DSA 154: Scharfrichter - Dorothea Bergermann - E-Book

DSA 154: Scharfrichter E-Book

Dorothea Bergermann

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Beschreibung

Die Spur der mysteriösen Traumsteine endet in Elenvina und Adaras wichtigster Zeuge, der ausgestoßene Bannstrahler Wulf, weigert sich zu reden. Als er aus dem Inquisitionsturm entkommt, nimmt die Geweihte des Diebesgottes gemeinsam mit dem Magier Faisal und dem Novizen Ragnar seine Spur auf. Die abenteuerliche Verfolgungsjagd führt die ungleichen Gefährten bis in die dunkelsten Winkel Aventuriens, wo die Namen der Götter ungehört im Nichts verhallen: die Schattenlande.

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Seitenzahl: 484

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Biografie

Dorothea Bergermannstammt aus Niedersachsen, wuchs in Bayern auf und beschloss in Thüringen ihre Schulkarriere mit dem Abitur.

Danach studierte sie Japanologie, Geschichte und Ur- und Frühgeschichte, verbrachte ein Jahr in Japan und lebt jetzt mit Mann, Kind, Katzen und Bibliothek in der Nähe von Nürnberg. Neben der Schriftstellerei beschäftigt sie sich intensiv mit der Herstellung und Verzierung von Textilien.

Titel

Dorothea Bergermann

Scharfrichter

Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses Spiele Band 11092EPUB

Titelbild: Luisa Preißler Aventurienkarte: Ralph HlawatschLektorat: Michael Fehrenschild, Kristina Pflugmacher Buchgestaltung: Ralf Berszuck Ebook-Gestaltung: Michael Mingers

Copyright © 2014 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems.DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE,MYRANOR, RIESLAND, THARUN und UTHURIA sind eingetragene Marken der Significant GbR.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Bearbeitung, Verarbeitung, Verbreitung und Vervielfältigung des Werkes in jedweder Form, insbesondere die Vervielfältigung auf photomechanischem, elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der Ulisses Spiele GmbH, Waldems, gestattet.

Print-ISBN 978-3-86889-392-2

Widmung und Dank

Für Oliver und Felicitas

Mit Dank an Carolina Möbis, Jörg Benne, Maja Ilisch

Wintertraum

Eisiger Raureif überzog Wiese und Sträucher. In der erstarrten Luft gefror Adaras Atem in hellen Wölkchen. Herabhängende Eibenäste verbargen sie vor den Augen der Wachen fünfzig Schritt unter ihr. Fahles Mondlicht färbte das Reetdach des Wehrgehöfts grau, die kahlen Stängel der Pflanzen vor dem verriegelten Hoftor ragten wie abgenagte Knochen in die bitterkalte Nacht. Drei Menschen liefen auf der Mauerkrone hin und her, erleuchtet vom blauen Licht magischer Fackeln. Die Erbauer der Bauernburg hatten ganze Arbeit geleistet. Unbemerkt einzusteigen war unmöglich.

Adara duckte sich tiefer in den Schatten des alten Baums. Die Anlage krallte sich auf einem länglichen Felsvorsprung fest. Haupthaus und Scheunen schmiegten sich an die steile Felswand, zur Lichtung hin schützten dicke Mauern die Gebäude. Selbst an Wasser mangelte es dem Gehöft nicht. Eine Felsenquelle sprudelte in ein Wasserbecken und floss in einem schmalen Bach zur Wehr. Dort zwängte sich das Quellwasser durch eine enge Lücke in der Umfassungsmauer und verschwand im hohen Gras. Nur der schimmernde Eispanzer verriet den Lauf des Bachs. Getreu der kriegerischen Geschichte dieses Landes war das Gehöft groß genug, um dem gesamten Dorf mit allem Vieh Schutz zu bieten.

Dunkle Stille lag über der Bauernburg. Nur in einem Fenster des Haupthauses flackerten Kerzen. Unvermittelt flog die Tür auf; zwei Gestalten stolperten aus dem Haus und in das Mondlicht, eine Frau und ein kleines Mädchen. Adara erstarrte. Jana und Liadri.

Liadri klammerte sich an das Bein ihrer Tante; Jana schob das Mädchen zur Quelle. Dort hieb sie mit einem Eimer auf das Eis, bis sie Wasser schöpfen konnte. Dann gab sie Liadri den Wassereimer, sah sich vorsichtig um und schlich zur Mauer. Als die Wachen ihr den Rücken zukehrten, warf sie etwas über die Wehrmauer. Adara kniff die Augen zusammen, um besser zu sehen. Das Mondlicht blitzte auf Bart und Griff eines silbernen Schlüssels. Binnen Augenblicken vergrub er sich im hohen Gras.

»He!« Der Ruf der Wache hallte bis zu Adara hoch. Ein Mann sprang von der Mauerkrone und stellte Jana und Liadri. Er ohrfeigte Jana und das Mädchen, stieß sie ins Haus zurück und warf die Tür zu.

Die Stelle, an der der Schlüssel zu Boden gefallen war, prägte Adara sich sorgfältig ein. Die Wachen beobachteten die Lichtung scharf, verließen aber die Mauer nicht. Wie vertrauenswürdig Jana war, stand zur Diskussion. Aber die tobrische Magd hatte einiges riskiert, um ihnen den Schlüssel zuzuspielen.

Adara ballte die Faust. Ragnar und Faisal schliefen unten im Dorf. Wenn sie sich am Abend zuvor beherrscht hätte, wäre sie jetzt nicht auf sich allein gestellt. Ragnar war bei Simitris in die Lehre gegangen – aber nach dem Streit war auch er nicht bereit, ihr zu helfen.

Langsam zog sie sich vom Abhang zurück. Es konnte nicht so schwer sein, den Schlüssel zu bergen, doch Adaras Erfahrung mit der Wildnis war gering. Die falsche Dämmerung färbte den Himmel grau, als sie endlich die Wiese erreichte. Die trutzigen Mauern des Wehrgehöfts erhoben sich drei Mannslängen über ihnen. Faisal hatte recht. Ohne Heer war dieses Haus so gut wie unangreifbar.

Adara schlich durch die Bäume und zuckte bei jedem knackenden Ast zusammen wie ein unerfahrener Novize. Warum war sie Faisal so angegangen? Der Gedanke, die Praiosgeweihten um Beistand zu bitten, war naheliegend. Unvermittelt rann ihr ein eisiger Schauder über den Rücken. Ihre Hände zitterten; sie lehnte sich an einen Baum. Stille breitete sich im Wald aus. Kein Hauch störte die frostige Luft. Sie wusste ohne jeden Zweifel, dass sie dafür keine Zeit mehr hatte. Sie musste sofort handeln.

Sie atmete zittrig ein. Aus. Ihr Herz beruhigte sich widerwillig. Der erste Schritt war, diesen Schlüssel zu bergen. Danach konnte sie noch einmal in Ruhe mit Faisal reden. Sie kniete sich hin und kroch über das knirschende Laub auf die Lichtung zu. Das Gebüsch, das sich an dieser Stelle auf die Wiese herauswagte, bot ihr Deckung.

Eine eisige Böe raschelte in den Baumkronen. Adara rannte über die freie Fläche und duckte sich hinter die kahlen Äste des Gestrüpps. Eine schwarze Linie im reifüberzogenen Gras verriet ihren Weg. Adara fluchte. Gassen und Dächer in Städten waren nicht halb so anspruchsvoll.

Mit diesem unübersehbaren Hinweis auf ihre Anwesenheit konnte sie sich nicht lange aufhalten. Sie wartete, bis die rechte Wache sich von ihr wegbewegte, hielt das Gebüsch zwischen sich und dem linken Wachmann und huschte vor. Die Haare in ihrem Nacken stellten sich auf. Unter der brüchigen Eisschicht gurgelte der Bach. Eile war geboten.

Das blanke Metall blitzte im grauen Licht der Vordämmerung. Adara hechtete über den Bach, schnappte sich den Schlüssel und wandte sich zur Flucht. Sobald die erste Wache sich umdrehte, war sie aufgeflogen.

Eisige Kälte kroch in ihre Hand, den Arm hinauf und lähmte ihre Schulter. Ihre Beine knickten ein. Langsam und beschaulich fiel das Eis des Baches auf sie zu. Adara versuchte, ihre Hand zu öffnen, doch ihre Finger versagten ihr den Dienst. Sie hatte ihr Unbehagen falsch interpretiert. Der Schlüssel war verflucht. Jana hatte sie verraten.

Ein grauer Nebel aus Schmerz verschlang die Welt. Orientierungslos stolperte Adara über die Wiese. Rufe ertranken im rauschenden Meer ihrer Ohren. Sie stürzte. Selbst das eisüberzogene Gras war wärmer als der dämonische Schlüssel. Sie konnte sich nicht mehr rühren. Nur ihre Zähne schlugen endlos aufeinander.

Jemand drehte sie auf den Rücken. Ein Gesicht hing über ihr. Wulf. Er bedachte sie mit einem hoheitsvollen Nicken. »›Die Schreckschraube ist neugierig wie eine Katze. Wirf ihr etwas hin, und sie wird es sich holen.‹«, zitierte er. »Wie schön, dass Sie uns in die Falle gegangen ist.«

Er entwand ihr den Schlüssel. Adara schlotterte. In gewisser Weise war sie ihm dankbar.

Wulf steckte den Schlüssel weg. »Das brauche ich noch. Danke, dass Sie mir die Arbeit erspart hat, danach zu suchen.« Er schnippte mit den Fingern. »Sperrt sie in den Außenschuppen. Ich will nicht, dass sie sich befreit und unbeaufsichtigt auf dem Hof herumschleicht. Zwei Wachen, und wehe, einer von euch schläft. Das Weib ist mit allen Wassern gewaschen.«

Er deutete auf ein dunkles Gebäude an der Außenseite der Wehrmauer. Zwei Männer packten Adara an den Armen und schleiften sie darauf zu. Sie konnte sich nicht gefangen nehmen lassen. Das Dorf musste gewarnt werden. Sie nahm alle Kraft zusammen, wand sich aus dem Griff der Wachen und floh. Plötzlich hielt sie eine Mauer auf. Die Präsenz eines Dämons lag dick und schwer auf ihr. Adara taumelte, versuchte sich abzustoßen. Das Miasma raubte ihr jegliche Kraft, und sie torkelte wieder gegen die Mauer. Das hämische Lachen der Dämonen folgte ihr in die Ohnmacht.

Adara Barent an den Vogtvikar des Tempels der Sterne zu Gareth, geschrieben in Elenvina am neunzehnten Tag des Rondramonds.

Im Namen Phexens und des Geschäfts.

Bezüglich Eures Schreibens vom vierten Praios dieses Jahres möchte ich Euch bitten, Eure Position zu überdenken. Wie ich in Kyndoch erfahren habe, entsandte die dortige Gemeinde die Akoluthin Travina Hausmacher gen Gareth zum Tempel von Handel und Wandel. Hintergrund von Schatten Travinas Reise war das merkwürdige Benehmen des Kyndocher Tempelvorstehers Phecaden Silberfuchs, gekennzeichnet durch den Verfall des Phextempels und die Vernachlässigung seiner seelsorgerischen und politischen Pflichten.

Nach eingehenden Beratungen mit Schatten Travina, von deren Inhalt ich umfassend Kenntnis erlangt habe, tratet Ihr an mich und meinen Akoluthen, Schatten Faisal Ibn Ahmed, heran. Ihr batet uns, den westlichen Wanderbrief über Angbar und Kyndoch nach Elenvina zu begleiten. Da dies eine klare Abweichung von unserer geplanten Reiseroute von Gareth über Punin nach Fasar darstellte, gehe ich von einem stillschweigend erteilten Auftrag zur Beseitigung der Missstände in Kyndoch von Eurer Seite aus.

Wie schon im letzten Brief angesprochen fanden wir den Tempel in Kyndoch in beklagenswertem Zustand vor. Vogtvikar Silberfuchs war nur bedingt ansprechbar; der örtliche Apotheker verabreichte ihm ein als Mittel gegen Rosenfieber getarntes Rauschgift. Es handelt sich hierbei meiner Analyse nach um den sogenannten Regenbogenstaub, eine hochgradig abhängig machende Substanz, die bei so gut wie allen Anwendern zum Tod führt. Besagter Apotheker erwies sich als Dämonenpaktierer und weilt nun nicht mehr unter den Lebenden. Vogtvikar Silberfuchs selbst kam im Kampf mit dem Dämonenbündler um. Die posthume öffentliche Verurteilung des Paktierers erfolgte durch Seine Gnaden Inquisitor Praiodan, Geweihter des Praios.

Für die Aufrechterhaltung der Tempeldienste, die Renovierung und notwendige Neuausstattung des Kyndocher Tempels in Eurem Auftrag berechne ich Euch anhand der beiliegenden Aufstellung 378 Dukaten, 8 Silbertaler, 3 Heller und 7 Kreuzer.

Ich erwarte, dass Ihr den fehlenden Gesamtbetrag, der ohne Euren Auftrag nicht aufgekommen wäre, unverzüglich meinen in Eurem Hause verwalteten Konten zuschreibt und sie entsprechend der bestehenden Vereinbarungen verzinst.

Davon unberührt bleibt die Forderung über 681 Dukaten für meine und Schatten Faisals Dienste als Exorzisten, namentlich die Verfolgung dämonischer Umtriebe, die Vernichtung dämonischer Artefakte und die Beseitigung des Dämonenpaktierers in Kyndoch samt seiner Helfer und Helfershelfer.

Sollten wir in dieser Angelegenheit nicht übereinkommen, so sehe ich mich gezwungen, für weitere Unternehmungen in Eurem Interesse auf deutlich formulierte Aufträge und einer entsprechenden im Voraus übermittelten Anzahlung zu bestehen.

In meiner Hand und unter Phexens Siegel,

Adara Barent

Elenvina im Herbst

Auf dem Marktplatz von Elenvina herrschte reges Treiben. Bürger, Tagelöhner und die Diener der höheren Gesellschaft drängten sich durch die engen Budengassen. Hier und da blitzten die weiß-rot-goldenen Roben der Praiosgeweihten und ihrer Novizen im Gedränge auf. Hoch über dem Markt strahlte die Kuppel der Wehrhalle im Licht der Mittagssonne. Der frische Herbstwind trieb die Sommerhitze aus der Herzogsstadt. Adara schwang sich auf ihren Krücken durch die Menschenmenge. Sie erreichte den Praiostempel, als der Gong die Menschen zum Mittagsgottesdienst rief.

Pilger, Gläubige und die Leute, die am rechten Ort gesehen werden wollten, drängten sich durch die bronzenen Tempel­tore. Adara folgte ihnen gemächlich und setzte sich entgegen aller Tradition und Regel auf die Treppe zur Chorempore.

Langsam erstarb das Stimmengewirr im Tempel. Nach einem Moment andächtiger Stille stimmte der Chor eine liebliche Melodie an, die sich zu einer überaus komplexen Musik auswuchs. Adara verlor bald den Bezug zum Klanggebilde. Es war schön, mächtig, berauschend und überkandidelt. Sie fragte sich, was die Praiosgeweihten sich beweisen mussten, wenn sie jede Mittagsandacht mit einem so hohen Gebot eröffneten.

»Du scheinst nicht bei der Sache.«

Adara drehte sich irritiert um. Sie hatte keine Schritte gehört. Hinter ihr stand Praiodan. Dem Inquisitor gelang es in der letzten Zeit zu oft, sie zu überraschen. »Ich warte auf dich. Wollte ich alle Gottesdienste besuchen, käme ich nicht mehr zum Essen. Oder zum Schlafen. Ich bin zuversichtlich, dass dein Herr das versteht.«

»Zwölf Götter sind zu viele?« Er grinste. »Ich bin entsetzt über deine lästerliche Rede. Was führt dich her?«

Sie senkte ihre Stimme. »Wulf.«

Praiodans vergnügtes Lächeln schwand. »Das sollten wir nicht hier besprechen.« Er hielt ihr die Hand hin und half ihr auf. Adara klemmte ihre Krücken unter die Arme, und als der Zelebrant seine Gemeinde begrüßte, verließen sie den Tempel.

An einem Marktstand kaufte Praiodan zwei Wurstbrötchen von einem verschüchterten Lehrling, der sich weigerte, von dem »Hohen Herrn« Geld anzunehmen. Aber der Praiosgeweihte war hartnäckig. Die Münzen wanderten, ein großzügiges Trinkgeld inklusive, in die Kasse des Markthändlers.

Adara schüttelte den Kopf. »Du bist zu nett für diese Welt.«

»Ich nehme keine Geschenke an, auf die ich nicht angewiesen bin. Wenn ich wirklich etwas zu essen bräuchte, müsste ich mich nur ins Refektorium begeben und um eine Mahlzeit bitten.«

Er führte sie zu einer verlassenen Bank mit Blick auf den Hafen. Mit Ausnahme einiger unglücklicher Lehrlinge und Knechte befand sich ganz Elenvina zum Gottesdienst in der Wehrhalle.

»Ich gehe davon aus, dass du nichts aus Wulf herausbekommen hast«, eröffnete Adara die Diskussion. »Keine Kontakte, keine Namen, keine Rezepte und keine Gründe für sein Handeln.«

Praiodan reichte ihr ein Brötchen. »Nein. Er schweigt wie ein Stein.«

»Dass du ihn in zwei Monden nicht zum Reden bringst, wundert mich.« Die Wurst entsprach nicht den Standards, die Phejanca in ihrem Gasthaus setzte. Adara kaute sie mühsam.

»Eine hochnotpeinliche Befragung steht zur Diskussion.« Praiodans Tonfall war sorgfältig neutral.

Sie legte ihr Brötchen auf die Bank. »Er wird euch nur das erzählen, von dem er glaubt, dass ihr es hören wollt. Kein unter Folter erpresstes Geständnis war jemals ehrlich. Ich nehme nicht an, dass dein Herr sich über solche Sachen mehr freut als meiner.«

»Es gibt Stimmen in der Wehrhalle, die eure Methoden als ebenso vermessen ansehen wie die der Geißler.« Er nahm sein Brötchen und zerkrümelte es zur Freude der Vögel. Möwen, Spatzen und Tauben balgten sich zu seinen Füßen um die Krumen. »Richter und Henker in einer Person, das ist nur den Göttern selbst vorbehalten.«

»Also erpresst man mit Folter ein Geständnis und verfährt dann nach der Gerichtsordnung. Großartig.« Auch Adara zerteilte ihr Brot und warf es in Richtung Fluss. Tauben und Möwen vertrieben die Spatzen, um sich leichter bekämpfen zu können. »Das ist so viel besser als unsere Methoden. Wir schnüffeln rum, bis sich der Schuldige verrät und wir genug Hinweise haben, um ihn vor eines eurer Gerichte zu bringen. Oder ihn zu Boron zu schicken, wenn er ein Paktierer ist und dadurch sein Leben verwirkt hat.«

Praiodan antwortete nicht. Zu ihren Füßen balgten sich die Vögel. Der Inquisitor warf die Reste seines Essens in die Menge. »Hast du einen anderen Vorschlag?«

Adara zuckte mit den Schultern. Praiodan hatte einen Hang dazu, einmal erworbene Dinge nicht wieder herzugeben. »Ich würde ihn laufen lassen.«

»Wie bitte?« Er drehte sich so heftig zu ihr um, dass ihre Krücken zu Boden krachten. Tauben und Möwen stoben in die Höhe. »Freilassen? Einfach so?«

Sie grinste. Abenteuerlustige Spatzen nutzten die Flucht der anderen Parteien, um sich ihren Anteil an der Beute zu holen. »Nicht einfach nur so. Ein solches Unternehmen muss gut vorbereitet werden. Zuerst machst du Wulf die Flucht schmackhaft. Er braucht einen Grund, um zu rennen wie ein Hase. Droh ihm Folter an. Öffentliche Auspeitschung, nackt am Schandpfahl für zwei Wochen, ein Todesurteil. Hauptsache, er glaubt es und will fliehen.« Die Möwen hatten sich von ihrem Schrecken erholt und stürzten sich auf die Wurstreste.

»Anschließend sorgst du dafür, dass er entkommen kann.« Adara setzte ein unehrliches, strahlendes Lächeln auf. »Natürlich muss er auf ausreichend Widerstand treffen, dass es glaubhaft ist. Und danach verfolgen wir ihn. Mit etwas Abstand, damit er sich immer wieder unbeobachtet fühlt, aber nahe genug, um ihn aufzuscheuchen, sobald er zur Ruhe kommt.« Je weiter sie die Idee ausspann, desto besser gefiel sie ihr. »Irgendwann zieht er sich an einen Ort zurück, an dem er sich unangreifbar wähnt. Dort findest du seine wichtigsten Unterstützer. Und genau an diesem Fleck nimmst du ihn und seine Helfershelfer fest und schleifst ihn vor dein geliebtes öffentliches Gericht. Wenn du durch seinen Weg nicht alles über ihn erfährst, das du je wissen wolltest, solltest du dir überlegen, ob du dich noch einen Geweihten des Praios nennen darfst.«

Praiodan schloss seinen Mund mit Mühe. Zu seinen Füßen nahmen Möwen und Tauben ihren Kampf wieder auf. »Wulf hat dir das Bein gebrochen«, sagte er heiser. »Dämonisch vergiftetes Rauschgift an der Tempelschule verteilt, einem Magus in einen Minderpakt getrieben und dich und Faisal obendrein noch ein zweites Mal tätlich angegriffen. Und du willst ihn auf freien Fuß setzen?«

Die Sache machte Spaß. »Du hast selbst gesagt, dass er nicht redet. Also lass ihn durch Taten sprechen. Die Menschen sind ehrlicher, wenn sie sich unbeobachtet glauben.«

»Du bist verrückt.« Es war eine Feststellung.

Adara zuckte mit den Schultern. »Ich diene Phex. Viele meinen, die Aussagen seien austauschbar.«

»Wie willst du dafür sorgen, dass du ihn wiederfindest?«

»Wulf ist ein stattliches Mannsbild. Selbst wenn er sich in Sackleinen kleidet, werden die Frauen ihn beschreiben können.« Zu ihren Füßen drängten die Tauben die Möwen zurück und zankten sich untereinander um das teigige Strandgut.

»Das reicht mir nicht«, erklärte Praiodan. »Ich lasse ihn nur laufen, wenn«, er stieß ihr mit dem Zeigefinger auf die Brust und erwischte ihr Phexamulett, das sie unter dem Hemd trug, »wenndu eine Möglichkeit hast, dass du ihn auf jeden Fall und egal wo er sich versteckt, auffindest. Ich werde diesen Frevler auf keinen Fall auf gut Glück aus meinem Gewahrsam entlassen. Dafür ist er viel zu gefährlich.«

Weihrauch hing wie Nebel im Heiligtum des Phextempels. Adara schloss leise die Tür, verbeugte sich vor der großen Fuchsstatue und der darüber schwebenden Mondscheibe und humpelte zum Altar. Sie lehnte sich mit einem Arm auf den Opfertisch und vertraute ihre Krücken der Fuchsstatue an. Nach über sechs Wochen blieben ihre Gehhilfen an der richtigen Stelle stehen und unternahmen keinen Ausflug gen Boden.

Adara konnte es nicht erwarten, die Schiene loszuwerden. Sie trug Wulf ihr gebrochenes Bein nicht nach; sie hatte die Situation falsch eingeschätzt und musste mit den Konsequenzen leben. Schwerer wog, dass der ehemalige Praiosakoluth auf einem Vorrat gefährlichen Rauschgifts saß und beharrlich schwieg, woher er die Kristalle bezog, und wie sie hergestellt wurden.

Mit der freien Hand zog sie eine Weihrauchschale zu sich heran. Hinter ihr raschelte etwas; die leisen Schritte ihrer Weihschwester flüsterten auf dem Boden. Adara ignorierte sie. Mit Phejanca konnte sie sich später auseinandersetzen. Vorsichtig pustete sie auf die Kohlen in der Schale. Die feine Asche wirbelte auf und gab rote Glut frei. Bedächtig streute sie das Balsamharz auf die Kohlen. Es dauerte nicht lange, bis sich eine frische Weihrauchspirale mit dem Nebel im Heiligtum vermischte. Adara legte ihre Hände ineinander und suchte ihren Herrn.

Schweigend unterbreitete sie Phex ihren Plan. Wulf freizulassen. Ihm in gebührendem Abstand zu folgen und alle Spuren seiner Traumsteine zu tilgen. Ihn anschließend dingfest zu machen und ihn einem geeigneten Richter zu überstellen.

Der Blick der Fuchsstatuette war mit Rätseln beladen. Ihr Angebot ging nicht weit genug. Nicht nur die Kristalle selbst, auch die Rezepturen für das dämonische Rauschgift mussten verschwinden. Schon die Arbeit der Alchemisten, die diese Rezepte anwandten, war ein Frevel wider alle Götter. Kein entsprechendes Buch, keine Notiz durfte auf der Götter Erdboden verbleiben.

Adara wiegte den Kopf. Reichte es nicht, die Traumsteine zu vernichten und die Rezepte in eine der geschlossenen Bibliotheken zu bringen? Den Giftschrank von Fasar? Die Bleikammern unter der Stadt des Lichts? Jemand musste das Wissen um die Methoden der abtrünnigen Alchemisten hüten, damit man ihr Werk zu anderer Gelegenheit erkennen und ihnen leichter das Handwerk legen konnte.

Die Juwelenaugen des Fuchses zeigten kein Einlenken. Phex würde sie nicht bei einer halbherzigen Unternehmung unterstützen.

Adara senkte den Kopf. Ohne den Segen ihres Herrn wollte sie diese Sache nicht angehen. Wenn sie dafür alle Unterlagen verbrennen musste, sollte es so sein. Sie verbeugte sich und warf einen Kreuzer in die Opferschale, um den Handel zu besiegeln. »Wir haben eine Abmachung«, murmelte sie.

»Was hast du vor?« Phejanca stand neben ihr.

Adara hielt sich am Altar fest, drehte sich zu ihrer Weihschwester um und hob die Augenbrauen. »Was meinst du?«

Phejanca strahlte sie mit ihrem runden Mondgesicht an. »Du opferst nur dann einen einzelnen Kreuzer, wenn du etwas Großes planst und ein Symbol brauchst?« Sie half Adara zu der kleinen Sitzecke im Heiligtum.

Bedächtig schob Phejanca ihren eigenen Stuhl zurecht. Das Möbel ächzte, als sie sich niederließ. Theatralisch zwickte sie sich in die Nase. »Nein, sag mir nichts. Ich sehe, ich sehe ...« Sie wedelte mit der freien Hand in der Luft herum wie ein Wahrsager. »Du willst Praiodan zu etwas überreden.« Es gab keine weichere Stimme als Phejancas, wenn sie es darauf anlegte. »Weißt du, du könntest ihn einfach bitten. Er mag dich.«

Adara zuckte mit den Schultern. »Dich mag er auch. Eine Frau mit deinen Qualitäten könnte ihm ganz leicht um den nicht vorhandenen Bart gehen.«

»Du meinst, ich muss ihn nur mit einer kleinen Flasche unverschnittenem Trollinger anfüttern und andeuten, dass es bei mir noch mehr zu holen gibt?« Phejanca hob die Augenbrauen. »Einen Praiosgeweihten mit Wein bestechen. Wie outriert. Warum kaufst du dir nicht einen eigenen Weinberg und lässt dich nieder?«

Adaras Mundwinkel zuckten. Phejanca bearbeitete ihr Lieblingsthema immer wieder. »Wie will ich meiner Arbeit nachgehen? Liebe Dämonen, kommt zu mir, wenn ihr es überdrüssig seid, auf Dere Unheil anzurichten, und ich gebe euch einen Termin für den Bannspruch, sobald ich mit dem Vertragswerk fertig bin? Ein Tempel unter meiner Verwaltung wäre eine Katastrophe: Ich bin nie daheim, und die Gemeinde ist vernachlässigt. Ich muss reisen können.«

Phejanca spießte Adara mit einem dicken Zeigefinger auf. »Du missachtest die Macht, die dir eine eigene Gemeinde einbringt.«

Adara zuckte mit den Schultern. »Ich bin für das sesshafte Leben nicht geeignet. Du bist die Fernhändlerin. Agenten in allen Ecken Aventuriens, und du setzt keinen Fuß aus Elenvina heraus.«

Phejanca lächelte gelassen. »Ich verlasse meinen Tempel doch nicht, um mir ein paar Ballen Seide zu kaufen. Die können die Leute mir gerne schicken.«

»Und was machst du, wenn die Schiffe nicht mehr hier ankommen?« Adara kratzte einen Wachsflecken von der Tischplatte. »Das Geschäftsrisiko wird nicht kleiner. Du kaufst auf jeden Fall die Katze im Sack.«

Phejanca lehnte sich zurück und verschränkte die Hände vor dem Bauch. »Meine Schiffe gehen nicht verloren«, erklärte sie selbstgefällig.

Adara kniff die Augen zusammen. »Ist das ein Talent, oder kann man das lernen?«

Sie erntete einen äußerst scharfen Blick. Phejancas gesenkte Augenlider hatten nichts mit gelassener Gemütlichkeit zu tun. »Nein. Du denkst nicht wie ein Händler.«

Adara hob eine Augenbraue. »Ich dachte, wir verhandeln gerade. Du bringst mir bei, eine Person zu finden. Wie sehen die Kosten aus?«

Phejanca verschränkte die Arme. »Geh zu Faisal. Der ist der Magier hier.«

»Er ist Dämonologe.« Adara schob die Wachsreste zusammen. »Mit solchen Zaubern kennt er sich nicht aus. Du hast gerade zugegeben, dass deine Schiffe nicht abhandenkommen. Also solltest du auch einen Weg kennen, Leute wiederzufinden.«

Phejancas unbeteiligtes Schulterzucken war nicht überzeugend. »Frag rum. Wenn jemand deinen Menschen gesehen hat, werden dir die Antworten zufliegen, wenn der Preis stimmt.«

Adara rutschte auf ihrem Stuhl nach vorne. Ihr geschientes Bein juckte zum Göttererbarmen. »Mir geht es nicht um weltliche Nachforschungen.«

»Oh.« Phejanca beugte sich zur Seite und klopfte gegen das Stuhlbein. »Eiderdaus. Nun habe ich doch tatsächlich meine Kristallkugel verlegt. Auf dem Marktplatz gibt es bestimmt einen Hellseher, der dir helfen kann.«

»Treibe keinen Scherz mit den Gaben, die die Götter dir gegeben haben.« Adaras Faust traf den Tisch so heftig, dass der Kerzenleuchter schwankte. »Ich brauche deine Hilfe dabei, einen einzelnen Mann zu finden«, hauchte sie. »Unabhängig davon, wo wir uns aufhalten. Du musst mir die Liturgie nicht beibringen. Aber ich bitte dich darum, sie für mich zu sprechen.«

»Ich kenne kein Gebet, in dessen Folge die Götter ihren Dienern verraten, wo sich eine bestimmte Person aufhält.« Jede Verspieltheit verschwand aus Phejancas Stimme. »Die Götter stehen uns bei, aber sie begehen nicht für Kleinigkeiten Verrat.« Sie schob ihren Stuhl zurück. »Dennoch gibt Phex uns die Möglichkeit, sicherzustellen, dass unsere Waren ihren Bestimmungsort erreichen. Damit einher geht die Verpflichtung, dieses Privileg zu nutzen, um den Vertrag mit dem Geschäftspartner zu erfüllen. Bis auf den letzten Kreuzer.«

Sie holte Adaras Weihrauchschale vom Altar und stellte sie in die Mitte des Tischs. Die Kohlen glommen auf, und der feine Rauch hinterließ eine schmale, helle Spur in der dämmrigen Luft des Kellers.

»Ich nehme an, dass du Praiodan dazu überreden willst, Wulf auf freien Fuß zu setzen. Und dass der Herr Inquisitor sich weigert, ihn aus den Augen zu lassen. Nun, wenn unser Herr Phex dir bei diesem Unternehmen helfen soll, dann bist du an diesen Handel gebunden, bis alle Bedingungen erfüllt sind, selbst wenn es Jahre dauert und Wulf ins Güldenland flieht. Das schränkt deine heiß geliebte Freiheit stärker ein als ein eigener Tempel. Denk darüber nach.«

Adara drückte die Hände auf ihre brennenden Wangen. Phejanca kannte sie einfach zu gut.

Verabredungen

Am nächsten Nachmittag lud Phejanca zum Tee. Der neunarmige Leuchter auf dem runden Tisch im Heiligtum warf sanftes Licht auf drei silberne Gedecke. Ein frischer Birnenkuchen verbreitete seinen Duft im Zentrum des Tempels.

Phejanca breitete die Arme aus und zeichnete einen Segen in die kühle Luft. »Im Namen Phexens und Travias. Lasst es euch schmecken.« Sie goss Tee ein und reichte Adara und Faisal die Kuchenstücke. »Ich habe über dein Problem nachgedacht, Adara. Wenn dein Inquisitor Praiodan vor Wulf die Waffen streckt, solltest du die Taktik wechseln.«

»Was schwebt dir vor?«, erkundigte Adara sich misstrauisch. »Ihn mit Kuchen füttern, bis er nicht mehr kann?«

Phejanca zog den Halsausschnitt ihrer Bluse hinunter und entblößte ihr mächtiges Dekolleté. »Oh, Wulf, ich habe meine große Liebe für dich entdeckt«, schnurrte sie. »Nimm mich und erzähl mir alles aus deinem Leben.«

Adara verschluckte sich; Faisal lachte herzhaft und schlug ihr auf den Rücken. »Jetzt wirst du unanständig«, keuchte Adara nach dem Hustenanfall. »Außerdem fehlt mir dafür das Holz vor der Hütte.«

Phejanca lächelte gnädig. Mildes Unverständnis füllte ihre gesamte Haltung. »Du unterschätzt dich. Ganze Heerscharen von Männern würden sich vor deine Füße werfen, wenn du ihnen nur die kleinste Andeutung gäbst, dass du auf der Suche bist. Gründe einen Tempel und lass dich nieder. Du wärst überrascht, wie viele Leute ...«

Genervt hieb Adara mit der Faust auf den Tisch. Der Kerzenleuchter schwankte. »Ich kenne deine Ansichten! Das Thema ist Wulf! Und wie wir an seine Informationen kommen!«

»Geh nach Tobrien«, fuhr Phejanca ungerührt fort. »Sein Vater hielt dort ein Lehen, bevor die Heptarchen sich das Land unter den Nagel gerissen haben. Bei der Gelegenheit beförderten sie Wulf gleich vom fünften Sohn zum Erben. Wenn du die Sache entsprechend aufrollst, könnten sich dir interessante Möglichkeiten eröffnen. Ich bin zuversichtlich, dass die Praiosgeweihten Wulf weichklopfen werden. Es dauert nur eine Weile. Irgendwann redet jeder. Solange kannst du ja Nachforschungen anstellen.«

»Es ist ja so sinnvoll für mich, in die Schwarzen Lande zu reisen«, knurrte Adara. »Da sind wir erst vor einem halben Jahr hergekommen. Ich beabsichtige nicht, das Erlebnis zu wiederholen!«

Phejanca spreizte ihre Hand. »Dann kennst du dich dort ausgezeichnet aus. Wer, denkst du, kann dir mehr über deinen lieben Wulf erzählen als die Leute, bei denen er aufgewachsen ist?«

Adara zählte still bis neun. Sie wollte sich nicht von ihrer Weihschwester provozieren lassen. »Diese Menschen kennen ihn als den fünften Sohn ihres Herrn, der in jungen Jahren zum Orden des Bannstrahls Praios ging und nicht wieder zurückgekommen ist.« Auf ihre gefasste Stimme war sie stolz. »Es war aber erst nach dieser Zeit, dass Wulf auf dumme Gedanken kam und sein Geschäft mit diesen Traumsteinen aufgebaut hat. Du kannst mir sicher sagen, wie lange so etwas dauert. Weshalb sollte ich mich also mit den Tobriern abgeben? Auf Auraleth müsste es Dutzende Hinweise geben – nur, da ist nichts. Sonst hätte Aureolus es uns schon triumphierend aufgetischt. Er liebt es, meine Nase in der Tatsache zu reiben, dass er mehr Informationen aus seinen Geißlern herausholen kann als ich!«

Phejanca tupfte die Krümel ihres Kuchens vom Teller. Ihr Schweigen war Einwand genug.

Faisal nahm sich ein zweites Stück und zerteilte es mit seinem Messer in kleine Teile. »Mit dem eigentlichen Grund unserer Zusammenkunft hat diese interessante Diskussion leider nur wenig zu tun«, stellte er fest. »Der schimmernde Stern am Abendhimmel benötigt eine Möglichkeit, sein Ziel zu finden. Welche Bedingungen müssen wir erfüllen, um uns eines solchen Gefallens würdig zu erweisen?«

»Ihr solltet ihn nicht brauchen, Faisal.« Phejanca hob eine Augenbraue. »Jede Liturgie, in der du die Götter um ihre Hilfe bittest, ist ein Eingeständnis, dass du es alleine nicht schaffst. Überdies erfordert ein entsprechender Gottesdienst eine volle Besetzung am Altar und die gesamte Gemeinde.«

Adara schüttelte den Kopf. »Deine Neigung zu übergroßen Feierlichkeiten ist weithin bekannt. Es gibt keinen Gottesdienst, aus dem du kein großes Ereignis machst. Selbst wenn es ein konzentriertes Gebet täte, baust du es zu einer stundenlangen Zeremonie aus. Aber ohne deine Hilfe bleiben Wulfs Verbindungen und Lieferanten im Dunkeln.« Sie erwiderte Phejancas liebliches Lächeln und erhöhte das Gebot. »Dann können wir mit angehaltenem Atem darauf warten, dass der nächste Vogtvikar an einer zu hoch dosierten Menge Regenbogenstaub mit dämonischen Eigenschaften stirbt, weil Wulfs Traumsteine herangezogen wurden, um die teuersten Zutaten zu ersetzen. Oder, vielleicht ist das sogar ärgerlicher, wenn besagter Tempelvorstand wie Phecaden Silberfuchs von Kyndoch als Marionette eines Paktierers endet und über Jahre hin nicht draufgeht, sondern im Sinne der Dämonen Unheil stiftet. Die paar Novizen an den Seminaren, die von dem Zeug verdorben werden, sind ja auch nicht so wichtig. Persönliche Skrupel über die Anwendung einer mehr oder weniger geheimen Liturgie gehen jederzeit vor.«

Phejanca legte den Kuchen zurück. »Verwende nicht meine eigene Überzeugung gegen mich«, säuselte sie. »Liturgien dienen dazu, den Menschen die Kraft der Götter nahezubringen, ihren Glauben zu stärken und ihren Seelen einen Weg nach Alveran zu weisen. Dies ordnet die Welt im Sinne der Zwölfe und reicht deutlich weiter als ein in der Dunkelheit und ohne Zeugen geflüstertes Gebet, dessen Inhalt man ganz einfach mit ›hilf mir den Kerl zu verfolgen und ich gebe dir die zehn Prozent der Beute, die dir sowieso zustehen, etwas früher‹ zusammenfassen kann.«

»Wann habe ich denn verlangt, dass du die Liturgie im dunklen Kämmerchen runterleierst?«, erkundigte Adara sich. Langsam machte die Sache ihr Spaß. »Ein intensives Gebet im kleinen Kreis ist stimmungsvoller als ein Volksauflauf.«

Phejanca schob ihre Tasse zurecht. »Ich halte das Ganze für eine schlechte Idee, Adara. Ich kenne deine Methoden. Du verstehst dein Geschäft und wirst Wulf fangen. Daran zweifle ich nicht. Aber es wird dich einiges kosten.«

Manchmal hatte Phejanca Eingebungen. »Kläre mich auf, große Schwester. Was hast du gesehen?«

»Wenn es eine Vision wäre, könnte ich sie dir beschreiben.« Phejanca spreizte die Finger. »So kann ich dir nur das übliche Geschwätz vom Jahrmarkt anbieten. Viele Veränderungen, große Opfer, unerwartete Belohnungen. Ich habe nur den Eindruck, dass du mit dem Ergebnis deiner Reise nicht zufrieden sein wirst.«

»Also nichts Greifbares.« Adara nippte an ihrem Tee. »Ich muss erfahren, was Wulf mir zu zeigen hat. Wenn ich unglücklich bin, weil ich seine Alchemisten gefunden habe, so ist das bedauerlich. Aber ich habe eine Verpflichtung gegenüber allen, die ohne mein Eingreifen den Traumsteinen erliegen würden.« Phejanca nickte widerwillig. Es war Zeit, ihr ein Angebot zu unterbreiten. Adara nippte an ihrem Tee. »Habe ich schon erwähnt, dass ich jemanden suche, der mein Vermögen verwaltet?«

Phejanca lehnte sich zurück. »Oh?«

»Der gegenwärtige Vogtvikar von Gareth und ich hegen unterschiedliche Ansichten über Aufträge und meine angemessene Bezahlung. Ich erachte es für ungünstig, meine Konten bei einem Tempel zu halten, den ich im Zweifel vor ein Schiedsgericht bringen muss.«

»Welcher Streitwert?« Phejanca kam sofort zur Sache.

»In einem Fall beläuft es sich auf ein paar hundert Dukaten«, murmelte Adara. Ihre Weihschwester wollte behutsam angefüttert werden. »Zusätzlich zu den fünf anderen Streitigkeiten und den Materialwert der zum Exorzismus notwendigen Gegenstände ...«

Phejancas Augen glänzten. »Zwanzig Prozent.«

Adara setzte sich auf. »Verwalten, sagte ich, nicht schlachten und ausbluten. Fünf Prozent des Jahreszugewinns.«

Eine gute Stunde später setzten Adara und Phejanca ihre Unterschrift unter den Vertrag, den Faisal ausgeschrieben hatte.

»Neun Prozent vom Gewinn«, murmelte Phejanca zufrieden. »Damit kann ich arbeiten. Bring mir morgen früh einen Gegenstand, den Wulf immer bei sich tragen wird. Oder besinne dich und finde einen besseren Weg, die Geheimnisse dieses Geißlers aufzudecken. Frag deine Kollegen beim Bund des roten Salamanders nach bekannten Rauschgiftköchen. Irgendjemand muss den Wolf aus der Unterstadt doch kennen. Möglichkeiten hast du mehr als genug.«

Adara verbiss sich eine passende Bemerkung. »Lenk nicht ab. Stell dich auf Wulfs Praiosamulett ein. Er legt es nie ab.«

»Dann wünsche ich dir viel Spaß bei dem Versuch, ihn davon zu trennen. Schick mir Praiodan mit dem Amulett vorbei – er bekommt für seine Unterstützung am Altar auch eine Flasche Trollinger aus meiner Kelterei. Dazu brauche ich Faisal und Ragnar.«

Die Zusammenstellung war ungewöhnlich. »Warum Praiodan?«

»Er hat eine wichtige Aufgabe. Hör auf, nach Informationen zu fischen, Adara. Du wirst es früh genug erfahren.«

Praiodans Unterkunft im Inquisitionsturm war kärglich eingerichtet und bot dennoch Schriftrollen aller Art Zuflucht. Einzig das Pult seiner Sekretärin Isida bot dem Auge Abwechslung. Dort stapelten sich Protokolle auf Schiefertafeln. Ein Bündel goldener Sonnenstrahlen fiel durch das enge Fenster und versah Praiodan mit einem gleißenden Heiligenschein.

Adara schob ein Schreiben beiseite und setzte sich auf die Kante des schmalen Betts. »Wir haben uns beraten«, eröffnete sie. »Phejanca wird uns helfen. Sie benötigt Wulfs Amulett und wünscht deine Anwesenheit – sofern du es schaffst, diese auffällige Kleidung loszuwerden. Das strahlende Weiß versengt meine Augen und verscheucht ihre Gäste.«

Praiodan schmunzelte. »So früh am Morgen hat die Frau Wirt doch keine Kundschaft. Was habt ihr vor?«

»Frag Phejanca.« Adara zuckte mit den Schultern. »Sie hüllt sich in einen Nebel aus Mysterien und orakelt mit großem Vergnügen herum.«

»Oh?« Die hochgezogenen Augenbrauen des Inquisitors passten auf eine Volksbühne. »Hat sie dich etwa über den Tisch gezogen?«

Adara zuckte mit den Schultern. »Mancher Wahrsager ist billiger und weniger obskur.«

»Dann ist sie ja in guter Gesellschaft.« Mitleid konnte sie von Praiodan nicht erwarten. »Ich bleibe bei meiner Frage. »Was planst du?«

Adara lehnte ihre Krücken gegen die Wand und bemühte sich um einen unschuldigen Gesichtsausdruck. »Morgen bitten wir mit deiner Hilfe den Herrn Phex um seinen Beistand für unser Unternehmen. In der folgenden Woche – sobald Tsaiane mir die Schiene abnimmt – wird ein Gefangener namens Wulf aus dem Inquisitionsturm entkommen. Faisal packt schon für eine lange Reise.«

Praiodan sah ihr suchend in die Augen. Sie begegnete seinem Blick unbewegt. Rund um sein Gesicht tanzten Staubflecken im Sonnenlicht. »Du bist wahnsinnig«, stellte er fest.

Adara lächelte. Er hatte nicht rundweg abgelehnt. »Nur, wenn man denkt wie ein braver Diener des Herrn Praios.«

»Wulf freizulassen, strahlender Sonnenschein, könnte sich als schwierig erweisen.« Faisal zog das gebrauchte Altartuch herunter und ersetzte es durch frisches Leinen. »Die Wächter stellen das Fundament des Inquisitionsturms dar und sind sich ihrer anspruchsvollen Aufgabe wohl bewusst. Ihnen unvermittelt schnöde Bestechlichkeit unterzuschieben wird vor allem den Gefangenen, der seine Fluchtmöglichkeit ergreifen soll, misstrauisch machen.«

Phejanca verschob die Mondscheibe über dem Altar in die richtige Konstellation. »Faisal nimmt mir die Worte aus dem Mund.«

Adara schüttelte den Kopf. »Ihr denkt zu kurz. In diesem Haushalt lebt eine Frau, der Wulf so gut wie alles glauben wird.« Sie machte sich nicht die Mühe, ihre Stimme zu erheben. »Ragnar. Hol mir Jana.«

Schweigen antwortete ihrer Anweisung. Sie könnte genauso gut mit Luft gesprochen haben. Der Novize machte sich.

»Was hast du vor?«, erkundigte Phejanca sich misstrauisch. »Janas Tochter ist kein halbes Jahr alt. Wir wissen, was Jana über ihren ehemaligen Zuhälter zu erzählen hat. Wulf führt bei aller Frömmigkeit ein interessantes Leben. Es ist nicht zu durchschauen, wie viel seiner Pietas gespielt oder echt ist. Wir stehen bei den Geißlern nicht hoch im Ansehen. Sein Verhalten dir gegenüber ist von der Warte manches Ordensangehörigen aus sogar verständlich. Als Advokat würde ich einen solchen Fall nur annehmen, um zu sehen, wie weit ich das Strafmaß herunterhandeln kann.«

Adara gönnte sich ein süffisantes Lächeln. »Schau zu und lerne, Weihschwester.«

»Ich bin schwer von dir enttäuscht.« Phejancas fallende Kadenz konnte Steine zu Tränen rühren. Adara hielt ihr Grinsen mit Mühe aufrecht.

Ein paar Augenblicke später öffnete Ragnar die Tür und führte Jana in das Heiligtum. Die junge Mutter trug ihre Tochter in einem Tuch vor dem Bauch; sie verbeugte sich linkisch vor dem ungeschmückten Altar. »Ihr habt gerufen«, sie zögerte, »Frau Wirt?«

Phejanca deutete auf Adara. »Meister Barent will dich sprechen.«

In den letzten Wochen war aus Phejancas halb verhungertem Schützling eine überraschend hübsche Frau geworden. Die dunklen Haare und hohen Wangenknochen verrieten ihre tobrische Abstammung; unter den Elenviner Nordmärkern fiel sie schnell als Fremdling auf. Aber die Freier einer billigen Hure im Hafenviertel interessierten solche Feinheiten wenig.

»Wie gut bist du auf Wulf zu sprechen?«, erkundigte sich Adara.

Janas Gesicht verfinsterte sich. »Ich hasse ihn«, fauchte sie.

Adara setzte eine besorgte Mine auf. »Praiodan kann ihm nichts nachweisen«, behauptete sie. »Und Wulf ist nicht geständig. Sofern der Prozess eröffnet wird, stehen unsere Aussagen gegen seine, und einem Akoluthen des Herrn Praios wird in Elenvina deutlich mehr Gehör geschenkt als den Dienern Phexens. Kein Richter ...«, sie ließ den Gedanken unvollendet hängen.

Jana knirschte mit den Zähnen. »Sie lassen ihn laufen?« Sie ballte die Fäuste. »Er wollte, dass ich verrecke, und hatte schon jemanden für meine Tochter! Wie Sklaven!«

»Es gibt keine Handhabe gegen ihn.« Adara machte eine Pause und ersetzte eine abgebrannte Kerze. Phejancas gerunzelte Stirn ignorierte sie. »Aber ein Schuldeingeständnis brächte ihm sofort ein Urteil ein. Dafür brauche ich dich.«

Die tobrische Magd zuckte zusammen. »Was muss ich tun?«

»Schuldig erweist sich der, der sich dem Zugriff der Gerichte entzieht. Du erzählst Wulf, dass du erfahren hast, dass er bald gefoltert werden soll, um ihm ein Geständnis abzuringen. Bei allem, was vorgefallen ist – das hältst du nicht aus. Anschließend verhilfst du ihm zur Flucht. Danach sorgen wir dafür, dass er wieder gefasst und entsprechend verurteilt wird.«

Eiserne Stille vom ungeschmückten Altar her zeugte von dem Ausbruch, den Phejanca hinunterschluckte. Nach ein paar Augenblicken stieß sie den Atem aus. Ihre sonst so reiche Stimme klang flach und kontrolliert. »Denk darüber nach, ob du dich und deine Tochter in dieser Weise einsetzen willst«, wies sie ihre Magd an. »Das geht deutlich über unsere Abmachung hinaus. Du musst dir auch überlegen, welche Sorte Kompensation du von Adara für eine solche Dienstleistung verlangen möchtest.«

Früh am nächsten Morgen verirrte sich ein Almadaner Geschäftsmann mit ungewöhnlich kurzem Haar in Phejancas Gaststube. Adara beobachtete den Neuankömmling fasziniert. Er trug eine weiße Tunika, darüber eine edle weinrote Brokatweste mit orangefarbenem Seidenschal und einen goldenen Gürtel, der in zwei goldenen Sphären endete. Als wäre er seine eigene Tracht nicht gewohnt, strich er über den golddurchschossenen Stoff und zupfte an den geklöppelten Ärmelspitzen herum. Statt der in Almada üblichen Rahja-, Phex- oder Boronanhänger trug er ein Praiosamulett um den Hals. Beim ersten Ansehen gab es für diesen Kaufherrn keinen Grund, eine Wirtschaft wie dieFledermausaufzusuchen.

Aber Kaufherr war er nicht. Gesicht und Haare gehörten zum dreilagigen Überwurf eines Inquisitors. Adara grinste. In Almada wies ihn die Tracht eindeutig als Praiosgeweihten aus. Hier in Elenvina war die Kleidung so ungewöhnlich, dass niemand ihn erkennen würde.

Nach einem Moment des Zögerns trat Praiodan an den Frühstückstisch und nickte Phejanca zu. »Travia zum Gruße, Frau Wirt. Man sagte mir, dass Ihr in Eurem Hause den edlen Trollinger nicht mit geringeren Weinen verschneidet.«

Phejanca musterte ihn von Kopf bis Fuß. »Für Euch, Euer Gnaden, habe ich immer eine Flasche im Keller.« Sie schob ihm einen Stuhl zurecht. »Setzt Euch. An Euren Verkleidungskünsten müsst Ihr noch arbeiten.« Dann holte sie tief Luft und brüllte: »Alrik!«

Ragnar huschte durch die Küchentür. »Ihr habt gerufen, Frau Wirt?«

»Eine Tasse für unseren Gast und dazu eine Kanne frischen Tee. Danach hol mir den Pfau und Magister Faisal. Und vergesst nicht, den Keller aufzuräumen!«

»Sehr wohl, Frau Wirt.« Ragnar verschwand genauso schnell, wie er aufgetaucht war.

»Eure Namenswahl überrascht mich immer wieder«, murmelte Praiodan. »Alrik? Ich dachte, der Name des Jungen sei Ragnar Björnesson.«

Phejanca antwortete mit einem sonnigen Lächeln. »Ich habe keine Zeit, mir bei jedem neuen Novizen einen Namen einzuprägen, den er ganz selbstverständlich nach der Weihe ablegt. Hier heißt sowieso jeder zweite Aspirant Alrik. Warum also Umstände machen?«

»Eure Logik ist bestrickend«, erwiderte Praiodan. »Was gibt es an meiner Kleidung auszusetzen?«

Phejanca lächelte und schwieg. Ebenso still stellte Ragnar ein Tablett mit Teekanne und Tasse auf den Tisch und verschwand wieder in der Küche.

»Du hast keine Erfahrung darin, diese Tracht zu tragen«, antwortete Adara. »Du fühlst dich darin nicht wohl, läufst mit krummem Rücken, als hättest du ein schlechtes Gewissen, und wenn du weiter so an den Spitzen herumzupfst, gehen sie bald auf. In Anbetracht der vielen Stunden, die die Klöpplerin mit einer solch feinen Leinenarbeit verbracht hat, ist das eine Schande.«

Praiodan streckte seine Hände und verschränkte sie auf der Tischplatte. »Das ist selbst für mich zu ehrlich«, murmelte er.

Adara zuckte mit den Schultern. »Du hast um Kritik gebeten. Dein Gürtel ist eine elegante Lösung. Die Kugeln sind so offensichtlich, dass niemand daran denkt, was sie bedeuten.«

Phejanca setzte ihre Tochter auf den Tisch und gab ihr einen Löffel zum Spielen. »Woher habt ihr diese Kleider? Sie sind sehr gut gearbeitet.«

Der Praiosgeweihte trank einen Schluck Tee. »Meine Schwester hat sie für mich anfertigen lassen, damit ich bei meinem nächsten Besuch der Familia keine Schande bereite«, gab er zu. »Mein Herr Praios ist in Almada nicht sonderlich hoch angesehen, und unsere üblichen Roben zu ärmlich.« Er fuhr leise fort, »meine Mutter war entsetzt. Sie fühlte sich, als habe sie einen Bettler zu Gast.«

»Geh nach Warunk, und bei deiner Rückkehr wirst du die herzliche Begrüßung in Taladur zu schätzen wissen«, warf Adara ein. »In der Folge meines letzten Ausflugs empfand ich selbst die Tempelwachen in der Stadt des Lichts als überaus freundlich und zuvorkommend. Hast du das Amulett?«

Bedächtig legte Praiodan einen safrangelben Samtbeutel auf den Tisch. Adara streckte die Hand danach aus, aber Phejanca war schneller. »Finger weg, Adara. Das geht dich nichts an.« Sie zog den Beutel über die Tischplatte und ließ ihn in einer Tasche ihrer Strickjacke verschwinden.

Praiodan hob die Augenbrauen. »Ihr seid Euch bewusst, dass ich nichts zustimmen kann, das ...«

»Einen Moment, Euer Gnaden.« Phejanca hob abwehrend eine Hand. »Ich werde Euch gleich einweisen. Weder Euch noch Eurem Gefangenen oder seinem Amulett wird etwas zustoßen. Vorausgesetzt, ihr stolpert nicht auf der Kellertreppe – und in dem Fall kann ich Euch versichern, dass ich eine sehr gute Heilerin im Haus habe.«

Sie wandte sich Adara zu. »Wenn du weiterhin auf diesem Wahnsinn bestehst ... dann gib mir deine Phexmedaille.«

Überrascht fasste Adara sich an die Brust. »Aber ...«

»Ich habe mir die ganze Nacht um die Ohren geschlagen, um all deinen Ansprüchen gerecht zu werden. Ich benötige dein Weihzeichen!«

Adara löste die Kette und zog das Amulett unter ihrem Hemd hervor. Das fein gravierte Mondsilber mit all seinen Scharten und Kerben fing das dämmrige Licht der Gaststube ein und warf es in unerwartete Richtungen zurück. Phejancas Tochter jauchzte und langte nach dem silbrigen Metall. Widerwillig reichte Adara die Medaille an ihre Weihschwester. Seit sie es von ihrem Weihvater erhalten hatte, hatte sie es nicht mehr abgelegt. Sie fühlte sich nackt.

Ragnar schlich in die Gaststube. »Es ist alles vorbereitet, Frau Wirt«, murmelte er. »Ihre Gnaden Tsaiane lässt ausrichten, dass sie sofort kommt.«

Adara griff nach ihren Krücken; Praiodan hielt ihr die Hand hin, um ihr aufzuhelfen. Doch Phejanca schüttelte den Kopf. »Du bleibst hier«, bestimmte sie. »Tsaiane wird dir gleich die Bruchschienen abnehmen.«

»Was?«, platzte Adara heraus.

»Du bleibst hier«, wiederholte Phejanca mit einem Grinsen, für das Adara ihr in jüngeren Jahren eine Ohrfeige gegeben hätte. »Ich bin sicher, dass du das verstehst.« Sie winkte Praiodan zu sich und reichte ihre Tochter an Ragnar weiter. »Kommt, Euer Gnaden. Ihr seid der erste Diener Praios, den ich ganz offen an meinen Altar lasse. Wenn irgendeines unserer Geheimnisse an die Öffentlichkeit dringt, weiß ich, bei wem ich mich schadlos halte.«

Tsaiane ließ sich von Adaras schlechter Laune nicht beeindrucken. Sie wickelte die Verbände ab und löste die beiden Hälften von Adaras geschnitztem Holzbein. Entsetzt starrte Adara auf die dürren Überreste ihres Beins. Die Haut hing in einer langen Fahne von den Knochen. Silbrig-weiße Hautfetzen lösten sich und schwebten bedächtig zu Boden. Adara versuchte, ihren Fuß zu bewegen und brachte nicht mehr als ein kümmerliches Schwanken ihrer Zehen zustande. Die Haut spannte fürchterlich.

»Das sieht gut aus«, verkündete ihre Patentochter strahlend. »Für einen Mehrfachbruch von Schien- und Wadenbein ist das perfekt verheilt!«

Adara konnte den Blick nicht von den Ruinen ihres Beins abwenden. »Wann kann ich wieder richtig laufen?«

»In ein paar Wochen brauchst du die Krücken nicht mehr. Zwei Monde, dann darfst du mit Onkel Faisal Stockkampf üben. Von Ausflügen in gefährliche Gegenden solltest du noch ein halbes Jahr absehen. Am besten machst du geruhsamen Tempeldienst ...«, sie stockte. Misstrauen schlich sich in ihre Stimme. »Ich habe heute Morgen Inquisitor Praiodan gesehen. Du willst hoffentlich nicht mit ihm nach Gareth reisen. Das ist viel zu früh.«

»Nein, ich habe gerade keine Lust auf Gareth.« Die Haut an ihrem Unterschenkel sah aus wie eine Eidechse beim Hautwechsel. Vorsichtig wischte Adara die Schuppen ab. Sie schimmerten im Sonnenschein wie Wasser auf Spinnweben und rochen nach vergammeltem Weichkäse.

Tsaiane rümpfte die Nase. »Du stinkst wie ein Iltis. Ragnar hat ein Bad eingelassen. Draußen in der Scheune.« Ihre Patentochter half ihr auf. »Du kannst schon versuchen, auf beiden Beinen zu laufen. Aber übertreibe es nicht. Alles, was schmerzt, ist zu viel.« Tsaiane legte den Kopf schief. »Du musst es langsam angehen lassen. Wenn du mit Ragnar und Onkel Faisal abreist, komme ich mit. Dann kann ich dir auch mit dem Bein helfen.«

Das passte nicht in Adaras Pläne. »Ich dachte, du wärst hier, um Phejanca zu unterstützen?«

»Mama braucht mich nicht mehr, und unterwegs gibt es immer interessantere Krankheiten als in der Stadt. Tsa kann ich in den Dörfern, in denen monatelang kein Medikus vorbeikommt, auf jeden Fall besser dienen als in Elenvina.«

Adara hob eine Augenbraue. »Pass auf, dass die Schulzen dich nicht für einen Aufwiegler halten.« Bei näherer Betrachtung war es keine schlechte Idee, einen Teil des Wegs mit ihrer Patentochter zurückzulegen. Tsaiane kannte sich rund um Elenvina gut aus, und sie konnte Ragnar mehr über Heilkunde und Kräuter beibringen als sie selbst.

Das grelle Sonnenlicht im Hof ließ Adara blinzeln. Sie wedelte großzügig in der Luft herum. »Du kannst dich gerne meinem Gefolge anschließen.«

Tsaiane gluckste vergnügt. »Heißt das, ich darf Sachen anstellen und du musst es ausbaden? Aber sicherlich, Tante. Immer doch. Auf jeden Fall. Ich wollte immer schon eine Phexgeweihte in Schwierigkeiten bringen.«

Weißgraue Wolken jagten in langen Bändern über den vor Kurzem noch klaren Himmel. Frisch gebadet und versorgt hinkte Adara auf dem Hof derFledermausherum und versuchte, Tsaianes Anweisungen gemäß, ihr verletztes Bein bei jedem Schritt leicht auf dem Boden aufzusetzen. Jede Berührung, die mehr als ihre Zehenspitzen beinhaltete, sandte eine bittere Erinnerung an ihren Sturz in den Kerker der Bannstrahler ihren Fuß hinauf. »Wenn es schmerzt, war es zu viel«, knurrte sie den festgetretenen Staub an. Der kurze Merksatz ihrer Patentochter half ihr nicht. »Das schmerzt alles!« Sie stieß ärgerlich die Krücke in den Boden und bemühte sich um den nächsten Schritt.

»Selbstgespräche, Euer Gnaden?« Eine in feine Spitze gehüllte Hand bot sich als zuverlässigere Hilfe an.

Praiodan trug immer noch seine almadanischen Kleider. Adara setzte ein falsches Lächeln auf. »Nur in Ausnahmefällen.«

Der Inquisitor runzelte die Stirn. »Normalerweise lügst du geschickter.« Er führte sie zu einer Bank. »Frau Wirt lässt dir ausrichten, dass sie dich zur Praiosstunde im Heiligtum erwartet. Wie geht es dir?«

Die unbequeme Wahrheit, dass sie Wulf nur sehr langsam folgen konnte, war zu viel des Guten. Praiodan war imstande, die Unternehmung auf unbestimmte Zeit zu verschieben. »Tsaiane hat mir gerade eröffnet, dass ich die nächsten Wochen nicht reiten kann«, gab sie zu.

»Dann muss es also eine Kutsche sein?« Er lachte. »Ich habe dich noch nie anders als zu Fuß gesehen.«

»Sei froh. Es ist kein hübscher Anblick. Seeleute nennen meine Reaktion auf ein geschlossenes Gefährt ›Fische füttern‹ und amüsieren sich köstlich.« Adara zuckte mit den Schultern. »Wie war die Andacht?«

Ein verklärter Ausdruck glitt über Praiodans Gesicht. »Faisal bringt als dein Vertreter Wulf das Amulett«, murmelte er. »Ich möchte dir dies geben.« Er reichte ihr einen grauen Stoffbeutel. Größe, Gewicht und der göttliche Segen, der auf dem verborgenen Gegenstand lag, waren Adara so vertraut wie ihre eigene Haut. Erleichtert zog sie ihre Phexmedaille heraus, doch als sie die Kette fasste, um sie um ihren Hals zu legen, hielt Praiodan sie auf.

»Die Wirtin – Phejanca – erklärte mir, dass du um eine Gabe des Herrn Phex in seiner Eigenschaft als Händler gebeten hast«, sagte er ernst. »Sie hat uns strenge Auflagen gegeben. Ich kann sie nicht nachvollziehen, aber ich bin an sie gebunden. Du solltest bedenken, dass die Abmachung, die sie an euren Herrn herangetragen hat, große Risiken birgt.«

Langsam ließ Adara die Hände in den Schoß sinken. »Nenne mir eine bessere Methode, um an die Geschäftspartner des Herrn Wulf von Emmerstädt zu kommen.«

Praiodan seufzte. »Phejanca sagte, dass du es so sehen würdest. Sei vorsichtig. Wann willst du für seine Flucht sorgen?«

»In den nächsten zwei Wochen«, erwiderte Adara. »Sobald ich wieder richtig laufen kann. Du kannst deine Wachleute ja schon einmal auf diese Häresie vorbereiten. Lass bei Wulf ein paar Worte in Richtung Folter fallen, damit er auch einen Grund hat, das Weite zu suchen, wenn sich ihm die Gelegenheit bietet.«

»Lade dir nicht zu viel auf.«

Praiodans ungeschickte Geheimniskrämerei reizte Adara ungemein. »Was habt ihr versprochen?«

»Zu meinem Part darf ich nichts sagen, und Faisals Worte habe ich nicht verstanden.« Er erwiderte ihren Blick mit Seelenruhe. »In einem hat Phejanca recht. Du solltest wirklich in Erwägung ziehen, dieses Geschäft aufzugeben und dich irgendwo niederzulassen.«

»Sind wir handelseinig?«

Die Kerzen flackerten in den wechselnden Luftzügen, die durch das Heiligtum wehten. Draußen vertrieb ein Herbststurm die Reste der Sommerhitze. Regen, von der See den Großen Fluss hochgetrieben, fegte waagerecht durch die granitgrauen Straßen Elenvinas.

»Jawohl, Meister Barent.« Janas Stimme war ungewöhnlich fest. Ihre Tochter schlief im Tragetuch. Seit sie von Phejanca gelernt hatte, ein solches Tuch zu binden, trug sie es ständig. »Ich halte das Angebot für angemessen.« Sie streckte Adara die Hand hin. »Möge der Herr Phex den Handel segnen.«

Adara hatte nicht geplant, ihren Herrn um einen Segen für diese einfache Absprache anzugehen, aber Janas erwartungsvoller Blick zwang sie zu mehr als einer Geste. Sie bat Phex um seinen Beistand und teilte die Antwort ihres Herrn mit Jana. »Möge Phex über unseren Handel wachen und uns beiden bei seiner Umsetzung beistehen«, erwiderte sie. Göttliches Wohlwollen floss durch ihre Hände und band sie und die tobrische Magd aneinander.

Die kleine Liturgie verlangte nach Räucherwerk. Vorsichtig erhob sich Adara und humpelte auf einer Krücke zum Altar. Sie murmelte ein Dankgebet und streute Weihrauch auf die Kohlen in der Räucherschale. Die Geste schloss die Zeremonie ab; sie fühlte sich Phex nahe.

»Sie ist gut, nicht?«

Phejancas leise Stimme fügte sich in die Stille des Heiligtums. Es war offensichtlich, wen ihre Weihschwester meinte. »Ein Naturtalent«, erwiderte Adara. »Sie plant es nicht – aber ein Blick, und alles läuft nach ihren Wünschen. Ich frage mich, wie sie mit dieser Gabe überhaupt in Wulfs Fänge geraten konnte.«

»Sie wollte seinen Schutz, und den hat sie bekommen.« Phejanca zuckte mit den Schultern. »Er sah nur anders aus, als sie es sich vorgestellt hat.«

»Und jetzt gehört sie für ein paar Jahre zu deinem Haushalt. Hoffentlich hast du dir nicht zu viel aufgeladen.« Adara verbeugte sich vor dem Altar.

Phejancas Stimme war ein Hauch. »Ein Dutzend Kinder und dreimal so viele Novizen sollte als Vorbereitung auf eine solche Aufgabe ausreichen. Wie viel hat sie rausgeschlagen?«

Adara antwortete mit einem Zwinkern. »Wir haben alle unsere kleinen Geheimnisse.«

Jana saß mit gesenktem Kopf am Tisch. Ihre Tochter war aufgewacht und blickte sich mit großen Augen um. Das Köpfchen wackelte vor Anstrengung und fiel schließlich auf die Schulter ihrer Mutter. Sanft streichelte Jana die Haare der kleinen Phejanca.

Adara zwang sich, das Idyll zu brechen. »Lasst uns anfangen. Jana, du bist unter tausend Gefahren in den Inquisitionsturm eingestiegen, um deinen Geliebten Wulf zu retten. Überzeuge mich, dass du es ernst meinst.«

»Ich sehe, der Bruch ist verheilt.« Aureolus Hemger starrte Adara mit verschränkten Armen an. »Glückwunsch.« Der Tonfall des Geißlerritters sagte das genaue Gegenteil. »Heißt das, Ihr reist bald ab? Die ehrlichen Bürger dieser Stadt werden vor Erleichterung aufatmen.«

Auf unnötige Nettigkeiten verschwendete Aureolus keine Zeit. Adara bedachte ihn mit einem freundlichen Lächeln, das ihn zur Weißglut treiben musste. »Aber nicht doch, Euer Gnaden. Wir planen, ein oder zwei Jahre zu bleiben.«

Sie sah sich unbekümmert um. Das Gasthaus, das von den Geweihten Elenvinas bevorzugt wurde, war gut ausgestattet. Die überragende Mehrheit der Gäste war in die weiß-rot-goldenen Roben der Praiosdiener gekleidet; das dunkle Orange der Traviageweihten und ein oder zwei Efferddiener passten gut ins Bild. Adaras abgetragene Alchemistenkleidung stach hervor wie ein angeschlagener Daumen. Aureolus trug wie üblich seine Amtsinsignien über der schneeweißen Geißlerrobe. Ihn umwehte ein kaum fassbarer Geruch nach Eisenrost.

Adara fragte sich, ob er seiner militärischen Gewänder je müde wurde. »Faisal wird als freier Lehrmeister junge Magier im Sinne der Bruderschaft der Wissenden ausbilden und ich bemühe mich darum, meinem Herrn in dieser von ungerechtfertigten Vorurteilen geprägten Stadt etwas mehr Ansehen zu verschaffen.«

Aureolus lief purpurrot an. »Ihr wagt es!« Er schlug mit der geballten Faust auf den Tisch. »Lügen, Betrügen und Schmuggelei! Solche Unterstützung brauchen wir hier nicht!«

Praiodan verschluckte sich an seinem Wein und hustete. »Seelsorge sollte sich nicht um den Stand der Ratsuchenden kümmern«, flüsterte er heiser. Die anderen Gäste beobachteten den Streit amüsiert.

Aureolus scherte sich nicht darum. »Dann soll sie doch bei den Galgenvögeln bleiben! Das Fach beherrscht sie, die kann sie beraten!«

Adara genoss die Auseinandersetzungen mit dem Geißlerritter. Er war in seiner Abneigung gegen sie erfrischend ehrlich und immer für ein Wortgefecht zu haben. »Unter den von dir genannten Umständen, Aureolus, sollte ich mich um eine Anstellung bei der Inquisition bemühen!« Sie lehnte sich zur Seite, duckte sich und rang die Hände. »Oh, Hochwürden, mir ist ein Paktierer entwischt!« Dann drehte sie sich um und streichelte dem imaginären Sünder den Kopf. »Das ist natürlich ein schweres Vergehen, meine Tochter. Bete fünf Sonnenlob, unterziehe dich den üblichen Exerzitien und begehe diesen Fehler nie wieder.«

Aureolus zweiter Fausthieb ließ die Becher tanzen. »Treibt nicht mit Entsetzen Scherz!«, brüllte er.

»Das war unangemessen«, stimmte Praiodan ruhig zu.

Adara trank von ihrem Bier. »Ebenso unangemessen wie die Unterstellung, dass jeder Diener Phexens zu Lügnern, Zollprellern und Betrügern zu zählen ist. Linara Fuxfell vom Tempel von Handel und Wandel zu Gareth wird Aureolus Einschätzung sicherlich ohne Vorbehalte zustimmen. Genauso der Mystiker Mharbal al‘Tosra vom Großen Tempel in Fasar und Feruzef al‘Perhi vom Tempel der Mondschleier in Khunchom – in dem ein Großteil der Handelsgeschäfte in den Tulamidenlanden abgeschlossen, beglaubigt und abgewickelt werden. Alles Diebe, Räuber und Verbrecher.«

Praiodan sah Aureolus auffordernd an. »Sie hat recht.«

Der Geißlerritter knirschte mit den Zähnen. »Verzeiht meine voreiligen Worte.«

»Entschuldigung angenommen.« Adara winkte dem Gastwirt zu, ihnen noch zwei Bier zu bringen. Ob es sich lohnte, Aureolus nach einer Anstandspause zu einem zweiten Wutausbruch zu treiben?

Als hätte er ihre Gedanken gelesen, legte Praiodan ihr die Hand auf den Arm. »Es reicht«, murmelte er. Lauter fügte er hinzu, »Aureolus, was führt dich her?«

»Wulf von Emmerstädt.« Aureolus senkte seine Stimme bis kurz vor die Unhörbarkeit. »Mein unwürdiger Neffe. Was hast du mit ihm vor?«

Praiodan seufzte. »Ich weiß, dass es dir eilig ist. Aber er redet nicht.«

»Was willst du tun? Eröffne den leidigen Prozess. Ich bin der Erste, der gegen ihn aussagt. Er hat sich alles Vertrauen im Orden verspielt, und nachdem ihn die Illuminata persönlich ausgestoßen hat, dachte ich, du erledigst das gleich. Worauf wartest du noch? Mach diesem Trauerspiel endlich ein Ende! Und sei es, indem du ihn in die erste Schlachtreihe zur Verteidigung von Beilunk schickst! Die Schwarzen werden ihn schon erwischen, wenn Praios seine Hand nicht mehr über ihn hält!«

»Aureolus, es geht nicht um seine Schuld«, wandte Adara ebenso leise ein. »Jeder hier weiß, dass er den Leumundsprozess verloren hat, bevor er anfängt. Es geht um seine Verbindungen.«

»Papperlapapp«, schnappte der Geißler. »Ihr steckt doch alle unter einer Decke!«

»Es reicht.« Praiodan stellte betont vorsichtig sein Weinglas ab. »Du fühlst dich für deinen Neffen verantwortlich. Gut. Aber vor Praios wiegt unsere Verantwortung gegenüber jenen, die durch Wulf geschädigt wurden, weitaus schwerer. Adara und Faisal sind die erfahrensten Exorzisten, die uns zur Verfügung stehen. Wir können dankbar sein, dass sie sich dieser Sache annehmen wollen. Wulf hat nicht nur mit ein paar Fässern Ilmenblatt gehandelt, sondern mit einem dämonischen Gift. Es tut mir leid.«

Aureolus leerte seinen Krug in einem Zug. »Zumindest muss mein Bruder das nicht mehr miterleben«, murmelte er und stand auf. »Fackelt nicht zu lange. Und lasst ihn nicht entwischen!«

Nächtliche Zwischenspiele

Schnaufende, schnarchende und wimmernde Dunkelheit umfing sie. Hinter ihr fiel die Tür mit einem endgültigen Knacken ins Schloss. Verspätet fuhr sie herum, um das fallende Türblatt aufzuhalten und einen Filz über den Riegel zu legen. Die Tür war zu. Sie lauschte angestrengt, aber kein Schlüssel regte sich in dem schweren Schloss, und auch der dicke Balken, die eigentliche Sicherung des Gefängnisses, rutschte nicht in die Fassung zurück.

Der Wächter hatte sie nicht verraten. Sie atmete aus und tastete sich langsam in die Dunkelheit vor. Drückende Schwüle und der Gestank von Schweiß schlugen ihr entgegen. Sie streckte die Linke aus und fasste ins Leere. Vorsichtig fuhr sie mit dem Fuß über den Boden, traf eine glatte Stelle, setzte ihn ab. Jemand seufzte. Ein Mann schrie, brüllte von tausend Dämonen und Mühlsteinen. Sie zuckte zusammen; ihre Tochter bewegte sich unruhig. Sie musste verschwinden, bevor das Kind aufwachte. Hastig stolperte sie vorwärts. Rauer Granit schürfte ihre Hand auf.

Die vierte Zelle. Der Wächter hatte sich als zuverlässig erwiesen. Sie tastete die kalten Steine ab und fand eine schwere Holztür. Sie strich darüber, spürte etwas weiter die körnige Oberfläche des nächsten Granitquaders. Vorsichtig setzte sie Fuß vor Fuß. Noch eine Tür. Mehr Stein. Die Dunkelheit hüllte sie ein wie eine über den Kopf geworfene Decke. Das Stöhnen und Schnaufen der Gefangenen kroch wie böse Geister durch ihr Leben. Unter ihren Füßen raschelte Stroh. Staub stieg in ihre Nase. Mühsam erstickte sie ihr Niesen in dem Mantel, den sie für ihren Herrn mitgebracht hatte.