Drehe die Herzspindel weiter für mich -  - E-Book

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Beschreibung

Zum 100. Geburtstag der großen Kärntner Autorin am 4. Juli 2015 Das Werk der Christine Lavant wurde, obwohl sie lange als Außenseiterin galt, mit den höchsten literarischen Preisen bedacht. Dass der nicht gerade für Respekt vor Kollegen bekannte Thomas Bernhard eine Gedichtauswahl besorgte, erregte Aufmerksamkeit. Heute, mehr als vierzig Jahre nach ihrem Tod, hat die Dichterin nichts von ihrer Anziehungskraft eingebüßt, ihre Erzählung »Das Wechselbälgchen" etwa (2012 neu bei Wallstein veröffentlicht) erreichte in kurzer Zeit vier Auflagen. Immer sagt es viel über den Rang von Literatur, wenn Autorinnen und Autoren nachfolgender Generationen sich anhaltend und nachdrücklich auf sie beziehen. Bei Lavant ist das in bemerkenswerter Weise der Fall. Der Band zum 100. präsentiert Originalbeiträge von Andreas Altmann, Konstantin Ames, Christoph W. Bauer, Ann Cotten, Dorothea Grünzweig, Maja Haderlap, Peter Hamm, Kerstin Hensel, Gabriele Kögl, Michael Krüger, Sibylle Lewitscharoff, Friederike Mayröcker, Julian Roman Pölsler, Steffen Popp, Teresa Präauer, Ilma Rakusa, Arne Rautenberg, Monika Rinck, Hansjörg Schertenleib, Evelyn Schlag, Ferdinand Schmatz, Kathrin Schmidt, Silke Andrea Schuemmer, Ulf Stolterfoth, Marlene Streeruwitz, Raphael Urweider und Uljana Wolf.

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Seitenzahl: 172

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Drehe die Herzspindelweiter für mich

Christine Lavant zum 100.

Herausgegeben von Klaus Amann,Fabjan Hafner und Doris Moser

Wallstein Verlag

Sonderband literatur/a

Eine Publikation des

Robert-Musil-Instituts der Universität Klagenfurt

Gedruckt mit freundlicher Unterstützung von

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek.Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnetdiese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://dnb.d-nb.de abrufbar.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2015www.wallstein-verlag.deVom Verlag gesetzt aus der Stempel GaramondUmschlaggestaltung: Susanne Gerhards, Düsseldorf,unter Verwendung einer privaten FotografieDruck: Hubert & Co, GöttingenISBN (Print) 978-3-8353-1652-2ISBN (E-Book, pdf) 978-3-8353-2746-7ISBN (E-Book, epub) 978-3-8353-2747-4

Inhalt

Vorwort

I

FRIEDERIKE MAYRÖCKER»das Selfie der Christine Lavant«

CHRISTINE LAVANTImmer näher dem Milchstraßenrand

MAJA HADERLAPunter dem hundsstern

CHRISTINE LAVANTDas ist die Wiese Zittergras

CHRISTOPH W. BAUERzittergras. vaganten-ekloge

CHRISTINE LAVANTIch verlege die Ortschaft von links nach rechts

KERSTIN HENSELOrtschaft. Für C. Lavant zum 100. Geburtstag

CHRISTINE LAVANTVersuche den winzig gewordenen Mond

ARNE RAUTENBERGversuch über den winzig gewordenen mond

CHRISTINE LAVANTHerbst

HANSJÖRG SCHERTENLEIBHerbst – reloaded

SILKE ANDREA SCHUEMMERKreuzaufladung

STEFFEN POPPHunde und Schlitten

II

CHRISTINE LAVANTWie pünktlich die Verzweiflung ist!

RAPHAEL URWEIDERich nehme eine zeile mit nur eine zeile

CHRISTINE LAVANTmir ist es oft, als ob die Erde sich

ANDREAS ALTMANNAtemleise Chöre durch das Augenlicht

EVELYN SCHLAGmeine letzte stimme

ULF STOLTERFOHTWolfsberg-Variationen

III

MICHAEL KRÜGERChristine Lavant

PETER HAMMEtwas über Christine Lavant

DOROTHEA GRÜNZWEIGDas Walten, die Gewalt der Bilder.Zu den Gedichten Christine Lavants

ILMA RAKUSAWer hat Angst vor Christine Lavant?

CHRISTINE LAVANTEs riecht nach Schnee

TERESA PRÄAUEREs riecht nach Schnee.Zu einem Gedicht von Christine Lavant

IV

CHRISTINE LAVANTWo treibt mein Elend sich herum

MARLENE STREERUWITZactio personalis

MONIKA RINCKMondkork.Zur Frage des Adressaten. Zwölf Vorstellungen. Keine gleicht der anderen

KONSTANTIN AMESlavant

V

FERDINAND SCHMATZChristine Lavant.Das Selbst-Bestimmen des Namens

JULIAN PÖLSLERDas Wechselbälgchen.Filmdrehbuch (Ausschnitt, Arbeitsfassung)

ANN COTTENDie Sprache als Roß oder Mittel des Transports.Die Dichterin als Sklave der Wirklichkeit und der Sprache zugleich

ULJANA WOLFStürzung der Masterblume.Christine Lavant übersetzen (mit Hildemine Pam Dick und Jane Flow)

VI

CHRISTINE LAVANTDas Selbst-Bestimmen des Namens

KATHRIN SCHMIDTUnebenes Gedächtnis

GABRIELE KÖGLDer Sonnenapfel ist ein Lavanttaler

SIBYLLE LEWITSCHAROFFDie schwere, schwere Bürde der Welt.Aus einem Interview

Die Autorinnen und Autoren

Vorwort

Drehe die Herzspindel weiter für mich,

denn wenn du mich losläßt, hänge ich morgen

mein Augapfelpaar in ein Spinnwebennetz

und überwache von dort dein Geschick

und ordne die Botschaft der Knoten.

Dann wirst du spüren: Es sieht mich so an!

Es sieht mich an, wie die Welt mich verläßt;

der Sonnenvogel im Apfelast

und das Mondnest unter dem Dache

samt dem Ei meines Schlafes.

Christine Lavant

Am 4. Juli 2015 jährt sich der Geburtstag der österreichischen Dichterin Christine Lavant zum einhundertsten Mal. Ihr wohl berühmtester Leser, Thomas Bernhard, hat Lavants Gedichte als »das elementare Zeugnis eines von allen guten Geistern mißbrauchten Menschen als große Dichtung« bezeichnet. Doch in Christine Lavants Dichtung ist weit mehr zu entdecken als der Ausdruck existentiellen Leidens.

Zu Lavants 100. Geburtstag haben wir eine Reihe von Autorinnen und Autoren eingeladen, Lavant neu zu lesen. Die Zugänge zur Dichtung Christine Lavants sind so vielfältig und vielschichtig wie ihre Texte – und wie die dichterische Herkunft ihrer Autorenkollegen. Anekdotisches Erinnern steht neben hermeneutischer Spurensuche, avantgardistische und postmoderne Lesarten stehen neben experimentellen und traditionellen, konventionelle Lektüren neben solchen gegen den Strich, Zwiegespräche neben Monologen, Einzelgedichte neben Gedichtzyklen und Essays. Die üblichen thematischen Schwerpunkte der Lavant-Lektüre wie Natur, Spiritualität, Hadern mit Gott, Lieben und Leiden, treten in den Hintergrund zugunsten neuer Perspektivierungen ihres Werkes unter poetologischen, sozialen, politischen oder feministischen Aspekten.

Die Autorinnen und Autoren verändern und vergrößern den Echoraum von Lavants Dichtung durch die Auseinandersetzung mit Christine Lavants Poetik, mit dem unbedingten Formwillen ihrer Gedichte, der Kompromisslosigkeit ihrer Prosa, der Universalität ihrer Themen. »Wenn ich dichtete,« schrieb Lavant am Beginn ihrer Karriere an einen väterlichen Förderer, »risse ich jede Stelle Eures Daseins unter Euren Füssen weg und stellte es als etwas noch nie von Euch Wahrgenommenes in Euer innerstes Gesicht.« Vielleicht sind es dieser Ernst, dieser Anspruch, diese Dringlichkeit des Schreibens, die nicht nur die Lavant-Leser von jeher gefangen nehmen, sondern die offenbar auch in ganz besonderer Weise diejenigen ansprechen und anstacheln oder aufregen, die selber schreiben.

Lavant neu gelesen haben Andreas Altmann, Konstantin Ames, Christoph W. Bauer, Ann Cotten, Dorothea Grünzweig, Maja Haderlap, Peter Hamm, Kerstin Hensel, Gabriele Kögl, Michael Krüger, Sibylle Lewitscharoff, Friederike Mayröcker, Julian Pölsler, Teresa Präauer, Steffen Popp, Ilma Rakusa, Arne Rautenberg, Monika Rinck, Hansjörg Schertenleib, Evelyn Schlag, Ferdinand Schmatz, Kathrin Schmidt, Silke Andrea Schuemmer, Ulf Stolterfoht, Marlene Streeruwitz, Raphael Urweider und Uljana Wolf. Ihnen allen danken wir für das Drehen der Herzspindel und für das Weiterweben am Text.

Die Herausgeber

I

FRIEDERIKE MAYRÖCKER

»das Selfie der Christine Lavant«

(unter Tränen unter Palmen:

ist wie Erdbeben wenn du auf

Reisen gehst und mich ver-

lassest : eruptiv, schmeckt

wie Zitronen : amour fou mit

Werner Berg, hinfällig starre

ich ins Rad der Zeit)

ich weisz dasz ich vergangen bin und mich

auch noch vergangen habe,«

17.7.2014

CHRISTINE LAVANT

Immer näher dem Milchstraßenrand

dreht sich der Hundsstern die Steppe zurecht,

während mein Halbtraum durch Mondviertel schleicht

und vor der Wachsamkeit flüchtet,

die im Steppenwind nachkommt.

Gestern warf ich mein Herz hinauf,

als Hundekuchen war es noch gut,

aber der Tiefschlaf verfehlte die Zeit,

weil er die Blätter der Milchsterne fragte:

Für keinmal, für einmal, für immer?

Gierig schaut mir der Hundsstern heut zu,

wie ich die Knochen des Rückgrates rüttle,

doch keiner will mir vom Leibe gehn,

denn jeder ist wachsam und listig und bellt

eine Botschaft hinauf, die der Steppenwind schluckt,

bevor er das Mondviertel abreißt.

MAJA HADERLAP

unter dem hundsstern

nicht gottverlassen, denn gott stand

am gartenzaun, als man ihn anderswo

vermutete. nicht verrückt, auch wenn

das mädchen sah, wie der mann

die gestirne musterte und eine zigarette

rauchte. du musst gar nichts glauben,

diesen satz legte er in ihre gedanken,

ohne sich umzudrehen. er werde sich

unter die südlichen berge zum schlafen

legen wie ein hund vor sein herrenhaus,

erklärte der nächtliche gast und ging

quer über das feld. im wortfieber liegend

fand man das mädchen, kontaminiert

mit abwesenheit. ihre augen zogen den

mond als blasse worthülse an den tag

und die gräser tasteten aus dem dunkel

nach ihr. himmel und erde lasteten schwer

auf der zunge. es roch nach schnee.

CHRISTINE LAVANT

Das ist die Wiese Zittergras

und das der Weg Lebwohl,

dort haust der Hase Immerfraß

im roten Blumenkohl.

Die Rosenkugel Lügnichtso

fällt auf das Lilienschwert,

das Herzstillkräutlein Nirgendwo

wird überall begehrt.

Der Hahnenkamm geht durch den Tau,

das Katzensilber gleißt,

drin spiegelt sich die Nebelfrau,

die ihr Gewand zerreißt.

Der Mohnkopf schläfert alle ein,

bloß nicht das Zittergras,

das muß für alle ängstlich sein,

auch für ein Herz aus Glas.

CHRISTOPH W. BAUER

zittergras

vaganten-ekloge

erklär mir keiner das landleben

stacheldrahtzäune gab es und

bauern auf der jagd nach fußbällen

unter den reifen ihrer traktoren

zerplatzen träume eine jugend lang

inspizierte ich mehr kaulquappen als

mädchen krötenaugen umrundeten

meine lippen wenn der mond ins

regenwasser sprang und eins wurde

mit meinem gesicht nachts lag ich

im zittergras die sterne zu zählen

lediglich geröll flimmert heute dort

oben selbst im hintersten winkel

wissen telefone über alles bescheid

werden befindlichkeiten global

schwärmt der phrasenteufel von

welthaltigkeit da stehe ich nun

in dummgeschwätzter zeit

über mir nur wolkenbatzen die

zur befürchtung sich verdichten

schwarz wird mir vor augen

vom nahen dorf glockenstimmen

im bannkreis der kröte rieselt

eine dichterin mir in den sinn und

vergils achte ekloge freilich schön

könnten carmina den mond auch

wieder an den himmel locken

CHRISTINE LAVANT

Ich verlege die Ortschaft von links nach rechts,

dann mußt du nimmer im Beinhaus wohnen,

das bleibt für immer am Aber-Ort

und ohne ewige Ampel.

Vielleicht wirst du rechterhand frieren,

weil anfangs die Sonne noch nicht gehorcht,

vielleicht braucht sie sieben Gezeiten,

um über den Brustkern zu kommen,

der so vielfältig hart ist?

Drüben hat noch kein Mond gewirkt,

es ist dort alles wie vor der Zeit;

wir werden linksseitig werben müssen

sanftmütig-dämonisch und halbschlaf-klug

um jeden dienstbaren Atem,

der noch halbwegs getreu ist.

Um meinetwillen geschieht das nicht,

ich würde auch links wie im Schoße Gottes

erwachen ohne zugrunde zu gehn

und Blei oder Strohhalme kauen.

Du aber, der du im Beinhaus wohnst

und das Öl der ewigen Ampel verzehrst,

du mußt dich unter den Lungenflügeln

insgeheim über die Grenze bringen

ins Land, das noch nichts von der Sündflut weiß

und wo der Mond noch nie aufging.

KERSTIN HENSEL

Ortschaft

für C. Lavant zum 100. Geburtstag

Ich verlege die Ortschaft nicht mehr

Von links nach rechts Noch und noch

Finden wir uns

In gedengelten Welten des Glaubens

Aber mein Gott

Brät mir keine Sünden über

An allen Früchten vergehe ich mich ungestraft Ein Kerl

Kommt und sagt er sei ein Kerl

Das ist das ganze Geheimnis

Ich habe keinen dienstbaren Atem für irgendwen

Und kein Begehr mich über Gnade zu freuen

Verlegte Ortschaft: mein Kopf darin

Haut die Sense links rechts

CHRISTINE LAVANT

Versuche den winzig gewordenen Mond

aus dem Himmel zu blasen.

Dein Atem reicht nicht einmal dafür noch aus!

Wie willst du dann die aufgeloderte Sonne

über deinem Herzen kühler machen

oder gar sie verschieben?

Sage zu deinem Herzen, daß früher oder später

alle Hexen verbrennen müssen.

Auch die guten entgehen dem Feuer nicht,

weil Gott ihre magische Asche braucht,

um seine Erwählten damit zu salben.

Sage, er haßt diese Asche nicht,

weil sie trotz allem aus Unschuld kommt

und vielen gemeisterten Leiden.

Lehre, wenn du jetzt Atem holst,

dein Herz in die Mitte der Sonne treten

und tilge gänzlich aus deinem Blut

den Namen der Hölle.

Niemand glaubt dir das Wort –;

und das, was dich brennt,

weiß allein seinen eigenen großen Namen,

der erschütternder ist als alle Zeichen am Himmel.

ARNE RAUTENBERG

versuch über den winzig gewordenen mond

wie kleinlaut sich die tage neigen

die sichel ab und zu

nen kopf rollen lässt

was bleibt? ich kenne einen

der sammelt rituelle schädelschalen von menschen

für menschen beschnitzt

mit skeletten feuer knochen

und aasfressern dunkel ist diese kapala

vom jahrhundertealten grind

bitte um eine handvoll reis

bitte um eine handvoll sterne

am nachthimmel bettelnde hände

der unaufhaltsame tag beginnt

der nächste innere shitstorm

will überstanden sein weil

ich nicht bei mir bin

aus niederlagen siege mache

kann ich nicht bei dir sein

zurück am nachthimmel der einschlafhammer

benutzt du nicht zu große worte?

ich lese sie auf (wie reiskörner)

du öffnest derweil die letzte matroschka

und von der seele bleibt nurmehr ein see

(spiegel des anderen)

CHRISTINE LAVANT

Herbst

In den feuchten Gründen

Wogen Nebelschleier

Sturmgepflügte Blätter

Wirbeln um den Weiher

Durch die Wolkenfetzen

Brechen Sonnenstrahlen,

Jene letzten, schönen,

Die so golden malen

Und die Wipfel schweigen

Und die Bäume neigen

Lebensmüd ihr Haupt.

Schweigend liegt ringsum das graue Land

Der Regen nur rauschet sein Lied

Ein Frösteln die Fluren durchzieht.

Die triefenden Zweige hängen so müd

Gealtertes Laub sie umfällt.

Gar vieles liegt in dem ewigen Lied,

Das der Regen den Fluren erzählt.

Drum schweigen sie auch so unentwegt

Und wollen nur hören und lauschen,

Was alles der Regen hineingelegt

In sein melancholisches Rauschen.

HANSJÖRG SCHERTENLEIB

Herbst – reloaded

Regen Regen

nichts als Regen

das ewig gleiche Lied

seit ungezählten Tagen

Am Kamm des Hügels

ziehen Schafe

Müd die Büsche

Müd die Bäume

ihre Äste schreiben Worte

auch wenn sie keiner

jemals lesen wird.

Schweigend liegt ringsum das graue Land

Den Dohlen reicht der Himmelsstreif

uns ihre Künste vorzuführen.

Im Flur aus Gras steht schon die Nacht

sie wartet still jedoch auf wen?

Ein dunkles Rauschen

steht in unsren Köpfen.

Der Weiher wird zum Spiegel

der Wald zum lichten Dom

die Äste liegen wie Gebein doch

durch die Wolkenfetzen schimmert: nichts.

SILKE ANDREA SCHUEMMER

Kreuzaufladung

für Christine Lavant

Krummbucklig ich

die Nachzehrerin die Zeterin zertretene

heb ich Krumen klaub sie auf

Finsterung Behausen in den Klauen

Krumm vor Krumenbuckelei mein Wiedergang

das Wiederverhängnis am Gängelband

die Kreuzwegbeugung leinengleich geführt

stellvertretend hebt das Bücken nichts

Bleibt das Kummerbündnis hier zu glauben

dass im Scharren nur ein Knöchel

von der andren Seite nach mir greift

dass mir ein Keimling zustößt

wie Gewölbe diese Wurzel mich durchschlägt

dass sich vielleicht

auf allen Vieren eine Hand mir reicht

STEFFEN POPP

Hunde und Schlitten

Hunde und Schlitten gleit ich durch Abendliche

über Städte die auch in der Luft sind – herleuchten –

eine Steinform

und in der Luft

auf der Gegenschräge, Sangskrümme, schwebend

die Kartause, kübelnder Napf, den die Getriebene

glänzend, gescheuerte

Leere, dem Firmament hinstellt

Kanülen durchfährt sie, gelöste, krampfende Glieder

Spinnlein, in deren Schwebespur Tropfen hängen

Demante, ein erdnahes

Licht- und Tropentandem

auf der Gegenschräge, mit Glockenfüßen – Gott –

Treten, schwarz radelt ET im Mond über Hollywood

das blanke Rasiermesser

wo er Auge ist blickt nichts

Hunde und Schlitten gleit ich durch Abendliche

mir Komplizierte, sie zwinkern, ich übertrete, -kufe

aber das ist wie Meere

glätten mit Menschenhänden

II

CHRISTINE LAVANT

Wie pünktlich die Verzweiflung ist!

Zur selben Stunde Tag für Tag

erscheint sie ohne jede List

und züchtigt mich mit einem Schlag.

Dann stieben Funken um mich her,

mein Herz ruft alle Engel an,

der Himmel aber ist ein Meer

und Jesu treibt in einem Kahn

sehr weit am andern Rand der Welt,

dort, wo die Helfer alle sind,

und meine letzte Hoffnung bellt

am Ufer durch den Gegenwind.

Ich spür dann, daß mich niemand hört,

und sammle still die Funken ein,

mein Herz – das knisternd mich beschwört –

wird nach und nach zum Feuerstein.

RAPHAEL URWEIDER

ich nehme eine zeile mit nur eine zeile

auf eine reise und behalte sie ganz weise

nur für mich und teile sie nicht teile

nichts an keinem ort wo ich verweile

auf meine weise lese ich dann diese zeile

und frage mich nicht wer und wessen

und ob ich atem hätte diesen mond vergessen

zu machen oder sonnen zu vermessen

ein atmen ist ja an sich ein geschenk

wie auch das leben jedes gelenk

jede bewegung nicht selbstverständlich

und jede geduld ist wie alles endlich

Wie pünktlich die Verzweiflung ist!

zur blauen stunde nacht für nacht

erscheint sie ohne jede List

und zündelt dann mit aller macht.

Dann stieben Funken um mich her,

die dunklen engel hängen vor

und jede decke wird zu schwer

die melodien sonst in meinem ohr

sehr weit am andern Rand der Welt,

die mir sonst lieb und tröstlich sind

nun stille und mein blick verstellt

nur flammen zweifel gegenwind

ich weiß die engel sind nicht nett

und sammle still die Funken ein,

und liege starr, das harte bett

wird nach und nach zum Feuerstein.

wieder brach ich bei dem nachbarn ein

und sie hatte tür und fenster offen

doch ihre augen waren fest geschlossen

so konnt ich unbemerkt beim nachbarn sein

dumm sie sah sie mich und aus ihrem mund

kam schluchzen bitten und verbohrtes drohen

während hier die hühner vor mir flohen

die katze und ich vor dem alten hund

doch ich ging nicht nahm mir wieder nur

ein haustier das noch gerne leben wollte

und der mond verlachte mich und rollte

stundenlang ganz rasch aus seiner spur

bitter trocknen ihr die augen ein

bitter rinnt mir schlaftrunk durch die kehle

bitter betet sie für meine arme seele

und schenkt mir ihr verlassensein

CHRISTINE LAVANT

Mir ist es oft, als ob die Erde sich

jetzt atemleise meinem Blick entzöge,

und eine fremde Landschaft tritt für sie,

wie eine Bilderschrift, um alles Schauen.

Wohl weiß ich noch die Namen mancher Dinge

und sage: Wolke, Tauwind, Birnbaum, Mond! –,

doch haftet jedem solche Sanftmut an,

wie früher nur dem Bild der toten Mutter.

Und auch die neue Gegend ist verschlossen,

gleich einem Garten, den ein Herr bewohnt,

der mich erwartet für viel spätre Zeit.

Das läßt mich nun in allem so allein,

daß ich mich manchmal aus mir selber hebe,

um was Vertrautes in den Raum zu tun,

aus dem die Erde atemleise flieht.

ANDREAS ALTMANN

Atemleise Chöre durch das Augenlicht

meine schweigsame mutter

kirschblüten liegen auf tannenzweigen, die den baum

dem himmel näher bringen. von einem moment

auf den anderen knicken der roten tulpe auf dem tisch

in der vase vier blätter ab. dem blut wird der weg

abgeschnitten. du sitzt auf dem stuhl in der küche.

es schließen bilder gesichter. das schlesische dorf

mit den älteren schwestern. die puppe im feuer. soldaten

und schreie im hals. vertreibung. die ankunft in sachsen.

das kältere schweigen. dienstmädchendienste. der sohn

vom hauptmann, die einsamen jahre. arbeit im brauhaus.

die liebe, ein nest. der gemeinsame sohn. das leben

der langsamen schritte. die enkel. der tod des geliebten.

die blumen. meine schweigsame mutter wird still, schläft ein

auf dem stuhl. die augen geöffnet im weiß. nun liegt sie

in einem raum ohne atem, sieht den flammen entgegen.

die kirschen reifen in diesem jahr schnell.

vor dem herbst

getriebene luft geht durch die bäume. noch

halten sich ihre blätter. doch das rauschen

ist ohne illusion. worte der kindheit passen

nicht mehr in den spiegel, der aus dem gesicht

fällt. der regen löscht flammen im stoppelfeld.

du hast federn in die löcher der dachrinne gesteckt.

sie tropfen aus dem mund. engel kenne ich nur

aus anderen sätzen. ich mag es, wenn kraniche

vor ihren flügen in den süden alle anderen geräusche

ins blindsein treiben. es ist, als könnte alles

noch einmal beginnen. blumen senken ihre köpfe.

wie schön sie sind in ihrer würde. stare flattern

chöre durch das augenlicht. und aus dem loch

des vogelhauses hängt blut am gräsernest.

ich leg die augen an. und ihre blicke

werfen sich auf mich zurück.

geduld

im rauschen des schilfs hellt das licht auf.

mein haar ist grau und leise im wind,

durch den ich gehe. gestaltlose tiere flattern

vom see herüber und fallen lautlos durch

meine augen. im boot welkt das wasser.

in ihm stumpft der himmel ab. zugvögel

haben den hall ihrer flüge zurückgelassen.

er verebbt in den bäumen, die durch

schaubarer werden. noch lebt mein vater,

der sich, in weiße tücher gehüllt, über den see

schleppt. er hat schon das eis an den füßen

und den schnee auf der zunge. er zieht

eine schar krähen hinter sich her und dirigiert

sie mit seinen armen. sie werden geduld

haben müssen. knietief ist der see gefroren,

geduld, bevor sie ihn retten.

zerbrechlich

an kalten bäumen läuft das licht

herunter. schwarz sind ihre knochen

und zerbrechlich. die wiese atmet

graue luft. im schilf zerknittern

die geräusche. ich gehe am gedächtnis

ein. und spreche leise, dass ich mich

noch hören kann. der wald liegt weich

in seiner haut. ihr schlaf streift sich

in meinen träumen ab. ich rufe mutter vater

kind. das echo wird vom schweigen

abgestoßen, erinnerungen durch die augen

skelettiert. ich bin so müde, dass ich mich

nicht sehen kann. ich sitz im garten

hinterm haus, die nacht ist dunkel und

allein. nur wenn die gänse fliegend

schrein, fällt ein wenig licht herab.

nebel

aus dem nebelsee brüllen die bullen.

es sind die letzten tage. wiesen atmen

in die kühle abendluft. ich gehe über

worte, die am boden liegen. und trag

das grab durch meine augen, und auf

der zunge die bezahlten münzen. ich

komme in das dorf, wo hinter fenstern