Dreizwei...heinz - Nadine Koch - E-Book

Dreizwei...heinz E-Book

Nadine Koch

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Beschreibung

Verzweifelt stand ich an der Kreuzung und suchte nach dem richtigen Weg. Ich schaute mir alle Möglichkeiten sorgsam an und konnte keinen Unterschied erkennen. Ich fühlte nicht einmal etwas, was mir hätte eine Idee von einer Richtung geben können. Wohin sollte ich gehen? Der rege Verkehr um mich herum konnte mich kurzzeitig von meinen Gedanken ablenken. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem mir mit voller Wucht klar wurde: meine ständigen Versuche los zu rennen und zu finden hatten mich an den Rand befördert. Ich gehörte nirgendwo mehr hin. Ich war keine Ameise mehr.

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Seitenzahl: 86

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Nadine Koch, geboren 1976, kam über Umwege zum Schreiben. Zuerst wollte sie Stewardess werden, dann Tierärztin, dann Psychologin und hatte schließlich einen Ausbildungsvertrag zur Zahntechnikerin in der Tasche. Aus Angst vor einem Buckel studierte sie schließlich Kommunikation und BWL. Inzwischen lebt sie mit einem Mann, zwei Kindern und drei Meerschweinchen in Köln. Schon seit Kindheitstagen schreibt sie Anfänge von Geschichten, die über die Jahre in verschiedenen Schubladen gelandet sind. Aus dieser Tatsache entstand ihre Internetseite www.schubladengeschichten.de.Dreizwei…heinz ist ihr zweiter, zu Ende geschriebener Roman. Yeah!

Das meiste, was wir suchen,

finden wir in uns selbst.

Norbert Stoffel

Inhaltsverzeichnis

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

1

Eine Ameise.

Zwei Ameisen.

Drei Ameisen.

Vier.

Fünf.

Sechs.

Hoch zwei.

Zwölf.

Plus nochmal drei.

Fünfzehn.

Daneben ein separierter Haufen, der sich viel weiter rechts befindet und übertrieben gestikuliert.

Bei den einzelnen Ameisen ist das anders. Keiner hat mit keinem was zu tun und alle laufen irgendwie aneinander vorbei.

Stumm.

Normal.

Dann noch ein ganzer Ameisenhaufen, der gemütlich und rauchend beisammen steht.

Vielleicht auf dem Weg ins Kino und schnell vorher noch eine Kippe.

Vielleicht Mittagspause.

Eine dumpfe Geräuschsoße verbindet alles mit allem und miteinander und doch bleibt es irgendwie weit weg.

Ich gehöre nicht mehr dazu.

Ich bin ja jetzt hier.

Meine Füße tun mir so langsam weh.

Hätte mir jemand vorher gesagt, das mit so etwas zu rechnen ist, hätte ich mir Socken angezogen. Wobei ich nicht mal genau sagen kann, ob es an der Temperatur liegt oder an der Kante der Glasscheibe, auf der ich stehe und die sich immer tiefer in meine Fußsohlen bohrt. Meine Flip Flops hatte ich vorhin ordentlich vor der Glasscheibe abgestellt, um einen besseren Halt auf der Kante zu haben.

Ich habe an vieles gedacht, heute morgen, wollte alles richtig machen, alles perfekt vorbereiten.

Alexa heute morgen nach der Temperatur zu fragen, das ist mir wohl durchgegangen, ich habe es schlicht vergessen. Vielleicht aus Zeitmangel.

Wobei ich natürlich nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt hatte hier sein müssen, es hat keine Terminierung.

Meine Finger tun inzwischen auch weh, was verständlich ist, weil sie sich schon seit geraumer Zeit in einer unnatürlich, festhaltenden Position befinden.

Halt.

Stop.

Warte noch, sagen sie vielleicht.

Ich frage mich, warum noch niemand hier war, wo ist der Prinz, der mich rettet? Oder der Taxifahrer. Oder irgendjemand anders.

Gut, dass Restaurant öffnet erst am frühen Abend, klar also, dass noch niemand hier ist, kein Personal und auch keine Gäste. Aber wo ist denn das Putzpersonal, dass mich eben, auf meinem Weg hierhin, so ganz selbstverständlich einfach reingelassen hat, fröhlich nickte und etwas in einer Sprache brabbelte, die ich nicht verstand.

Ich hätte nicht gedacht, dass es so einfach sein würde, dass ich ungehindert hierher kommen konnte, vielleicht hatte ein Teil von mir auch insgeheim gehofft, dass mich irgendjemand oder irgendetwas aufhalten würde, was nicht geschehen war.

Aber dann sollte es wohl so sein. Ich sollte also hier sein und ein Teil meiner Zweifel hatten sich damit zerschlagen.

Irgendwie schwanke ich etwas, vielleicht wegen dem Schmerz in den Füßen oder der Körper hat das Bedürfnis, aus dieser steifen Position auszusteigen oder er will einfach weg, weil er nicht will was ich will.

Plötzlich habe ich etwas Angst, das Gleichgewicht zu verlieren. Das wäre blöd. Ich möchte nicht, dass eine unkontrollierte Reaktion meines Körpers mir die Chance auf freien Willen nimmt. Freier Wille.

Mit pulsierender Wucht hallen die Worte in meinem Kopf nach.

Freier Wille.

Free Willy.

Willy will’s wissen.

Weiß ich, was ich tue beziehungsweise gerade im Begriff bin zu tun? Ja. Aber…

Bin ich mir sicher?

Wieder taumele ich etwas und bin mir nicht sicher, ob ein Windstoß, den ich nicht bemerkt habe, das Taumeln verursacht hat oder mir mein Körper wieder mal deutlich Signale sendet. Wie damals, vor drei Jahren, mein Herz, das meinem Verstand Dinge zeigen wollte, die in meinem Kopf nicht klar waren oder die ich nicht klar haben wollte.

Also was ist das jetzt?

Bin ich ein Wackelkandidat?

Wackeldackel?

Wankelmütig?

Mutig schaue ich an meinen verkrampften Füßen vorbei in die Tiefe. Wie lange es wohl dauern wird.

30 Etagen.

Ein ziemlich langer Weg nach unten.

2

Die Kardiologin hatte mir seinerzeit im Anschluss an die Untersuchungen eine eindeutige Tabelle gezeigt. Auf der x-Achse stand das Alter, auf der y-Achse die statistische errechnete Häufigkeit von Herzinfarkten bei Frauen zwischen 40 und 70. Ich war damals 36, also statisch noch gar nicht erfasst.

Mein Herz schien das nicht zu wissen und stolperte weiter nervös vor sich hin, völlig unbeeindruckt jedweder realistischer Darstellung in der vorliegenden, laminierten Tabelle.

„Ich rate Ihnen zu kognitiver Verhaltenstherapie.“

Ich hatte mit allem gerechnet. Die Nacht vorher kaum geschlafen, aus Angst vor der Diagnose. Leichte Panikattacken und ein Herz, das unregelmäßig und Hilfe suchend an meinen Brustkorb geschlagen hatte.

„Schönen Tag noch.“

Und jetzt das.

Ehe ich etwas sagen konnte, fragen konnte, was sie meinte und was denn mit meinem Herzen los war, welche Medikamente ich nehmen konnte, war die Kardiologin mit wehendem Kittel an mir vorbei gerauscht. Wir waren jetzt anscheinend fertig. Und ich blieb ratlos im Besprechungszimmer sitzen und wartete nach wie vor auf meinen Herzinfarkt.

Was sollte ich denn jetzt bloß tun?

3

Ich war erstmal krank geschrieben und heulte mich durch den Dezember. Ich kaufte wahllos Weihnachtsdekoration, obwohl ich eigentlich schon alles hatte und mir an Materiellem nichts fehlte. Ich stopfte mein Haus mit unzähligen Lichterketten voll, weil es draußen so schrecklich dunkel war. Überall war irgendwas, was leuchtete. Es wurde Licht, irgendwie, zumindest im Haus. Und trotzdem blieb es in mir dunkel. Meine Familie war während der furchtbaren Wochen den halben Tag nicht zu Hause und ich war nicht in der Lage, das Haus zu verlassen. Das alleine sein tat mir nicht gut und gleichzeitig konnte ich nichts anderes. Ich wollte niemanden sehen, sagte alle Weihnachtsfeiern ab.

Las nichts.

Schrieb nichts.

Telefonierte nicht.

Fühlte nichts.

Aß fast nichts.

Ich überlebte bloß.

Jeden Tag aufs Neue.

Trotz der Panikattacken, die unkontrolliert über mir hereinbrachen und kaum auszuhalten waren. Jede einzelne fühlte sich an, als würde sie mich von innen heraus auseinander reißen. Mein Körper hatte sich verselbstständigt. Ich war nicht mehr Herr im eigenen Haus. Ich fühlte mich schwach. Versagend. Ich versuchte die Ursache zu finden.

Und fand nichts.

„Du musst halt damit leben, dass das jetzt so ist, du kannst es doch nicht ändern,“ hatte Heinz gesagt.

Ich hörte seine Worte und konnte es nicht akzeptieren. Es machte mich wütend. Damit konnte man nicht leben, weil es das Leben verhinderte.

Es machte ängstlich, es sperrte ein, es machte unsicher.

Das Gegenteil von Leben.

Irgendwie.

Zustand des dem ausgeliefert sein.

Hilflos.

Hilfe!

Ich brauchte Hilfe.

„Kannst du nicht wenigstens die Brotdosen für die Kinder fertig machen, wenn du schon faul zu

Hause rumhängst?“

Ich hatte mich an diesem Morgen, als Heinz das zu mir gesagt hatte, mit der letzten Kraft nach unten geschleppt. Weil ich der Meinung war, ich müsse doch aufstehen, mich um die Familie kümmern, dagegen angehen. Wenn ich liegenbleiben würde, hätte es gewonnen.

ES.

Hätte ich die Kraft gehabt, ich hätte in am liebsten für seine Worte geohrfeigt.

Hätte er mich doch gesehen, mich angesehen, an diesem Morgen…

Ich war schon froh, wenn ich es schaffen würde zu leben. Leben.

Wieso konnte er nicht einfach in der Stille und Dunkelheit die Brote fertig machen?

4

Der Apfel leuchtete.

Schneeweiß.

Das Licht wirkte etwas hell und unnatürlich. Kalt.

Drumherum ein Rechteck, blank und gräulich. Wie eine Mauer. Eher ein Mäuerchen oder eher ein Stein einer Mauer. In jedem Fall eine Abtrennung.

Das drumherum etwas was wirkte wie ein schlecht ausgeführter Scherenschnitt.

Nicht komplett schwarz, weil die Rückseite des Apfels noch heller leuchtete und das dahinter anleuchtete und etwas künstlich wirken ließ.

Nur die Ränder waren schwarz und verschwammen unmerklich mit dem Schwarz des Zimmers.

Der Apfel leuchtete dort, wo das Herz war oder wäre. Es war schon zu lange dunkel, ich konnte mich nicht erinnern, ob es da gewesen war, da war oder lediglich in meinen Träumen existierte. Ich wusste, dass Heinz viel lesen musste. Fachliteratur. Schließlich veränderte sich ständig irgendwas und als Geschäftsführer musste man am Ball bleiben.

Ich verstand das.

Außerdem hatte es mich in eine Lage versetzt, die nicht jede Frau mit Kindern genießen durfte. Ich hätte theoretisch nicht arbeiten gehen müssen. Das Geld, was ich verdiente, war sozusagen mein Taschengeld. Alles andere konnten wir über Heinz’ Gehalt finanzieren. Uns ging es mehr als gut.

Ich hatte alles geschafft.

Jetzt und grundsätzlich.

Es hatte Monate gedauert, bis mein Körper wieder einigermaßen mit mir klar kam oder ich mit ihm und immer noch war ich nicht sicher, ob es wirklich so war, oder ob ich es mir einredete oder glauben wollte, dass es so war.

Mich irgendwie selbst verarschte. Mein Körper war nicht geheilt.

Meine Symptome waren noch spürbar, aber immerhin wirkten sie nicht mehr lebensbedrohlich. Nach vielen Therapiesitzungen und Arztterminen hatte ich gelernt, dass ich wohl nicht einfach tot umfallen würde. Zumindest jetzt noch nicht. Und ich versuchte an manchen Tagen verzweifelt, daran zu glauben, es zu hoffen und darauf zu vertrauen. Die Hoffnung nicht aufzugeben, irgendwann wieder ganz normal zu sein. Normal atmen zu können ohne das Gefühl, ersticken zu müssen. Einen regelmäßigen, gesunden Herzschlag zu haben. Nicht mehr dieses Reißen in der Magengegend zu fühlen, dass mich zusammensacken ließ, weil ich wusste, dass dann mein Herz für einen kurzen Moment aussetzte. Nicht mehr mit zittrigen Gliedmaßen aufzuwachen und einzuschlafen. Und endlich das Gefühl zu haben, das richtige Leben zu leben. Das hatte ich alles verstanden. Hoffte ich.