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Und es geht spannend weiter: Teil 2 der Schattenwelt-Serie! Seit er sich erinnern kann, ist Nico anders als alle anderen, aber nie hätte er gedacht, dass da tatsächlich etwas Außergewöhnliches an ihm wäre. Als er kurz vor seinem siebzehnten Geburtstag von seinem Vater in eine Welt voller Mythen, Geheimnissen und Gefahren eingeweiht wird, kann er es kaum glauben. Doch schon kurz darauf geschieht ein schreckliches Unglück und alles, was Nico herausgefunden hatte ist wieder vergessen. Ohne Erinnerung muss er sich nun den Gefahren und Fallen dieser ihm völlig fremden Welt stellen und das Glück scheint nicht auf seiner Seite zu sein… Die Serie hängt zwar zusammen, kann aber auch durcheinander gelesen werden, es ist also egal, mit welchem Teil man beginnt. Es müssen auch nicht zwingend alle Teile gelesen werden.
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Seitenzahl: 298
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Aline S. Sieber
Dryade
Eismagier (Schattenwelten 2)
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Dryade
Zum Buch:
Vorwort
Glossar der Eigennamen und Begriffe:
Personen
New Orleans, Vereinigte Staaten von Amerika, 2011
San Francisco, Vereinigte Staaten von Amerika, 2011
New Orleans, Vereinigte Staaten von Amerika, 2011
San Francisco, Vereinigte Staaten von Amerika, 2011
San Francisco, Vereinigte Staaten von Amerika, 2012
San Francisco, Vereinigte Staaten von Amerika, 2013
Sibirien, 2014
Sibirien, 2014
Belgien, Frühjahr 2015
Französische Pyrenäen, 2015
2015, Spanische Pyrenäen
2015, Finisterre, Iberische Halbinsel
Leseprobe: Schattenwelten 1: Wolfsfieber
Leseprobe: Schattenwelten 3 - Jäger
Impressum neobooks
Nico war schon immer irgendwie anders als alle anderen. Allein schon sein Aussehen hob ihn immer von der Masse ab.
Dass da tatsächlich etwas ist, erfährt er kurz vor seinem siebzehnten Geburtstag. Ein schreckliches Unglück geschieht kurz nachdem sein Vater ihn in eine Welt voller Gefahren, Mythen und Geheimnisse eingeführt hat – und dann erwacht Nico, ohne sich auch nur an eines dieser Dinge zu erinnern und stolpert geradewegs in eine Falle…
Hat irgendjemand je behauptet, Bücher schreiben wäre einfach? Ich hoffe nicht, denn dann müsste ich das jetzt widerlegen. Bücher schreiben ist wie Atmen, aber einfach? Nicht wirklich.
Ist ein Manuskript einmal fertig, gibt es diese Überarbeitungsphase, an deren Ende man entweder wirklich an sich zweifelt und sich fragt, was in Gottes Namen man da zusammengeschrieben hat, oder eigentlich ganz zufrieden ist.
Im vorliegenden Fall hoffe ich, gute Arbeit geleistet zu haben, aber das Urteil bleibt natürlich Ihnen als Leser überlassen.
Mein Dank gebührt diesmal meiner Familie, ebenso meinen Freunden, die einfach immer für mich da sind. Ihr seid die Besten.
Das vorliegende Werk ist reine Fiktion und erhebt keinen Anspruch auf Wirklichkeitsnähe. Jegliche Ähnlichkeiten, seien sie nun zufällig oder beabsichtigt, haben keine explizite Bedeutung außer der werkrelevanten.
Dryaden: Teilhumanoide Spezies, die mit dem ihr zugeordneten Gegenständen oder Elementen eng verknüpft sind. Bekannt sind Baumdryaden, die mit Bäumen eine symbiotische Verbindung eingehen und Eisdryaden, die aufgrund ihrer Natur kein Sonnenlicht vertragen und an den Polen leben, wo es ein halbes Jahr lang dunkel ist. Ohne die Verbindung zu ihrem Element vergehen Dryaden. Alle Unterarten der Dryaden sind nachtaktiv. Eng verwandt sind die Dryaden mit den Najaden, die ohne Wasser nicht leben können, sowie den Feuergeistern, die in den Flammen leben, in die sie herbeigerufen werden. Dryaden sind ein abgeschottet lebendes Volk, da sie über keine nennenswerten Waffen verfügen und leichte Beute für andere Mythenweltgeschöpfe darstellen. Ihre Dörfer werden von den jeweiligen Dorfältesten regiert.
Eismagier: Aus den Eisdryaden entstandene Spezies, die genau wie diese, kein Sonnenlicht erträgt. Eismagier haben äußerlich dieselben spezifischen Merkmale wie Eisdryaden, was es schwer macht, beide Arten voneinander zu unterscheiden. Eine weitere Gemeinsamkeit ist der Beginn der Wandlung mit dem des achtzehnten Lebensjahres und ihr Ende mit einundzwanzig.
Eismagier beherrschen ihr Element meisterlich und sind unter anderem fähig, Eis aus dem Nichts heraus entstehen zu lassen oder Gegenstände einzufrieren. Diese noch sehr junge Spezies wird in der Mythenwelt mit Misstrauen betrachtet und oft gejagt, weswegen noch niemand weiß, wie mächtig sie wirklich ist. Die Schaffung eines Rates würde der Spezies selbst erst Legitimität verleihen. Vermutlich sind die Eismagier die mächtigsten Wesen der Mythenwelt.
Humanoide Erscheinungsform, allerdings auffallend blasse Haut. Ohne Tarnzauber sind die tiefschwarzen Pupillen eines Eismagiers extrem groß, die Regenbogenhaut nur ein schmaler Streifen am Rand.
Gestaltwandler: Aus der Mischung mehrerer Schattenwandlerspezies hervorgegangene Wandlerart. Die Angehörigen dieser Spezies sind generell in der Lage, außer ihrem humanoiden Erscheinungsbild noch ein oder zwei andere anzunehmen.
Gnom: Eine Art, die leicht mit den Zwergen verwechselt wird, zumal sie ebenfalls in Clans leben, das aber als schwere Beleidung ansieht. Gnome sind in der Regel freundliche Wesen und auch noch ein wenig kleiner als Zwerge. Sie zeichnen sich durch ihre besonders verhutzelten Gesichtszüge und eine knollenartige Nase aus. Gnome sind Naturwesen und in der Mythenwelt am engsten mit den Baumdryaden verwandt, die die symbiotische Beziehung zur Natur vervollkommnet haben.
Heiler: Wesen aller Spezies, die aufgrund veränderter Hirnkapazität (ggf. durch ihre Wandlung) die Gabe des Heilens erlangt haben. Durch Eisen geschlagene Verletzungen können nicht von Heilern geheilt werden.
Hexe: Eine Spezies, die sich auf Zauberei aller Art versteht. Talente wie Weissagung, Zauber und Flüche sowie Bannzauber sind nur selten in ein und derselben Person ausgeprägt und stets von Hexe zu Hexe verschieden. Männliche Hexen sind selten und werden gemeinhin als Hexer oder Hexenmeister bezeichnet. Die Anziehungskraft des Bösen wirkt in besonderen Gegenden sehr stark auf diese Rasse, sodass die Blutmagie entstanden ist, die es den Zauberkundigen erlaubt, ihre Gegner oder Zielpersonen mithilfe von Blut zu bannen. Blutmagie ist eine sehr schwarze Form der Magie, dem Bösen entsprungen, und in der Mythenwelt geächtet.
Die Hexen werden von einem Ältestenrat beherrscht und liegen in Erbfeindschaft mit den Drachen.
Jäger (Gilde): Üben eine Schutzfunktion in der Mythenwelt aus und sorgen für die Bestrafung von Gesetzesbrüchen. Ein Jäger entsteht aus einem Menschen heraus, wenn dieser zunächst gewaltsam angegriffen und dann von einem Vampir getötet wird. Jäger altern nur bis zum Erreichen des zweiundzwanzigsten Lebensjahres, höchstens aber drei Jahre nach ihrer Wandlung. Neben der Gesetzhüterfunktion nimmt die Gilde der Jäger, die in Fraktionen in den verschiedenen Erdteilen und Untergruppen unterteilt ist, auch eine Vermittlerposition ein.
Magier: Männliches Gegenstück zur Hexe, eine Spezies, die sich aus den Hexen entwickelt hat. Nicht mit den Hexenmeistern zu verwechseln. Dem Glauben der Hexen nach sind Magier aufgrund ihrer nachträglichen Entstehung nicht Teil der Schöpfung und dadurch widernatürlich. Beide Fraktionen sind in der Regel verfeindet.
Menschliche Jäger: Ein Bund von Menschen, der Mythenweltwesen jagt. Sie sind der Überzeugung, mit jedem toten Mythenweltgeschöpf das Böse besiegt zu haben.
Schattenwandler: Alle Wesen, die weder der Mensch-, noch Tierwelt angehören. Vertragen nur selten Tageslicht. Eisen ist schädlich für alle Arten von Schattenwandlern. Folgend auch: Mythenweltwesen/Geschöpfe
Schwarzmagier, auch Blutmagier, sind Schattenwandler, die sich von der ursprünglichen Form der Magie angewandt haben und Blutmagie betreiben oder solche, die mit Flüchen und dem Tod zu tun hat. Schwarzmagier werden von der Gilde der Jäger aufs Schärfste verfolgt.
Vampir: Gewandelter Mensch, durch einen Blutaustausch mit einem anderen Vampir zum Angehörigen derselben Rasse geworden. Ernährt sich im Regelfall von Menschenblut. nimmt ein Vampir zu lange keine Nahrung zu sich, verfällt er zunächst in eine Art Leichenstarre und stirbt schließlich.
Werwolf, auch Warg, Lykantroph oder Lykae. Ein Mischwesen aus Mensch und Wolf, das den Gestaltwandlern zuzuordnen ist, aufgrund seiner Häufigkeit aber einen besonderen Platz unter ihnen einnimmt. Werwölfe sind durch ihre vertieften animalischen Instinkte stark an ihre Umgebung gebunden und leben wie ihre tierischen Gegenstücke in Rudeln. Diese Rudel beanspruchen ein besonderes Gebiet für sich, ziehen aber in größeren Zeitabständen weiter, um keine Aufmerksamkeit unter den Menschen zu erregen, da sie zu den Unsterblichen gehören. Werwölfe sind extrem anfällig gegenüber Eisen. Im Gegensatz zu vielen anderen Spezies vertragen sie jedoch Sonnenlicht.
Aaron Dryade, Dorfoberhaupt
Caleb Sierewski Dryade, Eismagier
Mattheus Sierewski Dryade
Nicolai Sierewski sein Bruder
Nadja Sierewski ihre Mutter
Olga Sierewski Dryadenmädchen
Wera Sierewski ihre Zwillingsschwester
Konstantin ihr Bruder
Henry Vampir, Heiler
Elaine Vampirin, Clan der Schlange
Monsieur Vampir, Oberhaupt des Clans der Schlange
Symone Vampirin, Clan der Schlange
Christian Hill Werwolf
Linan Hexe
Lisbeth Mensch
Michael Mensch
Wenn ich meine Familie retten will, muss ich meinen Sohn opfern.
Caleb setzte sich auf die Couch. Er beobachtete, wie seine Kinder miteinander spielten. Eine der Zwillinge, Olga, zerrte ihren großen Bruder an der Hose herbei. Ihre Schwester erkannte das Vorhaben und löste sich von ihrem Puppenhaus, um Nicolai ebenfalls zum Mitspielen zu bewegen. Ihre Mutter kam angesichts des Lärms aus der Küche, lächelte aber nur, als sie stehen blieb.
„Komm schon, Nico. Tu deinen Schwestern einen Gefallen.“
Seufzend ergab sich der Junge und warf gespielt resigniert die Hände hoch.
„Na, dieser Übermacht muss ich mich wohl geschlagen geben.“
Seine Schwestern kicherten und ließen ihn los. Er ergriff die Chance, ging in die Knie und packte jede von ihnen um die Hüfte, um sie hochzuheben.
Als sie wieder zur Ruhe kamen, setzten sich alle drei vor das Puppenhaus und Wera nahm ihre vorherige Tätigkeit wieder auf. Olga drückte Nico eine Puppe in die Hand, damit er mitspielen konnte.
Angesichts des fröhlichen Geschnatters wurde Caleb das Herz schwer.
Er würde seinen Sohn nicht töten können. Auch nicht, um seine Familie zu schützen. Es gab lediglich eine andere Möglichkeit… Cal sah hinunter auf seine Hände. Wenn er den Jungen fortschickte, würde es Mord sein, das wusste er.
Obwohl Nicolai erst das zweite von fünf Geschwistern war, war er der einzige, der jetzt schon Macht ausstrahlte. Calebs ältester Sohn, Mattheus, wies keinerlei ähnliche Anlagen auf, genau wie sein jüngster, Konstantin. Nico dagegen war im Begriff, eine Gefahr für sie zu werden, obwohl er es noch nicht einmal ahnte. Die Barrieren, die Cal zum Schutz seiner Familie errichtet hatte, würden mit dem Beginn oder spätestens im Verlauf von Nicos Wandlung löchrig werden und schließlich verschwinden, bis sie ungeschützt wären, angreifbar für jedermann. Vor allem für die Vampir-Mafia, die hier in der Stadt agierte. Er musste sich abwenden. Nadja beobachtet ihn still von der Tür aus, sie hatte sehr wohl gemerkt, was in ihm vorging, aber sie hielt ihn nicht auf, als er das Zimmer verließ. Seine Frau wusste nicht, worum er sich Gedanken machte. Sie nahm vermutlich an, dass er sich wegen der Initiationsriten sorgte, die sein Sohn empfangen würde müssen. Das war bei Matt so gewesen, da er sich gesorgt hatte, das Potenzial seines Ältesten könne erst nach den Riten zum Vorschein kommen.
Es war ausgeblieben. Nico war anders. Er sandte schon jetzt Schwingungen aus, die die Schutzschilde durchbrachen und weitere Geschöpfe der Schattenwelt anlockten. In den letzten Wochen hatte sich schon allerlei zwielichtiges Gesindel in der Nähe ihres Hauses umher getrieben, aber die Schutzzauber hatten sie fern gehalten. Nadja wusste zwar, dass ihr Mann ein Eismagier war und nur noch zum Teil Dryade, doch sie hatte keine Ahnung, wie mächtig er war. Es war inzwischen schon so weit, dass er sich wieder im Sonnenlicht aufhalten konnte, ohne zu verbrennen.
Die meisten ihrer beider Kinder, die noch vor dem Beginn der Wandlung standen, hatten keine Ahnung, was sie wirklich waren. All die Jahre, die sie älter als ihre menschlichen Freunde werden würden. Die Unterschiede zwischen ihrem Aussehen und dem der Menschen. Zum Glück trat das auffälligste Merkmal eines jeden Dryaden erst nach der Wandlung auf: riesige, schwarze Pupillen mit einer schmalen blauen Umrandung. Damit konnten sie nicht länger offen unter Menschen leben, ohne erkannt zu werden. Dieser augenscheinliche Unterschied war der Grund dafür, dass Cal sowohl sich selbst als auch seine Frau und seinen schon erwachsenen Sohn mit Tarnzaubern schützte.
Würden sie unter Dryaden oder gar unter seinesgleichen leben, wäre all das kein Problem, nicht einmal Nicolais Wandlung – nun ja, bei den Eisdryaden wäre sie das wohl doch – aber er müsste nicht überlegen, seinen Sohn zu opfern, um den Rest der Familie zu schützen. Caleb war verstoßen wurden, sobald das Ausmaß seiner Macht sichtbar geworden war. Sein Volk hatte Angst vor ihm.
Nadja hingegen hatte ihn begleitet.
Seitdem wohnten sie ihn New Orleans. Wenn bekannt wurde, dass er seine Gaben weitervererbt hatte, würden seine Kinder nicht länger sicher sein.
Er erhob sich.
„Nico, kommst du mal kurz?“
Der Junge sah fragend zu ihm auf, erhob sich dann und nickte.
„Was gibt´s?“
Der offene Ausdruck im Gesicht seines Sohnes ließ Cal zögern. Er hoffte, das war ihm nicht anzumerken, als er seinem Sohn winkte, ihm zu folgen. Er ging in dessen Zimmer und schloss die Tür hinter ihnen. Nico flezte sich aufs Bett.
„Was ist denn jetzt so wichtig, Dad?“
„Du weißt, dass du in wenigen Tagen siebzehn wirst?“
„Natürlich. Ich arbeite doch schon ein ganzes Jahr drauf hin. Was denkst du denn?“
Schalk blitzte seinen Augen. Cal beschloss, dem Jungen sein Handeln erst zu begründen, damit er Nicolai zu nichts zwingen musste.
„Sieh mir in die Augen.“
Cal ließ den Zauber fallen, der seine Augen menschlich erscheinen ließ. Er wusste, was Nico nun sehen würde: schwarze Iriden, die fast den gesamten sichtbaren Raum einnahmen, umrandet von einem dünnen hellblauen Band. Das Weiß der Augäpfel war bei Dryaden nur an den Seiten leicht ausgeprägt. Die Reaktion seines Sohnes ließ nicht lange auf sich warten. Nico wurde ernst. Dass er nicht erschauderte, gereichte ihm durchaus zum Vorteil.
„Was willst du mir damit beweisen?“
„Ab deinem siebzehnten Geburtstag wirst du nicht mehr menschlich sein, Nico.“ Beziehungsweise war er es auch nie gewesen, schließlich schlummerte das Potential eines Dryaden schon sein ganzes Leben lang unter seiner Haut. Die Unterschiede zwischen Nicolais und Mattheus´ Wandlung wiesen allerdings darauf hin, dass sein jüngerer Sohn kein Eisdryade sein würde, sondern wie er selbst ein Eismagier. Und das war das Problem. Wenn er das dem Jungen jetzt allerdings alles auf einmal sagte, wäre es zu viel. Schon allein das, was ihnen jetzt noch bevorstand, war hart.
Nicolai keuchte auf.
„Du machst mir Angst, Dad. Was sollte ich sein, wenn ich nicht länger menschlich wäre?“
„Die Sierewski sind Dryaden, mein Sohn. Mythenweltgeschöpfe. Dein Element wird das Eis sein. Deswegen leben Wesen unserer Art für gewöhnlich in den polaren Regionen. Du wirst ohne einen Schutzzauber nicht einmal mehr das Haus verlassen können, wenn du nicht bei lebendigem Leibe verbrennen willst. Und zudem habe ich starken Verdacht zu der Annahme, dass du meine Anlagen bezüglich der Eismagie geerbt hast. Wenn ich mich nicht täusche, wirst du ein stärkerer Eismagier werden als ich es je war und sein werde. Deine Kraft ist noch ungezügelt und wenn du mir nicht erlaubst, sie zu hemmen, werden uns andere Mythenweltgeschöpfe bis zu deinem Geburtstag aufspüren und töten.“
Nico starrte seinen Vater an. Dann schüttelte er langsam den Kopf.
„Das ist verrückt. So etwas gibt es nicht, Dad.“
Caleb ließ statt einer Antwort eine Stichflamme blauen Eisfeuers auf seiner Handfläche erscheinen. Sein Sohn beobachtete es mit gleichen Anteilen von Schrecken und Faszination.
„Fass hinein. Es wird dich nicht verbrennen.“
Der Junge streckte die Hand aus. Er fuhr mit der Handfläche über das Feuer. Es war, wie sein Vater gesagt hatte. Die eisigen Flammen liebkosten seine blasse Haut und erfüllten ihn mit wohltuender Kälte. Er zog sie wieder zurück.
„Was muss ich tun, um unsere Familie zu schützen?“
Cal nickte. Er bemühte sich, seine Erleichterung nicht zu deutlich zu zeigen. Das hier würde schwer werden, das wusste er. Der Zauber war so kompliziert, dass sie beide sterben konnten, falls das hier schief ging.
„Leg dich hin. Ich werde dich mit einem Zauber belegen, der deine Entwicklung in die magische Richtung zumindest solange hemmt, bis du deine Kraft kontrollieren kannst,“ erklärte er, während Nico der Anweisung nachkam. „Es könnte ein wenig unangenehm werden.“
Ein eisiger Wind fegte durch das Zimmer, obwohl beide Fenster geschlossen waren. Cal zog die Augenbrauen zusammen und beschleunigte seine Bewegungen. Dabei drehte er sich ein Stück weit von seinem Sohn weg, um die Macht nicht versehentlich an Nicolai zu verlieren. Wenn der Junge jetzt schon seine Umgebung beeinflussen konnte, stand er schon sehr knapp an der Schwelle zur Wandlung.
„Beruhige dich, Nico. Ich habe nicht gesagt, dass es wehtun wird.“
Sein Sohn atmete leise aus und versuchte, sich zu entspannen.
„Vater..Da ist jemand hinter dir.“
Das leise Stöhnen des Jungen ließ Caleb herumfahren.
„Jäger.“
Die schwarzgewandete Gestalt wandte sich ihm zu, sah ihm ins Gesicht. Ein Messer, von ihrer Hand geführt, lag an der Kehle des Jungen.
„Caleb Sierewski. Endlich habe ich dich, Zauberer.“
„Lass meinen Sohn los. Ich muss diesen Zauber ausführen, sonst ist meine Familie bald vogelfrei.“
Im Gesicht des Jägers war keine Gefühlsregung zu erkennen. Cal spannte sich innerlich an. Er würde den Jäger töten, sobald sich die Gelegenheit bot. Und dann würde seine Familie erneut fliehen müssen. Aber das war es, was er schon sein ganzes Leben lang in Kauf genommen hatte. Er hoffte nur, es nicht vor den Augen seines Sohnes tun zu müssen…
„Ich warte so lang.“
Das Messer bewegte sich keinen Millimeter, als Cal näher kam, um Nico die Hand auf den Oberkörper zu legen.
„Wenn du ihm Angst machst, wird daraus nichts.“
Der Jäger trat einen Schritt zurück und an Cals Seite.
„Keine Tricks. Oder du hast die längste Zeit eine Familie gehabt.“
Cal biss die Zähne zusammen. „Sieh mich an, Nico.“
Sein Sohn kam dem Befehl nach. Der Eismagier begann mit der Litanei, sobald ihre Blicke sich trafen.
Abwartend stand der Jäger neben ihm. Nicos Augen schlossen sich, obwohl Cal fühlte, wie sein Sohn dagegen ankämpfte. Dann fiel sein Kopf leicht zur Seite. Als Cal einen Schritt zurück trat, spürte er, wie sich ein stumpfer Gegenstand zwischen seine Rippen bohrte. „Warum müsst ihr mich unbedingt töten?“
Der Jäger schnaubte. „Du bist zu einer unberechenbaren Gefahr für das Allgemeinwohl geworden.“
„Das Allgemeinwohl. Und was ist, denkst du, ein Atomkraftwerk?“
„Die können wir nicht aus dem Weg räumen.“
Ein hauchdünnes Messer fraß sich einen Weg durch sein Fleisch bis hin zum Herzen des Eismagiers. Cal ging zu Boden, während der Jäger ihn im Würgegriff hielt. Nicolai kam wieder zu sich und schrie auf, als er sah, in welcher Gefahr sein Vater schwebte.
„Dad!“
Er stürzte sich auf den Jäger. Der ließ den Sterbenden los und schlug den Jungen nieder. Nach einem Blick auf den Magier vergewisserte er sich, dass dieser nun auch wirklich sterben würde, bevor er dessen bewusstlosen Sohn eine Flüssigkeit einflößte.
Er murmelte: „Du wirst dich nicht hieran erinnern.“
Der Junge schlug die Augen auf und bäumte sich unter dem Griff des Jägers auf. „Nein!“
Der Knauf des Messers schlug gegen seine Schläfe. Es wurde schwarz um ihn herum.
Nico erwachte mit Kopfschmerzen. Seltsamerweise konnte er sich nicht daran erinnern, in sein Zimmer gegangen zu sein. Er stand auf und stieß mit dem Fuß gegen etwas Weiches am Boden. Er vermutete ein T-Shirt, das wegzuräumen er vergessen hatte und wollte es beiseiteschieben, bevor er sich mit einem Blick noch einmal dessen vergewisserte. Er sah zu Boden und blickte in das schmerzverzerrte Gesicht seines Vaters.
„Dad!“
Er kniete sich neben dem Verletzten nieder.
„Was ist passiert?“
Cal resignierte. Er sah seinem Sohn an, dass der Trank des Jägers gewirkt hatte. Es war zu spät, um Nico noch einmal in die Geheimnisse seiner Familie einzuweihen.
„Sag deiner Mutter, sie soll die Kleinen in Sicherheit bringen. Und hol mir einen Krankenwagen, Junge.“ Nicos Augen füllten sich mit Tränen, doch er stand auf und gehorchte. Cal hörte, wie er in die Küche lief und Nadja benachrichtigte. Sie schrie auf, und schon rannten auch ihre flinken Füße über den Holzfußboden – in seine Richtung. Nico sprach aufgeregt in sein Telefon.
Cal schloss die Augen.
Nico wünschte fast, es wäre nicht seine Aufgabe als Zweitältester, Matt zu suchen. Seine Mutter Nadja hatte ihm diesen Auftrag gegeben, kurz bevor der Krankenwagen eingetroffen war, den er angefordert hatte. Der Junge schloss für einen Moment die Augen. Er machte sich ernsthafte Sorgen um seinen Vater, auch deswegen, weil er augenscheinlich im Zimmer gewesen war, als dieser eine Herzattacke erlitten hatte, und sich noch immer an nichts erinnern konnte. Caleb hatte unnatürlich blass ausgesehen, als sie ihn in den Krankenwagen verladen hatten. Er war schon nicht mehr bei Bewusstsein gewesen.
Beinahe gewaltsam riss Nico sich von diesem Gedanken los und wandte sich den momentan im Vordergrund stehenden Problemen zu. Er musste Matt finden. Er sah sich um. Die Gegend hier gefiel ihm immer weniger, vor allem, da er das unangenehme Gefühl entwickelt hatte, von allen Seiten angestarrt zu werden. Es waren kaum Leute auf der Straße, die ihm auch nur heilwegs das Gefühl von Anstand vermittelten. Und doch hatten ihm Matts Freunde den Weg in dieses Viertel gewiesen, mit dem Ratschlag, er solle vorsichtig sein, wenn er seinen Bruder tatsächlich finden wollte.
Die Tür war so rostig, dass ein Teil des Metalls abblätterte, als er sie öffnete. Vorsichtig spähte er ins Halbdunkel der Lagerhalle, konnte aber nichts entdecken. Er ging einen Schritt weit hinein.
„Matt?“
Die Männer, die er draußen gefragt hatte, hatten ihm den Weg hierher gewiesen. Angeblich war sein Bruder hier. Er konnte es nicht so recht glauben, schließlich waren sie sich ja einig gewesen, unauffällig zu bleiben.
„Matt?“
Im Halbdunkel war der Lichtschimmer, der aus einer der hinteren Ecken kam, nur schwer wahrzunehmen. Nicolai sah ihn nicht. Hinter ihm krachte es, als die Tür ins Schloss fiel. Er fuhr zusammen. Dann hörte er Schritte und drehte sich um.
Ein Mann kam auf ihn zu.
„Hallo. Ähm..tut mir leid, dass ich hier einfach so reingekommen bin. Man sagte mir, mein Bruder wäre hier..“
Der Mann sagte nichts, sondern starrte ihn einfach nur an, während er immer näher kam. Als er dann doch sprach, meinte Nico, etwas unnatürlich Weißes in seinem Mund wahrzunehmen.
„Dein Bruder also.“
Eine Gänsehaut überzog seine bloßen Arme. Er war sich relativ sicher, dass der Mann es nicht sehen konnte, aber auf dessen Gesicht blitzte plötzlich ein schmales Lächeln auf.
„Jaaa, könnte sein, dass ich mich hier verirrt habe….“
Der Mann ging nicht mehr auf seine Worte ein und war plötzlich verschwunden. Nico wollte sich schon wundern, offensichtlich hatte er sich das Ganze nur eingebildet, als er neben ihm wieder auftauchte. Er wurde zur Seite gerissen und an einen harten Männerkörper gepresst. Eine Hand presste sich auf Mund und Nase des Jungen. Nicos Körper begann vor Panik zu zittern.
Dann fuhr sein Angreifer mit den Reißzähnen ganz leicht am Hals des Jungen entlang. Nico zuckte zusammen, als der andere Arm ihm den Brustkorb zusammenpresste.
Auf ein energiegeladenes „Du kommst mit.“ hin schwanden ihm die Sinne.
„Hast du Geschwister, Sullivan?“
Der Vampir richtete beiläufig das Wort an ihn, während der Stoff verpackt wurde. Sullivan war der Name, unter dem sie in ihrer amerikanischen Wahlheimat bekannt waren. Matt konnte sich als ältester Sohn nur noch dunkel an Weißrussland erinnern, die Haupteindrücke waren die wohltuende Kälte und die Feindseligkeit der Menschen.
Dass er hier mit den Vampiren zusammen arbeiten musste und sogar Drogen zu verkaufte, um seiner Familie ein kleines Zubrot zu verdienen, war aus Sicht eines jeden redlichen Menschen und Schattengeschöpfes undenkbar. Matt war froh, dass seine Eltern nicht wussten, was er hier tat. Außerdem gab er sein Bestes, um die Vampire nichts über sich erfahren zu lassen. Bei der ersten Begegnung allerdings hatten sie schon mitbekommen, dass er auch zu den Schattenwesen zählte, sie hatten seinen dryadischen Anteil riechen können. Deswegen war der Eisdryade sofort auf der Hut, als ihn einer von ihnen auf dieses Thema ansprach. Vampire waren zumeist von Grund auf verdorbene Wesen, nicht wenige von ihnen lebten ihren Blutrausch aus…
„Ja. Warum?“
Sein Geschäftspartner schlenderte der Wand entgegen. Matt erkannte im Dunkel die Umrisse zweier Gestalten.
„Gehört der hier zu dir?“
„Nico?“ Er eilte zu seinem Bruder. Der wirkte nicht so, als sei er bei Bewusstsein. Matt bemerkte die Bisswunde am Hals und verengte die Augen.
„Ja. Ja, er gehört zu mir. Was ist passiert?“
„Er ist hier rumgeschlichen und hat dich gesucht. Wie kommt dein gottverdammter Bruder hierher?“
„Ich habe nicht die geringste Ahnung. Nico, kannst du mich hören?“
Sein Bruder gab ein Stöhnen von sich. Dann nickte er schwach. Als er sprechen wollte, unterbrach der Vampir ihn.
„Dein leiblicher Bruder?“
„Ja.“
Nico schlug die Augen auf und fixierte zuerst den Vampir, dann Matt. Matt konnte die Angst in den Augen seines Bruders sehen. Es musste ihn eine gehörige Portion an Überwindung kosten, dass er jetzt überhaupt sprach. Aus dem Augenwinkel beobachtete er zugleich den Vampir, der seinem Bruder offensichtlich die Bisswunde zugefügt hatte. Es war nicht zu erkennen, was er dachte. Sicher war allerdings, dass er Nico hier raus bringen musste. Die Vampire würden andernfalls sonst was mit ihm anstellen.
„Dad musste ins Krankenhaus. Er hatte einen Herzinfarkt.“
Matt sah ihn alarmiert an. Ein Eisdryade mit Herzinfarkt? An der Geschichte war eindeutig etwas faul. Aber sein Bruder wusste noch nichts vom Familiengeheimnis. Ab dem achtzehnten Lebensjahr würde auch Nico beginnen, sich zu wandeln. Bis er mit einundzwanzig ein vollständiger Eisdryade war. Aber solange die Wandlung andauerte, war er noch kein Schattenwandler.
Er drehte sich wieder um.
„Lasst ihn in Ruhe.“
„Immer mit der Ruhe. Der Kleine ist noch ein Mensch, nicht wahr? Unsere Gesetze gelten für ihn nicht. Genau wie unsere Geschäftsbedingungen.“ Er lächelte verschlagen. „Im Gegensatz zu dir können wir ihn mitnehmen. Ich habe gehört, Eisdryadenblut wäre eine Spezialität.“
„Nein!“
Es war zu spät. Mitten im Raum lösten sich die Vampire plötzlich auf.
Teleportation.
Matt fuhr herum. Nichts als eine Rauchwolke kündete von der Anwesenheit seines Bruders. Sie hatten ihn mitgenommen. Er schlug mit der Faust gegen die Wand. Nicos Geburtstag war schon in zwei Tagen! Wenn er ihnen bis dahin nicht entwischte, war es nach den Gesetzen der Mythenwelt legitim, seinen Bruder festzuhalten!
Ein Vampir beugte sich über ihn. Nicos Körper war so kraftlos wie der einer Puppe, unfähig, sich dem Geschehen zu widersetzen. Tränen brannten in seinen Augen. "Bitte..", flüsterte er, unwissend, um was er eigentlich noch bat. Die vergangenen Stunden waren die schlimmsten seines Lebens gewesen: sein Vater hatte einen Herzinfarkt erlitten und er selbst war von irgendwelchen Wesen entführt worden, die sein Blut tranken. Einer von ihnen hatte gedroht, sich ihn sexuell gefügig zu machen. Er zweifelte nicht daran, dass auch diese Drohung in die Tat umgesetzt werden würde, wenn er auch nur eine falsche Bewegung machte. Dabei hatte er sich in den letzten Stunden so weit erniedrigt, sie um seine Freiheit anzubetteln und darum zu flehen. Die Vampire - die Vermutung lag nahe, nicht wahr? - hatten sich prächtig über seine Bemühungen amüsiert. Er konnte nur hoffen, dass seine Familie irgendwie von diesem Unglück verschont worden war. Er hoffte mit aller Kraft, dass es ihnen so gut ging wie unter gegebenen Umständen irgend möglich. Hoffte, dass sein Vater den widrigen Umständen zum Trotz bei guter Gesundheit war. Und, dass es ihm selbst vielleicht irgendwie gelang, zu fliehen, auch wenn er die meiste Zeit unter Beobachtung stand.
Seine Füße waren gefesselt, als er erwachte. Er sah direkt in die Augen eines Vampirs. Genau, wie es Vampire waren, die ihn schon seit Tagen gefangen hielten. Seit er Matt das letzte Mal gesehen hatte und ihm die Nachricht vom Herzinfarkt ihres Vaters überbracht hatte. Seinem Vater. Wie es ihm wohl gehen mochte? Ob er noch lebte? Nico hoffte es mit jeder Faser seines Herzens… Und seit dann herrschte in seinem Kopf irgendwie Leere, die aus der Unfähigkeit, zu denken, resultierte.
Sein Überlebenswille schaltete sich ein.
Nico zuckte zurück und schlug mit dem Kopf gegen die Wand. Prompt umfloss Schwärze seine Augenwinkel. Er zwinkerte mehrmals, um sie wegzubekommen. Wenn er ohnmächtig würde, würde alles nur noch viel schlimmer werden. Der Vampir lachte höhnisch.
„Du kommst hier nicht weg, Kleiner.“
Eine Hand schnellte vor und hielt ihn fest, wo er war. Der Vampir beugte sich vor.
„Wir werden sicher viel Spaß zusammen haben.“
Mit einem Fingernagel grub er eine blutige Furche in die Wange des Jungen. Dann leckte er das Blut ab. Die Hand, die noch frei war, umfasste Nicos Handgelenk. Der Junge schrie auf, als sein Peiniger plötzlich zudrückte. Es knackte schmerzhaft.
Während der Junge zurücksank, runzelte sein Peiniger die Stirn. Dann breitete sich ein sadistisches Grinsen auf seinem Gesicht aus. Er beugte sich vor, um dem Jungen etwas ins Ohr zu flüstern.
„Alles Gute zum Geburtstag, Dryade!“
Er lachte und ging, um die gute Neuigkeit seinen Kumpanen zu berichten. Sie hatten hier einen Fang gemacht, der Gold wert war! Ein Dryade, dessen Wandlung gerade erst begann, würde von Tag zu Tag besser schmecken!
Nico machte sich unterdessen so klein wie möglich, um den ständigen Zugriffen möglichst wenig Fläche zu bieten. Was hatte der Vampir zu ihm gesagt? Dryade? Was zum Teufel sollte das sein?
Vor seinen Augen verschwammen die Wände und begannen, sich zu drehen. Er schloss die Augen.
„Verdammt!“
Matt schlug mit der Faust auf den Tisch. Seine Mutter beobachtete ihn besorgt, während seine jüngeren Geschwister erschrocken auseinander stoben.
„Beruhige dich, Mattheus! Nicht vor deinen Geschwistern!“
Als Matt sie etwas genauer musterte, sah er die Schatten unter ihren Augen. Sein Vater war nicht wieder aufgewacht, im Gegenteil. Caleb Sierewski war nur eine halbe Stunde nach seiner Ankunft im Krankenhaus verstorben. Seinen Leichnam hatten sie bereits dem Bestatter übergeben, um sicherzustellen, dass die Ärzte des Krankenhauses nicht auf die Idee kamen, ihn zu obduzieren. Das würde zu zu vielen Fragen führen, vor allem, nachdem schon seine für Menschen extrem niedrige Körpertemperatur aufgefallen war. Die Ärzte hatten so schon zu viel bemerkt, denn ihnen war ein Loch in Calebs Herzen aufgefallen, dass sie für die Todesursache gehalten hatten. Matt hingegen wusste, dass das seinen Vater mit Sicherheit umgebracht hatte. Sie würden es den jüngeren Geschwistern erst noch sagen müssen, genauso wie die Tatsache, dass Nicolai seitdem verschwunden war. Und dann würden sie den Vater so schnell wie möglich unter die Erde bringen, bevor er sich auf die Suche nach seinem verschwundenen Bruder machen konnte. Er würde jedes Vampirnest in der ganzen Stadt, ja, in ganz Amerika, wenn es sein musste. Bevor er ging, würde er allerdings eine andere Bleibe für seine verbliebene Familie schaffen müssen, die sein Vater nun nicht länger schützen konnte. Caleb war ein Eismagier gewesen, allerdings war es Matt ein Rätsel, woher die Anlagen dafür kamen. Jedenfalls war es seinem Vater durch die Magie, die er ausgeübt hatte, gelungen, Angreifer von seiner Familie fernzuhalten. Eine Aufgabe, die nun Matt zufiel. Er würde seine Mutter nur ungern mit seinen jüngeren Geschwistern allein lassen, aber er musste es tun, um Nico wieder zu finden. Es war im Moment oberste Priorität, Nico aus den Händen der Vampire zu befreien, in die er ohne eigenes Verschulden geraten war.
Matt verfluchte sich zum wiederholten Mal dafür, dass er mit den Vampiren überhaupt Handel getrieben hatte. Diese Blutsauger waren in der ganzen Mythenwelt dafür bekannt, kein Stück Skrupel im Leib zu haben. Es war seine Schuld, dass sein Bruder ihnen in die Hände gefallen war. Und das so kurz vor seiner Wandlung. Was, wenn sie ihn nun weiterverkauft hatten? Wenn sie ihn gar getötet hatten? Sein Bruder musste einfach noch am Leben sein. Er konnte nicht daran glauben, dass die Vampire, denen er die Drogen verkauft hatte, Nicolai schon getötet hatten. Denn sonst würde er wahnsinnig werden.
Er würde Nicos Hilfe brauchen, um die Familie über die Runden zu bringen, das wusste er jetzt schon. Die lockere Art seines Bruders, gepaart mit seinem liebevollen Umgang mit den kleineren Geschwistern, hatte sie schon in der Vergangenheit aus so mancher Krise gerettet. Nico wusste genau, in welchen Situationen er wie handeln musste. Er musste ihn einfach zurückholen, es ging nicht anders.
Seine Mutter wusste, welche neue Verantwortung auch sie jetzt übernehmen musste, aber auch sie musste sich erst daran gewöhnen. Die Zwillingsschwestern waren noch zu klein, um die Tragweite dessen zu verstehen, dass ihr Vater nicht mehr wiederkommen würde. Und Konstantin würde es wahrscheinlich aus jugendlichem Trotz einfach nicht beachten. Jetzt mussten sie die Familie durchbringen.
Als hätte sie seine Gedanken gehört, sah seine Mutter ihn an und nickte, bevor sie aufstand und nach
ihren jüngeren Kindern rief.
„Olga, Wera! Konstantin!“
Die Spielgeräusche brachen ab. Das Getrappel von Kinderfüßen auf Teppich ertönte, als die Zwillinge in das Wohnzimmer kamen. Die beiden waren hellblond, ein allerliebster Anblick, genau wie ihre Mutter. Sie sahen aus wie Porzellanpüppchen. Konstantin hingegen sah fast aus wie sein Bruder: schwarze Haare, schlank und jugendlich-schlaksig kam er ins Wohnzimmer geschlurft. Er erinnerte Nadja so schmerzhaft an Nico, dass sie sich einen Moment lang abwenden musste.
„Wann kommen Nico und Papa wieder?“
Damit waren sie schneller beim Thema, als Matt lieb war. Während seine Mutter sich um die Zwillinge kümmerte, kniete er sich hin, um mit seinem Bruder zu sprechen.
„Dein Papa hat dich lieb, das weißt du. Aber er ist gestern weggegangen und er wird nie wieder kommen, Konstantin. Papa ist jetzt im Himmel.“
„Aber er ist doch gestern noch gesund gewesen!“
Matt sah seinem jüngeren Bruder an, dass dieser begriff, es aber nicht wahrhaben wollte. Bevor er jedoch weitere Ausführungen beginnen konnte, fragte Konstantin schnell: „Und wo ist Nico? Er ist doch nicht auch für immer weggegangen?“
Ich hoffe es nicht, dachte Matt. Und das machte ihm Angst. Dieselbe Angst sah er in den Augen seines Bruders.
„Ich weiß es nicht, Konstantin. Aber ich werde ihn zurückholen, egal, wie lange es dauert.“
Das Verständnis verschwand und der Elfjährige stampfte mit dem Fuß auf. „Ich will aber nicht so lange warten! Sag ihm, dass er jetzt zurückkommen soll, sofort! Ich will mit ihm spielen! Olga und Wera haben auch beide jemanden zum Spielen, nur ich nicht!“
Dass seine kleinen Schwestern jemanden zum Spielen hatten, weil sie Zwillinge waren, ärgerte Konstantin gelegentlich, wenn weder Nico noch Matt Zeit hatten, um mit ihm zu spielen. Seine Freunde hänselten ihn manchmal wegen seiner blassen Haut, und das verletzte ihn. Aber wenn er heimkam und dann Nico da war, der ältere Bruder, der immer ein offenes Ohr für ihn hatte, und eigentlich immer bereit war, mit ihm zu spielen, dann war das schnell vergessen. Er sagte sich dann, dass die anderen im Gegensatz zu ihm keinen coolen großen Bruder hatten, der mit ihnen spielte. Und Matt war schon viel zu alt, um ihm noch nahe zu sein, zumindest empfand er das so. Jetzt, wo auch noch sein Vater nicht mehr da war…Tränen stiegen ihm in die Augen.
Er wollte, dass ein Vater zurückkam, auch, wenn er wusste, dass das wahrscheinlich nicht passieren würde. Er wusste, dass er eigentlich ein großer Junge sein sollte, und seiner Mutter und seinem Bruder keinen Kummer bereiten, aber er wollte so sehr, dass ihm jemand sagte, dass alles wieder gut wurde, damit er vergaß, warum er so traurig war.
Und es gab keinen Vater mehr, der ihn in den Arm nehmen und trösten konnte…
Er wollte seinen Bruder zurück, sofort.
Und ein kleines Bisschen fragte er sich, ob Nicolai je wieder kommen würde, um mit ihm zu spielen, egal, wie sehr er es sich wünschte, egal, wie gern er ihn hatte.
Matt streichelte ein wenig überrascht über das schwarze Haar, das so sehr war wie Nicos, als ihm sein jüngster Bruder um den Hals fiel und zu weinen begann.
„Es wird alles gut, mein Kleiner.“
Auch, wenn er nicht wusste, wie, würde er schon irgendwie dafür sorgen.
Neben ihm brachen die Zwillinge ebenfalls in Tränen aus, als sie Konstantin weinen sahen, und wollten beide von ihrer Mutter in den Arm genommen werden.
Matt sah zu ihnen hinüber, beobachtete ihre innige Umarmung, und verspürte den Wunsch, ebenfalls in den Arm genommen zu werden.
Er schlang seine Arme fester um den Körper seines Bruders und spürte, wie sein Hemd von dessen Tränen durchnässt wurde. Er wünschte, es gäbe da draußen jemand, der ihnen helfen würde, das alles zu überwinden. Wenigstens Nico wieder zu finden, wenn er schon nicht alles haben konnte.
Tränen stiegen nun auch in seine Augen und er hielt seinen kleinsten Bruder fest wie einen Rettungsanker. Warum war niemand hier, wenn man ihn brauchte?
Nico kniete auf dem Boden. Sein Atem ging so schnell, dass sein ausgetrockneter Hals beinahe den Dienst aufgab. Ein weiterer Peitschenschlag traf seinen Rücken. Er biss die Zähne zusammen, um nicht laut aufzuschreien. Stattdessen drang ein dumpfes Keuchen aus seinem Mund und hallte qualvoll laut im Raum wider.
