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dreimeterdreißig E-Book

Jaqueline Scheiber

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Beschreibung

Ein ungleiches Paar, eine Altbauwohnung und eine Nacht, die alles verändert. Ein schmerzhaftes und wunderschönes Buch über die Liebe, das Leben und was bleibt Drei Meter dreißig, so hoch sind die Wände der Wiener Altbauwohnung, in der Klara und Balázs leben. Zwischen knarzendem Parkett und weit geöffneten Flügeltüren sind sie gerade dabei, sich ein gemeinsames Leben aufzubauen. Doch eines Nachts verändert sich alles, Balázs liegt reglos im gemeinsamen Bett und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt. Was bleibt von einer Liebe, wenn ein Leben endet? Wer ist man, wenn man seine Heimat verlassen hat und eine fremde Sprache spricht? Zählt die Geschichte – oder vielleicht nur eine Kaffeetasse im Spülbecken, ein letzter Blick in den Spiegel? Und wenn all das entgleitet, kann man die Zeit anhalten? Ein intensives, bildreiches Kammerspiel, das tief in die existenziellen Fragen des Lebens eintaucht, von der Liebe erzählt und der Unfähigkeit, sie zu verlieren. Ein Buch, das erdet und zugleich schwerelos werden lässt. »Jaqueline Scheiber lässt uns alles fühlen. Dieses Debüt ist gewaltig!« Eva Reisinger »Wenn Verletzlichkeit und Selbstbewusstsein miteinander tanzen. Dann sind wir mittendrin in Jaqueline Scheibers Kunst!« Manuel Rubey

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über das Buch

Kann man dem Leben entkommen?

Drei Meter dreißig, so hoch sind die Decken der Wiener Altbauwohnung, in der Klara und Balázs leben. Zwischen knarzendem Parkett und weit geöffneten Flügeltüren sind sie gerade dabei, sich ein gemeinsames Leben aufzubauen. Doch eines Nachts verändert sich alles, Balázs liegt reglos im gemeinsamen Bett und ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt.

Was bleibt von einer Liebe, wenn ein Leben endet? Wer ist man, wenn man seine Heimat verlassen hat und eine fremde Sprache spricht? Zählt die Geschichte – oder vielleicht nur eine Kaffeetasse im Spülbecken, ein letzter Blick in den Spiegel? Und wenn all das entgleitet, kann man die Zeit anhalten? Ein intensives, bildreiches Kammerspiel, das tief in die existenziellen Fragen des Lebens eintaucht, von der Liebe erzählt und der Unfähigkeit, sie zu verlieren. Ein Buch, das erdet und zugleich schwerelos werden lässt.

„Ich hasse diesen Roman, weil er so wehtut. Und ich liebe ihn, weil er so zart, so brutal und so fein konstruiert ist.“ Caroline Wahl

„Wenn Verletzlichkeit und Selbstbewusstsein miteinander tanzen, dann sind wir mittendrin in Jaqueline Scheibers Kunst!“ Manuel Rubey

„Jaqueline Scheiber lässt uns alles fühlen. Dieses Debüt ist gewaltig!“ Eva Reisinger

Über Jaqueline Scheiber

Jaqueline Scheiber, 1993 geboren, im Burgenland aufgewachsen, lebt und arbeitet in Wien. Als Minusgold bekannt geworden, studierte sie Soziale Arbeit und arbeitete bis 2022 mit Suchterkrankten sowie im Kinder- und Jugendschutz. Nach zwei plötzlichen Todesfällen im engsten Umfeld setzte sie sich öffentlich mit junger Trauer auseinander und war Mitbegründerin des Young Widow_ers Dinner Club. Sie veröffentlichte vier Bücher, u. a. „Offenheit“ (Kremayr & Scheriau 2020) und „Ungeschönt“ (Piper 2023). „Dreimeterdreißig“ ist ihr erster Roman.

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Jaqueline Scheiber

DREI METER DREISSIG

Roman

In jedem Leben kommt der Augenblick, in dem die Zeit einen anderen Weg geht als man selbst.

Man lässt die Mitwelt ziehen.

Roger Willemsen

INHALT

DIE UHR TICKT

TICK TACK

UNTER MEINER MILDEN MINE

TACK

WACHSEN DIE WORTE ZUSAMMEN

TICK TACK TACK TICK

DER AUCH IN ANDREM LICHT

TICK TACK

SICH NICHT SO SKARK VERÄNDERT WIE BEISPIELSWEISE DER KAHLE BAUM

VOR MEINEM KÜCHENFENSTER ODER DIE BLAUE PLASTIKPLANE ÜBER DEM BAUSCHUTT VOM VORIGEN JAHR

UNS UNABHÄNGIG VON DEN WITTERUNGEN—

UND SCHON IST DER SOMMER VORBEI.

TACK

AM FENSTER HAFTEN DIE TROPFEN VEREINZELT. DIE GIEBEL

TACK TACK TACK

STEHEN VERGRABEN IN DEN WOLKEN.

ANDERS ALS DEN VÖGELN,

TICK TICK TACK

DIE BEIM DURCHPICKEN DES DUNKELS

VERGESSEN, FÄLLTS

TACK TICK TACK TICK TACK

MIR AUF DICH BEZOGEN SCHWER.

TICK TACK

KRANICHGLEICH IST.

TACK TICK TACK

WILL ICH, DICH GEHEN

ZU SEHEN, MIT LANGEN BEINEN, FEDERLOS

TICK TICK TICK

DIESE LANDSCHAFT ODER TÜR.

TICK TACK

DIE ZIEHT ZEIT

ZWISCHEN IMMER UND EWIG

DANK—SAGUNG

FÜR DICH

Für Klara

DIE UHR TICKT

Das Kissen war nass. Die Luft stand. Die Wärme flachte ab, sie wich aus dem Raum, weg von den Körpern, die sich nur zaghaft darin begriffen, nicht mehr hierherzugehören. Nicht in dieser Konstellation. Nicht in diesem Abstand. Nicht in einem Grundriss, der jetzt kein Zuhause mehr war. Zwei Bilder hatten es bisher gerahmt an die Nägel in der spröden Wand geschafft, ein Stück Putz war herausgebrochen, deswegen stand das dritte Bild angelehnt im Wohnzimmer, wartend, mahnend, zuversichtlich, dass es einmal Ränder eines Alltags an den alten Mauern hinterlassen würde.

Hier, das war ein abgedunkeltes Schlafzimmer im Schatten der Nacht, wo nur das bläuliche Leuchten eines Bildschirms die Konturen zweier Menschen ausmachen ließ. Es hätte jedes Schlafzimmer sein können, in jeder Stadt, an einem beliebigen Punkt eines jeden Lebens, wie er mit Sicherheit schon unzählige Male Einzug in andere Räume gehalten hatte, aber diesmal war es hier geschehen, in Wien, im dritten Stock eines stattlichen Gründerzeithauses an einem Donnerstag, wobei es genau genommen schon Freitag war, nach Mitternacht, aber genau nahm sich zu dieser Stunde nichts mehr.

Es war spät, es war zu spät in Anbetracht der Tatsache, dass zwei ihr bisher gewohntes und gepflegtes Inventar auf den Kopf stellen mussten. Zwei, doch nur einer von ihnen sah sich gezwungen, mit dem Auseinanderziehen der zuvor sorgsam verwobenen Stränge ihrer Leben zu beginnen. Oder dagegenzuhalten. Man könnte es so bezeichnen: einen Zug, einen Ruck entgegen allen Erwartungen. Exakt an dieser Stelle, wo mit nichts zu rechnen war und alles in Frage stand.

Da waren zwei, die müde und erschöpft von den vorangegangenen Tagen in Ermangelung von Licht zu verblassen drohten, erschlaffte Arme parallel zu einem rasenden Herzschlag. Sie weigerten sich der Veränderung Einlass zu gewähren, obwohl sie schon da war. Zwei Menschen und eine Veränderung, das war eines zu viel.

Es war die alte Gastherme, die in der Stille der Nacht aus dem Badezimmer ratterte. Unbeirrt erhitzte sie Wasser, um es durch die knarzenden Leitungen bis in den Heizkörper neben dem Bett zu pumpen. Klara hasste dieses Geräusch, ein Klopfen, das sie häufig aus dem Schlaf riss. Jetzt diente es als Beweis, dass es wahr war. Die Wärme und ihre Abwesenheit. Das Rattern war alles, was noch zu hören war, als das Fremde die Zeit anhielt. Ein letzter verbliebener, funktionierender Kreislauf, dachte sie. Etwas, was sich trotz allem fortsetzte. Und viel mehr dachte sie schon nicht mehr, machte stattdessen die Umgebung aus, holte ihre Sinne zurück in den Moment. Was sie sah, hatte den Anschein, von der Veränderung unberührt zu sein. Ein Raum im Lichtkegel der Straßenlaterne vor dem Fenster, ein Ausblick, den sie in steter Wiederholung nicht bewusst wahrgenommen hatte.

Das nasse Kissen war unbrauchbar geworden für den Schlaf, der nicht kommen sollte, gemasert von schwarzen Striemen, die ein unregelmäßiges Muster auf dem weißen Textil hinterließen. Es war für etwas anderes gedacht, das Kissen, jetzt wurde es allenfalls zu den Beweisen dazugezählt. Es waren die Gegenstände der intimsten Umgebung, die Zeugen eines Bruchs wurden und ihn für immer bewahren würden. Bilder, die sich hinter die Augenlider brannten.

Klara saß am unteren Ende der Bettkante, gebeugt, als könnte sie damit die Wärme bei sich behalten und ihr Herz schützen, das zu ihrer Verwunderung ohne jegliches Zutun weiterschlug. Sie spürte das Pochen im Hals, in den Fingerspitzen, an den Lippen. Obwohl sie es wusste, ging sie instinktiv in Position, um sich vor einem Nachbeben zu bewahren, das nicht kam. Sie hielt das Telefon in der Hand, hielt es noch immer oder schon wieder, doch jetzt hielt sie es nah vor ihr Gesicht, auf dem Display wechselten sich Kombinationen aus Symbolen und Namen ab. Durch das feste Gedrückthalten zweier Tasten wurde es schwarz und erlosch, wie der letzte Millimeter eines Kerzendochts. Und es wurde finster.

Er lehnte gegenüber am Kopfende, aus seinen Armen war die Spannung gewichen. So lag er da, die Beine ausgestreckt, den Blick von ihr abgewandt, wie erstarrt, dachte Klara. So einen befremdlichen Blick hatte sie noch nie an ihm gesehen. So einen Blick hätte sie nie bei ihm vermutet. Wieso sah er sie nicht an? Fragte sie sich, doch sie sprach es nicht aus. Das zuvor Gesagte war nur zögerlich durch den Raum mit den drei Meter dreißig hohen Decken gedrungen. Was war gesprochen worden? Sie erinnerte sich nicht. Es war verpufft, noch bevor es den Plafond hatte erreichen können. Der Klang der Stimme war das Erste, das abhandenkommen würde.

Alles im Raum erinnerte an eine Zuneigung; die bestickten Baumwollpantoffeln vor dem Bett, eine Lichterkette aus kleinen Glühbirnen am Kopfteil, zwei Pflanzen, in deren feuchter Erde jeweils Holzfiguren mit aufgeklebten Wackelaugen steckten. Zwischen dem massiven Eichenschrank und dem Türstock unterbrach ein bunt gewebter Teppich das Muster des Fischgrätenparketts. Schwarzweiße Fotoautomatenstreifen, die ein Paar abbildeten, das es schon in diesem Moment nicht mehr gab. Nichts in diesem Raum ließ einen Hinweis auf den Riss zu, der schon geschehen war. Von jetzt auf gleich.

Es war keine Entscheidung, zumindest keine, für die Klara zuvor Argumente hätte sammeln können. Zwei Gegensätze prallten aufeinander, schrille Ausschläge, weiche Konsonanten, etwas, was man mit jemandem geteilt hatte, wurde von der Härte abgelöst. Eine Härte, die das Ende markierte. Er war tot.

TICK

TICK TACK

Oder träumte sie? Oft träumte sie vom Tod, nachts konnte sie nicht unterscheiden, ob sie wach oder im Schlaf versunken war. Meistens träumte sie von ihrem eigenen, aber abwegig erschien es ihr nicht, dass sie nun ausgerechnet von seinem Tod träumen musste. Ihre erbarmungslose Fantasie, die es nie verfehlte, sie an die hässlichsten Orte des Vorstellbaren zu führen.

Wie eine Schlafwandlerin stieg sie vom Bett, nicht hastig oder überstürzt, aber zielstrebig lief sie zur Flügeltür und schloss sie hinter sich ohne einen weiteren Blick über die Schulter. Die Tür rastete ein, mit diesem befriedigenden Klacken, ein Geräusch, das sie mochte, etwas schließen. Und die Zeit blieb stehen. Das Trippeln ihrer Barfüße machte kaum ein Geräusch auf dem langen, schmalen Flur der Wohnung, mühelos wich sie den Schuhen und Taschen am Boden aus, in der Küche angekommen wusste sie schon nicht mehr, wie sie dahingelangt war. Sie stützte sich mit beiden Händen auf der Arbeitsfläche ab und warf dabei die Tasse um, die vom Morgen noch halb voll stehen geblieben war. Seine Lieblingstasse, auf der in dicken Lettern Serious Delirium stand, unterstrichen mit einer zackigen Linie. Auf der anderen Seite prangte ein Porträt des Schauspielers Bill Murray in Schwarz-Weiß auf der glatten Keramikoberfläche. Eine Zigarette steckte in seinem Mundwinkel.

Es war eine Abbildung aus Coffee and Cigarettes, einem Film von Jim Jarmusch, den er bei ihrem Kennenlernen häufig erwähnt hatte. Gespräche über Filmklassiker konnten ihn verlässlich aus seiner Schüchternheit locken. Seine Gesten wurden dann plötzlich breit und seine Stimme hob sich.

Klara fand sein Verhalten anfangs prätentiös und übertrieben, sie wollte unbeeindruckt von seinem Nischenwissen bleiben, aber irgendetwas daran war auch charmant und anziehend. Der Gegenstand der Leidenschaft war austauschbar, solange der Mensch eine Leidenschaft in sich trug, die ihn zum Aufflammen bringen konnte, dachte sie.

Es hätte einen gesamten Film gefüllt, die zusammengezählten Morgen, an denen sie ihn aus dem Augenwinkel an der Tasse nippen sah. Erst zögerlich, manchmal begleitet von einem Schimpfen, weil er zu gierig trank und sich die Lippen verbrannte. Dann mit einem Ruck die braune Brühe auf einmal herunterschüttend. „Ich bin spät dran“, sagte er daraufhin, obwohl er nie spät dran war. Zwischen sieben und halb neun morgens wechselten sie sich in einer unausgesprochenen Choreografie ab, kleine Überschneidungen im Zusammensein, im Beginnen der Tage. Klara ließ meistens ihr halb aufgegessenes Müsli auf dem Küchentisch stehen, wenn sie nachmittags nach Hause kam, war es stets weggeräumt. Aß er das Müsli? Oder warf er es weg? So wenig hatte sie zu tun mit den Aufgaben, die gemacht werden mussten. Umso mehr ärgerte sie sich jetzt darüber.

Er war doch sonst so akkurat und ordnungsliebend. Wie oft stießen sie sich daran, dass Klara alles herumliegen ließ und ihn damit zur Weißglut brachte, weil er es nicht ertragen konnte, wenn ein Raum den Anschein erweckte, bewohnt zu sein. Wieso ließ er an diesem Tag vielleicht zum ersten Mal in seinem Leben eine halb volle Tasse auf der Arbeitsfläche stehen? Klara wunderte sich. Der Kaffee hatte am Tassenboden einen braunen Rand gebildet, sie leerte den verbliebenen Inhalt in die Spüle und betrachtete die eingetrockneten Stellen an den Innenseiten wie Markierungen für eine Maßeinheit. Hatte er es am Morgen eilig gehabt? Klara erinnerte sich nicht. Sie erinnerte sich kaum noch an die Dinge, die wenige Minuten zurücklagen, ganz zu schweigen davon, wie der Tag begonnen hatte.

Später würde sie es als Zeichen deuten, als das erste Indiz der nahenden Katastrophe. Keine Handlung, kein Verhalten, sondern die Abwesenheit davon. Das Fehlen von neunzig Sekunden, in denen er mit seinen großen, rauen Händen den Unterkorb des Geschirrspülers zu sich heranzog, über die Rollen rattern ließ und präzise und platzsparend die leere Tasse einräumte. Eine Lücke, die die Größe der Dinge erst bemerkbar machte, als wäre die Summe all der geringgeschätzten Handgriffe das, was ein Leben ausmachte. Oder ihr Fehlen.

Klara sah an sich herunter, das Nachthemd hing schief über ihren Beinen, die rechte Schulter war freigelegt. Zwei rote Striemen zogen sich über den Unterarm, als sie ihn zu sich drehte. Es tat nicht weh, obwohl es sollte, doch spürte sie nur die Wärme, ihre eigene, mit der ihr Körper augenblicklich bemüht war, die minimale Störung der Hautbarriere zu beheben. Viele mikroskopisch kleine Teilchen eilten zur Hilfe, ohne gerufen worden zu sein. Wundheilung, dachte sie. Bei der Vorstellung wurde ihr schwindelig, in ihrem Kopf zersetzte sie sich millionenfach.

Unterbrochen wurde sie nur von dem plötzlichen Drang, sich zu übergeben. Der pelzige Geschmack in der Mundhöhle ekelte sie, im Magen rumorte es. Oder war es doch der Restalkohol im Blut, der sich nun rächte? So viel hatte sie nicht getrunken, dachte sie. Angestrengt versuchte sie den Abend zu rekonstruieren. Mit zusammengekniffenen Augen wühlte sie in ihrem Gedächtnis.

Licht. Barkeller. U-Bahn. Kuss. Torte. Nackenschmerzen. Nackenschmerzen? Bier. Zwei, drei. An einem Stamperl Berliner Luft nippen. Sie verzog ihr Gesicht bei der Erinnerung an den Geschmack. Die Damentoilette. Frederik. Frederik! Ihr Bruder hatte sie in einer Story erwähnt. Ein Bild. Drei Gesichter vom Blitz verzerrt. Lärm. Dunkelheit. Schnitt.

Klara tastete instinktiv ihr Gesicht ab, den Kopf, den Körper. Sie suchte nach einer Verletzung, nach einer Erklärung, doch alles, was ihr blieb, waren diese roten Abdrücke am Arm. Ohne zu wissen, was ihr Körper längst wusste: Sie war unversehrt und auch nicht.

UNTER MEINER MILDEN MINE

Vor der Trafik kramte Balázs in den Hosentaschen, irgendwo sollten noch zwei Münzen sein. Brösel. Ein Zellophanstreifen. Schlüssel. Keine Münzen. Selbst nach zehn Jahren in Österreich hatte er sich noch nicht daran gewöhnt, dass man mit Münzen etwas kaufen konnte. Münzen waren in seiner Heimat nicht mehr als wertloses Geklimper. Vier Euro zwanzig: eine Packung Zigaretten. Eintausendvierhundert Forint: drei Kugeln Eis. Er tastete den Oberkörper ab, wie bei einer Sicherheitskontrolle. Die Hemdtasche klirrte. Vier Euro. Verdammt! Mit leeren Taschen ging er zurück, bog von der Burggasse in die kurze Seitengasse ein und nahm den seitlichen Bühneneingang ins Theater.

„Kannst du mir eine schnorren?“, fragte er den Kollegen, der an der Tür lehnte. Freundlich streckte er ihm seinen Tabak entgegen. Balázs verzog keine Miene. Er mochte keine selbst gedrehten Zigaretten. Stumm stellte er sich zu ihm, mit einem Nicken bedankte er sich für die Großzügigkeit.

„Was steht an?“, fragte einer der hinzukommenden Schauspieler.

„Jetzt montieren wir das Drehgewinde, es muss noch abgedichtet werden.“

„Hab schon gehört, dass es bei der ersten Probe einen Kurzschluss gab. Zu viel Wasser?“

„Zu viel Wasser“, wiederholte Balázs.