Tipasa - Reinhold Urmetzer - E-Book

Tipasa E-Book

Reinhold Urmetzer

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Beschreibung

Die antike Ruinen-Stadt Tipasa in Algerien steht für das Verschwundensein einer Welt, einer Zeit, auch einer privaten – der Kindheit. Und dennoch lebt ihr Geist weiter im Denken Albert Camus, in Steinen, glitzernden Säulenresten, im Wüstensand und in den gebrochenen Skulpturen der Antike.
Sie zeugen von der Kindheit auch des europäischen Geistes, des europäischen Denkens, entstanden in einer langen und weit entfernten Zeit der Griechen. Tipasa ist aber auch überall. Die Sehnsucht nach Rückkehren-Können, nach Heimat, nach Befreiung ist allgemein und allgemein menschlich. Auch die Angst wegzugehen, sich dem Wind, der Verführung, dem Taumel und Wirbel einer neuen Welt anzuvertrauen, die uns wer weiß wohin führt, diese Angst ist überzeitlich und überall.

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Seitenzahl: 46

Veröffentlichungsjahr: 2012

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TIPASA

nord wind süd

REINHOLD URMETZER

© edition weissenburg 2012

Impressum

Copyright © 2012 edition weissenburg

Layout: Alexei Chibakov

Malerei: Karin Geschke

Fotografie: Frédéric Mertz

Coverfotografie nach dem Gemälde „Weißer Tag am Meer“

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN: 978-3-8491-1671-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Nr.1

für meine Schwester

Heiß willkommen die Fremden.

Du wirst ein Fremder sein.

Bald.

(Johannes Bobrowski)

TIPASA

nord wind süd

Über die Kunst Karin Geschkes

Im nachfolgenden Beitrag geht es nicht nur um die beiden topografischen Bestimmungen Nord und Süd. Auch wenn der Untertitel dieses Vortrags die drei auf Wunsch der Künstlerin kleingeschriebenen Worte „nord wind süd“ enthält. Wer mich kennt – und ich freue mich, auch in dieser Veranstaltung hier einige gute Bekannte wieder begrüßen zu können1 – wird nicht überrascht sein, dass ich mich nicht festlegen lassen will auf drei lapidare und auch noch kleingeschriebene Substantive. Auch nicht auf schnelle und einfache Einführungen in die Kunst Karin Geschkes, deren Ausstellung zu eröffnen ich heute hier die Freude und Ehre habe. „Einführungen“ brauchen die Wissenden unter uns nicht. Den Nicht-Wissenden ist meist dadurch auch nicht sehr geholfen, will ich einmal schon gleich zu Beginn etwas provozierend behaupten. Was also tun?

Ich möchte mich auch nicht wieder festlegen lassen auf eines meiner Lieblingsthemen: Dass über Kunst nichts Wesentliches, sondern eher nur Beiläufiges gesagt werden könne. Dass Kunst lebe und existiere auch ohne unser oft so überflüssiges Lexikon der Begriffe. Dass eher die kritische Auseinandersetzung mit Kunst diskutabel und nützlich sein könne. Und dass schließlich jeder selbst einen Zugang zur Kunst finden müsse oder, wie François Lyotard gesagt hat, die Frage, die man dem Kunstwerk stelle, würde nur wieder zurück geworfen auf den Fragenden selbst: Warum verstehst du die Kunst, warum nicht? Warum willst du Kunst „verstehen“ – und was heißt überhaupt Kunst „verstehen wollen“? Warum „wollen“? Liegt die Entscheidung dafür oder dagegen nicht in unserer Macht und freien Urteilskraft?

Sie bemerken, ich bin bereits wieder dabei, mich in eine schlüpfrige Sackgasse der Kunstinterpretation drängen zu lassen2. Bitte nicht, höre ich Sie einwenden, ich möge Sie doch an das allgemeine Ziel meiner Deduktionen führen3, den Sinn vielleicht auch allgemein untersuchen mit Hilfe von Kunst und Malerei, wie man „zer werlte heute solle leben“4 und so fort. Wir befänden uns also in einem Labyrinth ohne Minotaurus und Ariadne-Faden (denn der Minotaurus können nur Sie selbst sein), auch mit dem vergeblichen Versuch, nicht „wissen“ und doch alles „verstehen“ zu können, verstehen zu wollen. Ich wiederhole mich.

Doch was wäre unser Ziel? – Worüber soll gesprochen werden in dieser Ausstellung mit Malereien von Karin Geschke jetzt in dieser Stunde und an diesem schönen Ort?

Die Künstlerin hat den Titel zu ihrer umfangreichen Präsentation von Kunst vorgegeben. Sie besteht auf der grammatischen Doppeldeutigkeit, diese so im Titel stehen zu lassen, und sie verwendet bewusst auch die kleingeschriebene Orthografie der drei Substantive.

Ist die Künstlerin, frage ich deshalb ganz unvermittelt, mittlerweile zu einer späten Anhängerin der literarischen Moderne geworden? Immerhin sind solche lettristischen Spielereien erst in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts entwickelt worden, wenn man einmal von den frühen Extravaganzen Stefan Georges aus den 20er Jahren absieht.

Einer Erläuterung bedarf auch der Titel dieses Vortrags, „Tipasa", eine kleine Sammlung literarischer Essays von Albert Camus, auf die ich mich im Folgenden immer wieder beziehen werde und von denen ich meine anamnetischen oder auch archäologischen Erkundungen starten will. Wo wir dabei ankommen werden – ob bei der Kunst Karin Geschkes, bei Ihren Erwartungshaltungen als Betrachter, Zuhörer und Interpret oder sogar ganz woanders – ich weiß es selbst noch nicht.

Nr.2

DIE SPRACHE DER WÜSTE (Jabès lesen)

Ich habe lange gesucht, die richtigen Worte zu finden.

Die Bilder, Konstruktionen und Hypothesen

des Schweigens aufzudecken und dann dem Zauber,

der Wahrheit und der Liebe wieder zu begegnen.

Doch das Schweigen der unendlichen Räume

lässt meine Sprache vergehen wie ein Blatt,

wie eine bunte Schnur mit den Botschaften

vieler verstorbener Götter und Dämonen.

Wohin wir blicken in diese Wüste,

sie wird immer breiter und bedeutender.

Doch meine Würde ist die Sprache.

Sie ragt wie eine Hand aus dem Nichts,

ein unzerstörbarer Sprachtempel, schreibt Jabès.

Eingezäunt und gesichert bewegen wir uns auf

unsicherem Boden.

Stolpern und fallen und ankommen im Nirgendwo der Wahrheit,

der Wahrhaftigkeit, dem Nichts.

Die acht relativ kleinen Essays der 1956 im Arche-Verlag Zürich veröffentlichten Ausgabe sind in den Jahren 1939-1952 geschrieben und unter dem Titel „L’Eté“ von Albert Camus veröffentlicht worden. Nur zehn Seiten darin befassen sich mit „Tipasa“. Im Original heißt der 1952 geschriebene Text „Retour à Tipasa“. Die deutsche Übersetzung macht daraus „Heimkehr“ (statt „Rückkehr“ wie in der Vorlage) nach Tipasa – ein lohnendes Thema für Sprach-Etymologen gewiss. Vielleicht weil die französische Sprache (und mit ihr etliche andere auch, etwa die englische) kein Wort für Heimat besitzt oder zur Verfügung stellt.