In Dosen - Nadine Koch - E-Book

In Dosen E-Book

Nadine Koch

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Beschreibung

Ab ungefähr Mitte dreißig geht es los. Man guckt morgens in den Spiegel und weiß nicht, wer die Person ist, die einen da anschaut. Was aber, wenn gar nichts mehr ist, wie es war oder man glaubte dass es war oder gewesen sein sollte? Zwischen Verzweiflung und Neugier macht sich Sophie auf den Weg, Vergangenes zu verstehen. Dabei öffnen sich neue Türen und geben ihr die Chance, Dinge bewusst und auf sich blickend neu zu entscheiden. Wann wird es zu Ende sein? Wird es ein Ende geben? Oder ist das Ende gar nicht das Ende? In ihrem tragisch-komischen Debütroman lässt Nadine Koch ihre Hauptfigur durch Wahrheiten taumeln, denen sie unvoreingenommen begegnet. Dabei spielen Begegnungen, alte und neue, die entscheidende Rolle und lassen Sophie letzten Endes dorthin gehen, wo ihr Herz hin(ge)hört.

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Seitenzahl: 246

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Nadine Koch, geboren 1976, kam über Umwege zum Schreiben. Zuerst wollte sie Stewardess werden, dann Tierärztin, dann Psychologin und hatte schließlich einen Ausbildungsvertrag zur Zahntechnikerin in der Tasche. Aus Angst vor einem Buckel studierte sie schließlich Kommunikation und BWL. Inzwischen lebt sie mit einem Mann, zwei Kindern und drei Meerschweinchen in Köln. Schon seit Kindheitstagen schreibt sie Anfänge von Geschichten, die über die Jahre in verschiedenen Schubladen gelandet sind. Aus dieser Tatsache entstand ihre Internetseite www.schubladengeschichten.de. In Dosen ist ihr erster, zu Ende geschriebener Roman. Yeah!

Inhaltsverzeichnis

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

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Kapitel

Kapitel

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Kapitel

Kapitel

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Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

Kapitel

1. Kapitel

Vorsichtig fummelt sich meine Hand durch die Dunkelheit. Es fühlt sich glatt an. Das Ding in meiner Hose. Und platt. Glattplatt. Vielleicht hat es jemand platt gesessen. Nicht gesehen und drauf gesetzt. War ich das? Ich fummel weiter.

Ist schon eine extrem flache Flunder. Also nicht ich, sondern das Ding. Ein bisschen labbelig. Also biegsam. Nicht pieksam. Es piekt nicht. Meine Finger können fühlen, dass die Ecken abgerundet sind. Könnte eine Kreditkarte sein. Aber ohne erhabene Schrift. Oder wie die Schrift zum Fühlen heißt. Und wieso überhaupt erhaben? Gibt es auch siehaben? Ich bin schließlich für Gerechtigkeit. Und dünner als eine Kreditkarte ist sie auch. Vielleicht eine Sparversion. Vielleicht eine für Leute mit wenig Geld. Man hat am Material gespart. Irgendwo muss man ja. Sparen. Wär ja noch schöner. Wobei sparen und Kreditkarte ja schon ein Widerspruch an sich sind. Irgendwie.

Dann hört das Fummeln im Dunkeln auf. Ich ziehe die Karte aus der Hose und gucke mir das Ding an. Nix drauf. Keine Schrift. Also nixhaben. Und auch sonst nix. Drauf. Nur weiß und glänzend. Laminiertes weißes Papier. Vielleicht ist was auf der Rückseite? Ich versuche das Ding rumzudrehen. Habe aber glitschige Finger. Flunderflossen. So dass die wabbelige Karte irgendwie dadurch flutscht. Und flatternd auf den Boden fällt. Mist.

Als ich zum Boden blicke sehe ich, dass anscheinend auf der anderen Seite etwas steht. Sehe ich aber von oben nicht. Also nicht richtig. Zu klein gedruckt. Oder ich zu weit weg. Oder zu schäl. Nicht schal. Schäl. Ist Kölsch und heißt soviel wie kurzsichtig. Was ich aber leider sehr genau sehe, ist diese Hose, in der ich stecke. Grau. Farblich ja eigentlich ganz o.k. Wäre da nicht der Nicki. Das ist nicht mein Freund. Eher mein Feind. Schon damals. In den 90ern. Hatte ja irgendwie jeder, der in der Yellow Press war. Von Juicy Couture. So hieß das Label. Scheiße teuer. Scheiße schlabbrig. Was sollte daran schön sein. Am schlimmsten der Aufdruck auf der Rückseite. Auf Brötchenhöhe. Ich meine das mit den vier Buchstaben. Nicht Brot. Sondern Popo. Quasi ein Arschgeweih für Feige. Nicht die Frucht. Sondern die, die sich fürchten. Egal wie, aber immer fürchterlich.

Gerade als ich mich umdrehen will, um nachzusehen, ob das Logo meinen Allerwertesten schmückt, merke ich: geht nicht.

Meine Beine und mein Oberkörper sind mit einem Gurt festgeschnallt. Wobei das noch zu lose klingt. Ich würde es eher fixiert nennen. Meine Füße lassen sich bewegen. Meine Unterschenkel auch. Ich lasse den Kopf ein paar Mal kreisen. Das geht also auch. Anschließend nicke ein paar Mal heftig. Head-banging-mäßig. Entsetzt sehe ich plötzlich ein paar wasserstoffblonde Strähnen durch die Luft wirbeln, während ich wild mit dem Kopf nicke. Oh Gott, sind das meine? Wer hat mir bloß diese beschissene Haarfarbe verpasst? Ein paar Strähnen bleiben mir an den Lippen kleben. Sie lassen sich nicht wegpusten. Ich ahne Böses. Anscheinend hat mir auch jemand Lipgloss auf den Mund geschmiert. Es muss jemand anderes gewesen sein, weil ich selbst genau aus diesem Grund das Zeug so sehr hasse. Bei jedem Windstoß hat man die Friese in der Fresse. Ich entferne die Strähnen aus meinem Mund. Aha, die Hände kann ich also auch bewegen. Ich rudere anschließend ein paar Mal heftig mit den Unterarmen, um die Beweglichkeit meiner oberen Gliedmaßen zu testen. Wie ein Profischwimmer sieht das bestimmt aus. Im Schmet-terlingsstil. Also ein halber. Quasi Schmetter ohne Ling. Und als ich die Arme langsamer werden lasse, dringt eine monotone Stimme zu mir durch. Klingt ein bisschen wie die Stimme einer Hexe. Die von Hänsel und Gretel. So hab ich mir die zumindest immer vorgestellt. Als ich Kind war. Ziemlich hoch. Etwas künstlich. Dazu noch etwas kratzend.

„Flieg, Engelffen, flieg,“ krächzt die Hexe.

Meint die Stimme mich? Als meine Augen Antwort suchend zu der Person gleiten, der die Stimme gehört, falle ich fast vom Stuhl. Bildlich, weil ich kann ja nicht.

Etwa drei Meter von mir entfernt sitzt eine kleine runzelige Omi. Melatenblonde, akkurate Dauerwelle. Etwas buckelig. Zahnlos lacht sie mich an. Ihr Gebiss ruht in ihrem Schoß. Ihre Lippen glänzen. Scheiße, denke ich. Omi auch mit Lipgloss. Unter ihr der gleiche Rollstuhl. Gleiche Jogginghose. Gleiche Gurte.

„Wo bin ich?“ frage ich die Omi.

„Waaaaaf?“ schreit diese.

„Wo ich bin?“ frage ich nochmal, dieses Mal etwas kräftiger.

„Du mufft ffon lauter fpreffen, Engelffen“, krächzt die Omi, „mein Hörgerät ift futff.“

Anstelle zu brüllen, entschließe ich mich, halbarmig Richtung Omi zu rollen. Schon nach ein paar, mühevoll errollten Zentimetern stößt mein Rollstuhl mit dem linken Rad an etwas hartes und blockiert. Erst denke ich, es ist die Karte, die jetzt mehr oder weniger direkt unter dem Rad ist. Mit der linken Ecke zumindest. Also nicht die Ursache. Dann entdecke aus dem Augenwinkel ein kleines, eckiges Röllchen.

Lipgloss. Wem gehört das? Dann aus dem anderen Winkel den Text auf der Karte. Ich kneife die Augen zusammen. Der Text stellt sich scharf. Dann lese ich: „Mein Name ist Sophie Andrea Clara Küttgens. Ich wohne im Elisabeth-Haus. Bitte rufen Sie die Nummer 0800-3755836 an und warten Sie, bis ich abgeholt werde. Achtung: Ich bin fluchtgefährdet, aber beiße nicht.“

Was soll der Scheiß?

Ich fange an zu kreischen.

Omi’s Kinnlade fällt vor Schreck runter und legt den Blick auf ein zahnloses, schwarzes Loch frei.

Aus dem Nichts stürmen zwei Halbstarke auf mich zu. Der eine hält meine Arme fest. Der andere rammt mir brutal eine Spritze in den Oberarm.

„Ihr blöden Wichser,“ nuschele ich noch, bevor mir schwarz vor Augen wird.

Ich öffne langsam meine Augen. Vor mir alles undeutlich. Konturenlos. Wie, als würde man durch Milchglas gucken. Alles, was ich sehe ist weiß. Es tut ein bisschen weh, dieses ganze weiß. Ich bin noch etwas benommen. Etwas flackert. Ein Blitz? Bin ich tot und im Himmel? Auf Wolke sieben? Als der nebelige Schleier auf meinen Augen etwas verschwindet merke ich, ich blicke auf eine weiße, gerade Fläche.

Keine Wolke also. Als meine Augen weitere Teile des Raums, in dem ich anscheinend nun bin, erfassen, weiß ich: ich starre auf eine Decke. In der Mitte der Decke flackert eine bläulich schimmernde Neonröhre, die im Takt zum Flackern summt. Ein bisschen spuky. Wie in einem schlechten Horrorfilm. Ich schaue an mir runter. Ich liege völlig flach in einem Bett. Alles weiß. Die Decke. Das Bettgestell um mich rum. Und apropos weiß: ich weiß immer noch nicht oder schon wieder nicht, wo ich bin. Welcher Tag ist heute? Wo ist die Omi von eben?

Am Ende des Raums befindet sich eine weiße Tür mit einem silbernen Knauf. Ansonsten ist in dem Raum einfach nichts. Was ist das jetzt? Einzelhaft?

Gummizelle? Krankenhaus? In jedem Fall kein Ort, an dem man gerne ist. Nix wie weg, beschließe ich, und versuche aufzustehen. Was nicht geht. Ich bin gefesselt. Schon wieder. Ich fasse es nicht. Das einzige, was ich bewegen kann, ist mein Kopf. Meine Handgelenke sind mit ich weiß nicht was weil unter der Bettdecke am Bett fixiert. Die Fußgelenke auch.

Fühlt sich an wie Lederfesseln. Nicht, dass ich genau wüsste, wie sich das anfühlt, aber so stelle ich mir das Gefühl zumindest vor. Heilige Scheiße.

In meinem linken Arm steckt ein Venenzugang. Neben dem Bett steht ein Tropf. Langsam und stetig tropft der Inhalt in den Zulauf. Hypnotisiert schaue ich den einzelnen Tropfen zu. Plöpp-plöpp-plöpp. Als die Flasche fast leer ist, erfasst mich eine Welle aus Müdigkeit. Dann wird es schwarz.

„Sacky?“

Eine dunkle Männerstimme dringt wie durch Wolken gedämpft zu mir durch. Ich beschließe, die Augen erstmal geschlossen zu halten. Ich habe keine Lust sie zu öffnen. So kann ich wenigstens so tun, als ob ich woanders wäre. Hören will ich auch nichts. Am liebsten würde ich meine Hände auf die Ohren drücken, laut „Unterhaltungsmusik“ brüllen und irgendeine Nonsense-Melodie durch den Raum trällern.

Oder mich Harry-Potter-mäßig wegzaubern. Nach Hause. Oder zumindest telefonieren. Wie E.T.

Die kühle Flüssigkeit, die sich in meinem linken Unterarm breit macht, erinnert mich daran, wo ich in Wirklichkeit bin. Ich bewege mich nicht. Ich mache einen auf toter Käfer, irgendwann wird der Typ schon verschwinden. Ich habe null Bock auf Gesellschaft.

Echt nicht.

„Sacky! Ich sehe, dass du wach bist. Deine Augenlider zucken.“ sagt die gesichtslose Stimme.

Wer oder was zum Teufel ist Sacky?

Eine Abkürzung für „Sexy Sackgesicht“? Oder Tränensack? Ich will gar nicht erst wissen, ob es einen inhaltlichen Bezug zu meinem Gesicht gibt. Die blonden Haare und Glanzlippen sind mehr als Scheiße genug. Und überhaupt: Doofes Arschloch, wieso nennt der mich so?

„Komm schon,“ sagt die Stimme sanft, „mach schon die Augen auf.“ Irgendwie finde ich diese Stimme sexy. Tief. Etwas rauchig. Erinnert mich an Sasha.

Den Sänger. In den war ich mal verknallt. Wegen der Stimme. Hübscher Kerl eigentlich. Inzwischen leider etwas verfettet. Und diese transplantierten Haare sind ja auch sowas von unvorteilhaft. Blöderweise denke ich natürlich jetzt, da steht Sasha. Wer weiß… Wenn ich schon nicht im Himmel bin, dann vielleicht wenigstens im Big Brother Haus, im neuen Shades-Of-Grey-Film oder weiß ich was. Ich sollte also doch mal nachsehen. Ich beschließe die Augen zu öffnen. Der Geist ist schwach. Aber der Wille will noch was wissen:

„Sag mir erst, wieso du mich so nennst,“ fordere ich bissig.

„Weil du so genannt werden willst.“

„Wer sagt das?“

„Du!“

„Wieso sollte jemand wollen, mit etwas angesprochen zu werden, was klingt wie ein griechisches Nationalgericht? Einmal Sacky mit ordentlich Tsatziki.“

Ich höre ein unterdrücktes Lachen. Oder einen Furz.

Irgendetwas gurgelndes. Ich weiß nicht so genau, weil hab ja noch die Augen zu.

„Du magst deinen richtigen Namen nicht.“

„Weil?“

„…du den spießig findest! Und S, A, C und K sind quasi deine Initialien.“ Hört sich an wie Genitalien.

„Scheiße,“ fluche ich, als mir bewusst wird, dass ich mich nicht daran erinnern kann, wie ich heiße. Wer weiß, was ich da intravenös verabreicht bekomme.

Anscheinend macht es mich hirnlos. Passt dann wiederum zu meiner Asi-Friese. Wieso fällt mir jetzt ein Blondinenwitz ein?

„Warum sollte eine Blondine nicht Fallschirmspringen, wenn sie ihre Tage hat?“ frage ich ins Schwarze.

„Hä?“ Das war der Typ.

„Weil sie an der falschen Leine ziehen könnte.“

Ich lache mich schlapp. Was mit geschlossenen Augen irgendwie anstrengend ist. Egal. Ich bleibe hart.

Oder auch nicht.

Als ich spontan die Augen öffne, während ich „Wofür steht S-A-C-K?“ frage, entweicht mir ein unkontrolliertes „Haaar“, als ich die Frisur dieses hartnäckigen Typen entdecke, der an meinem Fußende steht. Sack-Haar. Scheiße. Was sage ich da bloß? Wobei, wenn ich ehrlich bin, trifft es das ziemlich gut.

Braun, klein gekräuselt. Arme Sau. Ansonsten ganz passabel. Große Nase, das mag ich. Kantiges Gesicht.

Trainiert, das sieht man auch durch den weißen, formlosen Kittel. Und ein Lächeln wie in der Zahnpastawerbung. Absolut entwaffnend. Ich werde rot.

Da steht so ein gut aussehender Typ vor mir, ich bin nicht nur völlig typentfremdet, sondern liege zu allem Übel auch noch angekettet im Bett. Das Leben kann so ungerecht sein.

„Kennen wir uns?“ frage ich und versuche gleichzeitig so sexy wie möglich zu lächeln. Zumindest diese Waffe habe ich noch

„Kann man so sagen.“

„Aha…und dein Name war nochmal?“

„Tim…Stürmer.“

„Tim…,“ überlege ich, „Tim….Tim.“ Und während ich überlege, mache ich anscheinend ein ziemlich nachdenkliches Gesicht und ziehe dabei die Augenbrauen nach unten. Ich stelle fest: super, so, also mit den runtergezogenen Augenbrauen, sieht man die Schamhaarmatte nicht. Quasi ausgeblendet. Sichtschutz. Jetzt ist er perfekt. Zumindest optisch.

„Ich kenne keinen Tim,“ sage ich. Tue ich wirklich nicht. Der Typ will mich augenscheinlich verarschen.

„Du heißt Sophie,“ sagt er, ohne dass ich gefragt habe. Sophie, wiederhole ich mit meiner inneren Stimme, klingt doch gar nicht so übel, S-O-P-H-I-E.

Überhaupt nicht spießig, so ein Quatsch. Auf Sophie reimt sich schließlich „Fick dich ins Knie“.

„Sophie Andrea Charlotte Küttgens,“ sagt Tim. Nun ja, in dem Fall sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Und noch während ich überlege, was sich auf Andrea reimen könnte, spüre ich, wie sich in meiner rechten Hosentasche die Karte an meinen Oberschenkel drückt. Und zumindest funktioniert mein blondiertes Gehirn noch so gut, dass ich mich daran erinnern kann, was auf der Karte stand.

„Alter Falter,“ sage ich ziemlich laut, „ich wohne HIER?“

2. Kapitel

„Was zum Teufel machst du da?“ fragt Tim, nachdem er mir eine ziemlich bescheuerte Geschichte meiner angeblichen letzten 3 Wochen aufgetischt hat.

Das Wort Teufel passt in dem Zusammenhang ziemlich gut. Denn ich bewege mich ziemlich hektisch.

Reiße meinen Oberkörper so weit es geht nach links, nach rechts, nach links und nach rechts. Vermutlich sehe ich aus wie das Mädchen aus der Exorzist während eines Austreibungsversuchs. Ich tue das, weil ich versuche, so viel wie möglich im Raum zu erblicken und diese kleine schwarze Linse zu entdecken.

Ich recke und strecke meinen Oberkörper in alle möglichen Richtungen und werde dabei ganz schön von meinen fixierten Gliedmaßen gebremst. Ich muss extrem an den Fesseln reißen, um überhaupt irgendetwas unterhalb der Bettkante zu sehen. Die Fesseln reiben und reißen an meiner Haut. Das fühlt sich an wie Brennesseln. Also die, die man als Kinder immer gemacht hat. Wenn man einen Unterarm mit beiden Händen packt und die Hände dann entgegengesetzt dreht. Nach hinten umdrehen kann ich mich leider gar nicht. Also keine Ahnung, was hinter mir ist. Und weiß ich, was sich da unterhalb meines Fußendes befindet. Auch das kann ich nicht sehen.

Hoffentlich keine weißen Tennissocken in Birkenstocks. An diesem Spasti von Tim meine ich. Wobei Birkenstocks ja seit 1 oder 2 Jahren wieder ganz hip sind. Also ohne Socken. Mit Zehentrenner. Und natürlich nicht für Männer. Und für Fettfüße auch nicht. Also adipöse.

„Jetzt sag schon, wo die Kamera ist.“ sage ich leicht säuerlich. So langsam finde ich das nicht mehr witzig. Ich bin ja grundsätzlich für jeden Scheiß zu haben. Aber irgendwann muss auch mal gut sein.

„Die brauchen wir hier nicht. Nur in den Freizeiträumen, in denen sich die Patienten frei bewegen.“

sagt Tim.

Das muss ich ihm lassen. Er spielt seine Rolle ziemlich überzeugend. Nicht schlecht für so einen Dorftheater-Schauspieler. Verzieht keine Miene. Nur der Text klang ein bisschen sehr auswendig gelernt, da könnte er nochmal dran feilen.

„O.k., du kannst den Guido jetzt holen.“ sage ich gespielt gelangweilt, damit er endlich peilt, dass ich die ganze Szene hier durchschaut habe. Sicherheitshalber rolle ich noch mit den Augen.

„Guido?“ fragt Tim und legt dabei den Kopf etwas schief. Jetzt staune ich doch. Mensch ist der gut. Spätestens nach meiner Frage hätte ich mich an seiner Stelle mit einem Lachkrampf auf dem Boden gerollt und die Szene aufgelöst.

„Deinen Chef, meine ich. Von mir aus auch Paola.

Der Felix ist ja schon weg vom Fenster.“

„Die arbeiten hier nicht,“ sagt Tim sachlich und sieht mich dabei äußerst skeptisch an.

„Das ist mir klar,“ sage ich „Paola ist in Rente, Felix ist tot, aber der Cantz könnte mal antraben. So langsam VERSTEHE ICH KEINEN SPAß mehr.“ Ich winke also quasi mit einem monstergroßen Zaunpfahl.

Tim macht einen ernstes Gesicht. Dann zückt er ein Telefon. Und wählt eine kurze Nummer. Na bitte, geht doch.

„134, bitte“ sagt Tim kurz und legt wieder auf.

Das nenn ich mal ein kurzes Gespräch. War da jetzt der Guido dran? Die Regie? Ein Hiwi? Und was bedeutet diese Zahl wohl? Ein Code? Vermutlich heißt sie ‚Szene aufgeflogen’ oder so! Nervös schüttele ich meinen Kopf. Ein verzweifelter Versuch, meine vermutlich inzwischen ganz zerstörte Frisur, insofern man diese vertrockneten Fussel überhaupt so nennen kann, ein bisschen in Form zu werfen. Schließlich steht in wenigen Minuten Guido Cantz vor mir.

Da will ich schließlich nicht wie ein Vollidiot aussehen.

Währenddessen tritt Tim näher an den Tropf.

Na also, zumindest den Scheiß macht er schon mal ab, denke ich. Die hätten das Kochsalz auf weglassen können. Ganz schön krass, dass die mir für diese Szene einen Venenzugang gelegt haben. Ob das nicht schon Körperverletzung ist? Muss man nicht irgendetwas unterschreiben, bevor einem eine Nadel in die Vene gerammt wird? Völlig übertrieben, ich hätte den Mist auch so geglaubt. Was ich noch nicht verstehe, wieso mir jemand die Haare gefärbt hat. Und vor allen Dingen wie? Normalerweise kriegt man so eine Blondierung doch mit. Erstens stinkts. Zweitens dauerts, mindestens 30 Minuten Einwirkzeit. Was haben mir die Arschlöcher gespritzt, damit ich von alledem nichts mitbekomme? Oder hat mir jemand heute morgen K.O.-Tropfen in den Kaffee geschüttet? Wer hat mich gegen meinen Willen hierhin geschleppt? Vielleicht wurde ich ja entführt? Eins ist klar: Sobald der Mist hier vorbei ist, werde ich meinen Anwalt anrufen. Ich hoffe, ich finde meine Advo-Card. Habe ich überhaupt eine?

Als Tim den Aufdruck auf dem Tropf studiert und dabei die Flasche ein wenig in meine Richtung dreht, kann ich kurz einen Blick auf das Etikett werfen. Ich weiß nicht wieso, aber ich kann mich erinnern, dass die Abkürzung für eine Kochsalzlösung NaCl ist. Auf der Flasche steht aber nicht NaCl. Und überhaupt habe ich keine Ahnung, was das ist.

„Was ist da drin?“ brülle ich Tim an.

Anstatt mir zu antworten, schlurft Tim zurück zum Fußende und dreht sich dann langsam zu mir rum.

Anscheinend war ich etwas zu laut und Tim „Schlurfi“ (weil Stürmer passt bei dem Tempo ja gar nicht) bringt sich erst in Sicherheit, bevor er antwortet. Gut so, sonst hätte ich ihn zwischenzeitlich möglicherweise bereits angespuckt. Ich bin so heiß wie ein Vulkan, la-la-la-la, und manchmal spucke ich dich an…

„Das ist ein sehr starkes Beruhigungsmittel.“ sagt Tim.

„Beruhigungsmittel? BERUHIGUNGSMITTEL? Ich bin verdammte Scheiße nochmal an dieses verfickte Bett gefesselt!“ brülle ich so laut, dass mir ein paar Spucketröpfchen aus dem Mund fliegen. Kleinerer Vulkanausbruch. „Wieso braucht jemand, dessen gesamter Körper fixiert ist, Beruhigungsmittel? Ich bin quasi lahmgelegt. Seit ihr denn völlig hirnverbrannt?“

O.k., ich gebe es ja zu, von außen betrachtet bin ich gerade alles andere als ruhig. Um ehrlich zu sein, auf 180. Ich merke, dass in meinem Kopf eine Ader pocht. Die am Hals sind vermutlich auch ziemlich angeschwollen. Mein Gesicht brennt irgendwie. Vermutlich, weil mein Kopf vor Wut ziemlich rot angelaufen ist.

„Weil du heute morgen wieder einen Anfall hattest,“ sagt Tim.

Wie auf Knopfdruck ändert sich etwas in mir. Was bisher sowas wie Genervtheit, Ungeduld, sich verarscht fühlen war, kippt plötzlich in Unsicherheit, Entsetzen und ein bisschen Angst. Der Vulkan erlischt und stülpt sich nach innen.

„Einen Anfall?“ hauche ich mit ziemlich dünner Stimme.

Tim nickt.

„Nach dem Frühstück. Du warst in deinem Zimmer.

Die Pfleger hörten dich plötzlich schreien. Und etwas, das klang, wie zerspringendes Glas. Als sie dein Zimmer betraten, warst du gerade dabei, dich mit den Glassplittern des Bilderrahmens, den du offensichtlich vorher gegen die Wand geschmissen hattest, zu verletzen.“

Ich habe mich selbst verletzt? Ich verstehe nur Bahnhof. Welches Bild überhaupt? Was soll diese Geschichte jetzt? Ich würde mir doch niemals….

Und dann spüre ich es.

Oh mein Gott.

Dieses brennen im Gesicht.

Ich habe mich selbst verletzt… hallt es in meinem Kopf nach.

Wieso sollte ich sowas tun?

„Moment mal,“ sage ich „heute morgen war ich in diesem anderen Zimmer. Mit der Oma. Die ohne Zähne und Hörgerät.“

„Das war gestern.“ sagt Tim.

Gestern? Das kann nicht sein. Wieso weiß ich denn nicht mehr, was dazwischen war. Wo ich war. Oder nicht war. Und wieso weiß ich nicht, wie lange ich schon hier bin. Wieso erkenne ich den Typen nicht, der behauptet, mich zu kennen. Und wieso wollte ich mich verletzen.

„Was habe ich mir angetan?“ Eine Träne rollt unkontrolliert über mein Gesicht. Eine Träne aus Wut und Verzweiflung. Auf Höhe der Wange brennt diese einzelne Träne plötzlich wie Feuer. Eine Vermutung schiebt sich langsam in mein Bewusstsein. Eine Vermutung, die ich nicht wahrhaben will.

„Du hast dir mit einer Scherbe ins Gesicht geritzt.

Ein Kreuz. So als wolltest du dein Gesicht durchstreichen. Dr. Humpert vermutet, dass du dein Gesicht nicht erkannt hast. Das kommt manchmal vor, in deinem Zustand, meine ich. Und du bist hin und wieder ziemlich aggressiv. Zum Personal. Zu Leuten, die du noch nie zuvor gesehen hast. Zu dir selbst. Dr.

Humpert hat gesagt, das wird schon wieder. Es braucht eben seine Zeit, verstehst du.“

Tim guckt mich mitfühlend und aufmunternd an.

In meinem Kopf purzeln Fragezeichen durcheinander. Ich kann plötzlich nicht mehr klar denken. Mir wird heiß.

Dann öffnet sich die Zimmertür.

Ich wusste schon vorher, dass da kein Guido Cantz auftauchen wird. Stattdessen ist es ein kahlköpfiger, bebrillter Eierkopf. Durchschnittshässlichkeit würde ich sagen. Wie Männer über 50 ohne Haare halt so aussehen. An seinem weißen Kittel hängt ein Namensschild. In einem kleinen Plastikrahmen. Dr. Andreas Humpert steht da. Und darunter: Psychiater.

Ich schlucke.

Und denke: Scheiße.

„Hallo, Sophie,“ beginnt Dr. Humpert freundlich, „nicht so einen guten Tag erwischt heute, mmh?“

Ich lächle gequält.

„Das Beruhigungsmittel wird in ein paar Minuten Wirkung zeigen. Dann können sie zurück in ihr Zimmer. Herr Stürmer wird sie begleiten.“ sagt Dr.

Humpert. „Ich denke, sie kommen jetzt soweit zurecht, Herr Stürmer?“ Dr. Humpert blickt Tim an.

Der wiederum lässt mich nicht aus den Augen und nickt stumm.

Und ich weiß gerade gar nichts mehr. Außer, dass ich wohl nicht von „Verstehen Sie Spaß“ verarscht wurde.

3. Kapitel

Entsetzt sehe ich im Spiegel mein zerkratztes Gesicht. Die Wunden sind nicht tief. Wenn ich Glück habe, wird es gut verheilen und nach einer Weile wird man nichts mehr davon sehen. Für den Moment fühle ich mich entstellt. Man wird mich anstarren.

Jeder wird es sehen. Mit der stimmt was nicht. Tuschelnde Köpfe die zusammengesteckt sind. „Meine Güte, sieh doch bloß, die hat sich ihr Gesicht zerschnitten.“ Der Versuch, das zu ignorieren, wird scheitern. Man sieht immer das, was man auf gar keinen Fall sehen will.

Ich bin seit etwa einer Stunde in meinem Zimmer. In meinem Zimmer in zweifacher Hinsicht. Zum einen ist es das Zimmer, in dem ich seit angeblich drei Wochen wohne. Zum anderen steht dieses Zimmer voll mit den Möbelstücken, die in meinem Jugendzimmer standen, bis ich mit 22 von zu Hause ausgezogen bin.

Quasi eine Nachbildung meines Zimmers im Haus meiner Eltern. Natürlich ist die Anordnung etwas anders. Ein bisschen fühle ich mich wie mit 16. Erinnerungen, die ich im Moment nicht haben möchte, kommen in mir hoch. Ich drücke sie weg. Knips.

Ich sitze seit einer gefühlten Ewigkeit im Rollstuhl vor meinem alten Schminktisch. Er ist aus weißem, massiven Holz. Etwas altmodisch. Verschnörkelt. Ich bin nicht in der Lage, mich zu bewegen. Mein Körper ist quasi erstarrt. Ich brauche keine Fesseln mehr. So oder so nicht. Auf der anderen Seite mein Gehirn, das gerade mit 180 über eine Autobahn rast, in dem Versuch, das, was in den letzten Stunden passiert ist, irgendwie zu sortieren.

„Du hattest einen schweren Autounfall,“ hatte Tim mir gesagt, nachdem er mich im Rollstuhl zurück in mein Zimmer geschoben hatte. Ich stand am Fenster, schaute nach draußen in den angrenzenden Park.

Tunnelblick. Ich nahm nicht wirklich wahr, was um mich geschah. Sah nur eine grüne, verklumpte Masse. Versuchte mich auf das zu konzentrieren, was Tim mir da sagte. Unter meiner Haut kribbelte es. Mein Gefühl sagte mir, dass er die Wahrheit sagte. Und ich wusste nicht, ob ich bereit war, das alles zu erfahren.

Schließlich war ich gerade erst aufgewacht, aus meinem Dornröschen-Schlaf, oder was immer das auch gewesen sein mochte. Tim saß leicht nach vorne gebeugt auf meinem Bett. Starrte auf den Fußboden.

Mit klopfenden Herzen lauschte ich seinen Worten und versuchte verzweifelt, Bilder zu seinen Worten in meinem Raupengehirn zu finden.

„Du hattest keine größeren Verletzungen, keine Knochenbrüche oder inneren Blutungen. Aber du hattest ein schweres Schädel-Hirn-Trauma. Die Ärzte hatten entschieden, dich zunächst im künstlichen Koma zu lassen, damit dein Gehirn sich erholen kann.“

Mir blieb die Luft weg. Etwas drückte mir plötzlich auf den Brustkorb. Gleichzeitig ein stechender Schmerz. Als ich hörbar tief einatmete, um dem Druck etwas entgegenzusetzen, ihn aufzulösen, redete Tim einfach weiter. Ließ mir keine Zeit, hinterherzukommen, so als wäre er froh, mir endlich alles sagen zu können. Er redete wie Sprudelwasser. Alles blubberte aus ihm heraus.

„Sie haben dich etwa einen Monat schlafen lassen.

Als deine Werte soweit stabil waren, hat man dich langsam aufwachen lassen. Rein körperlich ging es dir soweit gut, aber psychisch warst du ganz schön im Arsch. Du warst ziemlich wütend, hast nur mit Sachen um dich geworfen. Essen verweigert. Völlig dicht gemacht. Und nie etwas gesagt. Keinen Mucks.

Eine Weile wussten die Ärzte nicht, ob du eventuell gar nicht mehr sprechen konntest. Sie vermuteten schon, dass der Teil deines Gehirns, der das Sprechen steuert, eine Schädigung davon getragen hatte.

Nach ein paar Tagen haben sich deine körperlichen Wutausbrüche beruhigt. Dafür hast du dann verbal echt alles fertig gemacht, was dir in die Quere kam.

Du hast nicht viel von dir gegeben, aber das, was du sagtest, war ziemlich daneben.“

„Was heißt das?“ Will ich das überhaupt wissen.

„Naja,“ ich hörte, wie Tim lächelte als er weitersprach, „Du hast dem Personal neue Namen gegeben.

Den Oberarzt nanntest du zum Beispiel „Dr. Quasimodo“, die Nachtschwester „Misses Blasmaul“.

Ich wurde rot. Ich schämte mich, für mich selbst.

Und gleichzeitig fiel es mir schwer, zu glauben, dass ich in echt diese Ausbrüche hatte. Ich, deren zweiter Vorname „Missös Kontrolle“ hätte sein können. Vielleicht sollte ich einen Entschuldigungsbrief an das Personal des Krankenhauses schicken. Oder hoffen, dass ich die Leute nie wieder sehen würde. Man sieht sich nicht unbedingt immer zweimal im Leben.

„Die Scheiße ist, ich kann mich wirklich an gar nichts mehr erinnern. Also ich meine, als ich wieder wach war, nach dem Koma. Ich verstehe das nicht.“

„Das Gehirn ist ziemlich komplex. Wahrscheinlich werden die Ärzte nie wirklich alles das verstehen, was das Gehirn für Verrenkungen anstellen kann. In deinem Fall ist klar, dass du eine vorübergehende Amnesie hast. Das ist wohl nichts ungewöhnliches, nach einem Unfall. Was die Ärzte noch nicht wissen, warum du immer wieder aufwachst und dich nicht an den vorangegangen Tag erinnern kannst.“

„Du meinst, wie in dem Film „Und täglich grüßt das Murmeltier?“

Tim nickte.

„Die Ärzte hatten mit deinen Eltern gesprochen, dass es hilfreich sein könnte, wenn du hier wie in deiner gewohnten Umgebung wohnst, damit du dich ein bisschen zu Hause fühlst. Deine Eltern hatten dein Zimmer, seit du ausgezogen bist, nicht verändert, also war es das Naheliegendste, die Möbel hierhin zu schaffen. Ich hoffe, du fühlst dich einigermaßen wohl.“

Ich nickte stumm. Ohne zu wissen, ob ich das wirklich tue.

Als Tim aufstand und mir eine Hand auf die Schulter legte, spürte ich eine seltsame Nähe. Seltsam, weil ich ihn doch erst seit heute kannte. Also zumindest bewusst. Vielleicht war es auch einfach Dankbarkeit.

Jemanden zu haben, der an meiner Seite ist. In einer Phase, in der es darum geht zu erinnern, was passiert ist.

Vielleicht würde ich auch morgen aufwachen und mich an alles erinnern. An heute und an Vergangenes. Und nicht wieder von vorne anfangen müssen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Bevor Tim ging, sagte er noch, ich solle mir Zeit geben und keine Sorgen machen. Für den Fall, dass sich mein Zustand nicht bessern würde, sprich, mein Gehirn diesen Vakuumstatus nicht verlassen könnte, gäbe es einen Plan B.

„Am Ende wird alles gut, weißt du,“ sagte er noch, „und wenn es nicht gut ist, dann ist es auch nicht das Ende.“

Ich hatte das schon mal irgendwann gehört, dieses Zitat von Oscar Wilde.

4. Kapitel

Ich werde wach, weil die Sonne durch einen Spalt von meinen Blümchen-Vorhängen volle Möhre aufs Gesicht scheint. Als ich mich wegdrehe, fällt mein Blick auf diese laminierte Karte. Noch einmal lese ich was auf der Karte steht.

Sophie Andrea Charlotte Küttgens. Das ist mein Name. Ich weiß es noch. Nicht Sacky oder sonst was.

Ich kann kaum glauben, dass ich so genannt werden wollte. Ich bin kein Freund von Spitznamen. Mein anderes, hirnverknotetes Ich anscheinend schon. Wer bin ich und wenn ja wie viele? Schönen Gruß an Herrn Precht. Ich habe das Buch nie gelesen.

Gestern war der Tag, an dem ich „aufgewacht“ bin.

Aus einer Zeit, an die ich keinerlei Erinnerung habe und das glauben muss, was man mir erzählt. Zeit des Erwachens. Soweit, so gut. Jetzt beginnt die Zeit des Entdeckens und Erinnerns. Ich werde nie wirklich wissen, ob mir jemand Quatsch erzählt, wenn ich mich nicht erinnern kann. Kurz denke ich darüber nach, was sich alles für Türen öffnen könnten, wenn ich sagen kann „Weiß ich nicht mehr“. Ich werde das im Hinterstübchen behalten. Insofern das geht.

Ich bin in diesem Elisabeth-Haus. Ich bin wohl nicht mehr fluchtgefährdet. Ein bisschen bissig bin ich wohl nach wie vor, zumindest verbal. Ab und zu werde ich mir auf die Zunge beißen müssen.

Gestern war ich noch ruhig gestellt. Heute bin ich ruhig. Ich hoffe, ich werde keinen Rückfall haben.