Draculas bissige Verwandtschaft -  - E-Book

Draculas bissige Verwandtschaft E-Book

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Beschreibung

Auch die Kinder der Nacht müssen hin und wieder zum Rapport beim Fürsten der Finsternis. Begleiten Sie sie in diesem Büchlein ein Stück, um aus erster Hand zu erfahren, mit welchen Situationen Draculas mehr oder weniger bissige Verwandte im 21. Jahrhundert fertig werden müssen...

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Seitenzahl: 144

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Draculas bissige Verwandtschaft

Traue nie einem Vegetarier

Krisensitzung

Bin ich jetzt ein Vampir?

Die Verwandlung

Der alte Friedhof

Yokai

Der moderne Vampir

Familie Fledermaus

Trinkgewohnheiten

Cordula

Seltsame Tour

Yokai

Liebeslied?

Die Reifeprüfung

Darkfordt

Trouble in Singapur

Das schwarze Schaf

Max

Hö(h)l(l)entour

Vitae

Sina Blackwood

Traue nie einem Vegetarier

Eines Tages fragte mich ein Freund, ob ich seinem Pauli ein neues zu Hause geben könne. Der brauche auch nicht viel Platz. Er sei nur etwas speziell und manche Leute gruselten sich vor ihm.

„Wenn es sich irgendwie einrichten lässt, kümmere ich mich um ihn. Aber wer ist Pauli?", fragte ich neugierig, weil ich mich nicht erinnern konnte, den Namen jemals von ihm gehört zu haben.

Statt auf meine Frage einzugehen, schnappte er erfreut: „Das würdest du tun? Ich wusste, du bist verrückt genug. Er braucht ja auch nicht viel Platz..."

Das hatte er ja schon gesagt, ich wusste aber immer noch nicht, womit ich es zu tun bekommen werde. Manche Menschen geben ja auch Pflanzen einen Namen. Ich zum Beispiel. Ich habe eine Venusfliegenfalle namens Herby. Aber vor der gruselt sich bestimmt niemand. Es sei denn, er hätte zu viele Horrorschocker gesehen.

Er drückte mir also einen Schaukasten in die Hand, mit einer großen präparierten Fledermaus darin, die das Maul mit den riesigen Vampir-Zähnen im Oberkiefer weit aufgerissen hatte.

Ah ja, das war also Pauli.

„Und du willst ihn wirklich haben?", fragte mein Freund gespannt.

„Ja klar, warum nicht. Ich werde schon ein hübsches Plätzchen für ihn finden."

„Ich wusste, du bist verrückt genug."

Also nahm ich Pauli mit nach Hause und hängte ihn über meinen Schreibtisch. Die Lücke war so perfekt, dass man meinen konnte, sie habe nur auf diesen Moment gewartet. Und das, wo ich nicht an Zufälle glaube ... Und warum betonte mein Freund immer wieder, ich sei verrückt genug? Forschend betrachtete ich den ausgestopften Flattermann, ohne etwas Ungewöhnliches zu bemerken.

Nach ein paar Stunden hatte ich mich an Pauli gewöhnt, wünschte ihm eine gute Nacht und ging zu Bett. Am Morgen rief ich ihm im Vorbeigehen „Hallo Pauli!", zu, bereitete mir einen Cappuccino und wollte ein paar kleingeschnittene Orangenstückchen in mein Müsli mixen. Die Orangen waren zwar im Obstfach, sahen aber allesamt merkwürdig aus, ganz so als habe einer mit dünnen Holzstäbchen versucht, aus ihnen einen Schneemann zu bauen, und sei dabei mehrmals abgerutscht. Nur, wer sollte in meinem Kühlschrank derartigen Schabernack treiben?

Notgedrungen presste ich die Früchte aus, damit sie nicht verdarben, und ich drehte die nächsten Orangen, die mir kaufte, mehrmals herum, ehe ich sie zu Hause deponierte. Am Morgen hatten wieder zwei Früchte die merkwürdigen Einstiche. Die anderen beiden waren unbehelligt geblieben. Beim nächsten Einkauf wechselte ich komplett die Sorte, nahm auch nur ein Exemplar, um nicht wieder so viel Saft auspressen zu müssen. Dafür hatte ich es dann aber auch gleich mitten auf dem Küchentisch liegenlassen.

Die Türklinke noch in der Hand, bekam ich morgens große Augen. Die Orange lag noch am selben Fleck, war aber völlig vertrocknet und hatte gerade noch die Größe eines Tischtennisballs. Ich riss die Kühlschranktür auf. Das übrige Obst, wie Äpfel, Birnen und Weintrauben, war unberührt.

So ging das nun Tag für Tag. Ich stellte sogar eine Webcam auf, um den Verursacher der Schäden auf frischer Tat zu erwischen. Auf den Videos war nie etwas Außergewöhnliches zu sehen, selbst dann nicht, wenn ich sie großformatig auf kleinste Spuren absuchte. Die Orangen verschrumpelten scheinbar ohne Grund innerhalb weniger Minuten.

Am Wochenende rief mich mein Freund an und fragte, wie es Pauli gehe.

„Blendend. Wie sonst? Der hängt in seinem Kästchen am schönsten Platz in meinem Büro." Ich schaltete auf Kamera und übertrug ihm das Bild live.

„Gut sieht er aus", hörte ich meinen Freund mit tiefer Zufriedenheit sagen. Und gleich darauf fragte er: „Und wie geht es dir?" Er hatte wohl beim Kameraschwenk meine tiefen Augenringe gesehen, weil ich die halbe Nacht in der Küche auf der Lauer gelegen hatte.

„Im Großen und Ganzen nicht übel", erklärte ich. „Es gibt nur seit Tagen ein paar Dinge, die ich mir nicht erklären kann." Ich erzählte detailliert über die Merkwürdigkeiten mit den Orangen.

„Waren die geschrumpften Früchte Blutorangen?", fragte mein Freund wie nebenbei.

„Ähhh, ja. Aber wie kommst du darauf?"

„Die mag er am liebsten", schmunzelte er.

„Wer?!", rief ich verunsichert, völlig vergessend, dass ich die Kamera noch nicht wieder abgeschaltet hatte und mein entgeistertes Konterfei für Lachsalven sorgte.

„Na, Pauli! Hatte ich dir nicht gesagt, dass er eine Fruchtfledermaus ist?"

Ich muss so dumm aus der Wäsche geschaut haben, dass ihm vor Lachen glatt das Smartphone aus der Hand fiel. Als er es umständlich wieder aufgeklaubt hatte, fügte er hinzu: „Er ist einer von Draculas Nachfahren. Er wirft weder ein Spiegelbild, noch kannst du ihn mit der Kamera einfangen."

„Unsinn, ich habe dir doch gerade das Bild vom Schaukasten mitsamt Fledermaus geschickt!"

Das Lachen ebbte langsam ab und mein Freund bequemte sich, zu sagen: „Solange er brav in seinem Kästchen hockt, kannst du ihn ja auch sehen."

„Oooooops!"

„Noch ein guter Rat unter Freunden: Behalte niemals blutiges Fleisch über Nacht in der Wohnung. Sonst könnte auch der zweite Teil der Prophezeiung in Erfüllung gehen."

„Welcher zweite Teil?", fragte ich mit tonloser Stimme.

„Dass das Blut seines Ahnherrn zum Vorschein kommt."

„Fantastisch! Bist ein wirklich guter Freund", brummte ich.

„Und du erwiesenermaßen verrückt genug. Sonst hätte dich Pauli schon in die Klapse gebracht. Ich denke, ihr werdet auch weiterhin gut miteinander klarkommen."

Seitdem esse ich zu Hause vegetarisch und nehme von meinem Freund nicht mal mehr die Urlaubskarten mit in die Wohnung.

Und Pauli?

Der hängt auch weiterhin in seinem Schaukasten über meinem Schreibtisch.

Tagsüber.

Was er nachts treibt, außer Blutorangen aussaugen, will ich lieber gar nicht wissen.

Matthias Albrecht

Krisensitzung

Baal, oberster König der Hölle und Herrscher über alle Dämonen, hatte zu einer außerordentlichen Sitzung in sein Höllenschloss geladen. Vom „Bund übernatürlicher Wesenheiten" waren Vertreter der einzelnen Arten als Abgeordnete entsandt worden. Und warum?

Es stand nicht gut um das Übernatürliche dieser Welt. Wenn der besorgniserregende Trend anhielte, stünde bald dessen Existenz auf dem Spiel.

„Es herrscht ein unbotmäßiger Geist in unseren Reihen!", donnerte Baal in die Versammlung. Seine drei Köpfe blickten finster und drohend. Die Abgeordneten verhielten den Atem.

„Die alten Werte und Gebräuche scheinen keine Gültigkeit mehr zu besitzen. Das ist unerhört. Inakzeptabel. Nicht länger hinnehmbar!"

Die marmornen Säulen der Großen Halle erzitterten unter dem stimmgewaltigen Baal.

„Über einzelne, kleinere Verfehlungen hätten wir ja noch hinwegsehen können", fuhr er gemäßigter fort, um gleich darauf erneut laut zu werden. „Aber inzwischen ufert es aus. Es ist längst kein Einzelphänomen mehr."

Sein Katzen- Frosch- und Menschenkopf ließen ihre Blicke umherschweifen. Die Versammlung schwieg. Jeder war bemüht, nicht durch unbedachte Bewegungen oder gar Äußerungen aufzufallen. König Baal atmete, sich zur Ruhe zwingend, tief durch. Es klang wie das Fauchen eines riesigen Raubtiers.

„Graf Dracula!"

Ein bleicher, hochgewachsener Herr in dunkelviolettem Mantel erhob sich grazil von seinem Platz. An seinen Fingern, deren Nägel in frischem Pink strahlten, prangten schwere goldene Ringe mit großen Rubinen. Um den Hals trug er eine zierliche Kette, an der ein kleiner Schädel aus Bergkristall in einer Silberfassung hing. Die schmalen Lippen waren dunkelblau gefärbt und die Augenlider mit schwarzem Eyeliner nachgezogen. Baal runzelte die Brauen seines Menschenkopfs bei diesem Anblick.

„Uns ist zu Ohren gekommen, Ihr und Eure Untoten ernährtet Euch neuerdings von – es will mir kaum über die Lippen – Tomatensaft und Grützwurst, statt, wie es sich gehört, von menschlichem Blut. Was sagt Ihr dazu?"

Der Graf räusperte sich verlegen und flötete in hellem Tenor: „In der Tat, Majestät, in der Tat. Doch – was haben wir schon für Alternativen?"

Baal zuckte zusammen. „Wollt Ihr mich zum Narren halten?" Sein Bass dröhnte widerhallend durch den Dom.

„Mitnichten, Majestät. Meine Frage war rein rhetorischer Natur. Die schiere Verzweiflung trieb uns zu diesem Schritt." Dracula seufzte. Es fiel ihm sichtlich schwer, zu reden.

„Weiter!", befahl Baal. „Lasst Euch nicht jedes Wort einzeln aus euren vergilbten Fangzähnen ziehen!"

„Oh! Majestät! Sie sind keinesfalls vergil..." Baals finstere Mine und stechender Blick ließen ihn den Satz nicht vollenden. „Nun, wir sind mit unserer Weisheit am Ende", klagte er stattdessen, zog einen zierlichen Fledermausflügelfächer aus der Manteltasche und entfaltete ihn, um sich Kühlung zu verschaffen und seine Nervosität zu verbergen. „Die Menschen trauen sich nach Einbruch der Dunkelheit nicht mehr aus ihren Häusern und bitten uns auch nicht mehr in selbige. Seit der Flüchtlingswelle haben alle Angst vor den Fremden."

„Dann hättet Ihr Euch an diesen gütlich tun können. Es gibt ja genug davon."

„Das wohl, Majestät, doch ist das Blut dieser Menschen nicht genießbar."

„Nicht genießbar?" Baal schüttelte seine Köpfe. „Es ist doch Blut wie anderes auch."

„Im Prinzip schon, Eure Majestät, nur ist es, nun ja – vergiftet."

„Bei allen Teufeln der Unterwelt, wodurch ist es vergiftet?"

„Durch ihre Essgewohnheiten."

Baal klopfte mit seinen gewaltigen, behaarten Spinnenbeinen unwirsch auf das Pult. „Ja was denn", knurrte er, „essen sie etwa Hostien in rauen Mengen und trinken Weihwasser dazu?"

„Schlimmer, Eure Majestät, sie stopfen sich mit Knoblauch voll. Das liegt so in ihrer Natur."

„Pfui Engel", entfuhr es Baal. „Das ist hart. Und dennoch: Vampire haben sich gefälligst von Blut zu ernähren. So war es schon seit Ewigkeiten. Ihr werdet ja zum Gespött der Leute, so Ihr Euch solch lächerliche Alternativen einfallen lasst. Nächstens gehen die Kinder der Nacht noch am helllichten Tag spazieren." Ein gequältes Lachen drang aus den Mündern der königlichen Köpfe.

Dracula hob überrascht den Blick. „Woher wissen Eure Majestät ..."

Die drei Augenpaare Baals wurden groß. „Was wollt Ihr damit sagen?"

Der Graf schluckte. „Nun ja. Es ließ sich nicht mehr vermeiden. Wir schützen unsere Haut, so gut es eben geht, vor dem Sonnenlicht. Durch entsprechende, lichtundurchlässige Kleidung und Sonnencremes mit hohem UV-Schutzfaktor." Sein Mund verzog sich zu einem vorsichtigen Lächeln. „Dennoch waren die Verluste in unseren Reihen anfangs hoch."

„Was war der Grund?"

„Die billigen Sonnenbrillen aus den Supermärkten. Eine Brille für unter zehn Euro. Das ist doch Gift für die Augen!"

Baal verdrehte die seinigen. „Habt Ihr noch mehr zu beichten?"

Dracula druckste herum. Bevor er antworten konnte, meldete sich ein Herr zu Wort, der die einfache Kleidung eines Bauern trug.

„Was wollt Ihr?", fragte Baal.

„Mit Verlaub, Eure Majestät, fragt den Grafen doch mal nach dem gestrigen Vorkommnis."

„Wer seid Ihr?"

„Mein Name ist Peter Stubbe, so es Euch gefällt. Derzeit amtierender Vorsitzender der V.U.W.Ö.B. mit allen Vollmachten, welche ..."

„V.U.– was?"

„Vereinigung unabhängiger Werwölfe der östlichen Bezirke", sagte Stubbe, während Dracula ein verächtliches Zischen hören ließ.

„Ah, ja, richtig. Weiter, was gab es gestern?"

„Der Vampir Peter Plogojowitz hat zu später Stunde dem erkrankten Priester in der Dorfkirche zu Kisiljevo geholfen, geweihte Kerzen für die Sonntagsmesse aufzustellen. Und hat sich nicht mal die Pfoten daran verbrannt, das Aas. Eine Schande für ..."

„Ihr solltet Euren Schnabel halten, Stubbe!", unterbrach ihn Dracula bissig, sichtlich bemüht, die Fassung zu wahren. „Ihr haltet es ja nicht einmal für nötig, Euer verweichlichtes Rudel in die Schranken zu weisen, das sich bei Vollmond lieber als Hütehunde betätigt, anstatt so viele Schafe wie möglich zu reißen und den Hirten dazu. Schämt Euch was!"

„Ist das wahr?", fragte Baal scharf.

„Ganz so ist es nicht", wagte Stubbe einzuwenden.

„Wie ist es denn? Überlegt Euch, was Ihr antwortet."

„Es – es waren ja nur Einzelfalle", räumte Stubbe ein.

„Wie viele?"

„Ein paar halt." Stubbe vermied es, Baal in die Augen zu sehen.

„WIE VIELE?" Der Dom erzitterte. Staub und Federn toter Tauben, die in den Nischen der Empore bereits vor Jahren ihr Leben ausgehaucht hatten, rieselten auf die Versammelten herab. Begleitet von einem eisigen Hauch aus Richtung der Tribüne.

„So an die – an das halbe Dutzend." Stubbes zitternde Stimme war gerade noch vernehmbar.

„Was Ihr nicht sagt", knirschte Baal. „Ein Viertel Eurer Vereinigung, wenn ich die Zahlen recht in Erinnerung habe. Eine tolle Leistung."

Stubbe schwieg betreten und Dracula blickte triumphierend in die Runde.

Baals Köpfe warfen sich in den Nacken, pressten die Lippen aufeinander und schlossen für einen Augenblick die Augen. Es fiel seiner Majestät sichtlich schwer, die Kontenance zu wahren.

„Würdet Ihr uns freundlicherweise verraten, worin Ihr den Grund für eine derartige Entgleisung seht."

„Die Menschen, Eure Majestät."

„Was ist mit den Menschen?"

„Sie glauben nicht mehr an uns."

„Wollt Ihr damit sagen", fragte Baal ungewohnt ruhig und mit einem seltsamen Zucken in seinen sechs Mundwinkeln, „dass die Werwölfe ihre Kraft einbüßen, weil die Menschen zunehmend Schwierigkeiten haben, deren Existenz zu akzeptieren?"

„Es scheint so, Eure Majestät." Stubbe trocknete sich den Schweiß von der Stirn und atmete auf. Zu früh, wie sich unmittelbar darauf heraus stellte.

„Ein Trugschein, Stubbe", zürnte Baal. „Oder denkt Ihr gar, dass ich Euch diesen Unsinn abkaufe?"

„Aber – Majestät ..."

„Schluss! Es reicht!" Baal sprang auf und schlug unvermittelt auf den Tisch der Tribüne, dass es sich für die Versammelten wie ein mittleres Erdbeben anfühlte. Blitze zuckten, gleißende Helle verbreitend, von der Höhe herab. Jetzt regnete es nicht nur Staub und Federn, sondern auch Stuckbrocken und Mörtelstücke. „Bin ich denn nur von Idioten umgeben? Der Blitz soll euch alle treffen!"

Die Versammlung war in Auflösung begriffen. Alles schrie und rannte durcheinander. Strebte den Ausgängen zu. Es gab gar Verletzte im Eifer des Gefechts.

„Haaaalt!", donnerte Baal. Ein Wunder, dass die Kuppel nicht einstürzte. „Hiergeblieben und hingesetzt. Sofort!"

Eine Sekunde lang war es wie beim Stopptrick im Film. Von jetzt auf gleich verhielten die Abgeordneten ihren Schritt, dann drehten sie sich gleichzeitig um und begaben sich in Windeseile wieder auf ihre Plätze. Was blieb ihnen übrig? Sie wären dem Herrscher ohnehin nicht entkommen. Aber sie zitterten wie Espenlaub.

„Setzen und Maul halten!"

Ein paar Augenblicke später herrschte Totenstille. Bevor diese unerträglich zu werden begann, ergriff Baal wieder das Wort: „Wir haben bislang nur zwei Vertreter unseres Bundes gehört. Es würde mich interessieren, wie die anderen Abgeordneten die Sache sehen. Meldet sich jemand freiwillig zu Wort?" Niemand regte auch nur ein Glied.

Da schwebte ein winziger Funke durch den Saal. Ein Lichtlein, das im Zick-Zack-Flug zur Tribüne schwirrte und sich vor dem König der Hölle manifestierte. Zaghaft hob sich eine zierliche Hand.

„Jaaa?" Baal kniff seine sechs Augen zusammen, um den glitzernden Schmetterling vor seiner menschlichen Nase betrachten zu können. „Sprecht, wer immer Ihr auch seid."

„Mein Name ist Tinkerbell, Euer Ehren. Eure Majestät, meine ich."

„Tinkerbell?" Baals Brauen zogen sich zusammen. „Tin-ker-bell..."

„Die kleine Fee von Pixie-Hollow aus Neverland."

Baals Münder wurden spitz. Es blieb sein Geheimnis, ob diese Geste seinem Unvermögen, sich erinnern zu können, geschuldet war oder der Erkenntnis, dass es gerade eine kleine Fee war, welche sich traute, das Wort zu ergreifen.

„Redet!"

„Es ist wahr, Majestät."

„Was ist wahr?"

„Dass die Menschen nicht mehr an uns glauben."

Ein paar Schuppen aus den Flügeln Tinkerbells lösten sich und schwebten als glitzernder Flitter auf den Tisch des Herrschers. Dort verwandelten sie sich in reines Quecksilber. Wie auch die Tränen, die aus den Augen des kleinen Geschöpfes quollen.

Baal fühlte sich fast überfordert mit dieser Situation. Er spürte eine Emotion in sich aufsteigen, welche zu zeigen er vor versammelter Mannschaft für unpassend hielt.

Tinkerbell brachte das Problem auf den Punkt:

„In erster Linie sind es die Kinder und Jugendlichen, welche sich längst von ihrer Fantasie und Kreativität verabschiedet haben. Statt im Freien zu spielen, hocken sie stundenlang vor dem Computer und lassen sich von diversen Spielen vereinnahmen, die zumeist weder Sinn noch Zweck haben. Anstatt von Angesicht zu Angesieht zu reden, kommunizieren sie auf neuen, elektronischen Wegen miteinander und hocken doch schlimmstenfalls nur durch eine Wand getrennt im Nachbarraum. Und die Erwachsenen tun es ihnen gleich. Kaum einer, der nicht ein Handy, Tablet oder Smart-Phone sein Eigen nennt. Alles Übernatürliche, also wir alle, ist auf elektronischem Weg abrufbar und kann nach Belieben manipuliert werden. Nichts von dem, was uns so wichtig ist, hat noch Wert. Nichts ist mehr sicher."

Sie seufzte. „Und nichts ist mehr manipulierbar durch eine Fee. Ja nicht mal durch den Teufel!"

„Haltet meine Teufel da raus!", zischte Baal.

„Verzeiht mir, Majestät."

„Ihr meint also, es läge allein an den Menschen?"

„Nur an denen, Eure Majestät!", warf Dracula ein, noch bevor Tinkerbell antworten konnte.

„Euch habe ich nicht gefragt!", fauchte Baal.

Dracula verdrehte die Augen und schwieg.

„Und was sollten wir Eurer Meinung nach tun?" Diese Frage Baals galt wiederum der kleinen Fee.

„Da kann man nichts tun, Majestät", seufzte die Fee. „Nicht einmal Ihr. Gegen Ignoranz und Ungläubigkeit ist kein Kraut gewachsen. Für die Menschen gibt es uns nicht mehr." Tinkerbell entfaltete ihre Flügel und schwirrte davon.

Baal sah ihr mit gerunzelten Brauen seines Menschenkopfs nach. Er räusperte sich. „Wer möchte sich noch äußern?"

Niemand meldete sich.

„Sir Simon de Canterville", rief Baal. „Ihr habt, soweit ich mich erinnere, schon früher Erfahrung auf diesem Gebiet gesammelt."

„Ja – die Menschen", stöhnte das Gespenst. „Familie Otis glaubte, mit Aurora-Maschinenöl dem Klappern meiner Ketten beikommen zu können. Auch rückte sie dem Blutfleck meiner Frau im Saal tagtäglich aufs Neue mit scharfen Reinigungsmitteln zuleibe, sodass ich gezwungen war, ihn am Ende mit smaragdgrüner Ölfarbe aus dem Farbenkasten der kleinen Virginia aufzufrischen, weil sämtliche Rottöne bereits aufgebraucht waren. Was für eine Farce!"