Drei Jahre später - Emmi Ruprecht - E-Book

Drei Jahre später E-Book

Emmi Ruprecht

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Beschreibung

Vor drei Jahren reisten sie schon einmal nach Italien. Dem Zauber des Urlaubsortes konnte sich keiner entziehen, aber auch nicht den Fragen, die sich ihnen weit entfernt vom Alltag plötzlich stellten. Die Reise veränderte ihr Leben! Heute kommen einige von ihnen wieder und treffen an diesem Ort in Italien auf altbekannte und auf neue Gesichter. Dabei bricht manch überwunden geglaubter Konflikt wieder aus und manch neue Lebensaufgabe zeigt sich. Wieder kann niemand ausweichen, jeder muss sich seinem Schicksal stellen – freiwillig oder nicht. Was ist aus Elli, Matthias, Monika, Carola und den anderen geworden? Und wie geht es weiter, drei Jahre später?

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Seitenzahl: 484

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Emmi Ruprecht

Drei Jahre später

'Ein Ort in Italien' - Es geht weiter

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Personen

Die Anreise

Der erste Abend

Sonntag

Montag

Dienstag

Mittwoch

Donnerstag

Freitag

Die Abreise

Impressum neobooks

Personen

DREI JAHRE SPÄTER

‚Ein Ort in Italien‘ – Es geht weiter

Emmi Ruprecht

Die Reisegruppe

Elli (39) ist eine hochgewachsene, attraktive Frau mit langen braunen Haaren, deren Fröhlichkeit und Gutmütigkeit manchmal fast ein wenig naiv wirkt. Sie glaubt nicht zu wissen, was sie will.

Monika (52) sieht man schon an den strengen Gesichtszügen, den straff zurückgebundenen Haaren und dem immer schicken, tadellosen Äußeren an, dass sie hart gegenüber sich selbst und manchmal auch gegenüber anderen ist. Damit macht sie sich das Leben nicht unbedingt leichter.

Matthias (36), blond, groß, schlaksig und ganz der Typ „großer Junge“, hat verstanden, wie die Welt funktioniert, und lässt andere nur zu gerne an seinen Erkenntnissen teilhaben.

Ulla (26) wirkt irgendwie blass und farblos, ist ziemlich klein, verfügt jedoch über ein umfangreiches Hinterteil, mit dem sie sich gerne auf alles Mögliche setzt. In Matthias hat sie einen Versorger für sich und ihren fünfjährigen Sohn Felix gesucht und gefunden.

Maik (47) ist ein gut aussehender, durchtrainierter Mann mit braunem Haar, das an den Schläfen langsam ergraut, und dunkelbraunen Augen. Für ihn ist die Welt in Ordnung, solange sie sich um ihn dreht.

Carola (40) ist bildschön mit ihren langen blonden Haaren und ihrem makellosen Äußeren. In ihrem Bemühen, ihre Ehe mit Maik zu retten, geht ihr langsam die Puste aus.

Julie (40), die Schweizerin, fällt auf durch ihre prachtvollen kastanienfarbenen Locken und ihr offensichtliches Selbstbewusstsein. Doch sie wirkt nur nach außen stark, unabhängig und distanziert. Innerlich sehnt sie sich nach Halt und Menschen, die ihr nahe stehen.

Josh (43) ist Neuseeländer mit deutschen Wurzeln. Er ist schlank, hochgewachsen, mit hellblonden zerzausten Haaren und auffallend grünen Augen. Seine Unabhängigkeit bedeutet ihm viel.

Heiko (44) sieht man an, dass er wenig Wert auf sein Äußeres legt. Seine Haare sind kraus und ebenso wie seine Kleidung von undefinierbarer Form. Sympathisch und manchmal sogar charmant schlurft er durch die Welt, kommt dabei aber nicht vom Fleck.

Petra (55) ist klein, zierlich und wirkt oft schüchtern. Doch wenn sie sich etwas vorgenommen hat, setzt sie das konsequent um. Verhängnisvoll ist dabei nur ihre Schwäche, stets für alles und jeden die Verantwortung zu übernehmen.

Die Kursleiter

Cosima (48) ist ein kleines, molliges Temperamentbündel mit langen rotgelockten Haaren. Sie fühlt sich für das Seelenheil ihrer Schüler zuständig und hat dabei alle Hände voll zu tun, das mangelnde Zartgefühl ihres Kollegen auszugleichen.

Don Carlos (47) ist mit dem Aussehen eines umwerfend attraktiven Flamencotänzers gesegnet, macht sich jedoch wenig daraus. Er ist eigentlich immer gut gelaunt und hat überhaupt keine Antennen für Schwingungen. Zurzeit hat er Besuch von seiner „Mama!“ Dorothee (74).

Die Gastgeber

Stefan (50), wegen seiner italienischen Wurzeln „Stefano“ genannt, und seine Frau Sandra (48) kümmern sich mit Leidenschaft um ihr Anwesen und ihre Gäste. Unterstützt werden sie von Edith (75), Sandras Mutter, deren Kochkunst beinahe schon legendär ist.

Die Anreise

Elli und Monika

Elli steht am Rande der Schotterpiste, wo sie soeben ihr Auto geparkt hat, um die Aussicht zu genießen. Sie schaut weit über die Berge und das Tal, das sich zu ihren Füßen erstreckt. Dunkelgrüne, dicht bewaldete Hänge, nur ab und zu von einer hellgrünen Wiese oder sonnengelb blühenden Ginstersträuchern durchbrochen, reihen sich bis zum Horizont aneinander. Unberührt, fast märchenhaft liegt die Landschaft vor ihr, nur hier und da erahnt sie ein ziegelrotes Dach oder eine aus grauem Naturstein erbaute Mauer. Dazu dringt von Ferne ganz zart das Läuten von Kuh- oder Ziegenglocken an ihr Ohr.

Es ist ein zauberhaftes Bild, das sich Elli präsentiert, und der Anblick lässt sie vor Wonne erschauern. Doch was ihr Herz vor Glück fast zerspringen lässt, ist das, was sie genau gegenüber, auf der anderen Seite des Tals, erblickt. Dort ragt ein Plateau wie eine mächtige Hakennase aus dem Berg und dehnt sich mit nur leichtem Gefälle bis weit in den Süden aus. Oben auf dem Plateau steht, umrahmt von hohen Bäumen, eine Ansammlung von Häusern, deren graue und sandfarbene Fassaden warm vom Licht der spätnachmittäglichen Sonne angestrahlt werden. Dahinter fällt der Hang plötzlich steil ab und versinkt in dem undurchdringlichen Dickicht von Sträuchern, Gräsern und genügsamen kleinen Bäumen, die sich einen festen Halt auf dem unwegsamen Gelände erobert haben. Was für ein herrlicher Ort!

Elli erinnert sich noch gut an jenen Moment vor drei Jahren, als sich ihr dieser Anblick zum ersten Mal bot. Schon damals war sie zutiefst entzückt gewesen, nach der endlosen Fahrt über Serpentinen, an pittoresken, kleinen Dörfern und verlassenen, halb verfallenen Höfen vorbei, dieses Gut und damit das Ziel ihrer Reise in seiner ganzen einladenden Pracht vor sich zu sehen. Und heute ist es noch viel mehr als das! Heute ist es fast wie nach Hause zu kommen, obwohl sie vor drei Jahren nur eine einzige Woche hier verbracht hat. Aber jener kurze Urlaub gehört zu den intensivsten Erlebnissen ihres Lebens und hat sie verändert. Seit damals ist dieser Ort in Italien zu einem Sehnsuchtsort für sie geworden, an den sie sich oft zurückträumt, wenn die „wirkliche“ Welt, der graue Arbeitsalltag, allzu öde, frustrierend und nichtssagend erscheint.

Doch jetzt träumt sie nicht. In diesem Moment ist es Wirklichkeit: Sie ist wieder da!

Damals, als Elli zum ersten Mal hier am Rande der Schotterpiste stand und auf das Anwesen sah, wo sie ihren Urlaub verbringen würde, ahnte sie nicht, was sie erwartete. Sie erinnert sich, wie froh sie damals war, dem tristen Büroalltag zu entkommen. Sie weiß noch, wie sie auf der Fahrt nach Italien darüber nachdachte, dass sie kaum etwas in ihrer Heimatstadt hielt, wo sie jeden Tag von ihrer kleinen Wohnung in das Unternehmen fuhr, in dem sie arbeitete. Dabei erinnert sie sich sogar daran, wie sie damals davon träumte, dass ihr im Urlaub ein charmanter, am besten mit umfangreichen Gütern ausgestatteter Italiener begegnen möge, der sich unsterblich in sie verliebte!

Sie muss über sich selbst schmunzeln. Ja, damals konnte sie ihrem Leben nicht viel abgewinnen; deshalb träumte sie von einem Wunder, das sie aus der Einöde, in der sie sich gefangen sah, befreien würde.

Und wie ist es heute?

Elli seufzt. „Wenn ich ehrlich bin: nicht viel besser“, schießt es ihr durch den Kopf.

Doch schon im nächsten Moment will sie das so nicht stehen lassen. Natürlich hat sich etwas geändert! Es wäre ja furchtbar, wenn nicht! Schließlich sind seitdem drei Jahre vergangen und zumindest sie hat sich doch verändert! Sie ist selbstbewusster geworden und versteht viel besser als früher sich durchzusetzen und auf sich aufzupassen, damit sie nicht zu kurz kommt. Dieser persönliche Wandel hat ihr auch beruflich weitergeholfen und aus der Sachbearbeiterin eine Fachreferentin gemacht! Eine, die nun sogar in der beneidenswerten Situation steckt, sich zwischen zwei beruflichen Aufstiegsmöglichkeiten entscheiden zu können. Das hätte sie damals nicht für möglich gehalten!

An diesen Chancen, die sich ihr heute bieten, ist sie auch nicht ganz unschuldig. Weil Elli befürchtete, in dem Unternehmen, in dem sie arbeitet, bis ans Ende ihrer Tage beruflich auf der Stelle zu treten, hatte sie sich in den letzten Monaten mehrfach bei anderen Firmen beworben. Bei einer hatte sie Glück und wurde zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen, das sehr gut verlief. Sie verstand sich ausgezeichnet mit ihrem potenziellen Chef und der anwesenden Personalsachbearbeiterin. Auch beim fachlichen Teil des Gesprächs hatte sie den Eindruck, als würden ihre Qualifikationen und das, was die Stelle fordert, wunderbar zusammenpassen.

Wie es der Zufall so will, wurde ihr kurze Zeit nach dem Gespräch völlig überraschend eine Teamleiterstelle bei ihrem aktuellen Arbeitgeber angeboten. Und jetzt hat sie gestern auch noch die Zusage für den Job, auf den sie sich extern bewarb, erhalten! So gut lief es in der Vergangenheit selten für Elli und sie weiß, dass sie allen Grund hat zu jubeln! Jahrelang ging es in ihrem Leben bestenfalls schleppend voran und nun kann sie sich zwischen zwei attraktiven Jobalternativen entscheiden!

Doch genau diese Entscheidung fällt ihr überhaupt nicht leicht. Deshalb kam ihr der Urlaub gerade recht, der ihr eine einwöchige Bedenkzeit verschafft, ohne dass sie irgendwem ihre Gründe dafür erläutern muss. Nach dem Urlaub allerdings wird sie Farbe bekennen müssen und seltsamerweise tut sie sich damit viel schwerer, als sie es für möglich gehalten hätte. Natürlich ist so ein beruflicher Wechsel, und noch dazu einer, der sie möglicherweise in eine ihr unbekannte Firma führt, immer ein Risiko. Schließlich kann man nie wissen, was einen erwartet und ob man dem wirklich gewachsen ist! Doch viel irritierender ist die Tatsache, dass sich keine der beiden Optionen für sie so richtig gut anfühlt! Bislang hat sie geglaubt, sie würde in Begeisterungsstürme ausbrechen, sich vielleicht eine Kiste Champagner gönnen und mit ihren Freundinnen ein spontanes Fest feiern, wenn sie solche Chancen für einen beruflichen Aufstieg bekäme. Sie hatte geglaubt, dass sie vor Stolz platzen und alleine schon die lang vermisste Anerkennung ihrer Kompetenzen sie vor Glück fast zerspringen lassen würde. Doch nun muss sie sich beinahe zwingen, sich über ihren Erfolg zu freuen und in den gebotenen Perspektiven eine erstrebenswerte Zukunft zu sehen. Das kann Elli nicht verstehen! Was ist nur los mit ihr?

Sie schüttelt den Kopf, um die bedrückenden Gedanken zu vertreiben. Sie will jetzt nicht darüber nachgrübeln. Später vielleicht!

Außerdem gibt es ja auch noch ganz andere Dinge, die sich seit ihrem letzten Besuch hier in Italien getan haben, und die erfordern nun ihre ganze Konzentration!

Elli muss erneut schmunzeln. Sofort tritt ein sehr viel vergnügterer Ausdruck in ihr Gesicht. Sie erinnert sich daran, wie sie damals, bei ihrer Anreise, nicht nur verwegene Träume von charmanten Italienern hegte, sondern auch mit der sehr viel wahrscheinlicheren Aussicht liebäugelte, es könnten sich vielleicht ansprechende männliche Singles unter den Teilnehmern des Musikkurses befinden.

Aus dem Schmunzeln wird ein breites Grinsen.

Zugegeben: Der reich begüterte Italiener lief ihr damals nicht über den Weg, aber interessante Männer gab es. Genauer gesagt gab es eigentlich nur einen, und der hieß Josh.

Josh!

Sie beißt sich auf die Lippen, um ihr Grinsen wieder einzufangen. Josh, der große, schlanke Neuseeländer mit den blonden, immer etwas zerzausten Haaren und den strahlend smaragdgrünen Augen! Ihn fand sie rasend interessant und hat sich Hals über Kopf verliebt. Allerdings hatte sie damals angenommen, dass ihr Interesse einseitig wäre, da Josh viel mehr an der selbstsicheren und bildschönen Carola interessiert zu sein schien. Doch als sie sich am Ende der Woche bei der Abreise voneinander verabschiedeten, hatte Josh sie, Elli, geküsst – ein Umstand, den sie erst nach ein paar Tagen einigermaßen verkraftet hatte, wenigstens soweit, dass sie das Dauergrinsen, was sich nun schon wieder in ihrem Gesicht breitzumachen droht, einigermaßen in den Griff bekam.

Josh hatte im Anschluss an den Urlaub in Italien noch weitere Stätten in Europa besucht. Für eine einzige Woche in den italienischen Bergen hätte sich der Flug vom anderen Ende der Welt kaum gelohnt. Unter anderem war er auch nach Deutschland gereist, um seine Mutter zu besuchen, und bei der Gelegenheit hatten die beiden sich noch einmal gesehen.

Schon wieder setzt sich das Schmunzeln auf Ellis Gesicht durch, wenn sie daran zurückdenkt. Es war eine großartige Zeit gewesen! Josh und sie hatten kostbare Tage zusammen verbracht. Doch irgendwann musste er zurück nach Neuseeland. Obwohl Elli sehr verliebt und auch Josh augenscheinlich nicht ganz unempfänglich für ihre Reize war, kam eine Beziehung über diese Distanz hinweg natürlich nicht infrage! Das war auch nie ein Thema zwischen ihnen beiden gewesen. Elli hatte sehr wohl gespürt, dass Josh seine Unabhängigkeit schätzte. Daran hatte er keinen Zweifel gelassen und sie hatte das akzeptiert.

Umso mehr hat sie sich darüber gewundert, als er ihr vor drei Monaten schrieb, dass er wieder an diesem Ort in Italien sein würde, und zwar zur gleichen Zeit wie sie!

Elli hatte kurz zuvor in ihrem, aus ihrer Sicht leider nur sehr unregelmäßigen, E-Mail-Verkehr erwähnt, dass sie plante, sich gemeinsam mit Julie und Monika, die sie auch vor drei Jahren in Italien kennengelernt hatte, auf dem italienischen Gut zu treffen. Als Josh antwortete, dass er daraufhin ebenfalls den Kurs gebucht hatte, blieb Elli fast das Herz stehen! Josh würde nach Europa kommen? Nach Italien? Dorthin, wo sie auch sein würde?

Auch jetzt spürt Elli, wie ihr Herz schneller schlägt, als sie an den großen, blonden Mann denkt. In diesem Moment würde sie am liebsten sofort wieder ins Auto springen und die restliche Strecke über die Schotterpiste hinweg zum Gut jagen, um ihn endlich wiederzusehen, in seine unglaublich grünen Augen zu schauen und … ja was? Was würde sie tun?

Am allerliebsten würde sie über ihn herfallen und ihn überhaupt nicht mehr loslassen! Ihre Gefühle für Josh haben sich in der ganzen Zeit nicht geändert. Sie ist verliebt wie damals und sie weiß ganz genau, was sie will, nämlich ihn!

Bei diesem Gedanken spürt sie, wie ihr das Blut in den Kopf steigt und sie auf ihren Wangen, würde sie sich jetzt im Spiegel sehen können, bestimmt einen verräterischen Rosaton entdecken würde!

Zwar hatte Josh vor drei Jahren keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass eine Beziehung für ihn nicht infrage kam, und auch ihrer beider Austausch per E-Mail hatte nicht wirklich Anlass zur Hoffnung gegeben, dass sich das über die Zeit und die Entfernung hinweg plötzlich geändert haben könnte. Doch warum reist ein Mann dann die weite Strecke nach Europa, und zwar genau an den Ort in Italien, von dem er weiß, dass sie dort sein wird? Was hat ihn dazu veranlasst, diese Reise zu buchen? Das macht man doch nicht einfach so! Er muss doch einen guten Grund dafür haben! Oder hat er einfach nur genauso viel Sehnsucht wie sie nach diesem wunderschönen Anwesen, das dem Paradies, so wie Elli es sich vorstellt, so sehr gleicht?

Sie weiß es nicht und Josh ist auch kein Mensch, den man einfach so durchschaut. Wenn sie ehrlich ist, dann hat sie auch nach ihrer dreijährigen Bekanntschaft immer noch keine Ahnung, was in ihm vorgeht! Trotz seiner augenscheinlichen Sympathie für Elli, trotz der E-Mails, die sie sich in unregelmäßigen Abständen schreiben, trotz seinem Interesse an ihrem Leben, das er darin bekundet, weiß sie immer noch nichts darüber, was ihn tief in seinem Inneren bewegt und was er fühlt. Schon gar nicht für sie!

Elli hat nicht die geringste Ahnung, wie ihre erste Begegnung nach so langer Zeit ablaufen wird, und das macht ihr Angst. Hoffentlich vermasselt sie es nicht! Erneut schärft sie sich ein – wie schon in den letzten Tagen und Wochen, wenn sie das Problem des ersten Zusammentreffens zwischen Josh und ihr bewegte – dass vor allem eines nicht schaden kann: erst einmal Zurückhaltung zu zeigen und abzuwarten, was er tun wird. Sie hat sich fest vorgenommen, ihm auf gar keinen Fall hinterherzulaufen! Und deshalb wird sie jetzt auch versuchen, ihre Gefühle zu zügeln. Schaden kann es nicht! Solange sie nicht weiß, wie er zu ihr steht, ist es besser, sich nicht zu sehr auf ihn einzulassen, sonst ist der Schmerz der Enttäuschung am Ende umso größer!

Sie seufzt. Abzuwarten und sich vielleicht auch ein bisschen unnahbar zu geben, wird ihr schwer fallen. Sie ist nun mal ein Mensch, der seine Gefühle zeigt. Aber in diesem Fall ist Zurückhaltung selbstverständlich unerlässlich!

Elli streicht sich die langen dunkelbraunen Haare zurück, die ihr der laue Wind ins Gesicht weht. Dabei fällt ihr auf, dass ihre Haare vor drei Jahren noch kurz waren. Damals trug sie einen Pagenschnitt. Josh kennt sie also noch gar nicht mit langen Haaren. Ob es ihm auffallen wird? Ob er es mögen wird?

Sie muss über sich selbst den Kopf schütteln. Wenn sie schon so anfängt, dann kann es sehr, sehr schwer werden mit ihrer selbst auferlegten Zurückhaltung!

„Woran denkst du?“, fragt eine Stimme hinter ihr und reißt sie aus ihren Gedanken.

Monika ist von hinten herangetreten und legt ihr eine Hand auf die Schulter. Elli fühlt sich ertappt.

„Nichts Besonderes“, antwortet sie ausweichend, entschließt sich dann aber doch zu einer näheren Erklärung, um nicht zu abweisend zu wirken. „Ich dachte zurück an damals, als wir das erste Mal hier waren.“

Monika nickt und schaut wie Elli hinüber zum Gut, das einladend in der Sonne liegt.

„Es ist fast so, als wäre man nie weg gewesen“, sagt sie leise und neben der Freude, wieder hier zu sein, schwingt auch ein bisschen Wehmut in ihrer Stimme mit.

Elli dreht sich um und blickt ihrer Freundin ins Gesicht, das auf einmal ganz weich geworden ist. Ein ungewohnter Anblick, denn normalerweise wirken die Züge der Anfang fünfzigjährigen Monika immer etwas streng, sehr diszipliniert und überhaupt nicht verträumt. Man sieht der großen, schlanken Frau mit den dunkelblonden, von einigen grauen Strähnen durchzogenen und zu einem straffen Pferdeschwanz zurückgebundenen Haaren an, dass sie es nicht immer leicht hatte und viel kämpfen musste. Außerdem findet Elli, dass ihr auch ins Gesicht geschrieben steht, wie hart sie gegen sich selbst ist und wie viel sie von sich erwartet.

Allerdings kann sich diese Disziplin auch auszahlen, wie Elli auf der Fahrt hierher erfuhr! Sie hatte Monika heute in aller Frühe vor ihrem schicken Haus in Süddeutschland abgeholt. Freudestrahlend waren sie sich in die Arme gefallen, nachdem sie sich so lange nicht gesehen hatten. Damals, vor drei Jahren, hatten sie sich in Italien kennengelernt und innerhalb dieser einen Woche Freundschaft geschlossen, obwohl ihre Lebenssituationen so völlig unterschiedlich waren. Die schlanke, hübsche, neununddreißigjährige Elli war und ist bis auf eher kürzere Beziehungen als Single unterwegs und verbringt ihr Leben hauptsächlich zwischen ihrer kleinen Wohnung und ihrer Arbeitsstelle. Das Leben der zweiundfünfzigjährigen Monika dagegen umfasste einen Halbtagsjob in der Stadtverwaltung, einen Mann, der ein gut verdienender Bankdirektor ist, zwei fast erwachsene Kinder, ein großes Haus und – wenn sie es nicht umgehen kann – auch noch ihre anspruchsvolle Mutter. Trotzdem haben beide sich auf Anhieb verstanden.

Auf der langen Fahrt von Deutschland bis hierher haben sie viel Zeit gehabt zu erzählen. Es vergingen kaum einmal fünf Minuten, in denen sie nicht aufeinander einredeten und sich über ihr Leben austauschten. Dabei hat Elli erfahren, dass Monika, seitdem sie vor drei Jahren unter Carlos, dem Gesangslehrer des italienischen Gutes, ihre fast schon phobische Abneigung gegen das Singen ablegte, jede freie Minute darauf verwendet, an ihrem Können zu feilen. Da Monika über ein beachtliches, nur bislang aus familiären Gründen völlig ungenutztes Talent verfügt, war es ihr nicht schwer gefallen, große Fortschritte zu machen. Bereits ein halbes Jahr, nachdem sie mit dem Gesangsunterricht begonnen hatte, empfahl ihre Lehrerin ihr einen Pianisten, der auf der Suche nach einer Sängerin war, die er mit seiner Kunst begleiten konnte. Obwohl Monika vor Angst fast starb, wie sie Elli berichtete, hatte sie sich dennoch ein Herz gefasst, ihn angerufen und eine Woche später vorgesungen. Dabei stellte sie fest, dass sie und der Pianist sich nicht nur menschlich sympathisch fanden, sondern auch musikalisch, denn beide lieben den Jazz. Wieder ein halbes Jahr später absolvierten sie bereits erfolgreich ihren ersten gemeinsamen Auftritt in einer Bar, die des Öfteren kleinen Formationen eine Bühne bietet, und kurz darauf hatte Monika es sogar gewagt, ihre Familie über ihr Tun in Kenntnis zu setzen, ihre Mutter natürlich ausgenommen! Dazu erklärte Monika mit einem sarkastischen Lächeln, dass sich ihre Erzeugerin sowieso nur für sich selbst interessiere und mit dieser Information bestenfalls gar nichts anzufangen wissen würde.

Insgeheim beglückwünschte Elli ihre Freundin zu diesem klugen Verzicht, weil sie annahm, dass Monikas Mutter versucht sein könnte, ihre Tochter mit gezielten Seitenhieben davon abzuhalten, in ihre musikalischen Fußstapfen zu treten. Elli hatte nicht vergessen, was Monika damals über die selbstvergessene und verletzende Kraft ihrer Mutter, einer ehemaligen Opernsängerin, erzählt hatte. Doch da ihre Freundin das mittlerweile selbst erkannt hatte, war es für Elli unnötig, es jetzt zu erwähnen.

Da Elli vor drei Jahren sehr viel Anteil an Monikas Geschichte genommen und ihr beigestanden hatte, war sie nun fast ein bisschen stolz auf ihren klitzekleinen Anteil daran, dass ihre Freundin ihre völlig unbegründete Furcht, vor Publikum zu singen, ablegen konnte. Begeistert hörte sie, dass Monikas Mann nun ihr glühendster Fan ist, seit er zum ersten Mal bei einem ihrer Auftritte als Zuhörer zugelassen worden war, nachdem er anfangs Zweifel gehegt hatte, was er von der neuen Leidenschaft seiner Frau halten sollte. Außerdem bewunderte Elli ihre Freundin sehr dafür, dass sie sich weder von ihrer Familie noch von eigenen Zweifeln oder anderen widrigen Umständen davon abhalten ließ, ihren Wunsch zu singen konsequent zu verfolgen. „Von so viel Mut und Biss kann ich mir eine Scheibe abschneiden“, dachte sie bei sich.

Erneut reißt Monikas Stimme Elli aus ihren Gedanken.

„Schau mal, da kommt jemand! So, wie das Auto bepackt ist, machen die vermutlich auch hier Urlaub!“

Als Elli sich umdreht, sieht sie einen weißen französischen Kleinwagen mit Dachgepäckträger in einer Staubwolke herannahen.

+

Matthias und Ulla

Missmutig starrt Ulla aus dem Fenster der Beifahrerseite. Schon seit Stunden fängt Matthias immer wieder an mit seinen begeisterten Schilderungen von dem Gut, das weit abgelegen, fern von jeder Zivilisation, irgendwo in den italienischen Bergen liegt. Schon lange, bevor sie sich heute früh, eigentlich noch mitten in der Nacht, auf den Weg machten, lag er ihr damit in den Ohren. Beinahe ununterbrochen erzählte er in den letzten Tagen von der idyllischen Landschaft, der großartigen Aussicht und dem romantischen Charme der alten Gebäude an diesem Ort, wo es weit und breit nichts anderes gäbe als eben dieses Anwesen, Berge, Wald, Wiesen und ab und zu ein paar Ziegen. Nicht einmal ein Netz sei dort zu bekommen – oder jedenfalls nur sehr, sehr selten.

Anfangs hatte Ulla das alles für maßlos übertrieben gehalten. Sie kennt ja ihren Matthias! Wenn es ihn gepackt hat, dann ist er kaum zu bremsen und schießt gerne mal über das Ziel hinaus. In seinen Schilderungen ist dann alles mindestens doppelt so groß und dreimal so sensationell, als es die Realität hergibt. Doch seit sie die Autobahn hinter sich gelassen haben, wirkt die Gegend tatsächlich immer abgeschiedener, werden die Berge immer höher und die Merkmale der Zivilisation immer seltener. Anfangs konnte man hier und da noch Kurorte und kleinere Städte erahnen, auf die die Schilder an der Schnellstraße hinwiesen. Doch mittlerweile, wo die Berge immer näher rücken, steiler werden und das kleine, vollbepackte Auto sich immer mühseliger die Steigungen hinaufquält, sind es bestenfalls noch winzige Dörfer, die sie auf ihrem Weg zu ihrem Urlaubsort passieren – sehr zum Pläsier ihres Freundes am Steuer und zu ihrem eigenen immer größer werdenden Unbehagen. Sollte es tatsächlich so schlimm kommen, wie Matthias sagte? Wird es wirklich weit und breit kein Café, kein Geschäft, keinen Kiosk, das heißt überhaupt gar kein Leben geben, außer ein paar Glocken tragenden Nutztieren und den Einsiedlern auf dem Gut mit ihren verrückten Gästen?

Entsetzlich! Warum um Himmels willen tut sie sich das an?

Ulla bereut mittlerweile, dass sie mitgekommen ist. Sie war von Anfang an nicht begeistert von der Idee, ihren Urlaub irgendwo weitab vom Schuss in der italienischen Pampa zu verbringen. Doch Matthias war so begeistert und schwärmte in den höchsten Tönen von der Musik, den Menschen und dem fantastischen Essen, dass sie irgendwann nachgab. Wenn er wirklich unbedingt an diesen Ort in Italien wollte, dann konnte es ganz verkehrt nicht sein. Dachte sie.

Im Laufe der Fahrt jedoch bauten sich Zweifel auf, ob sie mit dieser Einschätzung vielleicht falsch lag. Ganz sicher ist sie sich, als Matthias in weiter Ferne eine Ansammlung von alten Steinbauten inmitten von nichts als Wald und ein bisschen Wiese sieht und meint, dass es ganz ähnlich auch auf dem Gut aussähe.

Um Himmels willen! Er meint es ernst! Warum hat sie ihm bloß nicht geglaubt? Jetzt hat sie den Salat!

Die junge Frau fragt sich, wie sie eine ganze Woche in dieser Einöde durchhalten soll – ohne Shopping, ohne auszugehen, ja sogar ohne Fernseher und – wenn Matthias auch damit nicht übertrieben hat – dann auch noch ohne Internet! Keine Zerstreuung weit und breit! Nur Bäume und … Bäume! Und das ohne jeglichen Komfort, nur ausgestattet mit den überlebensnotwendigen Grundlagen wie fließendem Wasser und einem Dach über dem Kopf! Wen interessiert es, ob die Aussicht grandios ist oder die Zimmer aussehen wie aus einem Fotoband über die traditionelle italienische Lebensart auf dem Land? Was soll sie anfangen mit bunten Gemüseaufläufen aus eigener Ernte, mit intensiv duftenden Kräutern, mit knackigen Salaten frisch aus dem Garten oder mit Mozzarella und Parmesan von Höfen der Umgebung? Sie isst nun mal am liebsten Burger und Pommes oder paniertes Schnitzel und natürlich auch Pasta und Pizza. Aber doch nicht so einen Ökokram, der sich kein bisschen lecker, sondern einfach nur furchtbar gesund anhört! Sie will schließlich Urlaub machen und keine Kur! Und schon gar nicht will sie eine ganze Woche in einem Survival-Camp zubringen! Warum hat sie sich nur dazu überreden lassen mitzukommen?

„Da vorne beginnen die Serpentinen! Das wird fantastisch! Juppieeeeh!“

Matthias‘ begeisterten Ausruf quittiert seine Freundin mit einem genervten Augenrollen. Doch das kann er nicht sehen, denn er muss sich auf die Kurven der immer schmaler werdenden Straße, die an steilen, spärlich bewachsenen Felshängen vorbeiführt, konzentrieren.

Wo bringt er sie nur hin? Und warum machen sie keinen vernünftigen Urlaub, so wie ihre Freunde, ihre Bekannten und überhaupt jeder normale Mensch? Sie wäre so gerne nach Mallorca geflogen! Es hätte bestimmt günstige Pauschalangebote gegeben, die vermutlich sogar weniger kosteten, als sich am Hintern der Welt zu gruseln und zu allem Überfluss auch noch einen nervigen Musikkurs mitmachen zu müssen. Dazu hat sie definitiv keine Lust! Sie hat ihrem Freund auch gesagt, dass sie keine Gitarre spielen kann, und er hat ihr versprochen, dass sie das auch nicht muss! Allerdings hat er dann trotzdem zwei Gitarren eingepackt – eine für sie – vielleicht käme sie ja noch auf den Geschmack.

Dabei haben sie in diesem Auto sowieso kaum Platz! Sie hätte statt einer doofen Gitarre lieber noch ein paar Schuhe mehr mitgenommen! Aber Matthias hatte gemeint, etwas anderes als Turnschuhe oder maximal einfache Sandalen bräuchte sie nicht, weil man etwas anderes dort sowieso nicht tragen könne.

Als er das gesagt hatte, hatte sie die Augen verdreht und gedacht, dass er wirklich keine Ahnung von Frauen hatte, schon gar nicht von deren Schuhen und vor allem davon, was sie alles tragen können, wenn sie es wollen! Hätte sie ihn mal ernst genommen! Dann wäre ihr mit Sicherheit spätestens kurz vor Antritt der Reise noch eine Ausrede eingefallen, warum sie unbedingt zu Hause bleiben musste! Lieber gar keinen Urlaub als ein italienisches Dschungelcamp!

Aber eins ist mal klar: Wenn sie das hier überlebt, dann wird sie sich nie, nie, nie wieder breitschlagen lassen, bei seinen spinnerten Urlaubsplänen mitzumachen! Dann fährt sie eben alleine irgendwohin, wo es schön ist, wo Strand ist, wo Menschen sind und wo man auch mal Spaß haben kann!

Ulla seufzt. Sie weiß nur zu gut, dass sie sich so etwas gar nicht leisten kann. Wenn Matthias den Urlaub nicht bezahlen würde, dann müsste sie zu Hause bleiben. Bei diesem Gedanken verfinstert sich ihre Miene noch mehr, wenn das überhaupt möglich ist.

Matthias stupst sie in die Seite und zeigt durch die Frontscheibe auf ein schmales Tal, das sich vor ihnen öffnet und von schwindelerregend steilen Felshängen flankiert wird, die an ihren zerklüfteten Wänden nur ein paar wenigen, sehr genügsamen Nadelhölzern eine Heimat bieten können.

„Ist das nicht großartig?“ Er lacht aufgekratzt. „Hierher verirrt sich bestimmt nur selten ein Sonnenstrahl. Das sieht doch fast aus wie im Märchen, findest du nicht?“

Ulla brummt etwas, doch Matthias erwartet auch gar keine Antwort. Er ist so mit der Aussicht und seiner eigenen Begeisterung beschäftigt, dass er Ullas besorgniserregenden Stimmungsabsturz gar nicht realisiert. Ihr ist das nur recht: Schließlich ist die Sache jetzt auch nicht mehr zu ändern und sie hat gerade überhaupt keine Lust, mit einem völlig überdrehten Matthias darüber diskutieren zu müssen, warum das hier ganz toll sein soll und dass sie nur abwarten möge – sie würde schon sehen. Sie findet, sie hat bereits genug gesehen!

Resigniert blickt sie die Felswände hinauf. Warum kann sie nicht einmal Glück haben? Sie hat es doch nun wirklich nicht leicht in ihrem Leben. Als alleinerziehende Mutter muss sie zusehen, wie sie klarkommt. Es ist schwer genug, von dem wenigen Geld zu leben, das sie als Aushilfe an der Tanke, im Supermarkt oder, wenn sie mal ganz viel Glück hat, als Urlaubsvertretung in der Produktion verdient. Voll arbeiten kann sie sowieso nicht, weil ihr fünfjähriger Sohn sie noch viel zu sehr braucht. Er ist so ein wildes Kind! Eigentlich muss sie den ganzen Tag um ihn herum sein, weil er ständig etwas anstellt, in Wut- und Trotzanfällen herumschreit und Sachen durch die Gegend wirft. Vermutlich hat er das von seinem Vater!

Ullas Gesicht nimmt einen verächtlichen Ausdruck an. Leon! Wieso hatte sie sich damals nur mit ihm eingelassen? Ihre Mutter hatte sie gewarnt. „Pass auf, dass du von dem nicht schwanger wirst“, hatte sie ihr immer wieder gesagt. Und Ulla hatte das mit dem schwanger werden auch gar nicht vorgehabt. Doch dann hatte sie diese Magen- und Darm-Sache gehabt und sich übergeben müssen. Das war vermutlich der Grund gewesen, warum sie trotz Pille ihren Sohn bekommen hatte. Jedenfalls hatte ihr Frauenarzt das vermutet.

Ihre Mutter hatte ihr damals mit einer Abtreibung in den Ohren gelegen. Sie würde sich nur unglücklich machen, hatte sie geschimpft. Der Leon würde bestimmt nicht lange bleiben! Außerdem würde der ja selbst nur von der Hand in den Mund leben. Der könnte doch keine Familie versorgen!

Natürlich hatte sie nicht auf ihre Mutter gehört. Sie wollte einfach nicht hören. Sie wollte, dass es mit Leon klappte, dass er sie heiratete, ihnen eine gemeinsame Wohnung besorgte und sie sich in Ruhe um ihr Kind kümmern konnte!

Zunächst hatte Leon ihr das auch versprochen. Vielleicht nicht richtig versprochen, aber zumindest blieb er bei ihr, eine Zeit lang. Doch als man Ulla ihre Schwangerschaft immer mehr ansah, kam er seltener. Im Krankenhaus besuchte er sie dann nur noch einmal nach der Entbindung, dann war es aus. Er ließ sie einfach hängen und sie zog mit ihrem Kind bei ihrer Mutter ein. Die war überhaupt nicht glücklich mit der Situation und ständig musste Ulla mit ihr streiten, weil sie sich in ihre Angelegenheiten einmischte oder herumnölte, dass sie es ja gleich gesagt hätte und so weiter.

Aber ihre Mutter half ihr auch, Unterhalt von Leon einzuklagen und sich auch um weitere finanzielle Unterstützung zu kümmern, die Ulla als mittelloser, alleinerziehender Mutter zustand. Das hätte sie alleine nicht geschafft! Schließlich musste sie sich ja um das Kind kümmern!

Doch lange hielt Ulla es nicht bei ihrer Mutter aus. Zwar war die Situation insofern komfortabel, als Ulla sich erstens keine eigene Wohnung leisten konnte und zweitens ihre Mutter auf das Kind aufpasste, wenn sie ausgehen wollte. So konnte sie sich mit Freundinnen treffen, aber vor allem auch einen neuen Mann kennenlernen. Schließlich war das ihre einzige Chance, der beengten Wohnsituation bei ihrer Mutter zu entkommen!

Tatsächlich fand Ulla nach ein paar Monaten einen Kerl, bei dem sie einziehen konnte und der sogar Felix, ihren Sohn, leidlich akzeptierte. Aber lange ging das nicht gut. Also suchte sie sich den nächsten Mann, und so ging einer und ein anderer kam. Sie zog mal hierhin und mal dorthin und zwischendurch, wenn kein Partner da war, zurück zu ihrer Mutter. Weil ihr Kind klein war und selbst der mickrige Unterhalt durch den leiblichen Vater nur sehr unregelmäßig kam, wenn überhaupt, ging es nicht anders.

Bis Matthias sie eines Tages in einer Disco ansprach! Mit ihm hat sie endlich mal ein bisschen Glück gehabt! Endlich mal einer, der einen richtigen Job hat und der auch mit Felix zurechtkommt!

Als Ulla ihn kennenlernte, da wusste sie gleich, dass sie sich auf ihn verlassen kann. Obwohl Matthias damals schon vierunddreißig Jahre alt war, wirkte er dennoch wie ein lieber, etwas zu groß geratener Junge mit seinen fast eins neunzig, seinen kurzen blonden Haaren und der schwarzen Kunststoffbrille. Deshalb fasste Ulla von Anfang an Vertrauen zu ihm. Als er dann auch kein bisschen geschockt, ja eher sogar begeistert reagierte, als sie ihm von ihrem Kind erzählte, da war für sie klar: Mit dem zieht sie zusammen! Bei dem wird sie es gut haben – zumindest weitaus besser als bei ihrer ständig keifenden Mutter!

Das ist jetzt fast zwei Jahre her und eigentlich kann Ulla ganz zufrieden mit dem sein, wie sie es getroffen hat. Matthias geht arbeiten und wenn er zu Hause ist, dann spielt er auch gerne mit Felix. Gut … seine Arbeitszeiten sind etwas ungünstig, weil er als Koch fast immer abends arbeiten muss. Das ist natürlich blöd, wenn Ulla mit ihren Freundinnen ausgehen will! Aber dann springt von Zeit zu Zeit immer noch ihre Mutter ein, um Felix zu hüten – wie auch jetzt, wo Matthias und sie nach Italien fahren. Matthias hätte den Kleinen sogar mitgenommen, doch als Ulla erfuhr, dass ganz sicher kein „Kinderparadies“ oder irgendwelche Animateure in Italien auf sie warteten, wo sie den Kleinen abgeben konnte, fand sie es doch besser, ein paar Tage kinderfrei zu haben. Schließlich kümmerte sie sich fast den ganzen Tag um ihn, wenn er nicht vormittags im Kindergarten war oder sie ein paar Stunden irgendwo arbeiten konnte. Da käme sie auch mal gut eine Woche ohne ihn klar, dachte sie. Außerdem wusste sie, dass er es bei der Oma gut hatte. Die verwöhnte ihn mit Süßigkeiten und bei ihr durfte er den ganzen Tag fernsehen oder am Computer spielen, wenn er wollte.

Doch auch, wenn Ulla weiß, dass sie es mit Matthias auf jeden Fall besser getroffen hat als mit all seinen Vorgängern – sie hat sich mehr vom Leben erträumt! Mit seinem Gehalt kann auch Matthias keine großen Sprünge machen und es reicht gerade so für sie beide, denn ihr Verdienst und das bisschen Unterhalt für ihren Sohn Felix sind kaum mehr als ein Taschengeld. Davon allein könnte sie nicht leben! Gerade deshalb kann sie nicht verstehen, warum Matthias nicht ein bisschen ehrgeiziger ist! Er könnte bestimmt mehr verdienen, wenn er sich mehr anstrengte! Und warum muss er eigentlich Koch sein? Das ist zwar toll, wenn er mittags oder auch abends, wenn er zufällig zu Hause ist, etwas Leckeres zaubert – und das kann er wirklich gut! Ulla hat während ihrer Beziehung schon fünf Kilo zugenommen! Aber gerade am Abend könnte sie ihn gut daheim gebrauchen. Dann müsste sie nicht immer auf ihre Mutter zurückgreifen, damit die auf Felix aufpasst, wenn sie mal etwas unternehmen will. Ein ganz normaler Job wäre da für Matthias doch viel besser! Woanders könnte er sicher auch noch mehr verdienen!

Aber das kommt für Matthias nicht infrage. Deshalb müssen sie sich auch jeden Urlaub vom Mund absparen. Und was kriegt sie dafür? Einen Ausflug in die Wildnis! Ein Überlebenstraining in der Pampa! Da können sie sich einmal einen Urlaub leisten und ihrem Freund fällt nichts Besseres ein, als sich mit ihr in die Büsche zu schlagen! Sie wollte doch einfach nur mal ein bisschen Spaß haben und ein bisschen Komfort! Warum kann es ihr nicht einmal ein bisschen gut gehen?

Matthias ist hingerissen. Je näher sie ihrem Ziel kommen, diesem unglaublichen Ort in Italien, wo er einen so großartigen Urlaub verbracht und so wundervolle Menschen kennengelernt hat, umso aufgeregter wird er. Jetzt sind sie schon fast da! Sie müssen nur noch diese unendlich erscheinende Abfolge von schmalen Haarnadelkurven hinter sich bringen, die sich meistens bergauf und manchmal auch bergab schlängeln und von Zeit zu Zeit immer grandiosere Aussichten immer weiter ins Land freigeben. Da, schon wieder so eine Aussicht, bei der man am liebsten anhalten und aus dem Auto steigen möchte, um sie zu genießen! Doch das wäre leider lebensgefährlich, wenn ein nachfolgendes Auto sie vielleicht an dieser unübersichtlichen und sehr schmalen Stelle nicht rechtzeitig sähe!

Also fährt er weiter und eigentlich wünscht er sich ja auch nichts sehnlicher, als endlich anzukommen an diesem Ort, auf den er sich so gefreut hat! Auch auf die Menschen freut er sich, die ihm damals ans Herz gewachsen sind: Stefano, der eigentlich Stefan heißt und vor vielen Jahren seinen Job als Vertriebschef eines großen Unternehmens an den Nagel hängte, um in das Land zurückzukehren, aus dem seine Eltern ursprünglich nach Deutschland auswanderten, um dort zu arbeiten. Seine Frau Sandra, die begnadete Gitarristin, die sich nun voller Begeisterung um die zum Gut gehörende Landwirtschaft kümmert. Und natürlich Edith, Sandras Mutter, die, gesegnet mit dem Aussehen einer typisch italienischen Mama, den Kochlöffel schwingt und ihre Gäste mit ihrer vorzüglichen landestypischen Küche in Verzückung versetzt. Matthias freut sich auch auf Cosima und Don Carlos, der eigentlich Karl heißt, aber aussieht wie ein spanischer Flamencotänzer und deshalb diesen Spitznamen trägt. Carlos war früher Musicaldarsteller und gibt nun sein Können, ganz speziell sein gesangliches, an seine Schüler weiter. Seine Kollegin, die kleine, quirlige Cosima mit den langen roten Locken ergänzt Carlos‘ Gesangsunterricht durch intensive Einheiten an der Gitarre, wobei sie es immer wieder schafft, auch weniger versierte Gitarristen mit ein paar einfachen, aber effektvollen Schlag- und Zupftechniken an aufwändig anmutende Stücke heranzuführen und so in einer einzigen Woche beeindruckende Ergebnisse hervorzurufen.

Ganz besonders jedoch freut sich Matthias darüber, dass auch einige der anderen Gäste von damals wieder dort sein werden: die hübsche, hochgewachsene Elli mit den hellblauen Augen und dem dunkelbraunen Pagenschnitt, die schicke, durch ihre markanten Gesichtszüge immer etwas streng aussehende, aber herzensgute Monika und natürlich Julie, die Dritte im Bunde der drei Frauen, die er damals im Urlaub kennenlernte.

Bei dem Gedanken an Julie wird Matthias gleich noch etwas wärmer ums Herz. Die attraktive, manchmal etwas distanziert wirkende Schweizerin mit der braunen Lockenmähne und dem hübschen, breiten Lächeln findet er schon sehr faszinierend. Vielleicht liegt das an ihrer etwas spröden Art, die er heimlich bewundert, vielleicht aber auch an der Geschichte, die sie ihm – und nur ihm! – damals erzählte. Er hatte es wie eine Auszeichnung empfunden, dass sie sich ausgerechnet ihm anvertraute und Einblicke in ihr Leben schenkte, die sie sonst niemandem gewährte. Seit jenem Moment, den sie in der warmen Sonne auf einem Felsbrocken sitzend verbrachten, als sie ihm ihr Geheimnis anvertraute, das sie so lange schon quälte, fühlt er sich ihr besonders verbunden.

Seitdem ist viel Zeit vergangen und sie stehen nur sporadisch im E-Mail-Kontakt. Doch immerhin schrieb sie ihm vor ein paar Monaten, dass sie sich mit Elli und Monika wieder für eine Urlaubswoche in Italien verabredet hatte. Warum hätte sie ihm das schreiben sollen, wenn sie sich nicht vielleicht ausrechnete, ihn, Matthias, dadurch überreden zu können, auch dort hinzukommen? Zwar weiß sie von Ulla und … um Himmels willen, nein! Darum geht es doch gar nicht! Sie sind Freunde! Vielleicht auch … Seelenverwandte, weil sie Dinge voneinander wissen, die für andere ein Geheimnis bleiben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger! Das allein ist schon etwas ganz Besonderes, was es nur selten im Leben gibt. Aber alles andere ist natürlich völlig abwegig! Julie wohnt schließlich in der Schweiz und er in Deutschland. Mindestens 400 Kilometer liegen zwischen ihnen. Da kommt man nicht mal eben so auf einen Kaffee vorbei!

Wow! Dieses winzige Dorf, das sie gerade durchfahren! Als wäre hier in ferner, mystischer Vergangenheit die Zeit stehen geblieben! Eigentlich ist es nur eine Ansammlung von aus grauem Stein erbauten Häusern mit kleinen Fenstern, schiefen Holztüren, manche mit üppig blühenden Kästen und Blumenampeln geschmückt. Drei recht betagte Herren haben es sich auf einer kleinen Bank gemütlich gemacht und beäugen neugierig das Gefährt, das die oft geflickte Dorfstraße passiert, als würden solche Ereignisse wie dieses, dass Fremde sich hierher verirren, nur selten sein. Einer der Männer sitzt vornübergebeugt auf einen knorrigen Stock gestützt, der nächste hat einen hellbraunen Hund zu seinen Füßen, der entspannt alle Viere von sich streckt, und der dritte kaut vergnügt auf irgendetwas herum – vermutlich Tabak, denkt Matthias. Was für ein Bild! Richtige Originale! Die müsste man eigentlich fotografieren!

„Ist das nicht unglaublich? Und das ist alles echt! Hier wohnen richtige Menschen!“, ruft er begeistert.

Zur Antwort bekommt er nur ein kurzes „Hm“. Doch dafür hat er Verständnis. Schließlich sind sie heute sehr früh aufgebrochen und standen noch in Deutschland für mindestens eine Stunde im Stau. Auch die restliche Fahrt zog sich wegen der Mautstelle am Brenner und einer Baustelle auf der italienischen Autobahn mächtig in die Länge. Er ist sich sicher, dass Ulla einfach müde ist. Schließlich braucht sie auch sonst ihren Schlaf und ist unausstehlich, wenn sie zu wenig davon bekommt!

„Es wird ihr schon gefallen“, glaubt Matthias. „Wenn wir erst da sind, wird sie es lieben!“

Unbeirrt ob Ullas Einsilbigkeit passiert er das malerische Dorf und kämpft sich weiter die Straße hinauf. Die ist nun von einer asphaltierten Fahrbahn zu einer staubigen Schotterpiste geworden. Matthias meint sich zu erinnern, dass es jetzt nicht mehr weit sein kann. Gut, das hat er vorhin auch schon gedacht. Und davor auch, als sie diese besonders scharfe Kurve genommen haben, die auch das letzte Mal – daran erinnert sich – völlig überraschend vor ihnen auftauchte! Ja, diese Serpentinen ziehen sich in die Länge! War das vor drei Jahren auch schon so gewesen?

Langsam erwacht die Erinnerung, wie er damals mit Elli, die eine Mitfahrgelegenheit nach Italien anbot, anreiste, und wie sie vermuteten, sie wären falsch abgebogen, als sie auch nach einer gefühlten Ewigkeit, die sie sich Kurve um Kurve die Berge hinaufgeschraubt hatten, immer noch nicht am Ziel waren.

Aber jetzt, wo sie auf der Schotterpiste sind – er weiß es ganz genau! – jetzt kann es nicht mehr weit sein! War da irgendwo, kurz bevor man das Gut erreichte, nicht diese Stelle mit dem grandiosen Ausblick? Wo man das Gut auf der gegenüberliegenden Seite des Tals sehen konnte wie auf einem Gemälde? Na klar! Da gab es ein kurzes Stück Straße, wo der ohnehin meist spärliche Bewuchs der Berghänge für ein paar Meter die Sicht freigab auf das Anwesen, das damals, nach der schier unendlich langen Fahrt von Deutschland bis hierher, in der spätnachmittäglichen Sonne vor ihnen lag wie ein wahr gewordener Traum! Dahinten muss die Stelle sein, vermutlich hinter dem nächsten Felsvorsprung! Nee, doch nicht. Aber gleich! Hinter der nächsten Kurve! Bestimmt!

Tatsächlich, da ist es! Leider steht dort schon ein Auto. Aber hey, an das erinnert er sich! Damit ist er vor drei Jahren nach Italien gereist! Das muss Elli sein! Sie hat also den alten Japaner noch? Und ist das neben ihr nicht Monika?

„Die Beiden kenne ich!“, jubelt Matthias und betätigt übermütig die Hupe.

„Das ist Matthias! Juhu!“, ruft Elli übermütig und winkt heftig. „Das neben ihm ist sicher seine Freundin!“

„Anzunehmen“, denkt Monika spöttisch und amüsiert sich über den jugendlichen Überschwang ihrer Begleiterin.

Ein bisschen beneidet sie Elli jedoch auch darum. Sie selbst fühlt sich für so viel Lebhaftigkeit zu alt, obwohl auch Monika sich ehrlich darüber freut, Matthias wiederzusehen. Schließlich ist er ein wirklich netter Kerl, wenn er damals auch etwas nervte mit seiner unreifen Art. Aber vielleicht hat er die nun abgelegt? Julie hatte Elli und ihr geschrieben, dass er seine Freundin mitbrächte, die ein Kind habe und der er wohl auch finanziell etwas unter die Arme greifen müsse – jedenfalls hatte Julie das aus den Mails, die sie von Matthias erhalten hatte, herausgelesen. Wenn er nun also Verantwortung für eine Frau und ein Kind trägt, dann ist er daran vermutlich gereift?

Sie würde sich darüber freuen. Vor allem deshalb, weil sie weiß, wie sehr sich Matthias damals eine eigene Familie wünschte. Vielleicht hat er nun bekommen, was er haben wollte?

Der kleine, unter der beachtlichen Staubschicht vermutlich weiße Wagen kommt kurz vor ihnen zum Stehen. Kaum, dass er einen Halt findet auf dem schmalen Seitenstreifen, ist Matthias schon mit einem Satz aus der Fahrertür gesprungen und stürmt auf die beiden Frauen zu. Elli hüpft ihm freudestrahlend entgegen und fällt ihm um den Hals. Dann dreht sie sich übermütig zu Monika um und ruft: „Schau mal! Er hat sich kein bisschen verändert! Sogar die Brille ist noch dieselbe!“

„Naja, ein bisschen zugelegt hat er um die Hüften“, ruft Monika nach einem kurzen Blick auf Matthias boshaft. Aber auch sie lacht und umarmt ihn herzlich, als Elli ihn loslässt. „Nichts für ungut“, sagt sie entschuldigend und grinst ihn frech an.

„Du hast ja recht“, antwortet der große Blonde gutmütig. „Seit ich in festen Händen bin, bin ich ruhiger geworden. Das kriegt natürlich auch meine Figur zu spüren! Das ist sie übrigens, meine Freundin!“

Er dreht sich zum Auto um, aus dessen Beifahrerseite eine kleine Person mit glatten, aschblonden, halblangen Haaren klettert und zögernd um die offene Tür herum auf die Gruppe zusteuert. Unverhohlen mustert Monika die Frau in dem hellgrauen T-Shirt und der engen, hellbeigefarbenen Stretchhose. „Oh je“, denkt sie, „eine Stilberatung könnte der jungen Frau nicht schaden!“ Sie findet, dass das Grau des T-Shirts sie noch farbloser erscheinen lässt, als sie sowieso schon ist, und die enge Hose recht unvorteilhaft den mächtigen Hintern betont, der fast deplatziert wirkt an der ansonsten schmalen, fast zerbrechlich wirkenden Person. „Jedenfalls ist damit schon mal klar, dass sich Matthias nicht wegen ihres Aussehens für sie entschieden hat“, überlegt Monika.

Im nächsten Moment erschrickt sie und findet sich furchtbar, über die junge Frau nur wegen ihres Äußeren so herablassend zu urteilen. Schnell bemüht sie sich, etwas Positives an Ullas Erscheinung zu finden. „Hm, das Gesicht ist eigentlich ganz niedlich, jetzt, wo sie ein schüchternes Lächeln wagt. Vermutlich könnte sie etwas aus sich machen, wenn sie sich Mühe gäbe. Doch irgendwie sieht sie nicht danach aus, als würde sie sich mit irgendetwas Mühe geben“, findet Monika.

Erneut haut sie sich innerlich auf die Finger und beschließt, sich jetzt wirklich zusammenzureißen. Lächelnd geht sie auf Ulla zu.

„Hallo, ich bin Monika. Nette Hose!“, meint sie freundlich.

Während sie das sagt, fällt ihr Blick auf die hinter der Frau stehende Elli, die sie entgeistert anstarrt, als könne sie unmöglich ernst meinen, was sie da gerade von sich gegeben hat. Oh je. Was redet sie nur für einen Blödsinn? Ist sie noch zu retten? Diese Hose? Nett? Sie scheint wirklich urlaubsreif zu sein! Naja, der Stress der letzten Zeit …

Mit einem energischen Kopfschütteln vertreibt sie die dunklen Gedanken, die sich gerade bei ihr niederlassen wollen. „Nicht jetzt“, denkt sie und lächelt noch ein wenig strahlender, um ihren Fauxpas wiedergutzumachen. Hoffentlich ist Ulla nicht empfindlich und denkt, sie wolle sich über sie lustig machen! Die Hose ist schließlich komplett unvorteilhaft! Selbst Elli, ihrer immer gutmütigen, manchmal fast ein bisschen naiven Freundin ist aufgefallen, dass sie das Beinkleid unmöglich schick finden kann. Hoffentlich hat es sonst niemand bemerkt!

Doch Matthias grinst nur vor lauter Stolz über seine Eroberung und Ulla dreht sich suchend zu ihm um, als ob sie von ihm erwarte, dass er ihr nun sagt, wie es weitergeht. Nein, die beiden scheinen nichts gemerkt zu haben!

Erleichtert nimmt Monika zur Kenntnis, dass Matthias seine Freundin nun an der Hand nimmt und an Ellis Auto vorbei zum Rand der kleinen Parkbucht führt, um ihr mit einer großartigen Geste die Aussicht über das Tal und ganz besonders natürlich das Gut zu zeigen, das vor ihnen auf dem Plateau in einigen hundert Metern Entfernung in der Sonne liegt.

„Das ist der Ort, an dem wir Urlaub machen werden“, schwärmt er großartig und beginnt mit einer ausführlichen Schilderung der örtlichen Gegebenheiten. Er erklärt seiner Ulla, was das Haupthaus und was die Nebengebäude sind, wagt eine Vermutung darüber, wo sie wohl untergebracht sein werden, beschreibt schließlich die Sitzgruppe unter den mächtigen Platanen, wo sie sich zu den Mahlzeiten versammeln, und erklärt ihr, dass das Abschlusskonzert vermutlich wieder auf der beeindruckenden Aussichtsterrasse unterhalb des Essplatzes stattfinden wird.

Monika schüttelt kaum merklich den Kopf. Matthias scheint ganz in der Rolle des großen Welterklärers aufzugehen! Das hatte er schon damals an sich! Wie er so dasteht und in dozierendem Tonfall das Gut und die dortigen Gegebenheiten erläutert, wirkt er fast wie ein Lehrer, der seiner wenig bemittelten Schülerin erklärt, wie sich die Welt dreht. Erstaunlicherweise lässt Ulla das klaglos über sich ergehen und hört ihm einfach nur zu.

„Vermutlich sind das die Qualitäten, die Matthias an ihr schätzt, dass er stundenlange Vorträge halten und dabei das Gefühl haben darf, dass sich jemand dafür interessiert“, denkt Monika bissig. Dann schüttelt sie den Kopf. Geht das schon wieder los? Kann sie nicht einmal etwas Nettes denken?

Doch als Matthias damit beginnt, Ulla die sanitären Einrichtungen zu erklären, findet Monika, dass sie eingreifen sollte.

„Sag mal Matthias, findest du nicht, dass Ulla das alles vor Ort selbst viel besser entdecken kann?“

„Gute Idee“, pflichtet Elli ihr bei. „Ich will jetzt auch unbedingt ankommen!“

Damit drückt sie ihre Zigarette aus, die sie sich eben angezündet hat. Trotz Monikas ausdrücklicher Versicherung, dass es ihr nichts ausmache, wenn Elli im Auto rauche, hat diese sich nicht dazu überwinden können, ihre nichtrauchende Mitfahrerin mit Zigarettenqualm zu belästigen, wofür Monika ihr heimlich dankbar ist. Deshalb musste Elli eben dringend die Gelegenheit für ein Rauchopfer nutzen, was ihr einen mitfühlenden Blick ihrer Freundin einbringt.

„Also ich fahre jetzt los. Wer kommt mit?“, ruft Elli und reißt die Fahrertür ihres Autos auf.

„Halt! Nimm mich mit!“, schreit Monika lachend und läuft auf die Beifahrerseite zu.

Das ist auch das Stichwort für Matthias und Ulla, sich in Bewegung zu setzen.

„Tolle Hose“, murmelt Elli, als sie beide im Auto sitzen und das letzte kleine Stückchen Weg zum Gut im Konvoi mit Matthias und Ulla zurücklegen. Missbilligend schüttelt sie den Kopf.

„Ist mir so rausgerutscht“, gibt Monika zu.

Doch dann entdeckt sie ein Funkeln in Ellis Augen. Wie auf Kommando prusten beide los und können sich kaum wieder einkriegen! Monika merkt, wie sehr ihr diese Albernheiten gefehlt haben. Nun freut sie sich noch mehr auf diese Woche, in der sie mit Elli und Julie sicher noch manches Mal Gelegenheit haben wird, von Herzen zu lachen. Das wird ihr guttun und sie ablenken!

Herrlich! Endlich ist sie wieder da!

+

Carola und Maik

Der schlanke, attraktive Mann mit den kurzen dunklen Haaren ist bester Laune. Er sitzt am Steuer seines anthrazitfarbenen Kombis und freut sich auf den vor ihm liegenden Urlaub. Am liebsten würde er fröhlich vor sich hin pfeifen, doch dann würde er seine Frau wecken, der auf dem Beifahrersitz gerade die Augen zugefallen sind.

Prüfend wirft er einen Blick zur Seite, ob sie immer noch schläft. Dabei fällt ihm wieder einmal auf, wie hübsch sie ist: blonde lange Haare, ein ebenmäßiges Gesicht, eine schlanke, aber dennoch sehr weibliche Figur. Selbst jetzt, wo sie tief in Träumen versunken ist, wirkt sie perfekt, wie dahin gemalt oder drapiert für ein Werbefoto von einer schlafenden Schönheit, mit dem die Marketingabteilung des Autoherstellers den Reisekomfort des Kombis unterstreichen möchte.

Zufrieden schaut Maik wieder nach vorn auf die Straße. Auch wenn er manchmal daran zweifelte, wenn seine Ehe schwierige Momente erlebte: Er hat doch eine gute Wahl getroffen vor achtzehn Jahren! Carola war schon damals, als sie sich kennenlernten und sie gerade zweiundzwanzig Jahre alt war, eine bildschöne Frau, die bei vielen Männern Begehrlichkeiten weckte. Doch jetzt, mit vierzig, ist sie fast noch schöner und Maik muss zugeben, dass er mächtig stolz darauf ist, so eine Frau an seiner Seite zu haben!

Dabei ist er sich durchaus dessen bewusst, dass er mit seinen siebenundvierzig Jahren optisch ebenfalls eine Menge bietet. Er weiß genau um seine Anziehungskraft auf das weibliche Geschlecht, die mit den Jahren und auch mit den mittlerweile leicht ergrauten Schläfen noch größer geworden ist. Er hat sich gut gehalten, obwohl ihm die Arbeit als Dachdeckermeister und Geschäftsführer seines Betriebs kaum Zeit für Sport lässt. Da er jedoch handwerklich noch viel selbst macht, kann er das leidlich ausgleichen.

Fast hätte er jetzt doch angefangen zu pfeifen, als sein Blick auf die vorbeiziehende Landschaft fällt, die sonnenbeschienenen Hügel und die kleinen Dörfer, die sich an die Erhebungen schmiegen. Erst in letzter Sekunde kann er sich davon abhalten, seine Frau mit einer musikalischen Einlage zu wecken.

Ja, er freut sich wirklich auf diesen Urlaub. Vor drei Jahren waren sie schon einmal dort, auf dem Gut von Stefano und Sandra, haben den ganzen Tag lang Gitarre gespielt, gesungen und abends viel roten Landwein genossen. Es war wirklich schön gewesen!

Ob auch ein paar bekannte Gesichter unter den diesjährigen Teilnehmern des Musikkurses sein werden?

Er denkt zurück und überlegt, wer damals mit ihnen gemeinsam dort gewesen ist. Da hatte es diesen Schlagerfan gegeben, der mit seinem Pottschnitt auch schon so aussah wie aus den 70ern übrig geblieben! Maik grinst, als er an ihn denkt. Aber nett war er! Dann gab es da noch diesen großen blonden Kerl mit Brille, der etwas kindlich wirkte, und natürlich diesen Neuseeländer, mit dem sich Carola ständig unterhalten hatte. Auf den legt er ja gar keinen Wert! Aber warum soll ausgerechnet dieser Typ noch einmal den weiten Weg zu einem Musikkurs nach Italien antreten? Das ist wirklich unwahrscheinlich!

Ja und dann … Maik muss erneut grinsen … da gab es doch auch diese Friseurin mit den bunten Haaren. Sabrina hieß sie! Sabrina, ja, mit der hatte er sich gut verstanden. Das war ja auch eine Marke! Was aus der wohl geworden ist?

Er erinnert sich, dass diese Frau in ihrem Drang, zu jeder Zeit alle Welt mit ihrem Gesang zu unterhalten, nicht zu stoppen gewesen war. Doch er war gut mit ihr zurechtgekommen. Mit solchen Frauen kommt er immer prima klar!

Maik schaut zu seiner Angetrauten hinüber, die eben den Kopf zur Seite dreht. Ihre Augen sind immer noch geschlossen. „Sieht aus, als ob sie noch schläft“, stellt er fest.

Er erinnert sich, dass es damals, vor drei Jahren, um ihre Beziehung nicht allzu gut bestellt gewesen war. Schon auf der Anreise waren die Spannungen deutlich zu spüren gewesen und auf der Rückreise hatten sie sogar über die Scheidung gesprochen. Ein kurz entschlossener Abstecher an den Gardasee hatte das Schlimmste verhindert! Damals hatte sich eine Menge zwischen ihnen angesammelt. Sie hatten einige Tage gebraucht, um sich alles Mögliche an den Kopf zu werfen, wie Maik sich erinnert. Doch am Ende hatten sie beschlossen, es noch einmal miteinander zu versuchen.

Das war eine harte Zeit gewesen für ihre Beziehung. Obwohl – wirklich daran geglaubt, dass sie sich trennen würden, hatte er nicht. Sie waren ja auch damals schon sehr lange zusammen gewesen und hatten so viel durchgestanden! Außerdem ist Carola nicht der Typ für Kurzschlussreaktionen. Ab und zu regt sie sich ein bisschen auf, aber irgendwie finden sie dann doch wieder zueinander. So war es auch vor drei Jahren. Natürlich hatte es in den folgenden Wochen und Monaten immer wieder „Aussprachen“ gegeben, doch dann hatte Carola sich beruhigt. Mit der Zeit haben sie sich zusammengerauft und jetzt läuft es doch ganz gut!

Dieses Mal jedenfalls sind die Vorzeichen für den Urlaub ganz andere! Vermutlich sind sie auch einfach erwachsener geworden und haben solche Beziehungsgewitter nicht mehr nötig. Sie sind eben beide keine zwanzig mehr!

Viele Gelegenheiten für Auseinandersetzungen gibt es ja auch gar nicht, weil sie beide sehr in ihre Arbeit eingebunden sind. Maik hatte damals aus dem Urlaub den Entschluss mitgebracht, mit seinem Dachdeckerbetrieb noch einmal richtig durchzustarten und neue Geschäftsfelder zu erschließen. Mittlerweile hat er viel Erfolg mit seinen Photovoltaik-Anlagen und er hatte sogar ein paar Leute einstellen müssen, um die Nachfrage befriedigen zu können.

Währenddessen bastelt Carola weiter an ihrer universitären Karriere. Als Professorin hat sie sich gut etabliert und ist eine gefragte Expertin auf ihrem Gebiet, sie hält Vorträge und wird um Expertisen gebeten. Sie kommt viel herum und ist natürlich oft außer Haus. Aber er will ihrer Karriere auch nicht im Wege stehen! Sie hat damals, am Gardasee, ziemlich deutlich gemacht, dass sie nicht bereit ist, irgendwelche Kompromisse einzugehen oder berufliche Abstriche hinzunehmen. Und er – naja, toll findet er es immer noch nicht, dass sie ihren Beruf so in den Vordergrund stellt. Aber nun gut, da sie es unbedingt so will, lässt er es geschehen. Er hat sich mit ihren häufigen Abwesenheiten abgefunden und schließlich sogar akzeptiert, dass Carola eine Putzfrau eingestellt hat und das Essen häufiger aus der Tiefkühltruhe oder vom Bringdienst kommt, wenn sie keine Zeit und Lust hat zu kochen. Er hat sich sogar damit arrangiert, sich selbst zu versorgen, wenn sie abends Veranstaltungen hat, und die haben in den letzten Monaten sogar noch zugenommen, fällt ihm auf, als er jetzt darüber nachdenkt!

Glücklicherweise gibt es immer noch die Wirtschaft im Dorf und seine Mutter freut sich auch jedes Mal, wenn er vorbeikommt und sie ihn bekochen darf. Er kommt zurecht, auch wenn er manchmal neidisch auf seine Freunde schaut, deren Frauen neben bestenfalls einem Halbtagsjob abends immer zu Hause sind, um das Essen zu machen und Mann und Kinder zu versorgen.

Maik unterdrückt ein Seufzen. Es wäre ihm schon lieber, wenn seine Frau häuslicher wäre! Aber solange der Haushalt irgendwie erledigt wird – und wenn es mithilfe einer Putzfrau ist – kann er es verkraften. Er hat sich daran gewöhnt. „Irgendwas ist eben immer“, denkt er lakonisch. Wenn er sich dafür nicht ständig mit Carola streiten muss, weil sie findet, er könne ja mal dieses oder jenes selbst erledigen, soll es ihm recht sein.

Nun, jedenfalls ist er froh, dass die Situation zwischen ihnen heute viel entspannter ist als früher. Dafür kommt er seiner Frau gerne entgegen! Er hat ohne zu murren seine Sachen selbst gepackt und sogar dabei geholfen, das Auto zu beladen, obwohl er ja eigentlich noch dringend E-Mails checken musste. An diesen Ort in Italien verirrt sich das Netz nur selten! Da fand er seine Frau ein bisschen kleinlich, die demonstrativ mit ihrem Kaffee am Küchentisch sitzen blieb und einfach wartete, bis er fertig war, um dann mit ihm gemeinsam das Auto zu beladen. Da ist sie ein bisschen unentspannt! Als ob er nie etwas täte! Im letzten Monat hat er sogar einmal den Rasen gemäht, obwohl ihn Gartenarbeit nicht interessiert und er das auch immer gesagt hat! Aber gut, dafür ist jetzt wenigstens alles friedlich und er kann sich auf den Urlaub freuen!

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Julie

Julie schlägt die Augen auf. Sie muss für einen Moment eingeschlafen sein. Dabei hatte sie sich doch nur kurz auf das Bett geschmissen, um mal eben die Matratze zu prüfen. Nun weiß sie jedenfalls, dass die großartig ist und sie hier wunderbar schlafen wird!

Sie sieht sich in der Kammer des Nebengebäudes um, die Stefano ihr als neues Zuhause für diese Woche zugewiesen hat. Ein wunderschönes Zimmer mit Blick auf den Hof vor dem Haupthaus, den sie durch das geöffnete Fenster sehen kann. Die hell geblümten Gardinen bauschen sich durch die leichte Brise, die herrlich würzige Luft zu ihr herüber weht. Was für ein wunderbarer Ort für ein kleines Nickerchen!