Drainage in drei Noten - Dennis Iwan - E-Book

Drainage in drei Noten E-Book

Dennis Iwan

0,0

Beschreibung

Der Roman Drainage in drei Noten könnte schildern, wie es ist, einem berühmten Menschen (einer Ikone ihrer Zeit gar) zum Verwechseln ähnlich zu sehen, aber das wäre nicht sein Kern, der die Folgen davon beinhaltet, wenn eigene, grundgefestigte Ansichten korrigiert werden müssen, um an ein anvisiertes Ziel zu gelangen. Er erörtert, wie psychologische Aspekte von Macht und Abhängigkeit Begehren und Fallhöhen bedingen können und erzählt von einer Familie, die sich bei Psychotherapeutin Dr. Marie Allbach in Behandlung begibt, in deren Verlauf sie die eigenen Angelegenheiten mit der ungeahnt aufgeladenen Schuld ihrer Kinder aufzuwiegen haben. Der guten Ordnung halber sei an dieser Stelle erwähnt, dass eine Drainage der Ableitung schadhafter Stoffe dient, um wieder einen Normalzustand herzustellen. Wie über die Kopf-, Herz- und Basisnote eines im Vorbeigehen unwiderstehlich wahrgenommenen Duftes: Wucht in Bestform. It will make your heart pound, your palms sweat, your mind blow; covered it all, took it, shook it, then sat back and let your type of book settle, straight out of your own.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern

Seitenzahl: 218

Veröffentlichungsjahr: 2017

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Alle Charaktere, Namen und Handlungen sind, abgesehen von gelegentlich erwähnten Markenprodukten oder Personen des öffentlichen Lebens, frei erfunden.

Jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen ist reiner Zufall und völlig unbeabsichtigt.

Basierend auf:

Drainage der Begierde (Drehbuch, D. Iwan, 2012).

Umschlag:

Die Tochter des Gaumy (Collage, D. Iwan, 2015).

Autorenbild:

Selfportrait XVII (Gemälde, D. Iwan, 2016).

Kein Wind ist demjenigen günstig, der nicht weiß, wohin er segeln will.

Michel de Montaigne

I know it´s all getting away

It comes to me as no surprise

I know what´s coming to me

Is never going to arrive.

All that was true

Is left behind

Once I could see

Now I am blind

Don't want your dreams

You try to sell

This disease

I give to myself

NIN

Der Kranke darf alles sagen.

Ital. Sprichwort

Mum, Dad & der Vergessenen

Inhaltsverzeichnis

Kopfnote

Herznote

Basisnote

I.

Kopfnote

Der Ersteindruck kann nur einmal aussagen.

Dispersion dampft über ihre Vorstellung davon, die eine andere war.

Das Design des schwarz-weißen Läufers wurde ihrem Daumenabdruck entnommen - das einzig aufspürbar persönliche Momentum als eine Art Erinnerung, falls abgekommen autonome Prozesse - unter Vermeidung individualpsychologischer Muster – hineinfinden sollten.

Dabei der Schwerkraft strotzend und gar den Stachel gegen sie gerichtet, findet sich früh Reue zwischen ihren Tagespunkten, kein Foto einer toten Biene in den Lamellen des Vorhangs gemacht zu haben. Von sanftem Luftzug gewogen, kommt er kaum gegen die hoch stehende Nachmittagssonne an, die das klinisch sterile Aroma der Rezeption mit Lösungsmittel sättigt und den Blütenstaub des Blumenbuketts scheinbar klebend, gelblich und feinkörnig auf der Oberfläche der dunklen Holzvertäfelung Beharrlichkeit demonstriert.

Menschen, für die der fehlende Faden, Stille oder Rage und weit mehr zum greifbaren Objekt geworden ist, finden sich hier ein, um unter Beteiligung des Eigensten eine produktive Antwort auf Fragen zu bekommen, von denen sie noch nicht einmal wissen mussten, sie besser zu stellen.

Das leere Wartezimmer ist voll davon, wir werden sehen - aber mit der Farbe ist sich anzufreunden.

Eine ganzheitliche internistische Sicht zu Diagnostik und Therapie - zweckorientiert quantifizieren - dabei vielleicht sogar dem Wunsch nach maximaler Variabilität Rechnung tragen und ihnen die Ruhe geben, die es für die Navigation bei Sturm auf den unterschiedlich breiten Seen in den Köpfen braucht; zumindest war das ursprünglicher Antrieb von Internistin Dr. Marie Allbach, Fachärztin für körperorientierte Psychotherapie, ehemals stationsführende Ärztin in einer mehrjährigen Tätigkeit im Krankenhaus und nun seit geraumer Zeit mit eigener Praxis, der nun unter dem Stapel aus Akten, Infoflyern, Rechnungen und noch zu bearbeitenden Gutachten jeden Tag auf ein Neues hervorgelockt werden will.

Die Intention dabei, eine Perspektive zu schaffen, deren Willen auszuformulieren und sie oder ihn oder sie von Anfang an über das zu informieren, was noch auf sie oder ihn oder sie zukommt, zentriert sich in dem harten Versuch, ihren Klientel gegenüber das an Wertschätzung, Echtheit und Empathie bereitzustellen, was ihrem oder seinem oder ihrem Begehren gerecht werden kann.

Von der Scheu frei, Dinge anzusprechen, die nicht im direkten Zusammenhang mit den vorgetragenen Leiden stehen, wird Dr. Allbach sich bemühen, offene Fragen so zu beantworten, dass die Klienten mehr Wissen über Beschwerden und deren Böden bekommen, auf denen sie ungehemmt gedeihen können.

Oder anders formuliert, kann ein Boden auch Falltür sein. Die Abgründe darunter sind Tragik, Schmerz, Schrecken, Trauer, Angst – vermeidbar, oder nicht - für sich genommen teilweise genial; aus denen die Doktorin mittels eines Prozesses der Selektion dahinter eine manifestierte Veränderung herauszubilden bestrebt ist, in der Flexibilität zu einer festen Gewohnheit werden kann.

Nun ist an solch frühem Punkt der Gegenstand bereits benannt, der hier zum Objekt gemacht wird und es droht vielleicht im Gehen inbegriffen, all die prall ausstaffierten Lichtschneisen der freigelegten Schatten zu versäumen, die das Objekt verdeckt, wenn man sich nicht um den Punkt herumbewegt.

Oder die Scharniere der Falltür quietschen noch zu laut. Kann auch sein.

Noch leicht erhitzt betritt sie in beigen Trenchcoat gekleidet die Praxis, registriert das leere Wartezimmer, begrüßt ihre Sprechstundenhilfe und zupft das Blumenbukett am Tresen in Form.

„Wir sind wohl noch für uns.“

So ganz nebenbei gesagt, gibt es Dinge, die keine Missachtung verzeihen. Gedanken, die in ihrer Abfolge den Forderungen der gedachten Bedeutung gehorchen. Mit ihnen lässt sich vorzüglich Prozess machen, der womöglich in den Köpfen ablaufen könnte oder gar soll.

„Die anderen kommen später. Ihr erster Klient erwartet sie bereits.“

Stets in feste Fassung gegossen, leuchtet ihr der Abdruck eigentlich hellwach entgegen.

Warum der Daumen der Doktorin deshalb in den jungfräulichen Blütenstaub taucht, wird sie selbst nicht mehr sagen können, wenn er am Schluss noch wie blankpoliert zu sehen sein wird und entgeht ihr. Obgleich sich ihre im Lichte der Nacht konditionierte Energie des Morgens üblicherweise den gesamten Tag anhält, herrscht mit jedem neuen Fall die Klarheit vor, Konzeptionen, Sorgen und deren ausführende Subjekte, die sich ihr gegenüber in Stellung bringen, in freier Wildbahn nicht isoliert vorzufinden. Erst wenn die Kanten fixiert sind, können Gegengewinde Zergehendes formschlüssig zusammenziehen; wie es zu ihrer Vorbereitung auf Kommendes gehört, ihr Werkzeug parat zu haben.

Die Entscheidung, was wichtig ist und was nicht, liegt dabei solange bei der Ärztin, wie die Klientin oder der Klient nur noch auf das antwortet, was er sich hinter jeder Lüge selbst zu fragen beginnt.

Doch die Annahme, im Vorzug zu sein, macht ebenso fehleranfällig wie Privilegien, die überhaupt keine sind; und so denkt sie sich eben nichts dabei, als der erste Klient des Tages die beirrt dreinblickende Therapeutin bereits in ihrem Sprechzimmer erwartet und ihre Kollegin der Rüge nur entgeht, weil es wohl kaum jemand mag, einen Fremden unbeaufsichtigt an seiner wichtigsten Wirkungsstätte zu wissen.

Sie legt Duft auf. Ihre nackte Sachlichkeit bedarf keiner Unterwäsche.

Ihre Rückschlüsse trägt sie bündig.

Dr. Allbach bedeckt sie eilfertig in dem kleinen, tapferen Labor schräg gegenüber nur mit einem figurbetonten Arztkittel, nachdem sie sich ihres Trenchcoats und den ausgetretenen Pumas entledigt hat, beachtlich schnell in kniehohe Louboutin-Stiefel schlüpft und sich schon längst von allem abgelassen in den Kitteltaschen nach ihrer Brille kramend auf ins Sprechzimmer macht. Dem Teppich nach hatten keine Manieren den Vorzug.

Die Doktorin betritt das Untersuchungszimmer, erkundet sich nach seinem Befinden und fordert den Klienten auf, ihr den Grund seines Besuches zu erzählen.

Die eingerichtete L-Form der Cognacfarbenen Sitzgelegenheiten lässt vielen Varianten Beweglichkeit und soll die Aussicht eröffnen, um die Ecke zu denken. Mit jedem neuen Fall spannend zu sehen, wie positioniert wird; liegen so Notizen und Unterlagen nicht dazwischen, um ungewollt eingesehen werden zu können.

Man fragt sich, ob es echt ist.

Ein Gemälde von Francis Bacon ragt in edlem Rahmen hinter der Therapeutin, die sich an einem massiven, mit rotem Leder bespannten Schreibtisch ihrem Klienten gegenübersitzend Unterlagen zurechtlegt, eine Mappe nimmt, öffnet und die erste Sitzung ihres neuen Falls aufnimmt.

„Wenn Dinge begonnen haben, derart Überhand zu nehmen wie im vorliegenden Fall, ist eine psychologische Feststellung erforderlich, für die ich Ihr Mitwirken brauche. Ich bin also sehr erfreut, Sie begrüßen zu dürfen.“

Auch wenn der Name dem Klienten im Moment direkter Konfrontation ihrer Grazie nicht mehr einfallen will - seine Frau hat nicht zu dick aufgetragen: ihre haargleiche Ähnlichkeit zu dieser Berühmtheit – ein Vielfaches größer als die Allbach selbst - der Vorname Begriff, Auszeichnung, Diva, Schokolade mit Kokos, dem Nachnamen nach Handwerk und Beruf; ist frappierend und kann schnell zur Gefahr werden, die Kontenance ihres Klientel ungefragt eines spontanen Tests zu unterziehen.

Ihr hypnotischer Duft ist ihm zu edel.

Selbst weder Nutzen noch Schaden abwägendes, individuell modifiziertes Verhalten vermag sich nicht an der Griffigkeit festzuhalten, die Dinge annehmen, die ihrem Ende entgegengehen. Manch Schaffen sprengt jeden psychologischen Rahmen beziehungsweise nimmt ihn und biegt daraus formschöne Artefakte.

Ich fange dort an, wo der andere steht.

Sie blickt lächelnd über das schwarze Gestell ihrer Brille hoch, „versuchen Sie sich zu entspannen. Wir sind hier ganz für uns - und würden Sie das bitte wieder zurückstellen…“

Eine kräftige Hand schiebt den Briefbeschwerer auf dem Schreibtisch zurück an seinen Platz, in den hier schon in wechselnder Besetzung vergnüglich hineininterpretiert wurde, was es darstellen soll, wenn die Blicke ausweichend werden oder man gerade nicht weiß, wie man unbehaglichen Bangen begegnen soll.

„Danke sehr. Wo bin ich stehen geblieben? Ach ja, seien Sie unbesorgt: Die Psychologie steht und fällt mit ihren Definitionen.“

Mit der Entwicklung eines einzuhaltenden Plans wird festgelegt, wie viele weitere Termine für die Überwachung des Problems nötig sind, um es bestimmen zu können.

Dr. Allbach notiert römisch X und wartet die Reaktion ihres Klienten ab, der sich frei von Vorschlägen unbeeindruckt zeigt.

Besprochene Themen den persönlichen Umständen des Gegenübers seinem Bedürfnis nach Information entsprechend festzulegen, nimmt das Typische daran, was frei von Gnade in Versuchung führen könnte, bei aller Pflicht zur Aufklärung nur genau danach zu fahnden.

Sie sollen alles verstehen.

Großformatige Bögen rutschen übereinander vom übervollen Förderband der Sortieranlage nach unten, welches das Papier in die Presse stürzend nach oben transportiert. Kontinuierlich und unbändig flappen die Blätter übereinander.

Plastiksäcke werden mit Messern geöffnet.

LKWs donnern Staub aufwirbelnd über das von der prallen Mittagssonne getünchte Areal. Ein zu großgeratener Dobermann jagt ihnen kläffend hinterher, bis er sie eingeholt hat – er holt sie alle ein – sich gelangweilt abwendet und sein nächstes Ziel ins Visier nimmt.

„Eine einfache Umdeklarierung wird in diesem Fall nicht ausreichen. Wäre es zum Beispiel mit Glas vermengter Haushaltsabfall oder Elektroschrott, wäre es nicht so wild. Aber so.“

Über Thomas, der unter der hoch angebrachten Überwachungskamera mit dem Telefon am Ohr über den weitläufigen Wertstoffhof geht, ist nicht sicher, ob ausgewaschene Jeans und enggeschnittenes Flanellhemd die Strahlkraft des Machtmenschen nun eindämmt oder stärkt.

Ein sympathischer Typ, stets ein Lächeln auf den Lippen. Die Müllkralle gräbt sich mühelos tief in Metallschrott ein, als hätte dieser keinen Widerstand.

„Zweck heiligt die Mittel, wenn es wirklich um was geht. Und in diesem Fall spreche ich als Privatperson“, so der böse Wolf am anderen Ende der Leitung weiter.

Thomas bleibt Überlegungen abwägend von der Wirkung der persönlichen Ebene nicht unverschont.

„Es dreht sich letzten Endes allein um die Frage, ob es noch eine funktionierende Sache sein kann oder nicht.“ - „Wir würden wohl kaum miteinander reden, wenn dem so wäre. Ich suche lediglich jemanden, der diskret ist. Sind sie so jemand - oder müssen wir neu ausschreiben?“

Thomas lässt den Blick über den Hof schweifen und das Gesagte einen Moment lang wirken. Sein Blick bleibt an einem Abfallberg hängen, aus dem ein metallisches Gebilde ragt, an dem sich der Dobermann verbeißt und versucht, es herauszuziehen und dessen vorherige Funktion sich ihm nicht erschließen will, aber so als Installation einer Galerie entnommen worden sein könnte - die Krümmung der Geraden, oder so.

Vorlesungssäle voll von Studenten könnten es in all seinen Facetten erörtern und doch ist es hier an diesem Ort.

„Ratten meiden McDonalds-Müll. Da dürfte eigentlich nicht viel passieren. Ivan, bei Fuß!“

„Das ist ein Witz, oder“, doch, nein, Thomas ist in seinem alltagseingezäunten Blicktunnel nicht in der Stimmung, den bösen Wolf zu belustigen und lobt den Hund, der aufs Wort folgend angaloppiert kommt.

„Das ist nicht komisch. Nach dem ersten Monat im Abfallgewerbe war Schluss mit Fast Food.“

Ein Müllwagen fährt dicht an Thomas vorbei. Hänger, ein volltätowierter Muskelberg von einem Mann, gibt ihm beim Vorbeifahren einen etwas zu strengen Klaps auf die Schulter mit und braust frech grinsend auf dem Trittbrett stehend davon.

Der Hund jagt gleichauf hinterher. Thomas verliert dabei fast Telefon und Gleichgewicht.

„Dann sind wir uns einig?“

Den Abzug längst ausgelastet, tüncht dichter, schneller Dampf die Küche, den Abend ein und schürt die Schwüle weiter an. Richard stockt an der Kochinsel eng hinter Maria und inhaliert intensiv den betörenden Duft ihres feuerroten Haars. Auf den blauen Flammenkronen des reguliert fauchenden Gases unter ihren Sohlen fordern die Speisen in den Pfannen und Töpfen zischend sämtliche Sinne zu einem brodelnden Tanz auf.

Er mustert jeden Zentimeter Stoff an ihrem Sommerkleid im Detail, dass nur knapp die bleiche Haut ihrer ausgeprägten Weiblichkeit bedeckt und rasch angehoben werden kann.

Maria wischt sich mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn, beugt sich leicht vor, atmet mit der Konzentration ihres leeren Blicks tief durch und stützt sich ab.

„Du musst ihn ganz fest reindrücken. Und wenn es geht: ich brauch es heute noch…“

Seine zertrümmerte Schulter hat ihn verlangsamt. Er zieht Schwierigkeiten an und bereitet der Familie große Sorge, so kennt man ihn, das hat er von seinem Vater.

Gepaart mit einem fordernd stechenden Blick, jedoch, unterstreichen seine filigran charismatischen Gesichtslinien unter den nachlässigen Stoppeln das Ungestüme seiner noch nicht lang angebrochenen Volljährigkeit überhaupt erst, verleihen seinem schelmischen Lächeln Unwiderstehlichkeit und macht dadurch selbst die Taffen baff. Fällt ihr jedes Mal aufs Neue auf.

Und sie selbst ist ziemlich taff.

Doch Maria weiß auch, dass man mit einem derart feschen Äußeren gewiss häufiger der Auslöser einer Wirkung, statt nur deren Reaktion ist, wie er uns dann immer weißmachen will.

Sie könnte sich da so aufregen, sagt aber nichts. Sie hat gelernt, das rote Tuch von ihrem Mann Tom besser im Schrank zu lassen. Richard registriert ihre Erregung, die man sehen kann - wenn man nicht den Körper, aber seinen Menschen kennt. Bei ihrer Klasse kann er die Worte, die er ihr jetzt so quälend gerne geben würde - oh ja, und er wüsste genau, was er würde - nur in sich hineinfressen. Und er frisst hinein, frisst den ganzen bitteren Geschmack, den das alles hat. Der blank gebohnerte Boden ist voller Eierschalen.

Sie hätte es so verdient, das macht es ja so unerträglich. Bitter. Wirklich bitter.

Es ist nicht immer einfach, den Stab da reinzubekommen, auf Hüfthöhe, beide Hände und mehr immer mehr bereit zur Aktion.

Der schwerer werdende Dampf nimmt zu.

Die Ängste unter aufgeschüttetem Gestein explodieren im Talent. Nichts zu geben, niemand, der was will; bleiern im Gewicht und wer behauptet, es besser zu können, bleibe bitte stehen.

Am Ende der Sitzung gehen die Bomben hoch - sie hat schon darauf gewartet.

Wenn er reingeht, wird es voll im Beichtstuhl.

„Sobald das organisierte Ich abgedankt hat, dringen seine unterbewussten Erfahrungen, unbewussten Befürchtungen und Hoffnungen an die Oberfläche und streben danach, die Führung zu übernehmen“, ergibt sich Dr. Allbach für eine schutzlose Weile dem musternden Blick ihres Klienten. Die Frau ist in Form.

Seit er hier ist, umnachtet der hypnotisierende Hauch ihres Duftes den Nachmittag.

Äußerst feminin, sehr subtil.

Über den Rezeptblock gebeugt, faltet sich der Abstand zwischen den Knopflöchern ihres Arztkittels genau auf BH-Höhe auf, aber darunter kommt nur nackte Haut zum Vorschein.

Das Eingeständnis, wenn hier jemand provozieren kann, dann sie, drängt den Klienten in sein eigentliches Desinteresse am Ausgang des Ganzen zurück.

Es geht ihm nicht gut, nicht zu leugnen, aber nicht aus den Gründen, die ihn überhaupt erst hierher bewegt haben, nein. Die eigentliche Sache weit dahinter deponiert, lehnt sich die Taktik des Klienten selbstbewusst an einer schönen, aber kahlen Mauer an und weiß dabei nicht, dass sie der Doktorin ein Köder ist.

Das eigene Anliegen stets selbstbezogen auf die erste Stelle zeigen zu lassen, zäunt dein Wesen ein, Hübscher.

Keiner weiß das besser als sie.

„Versuchen Sie, ihre Möglichkeiten über die Hintertür aus ihrer Verbauung zu lösen.“

Der Klient dreht sich fingerzeigend nach der einzigen Tür des Sprechzimmers um, „die hier?“

Die Therapeutin reißt, über den schwachen Scherz gestellt amüsiert, das Rezept ab, reicht es dem Klienten und ist erleichtert, erleichtert, am Ende der Probe zu sein, an der ihre Geduld die verstrichene Stunde lang teilnahm.

Ihr Gegenüber konnte als Person allein nichts ausrichten; wo nichts gesehen werden darf, was man nicht macht oder sich nicht gehören würde.

Wenn der innere Kern stark genug durch Mark und Bein geschockt daran gehindert wird, Stand zu fassen, bleibt ihr nur mehr der Vergangenheit einen Pfad aus dem Kopf zu legen, um etwas Falschem in der richtigen Richtung zu zeigen, was übersehen wurde. Er hat getan, was ging; aber wenn der Rest der Welt anderer Meinung ist, bleibt selbst die der Therapeutin nichtig und sie kann sich in seinem bestimmten Fall auf die Spannungsfelder beschränken, die sich voller Möglichkeiten in den Dissonanzen eröffnen.

Jetzt versteht sie auch, in Anbetracht einer vorangegangenen Sitzung, die ihr in den Sinn kommt, wie das gemeint war: trotzdem ist er der Sohn seines Vaters.

Der Klient versucht seinen Blick auf das Rezept beiläufig zu halten, was ihm aber misslingt; ist es doch nicht das, was er ausgerechnet hatte, zu lesen. Wieder keine stärkeren Dämpfer. Wieder nicht an den eigenen Medizinschrank. Der nächste Dämpfer. Er wollte die von einst, als alles noch ganz frisch war. Bringen schön runter, könnte er gebrauchen. Die Freundin würde sich auch freuen.

Wäre hilfreich. Blockaden halten wir gern im Körper fest, hatte sie ihm früher beiläufig gesagt.

„Wie sieht es mit was Anderem aus? Das wäre mir hilfreich, könnte ich gerade gebrauchen“.

Der Klient findet aus Versehen den Ausgang seiner verworrenen Schlupflöcher, aber, wenn´s darauf ankäme, würde er auch betteln und stehlen.

„Versuchen Sie, hiermit auszukommen.“

Schönheit hat eine irritierende Strenge, wenn sie die geringste Abweichung von Standpunkten unterbindend darauf wartet, dass die Karten auf den Tisch kommen. Der Klient geht in die Pause.

Keine dieser Kunstpausen, von denen er sonst so unausstehlich gern Gebrauch macht. Die Dinge auf dem Schreibtisch liegen nicht symmetrisch zueinander, doch auch ohne die Schulter würde er betteln und stehlen und es sind Bereitschaften wie diese, die beim Abschnallen nicht auf das Tempo der beteiligten Umgebung achten lassen.

„Schon beachtlich, sich mit all dem auseinanderzusetzen.“

Die Pause ist vorbei.

„Was wäre, wenn ich helfen könnte, diesen ganzen Unfug aufzulösen?“

Der Stift in Dr. Allbachs Hand fällt langsamer als sie die Herausforderung akzeptiert, während die Unnachgiebigkeit ihres Wesens vorgebeugt der eigenen Güte aus den Schuhen hilft und das Heft in die Hand nimmt.

„Wenn Sie wirklich das Was-wäre-wenn-Spiel spielen wollen - nun gut.“

„Das kann doch jetzt nicht euer Ernst sein?!“ Die Mittagssonne neigt sich in den Nachmittag und lässt auf dem stetig dahinströmenden Fluss im Nanosekundentakt kleine Inseln aus funkelnden Diamanten erscheinen und untergehen.

„Bitte helft uns!“

Ja, hier kann sie schreien. So laut, wie sie es damals nicht konnte, es sich immer noch nicht traut, aber hier, hier kann sie es, schreien, bis die Lunge brennt. Hier hört sie niemand.

Maria und ihre präpubertäre Nichte Gianna treiben in einem Ruderboot durch die satte Flusslandschaft langsam der Schleuse der Staustufe entgegen, die sich zu öffnen beginnt und das Boot zu schaukeln zwingt. Gianna liegt reglos am Kopf blutend im Boot. Ein auseinandergefaltetes Stück Papier liegt neben ihr, auf dem ein Pfeil gezeichnet wurde, der in beide Richtungen zeigt.

Das Boot fährt in die Schleusenkammer hinein, um über die Kanalstufe den Wasserstandunterschied zu überwinden.

„So hilf mir doch jemand!“

Die hallenden Stahlwände wiederholen bekräftigend Marias Flehen, bleiben aber eine Entgegnung schuldig. Die Tore schließen sich.

Das einströmende Oberwasser hebt Boot und Niveau an.

„Nicht mehr lange. Wir haben es gleich geschafft. Gianna, es tut mir so leid! Ich verspreche dir, wir werden eine Flussfahrt machen. Wie ich es dir gesagt habe.“

Ein Golfball prallt von oben an einer Schleusenkammerwand an die andere und schlägt am Bug des Bootes ins Wasser ein.

„Wow, der ging baden!“

Die hohen Lichtkugeln am Ende der Laternen lassen das Grün glühen und spiegeln sich klein und grell auf der tiefschwarzen Oberfläche des Sees, ziehen Schatten in die Länge, als wollten sie vor ihren Körpern fliehen.

Hänger, gekleidet in einer heruntergekommenen, hochgekrempelten Latzhose und schweren Sicherheitsschuhen, verharrt mit dem Schläger im vollzogenen Schlag und schluckt den Hass auf Thomas´ allerbeste Eigenheit hinunter, für jeden Offensichtliches laut auszusprechen.

Dass, gepaart mit dem Hang seiner Frau, immer das Gleiche zu wiederholen, machen die Beiden zu einem unschlagbarer Paar, zu dem Haken, von dem einem vor der Hochzeit niemand etwas gesagt hat und die Flucht in die kleine Männerrunde auf der nächtlichen Driving Range unabdingbar gemacht hat. Nie hätte er gedacht, je so weit zu kommen.

„Na ja, was soll´s. Ich sag doch: ein Scheiß.“

Im Golf ist man stets selber schuld.

Es wimmelt nur so von Fehlleistungen.

Er vergisst immer, welche Technik und Leichtigkeit in diesem imposanten, tätowierten Kraftmenschen steckt, denkt sich Thomas so, als Hänger das Eisen zwischen den Fingern einer Hand drehend die Luft zum Heulen bringt und es rücklings blind und sicher in die Schlägerkammer versenkt.

Aber sie kommen schon lange nicht mehr her, um nur zu golfen. Das zieht es eben nach sich, wenn die Menschen um einen herum im Beruflichen wie im Privaten die Gleichen sind.

Nie hätte er gedacht, je so weit zu kommen.

Kollegen. Vorgesetzter.

Schwager. Angestellter.

Mann der Schwester seiner Frau.

Abhängig.

Aber Abhänger.

Aus der Ferne kann man nicht sehen, wie verheerend nah da die Dinge liegen.

Spiel macht für seine Dauer aus Unterschiedlichem Gemeinsames. In ihm wird schnell das Wesen derer deutlich, die es ausüben. Defensive. Angriff. Taktik. Das Verhalten im Umgang mit Sieg und Niederlage. Stil und Haltung; sichtbar wie verborgen. Doch das Wichtigste an der Sache, weiß Thomas: Spiel muss nicht zu beiden Seiten gespielt werden.

„Wir müssen noch über die Leine sprechen. Habt ihr euch nun entschlossen, sie noch dranzumachen oder lasst ihr sie weg?“, bereitet sich Thomas gar nicht erst den Umstand, sich vorsichtig heranzutasten.

Hänger greift in die Golftasche auf dem Trolley, zieht eine Dose Bier hervor und öffnet sie. Das Zischen der austretenden Kohlensäure legt sich kurz über das Zirpen der Grillen. Hänger nimmt einen großen Schluck und rülpst mit lautem Organ über den ansonsten verlassenen Golfplatz.

Thomas zieht es alles zusammen, aber er lässt es sich nicht anmerken.

„Wird er dir hart davon, oder warum sagst du das so?“

„Du weißt, was meine“, versucht Thomas den Ball unter Hängers skeptischen Blick noch zu fangen.

„Das ist es ja. Lass einfach mal den scheiß Köter aus dem Spiel. Wir reden hier von meiner Tochter.“

„Keine Gegenmaßnahmen?“

„Was soll ich von der Straße aus machen? Du hast doch gesagt, deine Frau hat gesagt, die Ärztin sagt, diese Wut sei normal.“

Der CEO ist da etwas pessimistischer.

„Hast du das Gleiche gesehen wie ich?!“

Die Spitze des Tees bohrt sich in den Boden. Der darauf platzierte Golfball kommt zu Ruhe.

Hänger beschränkt seine Antwort auf einen weiteren Schluck Bier.

Thomas macht sich zum Abschlag bereit.

„Das Mädchen sah schlimm aus. Wird sie auf der Schule bleiben können?“ - „Ach, weißt du, ich bin mittlerweile soweit, mich mit den Dingen erst auseinanderzusetzen, wenn sie so weit sind.“

Der Impuls zweier aufeinanderstoßender Körper wird frei, die Beiden folgen der Flugbahn des hart abgeschlagenen Balls bis zu ihrem Scheitel, bevor er in den freien Fall auf das Putting Green beschleunigt, an das aufspringende Bullauge einer Waschmaschine prallt und direkt ins Loch gelenkt wird.

Thomas zieht den Trolley hinter sich her, Hänger geht etwas voraus, doch als sie dem Green nahe genug sind, stoppt er und lässt Thomas vorausgehen, der sich erst nicht sicher ist, ob er richtig sieht; aber doch, tut er - da steht eine Waschmaschine, inmitten eines überdimensional großen, grünen Kreises.

„Was zum Teufel - wo ist der Ball?!“

Versenkt und gleich gefunden, beugen sich Thomas und Hänger über das Loch; einer davon beeindruckt, der andere im falschen Film.

Der Chef löst sich als Erster aus der Starre, fährt mit den Handflächen die Knöpfe der Maschine ab, als würde er es sonst nicht glauben.

„Yep, Golf ist ein Spiel fortwährender Notlagen.“

„Welches Arschloch…“

Hänger nimmt einen tiefen Schluck aus seiner Bierdose und blickt schuldbewusst zu Boden.

Thomas lässt es gut sein und macht sich an seinem Equipment zu schaffen.

„Uns ist da neulich übrigens was Blödes passiert...“

Die Teppichfasern des nächtlichen Obergeschosses dämpfen Ninas schleichende Schritte aus ihrem Zimmer, um sich noch einen Schluck zu trinken zu holen, von der verbotenen Cola, die sich vor dem Schlafen gehen nicht spielt; da kann sie so alt werden, wie sie will.

Das wäre mal ein Tweet - sie könnte sich nirgendwo mehr blicken lassen!

Aber so viel Schokolade macht durstig, wenn man schon die Bauchschmerzen hinnimmt.

Hinter der Spaltbreit offenen Schlafzimmertür, in dem eine Stunde längst nur wenige Sekunden lang dauert, seit die Zeit dafür endlich da war, dringt verhalten das lüsterne Knistern zweier Menschen hervor, die sich in der Aussichtslosigkeit verlieren, den Widerstand überwinden zu können, der einem der andere Körper ist.

Nina macht kehrt, um ihr Smartphone zu holen, bevor sie einen Blick hineinwagt und am Ende doch kein Foto - oder Video, das wäre noch besser gekommen - gemacht haben wird.

Wenn das Verlangen nach Vergeltung nicht viel Zeit braucht, um darauf zurückzugreifen, wird sie das noch lange bedauern, ein solches Druckmittel damals gar nicht erst in die Hand genommen zu haben. Nina kann Mama ja schlecht nochmals unbeobachtet breitbeinig auf Thomas´ Gesicht setzen, dessen Kopf von ihrem Nachtkleid bedeckt, kaum mit Schlucken hinterherkommend.

Maria klammert sich ans Bettgestell, dem leisen Ächzen des kühlen Metalls selbstvergessen ergeben, weit weg von der säuerlichen Herbe ihres warmen Urins, der sich im Rachen ihres Mannes staut.

Sie braucht ein paar Bilder der Tür, die sich heimlich öffnet - das letzte davon, lächelt sie vorher noch an; aber verdammt - da steht Nina!

„Schatz, warte! Hiergeblieben!“

Ihrer Tochter entgegen, stürzt sich Maria von Thomas runter, der sich am Urin verschluckt und durch die Nase ausprusten muss.

„Im Ernst, du lässt dir ins Maul pissen? Und die Kleine hat es gesehen?“

Hänger, die personifizierte Unangemessenheit - das weiß er nicht erst seit eben - beginnt seinen Chef, den perversen, spöttisch zu belächeln und nimmt einen weiteren genüsslichen Schluck.

Da schau an.

Er wusste, dass es bei denen zugehen muss: ein an Maßlosigkeit leidendes Kind und eine Alte daheim, die ihm keinen Meter gibt.

Abends vögelt er ihr dann die Härte raus.

Aber er wird sich hüten, was zu sagen, denn er darf seine Frau dann wiederhaben; würde er es denn tun.

„Sheriff, spar dir die Klavierstunden - oder was nimmt der örtliche Psychiater die Stunde“ - und damit hat sich das Thema.

Soll Hänger den Punkt haben.

Soll ihm recht sein.

Der Hund muss noch gefüttert werden.

Und wenn der Schlaf seiner Frau gnädig ist, hat er heute noch eine Verabredung.

Das Eisen energisch durchgeschwungen.

Aufgestautes trachtet nach Freiheit.

Ziele werden über Etappen erreicht. Der letzte Wassergraben. Ein Schlag noch zum Haus.