DSA 134: Tagrichter - Dorothea Bergermann - E-Book

DSA 134: Tagrichter E-Book

Dorothea Bergermann

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Beschreibung

Elenvina und die Wehrhalle des Praios. Für viele Pilger ist diese Stadt und ihr berühmter Praios-Tempel Ziel ihrer langen Reise. Adara sieht nicht ein, dass sie sich als Phex-Geweihte bei Stadt und Kirche anmelden soll und gibt sich und ihre Begleiter als Pilger aus. Aber bevor sie Gastrecht als Pilger beanspruchen können, erkennt sie ein alter Feind und Ritter des Ordens vom Bannstrahl Praios', und der Inquisitor Praiodan hat einen kleinen Auftrag, den in dieser praiosgefälligen Stadt nur Phexensjünger erfüllen können.

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Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Biografie

Dorothea Bergermannstammt aus Niedersachsen, wuchs in Bayern auf und beschloss in Thüringen ihre Schulkarriere mit dem Abitur. Danach studierte sie Japanologie, Geschichte und Ur- und Frühgeschichte, verbrachte ein Jahr in Japan und lebt jetzt mit Mann, Kind, Katzen und Bibliothek in der Nähe von Nürnberg. Neben der Schriftstellerei beschäftigt sie sich intensiv mit der Herstellung und Verzierung von Textilien.

Titel

Dorothea Bergermann

Tagrichter

Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses Spiele Band 11070PDFTitelbild:Anna Steinbauer Aventurienkarte: Ralph HlawatschLektorat: Catherine Beck Buchgestaltung: Ralf Berszuck E-Book-Gestaltung: Michael MingersCopyright ©2012 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems. DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN und DEREsind eingetragene Marken. Alle Rechte von Ulisses Spiele GmbH vorbehalten.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt.

Kapitel 1

»Euer Begehr?«, fragte der Gardist gelangweilt.

Hinter ihm überspannte ein wuchtiger Torturm aus dunkelgrauem Granit die Straße. Rechts und links der Toranlage erstreckte sich die ebenso dunkle Stadtmauer und sog das Grün der frühsommerlichen Landschaft in sich hinein. Die Hauptstadt der Nordmarken verfügte über eine mächtige Wehr, aber bewacht wurde sie von Menschen.

Die Augen des elenviner Wachmanns flogen über Adaras abgetragene Gesellenkluft. Pilgerabzeichen aus gelb angemaltem Holz baumelten von ihrem Hals. Billigeres stand einem Pilger auf seinem heiligen Weg nicht zur Verfügung. Straßenstaub, mangelndes Gepäck und eine großzügige Portion Matsch von Straßenrändern und dem Großen Fluss persönlich rundeten das Bild ab. Adara, Faisal und Ragnar gaben die klassische mittellose Pilgergruppe, die tagsüber in der Wehrhalle ihre Sünden beichtete und abends ebenso fromm den Geweihten der Travia auf der Tasche lag.

Adara beabsichtigte nicht, sich in diese ach so praiosgefällige Stadt einzukaufen. Die angemessene Summe für eine Phex-Geweihte, ihren Novizen und einen – Praios möge uns schützen! – Schwarzmagier aus Fasar wollte sie nicht bezahlen, und ihr war nicht danach, jeden ungelenken Schnüffler der Stadt abzuschütteln, bevor sie den Phex-Tempel aufsuchte.

Nach einem kurzen Blick auf die schäbige Gruppe gab der Wachmann jede Hoffnung auf ein Handgeld auf und warf einen verlangenden Blick zur untergehenden Sonne. Anfang Rahja ließ sich Praios’ Angesicht viel Zeit, bis es Phexens Sternen ihren nächtlichen Platz einräumte. Der Wachwechsel würde noch etwas auf sich warten lassen.

Adara verbeugte sich unterwürfig und zupfte an ihrer Weste. Unter ihren Fingern lösten sich Staub und ein paar sorgfältig vorbereitete Fäden. Gemächlich schwebten die Fasern durch die heiße Luft und verschwanden im Straßenstaub.

»Wir sind hier, um dem Herrn Praios unsere Aufwartung zu machen«, nuschelte sie mit windhagischem Akzent. »Die heiligen Orte zu besuchen und um …«

»Jaja, schon gut«, unterbrach sie der Gardist. »In der Stadt ist Nichtbürgern das Tragen von Waffen verboten«, belehrte er sie gelangweilt.

Adara umklammerte ihren Stab und starrte ihn entsetzt an. Einem Gesellen war sein Wanderstab heilig. »Aber Euer Ehren …«, begann sie.

Der Gardist winkte ab. »Das ist keine Waffe«, erklärte er Adaras hinterwäldlerischem Aussehen großzügig. »Also benutze Sie sie nicht. Genauso verboten ist Zauberei in jeder Form, Praios möge uns beistehen und Ordnung schaffen, was von der heiligen Inquisition überwacht wird.« Er schlug den Sonnenkreis vor seiner Brust.

Hinter Adara hustete Ragnar. Es sollte wohl einen Lachanfall vertuschen. Faisal hörte mit steinerner Miene zu.

Unbeirrt fuhr der Wachmann fort: »Pilger haben sich binnen eines Tages in der Wehrhalle vorzustellen – geradeaus die Straße hinunter und am Herzogenplatz gen Rahja wenden – und ein echtes Pilgerabzeichen zu erwerben, das ihnen Aufenthaltsrecht für einen Mond gewährt.« Er warf einen abfälligen Blick auf das armselige Holzamulett, das um Adaras Hals hing. »Name?«

»Alrike aus Ackerwindenhof, Ragnar Björnesson und Faisal Ahmedsson.« Sie verfälschte Faisals tulamidischen Namen so thorwalisch, wie sie nur konnte. Aus den Augenwinkeln sah sie, wie die Mundwinkel ihres Partners zuckten. Als der Gardist ihn ansah, verbeugte er sich linkisch, Ragnar folgte seinem Beispiel.

Der Wachmann sprach die Namen, die sie genannt hatte, sorgfältig nach und winkte sie durch das Tor. »Pilger haben sich sofort in der Wehrhalle vorzustellen«, wiederholte er. »Sie halten sich besser daran.«

Mit einer letzten Verbeugung führte Adara ihre Gruppe in die graue Stadt. »Willkommen in Elenvina«, murmelte sie, als die ehrwürdigen Häuser der Kaiserallee sie mit kühlem Zwielicht begrüßten. »Es herrsche der Herr Praios, Sein Licht vertreibe mit seiner Helligkeit die Nebel, und Seine Ordnung sei die höchste Wahrheit des Lebens.«

»Du wolltest ja unbedingt als erbärmlicher Bettelpilger auftreten, feurige Flamme«, erwiderte Faisal. »Wir hätten diesen hinterwäldlerischen Ort auch in einer ehrenhaft von zwei Pferden gezogenen Kutsche aufsuchen können. Das hätte uns zumindest diese verächtliche Ansprache erspart, als ob wir Diener wären, von denen man in der dritten Person spricht. Ganz abgesehen davon, dass, der Herr Praios möge uns schützen«, seine Stimme troff vor Sarkasmus, »die von der verwerflichen Mada mit der Kraft geschlagenen Ungeheuer vor Ausübung ihrer Fähigkeiten erst durch die vollkommene Inquisition katechisiert werden müssen, bevor sie ihr Verbot erhalten!«

Adara wandte sich zu ihm um. Faisal wusste es besser als der Gardist am Stadttor. »Dispens bekommst du von der Akademie«, erwiderte sie.

»Ja, weil die höchst zuverlässige Leitung dieser weißmagischen Klitsche zu wenig göttergesegnetes Rückgrat besitzt, um ihre verbrieften Rechte gegen die Praios-Geweihten durchzusetzen!«

»Soll ich dir einen schreiben?«, erkundigte sie sich beißend. »Wessen Unterschrift soll draufstehen? Die von Aureolus Hemger?«

Faisal holte erbost Luft, dann blickte er die farblose Straße hinunter und schluckte seine Erwiderung. In einem der wuchtigen Granitgebäude hing ein Weißmagier aus dem Erdgeschossfenster und diskutierte mit einem Kollegen in Reisekleidung. Er gestikulierte erregt gen Norden.

»… sich nicht mehr ohne aggressiv-defensive Speichermatrizen in Kristall oder Stab ante Portas zu begeben! In Waldweiler! Zwei Scharlatane, von denen Generalis und ex examinationis Academiae bekannt ist, dass ihre Kunst nur in Feuerwerk, Rauch und Irreführung zu finden ist, wurden von den Geißlern als Schwarzmagier verbrannt! Und in Rodenbach hat ein Lynchmob Meinwerk nur deshalb nicht erwischt, weil Elwene ihm im Austausch gegen ein Ergebnis seiner obskuren Experimente einen Speicher mit Armatrutz kreiert hatte. Minissimum ante visitierte ein Prediger der Geißler die Ortschaft …«

Faisal hob bedächtig eine Augenbraue. »Ich werde meine Stabzauber ergänzen«, merkte er gemessen an. »Mit frommen Gebeten um Verstand für verblendete Bannstrahler. Wenn es dir recht ist, prachtvoller Sonnenuntergang, dann würde ich Signatur und Siegel des Heliodan bevorzugen. Nicht, dass du, o Trägerin einer unverkennbaren Handschrift, diese je nachahmen könntest.«

»Versuche, dich an legale Sprüche zu halten«, schlug Adara vor. »Was meine Schrift angeht, so ist sie zumindest lesbar!«

Weit vor ihnen ertönte ein dumpfer Knall. Dort, wo die Stadtmauer den Fluss berühren musste, rollte dicker blaugrauer Rauch in den rosafarbenen Abendhimmel. Winzige gelbe Funken blitzten in der dunklen Wolke. Die zwei Magi starrten auf die Rauchwolke.

»Wollte Meinwerk heute nicht …«, begann der auf dem Fensterbrett Lehnende und richtete sich auf.

Der andere Magus war bleich wie die Wand. »Das Pentagramma-Artefakt!«, keuchte er. »Der Prodekan hat ihm nahegelegt, seine Experimente außerhalb der Stadt durchzuführen!« Mit gerafften Roben rannte er auf das nächste Stadttor zu. Über die Schulter rief er: »Er hat sich bei Korina Bächerle eingekauft!«

Sein Kollege warf das Fenster zu und keuchte kurz darauf mit flatterndem Rock die Straße hinunter; der Stab, den er unter den Arm geklemmt trug, wackelte wie ein Dackelschwanz.

Adara lauschte angestrengt, aber sie hörte weder das dumpfe Rollen auseinanderfallender Steine noch Alarmglocken oder Hornsignale von den Wachtürmen. Ragnar machte Anstalten, den Magi zu folgen. Sie winkte ab. »Bleib hier. Wir werden nicht gebraucht.«

»Aber …«, wandte der Novize ein.

Kopfschüttelnd deutete Adara auf die graue Wolke, die im Abendrot zerfaserte. »Es läuten keine Feuerglocken. Ein Alchemist, der sich nicht mit Explosionen auskennt, lebt nicht lange. Was auch immer da hochgegangen ist, die Stadt ist nicht in Gefahr.« Sie nickte den zwei Magiern hinterher. »Es gibt offensichtlich genug Leute, die sich um das Laboratorium kümmern. Wir haben eine Verabredung im Praios-Tempel.«

Der warme Abendwind frischte auf. Eine Böe fuhr die Promenade entlang und trug einen Schwall nach Schwefel stinkender Luft zu ihnen. Faisal schnaubte und wedelte mit der Hand vor seiner Nase herum, um den Geruch nach faulen Eiern zu vertreiben; auf der Straße husteten die Leute und warfen besorgte Blicke in Richtung der zerfasernden Rauchwolke. So schnell, wie er aufgekommen war, verflog der Schwefeldunst wieder.

Ragnar schnupperte der Wolke hinterher. »So schlimm war das doch gar nicht«, murmelte er erstaunt.

Adara lachte. »Man merkt, dass du von Stinkmorcheln verwöhnt wurdest.« Der Novize hatte ihr auf dem Weg von Kyndoch geholfen, die übel riechenden Pilze zu sammeln und zu verarbeiten.

»Nein, das ist es nicht, Mond…«

Ein scharfer Blick Adaras ließ den Grauling verstummen. Er wusste es besser, als sie auf offener Straße mit einem Titel anzureden. Nach einer kurzen Pause fuhr er in begeistertem Tonfall fort: »Hier kocht jemand Wildgryte!«

Faisal hob den Kopf. »Fleisch? Ich rieche den Wohlgeruch im frühen Morgengrauen eines strahlenden Tages geernteter Jasminblüten. Das ist ein würdiger Duft meiner Heimat. Wir sollten ihn erwerben. In der Hand unwissender Mittelreicher kann er nur achtlos verschwendet werden.«

Außer den letzten Resten Schwefel nahm Adara nichts wahr. Prüfend sog sie die Luft ein. Angenehme Gerüche schwebten über ihre Zunge. Rosenblüten, der Braten einer nahegelegenen Garküche, eine Idee des Weihrauchs, den die Praios-Tempel bevorzugten.

Aber doch, da war etwas. Der Wind wirbelte einige Blätter hoch und trug ihr zu, was sie suchte. Für einen kurzen Moment lag alles, was sie je begehrt hatte, vor ihr: Oma Barents Heimkehrtagsplätzchen, der dezente Geruch des Blauhimmelsterns, vermischt mit Räucherwerk, die sie in trauter Eintracht im Tempel begrüßten. Sie fand weder Ragnars Mittagessen noch Faisals Jasmin, aber die Düfte luden zum hemmungslosen Schwelgen ein.

Unverhofft wandelte sich die Lieblichkeit. Ein widerliches Monster krallte sich in ihre Nase. Es versengte ihre Schleimhäute und fraß sich mit messerscharfen Klauen in ihren Kopf. Adara schüttelte sich vergeblich. Bei dem aussichtslosen Versuch, es zu vertreiben, stieß sie heftig die Luft aus; das Vieh blieb. Vom Gleichgewicht verlassen taumelte sie gegen eine kalte Hauswand und rang um Atem. Tränen verschleierten ihren Blick.

Jemand fasste sie am Ellenbogen. Sie drehte ihren Arm zur Seite, aber ihr fehlte die Kraft, sich freizumachen. In dem Nebel aus Schmerzen erschien und verschwamm Faisals Gesicht. Sie unterdrückte ein Würgen. »Das«, keuchte sie, »ist kein Wohlgeruch!«

Unvermittelt war der beißende Gestank verschwunden. Sie fuhr sich mit der freien Hand über die Augen. Rotorange Sonnenstrahlen verfärbten das graue Straßenpflaster zu einem dunklen Violett. Die Leute um sie herum gafften auf die Reste der Rauchwolke jenseits der Stadtmauer. Ein Jüngling in den Farben der Familie vom Großen Fluss und mit einer weiß-goldenen Armbinde brüllte »Platz, unwürdiges Gesindel«, als er vorbeigaloppierte. Ragnar warf sich außer Reichweite der Vorderhufe des Pferdes, rollte sich auf dem Pflaster ab und kam wieder auf die Beine. In seinen Händen lag sein Kampfstab. Der achtlose Reiter hielt auf die Burg Eilenwid-über-den-Wassern zu und verschwand hinter einem prächtigen Triumphbogen, der weiter im Süden die Straße einengte.

Faisal wedelte mit der Hand vor Adaras Gesicht herum. Dünne weiße Strähnen liefen durch seine krähenschwarzen Haare. »Geht es wieder?«, fragte er leise. »Von wegen Pentagramma-Artefakt. Ich bin beinahe davon überzeugt, dass es sich eben nicht um diesen besonderen Spruch handelte.«

Adara spuckte auf den Boden, um den widerlichen Geschmack loszuwerden. »Was passiert, wenn jemand den Bannspruch nach Strich und Faden versaut?«, murmelte sie. Langsam lichtete sich der ekelhafte Dunst, der ihren Kopf füllte. »Aber wir sind in Elenvina. Die geben sich nicht mit dämonologischen Zaubern ab. Zu viel Rechtgläubigkeit.«

Faisal zog sie auf die Füße. »Du vergisst, dass nach dem Beschluss des Allaventurischen Konvents jede Schule diesen Spruch lehren muss, unabhängig davon, wie unfähig ihre Dozenten sein mögen. Eine gescheiterte Pentagramma-Matrix kollabiert, ohne dass der Zaubernde einen Dämon in die dritte Sphäre ruft.« Er musterte sie eingehend. »Aber dies bedeutet nur, dass die hiesigen ach so gesetzestreuen Weißmagier keinerlei Ahnung von dem haben, was sie in ihrer duckmäuserischen Art angehen, fuchsköpfige Schönheit. Geht es dir wieder besser?«

»Das mag sein. Trotzdem stimmt hier etwas nicht.« Sie kannte den Geruch und seine Wirkung, aber sie konnte sich nicht erinnern, woher. Es war kein normales Alchemikum, und auch Faisal führte ihren Schwächeanfall nicht auf die Wohlgerüche des Morgenlands zurück, die er wahrgenommen hatte. Gestützt auf seinen elegant angebotenen Arm, schwankte Adara zu Ragnar hinüber. Wütend starrte der Grauling hinter dem Reiter her, hob einen Kiesel auf und warf ihn machtlos in die Richtung, die er eingeschlagen hatte.

»Langsam, Junge. Du kannst als Bettler nicht erwarten, dass die hohen Herrschaften dir Platz machen.«

Ragnar fuhr herum. »Der Kerl hat kein Recht …«, fauchte er drauf los.

Adara mimte eine Ohrfeige, die die Haare des Novizen aufwirbelte. »Der Kerl da«, erwiderte sie betont und mit nordmärkischem Akzent, »ist ein junger Herr und gehört zur Familie des Herzogs. Der junge Herr hat jedes Recht Elenvinas, du Trottel.«

Einen bedeutenden Teil seines Lebens hatte Ragnar in Kyndoch als Novize eines Händlertempels verbracht. Ihm war nie aufgefallen, wie viel Achtung ihm sein Stand einbrachte.

Leise fuhr sie fort: »Wer die Gestalt einer Maus annimmt, muss damit rechnen, dass die Katze ihn jagt, Grauling. Was genau hast du gerade gerochen?«

»Ein schwitzendes Pferd«, murrte Ragnar. Sie starrte ihn an, und er nahm sich zusammen. »Wildgryte. Geschnetzeltes. Vater hat es aus Ren, Elch und Preiselbeeren gekocht …« Er schluckte. »Ich habe es seit Jahren nicht mehr gegessen«, sagte er sehnsüchtig.

Adara sah Faisal an und hob eine Augenbraue.

Der Magier zuckte mit den Schultern. »Edelstes Jasminöl. Reiner Weihrauch, würdig, auf jedem Altar geopfert zu werden«, berichtete er leise. »Sicherlich kein schnödes gebratenes Fleisch.«

»Und bei mir gab es Omas Plätzchen, aber weder Jasmin noch Ragnars Rentiergrütze. Kennst du einen Zauber, der das bewirkt?«

»Unter Auslassung eines Schelms, der uns auf unnachahmliche Weise auf unsere übergroße Ernsthaftigkeit hinweisen wollte? Nein, edle Blume in der Wüste. Auch der in diesen Landen schnöde ›Weihrauchwolke, Wohlgeruch‹ genannte Spruch gibt nur einen gezielten Eindruck dessen ab, das der Zaubernde in den Nasen seiner Umgebung hervorzurufen wünscht.«

Ragnar murmelte den Satz nach. »Wir riechen, was wir riechen sollen?«, vergewisserte er sich.

»Jawohl, junger Bettler in unwürdigen Lumpen, du hast es erfasst. Einen Sinneseindruck ganz nach den inneren Wünschen des Wahrnehmenden – das kann kein mir bekannter Spruch erreichen.«

Zusammen mit ihrem Schwächeanfall klang das nicht gut. Allerdings war Elenvina eine Stadt, die einen angesehenen Praios-Tempel, die Inquisition und den Orden des Bannstrahls Praios beherbergte. Kaum ein Ort im Mittelreich verfügte über besseren Schutz.

Die ehrenhaften Bürger auf der Allee wandten sich wieder ihren Verrichtungen zu. Ein paar Halbwüchsige stierten unwillig auf die Ansammlung dreier Bettler, die Adara und ihre Begleiter darstellten, und tuschelten. Einer der Jungen griff in den Blumenkasten hinter sich und warf einen Klumpen Erde auf sie. Adara wich dem Dreck aus, aber da Faisal sie festhielt, traf ein fauler Apfel sie am Rücken.

»He!«, rief eine Frauenstimme. »Das ist keine Art, mit denen umzugehen, die es im Leben weniger glücklich getroffen haben als du!«

Eine Bürgersfrau, der zwei Mägde mit Einkaufskörben folgten, verscheuchte die Halbwüchsigen. Als sie Adaras Blick bemerkte, verzog die Frau das Gesicht. »Und ihr habt hier nichts verloren!«, schimpfte sie. »Verzieht euch in die Unterstadt!«

Die Wehrhalle des Praios’ war so prächtig, wie die enthusiastischen Beschreibungen von Pilgern und Predigern es vermuten ließen. Ein hohes Marmorgewölbe schwebte über langen Säulenreihen, die wiederum von etwas weniger mächtigen Säulen gestützt wurden. Hinter den kleineren Pfeilern lagen die einzelnen Heiligen gewidmeten Seitenkapellen. Statuen schmückten die mit Farbe und Blattgold bemalten Säulen, Wandgemälde erzählten die Lebensgeschichten der jeweiligen Patrone.

Die ersten Verse des Abendchorals rollten durch den Mittelgang des Tempels, als Adara den Pilgervater neben der Kapelle des Gilborn von Punin ausfindig machte. Ein Meer von Kerzen erleuchtete den Nebenaltar und die Statue des wichtigsten Heiligen der Geißler. Sorgfältige Hände hatten die Steinfigur in die weiß-rot-goldenen Gewänder eines Praios-Geweihten gekleidet und ihm die brennende Sonne des Ordens vom Bannstrahl Praios mitgegeben.

Als wäre er ein großes Spiegelbild des Heiligen Gilborn, saß der Akoluth, der die Pilgerbücher der Wehrhalle führte, an einem kleinen Tisch. Sein Kopf ruhte auf seinen gefalteten Händen, und er lauschte mit geschlossenen Augen dem Gottesdienst. Vor ihm lagen ein Buch und frische Pilgerabzeichen.

Adara wollte ihn während der Andacht nicht stören; ganz abgesehen davon gaben sie sich als Pilger aus, die bestimmt keinen Gottesdienst ausließen. Getreu ihrer Rolle gesellten sie sich zu den Gläubigen im Mittelschiff. Sie erntete unwillige Blicke, und die stinkenden Überreste des faulen Apfels auf ihrer Weste verschafften ihr, Ragnar und Faisal etwas Raum.

In ihrer Arme-Leute-Nische konnte Adara nur wenig von der Predigt verstehen. Die alten Worte zum eigenen Platz im Leben, dem ewigen Recht und der Vermeidung von Magie erreichten sie nur undeutlich. Trotzdem kam ihr die tiefe und autoritäre Stimme des Zelebranten bekannt vor, als er den Chor zum nächsten Gesang führte.

Praios’ Gegenwart durchdrang das Gebäude und die Menschen darin. Vom ersten Augenblick an fühlte sich Adara in diesem Tempel behütet, und nach der Explosion begrüßte sie den angebotenen Schutz. Aber mit jedem Gebet und Choral zog sich dieser schützende Mantel enger. Sie hatte kein Bedürfnis, zu lange in Praios’ Haus zu verweilen.

Endlich war der Gottesdienst vorüber. Gefolgt von seinen Andachtshelfern schritt der Zelebrant durch den Mittelgang zu den hohen Doppeltüren im Osten. Die Gläubigen knieten und senkten die Köpfe, als er an ihnen vorüberging. Adara musterte den Praios-Geweihten eingehend. Es war kein Wunder, dass sie seine Stimme kannte; sie waren oft genug über ihrer Arbeit zusammengestoßen. Aureolus Hemger war gesetzestreuer als Praios selbst und besaß eine Vorliebe für Schnellgerichte und überzogen harte Strafen. Deshalb, und wegen seiner Neigung, alle Magiebegabten von vorneherein als so gut wie schuldig anzusehen, hatten er und Adara schon mehrmals die Klingen gekreuzt.

Vor ihm niederzuknien, auch wenn es zur Liturgie gehörte, eigentlich dem Herrn Praios galt und er sie dabei nicht erkannte, ging ihr gegen den Strich. Abgesehen davon konnte sie sich nicht vorstellen, weshalb der erzkonservative Geißler in Elenvina weilte. Nach den herben Verlusten, die der Orden vom Bannstrahl Praios in der Dritten Dämonenschlacht erlitten hatte, sollte er eher in Gareth oder Wehrheim neue Ordensangehörige anwerben.

Jedes seiner siebzig Lebensjahre war tief in sein Gesicht eingegraben, und sein Haar war genauso weiß wie sein Ornat. Ihr Blick glitt über die reiche Goldstickerei auf der Robe, vorbei am glänzenden Ordensabzeichen bis hinunter zu seiner rechten Hand, in der er die Nachtkerze hielt. Ein schwerer Siegelring aus rotem Karneol prangte an seinem Ringfinger. Adara runzelte die Stirn. Aureolus war Ritter im Orden des Bannstrahls Praios. Ring und Siegel eines Inquisitors standen ihm nicht zu.

Sie zögerte zu lange. Faisal zupfte heftig an ihrem Hosenbein. Rund um sie knieten die Gläubigen, und Aureolus sah sie verwirrt an. Adara verbeugte sich förmlich, Geweihte zu Geweihtem, erkannte ihren Fehler, fiel auf die Knie und senkte den Kopf. Um sie herum erhob sich abfälliges Gemurmel. Nach kurzem Zögern zog die Abendprozession an ihnen vorüber; Akoluthen und Novizen schielten neugierig in ihre Richtung und tuschelten miteinander.

»Was ist mit dir los, Blume des Westens?«, flüsterte Faisal ihr ins Ohr.

Ihr fehlten die Worte. Der gerade noch so großzügige Tempel schloss sie ein und umfing sie mit erdrückendem Schutz. Sie wischte sich kalten Schweiß von der Stirn. Ihre schmutzige Weste war viel zu eng, und die Überreste des faulen Apfels verpesteten die Luft. Sie brauchte Kühle und ein Bad.

»Hast du ihn erkannt?«, zischte sie zurück.

Aureolus stimmte den Abschlusschoral an. Mit gewählten Worten und vielstimmiger Harmonie verabschiedeten er und seine Messdiener die Sonne bis zum nächsten Morgengrauen. Die Strophen hallten gemessen durch das Mittelschiff.

Faisal grinste ohne Humor. »Ihn erkenne ich überall, Licht des Mondes«, murmelte er auf Tulamidya und legte die Hand auf ihre Stirn. »Du bist eiskalt, funkelnder Edelstein. Ich frage mich, was er hier unternimmt, wo er doch in Auraleth sitzen und unschuldige Hexen hetzen sollte?«

Sie ignorierte seine blumigen Formulierungen. »Irgendetwas muss er vorhaben. Hoffen wir, dass er mich nicht erkannt hat. Ragnar soll uns die Pässe besorgen, dann gehen wir ins Gasthaus.«

Der Grauling nickte. Endlich endete das Abendlied, die Gläubigen erhoben sich und verließen die Wehrhalle. Um den Tisch des Pilgervaters versammelten sich die hoffnungsvollen Pilger, die noch ein Abzeichen erwerben mussten. Ragnar stellte sich zu ihnen, aber die besser gekleideten Leute drängten ihn schnell auf seinen Bettlerplatz zurück.

Adara zog Faisal in die Kapelle des heiligen Gilborn hinein. Sie verbeugte sich vor ihrem Gastgeber, Faisal beäugte ihn zweifelnd. Sie konnte es ihm nicht verdenken. Der radikale Orden der Praios-Kirche unterschied selten zwischen Magie, die zum Guten eingesetzt wurde, und echter Schadzauberei.

Sie lehnte sich zu ihrem Partner hinüber und murmelte: »Was meinst …«

Zwei Praios-Geweihte schritten an der Kapelle vorbei; einer blieb stehen und blickte sie fragend an. Diese Sorte Hilfe konnte Adara jetzt nicht brauchen. Sie kniete sich vor den kleinen Altar, als hätte sie nie etwas anderes vorgehabt. Aber erst als sie das große Sonnengebet begann und Faisal es neben ihr auf dem kühlen Bodenmosaik wiederholte, gingen die beiden Priester weiter.

»… leuchte über Dere und trage Wahrheit in unser Leben …«, murmelte Adara und lauschte den Schritten. Sobald die Geweihten außer Hörweite waren, fuhr sie an Faisal gewandt fort: »Welche Zauber könnten bei dieser Explosion im Spiel gewesen sein?«

Er bedachte sie mit einem gequälten Blick. »Sollte ich Artefakte benötigen, so zahle ich einen guten Preis für beste Arbeit. Du bist die Alchemistin, Fuchs mit feuerrotem Haar. Aber es wäre ein erstaunlicher Zauber, der alle Wohlgerüche des Orients mit …« Als drei Akoluthen an ihrer Nische vorbeigingen, brach er ab. Zwei blickten neugierig auf die abgerissenen Gestalten vor dem Nebenaltar und tuschelten miteinander. Vielleicht erinnerten sie sich an den Zwischenfall beim Gottesdienst.

Adara rezitierte lauter. »Ordnung und Gerechtigkeit sind Eure Gaben. Pflegen will ich dieses Geschenk …«

Faisal sprach ihr zögerlich nach. Den Akoluthen folgte ein Haufen Novizen, der schnatternd an der kleinen Kapelle vorbeizog.

»… wissen und halten meinen Platz im Leben.« Diesmal eilte ein Kandidat mit wehenden Roben an ihnen vorüber. »Was ist hier los?«, zischte Adara. »Männleinlaufen auf dem Markt?« Laut fuhr sie fort: »Zufrieden und wahrhaftig will ich denken, sprechen und handeln …« Die Worte liefen ihr nur schwer von der Zunge. Den Schutz, den der Tempel versprach, hatte sie nach dem Zwischenfall auf dem Weg zur Wehrhalle gern angenommen. Mittlerweile lähmte die übertriebene Fürsorge sie, und Praios’ Forderung nach unbedingter Wahrheit schnürte ihr die Kehle zu.

Sie benutzte den Gebetszyklus, um sich ungestört mit Faisal unterhalten zu können, und dieser Kunstgriff widersprach dem Wunsch des Hausherrn. Adara zwang sich dazu, den Vers fertigzusprechen.

Ein paar Kinder, zu jung für das Noviziat, rannten die Halle hinunter, verfolgt vom unvermeidlichen Gezeter einer alten Frau. Die lachende Kavalkade sprang unbeeindruckt durch den Tempel und verschwand hinter der Kapelle.

»Es roch wie im Großen Tempel, schönste aller Frauen – wie zu Hause«, murmelte Faisal in einem ruhigen Moment auf Tulamidya. »Zart, reichhaltig, wertvoll und angemessen.« Sehnsucht färbte seine Stimme weich. »Edler Weihrauch, so fein, wie er selbst im altehrwürdigen Fasar selten zu finden ist. Er wäre eine Zierde für jeden Tempel Phexens …«

Adara sah ihn scharf an und schüttelte den Kopf. Faisal spottete nicht.

Noch eine Gruppe Novizen kündigte sich mit Trampeln und Geschrei an. Adara übertönte Faisals Rede mit dem nächsten Gebet im Zyklus. »Wie die Sonne an jedem Tag über den Horizont tritt und Dere erhellt, soll Wahrheit mein Leben erleuchten …« Sie hielt sich nur mit Mühe vom Lallen ab und wischte sich Schweiß von der Oberlippe. Die Kapelle war stickig.

Wieder kehrte Ruhe ein. »Hast du nichts Dämonisches …«

Die Götter hatten kein Einsehen. Vier Akoluthen schritten gemessen an ihnen vorbei. Adara setzte das Gebet mühsam fort. »Gehorsam und treu will ich sein gegen meinen Herrn und wahrhaftig zu allen, denen ich Schutz schulde …«

Endlich verschwand auch diese Gruppe. Adara biss die Zähne zusammen. Ärger lenkte sie von dem Gefühl ab, in wohlmeinender Watte zu ersticken. »Das kann ja wohl nicht sein!«, zischte sie. »Was ist das? Freibier bei der Nachtwache?«

Faisal verbeugte sich spöttisch vor ihr, stand auf und trat um die Säule, die die Seitenkapelle abgrenzte. Als er zu ihr zurückkehrte, grinste er. »Neben uns befindet sich ein wichtiger Ort«, berichtete er auf Tulamidya. »Reiche Düfte wallen durch einen begehrenswerten Durchgang. Ich nehme an, rothaarige Schönheit, dass es auf der anderen Seite der Tür bald ein köstliches Abendessen gibt.«

Der erste Schlag des Tempelgongs rollte das Mittelschiff der Wehrhalle entlang. Die Sonne berührte endlich den Horizont, die letzte Stunde des Tages endete, und der Praios-Tempel schloss seine Tore. Sobald Ragnar ihre Pilgerabzeichen erhalten hatte, bestand keine Notwendigkeit mehr, sich in diesem muffigen Gotteshaus aufzuhalten. Adara sprang auf und verbeugte sich noch einmal vor dem heiligen Gilborn.

»Nichts für ungut«, murmelte sie. »Diese Besprechung war mir wichtiger als ein paar heruntergeleierte Gebete.« Der Satz war so ehrlich, dass er ihr die Tränen in die Augen trieb. Unwillig schüttelte Adara den Kopf und fand einen unauffälligen Platz beim Pilgertisch. An eine Säule gelehnt suchte sie nach Ragnars blondem Schopf. Sie konnte den Grauling nirgends entdecken.

Die wohlgekleidete Pilgergruppe löste sich vom Tisch und strebte auf das Tor zu. Ragnar schoss aus einer dunklen Ecke nach vorn, verbeugte sich unterwürfig vor dem Akoluthen und redete leise auf ihn ein, bis er drei Messingmedaillen bereitlegte. Dann drehte er sich um und winkte. »Seine Ehren möchten uns alle sehen«, erklärte er im besten Kyndocher Unterstadtakzent.

Adara trat vor und zwang sich zu einer linkischen Verbeugung. Sie kannte die richtigen Höflichkeitsformen, und sie zu brechen, schien unangemessen. »Hochwürden, Ragnar sagte, Ihr hättet die Abzeichen für uns?«, fragte sie mit dem schwerfälligen windhagischen Zungenschlag. Nicht nur der Dialekt ging ihr schwer von den Lippen; auch der falsche Titel lief nur widerspenstig über ihre Zunge. Dieser absichtliche Versprecher war genauso eine Lüge wie die schlechte Verbeugung.

Der junge Priester blickte auf. »Akoluthen werden mitEuer Ehrenangesprochen«, korrigierte er sie genervt. »Diese Abzeichen sind für euch. Gebt sie den Herbergseltern und …«

Ein herrisches »Einen Moment!« übertönte ihn. Der Akoluth zuckte überrascht zusammen, Ragnar und Faisal traten zurück in die Schatten. Adara musste sich nicht umdrehen. Aureolus Stimme war unverkennbar.

Unwillig schüttelte sie den Kopf. Zu jeder anderen Gelegenheit hätte sie einen kurzen und heftigen Streit mit dem Geißler begrüßt. Diesen Abend war er nur ein weiteres Hindernis zwischen ihr und der Freiheit der Straße. Adara atmete tief durch, wischte sich den Schweiß von der Stirn und drehte sich um. Aureolus verfügte über eine Körpergröße, die einem Troll gut angestanden hätte. Ein bisschen Stichelei konnte nicht schaden.

»Euer Gnaden«, grüßte sie ihn.

Der grauhaarige Ritter des Ordens vom Bannstrahl Praios war eine mächtige Gestalt, und sein beinahe vollständig mit hochkarätigem Gold bestickter Ornat unterstrich die Wirkung noch. Trotzdem ließ die höfliche Anrede, die sie benutzte, ihn purpurrot anlaufen. »Was!«, bellte er. »Ihr unverschämtes …«

Aureolus war so leicht zu reizen wie eh und je. Auf einmal genoss Adara die Situation. Sie bohrte nach. »Ihr werdet doch Eure Berufung nicht Eurer Position in einem Laienorden unterordnen?«, fragte sie erstaunt. Mit jedem Wort ging es ihr besser. Sie machte sich keiner Lüge schuldig, und der Geißler reagierte wie ein angestochener Bär.

»Ihr …« Wütend rang er nach Luft, holte aus und schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. Pilgerbuch und Medaillen sprangen hoch und fielen klimpernd auf die Tischplatte. Der Akoluth schob seinen Stuhl zurück, Aureolus nahm die Abzeichen an sich.

»Ihr! Pilger, dass ich nicht lache!«, brüllte er. »Ihr seid auf keinen Fall hier, um zu beten!«

»Ich habe meine Heimat mit der festen Absicht verlassen, die Wehrhalle aufzusuchen«, säuselte Adara. Die Provokationen vertrieben den erstickenden Dunst des Beschütztwerdens aus ihren Gedanken. »Vor dem Schrein des heiligen Gilborn von Punin habe ich gekniet und das Sonnenlob …«

Der Geißler biss an. »Ihr mit Eurem Bauerndialekt! Wagt es nicht, den Namen der Heiligen in den Mund zu nehmen! Ihr bereut keine Eurer Sünden, und Eure Ergebenheit gegenüber den Göttern ist genauso verhandelbar wie Eure nicht vorhandene Redlichkeit!«

Adara verschränkte die Arme. Ein angenehm kalter Lufthauch wehte durch den muffigen Tempel. Sie stand angespannt auf den Ballen. Das war es. Auf den Füßen denken und mit ihren eigenen Taten siegen oder scheitern. Dieser Streit machte Spaß.

»Ich bitte Euch, Aureolus. Wollt Ihr mir wirklich mangelnde Hingabe vorwerfen? Tut es doch. Ich ersuche Euch darum. Beleidigt mich vor Zeugen. Ich bin sicher, dass Ihr damit vor Gericht einen ausgezeichneten Stand habt. Wenn Ihr derweil so freundlich wärt, mir die Abzeichen auszuhändigen? Dann könnt Ihr Euch zurückziehen, und ich kann meinen Aufgaben nachgehen.«

»Das reicht!«, röhrte Aureolus. »Ihr verlasst sofort diesen Tempel, und Ihr werdet ihn nicht wieder betreten!«

»Ich glaube auch, dass es genug ist.« Die ruhige Stimme ließ den Geißler unvermittelt verstummen. »Wulf, Ihr haltet heute die Lesung.«

Der Akoluth, der das Pilgerbuch verwaltete, blickte den Neuankömmling in roten Roben mit goldgelbem Überwurf überrascht an. »Aber …«

Adara unterdrückte ein Grinsen. Sie war davon ausgegangen, dass Praiodan noch in Gareth weilte.

»Ihr seid zur Lesung beim Nachtmahl eingeteilt«, wiederholte Praiodan. »Soweit ich weiß, wird heute das vierte Kapitel aus der Offenbarung der Sonne gelesen. Solange Ihr nicht am Pult steht, gibt es nichts zu essen. Ich übernehme hier.«

Wulf sah verwirrt aus, aber er ergriff die Gelegenheit zur Flucht. »Jawohl, ehrwürdiger Herr Inquisitionsrat!« Er verbeugte sich kurz vor seinem Wohltäter und verschwand durch die Tür zum Refektorium. Ein Schwall appetitlicher Düfte wehte in den Tempel hinein. Adaras Magen knurrte.

Praiodans Mundwinkel zuckten verhalten. Er ignorierte Adara und wandte sich Aureolus zu. »Herr Ritter, Ihre Exzellenz gratuliert Euch zu der wohlgesungenen Messe und erwartet Euch am hohen Tisch.«

Aureolus hatte sich gefangen. Anklagend deutete er auf Adara. »Praiodan, diese Frau …«

»Ich werde mich darum kümmern, Ritter Aureolus. Die Illuminata wartet nur ungern.« Er streckte die Hand nach den Medaillen aus, die der Geißler in der Faust hielt. »Lasst die Abzeichen hier.«

»Aber …«

Praiodan zog die Augenbrauen zusammen. »Ich sagte, ich regle das. Ihr werdet am Tisch Ihrer Exzellenz erwartet.«

Mit einem zornigen Blick auf Adara ließ Aureolus die Pilgerabzeichen auf den Tisch fallen und stakte davon. Praiodan wartete, bis die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war und fragte: »War das wirklich notwendig?«

Adara setzte sich auf die Tischkante. Um sie herum wuchs ein neuer unfassbarer Wall aus Sicherheit, der sie vor allem Übel beschützen sollte. Sie rieb sich die Arme und verdrängte das Gefühl. »Lesung?«, erkundigte sie sich.

»Beim Frühstück und zum Abendmahl liest ein Tempel- oder Ordensangehöriger aus den heiligen Texten. Die Ehre ist heiß umkämpft.«

Sie zog die Augenbrauen hoch. »Weil es hinterher in der Küche Essen gibt?«

Praiodan war kein Narr. »Eher, da ein guter Vortrag den hier versammelten hochrangigen Geweihten im Gedächtnis bleiben könnte. Also – war das wirklich notwendig?«

»Er wollte Streit. Einem solchen Ansinnen stehe ich prinzipiell nicht im Wege«, antwortete sie. »Aber ich behalte mir das Recht vor, ihn zu gewinnen.«

»Ihr redet wie ein Advokat, Adara.« Praiodan grinste. »Aureolus’ Anteil war auch noch in der Küche verständlich. Ihr solltet ihn nicht so reizen.« Er sah sich um. »Wo ist Euer Schatten? Und der Novize? Ihr seid hoffentlich nicht allein unterwegs.«

Auf Adaras Wink hin kam Ragnar aus der Nebenkapelle, Faisal dagegen tippte Praiodan von hinten auf die Schulter. Als sich der Inquisitor umdrehte, huschte Faisal um ihn herum und stellte sich neben Adara.

Praiodan drehte sich verwirrt zurück, sah Faisals vollendete tulamidische Verbeugung und lachte. »Phexens Diener. Was hat Euch so lange aufgehalten? Ich habe schon vor einem Mond mit Euch gerechnet.«

Adara zuckte mit den Schultern. »Ragnar wollte nicht in Kyndoch bleiben. Auf einer gemütlichen Reise lernt man sich am besten kennen.« Die anhaltende Schwäche, die sie seit dem Kampf im Goldmacherhaus verfolgte, hatte den sechstägigen Weg von der kleinen Stadt nach Elenvina um ein paar Wochen verlängert. Auch jetzt zitterten ihre Hände. Um den Schwächeanfall zu vertuschen, stieß sie sich vom Tisch ab und ließ sich auf Akoluth Wolfs Stuhl nieder. Die wohlmeinend unbewegliche Atmosphäre in diesem Tempel nahm ihr jede Kraft.

Im hinteren Teil der Wehrhalle klappte eine Tür; kurz darauf brachte ein Mädchen in den Farben der Stadtwache einen Stapel Schiefertafeln. »Grüße vom Tagmeister«, keuchte sie und rannte wieder hinaus.

Praiodan las die Kreidenotizen und inspizierte das Pilgerbuch. »Fekker Alkerson, Ragnar Björson und Alriche oos Ackerwinnenhof«, murmelte er schließlich. »Pilger zur Wehrhalle, heute am frühen Abend eingereist. Interessante Namen. Einen kenne ich, den anderen erkenne ich mit viel gutem Willen, aber Alrike?«

Adara rang sich ein Lächeln ab. »Er wollte nur einen Namen. Vom Alter war keine Rede.«

Praiodan quittierte diese Aussage mit dem Blick, den sie verdiente. »Ich schätze, den Namen tragt Ihr seit dreißig Jahren nicht mehr?«

Sie zuckte mit den Schultern. »Ganz so frühreif war ich dann doch nicht«, murmelte sie. Ihre Hände bebten. Die stickige Luft in der Wehrhalle kroch nur widerspenstig in ihre Lunge. »Eher vierundzwanzig Jahre«, setzte sie hinzu. Die Ehrlichkeit erforderte es. »Ich war sechzehn, als Hochwürden Vulpus und Nachtschatten Phexlyn mich zum Herrn Phex geleiteten.« Kaum hatte sie Praiodan aufgeklärt, ging es ihr besser.

Der Praios-Geweihte sah sie verwundert an. »Ihr seid redselig«, bemerkte er. »Ist es bei Euch üblich, zwei Weihväter zu haben?«

Adara kniff ihre Lippen zusammen. Geschwätzigkeit konnte sie sich nicht erlauben. Das fürsorgliche Korsett aus Wahrhaftigkeit, das Praios’ Tempel ihr anlegte, engte sie immer weiter ein. Sie rieb sich die Arme.

Praiodan schob die Pilgerabzeichen auf dem Tisch herum und bemerkte es nicht. »Ihr schuldet mir etwas …«, begann er zögerlich.

Verspätet erkannte Adara, dass er auf eine schnelle Entgegnung von ihr wartete.Ich? Was sollte ich Euch schulden?, lag ihr auf der Zunge. Gegen den Widerstand des Ortes brachte sie nur ein mühsames »Führen wir Buch?« heraus.

»Wenn es sich als notwendig erweist«, erwiderte er langsam. »Zuletzt gab es da den Fall eines illegalen Zaubers.«

Die beste Antwort darauf bestand aus der Wahrheit. »Dieser Vorwurf wurde nie erhoben oder überprüft.«

»Das trifft zu. Außerdem fehlten im Inventar eines gewissen Hauses Gold und Juwelen im Wert von etwa tausend Dukaten …« Er beendete den Satz nicht.

Adara öffnete den Mund, aber das glatte »Das ist mir neu« ging ihr nicht über die Lippen. Mühsam rang sie sich ein »Damit hatte ich nichts zu tun« ab. Sie atmete bewusst aus und versuchte sich zu entspannen, doch die Atmosphäre des Tempels ließ ihr keine Ruhe.

Sei ehrlich, flüsterten die Wände.Steh zu dir und deiner Berufung.Sie schauderte. Von diesen Idealen war sie weit entfernt. Schon ihre fadenscheinige Gesellenkluft führte ihre Mitmenschen in die Irre und verleitete sie zu Sünden aus Unwissenheit. Sich unterhalb ihres eigentlichen Standes zu kleiden, war unredlich. Adara schüttelte den Kopf. Kalter Schweiß lief zwischen ihre Schulterblätter.

Roben. Sie brauchte standesgemäße Kleidung. Eine Robe aus Wolle – nein, das war Tiefstapelei und damit eine weitere Lüge. Als Nachtschatten geziemte es ihr, mindestens graues oder weißes Leinen zu tragen, um niemanden in die Irre zu führen. Vielleicht konnte Praiodan ihr helfen, bis ihr Gepäck nachkam.

Der Gedanke weckte sie auf.

Einen Praios-Geweihten nach Tempelroben fragen? Welchem Wahnsinn verfiel sie? Kleider stellten ihr geringstes Problem dar: In Seinem eigenen Haus konnte sie sich nicht gegen Praios’ Wünsche wehren. Sie gehörte in den Phex-Tempel.

Praiodan hatte ihre Geistesabwesenheit nicht bemerkt. »… am Seminar umsehen. Die Novizen schlagen mehr über die Stränge als üblich. Mittlerweile mache ich mir Sorgen.«

»Nehmt Ragnar.« Die Worte entkamen Adara, bevor sie die Konsequenzen bedacht hatte. »Er ist Novize – lasst ihn studieren. Faisal gäbe einen guten Dozenten ab, falls Ihr einen Dämonologen aus Fasar einsetzen möchtet. Praktische Exorzismus-Übungen wie in der guten alten Zeit.« Entsetzt zwickte sich Adara in den Arm. Sie musste wachsam bleiben.

»Und Ihr?« Praiodan wich ihrem Blick aus.

»Was meint Ihr?«

»Ihr könntet Rechtskunde unterrichten«, schlug er vor. »Ihr könnt den Studenten faszinierende Einblicke in das Rechtswesen geben.«

Einsichten von ihr gab es nur von der Schattenseite der Rechtsprechung. »Ich kenne mich in Jura nicht aus«, wandte sie ein.

»Vor ein paar Jahren klang das ganz anders. Ich erinnere mich noch genau an den Vortrag, den Ihr Aureolus …«

Hastig winkte Adara ab. »Das bezog sich nicht auf Rechtskunde, sondern auf Gerechtigkeit. Dafür, dass sie die Ideale Eures Herrn so überzeugt vertreten, gehen die Geißler oft zu weit.«

Praiodan zuckte mit den Schultern. »Ich werde ihn nicht verteidigen. Er handelt, wie er es als angemessen empfindet.« Zum ersten Mal, seit er die Diskussion begonnen hatte, sah er sie richtig an. »Geht es Euch gut?«, erkundigte er sich, plötzlich besorgt.

Adara krallte eine Hand in ihren Oberschenkel. Der Schmerz half ihr, sich zu konzentrieren. Jede Lüge war von vorneherein zum Scheitern verurteilt. »Warum wurde Aureolus überhaupt zum Inquisitionsrat ernannt?«, lenkte sie ab.

Praiodan starrte auf die Statue des heiligen Gilborn. »Er ist kein ordentlicher Rat«, erklärte er schließlich. »Mehr kann ich Euch dazu nicht sagen.«

Also handelte es sich um eine einzelne Aufgabe, oder die Ernennung war politisch motiviert. Praiodan jetzt um weitere Informationen anzugehen, wäre vergebliche Liebesmüh. Sie nahm ihre verbliebene Kraft zusammen und hielt auf das Ziel zu.

»Wenn Ragnar am Seminar studiert, sollte er auch etwas lernen«, kehrte sie zum ursprünglichen Thema zurück. »Rechtskunde bei Euch scheint mir ein gutes Fach zu sein.«

Praiodan ergriff eine Kerze und leuchtete ihr ins Gesicht. »Ich unterrichte nicht mehr im Seminar«, murmelte er. »Ihr seid bleich.«

Sie blickte zur Seite. Faisal legte ihr unauffällig eine Hand auf die Schulter und sie lehnte sich dankbar an ihn. »Dann Aureolus. Er lässt es sich nicht nehmen, die Jugend zu verderben. Der alte Knacker kennt die gesamte Rechtsordnung des Mittelreichs auswendig. Perfekt für Ragnar.« Sofern er den Jungen nicht wiedererkannte und seine Abneigung gegen Adara über ihm ausschüttete. Aber dieser Gedanke war kleinlich.

Eine kühle Hand schloss sich um ihren Arm. »Nur Ihr seid in der Lage, seine Ritter Aureolus so zu bezeichnen. Ja, er unterrichtet. Jedoch stellt sich mir die Frage, weshalb Euer treuer Schatten Euch aus dem Bett gelassen hat. Ihr gehört ins Spital.«

Das Hospital befand sich auf dem geweihten Grund der Wehrhalle. Adara schüttelte heftig den Kopf; die Welt schwankte und waberte um sie herum. Noch mehr Fürsorglichkeit, und sie war vollends entwaffnet.

»Ich bleibe auf keinen Fall hier«, versicherte sie ihm und versuchte, ihren Unterarm aus seinem Griff zu winden. Sie scheiterte kläglich.

»Auf der Straße ging es meiner Geweihten gut.« Faisal beugte sich über sie. »Ich nehme an, dass sie nur etwas frische Luft benötigt.«

Auf eine bessere Vorlage konnte sie nicht hoffen. Sie stützte sich auf den Tisch und verließ sich auf Faisals unauffällige Hilfe.

»Morgen«, vor ihren Augen tanzten bunte Sternchen, »schicke ich Euch Ragnar vorbei.« Für mehr reichte ihre Kraft nicht aus. »Die Pilgerabzeichen?«

Praiodan kratzte unter dem Siegel des diensthabenden Akoluthen sein eigenes ungelenkes Kürzel in das weiche Metall und gab ihr die Medaillen. »Wollt Ihr nicht lieber hierbleiben?«

Ein weiterer Anfall von Ehrlichkeit riss sie mit. »Der Tempel ist Teil des Problems«, antwortete sie und schwenkte in einem lichten Moment auf ein ungefährlicheres Thema um. »Könnt Ihr uns eine Unterkunft in der Stadt empfehlen?«

»Für Euch?« Praiodan zögerte und starrte ihr tief in die Augen. Sie hielt dem Blick stand; er nickte langsam. »Im Handwerkerviertel befindet sich ein Gasthaus, dessen Wirtin tagein, tagaus über das flatternde Ungeziefer zetert, das ihren Dachstuhl verdreckt. Nachts verkauft sie Fledermausguano zu hohen Preisen. Dort solltet Ihr Euch wohlfühlen.«

Zumindest Praiodan wusste also, wo sich der Phex-Tempel befand. Adara winkte Ragnar zu sich und drückte ihm die Pilgerabzeichen in die Hand; Praiodan öffnete ihnen eine Seitentür. Von Faisal gestützt schwankte Adara auf die rettende Nacht zu, der Grauling schlich mit hängenden Schultern hinterher.

Kurz vor dem Ausgang hielt Praiodan sie auf. »Soll ich Euch begleiten?«, fragte er besorgt.

Sie schüttelte den Kopf. »Mir geht es gleich besser«, versicherte sie ihm. Kühle Nachtluft strömte in die Wehrhalle und versprach alle Freiheit der Welt. »Ich brauche nur etwas frische Luft.« Der Satz war so wahr, dass ihr die Tränen in die Augen stiegen.

Kapitel 2

»Raus! Raus!« Die keifende Stimme der Wirtin trieb sie die fünf Wirtshausstufen hinunter und hinaus auf die dunkle Gasse. »Bettlerpack! Ich gebe keine Almosen in der Stube! Raus!«

Das war nicht der Empfang, den Mondschatten Adara ihm den ganzen Weg von Kyndoch her angepriesen hatte. Ragnar beobachtete seine Lehrmeisterin besorgt. DieFledermauswar eine Unterkunft, die dem Reisenden jeden Komfort versprach – sofern die Kleider stimmten. So war ihnen eine Nacht in der Gasse gewiss. Ragnar schauderte. Er hatte sich als Novize verdingt, um diesem Schicksal zu entgehen. Auch Mondschatten Adara verdiente ein ordentliches Bett. Der Kampf, den sie in Kyndoch ausgefochten hatten, hing ihr immer noch nach.

Aber trotz des lautstarken Hinauswurfs grinste Schatten Faisal breit, und Mondschatten Adaras Augen glitzerten im Licht der Öllampen, die den Eingang des Wirtshauses erleuchteten. Dies war keine billige Unterkunft.

Ragnar kämpfte noch mit der Dunkelheit, als Mondschatten Adara um die Hausecke verschwand. Er beeilte sich, hinterherzukommen. In den letzten Wochen hatte sie ihm einiges beigebracht; er wollte sich in dieser fremden Stadt keine Blöße geben. Schatten Faisal folgte ihnen gemessenen Schritts.

Auch der Hinterhof des Wirtshauses war mit Öllampen erleuchtet. Feuerschatten tanzten rund um eine halb geöffnete Tür. Die dicke Wirtin, die sie vor ein paar Momenten noch lautstark beschimpft hatte, watschelte eilig die Küchentreppe hinunter und umarmte Ragnars Lehrmeisterin. »Adara!« Diesmal lag alles Willkommen der Welt in ihrer Stimme. Obwohl Mondschatten Adara nicht klein war, verschwand sie in den Armen der fülligen Frau. »Und Faisal! Was hat euch aufgehalten? Ich warte schon seit Wochen auf euch! Kommt rein!«

Die Küche war beinahe so groß wie die Gaststube. Ein riesiger Kamin mit noch größerer Esse überschattete die halbe Innenwand, kleinere mit Holz befeuerte Herde standen in der Mitte des Zimmers und verbreiteten wohlige Wärme. Ein langer Tisch mit Bänken füllte den Raum zur Stube hin. Türen und zwei Anrichten besetzten die restlichen Wände.

Ragnar schlich hinter Mondschatten Adara in die Küche. Der plötzliche Wechsel im Auftreten der Wirtin verwirrte ihn.

»Was steht ihr noch rum?«, schimpfte die Wirtin. »Wascht euch!« Sie deutete auf zwei große, mit Wasser gefüllte Spülbecken und dann auf den Tisch. »Niemand soll mir nachsagen, ich ließe meine Gäste verhungern!«

Mondschatten Adara nahm die Waschgelegenheit in Anspruch und setzte sich bedächtig auf einen Stuhl, Schatten Faisal und Ragnar landeten unter den resoluten Anweisungen der Wirtin auf der Bank. Platten voller Wurst und Käse klapperten unvermittelt auf den Tisch, gefolgt von randvollen Tassen. Ragnar schnupperte an der Flüssigkeit.

»Das ist Süßmost, Junge. Selbst gekeltert. Alle meine Kinder trinken ihn, also muss er gut sein!«

Ragnar fuhr herum. Die Wirtin stand direkt hinter ihm und zwinkerte ihm zu. Ihr Blick war unerwartet scharf, und er drehte sich schnell zurück. Auf seiner Tasse prangte in heller Glasur und ungelenker Schrift der Name Maren. Schatten Faisal hatte ein Gefäß mit der Aufschrift Gerrit erhalten, und Mondschatten Adara betrachtete mit gerunzelter Stirn den Namen Sönke.

»Mach’ kein so krummes Gesicht, Adara. Amavulpus ist nicht da, und ich bin noch nicht zum Abspülen gekommen.« Die Stimme der Wirtin füllte mühelos die Küche. »Er wird sein Tässchen schon nicht vermissen. Oder möchtest du etwas für die zahlende Kundschaft?« Sie hob einen dick mit Schlamm verkrusteten Holzkrug in die Höhe. »Wir hatten heute am frühen Abend eine Schlägerei, deshalb ist es jetzt so ruhig – alle Radaubrüder schlafen im Narrenhäuschen ihren Rausch aus. Travisbert hat eine Faust mit seiner Nase aufgefangen und liegt im Bett. Allerdings bin ich ihm dankbar, denn der Schlag galt mir. Wie war eure Reise?«

Mondschatten Adara schwieg und schmierte mit äußerster Konzentration Butter auf eine dicke Scheibe Brot.

»Bestrickend ereignislos«, sagte Schatten Faisal nach einer eingelegten Zwiebel. »Es gab wenig Anlass zu übermäßiger Eile, deshalb haben wir uns Zeit gelassen.«

»Viel Zeit!« Das Entsetzen der Wirtin ließ keinen Zweifel über ihre Ehrlichkeit zu. »Ihr habt vier Wochen für eine Strecke von sechs Tagen gebraucht!«

»Deine getreue Freundin meinte, ihre Vorräte an obskuren Zutaten für noch weiter im Dunkel alchemistischer Gebräuche liegende Vorgänge und Verwandlungen erweitern zu müssen.«

Die Zeit vor Morgengrauen und die Dämmerung auf den Auwiesen ließ Schatten Faisal wohlweislich aus. Mondschatten Adara war unerträglich, wenn sie zu früh geweckt wurde. Um diese Tatsache des Lebens zu umgehen, hatten sie und Schatten Faisal ihn ganze Nächte lang um und auf die Scheunen, Dächer und Ställe der Bauernhöfe ihrer Gastgeber gejagt. Jetzt konnte er an einer schlafenden Katze vorbeischleichen, ohne sie zu wecken, und er kannte aus eigener Anschauung neun Möglichkeiten, sich bei einem Sturz durch ein schadhaftes Dach zu retten. Zur Erholung von den nächtlichen Schrecken durfte er dann im Morgengrauen den Tau von Wolfsbohnenblättern sammeln. Seine Lehrmeister verschlummerten derweil selig den Morgen, bis ihre Gastgeber mit den Vormittagsarbeiten fertig waren und sie mit dem Karren zum nächsten Hof brachten.

»Aha.« Die Bank bebte, als sich die Wirtin darauf fallen ließ. »Eifrig, eifrig. Vielleicht glaube ich euch das sogar. Faisal, stell mir den jungen Mann da vor, sei so gut.«

Schatten Faisal deutete eine tulamidische Verbeugung an. »Dieser blond beschopfte Jüngling, der in Begleitung deiner angesehenen Freundin aus dem königlichen Gareth reist, schloss sich uns in Kyndoch an, nachdem der werte Phexian Rodenmacher die Geschäfte des Tempels übernahm, hört auf den Namen Ragnar Björnesson und erweist sich als nicht allzu ungeschickter Lehrling ihrer Gewerke.«

Ragnars Ohren brannten. Für Schatten Faisal war es ein großes Lob.

Zwei wache Augen, die nicht zum sonst so schwammigen Äußeren der Wirtin passen wollten, musterten Ragnar. »Du lernst also die Geheimnisse der Alchemie?«, fragte sie neugierig.

Die Frage schien unschuldig genug, aber als er den Mund öffnete, um zuzustimmen, spürte er eine unbestimmte Falle und zögerte. Ja, nein, vielleicht – keine Antwort war die richtige. Er war ein Phex-Novize, der ein paar alchemistische Tricks lernte. Stimmte er der Alchemie zu, konnte er die nächste Frage nach dem Fachgebiet nicht beantworten. Sagte er nein, konnte er sich auch dann zur folgenden Erkundigung nicht äußern. Unvermittelt fühlte er sich wie in einem Treibsandloch am Flussufer. Jede Bewegung war falsch.

Mondschatten Adara schnaubte. »Verwirr ihn nicht, Phejanca. Der Grauling ist deine Tricks nicht gewöhnt – er war Novize bei Silberfuchs, und der war gegen Ende so geradlinig, wie es nur ging. Ragnar, darf ich dir Mondschatten Phejanca Wirt vorstellen? Benimm dich und achte auf dein Mundwerk.« Mit einem Finger fuhr sie über den Rand ihrer Tasse, die andere Hand ergänzte mit einer kurzen Geste:Vogtvikarin hier.

Vogtvikarin. Dieses Wirtshaus war der Phex-Tempel? Ragnar starrte auf sein Brettchen und überdachte das Gespräch. Hatte er irgendetwas gesagt, das die Frau ihm übel nehmen konnte? Er hielt den Kopf gesenkt und musterte sie aus den Augenwinkeln. Hochwürden Phejanca sah nicht aus wie eine Phex-Geweihte. Sie war fett, und ihr Auftreten passte eher zur Köchin in einem Wirtshaus als zur obersten Geweihten eines Tempels. Gerade schmierte sie sich ein Brot und belegte es seelenruhig mit einem halben Dutzend Schinkenscheiben. Er schielte zur anderen Seite – Mondschatten Adara beobachtete ihn mit leicht hochgezogenen Augenbrauen. Ragnar riss sich zusammen.

»Es ist mir eine Ehre, Euch kennenzulernen«, brachte er heraus.

Die Vogtvikarin schenkte ihm ein breites Lächeln; ihr rundes Gesicht strahlte wie der Vollmond. »Das war doch gar nicht so schwer, oder? Solange du es in Anspruch nehmen willst, genießt du hier Gastrecht.« Der letzte Satz hätte genauso gut aus dem Mund eines Travia-Geweihten stammen können. »Iss endlich. Ich kenne Adaras Küche – sie ist erbärmlich. Du musst Hunger haben.«

In gewisser Weise hatte sie recht. Mondschatten Adara hatte auf der Reise nicht gekocht. Aber die Bauern, die sie unterwegs aufgenommen hatten, besaßen kaum große Reichtümer jenseits ihres Rindviehs, und Ragnar hielt sich an das, was sie ihm zugestanden. Diese Portionen waren nicht immer reichlich bemessen.

Aber auch vor dieser Frau wollte er nicht unangenehm auffallen. Zögerlich nahm er sich eine Brotscheibe, aber als er sie auf sein Brettchen legen wollte, fand er dort vor lauter fertigen Stullen keinen Platz mehr. Es waren nicht irgendwelche belegten Brote, sondern mit eingelegtem Gemüse und Kräutern geschmückte Wurst- und Käsebrote, fein säuberlich zurechtgeschnitten.

»Jungs müssen viel essen«, erklärte Hochwürden Phejanca laut und nahm ihm die kahle Schnitte aus der Hand. »Ich habe sechs Söhne und einiges Gesinde in deinem Alter. Wie willst du arbeiten, wenn du vor Schwäche umfällst? Iss! Bei mir verhungert niemand!«

Der Befehl riss ihn mit. Erst nach zwei Broten bemerkte Ragnar, dass er ihn befolgt hatte. Dann war es für Verlegenheit zu spät, und das Tischgespräch drehte sich um andere Themen.

»Also hat Phexian das Rennen gemacht? Ich dachte mir schon, dass sich der Kerl nicht lange mit Rumreisen abgibt. Er hat Ambitionen.«

Mondschatten Adara nahm einen Schluck aus ihrer Tasse. »Wir werden alle ein besonderes Auge auf Kyndoch halten«, murmelte sie und gähnte. »Wenn er seine Sache ordentlich macht, könnte es sein, dass einer der größerer Tempel ihn beruft – ach, und ehe ich es vergesse …« Sie kramte in ihrer Umhängetasche und legte vier dicke Briefumschläge auf den Tisch. »Das sind die Wanderbriefe südlich und westlich von Gareth. Der Südbrief ist vor ein paar Monaten in Kyndoch kleben geblieben, der Westbrief ist offiziell unter meiner Obhut. Zusätzlich haben wir hier den Antrittsbrief des neuen Vogtvikars zu Kyndoch und natürlich unsere Empfehlungsschreiben. Es wäre mir recht, wenn ich sie nicht noch einmal selbst beantworten und siegeln muss.«

Hochwürden Phejanca nahm die Umschläge an sich. »Keine Sorge«, sagte sie gemütlich. »Einer meiner Alriks ist bald so weit, dass er das erledigen kann, falls ich ausfalle.«

Mondschatten Adara setzte sich auf. »Warum hast du keine Geweihten im Tempel?«, verlangte sie zu wissen. Alle Müdigkeit schien verschwunden. »Wo sind deine Leute hin? Was ist passiert!«

Ragnar konnte ihrem Blick nicht standhalten, Hochwürden Phejanca war härter im Nehmen. »Beruhige dich, Adara.« Ihre Worte flossen wie ruhiges Wasser durch die Küche. »Die größte Aufregung in Elenvina besteht gegenwärtig aus ein paar Novizen vom Seminar, die den Sündenpfuhl des Phex-Tempels austrocknen wollen und deshalb Prügeleien mit meinen Alriks und dem Jungvolk vom Zaun brechen. Ich wünschte mir nur einige Wochen Ruhe und Frieden, also habe ich deinen Brief zum Anlass genommen, den Nachwuchs von der Leine zu lassen. Ich nehme an, sie machen jetzt Kyndoch unsicher.«

»Du bist aufgedeckt worden«, stellte Mondschatten Adara bitter fest.

»Nein!« Hochwürden Phejancas Hand klatschte so heftig auf den Tisch, dass die Brettchen eine Handbreit in die Höhe sprangen. »Ich hatte es nur satt, jeden zweiten Tag bei den Alriks, dem Jungvolk, meinen Kindern oder irgendwelchen Unbeteiligten, die zwischen die Fronten gerieten, Platzwunden zu nähen, Arme und Fingergelenke einzurenken und Brüche zu schienen! Von blauen Flecken ganz zu schweigen! Den Phex-Tempel suchen und ans Tageslicht bringen in allen Ehren, aber das ging sogar dem Scholasticus zu weit. Er hat seine Rabauken seither nicht aus dem Tempel gelassen, und ich versichere dir, die Ruhe tut gut!«

Mondschatten Adara nippte an ihrer Tasse. »Die Inquisition weiß, wo sich der Phex-Tempel befindet.«

Die Vogtvikarin nahm es mit einem Schulterzucken hin. »Dein Praiodan war in dieser Sache äußerst hilfsbereit«, erwiderte sie. »Er hat unter seinesgleichen einen gewissen Ruf, dass er mit lichtscheuem Gesindel gut auskommt.« Sie bedachte Mondschatten Adara mit einem langen Blick. »Ich frage mich, warum.«

Diesmal zuckte Ragnars Lehrmeisterin mit einer Schulter. »Wir verstehen uns.«

Ein leises Maunzen erklang von ein paar Körben neben dem Herd. Hochwürden Phejanca sprang auf und hob ein kleines Bündel heraus.

»Bei allen …« Mondschatten Adara stand auf und ließ sich dann wieder zurückfallen. »Noch ein Kind. Warum hast du uns nichts gesagt?«

»Darf ich euch Anconia Tsamine vorstellen? Mein Zwölft.« Die Vogtvikarin präsentierte ihnen ein winziges Neugeborenes. Ein so junges Kind hatte Ragnar noch nicht gesehen. Es hatte bräunliche Haut, ein eckiges Gesicht und eine durchdringende Stimme. Hochwürden Phejanca setzte sich auf die Bank, zog den Kragen ihrer Bluse auf, entblößte eine Brust und steckte sie ihrer Tochter in den Mund. Ragnar sah ihr fasziniert zu, bis er Schatten Faisals hochgezogene Augenbraue bemerkte, und blickte hastig weg. Hitze kroch seine Ohren hoch. Trotzdem konnte er es nicht lassen und linste aus den Augenwinkeln hinüber.

»Verknote deine Augen nicht«, empfahl ihm die Vogtvikarin. »Ich bin nicht die einzige Frau auf der Welt, die keine Amme nimmt.«

»Wie alt ist sie?«, erkundigte sich Mondschatten Adara in einem Ton, der sagte, dass sie es schon wusste.

Das Kind schmatzte hastig, fast verzweifelt an der Brust seiner Mutter. »Vier Wochen?«, murmelte sie. »Erster Ingerimm … Fünf Wochen? Rechne es selbst aus.«

Adara beobachtete die beiden mit zusammengekniffenen Augen. »Und du hast ein paar Tage vor der Entbindung den Tempel geräumt. Wie leichtsinnig kann man sein?«

Die Vogtvikarin winkte ab. »Ich habe genug Akoluthen, und wir sind alle wohlauf«, versicherte sie. »Möchtest du noch etwas Süßmost?«

Schatten Faisal beugte sich vor, um das Kind anzusehen. »Anconia Tsamine«, murmelte er. »Sie ist ein schönes Kind. Aber dieser werte Name, obwohl es bestimmt schlechtere Namenspaten gibt, entspricht sicherlich nicht deiner ersten Wahl.«

Mondschatten Adara ignorierte die Kanne mit Apfelsaft. »Du bist zu stur, um deinen Wunschnamen einfach so aufzugeben. Dein Zwölft sollte einen phexgefälligen Namen tragen. Du hattest ein paar Schulden zu begleichen.« Sie lehnte sich vor. »Wohlauf, dass ich nicht lache. Wer hat dir bei der Entbindung geholfen? Eine Tsa-Geweihte? Ihr habt durch die Gnade der Götter überlebt.«

Den Blick, mit dem Mondschatten Adara Hochwürden Phejanca bedachte, kannte Ragnar zur Genüge. Er selbst knickte jedes Mal nach einem kurzen Moment ein, aber die Vogtvikarin gab nicht klein bei. Spannung knisterte zwischen den beiden Frauen.

Ragnar sah weg und musterte die Wand. Neben dem Kamin lag das Holzgitter unter dem Putz frei. In einer Ecke bröckelte die Fachung ab. Hinter der Lücke bewegte sich etwas.

Unvermittelt holte Hochwürden Phejanca Luft. »Alrik«, brüllte sie. Der Ruf ließ die Balken beben. Das Kind auf ihrem Arm jammerte, bis sie es wieder an ihre Brust drückte. Nur sein Schmatzen unterbrach die angespannte Stille, bis ein Junge mit hellem Hemd und einer alten Lederhose die Küchentreppe hinunterpolterte. »Ihr habt gerufen, Frau Wirtin?«, keuchte er.

»Alrik, mach ein Zimmer für Geselle Barent im ersten Stock fertig, und im zweiten Stock bereitest du ein Bett für Magister Faisal vor. Ragnar wird dir helfen. Für ihn kannst du im Schlafsaal eine Liege fertigmachen. Verschwindet!«

Angetrieben von der Stimme der Vogtvikarin sprang Ragnar ohne nachzudenken auf und folgte dem Jungen. Erst nachdem sie ein kühles Gästezimmer erreicht hatten, erlangte er die Kontrolle über seine Füße zurück. Alrik holte mit einer Kerze Feuer aus dem Gang und zündete den dreiarmigen Kerzenleuchter an, der auf dem Nachttisch stand.

»Barent?«, flüsterte er aufgeregt. »Ist das wirklich Adara Barent?« Er zog eine Schublade unter dem Bett hervor und warf Ragnar Bezüge und Laken zu.

Ragnar fing die Stoffpakete auf und sah den anderen Jungen überrascht an. »Warum?«

Alrik öffnete Fenster und Fensterläden. Warme Nachtluft wehte in den Raum.

»Wo kommst du her?«, fragte der andere Junge entgeistert. »Kaffhausen im Hinterkosch?« Verglichen mit Hochwürden Phejancas reicher Intonation krächzte Alrik wie eine aufgescheuchte Saatkrähe.

Ragnar half ihm dabei, das Bett zu beziehen, und hörte Alriks ungebremsten Eifer zu.

»Adara Barent aus Gareth! Sie ist berühmt! Also sag schon!«

Berühmt? So hatte Ragnar seine Lehrmeisterin nicht kennengelernt. Abgesehen von den nächtlichen Lektionen in Klettern und Einbrechen war die wichtigste Großtat der letzten Wochen, für Mondschatten Adara durch die Auwälder des Großen Flusses und über jede Flusswiese zu ziehen. Er hatte fünf Fläschchen voll Morgentau von Gräsern und Wolfsbohnen gesammelt; wie viele Kräuter, Blätter und Beeren seinem Messer zum Opfer gefallen waren, wusste er nicht mehr. Sonderlich bewundernswert kam Ragnar das nicht vor.

»Sie stammt aus Gareth«, gab er zögernd zu, »und hat in Fasar studiert.«

Schatten Faisal war Dämonologe, aber unterwegs hatte er sich einsilbig darauf beschränkt, Ragnars Fragen zu Dämonen ausweichend zu beantworten und ihm Zhayad-Zeichen, Urtulamidya und einfache Magietheorie beizubringen.