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Dieser leichte Urlaubsroman macht Lust auf die nächste Reise und das ganze Leben! Zehn völlig verschiedene Menschen treffen zufällig an einem idyllisch abgelegenen Ort in Italien aufeinander und unvermutet auch auf sich selbst. Weit entfernt von ihren alltäglichen Verpflichtungen, Rollen und Lebensinhalten werden sie mit dem konfrontiert, was in ihrem Leben wirklich zählt: verdrängte Träume, vergessene Ziele, ausgeblendete Realitäten oder die nicht verwundene Vergangenheit. Während die sechs Frauen und vier Männer vordergründig damit beschäftigt sind, ihre Gesangs‐ und Gitarrenspielkünste zu verfeinern, bauen sich unausweichlich die bislang gemiedenen Krisenherde ihres Lebens vor ihnen auf und verlangen nach einer Erlösung. Mit Leidenschaft und Liebe, Wut und Verzweiflung, Angst und Hoffnung stellen sie sich ihrem Schicksal und riskieren, dass sich ihr Leben von Grund auf ändert!
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Seitenzahl: 430
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Emmi Ruprecht
Ein Ort in Italien
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Personen
Die Anreise
Die Ankunft
Sonntag
Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Das Abschlusskonzert
Die Abreise
Impressum neobooks
Die Reisegruppe
Elli (36) ist eine große, schlanke, attraktive, brünette Frau mit wenig Selbstbewusstsein. Schüchtern und zurückhaltend ist sie stets ängstlich bemüht, es allen recht zu machen.
Matthias (33), schlaksig, blond, bebrillt, sieht völlig harmlos aus und ist ganz der Typ „großer Junge“, der nicht so recht erwachsen werden will. Er braucht viel Aufmerksamkeit und sucht ständig nach einem geneigten Ohr für sein Leid.
Monika (49), eine immer schicke Frau mit aschblondem Haar und strengen Gesichtszügen, ist verheiratet mit einem vielbeschäftigten Bankdirektor und hat zwei fast erwachsene Kinder. In ihrem Leben dreht sich alles nur um andere und ganz besonders um ihre narzisstisch veranlagte Mutter.
Carola (37), bildschön mit langen blonden Haaren und makellosem Äußeren, hat zielstrebig Karriere an der Universität gemacht. Das missfällt ihrem Mann Maik.
Maik (44), ein gut aussehender, durchtrainierter Mann mit braunem Haar und dunkelbraunen Augen, führt erfolgreich den elterlichen Dachdeckerbetrieb. Er fühlt sich von seiner Frau Carola vernachlässigt.
Petra (52), klein, zierlich, mit kurzen, schwarz gefärbten Haaren, sieht ein bisschen aus wie ein Vogel, der aus dem Nest gefallen ist. Sie lebt nur für ihren Beruf und die Ansprüche ihrer Eltern. Verbissen kämpft sie um Anerkennung und erwartet von sich, jederzeit perfekt zu funktionieren.
Sabrina (41), eine üppig gebaute Blondine mit bunt gefärbten Strähnen und kunstvoll lackierten Fingernägeln, führt als alleinerziehende Mutter einen Friseursalon. Sie ist eine in jeder Hinsicht auffällige Gestalt, die unbedingt und zu jeder Zeit im Mittelpunkt stehen muss.
Paul (47) ist ziemlich groß, hat einen kleinen Bauchansatz und dichtes braunes Haar, das seinen Kopf wie einen Helm umgibt. Er lebt als Inhaber einer Versicherungsagentur mit seiner Familie im Dorf seiner Kindheit. Dort fühlt er sich zunehmend eingeengt.
Julie (37) ist die einzige Schweizerin im Kurs. Sie fällt auf durch ihre prachtvollen kastanienfarbenen Locken und ihr breites Lächeln. Nach außen wirkt sie selbstbewusst und distanziert. Doch eigentlich ist das nur ein Schutz, damit niemand ihre finstere Vergangenheit entdeckt.
Josh (40), hochgewachsen, hager, mit hellblonden zerzausten Haaren und auffallend grünen Augen, kommt etwas abgerissen aus Neuseeland und ist ein überzeugter Einzelgänger. Er macht sich viele Gedanken um andere, meint aber selbst niemanden zu brauchen.
Die Kursleiter
Die rothaarige Gitarrenlehrerin Cosima (45) und der höchst attraktive Gesangslehrer Karl alias “Don Carlos“ (44) verstehen es, musikalische Höchstleistungen bei ihren Schülern hervorzurufen.
Die Gastgeber
Elli und Matthias
Elli rast in ihrem alten japanischen Mittelklassewagen die A7 hinunter Richtung Süden. Vor ihr liegt ein Abenteuer und sie kann selbst jetzt noch nicht glauben, dass sie es wirklich in Angriff nimmt. Sie wird nach Italien fahren, zum ersten Mal in ihrem Leben. Sie wird an einem Ort, von dem sie vorher noch nie gehört hat, gemeinsam mit Menschen, die sie nicht kennt, eine Woche lang Musik machen. Darüber hinaus hat sie keine Ahnung, was sie erwartet.
Dabei ist Elli überhaupt nicht der Typ für Experimente. Normalerweise kann sie sich nur mit Mühe davon überzeugen, vertraute Bahnen zu verlassen und etwas Neues auszuprobieren. Abenteuerlust ist das Letzte, was sie mit sich in Verbindung bringt! Deshalb fragt sie sich wieder einmal, was sie nur geritten hat, sich auf dieses Wagnis einzulassen. Sie allein im Nirgendwo! Unter wildfremden Menschen und ohne auch nur ein Wort Italienisch zu sprechen! Wer weiß, was ihr allein auf der Fahrt dorthin alles passieren wird?
Und eigentlich ist es sogar noch viel schlimmer. In der Nähe von Ulm wird jemand zusteigen. Ein wildfremder Mann, von dem sie bisher nicht mehr kennt als die E-Mail-Adresse und nicht mehr weiß, als dass er 33 Jahre alt ist, drei Jahre jünger als sie, und als Koch arbeitet.
Das ist doch hirnverbrannt! Sie nimmt einen ihr völlig unbekannten Mann in ihrem Auto mit? Ja, ist sie denn bescheuert? Wenn ihre sterblichen Überreste in ein paar Tagen, Wochen oder Monaten irgendwo, vielleicht kurz hinter der italienischen Grenze, gemeuchelt in einer Schlucht gefunden werden, dann wird die Polizei und später die Presse nur den Kopf schütteln über so viel Naivität einer nicht mehr ganz jungen Frau, die wissen sollte, dass man nun mal keine fremden Männer in seinem Auto mitnimmt!
Nervös steckt sie sich eine Zigarette an und nippt an ihrem Milchkaffee, den sie sich eben an der Raststätte geholt hat. Es ist noch sehr früh, erst kurz nach sechs an einem Samstagmorgen. Doch obwohl sie merkt, wie sehr sich die Aufregung auf ihren Brustkorb legt und sie Angst hat vor dem, was der Tag und vor allem die folgende Woche noch bringen wird, ist daneben auch eine Vorfreude spürbar. Es liegt etwas unendlich Verheißungsvolles über diesem frühen Sommermorgen, der wie aus dem Bilderbuch zu sein scheint. Die Landschaft zieht im intensiven Grün des beginnenden Sommers an ihr vorbei. Ab und zu flutet eine Woge von süßlich riechendem Raps ihr Auto und verdrängt den Nikotingeruch des Aschenbechers. Erinnerungen an frühere Urlaube als Kind, als Jugendliche, als junge Erwachsene, die auch mit einer Autofahrt in den Süden begannen, kommen und gehen und hinterlassen trotz all der Anspannung ein Wohlgefühl. Außerdem kann sie endlich draußen sein und den Sommer genießen, anstatt eine weitere Woche in miefigen, grauen Büroräumen zu verbringen!
Ein tiefer Seufzer des Entzückens löst sich, als sie unvermutet von einer Bergkuppe aus einen weiten Blick in die Landschaft erhält. Großartig! Was für ein Bild! Lange wird es nicht mehr dauern, dann werden die Alpen am Horizont auftauchen und sie wieder einmal mit ihrer gewaltigen Schönheit berauschen und in ihren Bann ziehen!
Elli beschließt, sich auf den Urlaub zu freuen und alle Bedenken beiseite zu schieben. Ihr Urlaubsort ist, zumindest den Fotos im Internet nach, wunderschön: ein weitläufiges Anwesen aus mehreren uralten Gebäuden, deren landestypische Fassaden entweder aus groben grauen Steinen bestehen oder klassisch sandfarben verputzt sind. Drum herum gibt es nur grüne Hügel, Weiden, Wälder, Weinberge und sonst gar nichts. Ein Traum!
Außerdem ist sie sehr stolz auf sich, weil sie sich dazu überwunden hat, diesen Urlaub zu buchen und somit die freie Woche nicht allein zu Hause auf ihrem Balkon zu verbringen. Sie wagt es sogar, an einen furchtbar abgelegenen Ort zu fahren, um dort mit Menschen zu musizieren, die sie nie vorher gesehen hat! Das findet sie ganz schön mutig. Beinahe verwegen! Ihre Freunde und Kollegen buchen bestenfalls eine All-inclusive-Reise in den Süden oder ein Ferienappartement an der Ostsee. Doch sie, Elli, fährt nach Italien! Allein! Zu einem Musik-Workshop! Das macht sonst keiner!
Sie seufzt. Eigentlich braucht sie keine solchen Urlaubsabenteuer. Eigentlich hätte auch ihr ein kuscheliges Feriendomizil an der See gereicht. Doch wenn man Single ist und auch sonst niemanden hat, mit dem man den Urlaub verbringen kann, dann ist jeder Platz, und sei er noch so romantisch, einfach nur einsam.
Wann wohl endlich ihr Traumprinz auftaucht?
Resigniert zuckt sie mit den Schultern und verzieht das Gesicht. Sie ist sechsunddreißig, und obwohl sie sich viel jugendliche Frische bewahrt hat und schlank und attraktiv ist, so weiß sie doch, dass die Zeit nicht stehen bleibt und auch an ihr nicht spurlos vorbeigeht. Warum wohl für sie der passende Mann noch nicht aufgetaucht ist? Oder hat sie einfach falsche Vorstellungen von einer Beziehung? Vielleicht muss man irgendwann aufwachen und feststellen, dass es die ganz große Liebe eben doch nur im Märchen gibt – genau wie die Traumprinzen?
Sie denkt an ihren letzten verflossenen Partner. Hätte sie Christian vielleicht doch nicht den Laufpass geben sollen? Er war doch eigentlich ganz vorzeigbar: Führungskraft, schickes Auto, benehmen konnte er sich auch …
Um Himmel Willen – niemals!
Ein kalter Schauer läuft ihr den Rücken hinunter und sie schüttelt sich unwillkürlich. Sie war ja nicht mal richtig verliebt! Und den Rest ihres Lebens an der Seite eines Mannes zu verbringen, dessen Anwesenheit ihr schnell zu viel wird, mag sie sich nicht einmal vorstellen. Dann doch lieber allein bleiben!
Nach einer Weile trinkt sie den letzten Schluck Milchkaffee aus dem Pappbecher, der in dem Getränkehalter an ihrem Armaturenbrett hängt. Noch zehn Kilometer bis zum vereinbarten Treffpunkt. Dort wird der Dreiunddreißigjährige zusteigen, den sie nach Italien mitnehmen wird. Matthias heißt er. Ob das ein Traumprinz sein könnte? Ein bisschen jung ist er ja für sie. Aber vielleicht wirkt er reifer? Wenn er ansonsten ganz interessant ist, dann sind auch die drei Jahre kein Problem!
Viel konnte sie in dem kurzen E-Mail-Wechsel, in dessen Verlauf sie sich über die Mitfahrmöglichkeit austauschten, nicht über ihn herausfinden. Nur, dass er Koch ist, schrieb er von sich. Und Single. Aber das war ihr eigentlich schon wieder ein bisschen zu viel Information. Natürlich ist es schön, wenn sich an diesem entlegenen Ort in Italien ein paar Männer im passenden Alter einfinden, die nicht gebunden sind. Noch besser, wenn diese Männer auch so sind, dass man sich in sie verlieben kann. Ein Flirt könnte ihre Begeisterung für den Urlaub ganz gewaltig steigern! Aber wenn so etwas unaufgefordert mitgeteilt wird, dann wirkt es schnell nach einem verkrampften Kontaktanbahnungsversuch. Sowas geht sowieso immer schief! Sie ist lange genug auf dem Markt, um sich mit den Feinheiten der Partnersuche auszukennen.
Aber sie ist auch eine Romantikerin! Nur zu gerne stellt sie sich vor, dass in Italien das Glück ihres Lebens auf sie wartet: ein interessanter Mann, der sich unsterblich in sie verliebt! Vielleicht sogar ein Italiener, der dort bestens begütert auf einem umfangreichen Anwesen lebt? Sie würde unverzüglich ihre kärglichen Zelte in Deutschland abbrechen und auf ein romantisches italienisches Anwesen einheiraten. Es gäbe schlimmere Schicksale!
Elli muss über sich selbst den Kopf schütteln. Natürlich wird das alles so nicht passieren. Aber träumen darf sie doch wohl, oder? Wenn das wirkliche Leben so wenig inspirierend ist – oder besser gesagt reichlich frustrierend im Gegensatz zu dem, was sie sich früher einmal vorgestellt hat – dann muss sie doch von Träumen leben. Weswegen soll sie denn sonst morgens aufstehen, wenn nicht in der Hoffnung, dass da draußen irgendwo das ganz große Glück auf sie wartet? Und warum sollte das Schicksal gerade ihr ein Happy End vorenthalten, wenn es doch so viele Frauen gibt, die jemanden gefunden haben, mit dem sie ihr Leben teilen?
Ein Blick auf das Navi zeigt, dass es noch fünf Kilometer sind bis zum vereinbarten Treffpunkt. Die Aufregung steigt, denn je näher sie der Abfahrt kommt, desto stärker werden ihre Befürchtungen bezüglich ihres Beifahrers. Hoffentlich ist er nicht allzu unangenehm! Schließlich müssen sie neun, zehn oder sogar elf Stunden Fahrt miteinander aushalten!
Kurze Zeit später blinkt sie und verlässt die Autobahn. An der Ampel am Ende der Ausfahrt kann sie nach links oder nach rechts abbiegen. Sie wirft einen schnellen Blick auf die Anfahrtsbeschreibung: Erst links und dann nach ein paar hundert Metern auf der rechten Seite soll der Pendlerparkplatz sein, wo Matthias auf sie wartet.
Elli legt den Gang ein und biegt ab. Die Straße führt unter der Autobahn hindurch. Sie fährt langsam und konzentriert, um die Einfahrt nicht zu verpassen, doch eine langgezogene Kurve und der dichte Bewuchs am Straßenrand machen die Gegend nur schwer überschaubar. Wo soll hier ein Parkplatz sein? Da, endlich sieht sie tatsächlich ein blaues Hinweisschild mit einem weißen „P“ darauf.
Als sie auf den geschotterten Platz einbiegt, der zur Straße hin dicht von Büschen eingefasst ist, bemerkt sie mit einem leichten Unwohlsein, dass er fast leer ist. Kurz vor sieben an einem Samstagmorgen ist das vermutlich zu erwarten, denkt sie. Auf was hat sie sich da nur eingelassen? Und was soll sie tun, wenn der Mann, der bei ihr mitfahren will, nicht sympathisch aussieht? Ob sie einfach Gas gibt und weiterfährt? Aber wie soll sie das erklären, wenn Matthias dann doch irgendwann bei dem italienischen Gut auftaucht, wo sie beide ihren Urlaub gebucht haben?
„Keine gute Idee“, denkt Elli. Sie schluckt. „Dann muss ich da jetzt wohl durch.“
Ganz hinten, am anderen Ende des Platzes, rührt sich etwas. Ihre Ankunft scheint bemerkt worden zu sein. Aus einem kleinen roten Auto krabbelt jemand mit langen, dünnen Gliedern aus der weit aufgerissenen Tür der Beifahrerseite. Kurze Zeit später steht ein großer, dünner, blonder Mann mit hängenden Schultern und dicker Hornbrille neben dem Gefährt und öffnet die Tür zur hinteren Sitzbank. Von dort zieht er einen großen Seesack heraus und stellt ihn neben sich auf den Boden. Dann taucht er noch einmal tief ins Innere des Wagens ein und befördert einen schwarzen Gitarrenkoffer mit vielen Aufklebern darauf heraus. Er schlägt die Tür zu, klopft zum Abschied aufs Dach, ergreift seine Utensilien und läuft auf Ellis Auto zu, das sie ein paar Meter vor ihm zum Stehen bringt und den Motor abschaltet.
Elli entspannt sich, denn ein Blick auf ihren Mitfahrer wirkt sofort beruhigend. Attraktiv ist er mitnichten und Elli ist auch sofort klar, dass Matthias nicht der Typ ist, der in ihr Beuteschema passt. Sein rundliches Gesicht schaut zutraulich und freundlich und ist damit meilenweit entfernt von den markanten Gesichtszügen und dem geheimnisvollen, tiefen Blick, der Elli irritieren würde. Doch gleichzeitig kann sie mit diesem Mann, der aussieht wie ein gutmütiger, zu groß geratener Junge, der nur zu gerne Omas über die Straße hilft, auf gar keinen Fall einen gestörten Triebtäter oder brutalen Gewaltmenschen verbinden. Zumindest ihre Instinkte können das nicht. Und so ist sie zwar ein wenig enttäuscht, dass dieser Beifahrer bestimmt nicht ihr Urlaubsflirt werden wird, aber es beruhigt sie auch, dass ihre Mitfahrgelegenheit harmlos und sympathisch wirkt. Erleichtert steigt sie aus ihrem Wagen, um Matthias zu begrüßen.
Matthias ist überrascht: So hat er sich Elli nicht vorgestellt! In seiner Fantasie musste eine Frau, die alleine nach Italien in ein Musik-Camp fährt, etwas „Alternatives“ an sich haben: lange, ungepflegte Haare, nachlässig gekleidet mit Textilien in Knitter- oder Ausbeul-Optik, mindestens ein bisschen mollig und vor allem mit bequemen Sandalen oder Gesundheitsschuhen an den Füßen. Diese Frau, die aus dem alten japanischen Wagen steigt, ist das genaue Gegenteil: Groß, schlank, mit einer gut geschnittenen dunkelbraunen Pagenfrisur zu blauen Augen und sinnlich geschwungenen Lippen. Ihre langen Beine stecken in engen schwarzen Jeans und an ihren Füßen hat sie schmale schwarze Stiefel. Sie trägt eine kurzärmelige hellrote Bluse, die ihr sehr gut steht. Nein, bei dieser Erscheinung hätte er als Urlaubsziel vielleicht Rom, Florenz oder Mailand erwartet, aber nicht die Hügel der italienischen Pampa vermutet.
Lächelnd kommt die hübsche Frau auf ihn zu.
„Hi, ich bin Elli!“
„Tach, Matthias“, antwortet er.
„Kriegst du deine Sachen hier unter?“
Einladend öffnet sie die Tür hinter dem Beifahrersitz.
Sie scheint ganz freundlich zu sein, denkt er und ist erleichtert. Zwar musste er in seiner beruflichen Laufbahn schon mit den unterschiedlichsten Menschen an den unterschiedlichsten Orten klarkommen. Auch hat er besonders gegenüber dem weiblichen Geschlecht selten Probleme, sich unbefangen zu geben. Aber eine lange Fahrt an der Seite von jemandem, den man absolut nicht riechen kann, kann sich dennoch hinziehen.
Er wirft seine Sachen auf die Rückbank und steigt ein. Den Beifahrersitz schiebt er bis zum Anschlag nach hinten, um seine langen Beine unter dem Handschuhfach unterzubringen, dem sie dabei gefährlich nahe kommen.
„Ich hoffe, der Platz reicht aus?“, fragt Elli besorgt, als sie ihn beobachtet.
„Na klar doch!“, antwortet er und grinst sie zuversichtlich an.
„Na dann …“, sagt Elli und lässt den Motor an. Kurze Zeit später sind sie wieder auf der Autobahn.
Die beiden Italien-Reisenden finden schnell Gesprächsstoff. Sobald Elli sich in den Autobahnverkehr eingeordnet hat, kommen sie ins Plaudern und haben sich in kürzester Zeit darüber verständigt, dass sie beide noch nicht an diesem Ort in Italien gewesen sind, wo sie weitab von der nächsten größeren Stadt eine Woche lang Gitarre spielen und singen werden. Sie erzählen sich gegenseitig von ihren Erwartungen und malen sich den Ort das eine Mal in den schönsten Farben als Kleinod italienischer Lebensart aus, das andere Mal befürchten sie eine deprimierend heruntergekommene, baufällige Ruine am Hintern der Welt, mit feuchten Wänden und pappigen Spaghetti zum Abendessen. Schnell geraten sie ins Schwärmen, dann wieder schütteln sie sich angewidert – je nachdem, in welche Richtung ihre Fantasie sie treibt. Und als nach einiger Zeit, die wie im Fluge zu vergehen scheint, am Horizont die Alpen auftauchen, ist bei beiden die Vorfreude auf den Urlaub schon erheblich gewachsen und die Anspannung gewichen.
Matthias beginnt aus seinem Leben zu erzählen. Ein bisschen möchte er Elli auch damit beeindrucken, dass sein Job als Koch ihn in der Vergangenheit quer durch Deutschland in die verschiedensten Restaurants geführt hat und er zum Schluss sogar auf einem Kreuzfahrtschiff angeheuert hat. Leider, so berichtet er, ist dabei sein Gitarrenspiel reichlich zu kurz gekommen. Nun wolle er sich eine Woche lang den Luxus gönnen, intensiv wieder einzusteigen ins Sliden, Tappen und Picken, und ein paar neue Powerchords möchte er auch gerne lernen.
„Außerdem brauche ich wohl einfach eine Auszeit“, ergänzt Matthias und seine Stimme nimmt einen resignierten Klang an.
Elli schaut zu ihm hinüber. Das hört sich traurig an. Vielleicht Probleme im Job? Oder eine enttäuschte Liebe? Soll sie nachfragen, weshalb Matthias eine Auszeit nehmen will? Erwartet er das vielleicht? Oder ärgert er sich womöglich schon darüber, zu viel gesagt zu haben?
Doch bevor Elli sich noch darüber klar werden kann, ob ein Nachfragen unangemessen vertraulich erscheinen würde, senkt Matthias den Kopf und lässt seine Schultern noch weiter hängen, als sie es ohnehin schon tun.
„Ja, das war nicht leicht für mich, das letzte Jahr“, seufzt er und schaut aus dem Beifahrerfenster, wie um seine Emotionen zu verbergen. Nach einer kleinen Pause fährt er fort: „Fast wäre ich Papa geworden. Aber meine Freundin hat das Kind nicht bekommen wollen.“
Dann sagt er eine Weile lang nichts. Elli schweigt betroffen. Das hört sich furchtbar tragisch an!
„Ich wäre gerne Papa geworden“, ergänzt der junge Mann nach einem weiteren Moment der Stille traurig.
Elli schluckt. Sie weiß nicht, wie sie auf seine Worte reagieren soll. Das Gespräch ist jetzt sehr plötzlich sehr ernst geworden und ihr fällt keine angemessene Erwiderung ein. Was sagt man jemandem in so einer Situation? Es scheint Matthias sehr mitgenommen zu haben, dass seine Freundin ihr gemeinsames Kind abgetrieben hat. Aber „Herzliches Beileid“ ist vermutlich nicht passend?
„Das tut mir leid“, entscheidet sie sich nach einer Weile für eine neutrale Formulierung. Unsicher schaut sie zu ihm hinüber.
Oh je! Sie ist jetzt gar nicht darauf vorbereitet, mit irgendwelchen Schicksalsschlägen anderer Menschen umzugehen. Matthias tut ihr leid, wie er so traurig aus dem Fenster starrt. Doch was soll sie jetzt machen? Was kann man jemandem Tröstliches in so einer Situation sagen? Oder soll sie einfach nur schweigen?
Matthias nimmt ihr glücklicherweise die Entscheidung darüber ab, wie das Gespräch weitergehen soll. Er wirkt ganz dankbar dafür, jemanden zum Reden gefunden zu haben und sein Herz ausschütten zu können. Ellis Schweigen scheint er als Einladung dafür zu verstehen.
„Weißt du – ich bin ohne Vater groß geworden. Meine Mutter musste richtig hart arbeiten, um genug Geld für uns beide zu verdienen. Eigentlich bin ich mehr bei meiner Oma als bei meiner Mutter aufgewachsen. Sowas wie ein Familienleben kenne ich gar nicht.“
Er schüttelt den Kopf, als wolle er die traurigen Erinnerungen an die entbehrungsreichen Zeiten seiner Kindheit vertreiben, die vor seinem inneren Auge auftauchen.
„Mein Erzeuger hat sich kurz nach meiner Geburt aus dem Staub gemacht. Doch nun hätte ich selbst ein Vater sein können.“
Noch einmal seufzt er schwer und scheint den Tränen nahe zu sein.
Elli hält den Atem an. Ein ungutes Gefühl macht sich in ihr breit – wie so oft, wenn sie unvermittelt zur Rettungsstation für jemanden wird, der sie ungefragt dazu auserkoren hat. Sie traut sich kaum sich zu rühren oder etwas zu sagen aus Angst, es könnte das Falsche sein. Fieberhaft überlegt sie, was sie tun soll. Einerseits fühlt sie sich dazu verpflichtet, ihren Mitfahrer zu trösten, doch andererseits fühlt sie sich auch ziemlich überfahren von der Situation. Um Himmels Willen – hoffentlich muss sie jetzt nicht den ganzen Urlaub lang Händchen halten und sich seine traurige Lebensgeschichte anhören! Sie kann sich doch so schlecht abgrenzen!
Schließlich gelingt es ihr, ihren Verstand einzuschalten.
„Alles Quatsch“, denkt sie resolut und versucht sich zu entspannen. „Ich bin doch nicht für ihn verantwortlich. Ich kenne ihn erst seit einer Stunde! Außerdem würde ich niemals auf die Idee kommen, jemand Wildfremdem eine so persönliche Geschichte wie die einer Abtreibung zu erzählen, um dann auch noch umfangreiche Lebenshilfe zu erwarten!"
Dieser Gedanke erleichtert sie zunächst. Doch gleich darauf droht wieder ihr schlechtes Gewissen die Oberhand zu gewinnen. Wie kann sie nur so herzlos sein? Das ist doch schlimm, was der arme Junge durchmacht! Da muss sie doch Mitleid haben!
Matthias scheint unterdessen von Ellis Unbehagen überhaupt nichts mitzubekommen und redet einfach weiter.
„Aber ich will das Geschehene auch gar nicht nur meiner Exfreundin anlasten“, unterbricht er Ellis inneres Zwiegespräch. „Wir waren beide vermutlich zu jung. Ich habe auch Fehler gemacht. Es ist blöd gelaufen.“
Er macht eine wegwerfende Handbewegung, wie um zu zeigen, dass es sich nicht lohnt, weiter über die Geschichte zu reden. Trotzdem scheint er sehr betroffen zu sein.
Unwillkürlich denkt Elli, dass es sicher viele Menschen gibt, die sich in weitaus jüngeren Jahren als in Matthias‘ Fall mit einer möglichen Elternschaft auseinandersetzen müssen. Aber vermutlich ist das eine sehr individuelle Sache, ob man sich zu jung fühlt oder nicht? Außerdem hat sie selbst keine Kinder, kann also auch nicht mitreden. Trotzdem fühlt sie sich verpflichtet zu sagen: „Nein, nein, mach‘ dir bloß keine Vorwürfe.“
Unsicher schaut sie zu ihrem Begleiter hinüber. Hat sie jetzt das Richtige gesagt? Oder wird er diese Bemerkung unangemessen finden?
Doch Matthias sieht sie dankbar an: „Danke. Du bist echt klasse! Entschuldige, dass ich dich so mit meinem Schicksal überfallen habe. Es kam gerade über mich. Manchmal erwischt mich die Geschichte voll“, meint er mit einem tapferen Lächeln.
„Na klar, kein Problem“, murmelt Elli erleichtert.
Zumindest scheint ihr Mitfahrer jetzt nicht von ihr zu erwarten, dass sie seine Probleme löst. Trotzdem überlegt sie fieberhaft, wie sie die bedrückende Stimmung wieder entspannen kann, die so plötzlich die Urlaubsfreude vom Anfang vertrieben hat. Außerdem – und bei dem Gedanken kommt sie sich richtig herzlos vor – beginnt gleich der Teil der Reise, auf den sie sich ganz besonders gefreut hat: die Fahrt durch die Alpen! Diesen Reiseabschnitt möchte sie genießen! Das fällt allerdings schwer, wenn neben ihr jemand vor sich hin leidet. Also wäre es gut, die Stimmung zu verbessern. Nur wie?
Nach kurzer Zeit taucht am Straßenrand ein Schild mit einem Hinweis auf eine Raststätte auf, die auch Vignetten für Österreich verkauft.
„Ich denke, die Gelegenheit sollten wir nutzen“, sagt Elli erleichtert in der Hoffnung, damit das Thema wechseln zu können. Sie weist auf das Schild. „Vielleicht holen wir uns auch gleich noch einen Kaffee?“
+
Monika
Monika steht in ihrem großzügigen Bad vor dem modernen Waschtisch aus dunklem Holz mit dem weißen Keramikbecken darauf. Sie schaut in den riesigen, mit Mosaiksteinen eingefassten Spiegel dahinter. Gerade eben noch war sie dabei, die letzten Utensilien, die sie für die Reise braucht, in ihr edles Beautycase aus dunkelbraunem Leder zu versenken. Doch dann fiel ihr Blick zufällig in den Spiegel, und nun kann sie sich nicht losreißen von dem Bild, was sich ihr bietet: Eine Frau von fast 50 Jahren mit ausgeprägten Gesichtszügen – „herb“ wie ihre Mutter dazu auf ihre charmant uncharmante Art sagt – schaut ihr entgegen. Ihre aschblonden, von einigen wenigen grauen Strähnen durchzogenen Haare hat sie streng zu einem praktischen Zopf zurückgebunden. Der Ärger der letzten Monate, den sie fast immer fleißig hinuntergeschluckt hat, zeigt sich in ihrem Gesicht und lässt ihre markanten Gesichtszüge maskenhaft versteinert wirken.
Sie schaut sich an und ist erschrocken über das, was sie sieht. Ist sie das wirklich? Diese verhärmt aussehende Frau mit der steilen Stirnfalte und den missbilligend zusammengezogenen Lippen? Wo sind die Leichtigkeit und die Lebensfreude geblieben, die doch auch einmal da waren? Sie waren doch einmal da? Oder täuscht sie ihre Erinnerung an frühere Jahre? Malt sie die Vergangenheit in zu fröhlichen Farben?
"Ein bisschen vielleicht schon", muss Monika sich eingestehen, denn wirklich einfach war ihr Leben nie. Jedenfalls erinnert sie sich gerade nicht an unbeschwerte Zeiten. Oder ist auch das eine Fehleinschätzung, die von ihrer momentanen Unzufriedenheit herrührt?
Ob sie einfach undankbar ist? Schließlich geht es ihr sehr gut!
Sie betrachtet im Spiegel das moderne, geschmackvolle Ambiente ihres vor anderthalb Jahren renovierten Bades. Die Familie eines Bankdirektors kann sich solche Extras leisten, ohne auf irgendetwas anderes verzichten zu müssen – nicht mal auf die Ein-Zimmer-Eigentumswohnung ihres Sohnes, der seit einem Jahr studiert, oder das Auto ihrer Tochter, welches sie zur bestandenen Führerscheinprüfung bekommen hat. Wobei es „nur“ ein gebrauchter Kleinwagen ist. Aber ein sehr schicker und nicht so ein klappriger Verkehrstod, wie sie ihn sich damals mit zwanzig Jahren mühsam zusammengespart hat.
Was will sie mehr? In ihrem Leben hat sie einiges erreicht: Sie hat zwei wohlgeratene Kinder großgezogen. Sie hat den Aufstieg ihres Mannes gefördert, ihm stets den Rücken frei gehalten, ihn ermutigt und bei gesellschaftlichen Anlässen unterstützt, sodass er seine Karriere gradlinig bis zu seiner jetzigen Position ausbauen konnte. Sie hat derweil das Haus zu einem wahren Schmuckstück ausgestaltet, das gesamte Familienleben perfekt organisiert und nebenbei noch ihren Halbtagsjob in der Stadtverwaltung ordentlich gemeistert. Sie kann stolz auf sich sein. Oder?
Misstrauisch sieht sie in den Spiegel. Stolz sieht sie nicht aus. Eher starr. Leblos. Warum?
Sie muss sich beeilen. In einer Viertelstunde soll das Taxi da sein, das sie zum Flughafen bringt. Was wollte sie noch unbedingt einpacken? Ach ja, das Mückenspray und die Migränetabletten. Die ganz unbedingt! Wenn ihr Urlaubsort in Italien wirklich so weit weg vom Schuss ist, wie es in dem Artikel beschrieben wurde, den sie darüber las, dann würde sie sich nicht einfach Tabletten in der nächsten Apotheke besorgen können und die Woche vermutlich kaum überleben!
Eilig rafft sie ihre Sachen zusammen und trägt sie in das riesige, im Kolonialstil eingerichtete Schlafzimmer mit den bis zum Boden reichenden Fenstern, wo ihre schicke dunkelbraune Lederreisetasche schon fast fertig gepackt auf sie wartet. Mit etwas Gewalt schafft sie es, ihr Beautycase auch noch darin zu versenken. Nur knapp gelingt es ihr, den Reißverschluss zu schließen. Mit Mühe trägt sie das sperrige Gerät durch den Flur und die Treppe hinunter in die großzügige Küche mit der rasend schicken Kochinsel unter einer mächtigen polierten Dunstabzugshaube. Das Ding hat vor vier Jahren ein Vermögen gekostet und der Einbau jede Menge Nerven. Ihre Nerven. Ihr Mann hat kaum bemerkt, dass die Küche komplett erneuert wurde. Dabei war es eine offensichtliche Verbesserung, weil die alte nicht nur seit jeher unpraktisch war, sondern auch ein Gerät nach dem anderen den Geist aufgab.
„Aber wie hätte er die Veränderung auch feststellen sollen? Er hält sich ja kaum in diesem Raum auf", denkt sie ironisch.
Sie stutzt. Moment mal! Ist sie jetzt auch zu einer dieser Frauen geworden, die sie nie sein wollte? Die sich darüber aufregen, dass sich der Mann im Haushalt so wenig einbringt, und die diesen Umstand pausenlos beklagen? Es ist eben so: Ihr Mann verdient das Geld – jedenfalls den Hauptteil des Familieneinkommens. Ein solch luxuriöses Leben, wie sie es führen, ist mit ihrem Gehalt als Verwaltungsangestellte undenkbar. Während Volker, ihr Mann, also die finanzielle Grundlage schafft, sorgt Monika für alles, was ihr gemeinsames Leben sonst noch ausmacht: Haushalt, Familie, Freunde und sämtliche Unternehmungen, die in der spärlichen Freizeit gerade so Platz finden. So wurde es zu Beginn ihrer Ehe unausgesprochen vereinbart und so wird es seitdem gelebt. Was ist schlimm daran?
„Dass ihn alles andere nicht interessiert. Dass ihn nichts interessiert, solange die Familie irgendwie funktioniert und er sich bitte, bitte, bitte um keinerlei private Probleme kümmern muss“, schießt es ihr durch den Kopf. Schmerzlich wird ihr einmal wieder bewusst, wie unglaublich leer ihrer beider Zusammenleben geworden ist.
Vermutlich war das auch der Grund dafür, dass sie ihrem Mann unlängst eröffnet hat, dass sie wieder ganztags arbeiten will, nachdem die Kinder nun mehr oder weniger aus dem Haus sind. Nele hat gerade Abitur gemacht und Felix ist sowieso nur noch am Wochenende da – wenn überhaupt – und ansonsten froh über sein selbstständiges Studentenleben in der eigenen Bude. Deshalb hat sie damit gerechnet, dass Volker ihre Idee gar nicht schlecht finden würde. Was sollte er auch dagegen haben? Er ist sowieso fast nie vor zwanzig Uhr zu Hause und würde es gar nicht bemerken, wenn sie nun auch die Nachmittage in der Stadtverwaltung zubrächte. Also konnte ihr Plan doch nur seine Zustimmung finden, hat sie gedacht.
Doch kaum hat sie ihm davon erzählt, da war die Sache irgendwie aus dem Ruder gelaufen. Vielleicht hat ihr Mann gar nicht vorgehabt, ihr Steine in den Weg zu legen oder ein schlechtes Gewissen zu bereiten. Vielleicht hat er nur wieder einmal überhaupt nicht richtig zugehört und schon gar nicht realisiert, dass es einfach mal um sie, seine Frau, ging. Und genau diese Ignoranz ihr gegenüber hat sie auf die Palme gebracht!
Volker hat den Fehler gemacht, Monika darauf hinzuweisen, dass ihre Mutter bereits angekündigt hatte, die Unterstützung ihrer Tochter zu benötigen. Sie plante nämlich, ihr Haus zu verkaufen und in eine weniger große Wohnung umzuziehen. Um das zu bewerkstelligen, muss jedoch der gesamte Haushalt durchforstet und entschieden werden, welche Stücke mit in die neue Wohnung kommen sollen, welche nicht und was mit dem Rest passieren soll. Monikas Mutter hatte sie bereits gebeten, ihr dabei zur Hand zu gehen. Ob sie denn dann wirklich Zeit hätte, ganztags zu arbeiten, wenn sie sich um den Hausverkauf und den Umzug ihrer Mutter kümmern müsse, hat Volker gefragt. Da hat Monika Rot gesehen. Von jetzt auf gleich war sie implodiert. Sie hat ihren Mann hasserfüllt angestarrt, der sich schon wieder hinter seinem Tablet verschanzt hat, ohne dem Ganzen weiter Aufmerksamkeit zu schenken. Ohnmächtig vor Wut, aber wortlos, weil sie schon lange eingesehen hatte, dass Diskussionen nichts brachten, hat sie ihre Stiefel angezogen und war aus dem Haus gerannt, um sich bei einem Spaziergang wieder zu fangen.
Ihre Mutter!
Oh ja, ihre Mutter kann locker einen ganzen Stall von Bediensteten beschäftigen. Das hat sie auch zeitlebens getan! Schon in Monikas Kindheit hatte sich der Alltag ihres Vaters, ihrer Schwester und ihr eigener ausschließlich nach dem Rhythmus, den Befindlichkeiten und den Launen ihrer Mutter ausgerichtet. Auch heute noch wird jeder, absolut jeder, der nicht schnell genug das Weite sucht, von der mittlerweile älteren Dame und ihren Ansprüchen vereinnahmt.
Ihre Mutter war Opernsängerin gewesen – eine recht gute und angesehene obendrein. Ihr Vater, Gott hab‘ ihn selig, hatte sie vergöttert. Dieser unselige Umstand der Anbetung durch ihren Vater sowie der angeborene Narzissmus ihrer Mutter in Kombination mit der sensiblen Künstlerin, die sie vorgab zu sein oder vielleicht auch wirklich war, sorgte dafür, dass sich alles im Hause der Familie um ihre Bedürfnisse drehte. Ihre Mutter brauchte absolute Einkehr vor ihren Auftritten, um sich zu konzentrieren und in ihre Rolle einzufühlen. Sie brauchte Ruhe nach ihren Auftritten, weil diese sie emotional sehr erschöpften. Und auch zwischendurch mussten sich alle Familienmitglieder im Haus auf Zehenspitzen fortbewegen, weil ihre Mutter von den meisten Proben in höchster Erregung nach Hause zurückkam. Dann war wieder irgendetwas ganz Furchtbares vorgefallen, was ihre sensible Künstlerseele in Aufruhr versetzt hatte: Mal war es ein zu harter Anschlag des Pianisten gewesen, mal ein vermeintlich kritischer Blick des Intendanten, dann ein falscher Ton ihres Partners beim Duett – der Möglichkeiten gab es unendlich viele. Darüber hinaus hagelte es ununterbrochen Anweisungen, wie um ihre Mutter herum zu verfahren sei: „Jetzt nicht, Kinder, ich brauche Ruhe“, „Habe ich euch nicht gesagt, ihr sollt leise spielen? Ich muss mich konzentrieren“, „Wer hat das Fenster aufgemacht? Soll ich die Tosca heiser singen?“, „Monika, machst du mir bitte einen Tee, Liebes? Ich habe solch ein Kopfweh“, „Ich habe ganz vergessen, dass heute der Dirigent mit seiner Frau zum Essen vorbeikommt, und jetzt muss ich zur Probe. Monika, könntest du bitte …“ und so weiter und so fort. All das und noch viel mehr Dinge, die ihre Mutter betrafen, mussten im Familienleben berücksichtigt werden. Etwas anders zählte nicht, ja es gab gar nichts anderes.
Als Monika erwachsen wurde, gelang es ihr nur mit Mühe, sich der allumfassenden Präsenz und Bedürftigkeit ihrer Mutter zu entziehen. Um ihren Eltern keinerlei Gelegenheit zu geben, sie mit finanzieller Abhängigkeit an sich zu binden, hatte Monika nicht studiert, wie sie es gerne getan hätte, sondern eine Ausbildung in einem großen Industrieunternehmen begonnen, wo sie schon in der Lehre relativ gut verdiente. Solange sie noch zu Hause wohnte, legte sie das Geld sorgfältig zurück und sparte, wo sie nur konnte. Als dann die Lehrzeit fast überstanden war und sie ihre Finanzen bis zum Beginn einer fest zugesagten Anstellung gesichert hatte, suchte sie sich zügig eine Wohnung. Wohlweislich informierte sie ihre Eltern erst kurz vor ihrem Auszug über das Vorhaben und den bereits unterzeichneten Mietvertrag. Alles andere wäre grob fahrlässig gewesen! Ihre Mutter schätzte es nicht, wenn sie auf gewohnte Bequemlichkeiten verzichten musste, und hätte sicher und vermutlich auch erfolgreich interveniert.
Von dem Moment ihres Auszugs an hatte Monika alles vermieden, was sie wieder in riskante Nähe zu ihrem Elternhaus gebracht hätte. Da sie den Kontakt zu ihren Eltern jedoch nicht komplett und rigoros beenden wollte, war das ein ständiger Drahtseilakt gewesen, der bis heute andauert, denn auch jetzt noch muss sie jeden kleinen Finger, den sie ihrer Mutter reicht, schnell mit der ganzen Hand bezahlen.
Monikas Schwester Ute hatte das Problem sehr viel konsequenter gelöst: Sie hatte sich in einen amerikanischen Soldaten verliebt, der in der Nähe stationiert war. Kaum volljährig war sie ihm in die Staaten gefolgt, als seine Zeit in Deutschland abgelaufen war. Glück für Ute, Pech für Monika: Sie hatte die Liebe zu Volker leider nur bis in die nächste Stadt gebracht – und das war allzu oft eine viel zu geringe Distanz zu den Ansprüchen ihrer Mutter!
Doch Monika war lernfähig. Mit der Zeit und mit wachsendem Selbstbewusstsein hatte sie es geschafft, sich ihren Freiraum zu erobern und die Trennung der Lebensräume zu konsolidieren. Als dann vor ein paar Jahren ihr Vater unvermittelt starb, schwitzte Monika noch einmal für ein paar Monate Blut und Wasser: Sie befürchtete, dass sie ihr Schicksal nun doch noch ereilen und ihre Mutter in völliger, hochkünstlerischer Lebensuntüchtigkeit auf ihre Unterstützung angewiesen sein würde. Es wäre Monika äußerst schwer gefallen, sich angesichts dieses dramatischen Verlustes dem bedürftigen Zugriff ihrer Mutter zu verweigern. Doch glücklicherweise fand sich schon bald ein neuer, beziehungsweise alter Verehrer der Kunst ihrer Mutter, der sich als erfolgreicher Versicherungsmakler auch fantastisch darauf verstand, ihr bei allem, was Finanzen, Versicherungen und sonstigen Papierkram anging, um den sich bis dahin ihr Vater gekümmert hatte, zur Hand zu gehen. Monika war erleichtert.
Vor ein paar Monaten jedoch fing ihre Mutter an, mit dem Gedanken zu spielen, gemeinsam mit dem mittlerweile verrenteten Makler zusammenzuziehen. Dazu muss jetzt ihr Haushalt, beziehungsweise Monikas Elternhaus, mit allem, was ein Familienleben lang dort angesammelt wurde, aufgelöst werden. Für solcherlei Aktivitäten ist jedoch der tatkräftige Ex-Makler nicht die richtige Adresse und Monika geriet wieder akut ins Visier ihrer Mutter! Ihr graut davor, die vermutlich ewig andauernden, unseligen Diskussionen mit ihr darüber zu führen, was sie noch braucht und was nicht und was weggeschmissen werden darf. Denn so, wie sie ihre Mutter kennt, wird sie auch dabei wieder alles tun, um ihrem Künstlerinnen-Image entsprechend in Lebensuntüchtigkeit zu glänzen, um sich möglichst ausgiebig den Diensten ihrer Tochter zu versichern! Um alles, was Aufmerksamkeit und einen umfangreichen Stab an Personal verspricht, wird bis zum letzten Atemzug mit Bitten und Betteln, Tränen, dem Vortäuschen von Schwächeanfällen und dem Appell ans schlechte Gewissen gekämpft. Das Schlimmste dabei ist, dass man ihrer Mutter ihren Egoismus nicht einmal vorhalten kann. Die Bedürfnisse anderer Menschen kommen in ihrem Weltbild einfach nicht vor! Ihr etwas anderes beizubringen wäre wohl spätestens die Aufgabe von Monikas Vater gewesen. Doch der hatte es vorgezogen, sich dem Frondienst durch einen raschen Tod zu entziehen, als seine Kräfte nachließen – jedenfalls unterstellt seine Tochter ihm das manches Mal.
Monika bemerkt, dass sie immer noch auf die Dunstabzugshaube starrt. In ihrem Bauch ballt sich schon wieder diese tief sitzende Wut zusammen. Sie findet einfach keine Erlösung, weil sie schon vor langer Zeit eine unauflösliche Allianz eingegangen ist mit einem schlechten Gewissen und dem Wissen darum, dass ihre Mutter in ihrem hohen Alter tatsächlich kaum in der Lage sein wird, auch nur das Geringste an ihrem Anspruchsverhalten zu ändern. Sie weiß, dass sie letztlich nichts tun kann, um diese Situation, die sie seit ihrer Kindheit verfolgt, zu ändern – außer, sie brächte ihre Mutter um. Doch das kommt bei Monika nur als rein hypothetische Lösung infrage, genauso wie der Plan, es ihrer Schwester gleichzutun und auszuwandern. Schließlich müsste sie dann auch ihr eigenes Leben zurücklassen.
Doch damals, vor ein paar Monaten, als sie nach dem kurzen Wortwechsel mit ihrem Mann in die Feldmark hinausgestürmt war, hatte sich plötzlich die Frage aufgedrängt, was sie denn genau zurücklassen würde, wenn sie tatsächlich ihr altes Leben aufgäbe: ein Leben, das aus einem erträglichen, aber nie erfüllenden Halbtagsjob besteht, aus Kindern, die sie sehr liebt, die jedoch längst auf dem Sprung sind, ihr eigenes Leben zu leben, und einem Mann, der eigentlich längst dasselbe tut. Reicht das aus um zu bleiben?
Damals hatte ihr dieses ganze Konglomerat an fragwürdigen Details, die ihr Leben bestimmen, fast den Atem geraubt. Ihr war klar geworden, dass sich etwas ändern muss, wenn sie nicht sehenden Auges in eine aussichtslos deprimierende Situation hineinschlittern will, in der ihre eigenen Bedürfnisse keine Bedeutung mehr haben. Auch wurde ihr klar, dass sie sich dieser Zukunft nur durch eine Flucht entziehen könnte, die zumindest kurzzeitig Erleichterung und die Möglichkeit bringen würde, in Ruhe über ihr weiteres Leben nachzudenken.
Doch wohin sollte sie schon fliehen?
Noch am selben Abend hatte sie eine Frauenzeitschrift zur Hand genommen, nur um sich von ihrer Wut und der frustrierenden Zwickmühle, in der sie sich befand, abzulenken. Dort hatte sie von diesem „Sehnsuchtsort“ in Italien gelesen, wo man in reizvoller Landschaft auf einem liebevoll restaurierten Gutshof eine Auszeit vom Alltag nehmen kann. Das gute Essen wurde gelobt und die Abgeschiedenheit weitab von dem nächsten Dorf und erst recht von der nächsten Stadt betont. Wer der Allgegenwärtigkeit der Medien entkommen wolle, sei dort genau richtig, denn vor allem eines sei an diesem Ort nur selten zu bekommen – ein Netz. Und mehr als alles andere erschien Monika in diesem Moment genau dieser Hinweis das beste Argument dafür zu sein, einen Urlaub an diesem Ort in Italien zu buchen!
Es klingelt an der Tür. Das Taxi. Oh je – sie wollte doch noch ein paar Bücher für die Reise aussuchen. Sie läuft ins Wohnzimmer und fischt nach schneller Durchsicht zwei Romane aus dem Regal und ein Sachbuch, das sie zum Geburtstag bekommen hat. Schließlich muss sie sich auch in reizvollster Landschaft irgendwie beschäftigen. Das bisschen Singen und Gitarre spielen, wovon in der Anmeldung die Rede war, würde ja nicht viel Zeit beanspruchen. Außerdem hat sie darauf sowieso keine Lust und wird derlei Aktivitäten den anderen Gästen überlassen. Sie will einfach nur in Ruhe nachdenken und dabei nicht ganz einsam sein.
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Carola und Maik
Carola und Maik haben kein Auge für die beeindruckende Kulisse um sie herum. Seit Stunden fahren sie schon durch die Alpentäler Norditaliens, die sich mit der Reise nach Süden immer weiter öffnen, vorbei an beeindruckenden Bergformationen, romantischen, an atemberaubend steilen Hängen gebauten Burgen und entzückenden kleinen Ortschaften. Doch keiner von beiden scheint die Schönheit der immer neuen Aussichten wahrnehmen zu können, obwohl sie in einem Cabriolet sitzen, welches die besten Voraussetzungen für den Genuss dieser einzigartigen Region bietet.
Gerade haben sie sich wieder in den Verkehr der Autobahn eingefädelt, nachdem sie an einer „area di servizio“ kurz hinter Bozen getankt und einen Espresso sowie ein Panini zu sich genommen haben. Carola hat nun das Steuer übernommen. Maik versucht, sich damit abzufinden und auf dem Beifahrersitz zu entspannen. Das fällt ihm schwer, da er sich am Lenkrad als Herr der Lage wohler fühlt. Aber Carola hat darauf bestanden, dass sie sich abwechseln, weil sie „leichte Ermüdungserscheinungen“ beim Fahrer festzustellen meinte. Maik konnte das zwar nicht erkennen, denn schließlich hatte das Wohnwagengespann vor ihm wirklich völlig unvorhergesehen gebremst. Aber Carola ist nach der Rast, als er noch kurz die Örtlichkeiten aufsuchte, einfach auf den Fahrersitz gerutscht und sieht nicht so aus, als würde sie diesen Umstand zur Diskussion stellen wollen.
Und jetzt hängen sie schon seit einem Kilometer hinter demselben LKW!
“Du kannst überholen“, ermutigt Maik seine Frau. Doch Carola schaut nur kurz in seine Richtung und er ist sicher, er würde hören, dass sie gerade geräuschvoll die Luft durch die Nase einzieht, wenn sie nicht im Cabriolet säßen und die Fahrgeräusche solche Dinge übertönten.
Er rollt mit den Augen und wendet sich ab. Missmutig starrt er zur Seite, um sich nicht länger darüber aufregen zu müssen, dass Carola dem behäbigen Laster hinterherdackelt.
In letzter Zeit fragt er sich manchmal, ob es damals, vor fast 15 Jahren, wirklich so eine gute Idee war, sich in Carola zu verlieben. Sein bester Freund hatte ihn gewarnt und seine Eltern sowieso. „Die ist nichts für dich, das gibt nur Ärger“, hatte André gesagt. Und seine Mutter hatte gemeint, er solle sich doch ein Mädchen „aus seinem Umfeld“ suchen, eine, die nicht studiert und aus einer Akademikerfamilie kommt wie Carola.
Aber über solche Sprüche hatte Maik sich nur amüsiert. Gerade Carolas „Klasse“, wie er es nannte, hatte ihn gereizt. Sie war so ganz anders als die Mädchen, mit denen er sonst zu tun hatte: Sie sprach viel melodiöser und gewählter, obwohl sie manchmal mit Vorliebe recht derbe Ausdrücke gebrauchte. Sie bewegte sich auch anders: weder so trampelig wie die einen, noch so affektiert wie die anderen Freundinnen seiner Kumpel. Ihr ganzes Wesen strahlte Eleganz aus und ihr Ausdruck war stets eloquent – auch ein Wort, welches er durch sie gelernt hat. Außerdem war sie bildschön und früher für ihn unwiderstehlich gewesen mit ihren langen blonden Haaren und dem ausgeprägten runden Hinterteil unter der extrem schmalen Taille. Niemals hätte er diese Frau ziehen lassen, die alles verkörperte, was er bewunderte und begehrte. Er war monatelang stolz wie ein Pfau neben ihr her spaziert, als er sie endlich ganz für sich erobern konnte.
Anfangs hatte ihm der Verlauf ihrer Beziehung bestätigt, dass es richtig war, sich nicht beirren zu lassen, sondern um diese Frau zu werben. Er war neunundzwanzig und sie zweiundzwanzig, als sie sich kennenlernten. Sie war noch ein junges Mädchen und kaum der behüteten Umgebung ihres Elternhauses entwachsen. Er dagegen war bereits ein gestandener Mann, der nicht schlecht verdiente im Betrieb seines Vaters, von dem er bereits wusste, dass er ihn eines Tages übernehmen würde. Er hatte etwas zu bieten, jedenfalls mehr als diese Studenten, die – noch feucht hinter den Ohren – von Papa und Mama lebten und wilde Weltverbesserungstheorien diskutierten, weil sie noch keine Ahnung von Verantwortung und der rauen Wirklichkeit hatten. Das gab ihm das nötige Selbstbewusstsein, sich neben dieser Frau nicht unwohl zu fühlen und darüber hinaus auch einiges anzunehmen, was sie ihm an Stil und Umgangsformen vorlebte.
Darüber hinaus fühlte er sich auch sehr wohl in ihrer Familie, die ihn vorbehaltlos in ihrer Mitte akzeptierte – jedenfalls ließ sie ihn nie etwas anderes spüren. Er hatte das Gefühl, das ganz große Los gezogen zu haben. Mit Carola hatte er die richtige Frau an seiner Seite, um sich aus den ihn schon immer einengenden Verhältnissen, in denen er lebte, herauszuentwickeln. Dabei musste er nicht einmal seine Wurzeln aufgeben, denn Carola hatte keinerlei Berührungsängste mit seiner Familie und seinen Freunden. Sie schien gerne in „seiner“ Welt zu sein und fügte sich problemlos ein, ohne sich zu verstellen.
Wie gesagt: Anfangs war alles perfekt. Maik schwebte auf einer Wolke der Glückseligkeit. Es erschien ihm so, als würde das Schicksal ihn lieben und ihm alles zu Füßen legen, was er für seinen angestrebten gesellschaftlichen Aufstieg brauchte.
Ein paar Jahre lang ging alles gut. Doch irgendwann begannen Zweifel an ihm zu nagen. Spätestens als Carola ihr Studium beendete und darüber nachdachte zu promovieren, realisierte er plötzlich, dass sie nicht ewig das junge Mädchen bleiben würde, das vor sich hin lernte und ohne einen Abschluss in der Tasche noch nicht viel darstellte. Als Carola dann auch noch ihr Diplom mit Auszeichnung bestand, fiel es ihm schwer, diesen Erfolg mit ihr zu feiern. Er zog sie lieber damit auf, dass sie vom „Ernst des Lebens“, wie er es nannte, auch mit Diplom noch nichts wusste.
Kurze Zeit später wurde sie tatsächlich als Doktorandin an dem Institut angestellt, an dem sie auch studiert hatte. Schnell erweiterte sich ihr Bekanntenkreis und auf einmal hatte sie immer mehr mit „Doktoren“ und „Professoren“ zu tun und duzte sich sogar mit ihnen. Seine Freundin „war plötzlich wer“ als angehende Frau Doktor, die forschte, Vorlesungen hielt und Diplomarbeiten betreute. Sie entwuchs der Rolle des kleinen Bücherwurms an seiner Seite. Maiks Vorsprung als angehender Unternehmer, der relativ viel Geld verdiente und sich im Leben bereits einen Platz erobert hatte, schwand.
Für eine kurze Zeit konnte er diese Gedanken in den Hintergrund drängen, als Carola seinen Heiratsantrag annahm und sich trotz ihrer mittlerweile gesicherten Existenz und glänzenden Zukunftsperspektiven für ihn entschied. Er hatte auch immer noch den Eindruck, dass sie ein bisschen zu ihm, dem erfahreneren Mann aufschaute, der nach und nach die Geschäftsführung des elterlichen Betriebs übernahm und sehr erfolgreich damit begann, das Unternehmen zu erneuern.
Doch letztendlich war der Prozess der Anpassung ihrer Beziehung an die geänderten Verhältnisse wohl nicht aufzuhalten gewesen. Carola wurde immer selbstbewusster und fügte sich nicht mehr ergeben seinen Ansichten und Vorstellungen. Sie hatte plötzlich auch mal Meinungen oder Wünsche, die von seinen abwichen. Auch war sie längst nicht mehr jederzeit verfügbar, wenn er wegen der betrieblichen Notwendigkeiten nur recht kurzfristig Freizeitaktivitäten planen konnte, sodass gemeinsame Unternehmungen immer seltener wurden. Seine familiären, freundschaftlichen oder gesellschaftlichen Verpflichtungen musste er immer öfter alleine wahrnehmen. Beim Schützenfest oder anderen dörflichen Ereignissen, wo er sich als ortsansässiger Handwerker mit eigenem Betrieb sehen lassen musste, weil viele der Gäste seine Kunden waren, flog dann schon mal die ein oder andere bissige Bemerkung, warum seine Frau Besseres zu tun hätte, als ihn zu begleiten, und ob sie überhaupt noch zusammen wären. Zwar wehrte Maik solche Angriffe lachend ab oder frotzelte zurück, dass nur niemand neidisch sein soll, weil er unbewacht das Haus verlassen dürfe. Doch ihm missfiel Carolas häufige Abwesenheit auch und er fühlte sich vernachlässigt. Die Frauen seiner Freunde und Bekannten waren selbstverständlich immer an deren Seite und fielen höchstens dann einmal aus, wenn eines der vielen Kinder kränkelte. Er hätte es gern gesehen, wenn auch um ihn jemand herumgetanzt hätte, ihn anhimmelte oder seinen Äußerungen beifällig lauschte, wie er es selbstverständlich bei seinen Freunden und deren anwesenden Gattinnen beobachten konnte. Zwar zeigte er seine Frau bei den seltener werdenden Gelegenheiten immer noch gerne vor und dann verstummten auch schnell alle anzüglichen oder herablassenden Bemerkungen aus seinem Bekanntenkreis. Darüber hinaus umschmeichelte manch bewundernder oder gar begehrlicher Blick seine wunderhübsche, charmante Carola, die mit zunehmendem Alter auch optisch immer deutlicher aus der Masse der Ehefrauen hervorstach, denen die Zeit ihren Stempel aufdrückte. Dann wurde sein Stolz auf seine einstige Eroberung neu entfacht!
Aber diese Gelegenheiten wurden auch nicht zahlreicher, als Carola schließlich ihren Doktortitel hatte und begann, auf ihr nächstes Ziel, die Habilitation, hinzuarbeiten. Und schließlich konnte Maik nicht umhin, seine häusliche Situation immer kritischer zu betrachten. Immer öfter stellte er Vergleiche an zu dem Leben, das seine verheirateten Freunde führten. Wenn die abends heim kamen, wartete eine Frau auf sie, die ihren Mann genauso wie die Kinder bekochte und umsorgte. Wenn Maik nach Hause kam, dann war Carola oft noch nicht da oder arbeitete in ihrem Arbeitszimmer an der Veröffentlichung irgendwelcher Fachartikel oder sie bereitete Vorlesungen vor. Und so ist es bis heute geblieben.
Er seufzt. Vielleicht wäre es damals besser gewesen, dem Rat von Eltern und Freunden zu folgen und ein Mädchen zu ehelichen, das weniger ambitioniert an der eigenen Karriere arbeitet. Er sehnt sich nach einer Frau, die selbstverständlich zu ihm aufschaut, ihn umsorgt und wo ganz klar ist, wer die Sonne in der Beziehung ist, um die alles kreist. In den Ehen seiner Freunde sind das zweifelsohne die Männer, die etwas darstellen und deren Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen. Die Frauen sind mit bestenfalls schlecht bezahlten Halbtagsjobs, der Hausarbeit, der Kindererziehung und einem Platz an seiner Seite vollauf zufrieden. Doch mit Carola ist so eine Rollenverteilung nicht zu machen.
Und jetzt, denkt er, hat sie auch noch schlechte Laune! Das kann er nun gar nicht verstehen! Schließlich wollte sie doch diesen Urlaub und er hat alles möglich gemacht, um sich dafür eine Woche freizuschaufeln. Natürlich hatte er kurz vor diesem Urlaub, den Carola unbedingt machen wollte, noch viel zu erledigen gehabt. Schließlich musste er in seinem Betrieb alles so regeln, dass seine Leute für eine Woche auch ohne ihn klarkommen. Wie kann sie da erwarten, dass er sich auch noch Gedanken darum macht, das Auto vor der Reise zu überprüfen oder welche Sachen er einpacken muss? Er trägt die Verantwortung für einen Betrieb mit zwölf Arbeitsplätzen und muss zusehen, dass der Laden läuft. Da hat er den Kopf wirklich mit wichtigeren Dingen voll! Sie ist doch nur angestellt und kann nachts ruhig schlafen, weil die Universität auch dann noch steht, wenn sie mal mit ihrer Forschung nicht weiterkommt. Warum kann sie das nicht verstehen? Ist es denn wirklich so unzumutbar, dass sie sich um die Organisation der Reise kümmert? Bei seinen Freunden ist die Urlaubsvorbereitung selbstverständlich Frauensache. Warum soll er eigentlich auf alles verzichten, nur weil seine Frau mittlerweile Professorin ist? Warum ist sie sich nun für alles zu fein? Oder ist er ihr einfach nicht mehr gut genug?
Verstohlen schaut er zu Carola hinüber, deren Haar unter einem hellen Tuch zusammengebunden ist, um es vor dem Fahrtwind zu schützen. Sie trägt eine riesige Sonnenbrille und einen edlen, breiten Armreif am Handgelenk. Ihre Bewegungen, wenn sie schaltet oder den Kopf bewegt, um in den Rückspiegel zu sehen, haben etwas unbestreitbar Elegantes. Mondän sieht sie aus am Steuer ihres Autos – fast wie ein Filmstar aus den Fünfzigern. Sie muss nicht einmal etwas dafür tun, um ein Hingucker zu sein – sie ist es einfach. Maik findet, dass das großartige Eigenschaften für eine anbetungswürdige Geliebte sind. Aber ist es auch das Richtige als Ehefrau?
Carola blinkt und zieht links an einer langen Schlange von Wohnmobilen und vollbepackten Autos vorbei, die zum Gardasee abbiegen wollen. Es ist Urlaubszeit und natürlich staut sich an der Ausfahrt der Verkehr. Sie ist froh, dass sie sich hier nicht einreihen müssen und die Touristenmassen meiden können.
