Ellen kommt - Jack Bredaux - E-Book

Ellen kommt E-Book

Jack Bredaux

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Beschreibung

Wieder einmal ist es der wärmste Juni aller Zeiten. Weitaus wärmer noch, als der wärmste Juni aller Zeiten des Vorjahres. Überall ist es zu warm. An vielen Stellen ist es viel zu trocken, an manchen Stellen ist es viel zu nass. Launen der Natur? Einige vermuten weitaus mehr dahinter. Dieser Juni hat es wirklich in sich. Diejenigen, die nicht direkt betroffen sind, verfolgen das Ganze mit stoischer Gelassenheit und genießen das Leben in ihrer eigenen kleinen Welt. Dass sich ausgerechnet jetzt gleich drei Raumschiffe aufmachen den Mars zu erobern, wirkt wie eine willkommene Abwechslung zu den tagtäglichen Horrormeldungen. Fünf Ellen, wie sie unterschiedlicher kaum sein können, begegnen den erlebnisreichen Tagen auf ihre nicht minder unterschiedliche Art. Ein Thriller, so nahe an der Wirklichkeit, dass man ihn lesen sollte, solange noch die Gelegenheit dazu besteht.

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Seitenzahl: 320

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Jack Bredaux

Ellen kommt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Mission Mars

Die Leben der Ellen

Naturgewalten

Wenn Steine glühen

Unruhiges Dasein

Countdown

Jambo Africa

Kein guter Deal

Beben - Steaks und Reiselaune

Medienwelt und Traumzeitlehre

Nicht nur die Erde kämpft gegen die Falten

Der Start und anderes Ruckeln

Die Mauer steht

Ein eher ruhiger Tag

Alltäglicher Wahnsinn

Die Deponie

Nur ein Name

Ellen kommt

Impressum neobooks

Mission Mars

Prolog

Kraftvoll dreht er seine Runden. Ein um´s andere Mal. Schwungvoll und doch beinahe mühelos. Immer und immer wieder; typisch Ausdauersportler. Wunderschön ist er dabei anzusehen; typisch Modellathlet.

Bislang gibt es niemanden, der besser aussieht. So stark sieht er aus und doch so verletzlich.

Ehrlicherweise muss erwähnt werden, dass er sich am besten aus der Entfernung darstellt. Das bleibt nicht aus, wenn man tagtäglich sein Bestes gibt und buchstäblich das Letzte aus sich herausholt. Kommt man jedoch näher heran, dann ist deutlich zu erkennen, dass die Zeit nicht spurlos an ihm vorübergegangen ist. Kein Wunder, etwa 4,6 Milliarden Jahre sind kein Pappenstiel. Doch aus einer schlappen Entfernung von gerade einmal vierhundert Kilometern, da zeigt er sich wirklich von seiner schönsten Seite. Überwiegend in blau gehalten und doch gleichzeitig in einer Farbenvielfalt, wie sie kaum ein Maler auf die Leinwand bannen kann. Selbst wenn die Nacht über ihn hereinbricht, erhellt er in weiten Teilen die naturgemäß dunkle Umgebung.

Das ist der blaue Planet in der Unendlichkeit des Raums, unsere Erde.

Wir arbeiten kräftig daran, diese beinahe makellose Schönheit zu zerstören und uns den derzeit einzig möglichen Lebensraum zu nehmen. Aber die Wissenschaft sieht ein Ende erst in vielen Millionen Jahren gekommen. Wenn sich jedoch die klügsten Köpfe zusammentun, um nach Möglichkeiten für einen neuen Lebensraum zu suchen, dann scheint es zumindest an der Zeit zu sein.

Ja, ja, die Zeit; sie ist unendlich vorhanden und doch für jeden von uns nur sehr begrenzt verfügbar. Dennoch gehen wir so verschwenderisch mit ihr um.

Sie ist messbar und besitzt sogar einen Preis. Zudem stellt sie eine physikalische Größe dar, zu der es eine Formel gibt. Aus der philosophischen Perspektive beschreibt sie das Fortschreiten der Gegenwart, von der Vergangenheit kommend und zur Zukunft hinführend.

Was aber ist, wenn uns keine Zeit mehr bleibt? Tick-tack-tick-tack-tick-tack, so vergehen Sekunden, Minuten und Stunden, die uns dem Ende näherbringen. Jeden von uns, sehr individuell und auf seine ganz besondere Art und Weise. Wenn es niemanden und nichts mehr gibt, dann bleibt nur sie allein zurück, die Zeit.

Die Zeichen stehen auf Sturm. Im wahrsten Sinne des Wortes, und wenn es doch damit nur getan wäre. Doch diesmal kommt es richtig dicke.

Einmalig; anders ist es kaum zu beschreiben. Nie zuvor schafften die führenden Nationen so intensiv an einem gemeinsamen Werk. Die Raumstation ISS als bescheidener Anfang einmal davon ausgenommen.

Es wird Zeit, neuen Lebensraum zu schaffen. In den vergangenen Jahrtausenden ist es der Menschheit nicht gelungen, mit der Erde zu leben. Wir lebten und leben bis heute von ihr und berauben uns selbst der eigenen Daseinsgrundlagen. Ein Irrweg, der nun auf einem anderen Planeten seine Fortsetzung finden soll.

Während in weltweit mehr als vierhundert Scharmützeln die großen Nationen ihrer Stellvertreterkriege abarbeiten und der Bevölkerung aufzeigen, dass das Leben aus Leid besteht, entsenden sie gleichzeitig ihre klügsten Köpfe, um dieses Projekt voran zu treiben. Es gibt nichts, was zu diesem Thema nicht schon gesagt wäre, es gibt keinen Namen, den man diesem Vorhaben noch vergeben kann.

Dennoch, mit jedem Tag, den das spektakuläre Ereignis näher und näher rückt, mit jeder Stunde die vergeht, mehren sich die Berichterstattungen. Rund um den Globus gibt es keinen Fernsehsender, der nicht mit Sondersendungen aufwartet. Kaum ein Studio, in welchem sich nicht die Pseudokundigen die Klinke in die Hand geben.

Jahrzehnte in denen Visionen und wissenschaftliche Erkenntnisse die technischen Möglichkeiten immer weiter vorantrieben, scheinen nun wie im Fluge vergangen. Das schier Unmögliche ist nicht nur machbar, sondern wird definitiv in die Tat umgesetzt. Wie klein wirken dagegen die einst so großen Ereignisse.

Aber was ist geblieben von den vielen Hundertausenden, von den Abenteurern, den Zockern und Entdeckern, die begeistert hier schrien und unbedingt dabei sein wollten? Nachdem sich ein Heer von Medizinern, Psychologen, Sportlehrern, Ernährungswissenschaftlern und etliche weitere Fachleute ihrer annahmen, blieb ein Häuflein von dreißig Personen übrig. Nicht mehr.

Sind das noch die Wagemutigen, die Abenteurer oder die, die in beinahe selbstmörderischer Absicht zu Ruhm und Ehren kommen möchten? Nein, ein ganz klares Nein. Fünfzehn Frauen und fünfzehn Männer sind es, welche den schwersten Prüfungen standhielten. Sie schafften den psychischen wie physischen Härtetest, der sich über Jahre hinzog und dessen Grenzen nie höher angesetzt waren.

Ganz unabhängig davon, wie diese Reise ins Ungewisse enden wird, ihren Platz in der Geschichte werden diese dreißig Personen finden. Vorausgesetzt natürlich, die Zukunft wird eine Geschichte bereithalten.

Selbstverständlich gibt es bis heute auch die kritischen Stimmen. Durchaus zu Recht wird behauptet, dass mit den investierten unvorstellbaren Summen alle Not der Erde von einem Moment auf den Nächsten beendet werden könnte. Andere meinen sogar, das ganze Vorhaben sei nichts als purer Unsinn. Sie fragen, berechtigt oder auch nicht, weshalb man dorthin zurückkehren will, woher man doch vor Urzeiten gekommen ist.

Diese Kritiker vertreten allen Ernstes die These, dass der Mensch einst den Mars bewohnte, ihn ausplünderte, so wie es derzeit mit der Erde geschieht und sich dann auf die Reise zu unserem blauen Planeten machte.

Ein sehr düsteres Szenario wird da gemalt. Sollte unsere Mutter Erde in wenigen Jahrhunderten wahrhaftig so aussehen, wie es der derzeitige Stand vom Mars hergibt? Die Antwort dazu liegt irgendwo in der Zukunft.

Es gibt kein Zurück mehr. Nicht nur der milliardenverschlingende Megawatt-Kernreaktor wird als neuartiger Raumschiffantrieb seine Fähigkeiten unter Beweis stellen müssen. Startraketen, gegen die selbst die bekannte und bewährte Saturn V wie ein Relikt aus Urzeiten daherkommt, werden erstmalig in Dienst gestellt.

Und sollte der ferne Planet wie erhofft erreicht werden, dann würden zwischen dem baldigen Start und einer eventuellen Rückkehr immer noch zwei Jahre des Hoffens und des Bangens liegen.

Alleine der Hinflug wird trotz der neuen Antriebe kaum weniger als einhundertachtzig Tage in Anspruch nehmen. Treten während des Fluges Probleme auf, so ist eine Umkehr aus der Hinflugbahn unmöglich; selbst wenn darauf verzichtet wird, überhaupt erst auf dem Mars zu landen. Da spricht der Fachmann vom Point of no return. Wollte man jedoch tatsächlich vom Mars aus die Rückkehr in Angriff nehmen, so wäre dort zunächst ein Aufenthalt von etwa einem Jahr erforderlich, um bei einem erneuten Start der Erde wieder relativ nahe zu sein. Auf Hilfe von außen kann bei diesem Vorhaben niemand hoffen.

Eine waghalsige Unternehmung, die in zwei Tagen beginnt. Also durchaus verständlich, dass die Medien fast nur ein Thema im Programm haben. Mittlerweile sind jedem Erdbewohner drei Orte so bekannt, als würden sie in der unmittelbaren Nachbarschaft liegen.

Drei Namen von Standorten, die schon seit vielen Jahren immer wieder einmal Erwähnung finden und doch eher beiläufig wahrgenommen werden.

Cape Canaveral, an der Ostküste Floridas gelegen, Baikonur, was sich in der kasachischen Steppe befindet und Kourou, in Französisch-Guayana, das sind die, nach bisherigem Sprachgebrauch, bekannten Weltraumbahnhöfe. Von dort aus wird sich jeweils einer der neuentwickelten Giganten mit je zehn Personen an Bord aufmachen. Das in jeder Hinsicht entfernte Ziel ist, neuen Lebensraum zu schaffen. Der Vorteil zu den Entdeckungsreisen vergangener Jahrhundert besteht darin, dass man weiß, wohin man sich aufmacht. Eine Ahnung ist da, was auf die Abenteurer der Neuzeit zukommt. Und das Wissen dazu, dass es kaum lebensfeindlicher geht.

Manche meinten, man hätte sich etwas mehr Zeit nehmen sollen, um noch mehr Tests und technische Verbesserungen abzuwarten. Andere hingegen drängten geradezu zur Eile. Berichte, dass Meteoriten einschlagen könnten, gab und gibt es zu Hauf und immer wieder tauchen Vorhersagungen über den bevorstehenden Untergang auf. Greifbar ist bislang jedoch nur, dass an den Polkappen das Eis noch schneller schmilzt, als vorhergesagt, die Meeresspiegel steigen und die Wetterextreme sich häufen.

Pessimisten neigen gar zu der Ansicht, der Mensch würde den Planeten Erde zerstören. Das ist natürlich Humbug. Der Mensch kann Leben vernichten, sich der eigenen Daseinsgrundlagen berauben; doch wie sollte er so einen Giganten wie die Erde in die Knie zwingen? Das kann sie nur selbst schaffen.

Nach Jahrmillionen des steten Marathons um die eigene Achse und der täglichen Veränderungen gibt es nur die Möglichkeit, dass sie selbst aufgibt. An den eigenen Grenzen der Belastbarkeit angekommen, würde dies der Techniker lapidar mit Materialermüdung umschreiben.

Doch weshalb soll heute eintreffen, was gestern noch nicht möglich erschien? Darum geht das Leben weiter, für jeden von uns und sehr individuell.

Die Leben der Ellen

Als wäre der zweitgrößte Inselstaat Europas nur für die Märchenwelt geschaffen, dampft und brodelt es auf der größten Vulkaninsel aus vielerlei Schloten. Feuer und Eis prägen die Landschaft, verändern sie täglich aufs Neue. Unmittelbar neben heißen Quellen umspülen die kalten Wasser des Nordatlantiks die Küste. Hier bekommt man ein Gefühl für die Elemente, und die Bewohner lernten frühzeitig, damit umzugehen.

Sie nutzen die unvorstellbare Energie des Erdinneren, zapfen sie an, um an die lebensnotwenige Wärme zu gelangen und trotzen so der Kälte des nahen Polarkreises. Das ständige Aufbegehren aus dem Inneren selbst dient einzig und alleine dem Überleben der Insel. Die sogenannte Island-Plume sorgt mittels Vulkanismus für ständigen Nachschub an geschmolzenem Gesteinsmaterial und verhindert auf diese Weise ein Auseinanderbrechen.

Durchaus angenehm sollte man meinen; dreiundzwanzig Grad und die Sonne lacht von einem wolkenlos blauen Himmel. Dreiundzwanzig Grad sind hier auch im Juni nicht unbedingt die Regel, aber die Erderwärmung macht sich eben bemerkbar. Bedingt durch den Warmwassertransport des Golfstroms sind die Winter bislang relativ mild. Der sommerliche Juni dagegen kommt im Vergleich dazu recht kühl daher. Doch dieser Tag hat es so richtig in sich. Mal kein Regen, keine Wolken, nichts als strahlende Sonne und immerhin dreiundzwanzig Grad.

„Guten Morgen mein Schatz“, „Guten Morgen, mein Liebling“, so freundlich und das zusätzlich mit einem dicken Kuss besiegelt, begrüßen sich Ellen und Haraldur.

Ellen ist Bankangestellte und hat in den vergangenen Jahren einiges durchmachen müssen. Wie eine Löwin kämpfte sie um ihren Arbeitsplatz. Wie, man ist geneigt zu sagen alle Banken, so haben auch die isländischen Banken ordentlich gezockt und sich dabei verzockt. Jede verfügbare Minute opferte Ellen dennoch dem Unternehmen und nahm dabei etliche Einschränkungen hin. Für die unendlichen Überstunden konnte sie nicht auf einen geldwerten Ausgleich hoffen. Mit deutlichen Abstrichen wurden diese geleisteten Stunden einem Zeitkonto gutgeschrieben. Nur so konnte sie ihren Job als Kassiererin retten. Nun wo wieder alles geregelter zu verlaufen scheint, bedient sie sich an diesem Zeitkonto. War schon ein richtiger Kampf, den Vorgesetzten davon zu überzeugen, dass sie sich diese kurze Auszeit verdient hat. Endlich vier Tage frei.

Haraldur, ihr Ehemann, ist Freiberufler, Künstler, Musiker. Seine Erscheinung erfüllt jedes Klischee, das einem bei dieser Berufsbezeichnung in den Sinn kommt. Hochgewachsen, mit modischem Drei-Tage-Bart und roter Zottelmähne, dazu einem Outfit, welches im krassen Gegensatz zu dem von Ellen steht.

Ihm fällt es schon leichter, sich mal einen Tag freizuhalten. Einfach so, wenn keine Termine angesagt sind. Ein ganz klarer Nachteil seines Schaffens, das Geld kommt nicht kontinuierlich herein. Gerade während der beschriebenen schwierigen Zeiten führte das oftmals zu Engpässen. Nächste Woche jedoch erscheint eine CD von Haraldur. Die Prognosen dafür sind durchaus positiv. Wenn der Durchbruch gelingt, dann wollen die beiden eventuell mal über eigenen Nachwuchs nachdenken.

„Das ist wie Urlaub“, strahlt Ellen ihren Liebsten an. „Vier Tage nur mit Dir; aber Du hast mir auch versprochen, dass wir shoppen gehen und ich mir ein Paar Schuhe kaufen darf.“

„Nicht nur auf diesen Tag freue ich mich, ich hoffe, die Nacht wird genauso kurzweilig werden“, lacht Haraldur zurück.

„Warten wir doch einfach ab, wie sich der Tag entwickelt“, gibt Ellen mit einem Augenzwinkern zurück. „Ich freue mich aber wirklich riesig, Harald“, so nennt Ellen ihren Traummann.

„Gut zehn Jahre, seit 2008, knapsen und sparen wir, wo wir nur können und so langsam geht es ja nun wieder aufwärts. Wäre schon toll, wenn wir im nächsten Jahr in den Süden reisen könnten. Ich möchte auch einmal am feinsten Sandstrand liegen und mich bei dreißig Grad bruzzeln lassen.“

„Ellen, ich habe zwar kein geregeltes Einkommen wie Du, aber Du hast erlebt, wenn wir mit unserer Band Auftritte haben, dann kommt richtig was dabei rum. Und für die nächsten Monate sind wir sehr gut gebucht. Es wird schon alles in unserem Sinne verlaufen, warte es ab. Komm, wir machen uns auf den Weg, sonst läuft uns die Zeit davon“, drängt Harald, während er Ellen nochmals einen Kuss aufdrückt.

Sie haben es nicht weit bis in die Innenstadt von Reykjavik, wo sie in einem der gemütlichen Lokale frühstücken werden, und auch die hübschen Schuhgeschäfte sind von dort aus leicht zu erreichen. Es ist wahrhaftig ein wunderschöner Junitag, mit erstaunlichen dreiundzwanzig Grad und das bereits in den Vormittagsstunden. Glaubt man den Meteorologen, dann ist dies der bisher wärmste Juni aller Zeiten. Wie ein jungverliebtes Paar und nicht, als wären sie schon seit neun Jahren verheiratet, bummeln sie sich an den Händen haltend los und es ist kaum auszumachen, wer mehr Glanz verbreitet; Ellen und Haraldur oder die Sonne, die das Pärchen lächelnd begleitet.

Das plötzliche Zittern des Bodens, ein fernes Grollen, so als würde die Erde rülpsen, das gehört zu Island, wie man Italien eben mit den Zitronen in Verbindung bringt. Kein Grund zur Aufregung. Der Ausbruch des Eyjafjallajökull hat seinerzeit in einigen europäischen Ländern für noch mehr Unruhe gesorgt, als auf Island selbst. Der prognostizierte Weltuntergang ist natürlich wie immer nicht eingetreten; wen stört es also, wenn die Erde hier mal aufstößt.

Deshalb ist das leichte Aufbäumen und das, nur auf den ersten Blick hin bedrohliche Grollen, wohl nicht mehr als ein Willkommensgruß für den neuen Tag. Vielleicht nicht ganz so zärtlich, wie Ellen und Haraldur das Erwachen begrüßten.

Jeder empfängt den neuen Tag auf seine Weise; mal im zärtlichen Überschwang, mal mit dem quälenden Bewusstsein, dass der tägliche Überlebenskampf wieder von neuem beginnt. Aber ganz gleich, mit welchen Gefühlen der Einzelne auf dem Planeten Erde zu neuen Aktivitäten aufbricht, Island ist überall. Wenn auch nicht dermaßen greifbar nahe für jeden, ist doch die treibende Kraft aus dem Erdinneren überall spürbar. So auch rund sechstausend Kilometer südwestlich von Reykjavik.

Tornados haben während der vergangenen Tage für Unruhe gesorgt. Nicht, dass sie auch nur annährend in die Nähe der Ranch gekommen wären, doch der sich ständig ändernde Luftdruck macht ihr zu schaffen. Sie hat sich an wirklich alles gewöhnt und angepasst, nur die Angst vor diesen Stürmen wird sie einfach nicht los.

Seit 03:00 Uhr ist sie auf den Beinen, sitzt vor dem Bildschirm ihres Computers und fragt Wetterdaten ab; hofft, dass langsam der Morgen erwacht und sie ihren Mann zum Frühstück rufen kann.

Vor fünfzehn Jahren studierte Ellen noch in Deutschland Geologie und Geophysik; befasste sich mit Vulkanismus, der Astronomie und allerlei naturwissenschaftlichen Dingen.

Aus einem kleinen Ort am Oberrhein stammend nutzte sie damals die Semesterferien zu einer Reise in die Vereinigten Staaten, ein Ausflug in die große weite Welt, der ihr Leben schlagartig verändern sollte.

Der Yellowstonepark im US-Bundesstaat Wyoming war allein schon aus Studiengründen ihr primäres Ziel. Sie konnte sich kaum vorstellen, dass zweiundsechzig Prozent aller weltweit existierenden heißen Quellen in diesem Gebiet liegen sollen. Doch sie wusste ebenfalls um die Gefährlichkeit des Yellowstone-Vulkans, eines Supervulkans, der nur scheinbar vor sich hinschlummert. Seit Jahren hebt sich der Boden dort, ohne dass es bislang zu einem Ausbruch gekommen ist. Sollte jedoch dieses schicksalsträchtige Ereignis irgendwann eintreten, dann wäre allerdings nicht nur der Park davon betroffen. Die mit einem Ausbruch einhergehende Verdunkelung durch Aschewolken würde den gesamten Planeten mit einem dramatischen Rückgang der Temperaturen in Mitleidenschaft ziehen. Mit weiteren Vorstellungen über ein Horrorszenario, von dem niemand wusste wann es eintreten wird, mochte Ellen ihre erste Reise in die Staaten aber nicht belasten.

Nach ausführlicher Besichtigung des Parks zog es sie weiter, westwärts, nach Idaho, den Rocky Mountains entgegen. Fasziniert und beeindruckt nahm sie auch hier die Landschaft wahr. Bestaunte den Snake River, welcher durch den Hells Canyon rauscht, der sogar noch tiefer ist, als der weitaus berühmtere Grand Canyon. Nicht weniger gebannt schaute sie auf die Shoshone Falls, die von noch größerer Höhe in die Tiefe stürzen als die Niagarafälle.

Es waren zu viele der Naturschönheiten, als dass sie einfach wieder zurückgekonnt hätte. Sie hatte sich richtig darin verliebt; und in Mike. Beim Überlandtrip traf sie in einer Kneipe auf ihn. In dem Lokal spielte Countrymusik und Mike, mit einem Stetson auf dem Kopf, saß an einem Tisch und trank Bier. Kitschig und schön, wie in einem alten Western. Mike sah das German Fraulein und war weg; Ellen sah den Cowboy, diesen gut aussehenden, stattlichen Mann und war verzaubert.

Nach einem Jahr, Ellen musste zunächst zurück in ihre Heimat, um alles zu regeln, vor allen Dingen, um ihren Eltern klar zu machen, dass sie das Studium aufgeben und nun in den Staaten leben wollte; also nach gut einem Jahr hieß Ellen schließlich Mrs. Fairbanks und war die Frau von Mike.

Und Mike machte nicht nur in der Countrykneipe den Eindruck eines Cowboys. Nein, das ist wahrhaftig sein Beruf oder eher seine Berufung. Nur ist er nicht so ein Typ, wie sie aus Filmen her bekannt sind, mit einer Zigarette zwischen den Lippen und vom Pferd aus in die Gegend spuckend und dabei nach Viehdieben spähend. Nein, ganz im Gegenteil, Mike hat das College gut abgeschlossen und auf dem Finanzmarkt recht gutes Geld gemacht. Davon kaufte er sich die Ranch, auf der er heute mit Ellen lebt, denn die Natur schlug ihn weit mehr in seinen Bann, als es die Bankgebäude in Boise vermochten.

Mit sechs Helfern bewirtschaften Ellen und Mike die Ranch, auf der einige hundert Rinder ein durchaus gutes Leben führen, bevor sie im Schlachthaus enden. Und verrückt, wie das Leben eben ist, zieht es den aufgeweckten zehnjährigen Sohn Ben wohl mehr in die Finanzwelt, als dass er sich eine Zukunft als Rancher vorstellen könnte. Ganz so wie damals seinen Vater Mike. Aber bis dahin wird der Bube sicherlich noch häufiger seinen Berufswunsch ändern. Ist schließlich noch eine lange Zeit, bis eine Entscheidung fällig wird.

„Guten Morgen Mike“, kommt es freundlich, aber überaus müde über Ellens Lippen. „Die Nacht war die reinste Hölle für mich, ich habe nicht wirklich auch nur eine Minute richtig fest geschlafen.“

„Dafür siehst Du aber wieder einmal blendend aus, mein German Fraulein“, gibt Mike, ganz Gentleman, aufbauend zurück.

Ellen, mit ihren neununddreißig Jahren, ist aber auch wirklich eine überaus attraktive Frau. Zumindest so hübsch, dass eine ansässige Brauerei die Gelegenheit nutzte, mit dieser Schönheit und der deutschen Herkunft, für das eigene Bier zu werben. Nicht gravierend, nicht dermaßen dotiert, als wenn ein Filmsternchen Werbung macht. Aber ein durchaus lukratives Zubrot, für welches ein Cowboy sich schon ganz nett krumm machen muss.

Für Ellen, die sich um den Haushalt und die Erziehung des Sohnes kümmert, jedoch weniger um den eigentlichen Ranchbetrieb, ist so eine Einnahmequelle ein Segen. Die Ranch sichert durchaus ein gutes Leben, ist jedoch viel zu klein, um damit wirklich ein Vermögen schaffen zu können. Da Ellen sich in ihrer Freizeit weiterhin der Geologie, der Geophysik und diesen Dingen hingibt, nutzt sie einen Teil der verdienten Werbeeinnahmen für dieses Hobby. Kauft Hochleistungsrechner und Programme, um die Grafiken und Daten, welche sie sich via Internet beschafft oder von professionellen Stationen zugeschickt bekommt, entsprechend auswerten zu können. Sie hat weltweit Kollegen, ohne diese je zu Gesicht bekommen zu haben. Ellen nimmt ihr Hobby sehr ernst.

„Liebling, wir werden heute den ganzen Tag auf den Weiden sein, um zu brennen. Machst Du mir bitte ein Lunchpaket fertig, damit ich nicht wegen des Essens zurückkommen muss?“

„Gerne, Du Kuhhirt und sobald du fort bist, werde ich mich an den Rechner setzen und schauen, was für neue Nachrichten auf mich warten. Ich fühle mich überhaupt nicht wohl und auch wenn es ein wunderschöner Tag zu werden verspricht, habe ich das Gefühl, dass etwas nicht stimmt. Nicht, dass wir doch noch von einem Tornado überrascht werden.“

„Mach Dir nicht immer so viele Sorgen, mein Engel. Wenn der Schulbus kommt und Ben mitnimmt, kannst Du dich doch anschließend ein wenig hinlegen; die Nachrichten laufen nicht weg; und was will ein Tornado gegen sieben gestandene Cowboys ausrichten?“

„O.K., Mike, pass auf Dich auf und quält die Kühe nicht so, wenn ihr das Brandzeichen aufsetzt. Ich bin immer noch der Meinung, dass muss heute nicht mehr sein!“

„Ellen Schatz, die Rinder haben bei uns ein Leben wie im Paradies und dieses Stückchen Tradition, das möchte ich gerne erhalten. Sonst könnte ich gleich drei Leute entlassen und wüsste selbst nicht, wohin mit der Zeit.“

Achtunddreißig Grad sind vorhergesagt, der Himmel ist blau und die Sonne strahlt. Schwach wiegt sich das Gras in dem lauen Wind; schön und kitschig, wie in einem alten Western.

Vielleicht nicht ganz so kitschig, aber ebenfalls wild wie im Westen, geht es ihn Terra Australis zu, dem Südlichen Land.

Auch wenn der Himmel wolkenlos daherkommt, so sind doch nicht alle der Meinung, dass dies ein schöner Tag ist. Das gleißende Licht der Sonne unterdrückt jedes Strahlen. Zwar ist es zu dieser Jahreszeit mit fünfundzwanzig Grad deutlich kühler als im australischen Sommer, doch immer noch wärmer, als es üblicherweise der Fall ist. Die Klimaerwärmung macht vor dem trockenen Kontinent nicht halt. Erst wenn die Sonne hinter dem Horizont verschwindet wird es merklich kühler und eine wärmende Jacke ist angebracht. Schön wohl nur für Touristen, die auf einer Rundreise durch den Kontinent verschiedene Klimazonen erleben und später daheim erzählen können, wie sie der brennenden Glut standhielten.

Lebt man jedoch ständig im Northern Territory, dann sieht das Ganze schon anders aus. Zumal, wenn man nicht zu den Glücklichen zählt, die sich Australier nennen dürfen. Nicht-Australier in dem Sinne, dass man eben kein Nachfahre der Strafgefangen ist, die 1788 hier abgeladen wurden oder Nachkomme der Siedler und Einwanderer, die in späteren Jahren überwiegend aus Europa einfielen. Als Terra Nullius deklarierte die britische Krone damals Australien, als unbewohntes Land und nahm es prompt unter Beschlag.

Dabei war Australien seit Jahrtausenden bewohnt, nur eben nicht von den Australiern wie wir sie heute kennen. Seit Urzeiten lebten dort die Aborigines.

Somit gehören Ellen und Dave mit Sicherheit zu den wirklich echten Australiern; einer nun etwa zweiundzwanzig Millionen großen Bevölkerung. Selbst, wenn sie Wahrnehmung ihres Daseins erst in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts bekamen, denn sie sind Aborigines.

Ellen und Dave, ihre richtigen Namen sind für uns kaum auszusprechen und darum bleiben wir einfach bei diesen Namen, unter denen Ellen und Dave auch ihren Nachbarn bekannt sind, gehören zu den späten Gewinnern, möchte man es einmal überaus wohlwollend betrachten. Richtigerweise zählen sie aber zu frühen und immerwährenden Verlieren.

Im Jahre 1967 wurde ihnen das einzige Kind fortgenommen, in eine staatliche Institution verbracht oder vielleicht sogar von einer weißen Familie adoptiert. Sie wissen es nicht. Angeblich zum Wohle der Kinder der Aborigines wurde dieses staatlich verordnete, grausame Programm ersonnen. Schon möglich, dass die Zeit Wunden heilt, aber für Ellen und Dave reicht diese Zeit nicht mehr. Sie sind alt. Ihre Wunden werden sich nicht mehr schließen, wenngleich sie sich mit den Umständen Ihres Daseins arrangiert haben.

Im Verhältnis zu manch anderen Ureinwohnern des Kontinents, geht es den Beiden relativ gut. Waren sie auch nahe daran, nach dem von oben verordneten Kindesraub dem Alkohol zu verfallen, so schafften sie dennoch, wenn auch spät, den Absprung. Nun sind sie alt und erhalten von dem Staat, der ihnen so viel Unrecht antat, eine magere Apanage, die sie über die Runden kommen lässt. Mit jeglicher Art von Aushilfsarbeiten verschafft sich Dave ein Zubrot und Ellen arbeitet als Hausmädchen mehrfach in der Woche in einem italienischen Haushalt.

Damit hat sie einen wahren Glücksgriff getan, denn die italienischen Einwanderer sind nicht nur lebensfroh und freundlich, sondern honorieren die Arbeit von Ellen überdurchschnittlich gut.

Eine Woche haben nun beide frei, Urlaub wie sie sagen. Mit etwas Geld von ihrem Ersparten wollen sie sich auf den Weg zu ihrer ganz eigenen Urlaubsreise machen. Zu Fuß möchten sie zu einem für sie heiligem Platz pilgern. Ganz im Sinne alter Tradition. Das Licht dieses Tages werden sie für den Hinweg noch brauchen. Der Uluru ist das Ziel; außerhalb Australiens eher als Ayers Rock bekannt.

Dieser riesige Gesteinsbrocken mit einer Länge von etwa drei Kilometern und einer Breite von bis zu zwei Kilometern hat für Aborigines eine besondere Bedeutung und ist für sie ein Heiligtum. Laut mythischer Legenden enden dort alle Traumzeitreisen oder führen dorthin. Ungeachtet dessen turnen und klettern sowohl australische, als auch ausländische Besucher auf diesem Heiligtum herum, um für schöne Fotos zu posieren.

Doch auch damit haben sich Ellen und Dave arrangiert und überglücklich machen sich die beiden Alten auf den Weg. Abgesehen von ihrem Alter, ihrer Herkunft und den Lebensumständen, unterscheiden sie sich nicht von Ellen und Haraldur oder Ellen und Mike. Ihre innige Zuneigung zueinander scheint überdies noch intensiver, noch greifbarer zu sein. Zu Fuß, mit neuen aber billigen Sportschuhen bekleidet gehen sie los, denn für sie hat Zeit einen ganz anderen Wert, aber nicht unbedingt einen Preis.

Regen und Sonne sind auf dem Erdball sehr ungleich verteilt. Dörrt hier der gleißende Feuerball das Land aus, dann fällt woanders Regen im Ausmaß einer Sintflut. Doch diese vom Himmel herabstürzenden Bäche, die ganze Landstriche überfluten, kommen nicht nur zerstörerisch daher.

Dunkel, aber nicht mehr drohend wie noch Stunden zuvor, ziehen gewaltige Wolkenberge am Himmel vorüber. Zwischendurch sind Lücken zu erkennen, die einen Blick auf das strahlende Blau freigeben. Bis vor einer Stunde hat es noch heftig geregnet, nicht unnormal zu dieser Jahreszeit.

Monsun, was in europäischen Ohren klingt, als hätte ein asiatischer Fahrzeughersteller ein neues Mittelklassemodell auf den Markt gebracht, ist in manchen dieser Regionen Segen und Fluch zugleich. Durch die Wanderung des Zenitstandes der Sonne zwischen den Wendekreisen wird dieses Wetterphänomen hervorgerufen. Vielleicht ist es weniger ein Phänomen, als vielmehr eine jährlich wiederkehrende Wetterfront, deren Niederschlagsmenge natürlich nicht nur von der scheinbaren Wanderung der Sonne abhängt.

Was jedoch über Tarlac niederging ist schon recht ordentlich gewesen. Man kann sich eben nicht aussuchen, wo man das Licht der Welt erblickt. Hier auf Luzon im Norden der Philippinen gibt es eben den Monsun; genau wie Erdbeben, davon ausgelöste Tsunamis oder diverse Vulkanausbrüche. Der Pinatubo oder der Mayon zeigen deutlich ihre Aktivitäten; der Ring of Fire sorgt für so manche Überraschung.

Weil kein Ort in dieser Gegend mehr als zweihundert Kilometer vom Meer entfernt liegt, sind Ellen und Sanchez Rodriguez recht zufrieden, einigermaßen zentral zu wohnen. Nicht jeder großen Welle, welche es schafft, den Sand, die Sträucher und Büsche zu überwinden, gelingt es, dass Innere zu erreichen.

Ellen und Sanchez sind Namen, die aus Sicht eines Europäers gar nicht so recht asiatisch klingen. Diese sind der rund dreihundert Jahre dauernden Kolonialzeit geschuldet, in welcher die Spanier nicht nur ihre Sprache in Neuspanien verankerten, sondern auch das Christentum sich festsetzte. Somit zählen auch heute noch um die achtzig Prozent der Bevölkerung zum katholischen Glauben.

Ellen und Sanchez entstammen der früheren Schicht der Ilustrados, einer Klasse, die es während der Kolonialzeit zu einigem Wohlstand brachte und die ihre Kinder sogar zum Studium nach Europa schickte; neue, freiheitliche Ideen aus Europa fassten damit auf den Philippinen Fuß. Die Großeltern ließen sich in Tarlac nieder und begannen mit einem kleinen Handelsgeschäft.

Von den kleinen Vorteilen, welche dieser Oberschicht vor Jahrhunderten zu Teil wurde, profitieren Ellen und Sanchez auch heute noch. Ihnen ging es immer ein wenig besser als den meisten ihrer Landsleute und mit Fleiß und Geschick brachten sie es zu einem Wohlstand, mit dem sie auch in der westlichen Welt zu den Besserverdienenden zählen würden. Sie genießen den Wohlstand, ohne dabei unangenehm aufzufallen. Ein schönes Haus wird von Bediensteten gepflegt und so ist es Manuel, der Gärtner, der die Keramikplatten zur Eingangstür des Hauses vom reichlichen Regenwasser befreit.

Mit der Zeit haben sich Ellen und Sanchez damit abgefunden, dass ihre Ehe kinderlos bleibt. Sanchez´ zweite große Liebe, neben seiner Frau, gilt seinem Import- und Exporthandel, der für das überdurchschnittlich gute Einkommen sorgt. Vierzig Mitarbeiter haben durch sein großes Engagement einen festen Arbeitsplatz gefunden. Bis vor wenigen Jahren hat Ellen noch fleißig im Büro mitgearbeitet, aber nun, mit Mitte vierzig, lässt sie es sich gut gehen. Auch Sanchez tritt beruflich kürzer, aber alles den Mitarbeitern überlassen, nein, dass kann er noch nicht. Eine Überraschung hält er, der bisher nur beruflich viel reiste, für seine Liebste bereit. In zwei Tagen möchte er sich mit ihr nach China aufmachen. Eine Flussreise auf dem berühmten Yangtze ist gebucht. Eine Reise, von der Ellen schon so lange träumt, und heute Abend wird er sie mit dieser Überraschung beglücken.

Sanchez ist stolz, eine dermaßen liebe und gebildete Frau an der Seite zu haben, die sehr viel Wert auf ihr Äußeres legt. Die ausgeprägten hohen Wangenknochen, verleihen dem schmalgeschnittenen Gesicht einen besonderen Reiz. Um die insgesamt natürliche Schönheit noch ein wenig mehr zur Geltung zu bringen und um Sanchez damit eine Freude zu bereiten, hat Ellen für den heutigen Nachmittag vier Stunden in einer Wellnessoase des besten Hotels am Ort vorgesehen.

Beide gehen sehr liebevoll miteinander um und als besondere Eigenart haben sie es beibehalten, sich in den eigenen Räumen ausschließlich auf Spanisch zu unterhalten.

Mit beiden Händen stemmt sich Sanchez kraftvoll vom Frühstückstisch hoch.

„Mein Herz, ich mach mich auf den Weg zur Firma, zu Mittag werde ich mit unserem Einkaufsleiter in einem nahegelegenen Restaurant essen. Dir wünsche ich heute einen wunderschönen Tag; kaufe Dir das hübsche Kleid, das Dir so gut gefallen hat und lasse Dich im Hotel recht ordentlich verwöhnen. Dein Nochmehr an Schönheit werde ich später genau betrachten und mit einem guten spanischen Rotwein werden wir darauf anstoßen.“

„Sanchez, Du alter Schmeichler, es ist schon gut, dass ich Deine Sekretärin kenne und sie nicht zu fürchten brauche. Bis nachher und fahre vorsichtig.“

Natürlich hat Sanchez einen Chauffeur, aber gelegentlich fährt er gerne selbst, gerade jetzt, wo die Limousine aus Deutschland erst wenige Wochen alt ist. Trockenen Fußes erreicht er die Garage; Manuel hat fleißig die Platten gefegt.

Selbstverständlich fährt Sanchez vorsichtig, der Wagen ist neu und die Straßen sind voll, zudem hat er Zeit, schließlich ist er der Chef.

Wie anders dagegen stellt sich der Tagesablauf doch dar, wenn man im Venedig des Nordens aufwacht. Dermaßen schwärmerisch wird die alte Zarenstadt gerne in Reiseführen beschrieben.

Etwa vierhundert Kilometer östlich der großen Metropole erblickte Ellen Tschernakova vor zweiundzwanzig Jahren das Licht der Welt. Und selbst jetzt, im einundzwanzigsten Jahrhundert, scheint in diesem Dorf abseits der großen Städte die Zeit stehengeblieben zu sein. Ihre Eltern wohnen noch immer hier, in dem Ort mit den alten verfallenen Häusern. Westliche Touristen werden bei diesem Anblick in eine ach so romantische Stimmung versetzt. Von Romantik ist jedoch hier nicht viel zu spüren, wenn das alltägliche Leben stattfindet. Die Alten bekommen eine geringe Rente, wenn sie denn ausgezahlt wird, für die Jungen gibt es keine Arbeitsplätze. Die Straßen sind löchrig, Stromkabel hängen wild in der Gegend herum und maximal ein Zehntel der Straßenbeleuchtung nimmt ihren Dienst auf, wenn die Dunkelheit hereinbricht.

Nicht unbedingt wie zu Urzeiten, doch wie in früheren Jahrhunderten besteht in diesem Dorf die tägliche Existenz aus dem Kampf ums Überleben. Im größten Land, welches unseren Planeten schmückt und das, wie kaum ein anderes, mit Reichtümern der Natur überschüttet ist, wird nicht jeder satt. Wie einst Stammesfürsten, so herrschen nun Clans und teilen den vorhandenen Reichtum unter sich auf.

Deutlich weniger als andere Großmächte bereit sind, für die Vernichtung der eigenen Art auszugeben, fließen dennoch Milliarden des Landesreichtums in den Militärhaushalt. Deutlich zuviel, wenn andere um ihr tägliches Brot betteln müssen. Während die Einen sich eine Luxuslimousine, natürlich in gepanzerter Ausführung leisten, die leicht den Wert eines deutschen Reihenhauses überschreitet, stehen andere an, um eine dünne Kartoffelsuppe auf den Tisch zu bringen.

Nein, so möchte Ellen Tschernakova nicht leben. Wie viele Gleichgesinnte ihres Alters verließ sie das Dorf und machte sich auf Richtung Westen; nur die Alten blieben zurück.

Wohlproportioniert und durchaus nett anzusehen, ist es Ellens größter Wunsch eine Karriere als Model zu starten. Soetwas gelingt nicht auf dem Dorf, dazu muss man in die Metropolen. Ellen und Model, dass ist ungefähr so, als würde ein gepflegter und gut gestriegelter Mustang von Cowboy Mike aus Idaho/USA versuchen, den edlen Rössern eines Königshauses am Persischen Golf den Rang abzulaufen.

Doch der Beruf Model, das ist nicht nur der Laufsteg, auf dem sich die bekanten Schönheiten der nicht minder bekannten Modehäuser treffen. Model ist mehr eine allgemeine Berufsbezeichnung für jene Damen, die es nie zum Laufsteg schaffen werden, sich aber dennoch zu einem Bekanntheitsgrad hocharbeiten möchten. Mit diesen Gedanken im Kopf und den erforderlichen Attributen in der Bluse erreicht Ellen Sankt Petersburg.

Auf vierundvierzig Inseln im Mündungsgebiet der Newa erbaut, beeindruckt diese Stadt mit ihren prachtvollen Palästen und ihren 540 Brücken, weshalb sie eben gerne das Venedig des Nordens genannt wird. Kaum angekommen in dieser Stadt, nahm Ellen rasch ihre Arbeit auf und stürzte sich in das Nachtleben dieser, mit etwa vier Millionen Einwohnern, nördlichsten Millionenstadt der Erde. In Discotheken und angesehen Clubs erschloss sie sich mit ihrer freizügigen Art recht schnell einen neuen Bekanntenkreis und traf auf Pjotr.

Pjotr Romanov hat trotz seines vielversprechenden Nachnamens keinerlei Verbindung zum bekannten russischen Adelsgeschlecht, das einst den Zaren stellte. Vielmehr ist sein Werdegang eher mit dem von Ellen zu vergleichen. Auch Pjotr wuchs in einem kleinen Dorf auf, wo er als Bauernsohn in jungen Jahren auf dem Feld behilflich war. Die folgende Militärzeit zeigte ihm deutlich die besondere Lebensführung in einer diktatorisch geführten Demokratie auf, was ihn seelisch verkümmern ließ oder wie er es selbst nennt, hart machte.

Nach dem Militärdienst wollte Pjotr nur noch eines, in die City, nach Sankt Petersburg, um richtig Business zu machen. Wie er es schaffte, mit siebenundzwanzig Jahren mehrere Millionen sein Eigen zu nennen, ist allen ein Rätsel. Mehrere Millionen US-Dollar natürlich. Dollar und Euro, dass ist Russlands Währung für jene, die es geschafft haben und im Business mitmischen; der Rubel ist die Währung der Alten, die in den Dörfern leben oder in den Metropolen um Brot betteln müssen.

Seinen Eltern spendierte Pjotr eine supermoderne Datscha im heimischen Dorf, aufs Feld müssen sie nicht mehr. Die Frage nach seinem plötzlichen Reichtum umgeht er geschickt, indem er den Eltern dauernd etwas vom Business vorquasselt. Was verstehen die beiden Alten schon davon; sie sind einfach nur stolz auf Pjotr.

Der hat sich in Sankt Petersburg, in einem der alten Häuser, mehrere Wohnungen zugelegt, sie mit Durchbrüchen zu einer machen lassen und auf das Beste ausgestattet. Knapp vierhundert Quadratmeter nennt er nun sein Eigen; ausreichend Platz für Freunde aus dem Swinger-Club, wo er auch Ellen lieben lernte. Bei der Größe der Wohnung kann er nun getrost auch einmal Daheim richtig abfeiern. Es versteht sich von selbst, dass Pjotr zudem eine deutsche, auf Geländewagen getrimmte Luxuskarosse besitzt. Die gepanzerte Ausführung natürlich, denn Business in Sankt Petersburg ist sehr gefährlich.

Seit zweieinhalb Jahren bewohnen Ellen und Pjotr gemeinsam dieses traute Heim. Das ist auch genau der gleiche Zeitraum, in dem Ellen ihre Eltern nicht mehr zu Gesicht bekam. Sie hat noch nicht das eigene Geld verdient, um den Eltern einen sorgenfreien Lebensabend zu ermöglich. Vielmehr hat sie sich für Pjotr und mit Hilfe seiner Dollars selbst baulich insofern verändert, dass sie die Erkenntnis erlangte, dass das heimische Dorf einfach nicht reif genug ist, um das Erscheinungsbild eines solchen Models verarbeiten zu können. In die Lippen, die Brüste, Po und Schenkel, eben überall wo ausreichend Platz für Silikon zur Verfügung stand, ließ sie sich dieses Material spritzen.

Liebevoll nennt Pjotr sie wegen ihres Plastikaufbaus und mit Erinnerung an sein erstes preiswertes Auto auch mein Trabbi. Den Tag verbringen sie alleine oder mit Freunden in den beschaulichen vier Wänden, schauen Pornos oder hängen im Whirlpool ab. Erst am frühen Abend geht es raus zum Essen, in die Clubs und natürlich, um Business zu machen. Tagsüber wird nur relaxt; man hat schließlich Zeit.

Für jede der erwähnten Ellen verläuft der Tag anders, denn mehr Gemeinsamkeiten, als dass sie zufällig den gleichen Vornamen tragen, haben sie nicht. Doch völlig unabhängig davon, wie individuell sich der Tag für jede von ihnen gestaltet; der elektronische Datenfluss, der um den Erdball jagt, der ist gleich.

Naturgewalten

In den Nachrichten der Medien spiegeln sich die eingehenden Daten wider. Die zentrale Frage dreht sich dabei, wie könnte es anders sein, überwiegend um ein Thema: Werden die drei Raumschiffe wie geplant zu ihrer Mission aufbrechen. Die Wetterprognosen sind nicht gut. Schlimmer noch, rund um den Globus nehmen die tektonischen Aktivitäten deutlich zu. Wieder einmal schwankt der Boden bedrohlich im Iran; im Norden Italiens treiben leichte Erdstöße die Bewohner aus den Häusern; und der Ätna? Da würde man sich doch eher wundern, wenn der einmal nicht auf sich aufmerksam macht.

Da erstaunt es nicht sonderlich, dass auch in San Francisco der eine oder andere Tisch zu wackeln beginnt.

Gerade will Caroline Edwardson sich aus ihrem bequemen Bürostuhl hochdrücken, um in der Chinatown von San Francisco einen ihrer Lieblingssnacks zu sich zu nehmen, da bimmelt und piepst es unentwegt aus den vor ihr aufgebauten Rechnern.

„Frank“, ruft sie nach ihrem Kollegen, „schau mal bitte; entweder ist die Datenleitung überlastet oder die Rechner sind von einem Virus befallen.

„Hey, ganz ruhig Carol, bei mir spielt auch alles verrückt. Lass uns die Rechner einfach mal runterfahren und wenn wir aus Chinatown zurück sind, fahren wir sie wieder hoch und alles geht seinen normalen Gang. Wahrscheinlich ist der Wok mit Deinem Menü überlastet, weshalb die Rechner bei uns den Geist aufgeben“, lacht Frank.

Caroline und Frank sind Mitarbeiter eines geologischen Instituts in San Franzisco. Mit ähnlichen Stationen sind sie nicht nur innerhalb der USA, sondern rund um die Welt, ständig online in Kontakt. Gleich ob es Erdbewegungen sind, weil sich die Erdplatten unentwegt hin und her schieben oder das Wetter irgendwo verrückt spielt, sie bekommen die Daten, werten sie aus und geben sie an höhere Stellen weiter. Jeden Tag Daten nichts als Daten, per Fax, per E-Mail oder direkt im 3-D-Format auf den Bildschirm. Dabei passiert nicht laufend etwas Gravierendes. Das letzte richtig große Beben fand vor einigen Jahren wieder einmal in Japan statt.