Drei Seen und ein Todesfall - Christof Gasser - E-Book

Drei Seen und ein Todesfall E-Book

Christof Gasser

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Beschreibung

Auf der Fahrt der MS «Stadt Solothurn» von Solothurn nach Biel geht ein betagter amerikanischer Tourist über Bord. Der Hundertjährige wird tot aus der Aare geborgen. Die Lehrerin Marielle Rochat ist die einzige Augenzeugin des Geschehens. Ihr Verhalten weckt bald den Argwohn der Solothurner Kripochefin Katrin Friis. Als sich der Verdacht gegen sie verdichtet, taucht Marielle Rochat unter. Friis verfolgt die Spur der jungen Frau quer durch das Drei-Seen-Land. Auf der Suche nach dem Tatmotiv treten nach und nach dunkle Geheimnisse zutage, deren Ursprung achtzig Jahre zurückliegt.

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Seitenzahl: 187

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Christof Gasser

Drei Seen und ein Todesfall

Kriminalroman

Dörlemann

Inhalt

Motto

1

2

3

4

5

6

7

8

Über Christof Gasser

 

 

Das ist ein elendes Volk an Heldenmut und Verstand,

wo bei jeder Kleinigkeit eine Ehrensäule

muss aufgerichtet werden.

 

Wilhelm Heinse

1

Es war wärmer geworden.

Ihr Blick folgte den über dem Fluss aufsteigenden Nebelschwaden, die sich nach und nach auflösten.

Marielle lockerte den Schal. Nachdem es die Nacht über geregnet hatte, zeigte das Thermometer auf ihrem Balkon am frühen Morgen acht Grad an. Mindestens fünf Grad kühler, als die Meteorologen am Vorabend vorausgesagt hatten. Es war gut gemeint, wer will schon Ende Juni, nach zwei Wochen mit Höchsttemperaturen in den Dreißigern, eine Gegenoffensive des Winters angekündigt bekommen, so kurzzeitig sie auch sein mochte.

Sowohl die Hiobsbotschaften zum nasskalten Wetter als auch die gehässigen Reaktionen der Hörer auf den Beitrag dazu hatte Marielle mit halbem Ohr wahrgenommen. Hier ein Sommerfest, das buchstäblich ins Wasser fiel, da die Angst um ein Open Air, das im eiskalten Morast versinken könnte. Was hätte sie darum gegeben, sich um solche Dinge sorgen zu müssen.

Die Schiffsplanken unter ihren Füßen vibrierten. Die Maschinen des Motorschiffs Stadt Solothurn wurden gedrosselt. Seine Bugwelle verlor sich im träge dahinfließenden Wasser. Marielles Blick suchte die Baumkronen und Dächer des Weilers Altreu ab, den das Schiff ansteuerte. Als Kind hatte sie es geliebt, die Weißstörche zu beobachten. Die stolzen Vögel waren Ende der vierziger Jahre in der Witi, der Flussebene zwischen Jurasüdfuß und den Hügelstreifen des Bucheggberges, angesiedelt worden.

Die Störche waren im Frühling aus ihren Winterquartieren zurückgekehrt, um in Altreu und Umgebung den Nachwuchs auszubrüten. Selbst in der Stadt Solothurn waren ihre Nester anzutreffen. Des milden Winters wegen waren sie dieses Jahr früher zurückgekommen. Die Jungvögel waren bereits im April geschlüpft. Blieb zu hoffen, dass der Kälteeinbruch ihnen nicht zusetzte. Die Tiere mussten Kräfte sammeln, bevor sie sich im August auf ihren ersten Zug nach Süden begaben.

Marielle wischte sich verstohlen eine Träne von der Wange, obschon sie die einzige Passagierin auf dem Außendeck war. Von mittschiffs drang Kindergeschnatter zu ihr, eine erste oder zweite Primarklasse auf Schulausflug. Die Abc-Schützen übertrafen sich gegenseitig in der Lautstärke, während sie warteten, bis das Kursschiff zum Stillstand kam.

Marielles Mund verzog sich zu einem Lächeln. Dafür fühlte sich der bleierne Klumpen in ihrem Magen schwerer an. Ihre Hände umklammerten die Reling, als wäre sie ihr einziger Halt, während die Welt um sie herum zusammenbrach.

Die zusteigenden Passagiere warteten auf dem Steg, bis der Sturm kindlicher Fröhlichkeit an ihnen vorübergezogen war.

Marielles rechte Hand wanderte von der Reling in die Tasche ihrer Regenjacke. Sie befühlte den Gegenstand. Zwei Herzschläge lang war sie versucht, ihn ins Wasser zu werfen. Sie wandte den Kopf zum Bordrestaurant. Die Aufmerksamkeit ihrer kleinen Reisegruppe war auf die Kellnerin gerichtet, die in diesem Moment den Kuchen auftrug, den Marielle organisiert hatte, eine originale Solothurner Torte. Scarlett hatte sie darum gebeten. Martin liebte cremige Süßigkeiten. Die Spezialität aus Mandelmeringue und Haselnussbiskuit mit Buttercremefüllung würde ihm bestimmt schmecken. Verzicht war für ihn kein Thema, schon gar nicht die ärztlich verordnete Zurückhaltung bei Süßem. An seiner Stelle würde sie sich ebenso verhalten. Ärzte hatten keine Ahnung. Wozu sich kurz vor seinem Hundertsten um eine Diät scheren? Welchen Schaden konnte ein Stück Torte anrichten, wenn man in seinem Leben zwei Kriege an vorderster Front überlebt hatte?

Die Tür des Bordrestaurants wurde geöffnet. Sie hörte das trockene Tappen eines Gehstockes auf den Planken. Ihre Hand umklammerte die Injektionsspritze in der Jackentasche.

 

* * *

 

»Erde an die Liebe meines Lebens, jemand zu Hause?«

»Hm?«

Katrin Friis riss sich vom Anblick des alten Herrn am Stock los, der auf die jüngere Frau an der Reling zuging. Vorhin war ihr aufgefallen, wie sie an der Schiebetür gezerrt hatte. In der Geste hatte Verzweiflung gelegen. Friis hatte gedacht, dass sie dringend frische Luft benötige. Beide, der alte Mann und die Frau, gehörten zur fünfköpfigen, Englisch sprechenden Gruppe, welche die vorderste Sitznische des Bordrestaurants in Beschlag nahm. Sie hatten sich das Kapitäns-Zmorge gegönnt. Friis und ihr Mann begnügten sich mit der Variante für Matrosen, gleiches Frühstück ohne Zopfbrot, Schinken, Ei, Joghurt und Orangensaft. Den glamourösen Bestandteil hatte Magnus in Form einer Flasche ihres Lieblingsproseccos beigesteuert, die in einem Eiskübel auf ihrem Tisch stand. Ihre Tischnachbarn, die sich bis auf die junge Frau draußen als Amerikaner entpuppten, hatten sich den Glückwünschen des Servierpersonals zur Kristallhochzeit angeschlossen.

»Katrin?«

»Was?«

Ihre Aufmerksamkeit war erneut von Magnus zu den beiden auf dem Außendeck abgedriftet.

Er hob sein Glas.

»Auf uns und weitere fünfzehn, hoffentlich etwas ruhigere Jahre.«

»Was meinst du mit ruhiger? Ist doch gut, wie’s ist.«

Magnus lachte.

»Wenn du es sagst. Die bist diejenige, die jeden Tag frühmorgens aus dem Haus geht, und sich nicht mit zwei Teenagern herumschlagen muss.«

»Du Armer. Linne und Rasmus entwickeln sich doch großartig, dank dir.«

Bei ihrer Arbeit sah Friis weit Schlimmeres als zwei zeitweilig nervige Heranwachsende. Linne, die ältere, war in diesem Jahr fünfzehn geworden und trieb im Strudel einer pubertären Windhose. Dem zwei Jahre jüngeren Rasmus stand das erst bevor. Aber es sprach viel dafür, dass die Phase bei ihm glimpflicher ablief.

Friis fühlte sich glücklich. Sie würde sich jederzeit wieder auf Magnus einlassen. Es hatte Leute gegeben, darunter ihre Mutter, die nicht einsehen konnte, weshalb Friis die Namenswahl der Kinder ihrem dänischen Ehemann überlassen hatte. Friis liebte alles, was Dänisch war. Aus diesem Grund hatte sie bei ihrer Heirat, ohne zu zögern, ihren Mädchennamen Wyss gegen den von Magnus eingetauscht.

Sie erhob sich von ihrem Platz und setzte sich mit dem Glas in der Hand neben ihren Mann. So hatte sie das Außendeck und dessen Ablenkungen im Rücken. Dann tat sie etwas, das sie normalerweise nie in der Öffentlichkeit tat: Sie legte ihren Mund auf Magnus’ Lippen. Der Kuss dauerte lange genug, um das Geborgenheitshormon Oxytocin auszuschütten. Die Aktion blieb nicht unbemerkt. Die Amerikaner am Nebentisch applaudierten.

»Wofür war das?«, fragte Magnus, nachdem er Atem geholt und sich von der Überraschung erholt hatte.

»Für all die Jahre, die du es mit mir ausgehalten hast und für die zwei wunderbaren Menschen, die du aus unseren Bälgern gemacht hast.«

Magnus räusperte sich.

»Nichts, was du nicht auch allein geschafft hättest.«

Friis hatte ihren Gatten bei einem Europol-Führungslehrgang in Den Haag kennengelernt. Drei Tage und einen langen Spaziergang am Strand von Scheveningen später hatte der kühle Wikinger aus Kopenhagen das in Gefühlsdingen zurückhaltende Herz der Katrin Wyss aus Olten erobert.

»Stell dein Licht nicht unter den Scheffel«, sagte sie. »Ohne dich hätte ich nichts geschafft, weder die Erziehung unserer Kinder noch meinen Job.«

»Den Job hättest du bestimmt ohne mich hinbekommen. Heute wärst du vielleicht eine alte Jungfer, aber sonst …«

»Hey!«

Grinsend wich er dem liebevollen Hieb in seine Seite aus.

»Weißt du, was ich jetzt am liebsten täte?«

»Sag’s mir.«

Er blickte sich um und senkte den Kopf zu ihr herab.

Sie wandte das Gesicht ab.

»Sag’s mir ins Ohr.«

Sie kannte ihn zu lange, um das hinterhältige Zucken seiner Mundwinkel nicht richtig zu interpretieren. Er war drauf und dran, etwas zu sagen, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war. Friis schloss die Augen.

Dann hörten sie den Schrei.

Es war von draußen gekommen.

Friis fuhr herum. Auch die Aufmerksamkeit der anderen Passagiere im Speiseraum richtet sich auf das Außendeck. Die Frau stand allein dort. Sie musste geschrien haben. Für eine Sekunde kreuzten sich ihre Blicke. Die Fassungslosigkeit stand der rund zehn Jahre Jüngeren ins Gesicht geschrieben, die sich in diesem Moment, gefährlich weit über die Reling lehnte.

Wo war der alte Mann?

Friis sah sich um. War er hereingekommen, als sie mit Magnus beschäftigt war? Aber er saß weder an seinem Platz bei den Amerikanern, noch konnte sie ihn sonst wo im Raum entdecken.

Friis sprang auf.

»Kantonspolizei! Das Schiff stoppen, sofort!«, rief sie der Bedienung zu. »Ein Passagier ist über Bord gegangen.«

Sie rannte hinaus, wo die Frau im Schock erstarrt auf das Wasser zeigte.

»Er … er ist hineingefallen«, sagte sie leise.

»Wo ist er?« Friis zog ihr Veston aus und streifte die Schuhe ab.

»Dort!« Die Frau deutete auf einen Punkt im Wasser.

Friis kniff die Augen zusammen. Sie sah ihn. Die Strömung trug ihn flussabwärts Richtung Altreu und Solothurn. Friis kletterte über die Reling.

»Katrin!«

Magnus kam mit einem Matrosen angelaufen.

»Alarmiert die Rettungskräfte!«, rief sie ihnen zu und sprang.

Die tiefe Temperatur und der Regenfall in der Nacht hatten die Aare merklich abgekühlt. Friis schnappte nach Luft. Die Reue, dem Matrosenfrühstück und vor allem dem Prosecco zugesprochen zu haben, kam zu spät. Sie zählte auf den Adrenalinschub. Vor Jahren hatte sie in einem Schwimmclub mitgemacht. Einmal hatte sie es sogar zur kantonalen Jugendmeisterin gebracht.

Sofern man das in dieser Situation sagen konnte, hatte sie Glück. Sie bekam den Mann am Mantelkragen zu fassen, bevor er versank. Er war nicht reaktiv. Sie glaubte, einen schwachen Puls zu fühlen. Um sich dessen sicher sein zu können, brauchte sie festen Boden. Das Solothurner Ufer lag näher als die Berner Seite. Sie schwamm darauf zu.

Sobald es ihr gelungen war, ihn stabil zu lagern, begann sie mit den lebensrettenden Sofortmaßnahmen.

Er hatte keinen Puls mehr.

2

Das Motorschiff Stadt Solothurn hatte gewendet. Friis stand zuvorderst auf dem Anleger von Altreu und sah zu, wie es sich näherte, während sie sich mit einem geliehenen Frotteetuch die Haare trocknete. Eine Kollegin von der Sicherheitspolizei hatte ihr eine Trainingshose und einen Kapuzenpulli mit dem Logo der Polizei Kanton Solothurn geliehen.

Hinter ihr, auf der Gartenterrasse des Restaurants Zum Grüene Aff, hatte sich eine Gruppe Schaulustiger versammelt. Das Eintreffen der zivilen und markierten Polizeifahrzeuge sowie einer Ambulanz des Bürgerspitals musste sie auf den Plan gerufen haben. Friis erkannte den einen oder anderen Journalisten unter ihnen. Sie hatte aufgegeben, sich zu fragen, wie die so schnell von dem Unglück erfahren hatten. Passagiere mussten den Vorfall an Bord des Schiffes in den sozialen Medien gepostet haben, eine willkommene Schlagzeile an einem gewöhnlichen Sommertag, der in dieser Beziehung sonst nicht viel zu bieten hatte. Polizisten sperrten den Zugang zum Steg ab. Friis ignorierte vereinzelte Zurufe der Journalisten, die sie erkannt hatten. Es gab nichts zu sagen, was diese nicht ohnehin schon wussten oder zu wissen glaubten.

Sie fühlte sich wie ein ausgewrungener Waschlappen und wünschte sich, eine oder zwei Minuten allein zu sein, damit Magnus sie in den Arm nehmen konnte. Für den alten Mann hatte sie nichts mehr tun können. Inmitten all der Menschen und unter den Augen ihrer Kollegen sollte keiner sehen, wie ihr zumute war. Wer immer der alte Mann gewesen war, er hatte nicht verdient, nach einem langen Leben auf diese Weise zu sterben, weit weg von seiner Heimat. Sein Leichnam war unterwegs nach Bern zum Institut für Rechtsmedizin.

Hinter ihr klingelte das Handy eines uniformierten Kollegen. Er antwortete und reichte den Apparat weiter an Friis.

»Im IRM sind sie bereit für die Legalinspektion, die Leichenschau, sobald sie den Leichnam auf dem Tisch haben«, sagte Mike Lüthi, ihr stellvertretender leitender Ermittler der Kriminalabteilung.

»Ist jemand von der Staatsanwaltschaft unterwegs?«, fragte Friis.

»Hannah Wirz kommt mit Maja. Sie sollten jeden Moment bei euch eintreffen. Ich fahre nach Bern ins IRM.«

»Gut, jemand in Solothurn soll schauen, was es über das Opfer herauszufinden gibt.« Friis blätterte im durchnässten Pass, den sie beim Toten gefunden hatte. »Der Name ist Martin Wilkinson, amerikanischer Staatsbürger, geboren am 29. September 1924 in Albany, Bundesstaat New York. Und benachrichtigt die Botschaft in Bern.«

»Du klingst nicht so, als würdest du es für einen Unfall halten.«

Es war ein unbestimmtes Gefühl, das Friis ihm nicht gleich auf die Nase binden wollte. »Bis auf Weiteres gehen wir ergebnisoffen vor.« Sie legte auf.

Sobald die Stadt Solothurn angelegt hatte, sprang Friis an Bord, bevor das Schiffspersonal die Einstiegsrampe ausgefahren hatte. Magnus nahm sie in Empfang. Sie umarmten sich.

»Bist du in Ordnung? Du siehst schlimm aus«, sagte er.

»Phantastisch wie du immer genau die Worte findest, die eine Frau von ihrem Mann hören will. Sind alle versammelt?«

»Im Bordrestaurant, einschließlich der Crew. Die Vorhänge sind zugezogen, wie du es wolltest.«

Friis nickte zufrieden. Die Journalisten und Fotografen konnten warten.

 

Zwei Uniformierte befragten die Passagiere einschließlich der Amerikaner.

Auf Friis’ Bitte hatte Magnus dafür gesorgt, dass die junge Frau, sie hieß Marielle Rochat, von den übrigen Passagieren getrennt blieb. Sie wartete in eine Wolldecke gewickelt auf der dem Ufer abgewandten Seite des Außendecks. Kriminaltechniker hatten einen Tatortsichtschutz zwischen Rochat und den neugierigen Blicken der Schaulustigen am Ufer aufgestellt. Friis beobachtete die Frau durch die Scheibe des Bordrestaurants, nachdem sie kurz mit den Amerikanern gesprochen und ihr Mitgefühl ausgedrückt hatte.

Die Temperaturen waren inzwischen auf einem für die Jahreszeit annähernd üblichen Niveau. Bleich, aber ansonsten gefasst, wartete Rochat, bis jemand sich um sie kümmerte. Mit fahrigen Bewegungen zerknüllte sie ein Papiertaschentuch, zog es auseinander, um es gleich wieder zu einem Knäuel zu kneten. Sie weinte nicht. Im Gegensatz zu ihrer ersten Reaktion und abgesehen von der Massakrierung des Taschentuches wirkte sie unbeteiligt. Merkwürdig für jemanden, der den Tod eines Mitmenschen mitansehen musste. Jede und jeder ging anders mit Trauer um.

Eine Hand legte sich auf Friis’ Schulter.

»Können wir, Katrin?«

Friis begrüßte Staatsanwältin Hannah Wirz mit einer flüchtigen Umarmung. »Warte rasch.« Sie deutete auf die Frau, die nicht bemerkt hatte, dass sie beobachtet wurde.

»Wer ist das?«, fragte Wirz.

»Die Zeugin, Marielle Rochat.«

»Die Frau, die gesehen hat, wie das Opfer, dieser …«

»Martin Wilkinson.«

»Genau, sie hat gesehen, was passiert ist?«

Friis nickte.

»Dein erster Eindruck?«

Wirz betrachtete die Frau, deren Hände den inzwischen löchrigen Fetzen, der einst ein Papiertaschentuch gewesen war, erneut zerknüllten. »Ist sie wirklich so ruhig, wie sie den Anschein geben möchte?«

»Sie ist nervös, ich frage mich, warum.«

»Warum nicht? Sie steht unter Schock.«

»Mal sehen, vielleicht ist da noch etwas anderes.«

»Was denn?«, fragte Wirz. »Verdächtigst du sie, diesen Wilkinson über Bord geschubst zu haben?«

»Finden wir es heraus.« Friis öffnete die Tür.

Rochat hob den Kopf. Die Hand mit dem Taschentuch verschwand in der Jackentasche.

»Frau Rochat?« Wirz streckte ihr die Hand entgegen. »Hannah Wirz von der Staatsanwaltschaft Solothurn.« Sie zeigte auf Friis. »Major Friis, sie leitet die Kriminalabteilung. Fühlen Sie sich in der Lage, ein paar Fragen zu beantworten?«

Rochat sah von der einen zur anderen. »Kriminalpolizei? Aber warum? Glauben Sie, es war … Mord?«

»Das muss geklärt werden. Frau Friis war zufällig als Erste vor Ort. Deshalb ist sie hier.«

Rochat nickte. »Ich habe Sie vorhin im Restaurant gesehen. Am Tisch hinter uns, fünfzehnter Hochzeitstag. Herzlichen Glückwunsch, noch mal.«

»Danke.« Friis legte ihre Hand auf die von Wirz, die ihren Arm zu einer stillen Gratulation kurz drückte.

»Schildern Sie doch bitte, wie es zu dem Vorfall gekommen ist«, sagte Friis.

»Sie meinen von Anfang an?«

»Von dem Moment, als Herr Wilkinson hinaus aufs Deck getreten ist. Wo haben Sie gestanden?«

Rochat stand auf und ging zur Reling beim Bug links der Schweizerflagge. »An dieser Stelle hing ich meinen Gedanken nach.«

Friis und Wirz achteten darauf, so zu stehen, dass sie Rochat möglichst verdeckten.

»Sie waren allein? Sonst befand sich niemand an Deck?«, fragte Wirz.

Rochat schüttelte den Kopf. »Ich hörte, wie die Tür zum Restaurant aufging. Dann sah ich Martin auf mich zukommen.«

»Er kam direkt auf Sie zu? Wollte er mit Ihnen sprechen?«

»Keine Ahnung, vielleicht, aber dann …«

»Dann was?«, fragte Wirz, als nichts mehr kam.

»Ich bin nicht sicher, ich habe mich wieder von ihm abgewandt, bis … bis ich ihn röcheln hörte. Ich drehte mich wieder zu ihm um. Er fasste sich ans Herz und wollte sich mit der anderen Hand an der Reling festhalten. Aber er ist abgerutscht und hat den Halt verloren. Er ist vornüber ins Wasser gefallen. Ich wollte ihn hochziehen, aber er war zu schwer. Beinahe hätte ich selbst das Gleichgewicht verloren. Ich musste ihn loslassen. Ich habe geschrien und … Mein Gott!« Rochats Hand fuhr zum Mund. Sie sah Friis und Wirz aus großen Augen an. Die erste echte Gefühlsregung, die Friis an ihr feststellte. »Ich bin schuld. Hätte ich Martin festgehalten, wäre er jetzt noch am Leben.«

»Oder Sie wären mit ihm ins Wasser gestürzt«, sagte Wirz. »Wir machen Ihnen keinen Vorwurf, Frau Rochat.«

»Sie haben nicht gezögert«, sagte Rochat zu Friis. »Sie sind sofort in den Fluss gesprungen, um Martin zu retten. Ich hätte auch …«

»Dafür wurde ich ausgebildet«, unterbrach sie Friis.

Rochat nickte zaghaft.

»Hatte Martin … ich meine, es sah aus, als hätte Martin einen Herzanfall. Ist er daran gestorben?«

»Dazu können wir noch nichts sagen«, antwortete Wirz. »Wir müssen den Bericht des Instituts für Rechtsmedizin abwarten.« Sie deutete zum Sichtschutz. »Gehen wir nach hinten.«

»Sie waren mit den Amerikanern zusammen«, sagte Friis, nachdem sie sich wieder gesetzt hatten. »Als einzige Schweizerin? Wo sind Sie wohnhaft?«

»Flumenthal, in der Wohnung meines Freundes. Wir … wir haben uns getrennt.« Rochats Augen bekamen einen feuchten Glanz, frischer Trennungsschmerz.

»In welcher Beziehung stehen Sie zu den Amerikanern? Sind Sie mit ihnen verwandt?«

»Nicht verwandt. Martin, ich meine Mr. Wilkinson, kannte meine Großmutter seit dem Krieg.«

»Sie meinen den Zweiten Weltkrieg?«

Rochat nickte.

»Meine Großmutter war Französin, aus der Normandie.«

»Was war der Grund für Herrn Wilkinsons Besuch? Wollte er zu Ihnen?«

»Nein, das …« Rochats Blick glitt hinüber zum Schiffsrestaurant. »Heuer ist der achtzigste Jahrestag der Invasion in der Normandie. Es gab eine große Zeremonie mit allen Staatsoberhäuptern der Alliierten. Der englische König war auch dort. Martin ist … war einer der wenigen noch lebenden Veteranen, die 1944 dabei waren.«

Friis hatte den Bericht im Fernsehen gesehen. Die meisten der alten Kämpfer saßen im Rollstuhl. Viele von ihnen kehrten regelmäßig einmal im Jahr in die Normandie zurück, um ihrer gefallenen Kameraden zu gedenken. Allein am 6. Juni, dem ersten Invasionstag, waren Tausende Soldaten auf alliierter und deutscher Seite an den Stränden gefallen. Die alliierten Soldatenfriedhöfe in der Normandie zählen über dreißigtausend, die deutschen achtzigtausend Gräber. Von der Zivilbevölkerung verloren zwanzigtausend Menschen das Leben. Beim Anblick der Bilder über die Feierlichkeiten hatte Friis sich gefragt, was für Gedanken durch die Köpfe der greisen Männer gegangen sein mussten, die als halbe Kinder dort um ihr Leben gekämpft hatten.

»Vor einem Monat hat Martin mit mir Kontakt aufgenommen«, sagte Rochat. »Er wollte mich besuchen.«

»Sie hatten sich zuvor nicht gekannt?«

»Nicht persönlich. Mein Vater hatte wenig vom amerikanischen Freund meiner Großmutter erzählt. 1944 war sie siebzehn. Irgendwann in den fünfziger Jahren ist sie gestorben, Krebs glaube ich.«

»Hatte Herr Wilkinson einen besonderen Grund, jetzt mit Ihnen Kontakt aufzunehmen?«, fragte Wirz.

»Um mich kennenzulernen, sehen, wie ich lebe. Ich fand es merkwürdig.«

»Merkwürdig, inwiefern?«

»Er hat geschrieben, dass er meine Großmutter kurz vor ihrem Tod das letzte Mal besucht hatte.«

Was brachte einen Hundertjährigen dazu, mit einer jungen Frau in Verbindung zu treten, die er nie gekannt hatte? Friis wechselte einen Blick mit Wirz. Sie sah so aus, als ginge ihr der gleiche Gedanke durch den Kopf.

»Damit ich es richtig verstehe«, sagte Wirz. »Als es passierte, befanden Sie sich dort.« Sie zeigte auf die Stelle, wo sie vorhin zu dritt gestanden hatten.

Rochat nickte.

»Mr. Wilkinson kam heraus. Sie drehten sich zu ihm um.«

Erneutes Kopfnicken.

»Und dann?«, fragte Wirz. »Hat er etwas gesagt oder haben Sie ihn angesprochen?«

»Ich kam nicht dazu. Ich wollte ihn fragen, wie es ihm geht, ob ihm die Fahrt gefällt. Ich hatte vor, ihm und den drei anderen den längsten Schifffahrtsweg der Schweiz zeigen. Heute stand die Aarefahrt nach Biel auf dem Programm, für morgen war die Drei-Seen-Fahrt vorgesehen. Alle haben sich darauf gefreut, Martin am meisten. Bevor ich etwas sagen konnte, krümmte er sich und fasste sich ans Herz. Dann verlor er das Gleichgewicht und …« Ihre Stimme verlor sich.

»Vorhin sagten Sie, er umfasste die Reling, um sich festzuhalten«, sagte Wirz. »Dabei rutschte er ab.«

»Das stimmt. Den Rest kennen Sie.«

Wirz stand auf. »Danke, Frau Rochat, benötigen Sie noch etwas, möchten Sie, dass jemand vom Care-Team sich um Sie kümmert?«

»Wozu? Mir ist ja nichts passiert. Martin tut mir leid. Er hat so viel erlebt, all die schlimmen Kriege, in der Normandie und später in Korea. Und jetzt stirbt er hier, an einem der friedlichsten Orte der Welt. Das Leben ist manchmal grausam.«

Wirz reichte ihr die Hand. »Noch mal mein Beileid. Ich wünsche Ihnen alles Gute, Frau Rochat. Melden Sie sich, wenn wir etwas für Sie tun können.«

Friis verabschiedete sich ebenfalls. Bevor sie die Tür zum Bordrestaurant erreichte, drehte sie sich zu Rochat um. »Eine Frage noch, wenn Sie gestatten.«

»Bitte.«

»Treiben Sie Sport?«

Marielle Rochat sah sie konsterniert an. »Was hat das … Wieso ist das wichtig?«

»Nur so, Sie sind schlank, machen aber trotzdem einen kräftigen Eindruck.«

»Ich laufe viel und fahre Rad. Wenn ich kann, gehe ich einmal die Woche ins Krafttraining.«

Friis nickte anerkennend. »Wie gut kennen Sie Herrn Wilkinsons Begleitpersonen?«

»Gar nicht.« Rochat zuckte mit den Achseln. »Ich habe sie zum ersten Mal gesehen, als sie gestern Abend aus Frankreich angereist sind. Wir haben gemeinsam zu Abend gegessen und uns unterhalten.«

»Verstehe.« Friis reichte die Hand zum Abschied. Rochat erwiderte die Geste mit einem unsicheren Lächeln.

 

»Und? Was hältst du jetzt von ihr?«, fragte Friis.

Sie standen auf der Terrasse des Grüene Aff innerhalb der Absperrung, damit die Journalisten sie in Ruhe ließen.

»Schwer zu sagen«, meinte Wirz. »Sie macht einen aufrichtigen Eindruck, andererseits …«

»Andererseits?«, fragte Friis. »Sag mir, dass du das Gleiche denkst wie ich.«

»Sie hält etwas zurück.«

»Nicht wahr? Ich würde so weit gehen zu behaupten, dass es ihr dabei nicht gut geht.«

»Sie hat Angst. Fragt sich, wovor«, sagte Wirz.

»Sie treibt Sport und Krafttraining. Sie wäre kräftig genug, einen Mann über die Reling zu stoßen.«

Wirz deutete zur knapp hüfthohen Reling am Außendeck der Stadt Solothurn. »Ich bin eine miese Sportlerin, aber das würde sogar ich noch hinkriegen, und du wahrscheinlich auch. Warten wir ab, bis der Bericht vom IRM vorliegt.«

»Ich kümmere mich darum. Die Legalinspektion müsste inzwischen im Gang sein. Ich rufe gleich Mike Lüthi an. Vielleicht hat er schon was Brauchbares.«

Wirz deutete auf die Journalisten, die auf sie warteten. »Und ich vertröste die Damen und Herren da drüben schon mal auf morgen.«

 

* * *

 

Marielle stellte den Motor ab und blieb mit geschlossenen Augen sitzen. Um diese Tageszeit standen nur vereinzelt Fahrzeuge in der Tiefgarage ihres Wohnblocks. Sie benutzte selten einen der zwei ihr zustehenden Abstellplätze, ein paarmal im Winter vielleicht, wenn sie sich die Kratzerei und Wischerei sparen wollte.