Drei Popsongs - Reinhold Urmetzer - E-Book

Drei Popsongs E-Book

Reinhold Urmetzer

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Beschreibung

Reinhold Urmetzers dekonstruktive Analyse zweier Popsongs ist von einem Fachmann geschrieben, der die Kultur unserer Zeit, auch die Popkultur, genau kennt. Als Journalist und Musikkritiker hat er zahlreiche Gruppen und Strömungen begleitet. Als Künstler und Philosoph hat er sich mit dem postmodernen Denken unserer französischen Nachbarn auseinandergesetzt sowie Publikationen und Interviews dazu veröffentlicht. Sein in mancher Hinsicht überraschender und auch fordernder Text über zwei Lieder von Enrique Iglesias sowie Robbie Williams bespricht ein Hauptthema unserer Zeit: die Beziehung der Geschlechter zueinander, ihr Auseinanderdriften oder auch Sich-neu-finden-Müssen vor dem Hintergrund einer rapide sich wandelnden Epoche.

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Seitenzahl: 106

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Reinhold Urmetzer

Drei Popsongs

über die Begegnung der Geschlechter

edition weissenburg 2013

Impressum

Copyright © 2013 edition weissenburg

Erste Auflage 2012

Layout: Alexei Chibakov

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8495-0375-8

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhalt

Vorwort

1 Einführung

2 Enrique Iglesias: „Ring my bell, ring my bells”

3 Exkurs: Schopenhauers Musikphilosophie

4 Robbie Williams: „Feel“

5 Über die Begegnung der Geschlechter

6 Anhang: Die Stahlstadt

Nachweise

Vorwort

Ich habe lange darüber nachdenken müssen, welche Art von Bild oder Illustration für die vorliegende Publikation geeignet wäre. Da es um ein populäres Thema, auch um populäre Musik geht, habe ich mich für einen Cowboy aus meiner „Eddie und May“ -Zeichengeschichte entschieden1. Diese Serie habe ich zusammen mit dem Maler Istvan Demeter nach dem „Fool for love“-Theaterstück von Sam Shepard und nach der Verfilmung des gleichnamigen Stückes durch Robert Altman mit Sam Shepard in der Hauptrolle gezeichnet. Zu jeder der 14 großformatigen Acryl-Malereien gibt es 14 Texttafeln in gleicher Größe, die das jeweils dazu gehörende Bild interpretieren. In unserem Fall war folgender Text beigefügt:

„Eddie ist Cowboy wie du und ich. Fragend blickt er in die Zukunft. Was mag uns das nächste Jahrtausend bringen? Wahrscheinlich nichts Gutes. Eddie trägt einen blauen, breitrandigen Hut, ein dunkelgraues Hemd und darüber eine nicht sehr verwaschene Jeansjacke, die er meist offen lässt. Eddie ist nicht unsympathisch“.

Soweit dieser Text, der vielleicht auch leitmotivisch über den nachfolgenden Untersuchungen stehen mag.

Doch dieses Cover ist nicht ausgewählt worden. Stattdessen hat sich der Verlag wieder für Stil und Form meiner Abhandlung „Über die Sinnfrage“ entschieden, um auf den Folgecharakter dieser Buchreihe hinzuweisen. Dass also, so Gott will, noch einige andere Nachfolgebände erscheinen werden in gleicher Aufmachung, die sich alle mit philosophischen Fragen der Gegenwart jenseits einer fachspezifischen Hermetik beschäftigen werden: wie ein Leben ist, wie es sein könnte oder sein sollte, jetzt, am Ende einer Zeit.

Ein zweiter Punkt ist mir wichtig.

Im Buch geht es – mit stilistisch vielfältigen Brüchen, Ironien und anderen rhetorischen Tricks, welche die sogenannte Rationalität eines diskursiven Textes infrage zu stellen versuchen – um die oft vergebliche Begegnung der Geschlechter. Die Begegnung von Mann zu Mann am Beispiel von Enrique Iglesias scheitert immer noch häufig am schlechten Gewissen, am Unklaren, Ungewissen, ob der homosexuelle Kontakt geeignet sein kann für eine tiefere Bindung oder eher nicht.

Aber auch die Beziehung von Mann zu Frau am Beispiel von Robbie Williams wird heutzutage immer schwieriger. Die Frauen lösen sich von ihrer Rolle als passive, unterlegen-unterwürfige Lebensbegleiterinnen des Mannes. Die Rollen werden sogar unter Einsatz aller feministischen Kräfte umgekehrt. Jetzt wird der Mann zuweilen der passive, unterlegen-unterwürfige Samenspender für einen Augenblick, und das war’s dann auch schon.

Eine solche Begegnung scheitert an der Angst des Mannes vor der starken Frau. Nun könnte er sich doch in die Arme eines anderen Mannes werfen. Aber auch dies misslingt – siehe oben.

Was tun? – Ich weiß es nicht.

Ich denke, dass im Rahmen eines Epochenwechsels, der wieder wie früher von den Kommunikationsapparaten eingeleitet wird und der vergleichbar dem Buchdruck der Reformationszeit unmittelbar bevorsteht (das heißt es werden noch etliche Jahrzehnte vergehen müssen), dass dieses Thema und Problem weiterhin eine Rolle spielen wird.

Die Zeit der romantischen Liebe und Verliebung als Grundstein von Familie und Familienplanung ist jedoch m.E. erst einmal vorbei. Auch die Familienplanung wird durchrationalisiert werden. Das heißt technische bis technokratische Hilfsmittel werden ihren Einsatz finden sei es bei der Zeugung, dem Aufwachsen der Kinder, der Begegnung der Geschlechter etc.

Ob dann überhaupt noch von eindeutigen „Geschlechtern“ die Rede sein kann, wage ich zu bezweifeln. Es werden Zwitterwesen entstehen, die sich unter- und miteinander vergnügen und jenseits von Gut und Böse versuchen werden, ihr neues Reich von Wohlfahrt und Glück aufzubauen.

Mein fünfzehnjähriger Sohn wird wohl noch nicht dazugehören. Aber die Welt von Aristipps Hedonismus, die übrig bleibt, wenn die Ideen Platons am Himmel nicht mehr leuchten und gesehen werden können, er- und durchlebt dieser junge Mann mittlerweile wie wir auch. Nur freier, intensiver und von nicht so vielen Vorbehalten oder Skrupeln eingeschränkt, die wir älteren Jahrgänge noch erleben oder auch erleiden mussten.

Stuttgart, im Herbst 2012

1 Einführung

Ich muss mich bei Ihnen entschuldigen. Das Programmheft verspricht als Titel meines Vortrages heute Abend „Drei Popsongs“, die ich mir vornehmen möchte und die ich in einer für Sie manchmal überraschenden oder auch unkonventionellen Art zu interpretieren, das heißt auch Ihnen näher zu bringen versuchen werde2.

Nun habe ich mich aus Gründen, die ich Ihnen vieleicht später noch genauer darlegen werde, nur auf zwei Popsongs beschränkt. Das dritte von Nick Cave interpretierte Lied mit dem Titel „The Ship Song“, in dem es ebenfalls um die Begegnung von Mann und Frau geht, werde ich vielleicht später und an anderer Stelle noch nachliefern.

Eine zweite Vorbemerkung gestatten Sie mir bitte noch. Es geht um die Methode meines Vorgehens, die im Laufe von Zeit und Jahren immer wieder Anlass zu Missverständnis, ja sogar zu Unmut oder auch Aggression gegeben hat3.

Ich will mich nicht verteidigen müssen. Ich sehe es auch nicht als meine Aufgabe an, Ihnen mein Vorgehen, meine Vorgehensweise verständlich zu machen, selbst wenn mir Verstehen und Verständigung so überaus wichtig sind in dieser unserer Zeit, wo Nicht-Verstehen, Mehrdeutigkeit und Dissens übermächtig fast unser tägliches Leben bestimmen. Ich kann Ihnen an dieser Stelle nur versichern – und ich bitte Sie mir zu glauben –, dass mein Vorgehen tatsächlich mit Sinn und Zweck und Ziel arbeitet, auch wenn ich gelegentlich diese drei Begriffe in Frage zu stellen versuche, und dass ich mich weder zu einem dadaistischen Sprachvirtuosen im Sinne einer „Dadasophie“ noch zu einem nur die Gestalt von Sprache und Form beachtenden Schriftsteller im Sinne eines Maurice Blanchot wandeln möchte.

Manches heute Abend in diesem schönen Gebäude mag Sie tatsächlich – Ihr Hören, Ihr Verstehen, Ihr Wissen, Ihre Erwartungshaltung – dann und wann provozieren und zum Widerspruch reizen. Provozieren ist dabei aber immer nur als eine nützliche Herausforderung gedacht, welche auch Lachen, Schmunzeln, Freude und Ironie ins Spiel bringen kann. Und Lachen, Schmunzeln, Freude und Ironie, ganz zu schweigen von Reizwörtern der sexuellen Art, gehören nun einmal mit dazu, wie ich glaube.

Ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen und zu erhalten sollte zwar nicht zum reinen Selbstzweck werden. Denn ich möchte nicht zuletzt doch uns alle an ein Ziel führen, das zustimmungsfähig, das anstrebenswert ist. Wozu – ich sage „wozu“ und nicht „warum“ – sind Sie heute zu mir und zu diesem Vortrag gekommen, der sich mit Musik beschäftigen wird, der um den Zauber der Musik kreist, der uns mit Schopenhauer, mit Filmkunst, mit uns selbst vielleicht auch bekannt machen wird, wenn nicht aus dem Grund, den ich eben genannt habe?

Um zuzustimmen, möchte ich doch annehmen, auch wenn eine Ablehnung ebenfalls nützlich sein könnte. Sie haben zumindest dann ein Urteil, Ihr Urteil gefunden in dieser manchmal etwas verzwickten oder auch schlüpfrigen Angelegenheit.

Ich will auch noch kurz – ich weiß, mein Vorspann wird bereits wieder zu lang und ausufernd – auf die Methode der Dekonstruktion, des dekonstruktiven Denkens zu sprechen kommen. Dekonstruktion ist kein mehrdeutiges und immer auch anders verstehbares Zeichen, geschweige denn ein Rätselwort, das von Jacques Derrida in die Welt gesetzt worden ist. Dekonstruktion bedeutet in meinem Denken das Aufbrechen einer Struktur („Konstruktion“) und Ausleuchten ihrer Einzelteile, die immer überaus vielfältig sein werden. Sie schimmern, leuchten und blitzen verschiedenartig in diesem unserem Pluriversum der Möglichkeiten, der Blicke, der Methoden und Herangehensweisen.

Mit ins Spiel kommt auch der von Paul Feyerabend eingeführte Begriff der „Destrukturierung“. Der von mir so geschätzte Schweizer Philosoph, er ist im Jahre 1994 gestorben, hat ihn für seine Wissenschaftstheorie entwickelt und vertritt darin eine bedingungslose Skepsis allen „Wahrheiten“, allen Dogmen und Absolutheitsansprüchen gegenüber einschließlich der eigenen Position. Sie kann mit gelegentlicher Selbstironie sogar gebrochen, ja aufgehoben und relativiert werden.

Dennoch ist er in einem intensiven persönlichen und brieflichen Kontakt mit Hans Albert gestanden, einem Vertreter des „kritischen Rationalismus“ und einem großen Antipoden seiner Philosophie gegenüber. Dieser Briefwechsel dokumentiert sehr schön die Grenzen des rationalen Diskurses, Konsensbemühungen von Karl-Otto Apel eingeschlossen, und dass jenseits der intellektuellen Antipoden noch eine Welt, eine andere Welt gleichwohl, zu existieren vermag.

Philosophieren bedeutet deshalb vielleicht immer wieder den vergeblichen Versuch einer Annäherung an das Ganze, selbst wenn das Ganze nie von seinen Einzelteilen her erfasst, beschrieben, begriffen werden kann.

Unser Herangehen wäre also a priori zum Scheitern verurteilt? – Ich glaube kaum.

Denn selbst dieses Scheitern ist ein Gewinn, ich betone es immer wieder und möchte diesen von mir so vehement und dauernd ins Spiel gebrachten Gedanken an dieser Stelle auch nicht weiter ausführen. Er impliziert jedoch den Wechsel der Tonarten, der Blickwinkel und Perspektiven in der Analyse, das Mischen selbst inhaltlicher Gegensätzlichkeiten, kombiniert mit einer guten Portion Ratlosigkeit, die sich auch aus der Unvollkommenheit der Spezies Mensch zwangsläufig ergeben muss.

Dies alles auch noch kombiniert mit einer guten Portion Humor und rhetorischem Raffinement, wie wir es seit Langem kennen – es sollte doch, so glaube ich zumindest, Grund genug sein, sich hier und jetzt zu versammeln und zu verstehen: Als eine Begegnung der Wissenden und der Suchenden, als ein Zusammenschluss von Erfahrung und Eigensinn, der sich darüber im Klaren ist, dass wir uns am Ende einer Zeit, eines Zeitalters befinden, das ein Abschiednehmen und einen Neuanfang wagen will auch ohne unser herkömmliches Lesen- und Interpretieren- und Verstehen-Wollen.

Vielleicht sind wir tatsächlich die Letzten, bin ich einer der Letzten, der sich vor Sie stellt dergestalt und noch an das Lesen-, Denken- und Diskutieren-Können glaubt. Vielleicht bin ich auch nur ein Illusionist, ein Träumer. Doch davon später.

Ich bin mit dieser für mein Empfinden notwendigen Einlassung vielleicht wieder zu weit von meinem eigentlichen Thema abgeschweift, verliere mich in müßige und melancholische Ausblicke in die Zukunft, die nicht mehr meine sein wird und die mir deshalb vielleicht gar nicht zustehen. Warum, das wäre ein neues Thema und an anderer Stelle zu untersuchen.

Doch kommen wir auf das eigentliche Thema und die Musik zu sprechen.

2 Enrique Iglesias

„Ring my bell, ring my bells”

Dass ein Lied, dazu noch zu Beginn eines Massenkonzertes, mit einem fis-Moll-Akkord startet, lässt nichts Gutes ahnen, wie ich zunächst einmal unterstellen will.

Wenn dieser Akkord dann auch noch eine Stufe tiefer auf E rückt stürzt fällt gedrückt wird, dann scheint sich in dieser Musik – parallel zu einem jaulend klagenden Kojotengeheule, das mittels elektronischer Tricks eingeblendet wird –, dann scheint sich jetzt eine Düsternis auszubreiten, die nur vor langer Zeit in der modalen Tonalität der beginnenden Neuzeit, etwa im elisabethanischen England der Tudorzeit, in den Lautenliedern von John Dowland, in der Chormusik von Thomas Tallis oder in den kunstvollen Konstrukten William Byrds zu finden war. Und die jetzt, etwa seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts, mit einfacheren Mitteln in der Popmusik wieder anzutreffen ist.

Rückungen dieser Art waren in der klassischen Musik bis weit ins 19.Jahrhundert hinein unbekannt, ja viele Jahrzehnte danach sogar immer noch verboten. Etwa in den Tonsatzprüfungen der angehenden Tonsetzer, die sich einer rigiden Kompositionsdogmatik beugen mussten und beugen müssen bis auf den heutigen Tag.4

Oktavrückungen (und ebenso Quintparallelen) sind in der traditionellen Kontrapunktlehre seit dem ausgehenden Mittelalter verboten. Doch genau dies hat die Pop- und Rockmusik in Anlehnung an die Forschungen der Impressionisten in Frage gestellt, das Dogma umgekehrt und in eine ganz andere Richtung weiter entwickelt. Herkömmliche Kadenzen werden ab sofort verachtet und nur noch im Schlager, insbesondere Deutschlands oder Skandinaviens, weiterhin gepflegt.

Die früher so geschätzte Abfolge Tonika, Subdominante, Dominante wird sorgfältigst oder auch rein intuitiv vermieden, selbst wenn sie kunstvoll erweitert ist wie bei Johannes Brahms oder durch extravagante harmonische Ausweitung im Stil Max Regers unser Ohr überrascht und erfreut. Viele kunstvolle handwerkliche Traditionen, denen die klassische Musik ihre Beliebtheit und auch ihre Überlebenskunst verdankt, sind mittlerweile in der Popmusik verpönt und führen nur noch im Schlager ihr altbacken-verstaubtes (Un)-Wesen. Ich sagte es bereits.

Doch ich will Sie nicht schon zu Beginn meiner Ausführungen langweilen mit einem musikprofessoralen Diskurs, mit musiktheoretischen Einwürfen und Belehrungen, die Ihren Interessen und Erwartungen zuwider laufen werden.

Sie möchten etwas Genaueres von mir, der ich doch als langjähriger Kulturberichterstatter ein ausgemachter Fachmann zu sein scheine, über die Popmusik hören. Genauer: drei Popsongs stehen auf dem Programm, die ich Ihnen vorstellen, näher bringen, erläutern soll, eingebettet vielleicht in eine Kultur, die die Ihre ist oder auch nicht.

Wie dem auch sei – Sie möchten zumindest etwas erfahren über Enrique Iglesias, Robbie Williams und Nick Cave, nicht wahr. Letzteren habe ich ausklammern müssen, ich sagte es bereits zu Beginn meiner Ausführungen. Auch meine methodischen Schwierigkeiten habe ich bereits ausführlich darzulegen versucht.