Drei Wanderer - Helmut Tack - E-Book

Drei Wanderer E-Book

Helmut Tack

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Beschreibung

Die drei Wanderer Hannibal, Siegfried und Oliver kennen sich seit Jahren. Einmal im Jahr treffen sie sich an einer verabredeten Stelle, um sich auszutauschen und ihre Freundschaft zu pflegen. Als sie wieder einmal gemeinsam in einem Landgasthof einkehren, können sie die Zeche nicht bezahlen. Sie bieten dem Wirt an mit Geschichten alles zu begleichen und treten in einen Wettstreit. Weil der darin ein Vergnügen und sich als alleinigen Gewinner sieht, lässt er sich auf den Handel ein. Um nicht außen vor zu stehen, erzählt der Wirt auch noch einige Geschichten, die spannend, nachdenklich und aufwühlend sind. Eine Sammlung spannender und packender Erzählungen, welche die moderne Art zu leben im Visier hat.

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Seitenzahl: 253

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Helmut Tack wurde 1959 geboren und wuchs in einer Großfamilie auf.

Um der turbulenten Kindheit und der Tei- lung seiner Familie zu entkommen, begann er früh mit Tagträumen und flüchtete sich in seine eigene Welt. Das unterstütze seine Lust auf Bücher.

Er erlebte die französischen und englischen Klassiker und lernte sie zu lieben.

Helmut Tack sieht sich als kreativen Geist voller Unrast, aber auch geprägt von Unsicherheit und Selbstzweifel.

Drei Wanderer stellt er hier in der modernisierten Form dem Publikum vor.

Über das Buch:

Die drei Wanderer Hannibal, Siegfried und Oliver kennen sich seit Jahren. Einmal im Jahr treffen sie sich an einer verabredeten Stelle, um sich auszutauschen und ihre Freundschaft zu pflegen. Als sie wieder einmal gemeinsam in einem Landgasthof einkehren, können sie die Zeche nicht bezahlen. Sie bieten dem Wirt an mit Geschichten alles zu begleichen und treten in einen Wettstreit.

Weil der darin ein Vergnügen und sich als alleinigen Gewinner sieht, lässt er sich auf den Handel ein.

Um nicht außen vor zu stehen, erzählt der Wirt auch noch einige Geschichten, die spannend, nachdenklich und aufwühlend sind.

Eine Sammlung spannender und packender Erzählungen, welche die moderne Art zu leben im Visier hat.

Ich widme dieses Buch meiner Frau Janet, die mir die notwendige Zeit gegeben, geduldig gewartet und meine Nachtarbeit verstanden hat.

Ganz besonders danke ich ihr, dass sie meine Launen ertrug und beim Gegenlesen die sehr emotionalen Momente mit mir teilte.

Meinem Hund Tiffy, die als meine Muse mich beim Schreiben geduldig begleitete und mir die Tränen leckte.

Besonderer Dank gilt meinen Testlesern, die mir halfen, die endgültige Fassung zu finden.

Helmut Tack

Drei Wanderer

Erzählung

© 2020 Helmut Tack

1. Überarbeitete Auflage

Autor: Helmut Tack

Umschlaggestaltung, Illustration: Helmut Tack

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

Paperback

978-3-347-05535-3

Hardcover

978-3-347-07293-0

e-Book

978-3-347-05537-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Inhaltsverzeichnis

Im Gasthaus

Erste Geschichte – Der Alte und die Bäume

Zweite Geschichte – Cécile

Dritte Geschichte – Gundula

Das Handikap

Die Füchsin

Wenn ich leben sollte

Marko – Szene einer Jugend

Jedes Tier stirbt allein

Das Ende

Worte

Zeilen,

auf Papier gedruckt.

Schwarzgraue Wirklichkeit,

drängt,

in Gedanken.

Blutrote

Erinnerung an alles.

Was, Wie, Wozu.

Noch tropft

Vergangenheit

in meine Tage.

Vergibt nicht.

Mein Sein.

Mein Sagen.

Mein Reden.

Mein Schreiben.

Langeweile.

Im Denken.

Frag mich,

frag mich doch.

Nach allem.

Lass mich.

Geh ohne Worte.

Im Gasthaus

Die Luft schmeckte fahl nach einer Mischung aus kaltem Tabakrauch und abgestandenem Bierdunst. Dirnen hatten sich mit vielversprechendem Blick ein Quartier für die Nacht erkauft.

An der Tür atmete ein schmiedeeiserner Ofen seine letzte Wärme in den Raum.

Von Minute zu Minute nahm die Stimmenvielfalt ab. Der Gastraum glich einer Schwangeren, die ein Kind nach dem anderen aus ihrer Obhut, in die Rauheit der Welt verabschiedete. Sie wusste, wenn deren Durst aufkäme, sie überfiele und verschlänge, würden sie alle Vorsätze vergessen. Der tägliche Ruf ließ sie einen Weg zu ihr finden.

Der Wirt putzte mit spannungslosen Bewegungen und hängenden Schultern seit einer Stunde am selben Glas herum.

‹Irgendwann geht der letzte Gast›, dachte er.

Er suchte den Raum mit den Augen ab, prüfte ob sich etwas zwischen ihm und der ersehnten Nachtruhe schieben würde.

Er sah Männer in abgerissener und verschmutzter Kleidung, die wankend und mit trunkenem Arm winkend, den Gastraum verließen.

Während er in den Gastraum blickte, blieb sein Blick an einem Tisch hängen. Keiner der drei Herren schien Anstalten zu unternehmen, den Trinkern zu folgen.

In dem Moment als dem Wirt der Gedanke kam, dass es sich um Ubernachtungsgäste handele, winkte einer von ihnen und rief den Wirt an den Tisch.

Mit ausladenden Hüftbewegungen ging er hin.

«Zahlen, meine Herren?»

Die Gäste sahen ihn ungläubig an.

«Nein, wir wollen noch nicht zahlen», erwiderte einer der drei. «Sie scheinen ein guter Wirt zu sein, der sich kein Geschäft entgehen lässt.»

Der Wirt presste die Luft in seinem Mund so sehr, dass sich seine Wangen wölbten.

«Ähm …», brachte er hervor und dachte, ‹Wenn die mit Anschreiben oder Abwasch kommen, hole ich gleich die Polizei!›.

Die sahen nicht nach Geld aus. Fleckige Kleidung bedeckte ihre Körper und durchgelaufene Schuhe schützten die Füße. Einer trug eine alte Nickelbrille. Ein anderer hatte fettiges Haar und einen zerrupften Bart. Die würden von ihm höchstens den Knüppel, aber nicht Kredit bekommen.

«Also, wenn Ihr nicht zahlen wollt, kann ich es gleich sagen, da verstehe ich keinen Spaß. Erst bekommt Ihr eine Tracht Prügel und dann die Polizei.» Er grinste süffisant.

Den Gästen trat der Schweiß auf die Stirn. Es war deutlich, der ließ nicht über die Zeche mit sich reden.

«Herr Wirt, sehen wir aus, als würden wir einen schwer arbeitenden Menschen um seinen wohlverdienten Lohn prellen?»

Der Wirt wurde unsicher. Einerseits sagt keiner einem anderen gerne ins Gesicht, dass er ihn für einen Schwindler und Betrüger hält, andererseits konnte es sein, dass sie zahlungsfähig waren. Und außerdem bestand die Möglichkeit, dass sie sich zu Stammgästen entwickeln, und Stammgäste bedeuten einen regelmäßigen Umsatz.

«Worum geht es denn?», fragte er so desinteressiert, wie nur möglich.

«Wir streiten darüber, wer von uns die schönste Geschichte erzählen, wer die Herzen der anderen am besten rühren kann.»

Der das sagte, machte den Eindruck, als habe er schon viele Geschichten erzählt und erlebt.

Das Leben hatte Spuren in seinem Gesicht hinterlassen. Tiefe Furchen zogen von einer Augenbraue zur anderen. Die Augen waren schmal von der Sonne und wurden von wuchtigen Augenbrauen eingerahmt.

«Und was soll ich da machen?», wollte der Wirt wissen.

Der Alte ließ ein kaum merkliches Lächeln über sein Gesicht huschen.

«Sie brauchen sich nur zu uns setzen und urteilen.» Er machte eine umfassende Armbewegung. «Wir erzählen die Geschichten, Sie hören zu.»

Der Wirt überlegte. Eigentlich konnte nichts passieren. Die würden sich anstrengen und er hätte seinen Spaß.

«Und was soll dabei am Ende herauskommen?»

Der Alte machte eine vielsagende Mine.

«Derjenige, der die ihrer Meinung nach bester Geschichte erzählt hat, bekommt die Zeche erlassen.»

‹Aha!›, dachte der Wirt, ‹was soll’s›. Wanderer hatten schon zu Urzeiten das Recht, als Berichterstatter und Unterhalter zu fungieren. Dafür bekamen sie freie Kost und Unterkunft. Diesem ehernen Recht wollte er sich nicht widersetzen.

«Gut. Aber wenn mir keine der Geschichten gefällt. Was, wenn ich sogar über der Erzählung einschlafen sollte?»

«Sollte das geschehen, können Sie gerne die Polizei rufen und wir werden ohne zu murren dem Amtmann folgen.»

Das war deutlich. Der Wirt ging darauf ein. So nahm der Abend seinen Lauf.

Der Wanderer mit den buschigen Augenbrauen nannte sich Hannibal. Er richtete seinen Oberkörper auf und rückte sich auf dem Stuhl zurecht.

Er nahm sich sogar die Freiheit, sich aus der Tabakdose des Wirtes zu bedienen, krümelte den Schnupftabak auf seinen Handrücken und sog ihn langsam und genießerisch in die Nase.

«Bestimmt», begann er, «kann sich jeder von Euch an einen Menschen erinnern, der alt, sehr alt war oder ist. Nun ist es bei solch alten Menschen oft so, dass sie mit den Jahren nicht mehr wissen, warum sie noch leben.» Er nieste kurz und laut und wischte die Nase mit dem Jackenärmel ab.

«Sie haben alles Erleidbare erlitten, haben alles Erlebbare erlebt. Sie haben geliebt oder gehasst, haben gelebt und sich am Leben erfreut. Dann, am Abend ihrer Tage, wenn sich alle und alles zurückgezogen haben, sehen sie keinen Sinn mehr.»

Hannibal holte Atem und entzündete eine Pfeife. Der Rauch des schlecht glimmenden Tabaks biss in der Nase. Dicke Schwaden stiegen auf und sanken wie Nebel herab. Lange und ohne ein Wort zu sagen, versuchte er die Glut zu entfachen. Es kamen nur schmatzende Geräusche aus seinem faltigen Mund.

Als es ihm endlich gelungen war, trank er einen Schluck Wein. Er warf einen Blick auf den leeren Becher und der Wirt brachte einen neu gefüllten Krug.

Etwas Geisterhaftes erfüllte die Atmosphäre. Jedem lagen Fragen auf der Zunge, und doch sprach sie keiner aus.

«Tja, wie soll ich sagen. So einen Menschen kannte ich lange. Fast mein Leben lang.»

Er war alt und gebrechlich geworden. Doch seine Gebrechlichkeit bezog sich weniger auf den Körper, als auf den Willen zum Leben. Immer öfter sprach er davon, dass für ihn das Leben sinnlos geworden sei, dass er sein Leben gelebt, seine Tage und Erfüllungen, seine Ängste und Freuden gehabt habe.

Nun, da ihn die Kinder verlassen hätten, da er Tag um Tag allein in seinem Haus sei, da die Tage von ihm wie spröde gewordener Schmutz abbröckelten, wolle er nicht mehr leben. Er begriff nicht, weshalb er weiterleben sollte und andere, junge Menschen einen oftmals sinnlosen Tod sterben mussten. Und in tiefer Verzweiflung ging er eines Tages zu seinem Pfarrer.

«Warum Ehrwürden, warum muss ich leben?», fragte er. «Wozu soll ich noch da sein, wozu mich Tag um Tag über die Stunden quälen, ohne zu wissen, wofür?»

Der Geistliche war bestürzt über diese Frage.

Er sagte etwas von Bestimmung und Gottes Plan. Er sagte auch etwas über das Leben, das doch zu schön sei, um es einfach wegzuwerfen. Der Alte solle solche Gedanken gar nicht haben. Nicht nach einem erfüllten Leben.

Der Alte hörte nur mit halbem Ohr hin.

All das hatte er schon einmal gelesen, hatte es damals in der Schule im Katechismus vorgebetet bekommen, hatte es sogar seiner sterbenden Mutter als Trost ins Ohr geflüstert, als diese im Todeskampf am Glauben zu verzweifeln drohte. Sie wollte noch leben und durfte nicht.

«Mutter, wir wissen nicht, wozu es gut ist, aber wir müssen uns fügen.», hatte er ihr gesagt. Es war schon sehr lange her, zu lange, als dass er sich seiner Worte und ihrer heilenden Wirkung erinnern konnte. Die Mutter war damals in Frieden eingeschlafen.

Nun aber wollte er selbst einschlafen, für immer schlafen, doch dieses verdammte Herz in seiner Brust hämmerte Tag um Tag. Jeden Morgen trieb es ihn aus dem Bett, schien mit jedem Schlag ihm zuzurufen: Steh auf!

Und an jedem Morgen sagte er sich: Nein!

Er sagte sich immer öfter dieses Nein, doch es blieb ohne Wirkung.

Einmal versuchte der Alte, das Schicksal zu zwingen. Er blieb einfach liegen. Und als die Nachbarin an seine Tür klopfte, ihn im Bett liegend fand, sagte er: Ich muss sterben, und blieb liegen.

Er nahm es sich fest vor. Wenn er beim Sterben vergessen worden war, dann wolle er an sich erinnern. Denn, so hatte er auch gelernt: Gott sieht alles!

Der würde ihn schon sehen, hier im Bett.

Wenn er sich anstrengen würde, hätte Er vielleicht ein Einsehen und würde sich sagen, dass er viel zu krank und zu alt war zum Leben. Dann würde er sterben dürfen.

Das stellte er sich schön vor, wie eine wunderbare, ewig dauernde Wanderung. So wie in seiner Kinderzeit, als er mit dem Vater durch die sonntäglichen Wälder zog, rechts und links des Weges den Farn mit einer Gerte peitschend.

Und am Ende des Weges würde ein Licht sein, so groß, dass es alles zu verschlingen drohte. Er würde hineingehen in dieses Licht, würde selbst Licht werden.

Hannibal machte eine Pause, denn seine Pfeife war erkaltet und der Wein warm geworden. Er trank den sauren Rebensaft in einem Zug und fingerte in der Hosentasche nach einem Zündholz.

Beim Saugen am Mundstück entstand wieder das schmatzende Geräusch, welches der Schwäche seiner Lippen geschuldet war.

Auch seine Zuhörer nutzten die Pause zu derlei Dingen.

Der eine trank und rülpste danach wie ein Landsknecht, der andere reinigte seine vergilbten Zähne mit einem abgebrochenen Zündholz. Nur der Wirt saß da und konnte es kaum erwarten, bis es weiterging.

«Und was war nun mit dem Alten?»

Hannibal sagte nichts, doch einer seiner Kumpane wandte sich an den Wirt.

«Eine gute Geschichte will überlegt sein, Herr Wirt. Sie braucht, wie ein guter Wein, Pausen, um zu reifen. Und wie bei einem guten Mahl muss man sich zwischendurch den Nachgeschmack wegspülen, um das Aroma der gesprochenen Sätze nicht mit in die weitere Erzählung hineinzunehmen.»

Der Wirt schwieg betreten.

«Entschuldigt bitte die Ungeduld.»

Hannibal hatte sich ausreichend gestärkt, denn er mischte sich ein.

«Aber warum streitet Ihr. Es ist doch für mich nur ein Lob, wenn sich der Wirt und Schiedsrichter nicht beherrschen kann.»

Seine Freunde und Erzählpartner wandten sich gegen ihn.

«Was soll das heißen? Du versuchst, den Wirt zu beeinflussen. Er wird nicht unbefangen urteilen können, wenn Du ihm so um den Bart gehst.»

Hannibal versuchte zu glätten, was sich zur Flut erhob.

«Nicht doch Freunde, das liegt mir fern. Ich will ein gerechtes Urteil. Und deshalb werde ich weiter berichten.»

Er sog noch einmal an der Pfeife, und verbreitete ihren unangenehmen Dunst.

Erste Geschichte – Der Alte und die Bäume

Wie gesagt, er hatte keine Lust mehr am Leben, hatte den Genuss daran verloren. Doch er durfte nicht sterben. Irgendetwas hinderte ihn daran, sich aus dem Leben zu schleichen.

Was wollte er noch im Sein, wenn es kein Dasein war. Und in einer dieser Phasen besuchte ich ihn.

Er saß in einem tiefen Sessel vor seinem Haus und schien sich zu wärmen. Es war ein fast lächerliches Bild, das er in dieser Pose bot.

Die Haare waren ungepflegt, die Haut von mangelnder Pflege gegilbt. Auf seinem Gesicht lag eine Anspannung, wie man sie nur bei Schwerstarbeitern kennt, nachdem sie ihr Tagewerk beendet hatten. Alles an ihm schien eine Mischung aus Spannung und Entspannung zu sein. Er wirkte verklärt und doch angestrengt. Wenn man sich still neben ihn setzte, hatte man den Eindruck, man könne seine rasenden Gedanken knistern hören.

Ohne ein Wort zu sagen, setzte ich mich dazu.

Er schien mein Kommen nicht bemerkt zu haben, schien von seinen Gedankengängen so weit entrückt zu sein, dass er die hiesige Welt nicht mehr wahrnahm.

Nach fast einer Stunde des Wartens hatte ich den Mut, ihn anzusprechen. Es konnte ja auch etwas Ungewöhnliches passiert sein. Er konnte krank geworden, am Verzweifeln sein und Hilfe brauchen. Aber wie sollte man einem Menschen helfen, wenn man nicht wusste, was ihn bedrückte.

«Na Alter, was ist los? Du bist so still», fragte ich.

Erst da sah er mich an.

In seinem Blick waren Fragen über Fragen. Alles an ihm schien nach Antworten zu suchen.

Wenn Ihr einmal einen Menschen so gesehen habt, werdet Ihr verstehen, was ich meine. Das vergisst man sein Leben lang nicht.

Der Alte schien völlig gebrochen.

Mit einem Zittern, das seinen ganzen Körper schüttelte, lehnte er sich an mich und begann zu weinen. Große, bittere Tränen rannen über seine Wangen und durchnässten meine Jacke. Ich hatte das Gefühl, als würden sie den Stoff verbrennen. Als ich die Nässe auf der Haut spürte, als seine Tränen selbst die letzte Stofffaser meiner Jacke durchdrungen hatten, erfasste mich tiefes Mitleid.

Dieser Alte zeugte vier Kinder. Sie mit seiner Hände Arbeit versorgt, sich, wie er sagte, für sie abgeschunden. Nun war er allein.

Seine Frau war schon seit einigen Jahren tot, und die Kinder hatten ein leichteres Auskommen gefunden. Einmal im Jahr, wenn überhaupt, kamen sie mit ihren Kindern, seinen Enkeln. Er kannte die kleinen Geister kaum. Sie nannten ihn immer Onkel.

Ich hatte damals eingewandt, «Deine Kinder müssen ihnen doch gesagt haben, wer Du bist.»

Der Alte hatte nur mit den Schultern gezuckt.

«Ach die, die haben andere Sorgen. Zum Beispiel, wie sie das neue Auto bezahlen.»

Die Bitterkeit seiner Worte war nicht zu überhören, obwohl er darüber lachte. Nun weinte er sich aus.

Zum ersten Mal, seit ich ihn kannte, erlebte ich ein solch offenes Gefühl bei ihm. Als er seine Tränen getrocknet hatte, sah er mich mit leerem Blick an.

«Mein Sohn, der Peter, Du weißt, wen ich meine. Mein Sohn ist tot!»

Ich erwartete Tränen, doch seine Augen blieben trocken. Er sah mich nur seltsam an.

Ich wollte ihm irgendetwas sagen. Wollte ihm sagen, wie leid es mir tut, ihm mein Mitgefühl ausdrücken. Es ging nicht. Die Worte blieben mir im Halse stecken, waren dort gleichsam angewachsen.

Dieser Mann hatte vieles erlebt, hatte selbst in seiner Verlassenheit immer darauf gehofft, den Hof an seinen einzigen Sohn weitergeben zu können. So wie er ihn von seinem Vater erhalten hatte. Nun trat eine neue Leere in sein langes Leben. Das ließ mich schweigen.

Was konnte diesen Mann noch trösten? Wohl bloß die eigene Erlösung. Doch was war für ihn Erlösung? Wie sollte seine Seele geheilt, wie Sorgen und Verzweiflung von ihm genommen werden? Ich war hilflos und konnte ihm nur über die Schulter streichen.

«Das ist so schade», war alles, was ich noch sagen konnte, «Das ist so schade.»

Er nickte stumm.

Wir saßen den ganzen Nachmittag vor dem Haus. Keiner sagte dem anderen etwas Belangloses. Nur sitzen und denken, denken und erinnern, erinnern und in sich hineinreden, war alles, was wir konnten.

Worte der Trauer zogen ihre Bahnen in meinem Hirn und ließen keinen Platz für andere.

Unter anderen Umständen hätte ich sie ausgesprochen, in der selbsttrügerischen Hoffnung, etwas Kluges zu sagen. Doch hier, in der allgegenwärtigen Beklommenheit, wagte ich es nicht. Alles was tiefgründig erschien, verlor an Gewicht. Erfahrungen wurden unsinnig. Jedes Wort verlor an Kraft, ehe es gedacht war.

Es dunkelte früh an diesem Tag. Und der Alte kommentierte das mit den Worten: Gott verhängt seine Fenster vor meinem Leid.

Die Zweifel des Alten, die Bitternis seiner Tage schwangen in diesen Worten mit. Wir gingen zu Bett.

Ich konnte lange nicht einschlafen. Dachte darüber nach ob ich, der ungebunden jeden Tag durch das Land zog, tatsächlich freier war als der Alte. Trieb mich nicht nur die Angst davor, dieses Elend zu erleiden? Oft hatte ich mich nach einem Heim, einer Familie gesehnt. Hatte mein Dasein als Wanderer verflucht. Doch in dieser Nacht bestätigte sich meine Lebensphilosophie.

Zugegebenermaßen war ich in meiner Freiheit gewissen Zwängen unterworfen, lief aber wenigstens nicht Gefahr, wie der Alte eines Tages zu zerbrechen.

Der Alte schlief schlecht. Stundenlang hörte ich sein Bett knarren, hörte sein Stöhnen und seine Rufe nach dem Sohn. Jeder schnitt mir ein Stück aus der Seele. Gegen Morgen schlief er endlich ein.

Die Last des Tages hatte ihn eingeholt und gab ihm den notwendigen Schlaf. Als wäre sein Schnarchen für mich das erlösende Signal, schlief ich auch ein.

Am Morgen erwachte ich kurz und vernahm aus der kleinen Küche geschäftiges Treiben.

Er war schon aufgestanden, hatte seinen Rhythmus wiedergefunden. Mit diesem Gedanken schlief ich erneut ein.

Als ich dann gegen Mittag erwachte, hörte ich nichts mehr. Über dem Haus des Alten lag eine Stille, als hätte man ein Tuch darüber geworfen. Beunruhigt stand ich auf.

Der Alte war weg. Überall im Haus, auf dem Anwesen suchte ich ihn und fand nur eingedrückte Blecheimer mit Korn und Federvieh. Er war verschwunden, ohne einen Hinweis auf seinen Aufenthalt zu hinterlassen.

In dieser Situation konnte ich nicht weiterziehen. Es vergingen zwei Abende und zwei Morgen, der Alte blieb aus.

Das machte mich unruhig. War er so verzweifelt, dass man mit allem rechnen musste? Einen Tag wollte ich noch warten. Einen Tag mir einreden, dass ich das alles nur träumte.

Am vierten Tag, als ich die Hoffnung auf seine Rückkehr schon fast aufgegeben hatte, erwachte ich in meinem Bett und hörte die bekannten Geräusche aus der Küche.

Ohne mich lange zu besinnen, stand ich auf und ging zu dem Alten.

Mein erster Gedanke war, seine Abwesenheit war eine Fantasie. Doch ein Blick auf den Kalender belehrte mich eines Besseren.

Er wirkte im Gegensatz zu dem Tag seines Verschwindens völlig entspannt. Mit Ruhe und Bedacht verrichtete er jeden Handgriff. Sein Gesicht wirkte fast schön. In den Jahren unserer Freundschaft hatte ich ihn nie so erlebt.

Er bereitete das Frühstück, als hätte er das schon immer für uns getan. Deckte den Tisch. Er wies mit seiner knochigen Hand auf einen Stuhl und forderte mich zum Platznehmen auf.

«Setz Dich, mein Junge, und lass uns essen», war alles, was er sagte.

Ich setzte mich, obwohl mir die Anrede seltsam vorkam.

In seiner Stimme schwang keine Bitterkeit mehr. Da waren nur Wärme und Hoffnung, wie sie ein winterliches Kaminfeuer verbreiten kann.

Wir aßen, und ich bemerkte bei ihm einen ungewohnten Appetit.

‹Was ist mit ihm los?›, dachte ich bei mir. Warum auf einmal dieser Sinneswandel? Hatte ich alles doch nur geträumt? Auch die Nachricht vom Tod seines Sohnes? Er ließ mir meine Zweifel, vielleicht bemerkte er sie nicht einmal.

Als die Sonne sich anschickte, ihren höchsten Punkt zu erreichen, schien ihm der Moment gekommen, mich in sein Geheimnis einzuweihen.

Hannibal machte wieder eine Pause. Er stopfte sich eine neue Pfeife, wobei er zuvor die Wurzel gründlich reinigte. Mit tiefen Zügen inhalierte er den ersten Rauch. Mit jedem Zug wurde sein Gesicht verklärter, als gewinne er Abstand zu der Geschichte, als verarbeite er die Geschehnisse. Sogar die Falten auf seiner Stirn glätteten sich.

Der Rauch verteilte sich über die Runde der Zuhörer und hielt sie wie eine wärmende Decke zusammen.

Hannibal rührte mit einem Strohhalm im Glas herum. Als würde er im entstehenden Strudel seine Worte wiederfinden, begann er aufs Neue.

Wir saßen vor dem Haus, und die Sonne schien die Gedanken des Alten aufzutauen.

«Du wirst Dich gefragt haben, wo ich in den letzten Tagen war. Vielleicht hast Du Angst um mich gehabt, Dich vielleicht sogar nach mir gesehnt. Ich weiß es nicht. Aber ich war nicht allein. Ich war, Du wirst über mich lachen oder mich für verrückt erklären. Ich war bei GOTT.»

Er beobachtete meine Reaktion mit einem Seitenblick. Und ich muss zugeben, dass bei mir Sorgen um seinen Geisteszustand aufkamen.

«Wie? Du warst bei Gott.»

Der Alte setzte ein wissendes Lächeln auf. Wisst ihr, so wie Lehrer es haben, wenn sie eine Frage stellen und die richtige Antwort kennen.

«Du verstehst mich vielleicht nicht richtig. Ich habe es Dir auch nicht richtig gesagt.» Er fuchtelte mit den faltigen Händen.

«Ähm, nicht ich war bei Gott, sondern ER war bei mir.» Ein Lächeln zog seinen Mund glatt.

«Nicht wieder was Falsches denken. Ich hab‘ ihn nicht gesehen, nicht gehört, wie ich Dich höre und sehe. Doch ER hat zu mir gesprochen.»

Das wollte ich wissen. Was hatte der Alte erlebt, was war ihm widerfahren? Also fragte ich ihn frei heraus.

Der Alte nahm meine Hand in die seinen und machte ein geheimnisvolles Gesicht.

«Als Du neulich gekommen bist und ich Dir von meinem neuerlichen Unglück erzählt habe, konnte ich die ganze Nacht nicht so richtig schlafen. Immer wieder habe ich versucht herauszufinden, weshalb ich so geprüft werde.» Er wies mit dem Finger in den leeren Raum.

«Meine Kinder haben sich von mir zurückgezogen. Meine Frau ist schon lange tot, mein Hof, ja mein ganzes Leben hat an Sinn verloren. Immer wieder habe ich im Gebet gefragt, warum ich als Einziger weiterleben muss.» Er tupfte sich mit einem verwaschenen Taschentuch die Augen.

«Es gab keine Antwort, sondern neue Prüfungen und Qualen. Jeder Tag, den ich leben musste, war für mich ein weiteres Elend. Und oft habe ich mir gewünscht, das Haus breche über mir zusammen.» Dabei machte er eine ausladende Bewegung mit den Armen in Richtung Decke.

«Nichts dergleichen geschah, keine Ruhe, keine Erlösung für mich. In den vergangenen Jahren war mein Dasein nur darauf gerichtet, für meinen Sohn den Hof zu erhalten. Nun war alles umsonst. Als ich diese Nachricht erhielt, hatte ich auch den letzten Sinn meines Lebens verloren.»

‹Sag es schon!›, schrie es in mir.

«Ich gebe es zu», fuhr er fort, «ich hatte vor, mich aus dem Leben zu stehlen. Hatte mir einen Strick mitgenommen.» Mit einer flinken Bewegung um den Hals unterstrich er seine Worte.

«Doch zuvor wollte ich es wissen, wollte von IHM hören, warum er mich so quälte.» Er wies mit der Stirn in Richtung des Kruzifixes über der Tür.

«Ich ging in den Wald. Ging tief hinein, immer in der Absicht, eine Stelle zu finden, an der ich sicher vor Entdeckung wäre.» Der Alte trank einen Schluck des frisch gebrühten Kaffees.

«Die Zweige hingen zunehmend tiefer, der Weg wurde immer mühsamer. Nichts hielt mich auf. Der Farn schnitt mir in die Finger, ich ging weiter. Wenn ich Geräusche hörte, hoffte ich, es sei irgendein wildes Tier, das mich anfallen und töten werde. So gelangte ich an eine Stelle, von der ich keine Ahnung hatte, dass es sie gibt.» Er blickte mich Antwort heischend an, ohne eine zu erwarten.

«Du weißt doch, dass ich den Wald wie meine Westentasche kenne. Und doch hatte ich noch nie zu dieser Stelle gefunden.» Der Alte machte dabei ein Gesicht, als würde er über die ewige Belehrbarkeit des Menschen sprechen.

«Die Stelle war wunderschön.» Er strich mit der Hand durch die Luft, als würde er ein Bettdeck glatt streichen.

«Das Gras am Waldboden schmiegte sich schmeichelnd an meine Füße. Die Stämme der Bäume sahen aus, wie auf einem Zeichenbrett entworfen, so perfekt waren sie. In den Ästen der Tannen hingen so prachtvolle Zapfen, dass es jedes Eichkaterherz erfreut. In der Luft war ein Flirren, schön wie eine träumerische Melodie.» Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht.

«Ich ging wie betrunken durch dieses Waldstück, bis ich auf eine Lichtung trat. Sie war ganz mit Moos bedeckt, das eine so satte Farbe hatte, dass sogar mir das Wasser im Mund zusammenlief. Ja, dachte ich, hier ist der richtige Platz, um aus dem Leben zu gehen, hier wird sogar das Sterben zur Freude.» Sein Gesicht erhellte sich, als hätte er die Letzte aller Weisheiten erfahren.

«Mitten auf der Lichtung standen zwei Pappeln. Beide gleich groß, doch die eine schien schon sehr alt zu sein.

Ihre Blätter waren dunkler, ihre Rinde war von tiefen Furchen durchzogen. Als ich zu ihrem Wipfel hinaufblickte, sah ich, dass sie hier und da schon kahle Stellen zeigte. Sie war alt, doch unendlich schön.» Wieder erhob er seinen Arm, wies zur Zimmerdecke und darüber hinaus.

«Die kaum zehn Meter davon entfernt stehende Schwester war ebenso schön, jedoch war sie von einem frischen Grün. Ihre Blätter breiteten sich wie unzählige Fächer über alles Leben unter ihr. Sie stand stolz aufgerichtet mit glatter ebenmäßiger Rinde. Es stand das junge Leben neben dem alten, verbrauchten. Ich fragte mich, was das bedeuten sollte.» Er runzelte fragend die Stirn.

«Die alte Pappel hatte sicherlich ihre Aufgabe erfüllt und würde von einem Förster schon bald zum Fällen freigegeben werden. Was sollte sie noch hier? Ich setzte mich zwischen die beiden Bäume. Meine Hände fanden zusammen und ich begann zu beten.» Er faltete tatsächlich die Hände.

«Ich betete darum, doch endlich zu erfahren, wozu ich noch da war. Bat darum, zu wissen, warum eine Prüfung nach der anderen mich ereilte. Weshalb ich keine Erlösung von dem Elend fand. So saß ich einen Tag und eine Nacht, saß und betete. Nichts tat sich.» Enttäuschung machte sich auf seinem Gesicht breit und deckte das Lächeln, wie eine frische Schneedecke zu.

«Als ich lange genug gewartet hatte, ohne eine Antwort zu finden, stand ich auf und ging auf eine der Kiefern am Rande der Lichtung zu. Es kostete mich einige Mühe, den Baum zu erklimmen, mich mit einer Hand zu halten und das Seil mit der anderen zu befestigen.

Als ich es geschafft hatte und schon die Schlinge formte, hörte ich ein berstendes Geräusch hinter mir. Dem Bersten folgte ein Pfeifen, und im selben Augenblick glaubte ich, ein unendlich schmerzerfülltes Stöhnen zu hören. Ich drehte mich um und sah, dass eine der Pappeln umgestürzt war.

Das alles nahm ich zunächst nur unbewusst wahr, doch dann sah ich, dass nicht der alte, verbrauchte der beiden Bäume zu Boden gestürzt war, nein, es war die frische, die junge Pappel. Das interessierte mich sehr.»

Ich klebte an seinen Lippen, als wäre ich dort festgefroren.

«Jeder Mensch weiß wohl, wie hart das Holz dieses Gewächses ist. Warum brach eine junge, voll und satt grünende Pappel zusammen? Ich ließ mich von meinem Hochstand heruntergleiten und ging zum gerade gestorbenen Baum.» Wieder huschte ein Lächeln über sein Gesicht, von dem nur er wusste, was es zu bedeuten hatte.

«An der gestürzten Pappel angekommen, bemerkte ich zunächst nichts Ungewöhnliches. Jedoch als ich mir den kaum über den Boden hinausragenden Stumpf ansah, stellte ich die Ursache für den frühen Tod des Baumes fest. Der Stamm war fast völlig ausgehöhlt, hatte im Inneren eine ungesunde grün - braune Farbe angenommen. Es wurde mir übel von dem fauligen Geruch, der dieser Ruine entströmte.» Der Alte rümpfte die Nase. Wedelte vor seinem Gesicht herum.

«Es stank ekelerregend. Ich wusste nicht, dass Holz so riechen kann. Der Baum war trotz seiner äußerlichen Erscheinung schon sehr lange dem Tode geweiht, hätte sicherlich bald seine Blätter verloren, wäre ein langsames trauriges Ende gestorben.» Er nickte heftig in meine Richtung.

«Ja, ich glaube, dass auch Bäume sterben. Und wenn schon nicht sie, dann doch die Tiere, die ihn als Nahrung brauchen. Bei diesem Gedanken blickte ich zu dem alten Baum. Was ich da sah, ließ mich alle Antworten finden, die ich jahrelang gesucht hatte.

Am Fuß der alten Papel tummelte sich allerlei Getier, suchte Schutz und Nahrung. Dieser Baum hatte seine Daseinsberechtigung, war noch mit Sinn im Leben.» Das Lächeln des Alten wechselte in den Zustand tiefer Erkenntnis. Solche Erkenntnis, wie sie nur ein im Glauben ruhender Mensch haben kann.

Ihr habt sicher alle schon einmal ein Bild Buddhas gesehen. Ein solches Lächeln meine ich.

«Während der andere nur noch eine Hülle war, die über sein wirkliches Leiden hinwegtäuschte, war dieser ganz auf die bedacht, die ihn brauchten, und verschwendete nicht seine Kräfte an eine leere, zerfressene Hülle. Ich stand auf und ging aus dem Wald.» Er sank in sich zusammen, als wäre er bei etwas ertappt worden.

«Ich war noch keine fünf Minuten gewandert, da fiel mir ein, dass ich meinen Strick hatte hängenlassen. Also ging ich zurück, um ihn zu holen. Ich wollte ihn wiederhaben. Nicht, weil ich ihn nicht entbehren kann, nein, er sollte mir Erinnerung sein, wenn ich mal wieder verzweifele.

Und hol es der Teufel. Ich fand die Lichtung nicht mehr. Obwohl ich meinen Spuren folgte, blieb sie unauffindbar. Genau an der Stelle, wo sie noch zehn Minuten zuvor war, fand ich nur Unterholz und Gestrüpp. Ich begriff alles und ging leichten Herzens nach Hause.» Der Alte trank seinen inzwischen wohl kalt gewordenen Kaffee mit einem Zug aus.

«Unterwegs überfiel mich die Sorge um Dich. Und ich schämte mich dafür, dass ich Dich bestimmt geängstigt hatte. Es muss schlimm gewesen sein, und es tut mir aufrichtig leid.»