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Leon hatte sich immer gefragt, was passieren würde, wenn sein Sozialkreditpunktekonto auf unter 500 Punkte sinken würde. Während es mit seiner großen Liebe Leonie in der digital-transparenten Welt von morgen immer mehr bröckelt, sieht er die Falle grade noch zuschnappen...wird er sie zurückgewinnen können? Oder, findet unser nutzloser Esser sich womöglich, ehe er sich versieht, zum Tode verurteilt in einem menschenverachtenden Gewinn-Spiel wieder, deren drei Runden er überleben muss, in willkürlichen, abartig-brutalen wie unfairen Schreckensszenarien? Viel ist auf seinen Kopf gesetzt worden, so dass es auch in der Welt der Spielemacher allmählich zu rumoren beginnt...
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Seitenzahl: 100
Veröffentlichungsjahr: 2024
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ERSTER AKT
ZWEITER AKT
Dritter Akt
Ich sehe etwas, was du nicht siehst
Das Mondlicht schien durch den sternenklaren Nachthimmel, es warf seine Photonen in spendabler Verschwendungsmanier auf die Weiten der australischen Victoriawüste, Grillenzirpen erfüllte die karge Landschaft. Auf den ersten Blick beherbergte diese rund zweihunderfünfzig Kilometer südöstlich des Ayers-Rock gelegene Region nicht viel mehr als ein paar spärliche Gebüsche, und einige nachtaktive, auf Beutesuche ausgeschwärmte Geckos. Doch in diesem menschenleeren, einst für Nukleartests auserkorenen Niemandsland sollte in der Nacht vom 03.07. auf den 04.07.2033 ein ganz und gar exklusives, unterhaltungsindustrielles Spektakel abgehalten werden, das zu sehen wirklich nur für ein paar zehntausend auserwählte Augenpaare bestimmt war: Die dreihundert unfreiwilligen Teilnehmer eingerechnet...
Benommen riss ich meine Augen auf, denn in dieser Sekunde hatten 4000-Watt-Stadionlautsprecher begonnen, mir so unfassbar lauten Bigband-Jazz auf die Ohren zu zimmern, dass es mich aus der Narkose gerissen haben musste… völlig benebelt sah ich an mir herunter… und dann panisch seitwärts! Geknebelt und festgeschnallt auf einen Kinositz, dessen Lederriemen jeden Komfort vermissen ließen, bemerkte ich, dass mehrere hundert Leute mein Schicksal teilten. In einer Art Freiluftkino befand sich vor unserer Tribüne eine gigantische Leinwand, bis auf das todesverängstigte Publikum, von dem jeder ein kleines Tablet auf dem Schoß liegen hatte, welches sich gerade in diesem Moment hochfuhr, war keine Menschenseele auszumachen. Irgendwoher kamen mir die Bläsermelodien des in so ohrenbetäubender Lautstärke gespielten Liedes bekannt vor…?
War das nicht „Fly me to the moon“…?
Der Reihe nach wurden riesige Scheinwerfer angeworfen, welche die groteske Szenerie in grelles Tageslicht tauchten.
> Nr. 123.<
Furchtbare Verzweiflung stieg in mir auf, als ich die mit goldenen Faden gestickte Teilnehmerzahl entzifferte, die auf meinem orangenen Overall und der Sessellehne prangte.
„Mmmmpffffff...!“, war alles, was von meinem Impuls, laut aufzuschreien, nach außen transportiert werden konnte. Zu vollgestopft mit benutzten, schweißgebadeten Tennissocken und vollgepissten Unterhosen hatten sie unsere Münder. Das Atmen war auf diese Weise unerträglich schwer, und der Kotzreiz schier unaushaltbar. Ein Projektor am unteren Ende der Tribüne begann, die Leinwand anzustrahlen. Ein Bühnenbild erschien, dessen rote Vorhänge in diesem Moment aufgingen, zur Schau gestellt darauf war nichts weiter als eine auf einem Schachbrettmuster tänzelnde, barock kostümierte Gestalt mit Hirschgeweih, die zu dem Bigband-Solo eine irre Stepptanzeinlage ablieferte. Schweißperlen tropften meine Stirn hinab. Diese völlige, den Hinterkopf aushöhlende Amnesie ließ mir keine Ruhe, ich hatte keinen blassen Schimmer, wie in drei Teufels Namen ich hierhergekommen war... die so furchterregend geschminkte Gestalt schnitt verzerrte Grimassen, machte verächtliche Gesten, und spottete dann in die Runde:
„Herzliiiiiiiiiiiiich wiiiillkommen zuuuuuuuuu: „Drei mal darfst du raten!“! Die pompöse Spielshow, bei denen unsere hochverehrten Zuschauer*innen voll auf ihre Kosten kommen! Seien Sie gespannt, auf welch aufregende Art und Weise unsere Teilnehmer heute ihren Mut und ihre Intuition beweisen dürfen! Ein dreifaches Hipp-Hipp-Hurra für unsere ausgewählten Glückspilze!“
Simultan mit einem nervenzerfetzenden „Täterätäää“ bollerte eine am Fuße der Tribüne gelegene Konfettikanone eine riesige Ladung an benutzten Erwachsenenwindeln, Fäkalien und Schlachtabfällen in die Luft, die in einer übelriechenden Wolke Organe, Gedärme und Kot auf die Teilnehmer herabregnen ließ.
„So, ihr asozialen Scheißsubjekte! Seid auch ihr gegrüßt zuuuuuuu unserer heutigen Ausgabe voooooon: „Ich seeeeeeeeeeeeeehe etwas, waaaaaaaaaaaaaaaaas du nicht siehst!“ ...die Spielregeln sind selbsterklärend.“
Ein wohl menschliches....(!?) Auge und eine vom ungesunden Lebensstil gezeichnete Fettleber angeekelt vom Schoß stoßend, blickte ich panisch hoch zu der nun viergeteilten Leinwand, auf der die gleichen vier leeren Felder zu sehen waren wie auf den nun rotbraun gesprenkelten Tabletbildschirmen: Vier Bilder erschienen. Ein Segelschiff in der tropischblauen Karibiksee, ein knallrotes Oldtimer-Feuerwehrlöschfahrzeug, ein grüner Fußballplatz, und eine typische, altenglische Londoner Telefonzelle.
„Aaaaaalso dann, los geht’s!“, warf die Stimme des so diabolisch dreinschauenden Moderators in die verängstigte Menschenmenge. „Ich sehe etwaaaaaaaas... waaaaaas duuuuu nicht siehst, und daaaaaaaaaaaaaaas ist.... rot!“
„Zehn!“
Panik brach aus.
„Neun!“
Die Leute rissen ihre Köpfe hin und her, wussten
nicht, was zu tun war.
„Acht!“
Einige starrten auf die Leinwand, dann wieder auf den Bildschirm, den sie mit angstschweißnassen Händen festkrallten.
„Sieben!“
Spätestens jetzt begannen die ersten, dem Brechreiz nachzugeben.
„Sechs!“
Tränen trieb es in ihre hervorquellenden Augen, als das Erbrochene auf halbem Weg im Hals steckenblieb.
„Fünf!“
Panisch fixierte ich das Feuerwehrauto.
„Vier!“
Dann sah ich zur Telefonzelle.
„Dreeeeeeeei!“
Mein Blick striff wieder das knallrote Feuerwehrauto.
„Zweeeeeeeei!“
Verzweifelt fiel mein Blick auf das Tablet und die 50-50- Chance, das richtige Bild zu wählen.
„Eeeeeeeeeins:“
„Null.“
Padoooooooink.
Mit einem donnernden Beben schossen die Federmechaniken, welche für gewöhnlich nur in Schleudersitzen zum Einsatz kamen, ungefähr die Hälfte der Tribüne in die Luft. Ohne Kompromisse riss es meinen rechten Sitznachbarn und meine linke Sitznachbarin senkrecht in die Lüfte, wie viele andere wurden sie mit enormer Geschwindigkeit in die Luft katapultiert, mein Herz rutschte mir in die Hose, völlig perplex sprang mir die grüne Umrandung des Leinwandquadranten mit dem Löschfahrzeug ins Auge, ich reckte meinen Kopf zu den sich mittlerweile in einigen hundert Meter hoch befindenden, und sich überschlagenden Kinosesseln. Sie waren inzwischen zu Punkten geworden, die kleiner und kleiner wurden, dann begannen die ersten, sich der Gravitation beugend, wieder an Höhe zu verlieren, und wieder größer zu werden… oh nein, diese armen Menschen, oh Gott, die werden doch gleich alle sterben!? Moment, was zum…?
Synchron öffneten sich die Fallschirme. Mein Atem stockte. Mit gerunzelter Stirn blickten ich und ein etwas älterer Greis mit der Teilnehmerzahl >Nr. 074< uns an. Was zum...?! War man imstande, das hier zu überleben? Drohte doch nicht das Schicksal, nach dieser unfreiwilligen Himmelfahrt, auf dem sandigen Wüstenboden zu zerschellen? Es begann bereits, ein Gefühl der Erleichterung in meinen Adrenalincocktail zu sichern, doch dann:
Rotorengeräusche. Keine hundert Meter weiter wurde jede Menge Sand aufgewirbelt. Unfassbar! Die Polizei war endlich hier? Aber wie kamen die denn so schnell hier in das absolute Nirgendwo?
Moment mal, das ist nicht die...; - ein silbern glänzender Privathelikopter erschien hinter einer Sanddüne, mit viel Lärm erhob er sich aus der Landschaft, und stieg empor in Richtung Nachthimmel!
Was zum Geier wird hier gespielt? Das Flugobjekt näherte sich der in der Luft hin und her schaukelnden Gruppe, die wie eine Luftlandedivision aus Fallschirmjägern durch die kalte Nacht hinabsegelten. Als der Helikopter auf ihrer Höhe angelangt war, flog er ein riskantes Manöver, und verharrte nun in der Luft, dabei das Knäuel von durch die Wolkendecke brechenden Leuten dort hoch oben flankierend: Ich meinte unscharf zu erkennen, wie auf der einen Seite des Helikopters eine Schiebetür aufging… und dann:
Rattattattattattatt! Rattattatt! Rattattattattatt!
Plötzlich bellte ein Maschinengewehr los, Leuchtspurgeschosse sausten durch die Nacht, zersiebten Fallschirme, Kinosessel und Menschen! Todesangst war unter uns im Publikum ausgebrochen!
Rattattattattattattatt! Rattattattatt! Rattattatt!
Unter den unerbittlichen MG-Salven, die durch die kalte Nachtluft bollerten, begannen die ersten Kinosessel rapide an Höhe zu verlieren. Immer weiter beschleunigten sie sich, und doch war es, als würde ich sie in Zeitlupe aufschlagen sehen, jeder dumpfe Widerhall, der durch die schneidend kalte Luft zu uns herüberdrang, war wie ein Schlag in die Magengrube, wie ein Tritt unter die Gürtellinie für den durchtrennten moralischen Leitfaden im Brustkorb, der alle Werte der Menschlichkeit in dieser Sekunde als für immer abgeschafft und begraben vor sich sah…
Rattattattattatt! Rattattattattattatt! Rattattattatt!
Schließlich schloss ich die Augen vor dem Grauen. Die Maschinengewehrsalven waren grade abgeklungen, als ein Kinosessel mit Insassen keine zehn Meter vor mir klatschend anderthalb Leute zermalmte.
„Selbsterklärende Spielregeln! Meine Damen und Herren, was für eine erste Runde!“
Der Moderator fuhr fort:
„Das Regelwerk scheinen SIE ja zumindest alle verstanden zu haben! Aber auch Sie, unsere hochverehrten Zuschauer*innen, welche grade erst zugeschaltet haben, sollten nun ausreichend im Bilde sein, wie der Hase läuft, damit ihnen auch nichts durch die Lappen geht, haha! Nach diesem kleinen Eingangstest, mit dem man die Spreu schon ein wenig vom Weizen zu trennen vermochte, auf zur nächsten Frage, wieder haben alle zehn Sekunden Zeit, ihren Tipp abzugeben!“
Meinen nun ausgehöhlten, leeren Blick von der Leinwand abwendend, hinunter zu uns Verdammten, welche hier schluchzend, würgend, heulend und strampelnd die Leinwand fixierten, fand ich mich merkwürdigerweise mit dem Tod ab. Zu weit weg und zu entfernt kam mir die Situation vor, das konnte doch nur wieder einer meiner Alpträume sein! Bitte sage mir, sonst so verabscheuter Wecker, dass dies nur so lange währte, bis Smartphone-Gedüdel mich aus diesem Alptraum reißen würde!
„Ich sehe etwas, was du nicht siehst, und das ist gelb. Ha!“
Oben links in einer Obstschale eine nett drapierte Bananenstaude. Rechts daneben war ein rotes, schimmerndes Krustentier in einem Aquarium abgebildet, darunter folgten ein gelbes Postauto und zu guter Letzt: … eine Zitrone? Na toll!
„Zehn!“
Keine Zeit mehr, den Schock zu verdauen!
„Neun!“
Verdammt! Mit drei gelben Objekten...
„Acht!“
...würde es um einiges schwieriger sein;
„Sieben!“
… für das richtige Bild zu stimmen!
„Sechs!“
Das Postauto? Gab es ein Muster?
„Fünf!“
Direkt vor mir schien sich jemand vertippt zu haben. Das Bild mit dem roten Hummer blinkte nämlich... panisch versuchte er, stattdessen das Tablet seiner Sitznachbarin an sich zu reißen.
„Vier!“
Sie hatte sich für die Bananen entschieden, und wollte sich diese 1/3-Chance, zu überleben, nicht streitig machen lassen.
„Dreeeeeeeei!“
Eine Sekunde noch sah ich dem umherwirbelnden Armen zu.
„Zweeeeeeeeiiiiiiii!“
Auf ihre Wahl vertrauend, wählte ich ebenfalls die Bananen.
„Eeeeeeeeins!“
Als der Mann das Tablet nicht zu fassen bekam, krallte er sich an ihrem Arm fest…
„Null!“
Padoooooooink!
Es kugelte ihr den Arm aus, als es noch einmal rund zwei Drittel der Tribüne in die Luft katapultierte. Auch wenn man nun drauf eingestellt war, und wusste, was passieren würde, sahen diejenigen, die das große Glück gehabt hatten, sich nicht für das Postauto oder die Zitrone entschieden zu haben, zitternd und angsterfüllt nach. Was musste wohl in deren Köpfen los sein, mit knapp 100 Km/h an dem in der Luft kreisenden Helikopter vorbei zu sausen, im Wissen, was sie erwarten würde? Dass sie im nächsten Moment in Todesangst hinabsegeln würden, bevor großkalibrige Munition sie ohne Kompromisse in Stücke reißen würde? Sie verloren wieder an Höhe. Schnell sogar. Sehr schnell sogar. Jeden Moment müssten die Fallschirme auslösen. Sie taten... sie taten es doch sicher gleich, oder...?
Oh mein Gott! Egal, ob es ein fest definiertes Kalkül war, oder ein technischer Defekt, nach diesem Raketenstart und dem anschließenden Fall wurde den hier dargebrachten Menschenopfern kein Aufschub für ihr Todesurteil gewährt. Wie in die Luft geschossene Fußbälle hatten sie in der Luft für eine Millisekunde verharrt, um sich dann der Erdanziehung zu beugen, und sich dann gen Boden zu bewegen. Nur durch pures Glück überlegte ich einen der drei Einschläge in die Zuschauertribüne: Blut spritzte meterweit, alles Hände vors Gesicht halten nützte nichts. Der ganze Rest der in dieser Runde disqualifizierten Subjekte zerklatschte auf dem Wüstenboden des näheren Umkreises.
„Meine hochverehrten Zuschauer*innen! Ich muss bei Ihnen für diese kleine Panne entschuldigen! Selbstverständlich werden sämtliche Wetteinsätze von der Diamond-Foundation-Unternehmensgruppe zurück erstattet! Wenigstens... haben sie diesmal die Leinwand heil gelassen, was? Außerdem, steigert das nicht den Hauptgewinn um satte dreißig Prozent!? Also, meine lieben Zuschauer an den Geräten und den Damen und Herren in der ViP-Lounge! Sie haben jetzt noch einmal zwanzig Sekunden Zeit, für ihren Finalisten zu stimmen. Derweil, sie hatten abgestimmt, zeigen wir nun, den geeeeeeestrigen … Kiiiiiiill oooooooooof the… Daaaaaaay!“
Hektische, von einer Go-Pro bescherte Eindrücke liefen über die Leinwand. Die gleiche Situation, auf Kinosesseln festgeschnallte arme Teufel, die Augen weit aufgerissen die Leinwand fixierend, auch die durch den geknebelten Mund nur gedämpftartikulierten Schreie waren deckungsgleich mit jenen der Leute, die ihrerseits hier auf der echten Tribüne mit aufgerissenen Augen saßen. Man sah gerade noch, wie die zitternde Hand sich für ein Bild mit einem Rhododendronbusch entschied statt für eine grüne Bowlingkugel, als der Kopf des Go-Pro-Trägers unsanft mit voller Wucht auf seinem Knie aufschlug. Kurz war das Bild schwarz, als es nach einigen Sekunden wieder extrem verpixelt zu sehen war, konnte man einen Moment lang nur heftiges Gewirbel und ein mehrmaliges Überschlagen des
