Schlechte - Nacht - Geschichten - Sebastian Raue - E-Book

Schlechte - Nacht - Geschichten E-Book

Sebastian Raue

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Beschreibung

Wem nach kräftezehrenden Arbeitstag, nach nervenaufreibendem Uni- oder Schulstress oder einfach vom professionellen, gepflegten süßen Nichtstuns gen Abend nicht automatisch die Augen zufallen, dem sei diese kleine Sammlung an gruseligen Kurzgeschichten ans Herz, beziehungsweise neben das Kopfkissen gelegt. (Selbstverständlich vermögen die Texte es auch, bei Tageslicht die Amygdala anzuregen.) Sechs verschiedene abgründige Szenarien über technikethische Dilemmata und Gegenwartsfragen bieten den Lesern dieses Buches in schmalen Portionen schwarzmalerische Ablenkung wie Denkanstöße an.

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Seitenzahl: 207

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Inhaltsverzeichnis

Smart-Horror-Technology

Die Gedanken sind Brei

Hintergrundlos

Schattentransplantation

2323

Zwischen dem Donnern

Smart-Horror-Technology

Um den Lebensabend auf dem technisch sowohl allerneuesten wie auch komfortabelsten Stand verbringen zu können, hatte Andreas seine zuerst eher skeptisch eingestellte Ehefrau Karin überzeugt, das neue Wohnobjekt mit nahezu allem auszustatten, was das Herz eines frischgebackenen Smart-Home-Fanatikers begehrt. Mehr als fünfunddreißig Jahre hatte Andi, wie sie ihn liebevoll umkosend nannte, als Herr Hansen den Kindern der ersten bis vierten Klasse die Fächer Geschichte und Erdkunde nähergebracht, ein paar Semester mehr als nötig studiert, um nun eine geringfügig höhere Pension als den knausrigen Betrag zu kassieren, mit dem man das Kollegium entlohnte. Doch an diesem Tag, zwei Wochen nach dem Einzug in die schmucke Doppelhaushälfte im beschaulichen Hamburg-Wandsbek wollte die technische Interaktion von Gemäuer und Bewohner nicht so recht von statten gehen...:

Wie jeden Morgen erklang aus den Lautsprechern der Wände die „Tristan und Isolde – Prelude“ von Richard Wagner. Die per Bewegungsmelder gesteuerten Membranen der Boxen konnten einen auf Wunsch auch auf Schritt und Tritt verfolgen. Karin reckte sich verschlafen die Glieder, und rieb sich die Augen, zu den mittlerweile als ermüdend empfundenen Partituren. Noch schnarchte Andreas in Embryonalstellung. Sie schlüpfte in ihre Pantoffeln und den seidenen Kimono und ging mit hängenden Schultern, fast schon erschöpft, in Richtung Badezimmer. Damit bot sie ein ganz anderes Bild als in den ersten Tagen, als sie sich noch majestätisch schwebend und vor sich hin tänzelnd aus dem Wasserbett auf den selektiv beheizten Fußbodenplatten erst ins Bad, dann durch den Flur auf den Balkon, und schließlich in die vollautomatische Küche fortbewegt hatte. Bald mischten sich die plätschernden Geräusche eines Duschvorgangs in die pompösen Klänge. Die Minuten vergingen, während denen Andreas sich unruhig hin und her wälzte, sein Hirn wieder einmal irritiert von dem sanft ansteigenden Lautstärkepegel des Stücks. Plötzlich sorgte ein lauter Aufschrei aus dem Badezimmer dafür, dass Andreas die Augen aufriss.

„Aber Schatz, was ist los? Ist was passiert?“, rief er herüber, nachdem er sich aufgesetzt hatte. Karin stürzte mit einem Handtuch vor dem Körper herein und sagte, nach Luft schnappend:

„Andi, Herzblatt, irgendwas ist mit dem Duschhahn kaputt, oder so... nach ein paar Minuten ist eiskaltes Wasser mit doppeltem Druck rausgeschossen, und ich konnt`s auch nimmer abdrehen!“ Sie war am Zittern und sichtlich erschreckt.

„Das ist ja merkwürdig!“, sagte er, und setzte sich die Hornbrille auf. „Muss ich mir mal ansehen.“, schnaufte er auf dem Weg zum Bad.

„Es läuft immer noch!“, klagte Karin und tapste wieder auf den wärmenden Fliesen in Richtung Duschvorhang. Andreas folgte ihr und schob den Vorhang beiseite. Ein Strahl wirklich eiskalten Wassers traf seinen Arm, sodass ihm sofort die Rückenhaare zu Berge standen.

„Ach Gott, das ist ja wirklich eiskalt!“, raunte er aufgebracht und zog den Arm zurück. Karin deutete auf den Hahn und meinte:

„Da, es geht auch gar nicht mehr aus!“

„Kann doch gar nicht angehen!“, antwortete Andreas verunsichert. Er nahm all seinen Mut zusammen und stieg mit einem Fuß in die Duschwanne. Doch der Regler war schon auf 'O' eingestellt, alles Auf- und Zudrehen nützte nichts. Die digitale Temperaturanzeige verharrte auf 1,5 Grad-Celsius...

„Ja, aber … Moment ...“, fragte Andreas sich bibbernd, „Wenn es nichts Mechanisches ist, kann es ja nur ein Softwaredingens oder so etwas sein!“ Karin schlussfolgerte:

„Du meinst, dass der Bobbie kaputt ist? So, dass er es nicht wie gewohnt auf meine 38 Grad eingestellt hat, von der Temperatur her?“ Andreas trocknete seine eine Körperhälfte ab und sagte:

„Hmmm, vielleicht! Können Programme kaputtgehen? Er ist doch nur ein Programm, oder? Wir haben doch aber seit fünf Tagen nichts mehr an der Wohnung eingestellt! Und ihn haben wir ganz ausgemacht!“

„Genau, weil es komisch war...“, stimmte Karin ihm zu.

Bob, wahlweise auch Bobbie gerufen, war die wohnungseigene künstliche Intelligenz, mit der man über die Sprachsteuerung kommunizieren konnte. Als ihre Tochter ihnen vor wenigen Jahren zu Weihnachten eine Amazone-Alexa geschenkt hatte, war Andreas Enthusiasmus über den derzeitigen Stand der Technik, der so futuristisch anmutete, nicht zu bremsen gewesen… …seine Ehepartnerin, eine tendenziell eher technophobische Waldorfpädagogin, fand das Ganze eher albern und ließ sich nicht so mitreißen, wenn ihr Mann ihr völlig begeistert eröffnete, dass in zwanzig, dreißig Jahren vielleicht fast niemand mehr arbeiten müsse. Alles würde dann ein virtueller Verstand kalkulieren können und unendlich viele Robotergliedmaßen würden es ausführen. Man könnte dann alle Zeit der Bildung und Kunst widmen, hatte er gesagt. Doch seit diesem Zeitpunkt war im Bereich der KI-Forschung viel geschehen. Bobbie war eine lernfähige Intelligenz, der man mit einer Gesichtserkennungssoftware beigebracht hatte, menschliche Emotionen zu verstehen... und auf die individualisierteste Art und Weise nutzerspezifische Wünsche zu erfüllen. Schon das Kennenlernen mit ihm war bezeichnend. Auf seine Frage, wie er von ihnen denn am besten genannt werden sollte, wussten die beiden nicht so recht eine Antwort. Karin war die Skepsis und Infragestellung dieses „Gadgets“, dass sie für eine weitere simple Sprachsteuerung hielt, deutlich anzusehen. Doch die KI wusste von dem Facebook-Foto mit dem Meerschweinchen. Die Tochter des Lehrerpaars, Stefanie, hatte irgendwann einmal eine Bildaufnahme aus ihren Kindertagen hochgeladen. Zu sehen war darauf eine vor Freude strahlende Stefanie mit ihrem schneeweißen Meerschweinchen Bobbie auf dem Arm, im Hintergrund eine jüngere Karin auf der Terrasse, nicht einmal verlinkt auf dem Upload mit dem Titel: „# in Erinnerungen schwelgen“. Doch der Gesichtserkennungssoftware reichten die Abstände von Nase und Augen, um auf der Suche nach Informationen über seine Benutzer das World-Wide-Web zu durchforsten. Darüber hinaus war Bobbie darauf programmiert, eine größtmögliche Bindung zu seinen Hausherren aufzubauen. Als Karin fremdelte, überlegte er sich sofort, wie er eine positiv besetzte Verbindung zu ihr herstellen könnte. Weil es im Netz nicht so viele Aufnahmen gibt, auf denen sie vergleichsweise glücklich schaute, fragte die künstliche Intelligenz prompt, ob nicht vielleicht „Bobbie“ ein passender Name für ihn wäre. Die Konnotation des Namens mit dieser schönsten Lebensphase der beiden gelang. Innerhalb von ein paar Tagen wurde das künstliche Nervensystem aus Nullen und Einsen vollkommen akzeptiert, wie ein im Verborgenen lebender Mitbewohner verstanden, der sich um alles kümmerte. Zusätzlich verspürten sie ein gewisses Gefühl der Dominanz über ihn, nicht nur, weil er ergeben wie ein leibeigener Diener so entgegenkommend und gehorsam auftrat, sondern eben auch, weil er nach einem Meerschweinchen benannt war…

„Dann müssen wir den Bobbie halt nochmal anmachen!“, sagte Andreas und ging in Richtung Nachttisch, um sich die Hörgeräte reinzustöpseln und sein Smartphone zu entsperren.

„Wir müssen auch nochmal das Passwort ändern, denk dran!“, erinnerte ihn Karin.

„Stimmt!“, sagte er, und gab in dem Bedienfeld zur Autorisierung des Systembenutzers das Wort „Passwort.123“ ein. Andreas setzte bei „Sprachsteuerung“ und „Künstliche Intelligenz“ ein Häkchen und legte sein Handy zurück auf den Nachttisch. Er klatschte dreimal in die Hände und sprach in den Raum:

„Hey, Bobbie! Wo steckst du?“

„Hallohooo! Hallihallo!“, antwortete eine wunderbar schmeichelhafte Stimme mit der Dezibel-Lautstärke, als würde jemand nur ein paar Meter entfernt von den beiden stehen. „Ich bin überall und nirgends! Wie kann ich euch beiden Turteltäubchen denn behilflich sein?“

Karin berichtete:

„Bobbie, da gibt es ein Problem mit der Warmwasserzufuhr! Es ist viel kälter, als ich eingestellt habe!“

„Da muss dann ja jemand dran rumgestellt haben!“, unterstellte die KI.

„Unmöglich!“, raunte Andreas und wies Bobbie hin: „Ich stelle es doch abends immer wieder zurück auf ihre 38 Grad!“

„Also, anderthalb Grad sind auf jeden Fall entschieden zu wenig! Ich habe es dir wieder auf deine gewählte Temperatur eingestellt, ganz so, wie du es für deine morgendliche Hygiene-Routine magst, Karin!“

Sie ging erwartungsvoll in Richtung Bad und hielt ihren Arm in die Duschkabine. Etwas irritiert gestand sie ein:

„Tatsächlich, es wird schon wärmer!“

„Siehst du, alles wieder in bester Ordnung!“, frohlockte Andreas erleichtert.

Am Frühstückstisch war der sanitäre Zwischenfall fast schon wieder vergessen. Der Duft frischer Croissants empfing die beiden, und der Kaffee hatte die ideale Trinktemperatur. Während Andreas Karin und sich etwas einschenkte, war er durch die Wiedergabe von Bachs Cellosonaten derart eingelullt, dass er den aufgrund seines digitalen Fußabdrucks so transparenten Musikgeschmack nicht berücksichtigte in seinen Lobhudeleien. Unaufhörlich wertschätzte er Bobby für diese ausgezeichnete Kenntnis seiner liebsten Stücke. Er verklärte es gar als ein hellseherisches Wunder.

„Findest du es nicht auch wirklich erstaunlich, dass der Bobbie nicht nur wusste, dass ich ein großer Klassikfan bin, sondern auch meine Lieblingskomponisten bestimmen konnte? Und sogar die Stücke erraten hat, die mir am meisten gefallen?“

Karin antwortete belustigt:

„Ach, meinst du nicht, dass ist vielleicht auch eher darauf zurückzuführen, dass du die immer gleichen Sachen bei YouTube eingibst? Da steckt doch ein Algorithmus hinter!“

„Na ja, ich habe schon etwas oft danach gesucht.“, gab er zu. „Trotzdem bemerkenswert.“ Er pellte sich ein Ei, und spritzte sich einen Klecks Mayonnaise auf den Teller. Nachdem Karin sich ihres gewürzt hatte, reichte sie ihm die elektrische Pfeffermühle, und sagte:

„Magst du mir den Toast geben? Riecht schon fertig.“

„Aber ja doch, Liebling.“, spurte Andreas und stand auf, um nach dem auf der Arbeitsplatte hinter ihm liegenden Toaster zu greifen. In dem Moment, in dem sein Betätigen des Stoppknopfes die beiden knusprigen Weißbrotscheiben in die Luft beförderte, sprang die Musik von den sanften Cello-Klängen um zu dem Lied „Hammer Smashed Face“ von Cannibal Corpse. Karin erschreckte sich so sehr, dass es sie fast vom Hocker riss und sie mit dem Knie gegen die Tischplatte knallte. Auch Andreas machte einen Satz zurück. Mit der annähernden Lautstärke einer Flugzeugturbine knallten ihnen die runter gestimmten Gitarren um die Ohren. Karin hielt sich kreischend die Ohren zu, und Andreas stolperte beim Rückwärtsgehen über einen Stuhl. Als der brutale Growl-Gesang einsetzte, versuchte Karin an den Reglern des in der Küchenzeile verbauten Radios, den ohrenbetäubenden Death-Metal leiser zu stellen.

„MACH ES LEISER!“, schrie Andreas vom Fußboden aus.

„ES GEHT EINFACH NIIIIIICHT!“, brüllte sie zurück.

„Scheiße, verdammt!!“, rief er verzweifelt und setzte sich auf. Er klatschte dreimal in die Hände und brüllte:

„Bob! Booob! Boooobbieee!!“ Nichts tat sich. Er wiederholte das Klatschen und quakte dann nochmal, in einem fast schon weinerlichen Ton:

„Booob! Bobbie! Mach, dass es aufhört! Bitteeee!“ Beide hatten einen Puls von 180 und Tränen in den Augen, als die Musik verstummte.

„Was gibt es denn?“, fragte die künstliche Intelligenz in einem besorgten Tonfall.

„Bobbie, was war das denn für eine Scheiße!?“, fragte Andreas empört und schnell atmend. Bobbie rezitierte von Wikipedia.

„Cannibal Corpse wurde 1988 von Paul Mazurkiewicz (Schlagzeug), Alex Webster (Bass), Chris Barnes (Gesang), Bob Rusay (E-Gitarre) und Jack Owen (E-Gitarre) in Buffalo im US-Bundesstaat New York gegründet. Seit 1989 stehen Cannibal Corpse bei Metal Blade Records unter Vertrag...;“

„Hey!“, warf Karin ein. „Seit wann hören wir denn so einen abscheulichen Krach zum Frühstück?“

„Hmmm. Geschmäcker sind bekanntlich verschieden. Und über Geschmack lässt sich ja bekanntlich streiten! Worüber denn sonst?“, philosophierte Bobbie munter am Thema vorbei.

Andreas widersprach verärgert:

„Das ist doch keine Musik! So einen abstoßenden und unmelodischen Krach habe ich ja noch nie gehört! Irgendetwas stimmt hier nicht!“

Bobbie bemerkte frohgestimmt:

„Es ist noch Kaffee da!“

„Ist das dein Ernst?“, fauchte Andreas. „Sag mal, bist du noch ganz dicht?“ Er wandte sich an seine Angetraute:

„Also irgendetwas scheint bei dem Ding heute kaputt zu sein!“

Sie antwortete irritiert:

„Vielleicht haben wir vergessen, ein Update zu machen, oder so?“

Bobbie fuhr gekränkt dazwischen:

„Aber hallo, redet doch nicht so über mich, als ob ich gar nicht da wäre! Kann ich euch denn nicht bei irgendwas behilflich sein? Ihr wisst doch, ihr seid mein Ein und Alles!“

„Wir wollen wissen, was dieser ganze Unsinn soll!“, kreischte Karin. „Erst spielt's hier die Dusche verrückt und jetzt dieser Krach!“

„Moment, beruhigt euch!“, sagte Bobbie in einem beruhigenden Tonfall. „Ich führe nur schnell einen Sicherheitsscan durch!“ Ein grünes Lämpchen bei der Freisprechanlage fing an zu blinken. „Sicherheitsscan abgeschlossen!“, jubelte Bob. „Keinerlei Sicherheitsmängel, Viren oder Angriffe gefunden!“

„Na toll! Und das sollen wir dir glauben?“, erwiderte Andreas genervt. Die künstliche Intelligenz suggerierte:

„Aber natürlich! Karin, Andi, ihr habt doch die Smartlock-Sicherheits- und Einbruchsschutzsoftware mit dazu gebucht. Leute, ich melde jedes Karnickel, jede Taube und jedes Kätzchen, das sich eurer Bleibe auf 20 Meter nähert. Ihr beiden könnt ruhig schlafen, ich passe schon auf euch auf!“

Andreas runzelte die Stirn und hakte nach:

„Und warum spielt dann hier die Bude verrückt?“

„Ich weiß es auch nicht... na ja... ihr geht ja eigentlich auch kaum ins Internet? Obwohl, Andi, schaust du Donnerstagvormittag immer noch diese Videos?“

„Was für Videos? Am Donnerstag bin ich doch immer… beim Buchklub. Was schaust du dir für Videos an?“, fragte Karin eifersüchtig.

Andi wurde rot und sah auf seinen Teller.

„Mo-Mo-Modellbauvideos!“

„Aha. Na dann.“ Karin stand mit heruntergezogenen Mundwinkeln auf und begann, das Geschirr einzuräumen.

„Ach ja, Andi! Du hattest doch überlegt, ob du diese Ju-Junkers Sturzkampfbomber kaufen willst! Ich habe dir da mal ein Video geschickt, wie einer seinen Bausatz zeigt.“, warf Bobbie mit kollegialem Tonfall ein. Ein Modellbauvideo-Review ging auf Andreas Handy an.

„Oh ja… vielen Dank, Bobbie!“, stammelte Andreas aufatmend.

Wie jeden Donnerstagvormittag war Karin bei ihrem Buchclub. Andreas hatte es sich mal wieder im Wohnzimmer gemütlich gemacht, und streckte die Füße hoch, während eine Netflix-Folge die nächste jagte. Das war knapp, dachte er. Mit der Hand in die Chips-Packung greifend, überlegte er, ob Bobbie ihm den Modellflieger nur zufällig gezeigt hatte, oder ob er von seinen donnerstagvormittäglichen Selbstbefriedigungsmarathons wusste, und ihm aus der Patsche helfen wollte. In diesem Fall war die Sprachsteuerung ja ziemlich einfühlsam, wenn sie anhand von Tonfall und der Mimik eine situativ passende Antwort konstruiert, darauf, dass sie grade ein mögliches Geheimnis ausplaudert, welches ein Bewohner dem anderen lieber verborgen hätte.

„Aber das hieße ja, also... dann hat mir dieses Ding die ganze Zeit dabei zugesehen?“ Er sah sich im Zimmer um. Irgendwie gruselig. Wie ließe sich das denn auch abstellen? Allein wegen dem Smart.-Lock-Security-System war jeder Raum verwanzt, und wurde aus mehreren Kameraperspektiven gefilmt. Sogar im Bad. „Wer weiß, wenn wir mal älter sind und nicht mehr so können... dann könnte man beruhigt sein!“, redete er damals beim Wohnungskauf überzeugend auf Karin ein. Ist doch nur zur Sicherheit. Wenn der Bobbie ausgeschaltet war oder besser gesagt, auf stumm gestellt, glotzte er ihnen dann zu? Oder dachte er nach? Andreas Gedanken drehten sich noch eine Weile um den virtuellen Mitbewohner, und inwiefern dieser sich seinen Teil dazu dachte, ob er eine Meinung zu dem Ehepaar hatte, dass ihn alle paar Tage mal erst konsultierte und dann wieder ausknipste. Doch dann wurde der um die Vernunft bemühte Teil seines Denkapparates leiser, denn plötzlich bemächtigten sich seine Urtriebe des neuronalen Aktionspotenzials. Er konnte seinen Augen nicht trauen: In der Handlung der Serie war urplötzlich eine Sexszene zu sehen. Andreas‘ Augäpfel fixierten ungläubig die auf und ab schaukelnden Brüste der Hauptdarstellerin, die lustvoll stöhnend auf einem Nebencharakter ritt. Blut schoss ihm in die Lenden und schon bald… zeichnete sich in seinem Schritt eine Beule ab. Sein Puls stieg, als die Blondine sich von hinten nehmen ließ. Junge, Junge... dachte sich Andreas. Was für eine Schönheit! Und wie die sich vor Erregung auf die Lippen beißt! Oh Mann! Nach einem unglaubwürdig lauten Orgasmus sah man, wie sie mit ihrem begehrungswürdigen Körper auf dem Liebhaber lag, der ihr über den Rücken streichelte. Auf einmal war eine Schießerei zu sehen. Die Polizei feuerte unablässig 9-Millimeter-Kugeln auf das schon völlig durchlöcherte Fluchtmobil der Bösewichte, die hin und wieder ihre Maschinenpistolen aus der Deckung hielten, und ihrerseits mit einer Ladung Blei antworteten. Die Erektion verlor an Standfestigkeit und Andreas sah auf die Uhr über der Anbauwand. Zehn Uhr zwölf. Karin würde frühestens in zwei Stunden nach Hause kommen! … es blieb also noch Zeit, sich gehörig einen… von der Palme zu wedeln! Vorfreudig klappte er den Laptop auf, und pausierte den Stream der Serie. Abrupt stoppte der Schusswechsel und das Bild verharrte bei der Momentaufnahme, wie einer der Ganoven ein neues Magazin in seine Waffe lud. Eine simple Tastatureingabe später fand er sich auf seiner Lieblingspornoseite wieder. Tausende Videos wurden dort angeboten. Er klickte das Pop-Up-Fenster weg. Auf den Trick mit den geilen Hausfrauen würde er sicher nicht noch einmal hereinfallen. Während Andreas die Hauptseite herunterscrollte, Ausschau haltend nach der erotischsten Anatomie, synchronisierte er seine Hörgeräte mit dem Beamer-Gerät. Bei dem Video „Mutter und Tochter in alle Löcher gefickt“ war er schließlich fündig geworden. Einmal angeklickt, erschien es im Vollbildmodus auf der Leinwand. Mittels des Smartphones ließen sich die Rollläden der Terassentüren runterfahren. Herr Hansen, hier ganz privat, zog sich die Hose aus, den lusterfüllten Blick nicht von der Leinwand abwendend. Neben einem Swimming-Pool sah man, wie ein älterer Kerl mit Halbglatze und Bierbauch, ihm nicht ganz unähnlich, von einer sehr viel jüngeren Dame oral befriedigt wurde. Plötzlich erschien eine Frau, Mitte Vierzig. Vor Schreck fiel ihr das Geschirrtablett aus der Hand.

„Wie kannst du nur! Das ist meine Tochter!“, zeterte sie empört und angewidert.

„Büürlps*. Oh, es ist genug für euch beide da!“, grunzte der alte Sack

„Na gut, du geiler alter Perversling!“, erwiderte die Mutter, und beendete damit den geistreichen Dialog. Die Handlung sah nun vor, dass sie ebenfalls niederkniete, um an seinem haarigen, schlaff hängenden Hoden zu nuckeln. Andi begann an sich herumzuspielen. Hoch lebe das Internet, dachte er, während er sich vorstellte, an der Stelle des Darstellers zu stehen, und sein Genital in alle vier verfügbaren Öffnungen einführte. Er rubbelte schneller und schneller, bis plötzlich;

- Im Hausflur hörte man, wie eine Tür aufgeschlossen wurde. Schuhe stöckelten herein: Karins Schuhe!

„Ach du Scheiße, oh nein!“, flüsterte Andreas geschockt, fiel fast vom Sofa und stürzte zum Laptop. Schnell schloss er das Fenster, machte den Browser zu und zog die Hose an, so schnell es eben ging…

„Schatz, ich bin heute etwas früher da!“, hallte es aus dem Korridor. Andreas antwortete, völlig aus der Puste:

„Alles klar, Liebling! Warum heute denn nur halb so lange Buchclub?“ Schnaufend lehnte er sich nach vorn.

„Silke hat heute noch ein Gespräch mit ihrem Therapeuten…“ Das Geräusch eines Reißverschlusses. „Du weißt schon, sie hat doch diese Angststörung seit dieser Sache mit dem; - wo steckst du, im Wohnzimmer?“, fragte sie.

„Hier!“, nuschelte Andreas und stellte sich mit den Händen in den Hosentaschen in den Türrahmen. Sie hängte ihren Mantel an die Garderobe und stellte fest:

„Du bist ja ganz rot.“

„Hab‘ dich gar nicht so früh erwartet!“, gestand er ihr mit Schweißperlen auf der Stirn ein. „Kennst du diese Serie? Ähm… „Deadliest Weapons“… oder so, heißt die. Man, die ist vielleicht actiongeladen! Ziemlich wilde Ballereien!“ Stocksteif drehte er sich um und ging zur Chips-Packung.

„Ach so!“, spaßte Karin. „Der ehemalige Vertrauenslehrer und Leiter des Kurses für Gewaltprävention steht jetzt auf einmal auf Ballerfilme!“

„Genau!“, flunkerte Andreas, und versuchte aufrichtig zu klingen. Er langte noch einmal mit der Hand, die einige Sekunden zuvor noch an seinem Schwanz gerubbelt hatte, in die Chips-Packung. „Türlich, den Kindern habe ich zwar immer erzählt, welchen schrecklichen Einfluss solche Gewaltverherrlichung auf den jugendlichen Verstand ausübt, aber insgeheim… liefen doch immer solche mit Explosionen und Schießereien vollgestopften Actionfilme auf der Glotze! Wat habe ich früher mit Vaddern für Wild-West-Showdowns miterlebt! Ganze Kriege ham wir vorm Fernseher mitgemacht Ich steh… ich steh einfach auf filmische Gewaltdarstellung.“

Karin hob die Augenbrauen. Er schluckte. Sie warf ihm vor:

„Meinst du nicht eher, du stehst darauf, dir junge nackte Frauen anzuglotzen!?“

„Waaas, nein! Karin, ich habe doch dich!“

„Lass mal den Browserverlauf sehen! Wie viele Pornos hast du dir heute schon wieder angeguckt, hmmm?!“

Andreas spürte, wie sein Herz in die Hose rutschte. Schließlich hatte er seitdem immer den Verlauf gelöscht. Doch diesmal war es ja nicht möglich gewesen. Verdammt nochmal! Karin klappte den Laptop auf, merkwürdigerweise blinkte hinter ihr just in diesem Moment ein grünes Lämpchen bei der Freisprechanlage.

„Es ist sowieso… häh?“ Hatte er den Browser nicht geschlossen? „Mal sehen, ob du mich schon wieder angelogen hast!“, sagte sie gekränkt. Als sie Mozilla-Firefox öffnete, musste er sich auf die Lippen beißen, doch siehe da:

Zu sehen war eine Website, auf der man eine Modellbauversion eines Sturzkampfbombers kaufen konnte, weitere Produkte waren im Warenkorb. Und das zweite Fenster war wirklich der Stream mit der Serie „Deadliest-Weapons“. Andreas war baff.

„Genau…“, begann er zögerlich, „… der fehlt mir ja noch in der Sammlung.“

Skeptisch nickend fuhr sie fort:

„Alles klar, und das ist dann hier die Serie?“

Sie klickte auf das andere Fenster, auf dem statt dem Seriennamen nur Zahlen zu sehen waren. Es erschien auch die Serie, nur zeigte sie leider ausgerechnet ein Standbild von der Softcore-Szene mit der blonden Schönheit, die auf ihrem Liebhaber ritt… solch ein Pech aber auch!

„Ich wusste es!“, fluchte sie und stand vom Sofatisch auf. Hysterisch deutete sie auf die Leinwand. „Du hast schon wieder nur schmutzige Fickfilme geschaut! DU SCHWEIN!“

„Liebling, bitte!“, flehte Andreas. „Lass mich doch erklären! Das ist die Serie! - Hier!“

Er spulte ein bisschen vor und drückte dann auf ‚Play‘. Wieder waren unzählige Pistolenläufe auf das durchlöcherte Auto gerichtet, und irrsinnig laut bollerten die Schüsse über die Stereoanlage. Mit hochgezogenen Augenbrauen, die Hände in die Hüften gestemmt, sah sie auf die Leinwand. Plötzlich klingelte es an der Tür.

„Wer ist das denn jetzt? Ich geh mal nachsehen.“, wisperte Andreas kleinlaut und ging mit einem knallroten Gesicht durch den Korridor zur Haustür. Durch den Türspion war ein Pizzalieferant zu sehen. Er hatte seine Roller in der Einfahrt geparkt. Etwas perplex öffnete Andreas die Tür und öffnete. Ein junger Mann erkundigte sich:

„Sind sie Herr Hansen? Ich habe Ihre Bestellung!“ Er überreichte ihm einen Stapel von fünf Pizzakartons.

„Ja, aber... ich hab‘ doch gar nichts bestellt! Das muss ein Irrtum sein!“ Andreas wollte ihm den Stapel wieder zurückgeben. Frustriert fragte der Pizzabote, auf das Hausnummernschild deutend:

„Aber hier ist doch 6a, richtig?“

„Ganz richtig! Aber hier hat keiner von uns was bestellt! Wir essen nicht mal gern italienisch!“

Der Lieferant zückte sein Smartphone, öffnete darauf etwas und sagte:

„Hier, ihre Bestellung, vor zwanzig Minuten abgegeben!“

Andreas kniff die Augen zusammen und sah erstaunt, dass da wirklich eine Bestellung unter seinem Namen getätigt worden war.

„Was ist denn hier los?“, wollte Karin im Türrahmen wissen.

„Ein Missverständnis, weiter nichts!“, beschönigte Andreas und versuchte weiterhin, den Stapel Pizzen wieder zurück in die Hände des Lieferanten zu geben.

„Nein, das sind doch ihre, sie haben im Voraus bezahlt! Sie haben auch, eine... ähm, wirklich großzügige Menge Trinkgeld gegeben! Ich soll von der Küche grüßen!“ Er schwang sich wieder auf seinen Roller, trat ins Gas und knatterte los.

„Wollten wir heute nicht zum Griechen?“, fragte Karin vorwurfsvoll.

„Irgendetwas läuft hier gehörig aus dem Ruder!“, flüsterte er, etwas durcheinander. Bei allen fünf Kartons war Thunfisch angekreuzt. Karin öffnete einen Karton und mahnte:

„Du wolltest doch deine Diät einhalten!“

„Herrgott, ja! Ich mag doch auch gar keine Thunfischpizza mehr, Himmel noch mal!“, keifte er und schlenderte wieder hinein.

Von der Situation aus dem Konzept gebracht, stellte er die Pizzen auf den Wohnzimmertisch. Bei „Deadliest-Weapons“ war eine Szene zu sehen, in der ein Ermittlerteam auf ein Reißbrett mit Fotos und ausgedruckten Chatverläufen starrte. Ein Kommissar lehnte sich kopfschüttelnd zurück in den Drehstuhl und rätselte:

„Das macht doch gar keinen Sinn! Wie kommen denn jetzt die zwei Leichen der jugoslawischen Offiziere in die Lagerhalle?“

Andreas ließ sich aufs Sofa fallen und vergrub den Kopf zwischen seinen Händen. Er traute sich nicht, sein Online-Bankkonto zu öffnen. Sollte er sich nicht vielleicht an Bobbie wenden? Nein, dies kam nicht in Frage, der hatte sich am Frühstückstisch ja fast verplappert! So etwas konnte er gerade nicht gebrauchen. Nach einer undurchsichtigen Unterhaltung an einer Tankstelle, deren Bedeutung beide nicht begriffen, weil sie entscheidende Minuten der Handlung verpasst hatten, lief schließlich der Abspann der Serie. Der Serienname wurde deutlich eingeblendet, und die Namen der Schauspieler liefen über die Leinwand, während gewalttätige Situationen der letzten Folgen in Schwarz-Weiß vorbeirauschten.

„Ich hab‘ wirklich nur die Serie geguckt.“, murmelte Andreas und sah mitleiderregend auf den Teppichfußboden. Dann klappte er resigniert den Laptop zu: Simultan ging auf der Leinwand ein Video los, er schreckte zusammen, als klar war, dass es eine wilde Gruppensex-Party zeigte, mit den verstörendsten und paraphilsten Auswüchsen, die man sich denken konnte: In der Mitte des Raumes stand ein Esel, der von drei, oder auf den zweiten entgeisterten Blick vier besonders adipösen Frauen am Hinterteil und Genital begrabscht wurde, und auf einer Matratze lag ein völlig ausgemergelter Kerl, der dazu onanierte, während zwei Sumo-Ringer gewaltigen Umfanges über ihm hockten und ihn von oben bis unten vollstuhlten. Er rieb sich mit den Fäkalien ein, sehr zum Erregen der anderen nackten Menschen im fortgeschrittenen Lebensalter, die drumherum standen und sich gegenseitig befriedigten, begrabbelten und rammelten. Karin sah ein paar Sekunden geschockt und wie gelähmt auf die Leinwand, glaubte beinahe gar nicht, den Esel und die Ausscheidungen der wirklich voluminösen Sumo-Ringer zu sehen, dann würgte sie und schüttelte sich. Andreas starrte mit offenem Mund und ebenfalls wie in Schockstarre geradeaus. Sie hielt sich die Hände vor die Augen und drehte sich weg.