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Über 2,4 Millionen Ostdeutsche erlebten die Wende von 1989 als Kinder und Jugendliche. In der DDR geboren, aber in der vereinten Bundesrepublik erwachsen geworden, haben sie einzigartige Umbruchserfahrungen gemacht. Sie sind dadurch zu doppelten Vermittlern geworden – zwischen den Generationen und zwischen Ost und West. Eine Rolle, die sie nun selbstbewusst wahrnehmen wollen und für die sie ihre eigene Sprache gefunden haben.
In diesem Buch denken 33 Autoren über ihre Wurzeln, ihre Herkunft, ihre Chancen nach. Sie stellen Fragen an die Altersgenossen, die Elterngeneration und die Westdeutschen. Sie blicken nach vorn und entwerfen Pläne für die Zukunft Deutschlands. Die Dritte Generation Ost mischt sich ein: als Ideengeber, Gesprächspartner und Macher.
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Seitenzahl: 329
Veröffentlichungsjahr: 2012
Dritte Generation Ost
Wer wir sind, was wir wollen
Michael Hacker · Stephanie Maiwald · Johannes Staemmler
Judith Enders · Adriana Lettrari · Hagen Pietzcker
Henrik Schober · Mandy Schulze (Hg.)
Wer wir sind, was wir wollen
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
1. Auflage, September 2012 (basiert auf der 2. Druckausgabe, September 2012) © Christoph Links Verlag GmbH Schönhauser Allee 36, 10435 Berlin, Tel.: (030) 44 02 32-0www.christoph-links-verlag.de; [email protected] Umschlaggestaltung und Satz: Plural Severin Wucher, Berlin ISBN 978-3-86284-188-2
MICHAEL HACKER · STEPHANIE MAIWALD · JOHANNES STAEMMLER
Dritte Generation Ost
Wer wir sind, was wir wollen
Der lange Schatten der Vergangenheit
ANDREA BACKHAUS
Auf der anderen Seite
ANJA GÖRNITZ
Kommunismus und Identität
Über die Schwierigkeit, mit den Eltern ins Gespräch zu kommen
JÁNOS CAN TOGAY
Fußnoten zu einer Fußnote
CLEMENS FRANKE
Alte Bilder
LINDA BUNCKENBURG · SUSAN MÜCKE
Jugend im Aufbruch
Wendejugendliche erinnern sich an ihren Herbst 1989
JULIANE CIESLAK · PAULA HANNASKE
Vergangenheit heute
Einblicke in die Arbeit einer ostdeutschen Biografiegruppe
KATJA WARCHOLD
„So etwas ist in meiner DDR nicht vorgekommen“
Erinnerungen an ein Aufwachsen in der DDR und im vereinten Deutschland
ROLAND JAHN
Wissen, wie es war
Ansichten einer zersplitterten Generation
ANNE SCHREITER
Bin ich ostdeutsch?
Vom Umgang mit den kleinen Unterschieden
JANA WESSENDORF · ANNE WESSENDORF
Wendekinder
Zwei Schwestern im Gespräch
CHRISTINE STEINHÄUSER
Ossi in den Niederlanden
Ein Erfahrungsbericht
NANCY KUNZE-GROß
Zerrissenheit
Zwischen Heimat Ost und Heimat West
NIKOLA RICHTER
„Kaffee und Kuchen für Wessis umsonst!“
ROBERT IDE
Hüben und drüben
Und wo bin ich jetzt?
STEPHANIE MAIWALD
Zurück in die Zukunft
Von Frankfurt West nach Frankfurt Ost
HAGEN PIETZCKER
Das Spargelprinzip
Die Vorurteile eines Wessis im Realitätscheck
RICHARD FRIEBE
Einstellungen, Ausschnitte, Perspektiven
Ein Interview mit der Filmemacherin Nadja Smith und dem Fotografen Sven Gatter
Wer, wenn nicht wir?!
MICHAEL HACKER
Heim@ gestalten
Sich engagieren, ohne vor Ort zu sein
JOHANNES STAEMMLER
Ich entdecke den Osten neu
Ein Interview mit dem Chefredakteur der SUPERillu, Robert Schneider
ISABEL HEMPEL
Zukunft ist kein Schicksalsschlag
Frauen machen Neue Länder
ROMY KÖHLER · SUSANNE HERRMANN-SINAI
Denken in Grenzen
ARNE LIETZ
„Zurückkommen, um zu bewegen“
Ein Statement für parteipolitisches Engagement in der ostdeutschen Provinz
ADRIANA LETTRARI
Potenziale der Dritten Generation Ostdeutschland
Nicht entweder oder, sondern sowohl als auch!
Dritte Generation Ost
JOHANNES STAEMMLER
Wir, die stumme Generation Ost
LOTHAR PROBST
Wer ist die Dritte Generation Ostdeutschland
Überlegungen zu ihrer Verortung im Kontext von DDR und Deutscher Einheit
JANA SCHALLAU
Neuer Raum, neue Grenzen
Über die schwierige Aufgabe, sich als Generation zu definieren
HENRIK SCHOBER
Die gefühlte Generation
Eine kurze Geschichte der Initiative 3te Generation Ostdeutschland
ALF
Comics 17, 77, 153, 211
Danksagung
Angaben zu den Beteiligten
Eine Antwort war „Badeofen“. Nichts weiter. Einfach Badeofen. Wir fragten 2011 nach Bildern, die einem in den Sinn kommen, wenn man an die neuen Bundesländer denkt. Über 150 junge Menschen aus Ostdeutschland antworteten dazu auf verschiedene Weise – und ließen sich nach Berlin einladen, um drei Tage lang über ihre Erinnerungen zu sprechen und gemeinsam zu überlegen, was diese für die Zukunft Deutschlands bedeuten. Die Bilder reichten von schönen Landschaften über verwaiste Bushaltestellen bis hin zu verrückten Jugendgeschichten. Doch jemand schrieb einfach nur „Badeofen“. Und dieser Badeofen steht für etwas, das sich nur schwer in Worte fassen lässt. Er steht für eine Zeit, die es nicht mehr gibt. Und er steht damit nicht für die neuen Länder, wo Badeöfen heute genauso selten sind wie im Rest Europas. Er steht für eine Generation, die sich auf die Suche nach ihren Wurzeln macht, weil sie in der Gegenwart wenig darüber erfährt.
Dieses Buch ist ursprünglich aus einer Wut entstanden. Darüber, dass so viele Worte, die über Ostdeutschland, die Ossis und die Wessis, die DDR und die Wiedervereinigung gesagt werden, junge Menschen wie uns selten erreichen. Sie haben wenig mit unseren Erfahrungen zu tun.
Dieses Buch ist der Versuch, die abgedroschenen Worthülsen abzuschütteln und einen Dialog zwischen Jung und Alt, zwischen Ost und West auf eine andere Weise als bisher zu führen. Aber ist denn nicht schon alles gesagt? Können wir die alten Geschichten nicht endlich weglegen? Sind wir Deutschen nicht schon längst ein Volk? Können wir uns nicht endlich in Ruhe lassen?
Nein, das wollen und können wir nicht.
Wir, die Herausgeber dieses Buches, kommen aus Ostund Westdeutschland. Wir trafen uns im Sommer 2010, jeder für sich war wütend über die öffentlichen Diskussionen zum Thema, die immer von denselben alten Protagonisten bedient wurden.
Uns ist klar, dass wir den Osten nur verstehen können, wenn wir die alten Begriffe in Frage stellen und wir uns eingestehen, dass die DDR auch uns Jüngere betrifft. Wer sagt, dass die Vergangenheit für die Jungen keine Rolle mehr spielt, der irrt. Wir haben jeder für sich erlebt, wie schwierig es ist, über Herkunft und Vergangenheit zu sprechen und sich ein Urteil zu bilden, wenn eine Mischung aus Unlust und Vorurteilen jeden Gesprächsversuch im Keim erstickt. Wir wollen nicht mehr ausweichen und um alles lavieren, was mit Ostdeutschland zusammenhängt. Wenn es stimmt, dass die Vergangenheit ein Ort ist, an dem man nie war, dann wollen wir uns ihm zumindest nähern.
Jetzt, 20 Jahre nach der Vereinigung der beiden deutschen Staaten, finden sich diejenigen zusammen, die zu jener Zeit Kinder waren. Der Badeofen steht dabei für so vieles, das wenig Aufmerksamkeit gefunden hat. Er markiert eine Zeit, die junge Ostdeutsche erinnern, die sie aber kaum besprechen. Er steht für Heimat und Herkunft, für rasend schnelle Veränderung und für den Versuch, sich zu erinnern ohne sich rechtfertigen zu müssen. Er gehört zu Erinnerungen an eine Zeit, die in der Öffentlichkeit häufig entweder als Unrechtsstaat oder als die wunderbare Welt von früher eingeordnet wird. Dazwischen gibt es meist nichts. Das wollen wir ändern.
Dieses Buch ist eine Verdichtung von Diskussionen, die wir in den letzten beiden Jahren mit Ost- und Westdeutschen, aber auch mit Menschen aus anderen europäischen Ländern geführt haben. Es ist ein Beitrag, um persönliche Erfahrungen in Ost und West festzuhalten und miteinander sprechen zu lassen. Es unternimmt den Versuch, das festgefügte „So war es“ zu überwinden und dem eine Vielfalt von Erfahrungen, Positionen und Forderungen entgegenzustellen. Diese einzelnen Perspektiven stehen für sich selbst, aber in ihrer Summe zeichnen sie das Bild einer Generation.
1989 ist eine Zäsur in unser aller Leben gewesen. Für die Wendekinder aus dem Osten verschwand das Land, in dem sie geboren worden waren. Damals waren sie jung; manche so jung, dass sie wenig mehr als nebulöse Erinnerungen an die Zeit vor dem Mauerfall haben. Zur Dritten Generation Ostdeutschland1 gehören nach unserem Verständnis jene, die in der DDR ihre Kindheit verlebt haben und im vereinigten Deutschland aufgewachsen sind – also die 2,4 Millionen Menschen der Jahrgänge 1975 bis 1985. Mit dem Jahr 1989 änderte sich für die Bürger der DDR an der Oberfläche alles. Darunter aber wirken die Spuren der DDR in den Familien und Erinnerungen bis heute weiter. Staaten verschwinden manchmal plötzlich, Werte und Vorstellungen von einem guten und richtigen Leben sind jedoch von längerer Dauer. Auch für die Westdeutschen begann mit dem Ende der Bonner Republik der schleichende Abschied von einer sicheren Zeit, denn es fiel unter anderem zusammen mit einer beschleunigten Globalisierung.
Die Eltern der Dritten Generation Ostdeutschland wurden in der DDR geboren, haben dort gelernt, studiert und Familien gegründet. Sie, die zweite Generation, haben nach 1989 noch einmal von vorn anfangen können, ja müssen. Die erste Generation, die Großeltern, sind die Kriegskinder, die die DDR mit aufgebaut haben und meist 1989 freiwillig oder unfreiwillig in Rente oder den Vorruhestand gingen. Die Generationengrenzen sind fließend, aber darauf kommt es nicht an. Ausschlaggebend ist, dass der Umbruch 1989/90 mit einer Wucht die DDR-Bürger und eben auch ihre Kinder traf, die in der jüngeren Geschichte ihresgleichen sucht.
Während die Eltern versuchten, sich in einem neuen Land zurechtzufinden, waren die Wendekinder oft auf sich gestellt. Orientierungslosigkeit war allgegenwärtig, und die Welt stand auf dem Kopf: Gewohnte Vorbilder und Autoritäten verschwanden. Die Eltern suchten zuweilen bei ihren Kindern Rat. Und alle Versuche, Autorität auszuüben, standen schnell im Verdacht, sich ausgedienter Methoden zu bedienen. Was wussten denn die Lehrer, welche Berufe und Studiengänge morgen noch gebraucht würden? Im Geschichtsunterricht wurde die Französische Revolution allzu ausführlich besprochen, die DDR „in ihrem Lauf“ kam kaum vor.
Viele Angehörige der Dritten Generation haben mittlerweile für Ausbildung, Studium oder Arbeitssuche ihre Herkunftsorte verlassen. Entweder haben sie das selbst so entschieden, oder sie sind mit ihren arbeitssuchenden Eltern weggezogen. Bis heute ist die Dritte Generation Ost sehr pragmatisch mit ihrer Herkunft umgegangen. Wer die Freiheit nutzen konnte, ist gereist und hat an anderen Orten gelernt oder studiert. Darin unterscheiden sich die jungen Ostdeutschen nicht von den gleichaltrigen Westdeutschen. Der Dialekt ist abgeschliffen, der Habitus ein anderer geworden, das Selbstbewusstsein gewachsen. Vielen ist es aber noch immer peinlich, sich in privaten Gesprächen oder in der Öffentlichkeit als Ostdeutsche zu erkennen zu geben.
Die Initiative 3te Generation Ostdeutschland hat ihren Namen bewusst gewählt. Er nimmt Anleihen an der Vergangenheit und ist doch in die Zukunft gerichtet. Die Spuren der DDR nicht anzuerkennen, bedeutet, ein Stück der eigenen Herkunft abzuschneiden und auf diesen Erfahrungsschatz zu verzichten. Der Dritten Generation Ost kommt nach unserer Überzeugung aber für das Verstehen der Gegenwart eine Vermittlerrolle zwischen den Generationen in Ostdeutschland sowie zwischen Ost- und Westdeutschen zu, da sie in ihrer doppelten Sozialisation und mit den Transformationserfahrungen über einen breiteren Erfahrungsschatz als andere verfügt. Wie anstrengend es ist, Themen kategorisch auszublenden, zeigt die bundesdeutsche Geschichte der 1950er und 1960er Jahre nur zu deutlich.
Im Kern sind es drei Forderungen, um die es uns geht. Sie sind zugleich mit der Einladung verbunden, sich mit der Dritten Generation Ostdeutschland auseinanderzusetzen.
1.) Wir fordern die Eltern auf, sich mit ihren Erinnerungen zu befassen und ihre Kinder dabei einzubeziehen. Wer von ihnen nicht bereit ist zu erzählen, muss sich nicht wundern, wenn er oder sie am Ende mit den Ängsten und schmerzlichen Erinnerungen allein bleibt. Das Wegschweigen der Vergangenheit ist eine unerträgliche Realität in so vielen Familien. Es steht außer Frage, dass die Dritte Generation ein großes Interesse an den Geschichten der eigenen Familien hat. Es geht nicht darum, diese Geschichten in ein Gut-Böse-Schema einzusortieren. Es geht um das Verstehen und Anerkennen von Lebensleistungen. Es reicht nicht aus, diese ausschließlich in der BRD zu suchen. Es ist die Dritte Generation Ostdeutschland, die diese Lebensleistungen anerkennen will und am besten anerkennen kann. Das ist in den vergangenen 20 Jahren oft zu kurz gekommen. Die Dritte Generation Ostdeutschland möchte mehr darüber wissen, wie es ist, mitten im Leben noch einmal vollkommen neu anzufangen. Wir wollen begreifen, warum man sich unter welchen Umständen wofür entscheidet. Es geht um die alten Grundfragen: Wie geht man mit Zukunftsangst um? Wie wird man glücklich?
2.) Wir fordern aber zugleich die Westdeutschen auf, endlich anzuerkennen, dass mit dem Fall des Eisernen Vorhangs auch die Selbstverständlichkeiten der alten BRD untergegangen sind. Die Bonner Republik ist passé! Sie ist nicht mehr der Referenzrahmen für junge Deutsche im 21. Jahrhundert – egal, ob sie aus Ost oder West kommen. Es ist sinnlos, dieser BRD als Ideal nachzutrauern. Dort kann keiner mehr ankommen; dort will auch keiner mehr hin. Die Ost-West-Diskurse reproduzieren sich immer wieder mit den gleichen Begriffen und schaffen es nicht, die neuen Wirklichkeiten zu beschreiben. Die Trennlinien verlaufen heute eher zwischen Alt und Jung. Dass der Osten den Westen braucht, steht außer Frage. Dass der Westen auch den Osten braucht, ist eine neue Realität. Dort werden Erfahrungen gesammelt und Strategien erprobt, wie mit Strukturwandel und einer postindustriellen Gesellschaft, die sich im demografischen Wandel befindet, umgegangen werden kann. Dies ist eine Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen.
3.) Für alle jungen Deutschen ist die Grenzziehung zwischen Ost und West ein Relikt, das endlich in den Ruhestand geschickt werden muss. Die Dritte Generation Ostdeutschland und ihre Altersgenossen im Westen dürfen es sich nicht auf der Ost-West-Couch bequem machen, die ihnen ihre Eltern eingerichtet haben. Werft die Wortkrücken der letzten 20 Jahre in die Ecke! Es gibt so viele Themen, die Ost- und Westdeutsche gemeinsam bearbeiten müssen, da sie die Zukunft aller betreffen. Diese kann nur gestaltet werden, wenn von allen Erfahrungen und Talenten, die eine Gesellschaft in sich birgt, Gebrauch gemacht wird. Dabei geht es uns nicht nur um die globalen Herausforderungen dieser Welt. Rechtsextremismus ist beispielsweise kein spezifisch ostdeutsches, sondern ein gesamtdeutsches und europäisches Problem, dem an vielen Orten mit Engagement begegnet werden muss. Auch die Fragen des interkulturellen Zusammenlebens stellen sich überall. Strukturelle Probleme wie Arbeitslosigkeit und demografischer Wandel bieten Chancen, die bekanntlich in jeder Veränderung liegen. Zudem markiert Ostdeutschland auch die Grenze zwischen dem alten und dem neuen Europa. Hier trafen einst die Blöcke aufeinander, hier eröffnen sich völlig neue europäische Perspektiven.
Dieses Buch vereint Beiträge, die die Vielfalt der Dritten Generation Ostdeutschland und auch die der Debatte darüber abbilden. Wir haben aus den vielen Dutzend Beiträgen, die uns angeboten und eingereicht worden sind, jene ausgewählt, die gleichermaßen exemplarisch und aussagekräftig sind. Es sind vor allem junge Ostdeutsche, die sich hier zu Wort melden. Für viele von ihnen ist es das erste Mal, dass sie das Private in einen öffentlichen Diskurs tragen. Dieser Schritt zeugt nicht zuletzt von viel Courage und davon, dass es an der Zeit ist, den öffentlichen Diskurs mitzubestimmen. Ergänzt werden diese Texte durch Positionen junger Westdeutscher und Vertreter älterer Jahrgänge, die unsere Initiative in den letzten Monaten unterstützt, aber auch kritisch begleitet haben. Dabei spiegeln alle Beiträge die Ansichten ihrer Autoren wider und nehmen nicht für sich in Anspruch, für eine Gruppe oder gar die ganze Generation zu sprechen. Gleichwohl zeichnen alle zusammen ein Bild davon, was die Dritte Generation Ostdeutschland denkt, fühlt und ausmacht.
Im ersten Teil des Buches geht es uns um persönliche Erinnerungen an die verschwundene DDR. Was wissen wir eigentlich von dieser Zeit, aus der häufig nicht mehr als kindliche Erinnerungsfragmente übrig geblieben sind? Von wem können und wollen wir mehr darüber erfahren? Während Andrea Backhaus und Anja Görnitz in ihren Beiträgen das familiäre Schweigen thematisieren, erinnert der Ungar Can Togay eine Pionierepisode aus seinem Leben neu. Clemens Franke, Juliane Cieslack, Paula Hannaske, Linda Bunckenburg und Susan Mücke finden verschiedene Wege, über eigene Erfahrungen nachzudenken und sie (erstmals) zu artikulieren. Und schließlich mahnt Roland Jahn, die Geschichte als Chance zu begreifen und alte Klischees aufzubrechen, ohne die Heimat und die Erinnerungen zu vergessen.
Im zweiten Teil des Bandes fragen sich die Autoren, ob ihre Herkunft Auswirkungen auf ihr gegenwärtiges Leben hat. Viele Texte kreisen um das Suchen und Finden der eigenen Identität(en). Was bedeutet es, wenn man in Ostdeutschland aufgewachsen ist? Wie wichtig ist Heimat, insbesondere für diejenigen, die nun in Hessen, Bayern oder gar im Ausland leben? Inwiefern kann diese Identitätssuche produktiver Ausgangspunkt für eine künstlerische Auseinandersetzung sein? Und wie blicken Gleichaltrige, die in die Bundesrepublik der Endsiebziger hineingeboren wurden, auf die Diskussion über Ost und West?
Daran schließen wir im dritten Teil mit der Frage nach der Zukunft in Ostdeutschland an. Wer sind die Vorantreiber und Ideengeber? Wir fanden Engagierte wie Isabel Hempel und Arne Lietz, die auf unterschiedliche Weise bereits sehr aktiv sind: Sie mit einem Frauennetzwerk, er in der Lokalpolitik einer „Kleinstadt mit Weltgeltung“. Wir sprachen mit Robert Schneider, der als junger Chefredakteur die SUPERillu neu gestalten will. Michael Hacker und Adriana Lettrari haben darüber nachgedacht, was es wohl bräuchte, um sich der eigenen Herkunftsgegend wieder aktiv zuzuwenden.
Im letzten Kapitel suchen die Autoren nach den Fixpunkten der Dritten Generation Ostdeutschland. Was sind Möglichkeiten und Grenzen dieser soziologischen Konstruktion? Ist es diese von uns so benannte Gruppe junger Ostdeutscher, die den Diskurs über die Vergangenheit in Frage stellen und dabei die Zukunft aktiver als bisher gestalten wird? Während die Literatur das schon länger andeutet, bleibt die Wissenschaft zögerlich. Wir schließen mit einem Abriss über die Entstehungsgeschichte der Initiative.
Die Zukunft ist offen, auch und besonders im Hinblick auf die Dritte Generation Ostdeutschland. Aber wir sind fest entschlossen, mit den Jungen aus Ost und aus West unsere Vergangenheit zu fassen und in der Zukunft nicht mehr nur zuzusehen.
1 Unsere Initiative heißt 3te Generation Ostdeutschland. Die vielen zwischen 1975 und 1985 Geborenen nennen wir „Dritte Generation Ostdeutschland“ – oder „Ost“, wenn es mal schnell gehen muss.
Die Mauer zerschnitt nicht nur ein Land. Sie vernichtete Leben, riss Familien auseinander, zerstörte Zukunftsträume. Heute ist die Mauer längst Geschichte. Aber ihr Schatten ist noch da. Er liegt über den Menschen, die einst lernen mussten, mit der deutschen Teilung zu leben.
Die Wand. So heißt ein Buch der Österreicherin Marlen Haushofer. Darin geht es um eine Frau, die mit Mann und Cousine zu einer Jagdhütte ins Gebirge reist. Morgens findet sich die Erzählerin allein wieder. Auf der Suche nach ihren Gefährten läuft sie die Alm hinab. Doch bald schon stößt sich ihr Hund an einer unsichtbaren Sperre die Schnauze blutig, die Welt dahinter wirkt merkwürdig erstarrt. Die Protagonistin, unversehens zu einem Inseldasein verdammt, lernt, sich anzupassen: Sie ernährt sich von Früchten, bewirtschaftet einen Garten. Sie beginnt, sich fernab der Zivilisation einzurichten.
Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!
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