun darf ich endlich auch mehr meinen Kopf benutzen.“
Mein neuer Arbeitsraum lag nun nicht mehr weit entfernt von dem, welchen Herr van Dyck täglich aufsuchte. Nur hin und wieder machte ich mich noch auf in die Kellergewölbe, wo sich die Weinfässer befanden oder in die Hallen mit den endlosen Reihen an Gewürzsäcken. Immer, um die Unstimmigkeiten auszumerzen, welche gelegentlich in meinen Listen auftauchten. Die entstanden natürlich auch, wenn einer der Arbeiter eine Kiste mit dem edlen Porzellan achtlos neben die Tuchballen stellte oder gar eine davon zu Bruch ging.
Schneller als andere addierte ich endlose Zahlenkolonnen, stellte neue Warengruppen zusammen oder machte Vorschläge, wie das Eine oder Andere vielleicht besser zu handhaben sei. Nun gut, es waren nicht alle meine Vorschläge im Nachhinein betrachtet sinnvoll, doch meine Einsatzbereitschaft nahm man sehr wohlwollend zur Kenntnis. Mein Gefühl täuschte mich nicht, dass Herr van Dyck, nachdem er mich zuvor in den Lagerhallen schuften ließ, doch ein überaus großes Interesse an mir und meinen Fähigkeiten zeigte. So ließ es auch nicht mehr lange auf sich warten, bis Herr van Dyck mir antrug, meine bisherige Kammer gegen größere Räume im privaten Wohnhaus der van Dycks zu tauschen. Aber nicht nur dadurch fühlte ich mich sehr geschmeichelt. Auch die Tatsache, dass ich bei der täglichen Arbeit mehr und mehr zu immer wichtigeren Aufgaben herangezogen wurde, machte mich sehr stolz.
Seit gut sechs Jahren lebte ich nun bereits unter dem Dach der van Dycks. In einem Flügel des gewaltigen Hauses, in dem ich mittlerweile zwei Räume mein Eigen nennen durfte. Eine Schlafkammer und ein wohlig eingerichtetes Zimmer, in welchem ich mich an den Abenden den weiteren Studien der Mathematik, der Kartographie und der Alchemie widmete, sofern mich Herr van Dyck nicht zu einem Gespräch bat. Es war, als würde mich das kinderlose Ehepaar als ihren eigenen Sohn betrachten.
An einem Abend, ein angenehmer Sommertag des Jahres 1641 neigte sich dem Ende entgegen und es war einer jener Abende, an denen Herr van Dyck das Gespräch mit mir suchte, saßen wir gemeinsam im Herrenzimmer. Nachdem er unsere Gläser mit einem guten Portwein füllte, eröffnete Herr van Dyck das Gespräch.
„Hendrik“, begann er bedeutungsvoll, um gleich darauf wieder in Schweigen zu verfallen.
Er griff in eine schmuckvolle Holzkiste und fischte daraus eine gewickelte Blätterstange, die er sich in den Mund steckte. Während er an dem einen Ende ein brennendes Holzstück hielt, zog er am anderen Ende die Luft tief ein. Rauchwolken stiegen auf und umhüllten Herrn van Dycks Kopf. Aus diesem Nebel hinaus begann er erneut zu sprechen.
„Hendrik, mein Junge, morgen werden wir Besuch bekommen und ich würde mich freuen, wenn Du die Studien dann beiseite legen könntest und Dich an dem Gespräch beteiligst.“
Hinter dem dichten Rauch der Blätterstange, Cigarre, nannte Herr van Dyck diese neumodischen Dinger, die immer häufiger bei den gutbetuchten Herrschaften zu entdecken waren, blieb sein Gesicht fast verborgen.
„Sehr gerne, Herr van Dyck; wer wird denn zu Gast sein?“
„Es sind unsere Freunde Gottfried Weber und dessen Gemahlin. Sie werden mit ihren Kindern anreisen und einige Tage bei uns verbringen. Die Gästezimmer sind schon hergerichtet. Dann wird sich noch Kapitän Snijder dazugesellen; Du hast sicher schon von ihm gehört.“
„Ja, Herr van Dyck, auch wenn ich ihn noch nicht persönlich kennen-lernte. Und Eure Freunde, sind dass die Webers aus Xanten, die schon zu Gast bei Euch waren und deren Namen ich häufig auf den Frachtpapieren entdecke?“
„Genau so ist es und ich hoffe, sie werden die gefahrvolle Anreise gut überstehen.“
Fasziniert schaute ich zu, wie abermals eine dicke Rauchwolke den Mund Herrn van Dycks verließ. Meinen Blick schien dieser jedoch falsch zu deuten.
„Möchtest Du auch eine Cigarre probieren, Hendrik?“
„Oh, nein, vielen Dank, Herr van Dyck. Es riecht keineswegs unangenehm, aber ich weiß nicht, welchen Gefallen ich sonst daran finden sollte.“
