Dresden im Schatten des Plon - Denise Bormann - E-Book

Dresden im Schatten des Plon E-Book

Denise Bormann

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Beschreibung

Seit Jahren liegt ein dunkler Schatten über Dresden. Ein Schatten, der auch Mathilda, 36 Jahre jung und engagierte Ermittlerin der Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Rauschgift beim Landeskriminalamt Sachsen, zu verschlingen droht. Werden Schmerz und Verzweiflung es schaffen, die Zuversicht und Lebensfreude unwiederbringlich zu vernichten? Oder leuchtet die Flamme der Freundschaft und der Hoffnung hell genug, um die Dunkelheit zu durchdringen? Hinweis: Zauberhaft kann viele Gesichter haben. Wer auf der Suche nach einer zauberhaften Story im "klassischen Sinn" ist, wird hier nicht fündig. Diese Geschichte ist an manchen Stellen blutig, manchmal brutal und schreckt auch vor menschlichen Abgründen nicht zurück. Wer das Zauberhafte dahinter entdecken will, dem wünsche ich viel Freude beim Lesen.

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Seitenzahl: 107

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Ähnliche


Inhaltsverzeichnis

VORWORT

IM HIER UND JETZT

EIN RÜCKBLICK MATHILDA

DER PLON

EIN ANHALTSPUNKT

GESPRÄCHE ODER DOCH VERHÖRE?

DIE ERMITTLUNGEN BEGINNEN

GRENZENLOSE WUT

WR BIN ICH

EIN PAAR PRIVATE WORTE

THEODOR

BETTINA

THEODOR

EIN LEBEN ENDET

SCHRECKLICHE NACHRICHTEN

RIKE

ERINNERUNGEN

DIE NÄCHSTE GENERATION

TILDA

GEHEN ODER BLEIBEN?

UNERWARTETE GESTÄNDNISSE

EINE VERHAFTUNG

TOTE WERDEN GEFUNDEN

DES EINEN GLÜCK… ODER: WAS WÄRE WENN

DIE ANDERE SEITE

TALPA EUROPAEA

ERSCHRECKENDE INFORMATIONEN SICKERN DURCH

GESCHAFFT – ZUMINDEST FAST

Schlag gegen die organisierte Kriminalität

ZRÜCK IM HIER UND JETZT

DIE MONATE SIND VERGANGEN

Schneemann-Kakao im Glas

EIN PAAR WÖRTER NACH MEINEM VERSTÄNDNIS UND MEINER RECHERCHE ERKLÄRT/ÜBERSETZT

BUCHÜBERSICHT DER „ZAUBERHAFTEN DRESDNER WEIHNACHT“

VORWORT

Diese Geschichte erscheint unter dem Label „Zauberhafte Dresdner Weihnacht“.

Idee und Konzept dieser Reihe wurden 2021 von der Kinderbuchautorin Ines Wiesner entwickelt. Seitdem veröffentlichen verschiedene Autorinnen alljährlich weihnachtliche Geschichten aus der schönen Stadt Dresden in unterschiedlichen Genres unter diesem Label.

Herzlichen Danke, liebe Ines, dass ich dieses Jahr mit meiner dritten Geschichte dabei sein darf!

IM HIER UND JETZT

Traurig und verzweifelt steht Mathilda auf dem Heidefriedhof, während der Schnee lautlos zu Boden fällt. Sie ist bereits ganz durchnässt und die Tränen auf ihren Wangen haben sich in Eis verwandelt. Doch es gelingt ihr nicht, den Blick von dem Grab zu nehmen.

Ihr Körper verweigert ihr den Dienst. Ihre Füße tragen sie, doch bewegen sie sich keinen Millimeter von der Stelle. Die Blumen lassen die Köpfe hängen, die Schleifen an den Kränzen kleben nass und traurig an der Erde.

Die Grabstelle ist idyllisch gelegen, so wie eigentlich der ganze Heidefriedhof. Ein wunderschöner Wald mit einem eingebetteten Friedhof. Oder ein Friedhof mit einem Wald? „Komisch, welche Gedanken einem so durch den Kopf gehen, wenn man, zitternd vor Kälte, auf ein Grab blickt“, geht es Mathilda durch den Kopf, während sie versucht, ihren Körper dazu zu bringen, ihr endlich zu gehorchen.

Sie kommt fast jeden Tag hierher, meist nur kurz, auf dem Weg vom Landeskriminalamt Sachsen zu ihrer kleinen Wohnung in Boxdorf. Schon immer hat sie ihr Rückweg von der Arbeit durch den Wald geführt.

Die Stille, nur durchbrochen vom Lied der Vögel, das Spiel von Licht und Schatten zwischen den Bäumen, der Duft der Blumen und der Anblick der Sonne, die sich im Teich der Erinnerung spiegelt, all das hat ihr immer geholfen, den Kopf freizubekommen und die teilweise so schrecklichen Bilder ihrer Arbeit hinter sich zu lassen. Gemeint sind die Bilder der Junkies, die körperlichen und geistigen Ausfälle, der Verfall, der komplette Verlust von „Alltag“, wenn sich alles nur noch um die Droge dreht.

Bis vor einigen Wochen. Bis zu jenem schicksalhaften Tag, der ihr Leben für immer verändert hat.

Seitdem hat dieser Ort alles Positive verloren. Statt atemberaubender Licht- und Schattenspiele sieht und fühlt sie nur Dunkelheit, wenn sie – meist wie in Trance – über die Waldwege läuft. Statt Frieden und Beruhigung empfindet sie nur tiefen Schmerz. Das Gefühl von Vertrautheit, ja sogar Sicherheit, das ihr dieses Fleckchen Erde immer vermittelt hat, scheint unwiederbringlich verloren.

Nie hätte sie gedacht, dass ihr Ruhepol, ihr Zufluchtsort, der Ort der Geborgenheit, einmal ins Gegenteil umschlagen würde.

Wie es dazu gekommen ist, dass sich der Heidefriedhof für Mathilda zu einem grauenvollen Ort gewandelt hat, den sie trotz eisiger Kälte und durchdringender Nässe nicht in der Lage ist, zu verlassen? Nun, um das zu verstehen, müssen wir die Zeit einige Monate zurückdrehen:

EIN RÜCKBLICK MATHILDA

Mathilda, die von den meisten von uns aber nur liebevoll Tilda genannt wird, liebt ihren Job und hat ihn schon immer geliebt. Schon früh war es ihr Wunsch, eines Tages Polizistin zu sein. Anfangs, wie es der Wunsch vieler kleiner Mädchen und Jungen ist, in Uniform. Streifendienst, Verbrechen verhindern und den Menschen ein Gefühl der Sicherheit geben. Das passte zu ihr und machte sie zufrieden, aber tief in ihrem Inneren wollte sie mehr. So, wie es ihr scheinbar schon über ihren Namen bestimmt zu sein schien, schließlich bedeutet dieser nicht weniger als mächtige Heldin oder starke Kämpferin. Das hatte ihr Großvater schon immer voller Liebe und mit stolz geschwellter Brust gesagt, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Und so hatte Tilda keinen Moment gezögert, als sich vor einigen Jahren die Möglichkeit ergeben hatte, eine Stelle bei unserer Gemeinsamen Ermittlungsgruppe Rauschgift im Landeskriminalamt Sachsen anzutreten. Sie hat alle notwendigen Tests mit Bravour bestanden, sich schnell in unser Team integriert und das Vertrauen und den Respekt aller Kollegen und Vorgesetzten erlangt.

Mit der Zeit hat sich sogar das ein oder andere freundschaftliche Verhältnis entwickelt, so auch zwischen uns.

Unsere Ermittlungsgruppe ist mehr als ein Zusammenschluss von Kolleginnen und Kollegen. Sie ist mit der Zeit fast so etwas wie eine Familie geworden. Die gemeinsamen Aufgaben und Erlebnisse, böse Zungen würden sagen vielleicht auch die vielen Überstunden, haben uns alle mit den Jahren eng zusammengeschweißt.

Eine andere Stelle und damit ein Leben ohne ihre Kolleginnen und Kollegen ist für Tilda mittlerweile unvorstellbar. Da bisher der richtige Mann für ein gemeinsames Leben ihren Weg noch nicht gekreuzt hat, machen ihr die Überstunden nichts aus und sie übernimmt bereitwillig anfallende Wochenend-und Feiertagsdienste.

Von denen hat es in den vergangenen Monaten viele gegeben. Sehr viele, gefühlt sogar mehr als in all den Jahren zuvor. Der Grund war ein trauriger und ein erfreulicher zugleich, denn als der Leiter unserer Ermittlungsgruppe uns Anfang August zusammengerufen hatte, hatten wir endlich das gefunden, wonach wir schon seit Jahren gesucht hatten.

DER PLON

Viel war es nicht gewesen, aber ein Anhaltspunkt. Ein Anhaltpunkt, der uns vielleicht endlich in die Lage versetzen würde, einen der größten Drogenhändler Sachsens zu überführen, der seine Finger unter anderem auch noch in Prostitution, Glücksspiel und Schutzgelderpressung haben sollte.

Wir hatten schon mehrfach versucht, ihm auf die Spur zu kommen, uns von unten an ihn heranzutasten, waren aber immer gescheitert. War einmal jemand bereit, den Mund aufzumachen, verschwand er spurlos. Wie unheilvolle Warnungen schwebten die verschwundenen Kleinkriminellen über Sachsen und der Landeshauptstadt Dresden. Nichts lässt Zeugen schneller verstummen als Angst. Wobei Angst schon nicht mehr ausreicht, um das Gefühl, das herrschte, zu beschreiben. Es war Panik die sich in den Augen von Prostituierten, kleinen Dealern und auch den harten Kerlen, die sonst nicht gerade zimperlich waren, wenn sie sich um die Finanzen kümmerten, zeigte, wenn ein Gespräch auch nur in Richtung des Plon zu verlaufen schien. Darum war es uns auch nie gelungen, dieser Schattengestalt auch nur einen klitzekleinen Schritt näherzukommen, geschweige denn seinen Klarnamen zu erfahren und damit die Person hinter all den Mysterien zu identifizieren.

Denn die Polizei kannte ihn nur unter seinem Spitznamen: Plon.

Ein Name, der sich und seinen Schrecken weit verbreitet und tief in die Köpfe all derer eingebrannt hatte, die mit ihm zu tun hatten.

Für alle, die sich mit den Mythen und Legenden Sachsens nicht so gut auskennen, ein kleiner Exkurs, der auch zeigt, wie passend, aber auch zynisch dieser Spitzname eigentlich ist. Denn der Plon ist ein Hausdrache, der im Spreewald als heimlicher Glücksbringer gilt. Er ist ein Gabenbringer, der Reichtum oder Nahrung ins Haus bringt. Dreierlei Arten soll es geben: Getreidedrachen, Milchdrachen und Gelddrachen. Wer den Plon besitzt, häufig sagt man, er suche sich ein gemütliches, warmes Plätzchen hinter dem Ofen des Hauses, der muss ihn tüchtig füttern. Die Leibspeise des Plon sind (Milch)Hirse und Fleisch. Zudem muss man ihm mit freundlichen Worten schmeicheln. Macht man das nicht, dann verschwindet er und nimmt alles wieder mit, was er gebracht hat. Wie der Plon an die Nahrung und das Geld kommt? Vermutlich stiehlt er es bei anderen Familien. Woher sonst soll er es bekommen? Aber vielleicht irre ich mich auch. Der Plon verfügt zudem über die Gabe der Verwandlung. Er kann die Gestalt anderer Tiere, wie Hühner oder Ferkel, annehmen. Woran man erkennen kann, was der Plon ins Haus bringen wird, fragt ihr euch? Nun, dann will ich euch das noch schnell verraten, bevor wir aus der Welt der Mythen und Legenden in das kalte Dresden zurückkehren. Man erkennt es an der Färbung. Wenn über einem Haus eine Sternschnuppe zu sehen ist, dann ist klar, dort ist der Drache. Schimmert der Schweif der Sternschnuppe fahl, so ist es ein Gelddrache. Schimmert er jedoch bläulich, so ist es ein Getreidedrache.

Aber nun zurück zu der Frage wie Tilda verzweifelt und durchnässt auf den Heidefriedhof gekommen ist.

EIN ANHALTSPUNKT

Anfang August hatten wir zum ersten Mal einen vielversprechen den Hinweis auf den Plon bekommen. Oder besser gesagt, der Zufall hatte ihn uns in die Hände gespielt. Ein tragischer Glücksfall, so hatte Hermann, der Leiter unserer Ermittlungsgruppe, es genannt. Auch wenn am Anfang nichts darauf hingedeutet hatte.

Tilda hat, genau wie wir Kolleginnen und Kollegen, nie an den berühmten, in vielen Filmen oder Büchern bemühten, Kommissar Zufall geglaubt. Natürlich kennen wir alle die Geschichten, wie die des Serienmörders David Berkowitz, besser bekannt als „Son of Sam“, der erst durch ein zu nah an einem Hydranten geparktes Fahrzeug in den Fokus der Polizei geraten ist. Aber das sind doch nur seltene, fast unglaubliche, Geschichten, keine, die man selbst erlebt, besonders nicht im doch noch recht beschaulichen Dresden – also, wenn man es beispielsweise mal mit New York City vergleicht.

Doch erstens kommt es anders, und zweitens, als man denkt. Oh, entschuldigt, ich bin wohl schon wieder ein bisschen abgedriftet. Tut mir leid, nun aber schnell zurück zu unserem Kommissar Zufall.

Noch immer schwanken wir zwischen unglaublichem Erstaunen und ungläubigem Lachen, wenn wir daran zurückdenken. Seit einigen Jahren arbeitet das Landeskriminalamt Sachsen mit der Hochschule Mittweidazusammen, genauer gesagt der Fachbereich 64 „Naturwissenschaftliche KT/Mikrospuren“. Eine der Aufgaben dieses Fachbereichs ist es Substanzprobenzu identifizieren und zu und quantifizieren. Ein Untersuchungsgebiet ist die Betäubungsmittelanalytik, bei der zum Beispiel Pulverproben, Tabletten und Flüssigkeiten untersucht werden. Klar, dass der Fachbereich also auch eng mit unserer Ermittlungsgruppe zusammenarbeitet. Naja, jedenfalls ermöglichen es Mitarbeitende des Fachbereichs 64 den Studierenden der Hochschule Mittweida Einblicke in die praktische Kriminaltechnik zu erhalten. Natürlich nicht an echten Fällen und Spurenmaterialien, sondern an vorher festgelegtem Probenmaterial.

Auch Ende Juni / Anfang Juli war es wieder so weit gewesen, kurz vor dem Ende des Semesters. Doch war die Kooperation in diesem Jahr eine Ansammlung von Hudeleien a la Pleiten, Pech und Pannen gewesen. Das hatte schon damit angefangen, dass der Mitarbeiter, der die Studierenden betreuen sollte, den Termin schlicht und ergreifend vergessen hatte. Daher waren alle seine Improvisationstalente gefragt gewesen, als er sich unversehens mit den wissbegierigen Studierenden konfrontiert gesehen hatte. Schnell hatte er eine Decke aus dem Kofferraum seines Autos geholt, mit der er kurz zuvor zusammen mit seiner Familie eine Aufführung bei den Filmnächten am Elbufer genossen hatte. Oder besser gesagt das vorherige Picknick auf den Neustädter Elbwiesen. Seine Tochter hatte unbedingt die Kid`s Night besuchen wollen und so hatten sie einen schönen Tagesausflug gemacht, bei dem Melanie, die beste Freundin seiner Tochter, natürlich nicht hatte fehlen dürfen. Bei bestem Wetter hatten sie den spektakulären Blick auf die schöne Dresdner Altstadt und all das leckere Essen genossen, das seine Frau mit viel Liebe zubereitet hatte. Die Kinder hatten herumgetollt und viel Spaß gehabt, so dass es im ersten Moment fast ein wenig schade gewesen war, als sie hatten aufbrechen müssen. Allerdings nur im ersten Moment, denn die Kid`s Night war einfach fantastisch gewesen. Aber herrje, ich schweife schon wieder ab.

Jedenfalls war dem Mitarbeiter des Fachbereichs 64 auf die Schnelle nichts Besseres eingefallen, um den Studierenden die verschiedenen Techniken der Spurensicherung und der anschließenden Spurenanalyse zu erklären. Auch wenn ihm der Zorn seiner Gattin gewiss war, denn schließlich gehörte dazu auch Proben der Decke zu nehmen, sie also zu zerschneiden. Unter den genommenen Proben hatten sich auch einige Haare befunden. Da es sich um ausgefallene Haare und nicht um herausgerissene Haare mit Wurzel handelte waren sie perfekt geeignet gewesen, um den Studierenden die unterschiedlichen Methoden zu erläutern, denn ohne Haarwurzel kann nur die mitochondriale DNA gewonnen werden.

Und hier haben Pleiten, Pech und Pannen zu unserem Glück dann nochmal zugeschlagen. Denn natürlich werden die zur Anschauungszwecken gesammelten Proben normalerweise nicht analysiert. Den Studierenden wird nur gezeigt und theoretisch erklärt, was mit den Proben geschehen würde. Aber der Stress und die leichte Überforderung aufgrund der Gesamtumstände hatten dazu geführt, dass die Probe in die Analyse gelangt war.

Zur großen Überraschung aller, und zum großen Entsetzen des Mitarbeiters der Kriminaltechnik, hatte es eine Übereinstimmung der mitochondrialen DNA der Haarprobe mit einem DNA-Profil gegeben, das man kurz vorher gesichert und mit großer Wahrscheinlichkeit dem Plon hatte zuordnen können und das nun ebenfalls ausgewertet worden war.