DSA 149: Aldarin - Stefan Unterhuber - E-Book

DSA 149: Aldarin E-Book

Stefan Unterhuber

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Beschreibung

Vor 10.000 Jahren: Dies ist die Geburtsstunde der Elfen Aventuriens. Zu jener Zeit verlässt auch der Elf Aldarin mit-dem-Sternenmal als einer der ersten die Inneren Wälder von Sala Mandra. Mit dem Schritt über eine unsichtbare Schwelle lässt er den Geburtsort der Elfen Aventuriens hinter sich und taucht ein in die Wirklichkeit. Er folgt den Spuren Simias der-aus-dem-Licht-trat, dem legendären ersten Hochkönig der Elfen und Begründer der hochelfischen Kultur, um ihn zu warnen. Denn die Orks rotten sich zusammen, um der gerade entstehenden elfischen Rasse einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Aldarin ist eine Erzählung aus dem legendären Faedhari, dem magischen Geschichtsbuch der Elfen.

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Seitenzahl: 375

Veröffentlichungsjahr: 2012

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Biografie

Stefan Unterhuberwurde 1979 in Oberösterreich geboren und lebt nach einem kurzen Aufenthalt in Wien heute wieder dort. Er ist verheiratet und hat eine Tochter. Nach seinem Abschluss in Medientechnik und -design an der Fachhochschule Hagenberg ist er seit 2004 in der IT-Branche tätig.

Privat sind Bücher seine große Leidenschaft und auch das RollenspielDas Schwarze Augehält ihn seit den frühen 90er Jahren in seinem Bann.

MitAldaringibt Stefan Unterhuber sein Debut als Romanautor.

Titel

Stefan Unterhuber

Aldarin

Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses Spiele Band 11085PDFTitelbild:Karsten Schreurs Lektorat: Florian Don-Schauen Aventurienkarte: Ralph HlawatschLektorat: Katharina Fuchs Buchgestaltung: Ralf Berszuck E-Book-Gestaltung: Michael MingersCopyright ©2012 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems. DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN und DEREsind eingetragene Marken. Alle Rechte von Ulisses Spiele GmbH vorbehalten.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt.

Danksagung

Für Sabrina

Zum Geleit

Aus einem Brief des Übersetzers an den Herausgeber dieses Buches, gegeben in Mittelaventurien, etwa 1.000 Jahre nach Bosparans Fall:

Die Zwölfe mit Euch, mein teurer Freund,

es ist vollbracht! Jahre und Monde der Mühsal und der Strapazen haben sich letztendlich gelohnt. Ihr haltet hier etwas in Händen, das Ihr bis vor Kurzem sicherlich nicht für möglich gehalten hättet, ja, selbst ich, der ich mich durchaus für einen aufgeschlossenen Geist halte, hätte meine Zweifel daran geäußert.

Öffnet das Päckchen, das diesem Schreiben beiliegt, entschnürt das Bündel und Ihr werdet eine Erzählung aus dem »Faedhari« finden, dem legendären Geschichtsbuch der Elfen, Wort für Wort aus dem Original ins Garethi übersetzt!

Ach, was würde ich geben, wenn ich nun Euer Gesicht sehen könnte! Denn auch wenn Ihr es Euch nicht habt anmerken lassen, so weiß ich doch, dass Ihr mir damals vor vielen Jahren kein Wort geglaubt habt, als ich Euch berichtete, dass ich schon bald Zugang zum Faedhari erlangen würde.

Und ich bin mir sicher, dass Ihr nur zu gerne wüsstet, wie ich es schließlich angestellt habe, doch da muss ich Euch bei aller Freundschaft enttäuschen, mein Bester, denn ich gab mein Wort, diesen Schatz zu hüten und seinen Aufbewahrungsort niemandem preiszugeben.

Den Elfen selbst gab ich dieses Versprechen, und Euch möchte ich hiermit an das Eure erinnern: nämlich meinen Namen nicht zu erwähnen, wenn Ihr Euch entschließen solltet, ein Buch aus den Seiten zu binden, die ich Euch schickte, und es zu veröffentlichen, damit ein jeder Gelehrte und Interessierte Einblick nehmen kann in die Geschichte der Elfen oder zumindest in einen kleinen Teil von dieser.

Denn die gesamte Geschichte der Elfen ist es, die im Faedhari erzählt wird, und nur ein kleiner Auszug daraus ist es, den ich übersetzen konnte. Groß und schwer ist jenes magische Elfenbuch, und ein Menschenleben würde nicht ausreichen, um es auch nur ein einziges Mal flüchtig zu lesen, geschweige denn, es gar zu übersetzen.

Und so stand ich vor einer schweren Wahl, als ich zum ersten Mal den unscheinbaren Deckel anhob und das Buch aufschlug, denn wo bloß sollte ich beginnen?

Ich entschied mich für den Anfang, doch war das leichter gesagt als getan, denn kein chronologisches Geschichtsbuch ist jenes Faedhari, wie wir es von den Menschen und Zwergen her kennen, sondern eine Sammlung von Legenden und Erzählungen in Liedform, undatiert niedergeschrieben, ohne Angabe einer Quelle und zumeist als Lebensgeschichte eines Individuums verfasst.

So begann ich zu blättern, zu lesen und zu forschen, und suchte nach einer Geschichte über den Ursprung der Elfen und über den Anbeginn ihrer Zeit. Schließlich stieß ich auf den Liederzyklus »Aldarin«, eine Reihe von vier Büchern, in der die Lebensgeschichte eines der ersten Elfen behandelt wird, eines jener Elfen, die zu der mystischen Zeit gelebt haben sollen, in der dieses Volk der Legende nach von einem geheimnisvollen Ort, meist als »das Licht« oder »die Lichtwelt« bezeichnet, in unsere Welt getreten war. Auf diese vier Bücher fiel schließlich meine Wahl, und so begann ich, sie zu studieren und zu übersetzen.

Schwierig war dieses Unterfangen, mein Freund, das schwerste, das ich je unternommen habe, und es kostete mich ungezählte schlaflose Nächte im flackernden Kerzenschein. Denn umfangreich sind diese Bücher und ausufernd, in Kreisen und Schleifen drehen sich die einzelnen Lieder, und sie wiederholen sich an vielen Stellen. Querverweise zu anderen Büchern gibt es und Anspielungen auf weitere, unbekannte Lieder, die es dann erst einmal zu finden gilt, denn die Erzählungen zitieren einander häufig, sodass die eine ohne die andere oft keinen rechten Sinn ergeben mag.

So wälzte ich das Buch hin und her, blätterte vor und zurück, und so manches Mal fiel mir dabei auf, dass sich das Faedhari zu allem Überfluss auch noch ständig zu wandeln schien!

Lasst mich Euch an dieser Stelle versichern, dass ich trotz all der Mühen und Anstrengungen stets einen klaren Kopf zu behalten imstande war und dass es nicht die viele Arbeit war, die meinem Geist einen Streich spielte. Nein, es war die Magie des Elfenbuches, deren Zeuge ich wurde!

Ganz von selbst schreibt sich das Buch nämlich fort, und von selbst verändern sich auch die schon niedergeschriebenen Passagen immer wieder in ihrem Wortlaut, denn das Faedhari wird von der Vorstellungskraft und der Überlieferung der elfischen Legendensänger geformt, und was diese singen, das findet Eingang in das Buch, und wovon sie nicht mehr singen, das verblasst.

Als wäre das noch nicht genug, so ist das Faedhari natürlich zur Gänze in Altelfisch, in Asdharia verfasst, und dabei noch zum Teil in unterschiedlichen Dialekten dieser Sprache, sodass ich mein ganzes Sprachgeschick und Interpretationsvermögen aufbringen musste, um Licht ins Dunkel der alten Sätze zu bringen. In meiner Übersetzung bemühte ich mich allerdings, die elfischen Begriffe auch stets in Elfisch wiederzugeben, doch wählte ich dazu meist das einfachere Isdira, das heute gesprochen wird.

Nun mögt Ihr sagen, werter Freund, dass ein ernsthafter Gelehrter – und dazu zählt Ihr mich, wie ich hoffe – unter den beschriebenen Rahmenbedingungen eigentlich davon absehen müsste, diese Sammlung von Erzählungen und Liedern als »Geschichtsbuch der Elfen« zu bezeichnen oder einen Auszug daraus gar zur Veröffentlichung vorzulegen. Doch dann wiederum handelt es sich bei der Quelle meiner Übersetzung in jedem Fall und unzweifelhaft um ein gut verborgenes, sehr altes und hochmagisches Buch der Elfen, das sich selbständig zu schreiben scheint, und dies seit den frühesten Tagen, als die Elfen zum ersten Mal in Aventurien aufgetaucht sind.

Selbst wenn eine menschliche oder zwergische Definition von »Geschichtsbuch« hier also nur schwerlich anwendbar ist und zugegebenermaßen eher von »Geschichten« gesprochen werden sollte, so wäre es doch sträflich, meine ich, eine Gelegenheit ungenutzt zu lassen, der Welt einen Einblick in das zu geben, was sich viele tausend Jahre vor dem heutigen Tage zugetragen haben könnte.

Mit diesen Worten zur Erläuterung ausgestattet, mögt Ihr Euch, mein Teuerster, nun selbst ein Urteil darüber bilden, ob Ihr meiner Empfehlung Folge leisten wollt, die »Bücher Aldarin« einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Möge Hesinde Euch Weisheit und Einsicht schenken,

der Übersetzer

Nachtrag:Es mag ratsam sein, bereits am Beginn des Buches auf den Anhang zu verweisen, in dem sich einige meiner Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln finden. Allerdings wäre es ebenso ratsam, jene Anmerkungen erst am Ende eines jeden Kapitels oder überhaupt erst am Ende der gesamten Erzählung zu studieren.

Das Erste Buch Aldarin

Dies ist die Schrift aus dem Ersten Buch Aldarin, in dem gesungen wird von Aldarin der-Simia-liebt.

Aldarin der-Simia-liebt

In den Tagen Simias der-aus-dem-Licht-trat, jenen ersten Tagen, für die es keine Zeit gibt, trat auch Aldarin mit-dem-Sternenmal aus dem Licht. Und als Aldarin aus dem Licht trat, wurde erfey, was Elf-Sein bedeutet.

Aldarin liebte Simia, und Simia liebte Aldarin. Und weil Simia Aldarin liebte, bat er ihn, ihm nachzufolgen, und weil Aldarin Simia liebte, folgte er ihm nach. So traten sie aus dem Licht in das Herz jener Wälder, die heute Sala Mandra genannt werden. Und tief im Sala Mandra lebten sie gemeinsam mit anderen Elfen, die es ihnen gleichgetan hatten, und sie alle bestaunten die Welt, die da war. Und die Welt, die da war, war da, weil die Lichtelfe Madaya da war und sie geträumt hatte.

»Kinder des Lichts« nannten sich die erstenfey’ein jenen Tagen selbst, »Alte Elfen« wurden sie erst später und von anderen genannt. Sie gingen umher und erforschten die Wälder, die Berge und die Täler, und all das erschien ihnen weit und unendlich, denn hinter jedem Baum war noch ein Baum, und hinter jedem Berg war noch ein Berg, und hinter jedem Tal war noch ein Tal. In Wahrheit gingen diefey’eaber nur so weit, wie sie das Licht in ihrem Rücken noch warm und stark spüren konnten, und sie kehrten um, sobald das Licht auch nur ein wenig schwächer wirkte. Doch taten sie dies aus freien Stücken, und es war kein Schmerz und Kummer in ihren Handlungen.

So war ihre Welt von außen betrachtet klein und erstreckte sich nur über den innersten Kern des Sala Mandra. Doch durch die Augen der Kinder des Lichts war ihre Welt so groß, wie sie sein musste, denn im Herzen der Wälder hatte der Raum keine Macht über sie.

So wanderten die Alten Elfen also umher und bestaunten, was Madaya ihnen erträumt hatte. Und ihr Staunen dauerte Äonen, denn im Herzen der Wälder hatte auch die Zeit keine Macht über sie.

Aus ihrem Staunen wurden im Laufe der Zeit Töne, aus den Tönen wurden Lieder, und aus den Liedern wurde eine Sprache. So blickten die Kinder des Lichts auf die Dinge und gaben ihnen Namen. Und als sie alles benannt hatten, besangen sie das, was sie erlebt und gesehen hatten, fügten sich in ihr Dasein und waren es zufrieden.

Sie sangen:

Zwischen den Bäumen leben wir.

Wir sind unter ihnen.

Außerhalb des Lichts leben wir.

Es ist unter uns.

Unsere Lieder künden von den Träumen,

die wir leben.

Unsere Lieder künden von den Leben,

die wir träumen.

Geboren aus dem Licht sind wir.

Es nährt unser Wesen.

Ohne Madaya

wären wir nie gewesen.

So wie die Alten Elfen sang auch Aldarin mit-dem-Sternenmal und dankte dem Licht dafür, dass es ihn und seinen Geliebten geboren hatte. Und er dankte Madaya dafür, dass sie die Welt derfey’eerträumte.

Doch Simia war es noch nicht zufrieden, denn er spürte, anders als die anderen, dass es Dinge gab, die noch nicht benannt worden waren. Und weil Simia das spürte, stellte er Fragen, stellte sich vor das Licht und rief hinein: »Was gibt es noch?«

Er starrte hinein, als versuche er hinter das Licht zu blicken. Doch er bekam keine Antwort, und er sah nichts. Immer wieder und wieder rief Simia ins Licht hinein, flüsterte, sang, flehte und schrie.

Da ging Aldarin zu ihm hin und sprach: »Simia, Geliebter, starre nicht weiter ins Licht! Siehe, deine Augen tränen schon! Ich bitte dich, wende dein Antlitz ab, denn was suchst du da drin, was du hier nicht findest?« Aldarin nämlich fürchtete, seinen Geliebten zu verlieren, und er bangte um dessen Wohl.

Da wandte sich Simia Aldarin zu und küsste ihn heiß: »Aldarin, Geliebter, du hast ja recht! War ich denn blind? Denn nicht den Ursprung suche ich, sondern das Ziel! Ich will mich nicht dahin wenden, woher wir kamen, sondern dahin, wo noch keiner von uns war!Eorla– so soll es sein.«

Und Simia wanderte los, weg vom Licht. Das Licht im Rücken ging er weiter und weiter. Er durchquerte die lichten Wälder von Hainjasala, die sonnenbeschienenen Berge von Tâosala und die fruchtbaren Täler von Ibnassala. Doch immer dann, wenn Simia glaubte, die Grenzen erreicht zu haben, kehrte er, ehe er sich dessen gewahr wurde, wieder zum Licht zurück. Immer wieder und wieder brach Simia zu seiner Reise auf, und immer wieder und wieder kehrte er zum Ort des Aufbruchs zurück. Und jedes Mal saß da Aldarin und wartete auf ihn. Und jedes Mal schmerzten Simia die Liebe und die Einsamkeit im Blick seines Geliebten, und so blieb er manches Mal bei Aldarin und leistete ihm Gesellschaft. Doch schon nach kurzer Zeit wurde Simia erneut unruhig und ging wieder fort.

Aldarin aber hielt ihn nicht zurück. Aldarin klammerte sich nicht an Simia, denn Aldarin liebte ihn und wünschte nur, der Geliebte würde zur Ruhe kommen. Aldarin folgte ihm aber auch nicht nach, Aldarin begleitete Simia nicht auf seiner rastlosen Suche, sondern Aldarin saß und wartete auf den Geliebten. Und er ward zu Aldarin der-auf-Simia-wartet. So wanderte Simia, und so wartete Aldarin, und so verstrichen Äonen.

Es war Nuriel mit-dem-Sternenmal, die dem einsamen Aldarin in jener Zeit oft Gesellschaft leistete. Eine treue Freundin war sie ihm, und Aldarin nannte sie seine Schwester, und sie nannte Aldarin ihren Bruder. Nuriel sang für Aldarin und zeigte ihm die schönsten Dinge. An der Hand zog sie Aldarin mit sich fort und machte ihn lachen und staunen. Sie zeigte ihm das Rascheln der Blätter an den Büschen, sie zeigte ihm das Tropfen des Taus von den Bäumen, sie zeigte ihm das Hüpfen der Steine auf dem Wasser. Wenn Nuriel tanzte, tanzte auch Aldarin, und wenn Nuriel lachte, fiel auch Aldarin mit ein. Und doch vermochte Nuriel das Leid Aldarins nicht zu lindern, denn von Simia konnte sie ihn nicht befreien. Vielmehr geschah es, dass die sehnsüchtigen Lieder, die Aldarin von Simia sang, seine Schwärmerei und seine große Liebe in Nuriel selbst eine tiefe Zuneigung zu Simia weckten. Und schon bald glänzten auch Nuriels rubinfarbene Augen vor Freude, wenn Simia wieder einmal zu ihnen zurückkehrte.

Keiner der Alten Elfen vermochte damals zu sagen, was es war oder wie es geschehen war, doch eines Tages kehrte Simia verändert von seiner Wanderung zurück. Es waren ein Glanz in seinen Augen und eine Melodie in seinen Liedern, die den Kindern des Lichts fremd waren und die Aldarin vor dem Geliebten zurückweichen und sein Gesicht in seinen Händen verbergen ließen.

Und sogleich sprach der veränderte Simia mit lauter Stimme zu den versammeltenfey’e: »Hört, Kinder des Lichts, meine Brüder und Schwestern, was ich euch zu verkünden habe! Alles haben wir geglaubt zu kennen, alles haben wir geglaubt, schon gesehen zu haben, alles haben wir geglaubt, schon benannt zu haben. Doch wisset, dem ist nicht so! Denn was uns nicht umgibt, das haben wir nicht benannt, was keine Macht über uns hat, das haben wir nicht erfahren, was wir nicht spüren können, das haben wir nicht gesehen. Doch ich habe es nun erkannt, das Neue, das Unbekannte. Ich habe es gespürt, ich habe es am eigenen Leib erfahren, indem ich mich ihm ausgesetzt habe, mich ihm unterworfen habe. Hört! Zwei Dinge sind es: Ich nenne das eine »Raum«, und ich nenne das andere »Zeit«, und ich nenne von nun an Raum und Zeit, was die Wirklichkeit ist und was ich will. Und ich nenne das, was nicht die Wirklichkeit ist und was ich nicht will, von nun an Licht und Traum.Eorla.«

Dies waren die Worte von Simia der-aus-dem-Licht-trat, und er sprach sie zu den Kindern des Lichts, die später die Alten Elfen genannt werden würden. Und er sprach sie zu einer Zeit, als noch kein Elf jemals einen Fuß in die Äußeren Wälder gesetzt hatte.

Groß waren daraufhin Verwunderung und Verwirrung unter denfey’e, und viele Fragen stellten sie an Simia, der strahlend vor Begeisterung vor ihnen stand. Simia aber sprach nicht mehr zu ihnen, als er schon gesagt hatte, sondern bedeutete ihnen lediglich, ihm in die Wirklichkeit zu folgen, in der sie Raum und Zeit und noch viele weitere Dinge erfahren würden. Viele Kinder des Lichts entfernten sich daraufhin von dem Platz, an dem Simia stand, und sahen nur mehr aus der Ferne zu ihm hin. Andere Elfen gingen noch weiter von Simia fort und beachteten ihn nicht mehr. Und wieder andere wandten sich zur Gänze von Simia ab und dem Licht zu. Einige wenige aber blieben bei ihm stehen und blickten ihn erwartungsvoll an.

Mitten unter diesen stand auch Aldarin der-auf Simia-wartet, doch seinem Geliebten war Simia nun fremd und unheimlich geworden, denn Aldarin hatte Angst vor Simias Worten, fürchtete die Melodie in seiner Stimme und den Glanz in seinen Augen. Aldarin suchte nach Worten, doch er fand keinen Namen für seine Angst.

Was er aber fand, war die Ahnung in seinem Herzen, dass Simia nicht allein gewesen war auf seiner letzten Wanderung. Bereits mehrmals zuvor hatte Simia Aldarin nämlich von einem einsamen Wanderer erzählt, der ihn auf seinen Streifzügen durch die Inneren Wälder begleitet hatte. Bislang hatte Aldarin geglaubt, dass Simia im Gleichnis gesprochen hatte. Doch er war sich dessen nicht mehr sicher.

Aldarin aber liebte Simia, und er schloss diese Ahnung daher tief in seinem Herzen ein, um sie dort zu begraben und zu vergessen. Und weil es einzig Aldarin gewesen war, der diese Ahnung gehabt hatte, wusste damals niemand der Alten Elfen davon, wie Simia zu seiner Erkenntnis gekommen war. Denn hätten die bei Simia verbliebenen Kinder des Lichts gewusst, wem Simia begegnet war, so wären sie ihm vielleicht nicht weiter gefolgt. Und wären sie ihm nicht gefolgt, so hätten Raum und Zeit, die Simia nun die Wirklichkeit nannte, vielleicht nie Macht über diefey’eerhalten. Und wäre dies nicht geschehen, so hätten die Elfen bis heute keine Geschichte, die hier erzählt werden könnte.

So aber geschah es, dass sich die verbliebenen Kinder des Lichts von Simias Worten überzeugen ließen und sich auch der Wirklichkeit unterwerfen wollten, um das bisher Unbekannte kennenzulernen. Simia aber nahm nicht jeden in sein Gefolge auf, sondern sprach: »Ich will nur jene mitnehmen, die gezeichnet sind, wie ich es bin.«

Simia nämlich trug seit seiner Geburt ein besonderes Mal auf seiner Schulter, das Sternenmal genannt wurde. Und obwohl es in jenen Tagen mehr Sternträger unter den Elfen gab als zu irgendeinem späteren Zeitpunkt, wurde unter den Alten Elfen viel gerätselt und gemutmaßt, was es mit diesem besonderen Mal auf sich haben möge. Simia aber verkündete: »Wisset, dass die Sternträger Erwählte sind. Sie sind auserkoren, als erste in die Wirklichkeit zu gehen.«

Nun war es aber so, dass die Mehrheit der Kinder des Lichts kein solches Zeichen trug. Und unter diesen wollten einige Simia dennoch begleiten, aber Simia ließ es nicht zu und nahm nur die Sternträger in sein Gefolge auf. Unter jenen wiederum, die das Zeichen auf der Schulter trugen, wollte nur einer Simia nicht begleiten, und das war Aldarin. Simia aber bat Aldarin inständig darum, mit ihm zu gehen, flehte ihn an und warb heftig um ihn. Und Aldarin gab dem Werben des Geliebten schließlich nach, umarmte ihn und legte sich zu ihm. Und als Simia ihn fragte: »Wer bist du?«, da antwortete ihm Aldarin: »Ich bin Aldarin der-Simia-liebt.«

Doch auch die große Liebe Aldarins vermochte nicht zu verbergen, dass etwas Fremdes im Geruch und Geschmack des Geliebten verborgen war. Und schon bald konnte es Aldarin nicht mehr ertragen, und er floh die Arme Simias wieder und verbarg sich in der Nähe des Lichts, weil er wusste, dass Simia nicht dorthin gehen und ihn suchen würde.

Simia war darüber unsagbar traurig und fühlte sich von Aldarin verraten und verlassen. Seine Gefährten aber drängten ihn, nun endlich in die Wirklichkeit aufzubrechen.

Die Sternträger, allen voran Lariel, Lemiran und Orima, traten an ihn heran und sprachen: »Simia, was verweilst du noch? Lass uns gehen!«

Und Simia erwiderte: »Nicht ohne Aldarin, denn an ihm hängt mein Herz.«

Da sagte Orima zu ihm: »Doch das seine hängt mehr an Licht und Traum.«

Und Lemiran sprach: »Begleiten würde er dich, wenn seine Liebe nur groß genug wäre.«

Simia aber entgegnete ihnen: »Sprecht nicht auf diese Weise von ihm! Denn das Größte ist seine Liebe und das Reinste. Aus dem Licht ist er mir gefolgt, und er war bei mir von da an, alle Zeit. Gewacht hat er über mich und auf mich gewartet, getröstet hat er mich und mit seinen Armen mich umfangen. Sein Gesicht spiegelte sich in meinen Augen, und das meine spiegelte sich in den seinen. So sind wir eins, und niemals getrennt wollen wir sein.«

Orima erwiderte: »Wenn eure Liebe das Größte und Reinste ist, wovor hast du Angst? Fürchtest du, dass sie vor Raum und Zeit nicht zu bestehen vermag, dass sie nur Licht und Traum ist und in der Wirklichkeit verweht wie Morgennebel?«

Und Simia antwortete: »Nein, das fürchte ich nicht.«

Da sagten die Sternträger zu ihm: »Dann komm und führe uns in die Wirklichkeit, Simia!«

So geschah es, dass Simia schließlich ohne Aldarin aufbrach, um das Herz des Sala Mandra, die Inneren Wälder zu verlassen und mit seinem Gefolge in die Bereiche vorzudringen, in denen das Licht schwächer wurde, in jene Bereiche einzutauchen, in denen Raum und Zeit ihre Macht über die Elfen erhalten würden.

Und das war damals Simias Gefolge: Hinter Simia ging Orima mit-dem-Sternenmal, und an ihrer Seite ging Lariel, gefolgt von Panlariel, die von Shayatariel geleitet wurde. Ihnen folgten die Schwestern Eoandra und Iantana mit den Brüdern Lemiran und Orlan. Dies waren die ersten acht Sternträger. Dahinter kamen weitere sieben mal acht Sternträger, unter welchen sich auch Nuriel mit-dem-Sternenmal befand. Im Ganzen bestand das Gefolge von Simia also aus acht mal acht Sternträgern.

Stolz und aufrecht wanderten die Elfen durch die Inneren Wälder, immer geradeaus, immer weiter vom Licht weg, und sie verschwanden schließlich dort, wo das Licht ein wenig schwächer wurde.

Der Einzige, der ihnen damals nicht nachblickte, weil Tränen seinen Blick verstellten, war Aldarin der-Simia-liebt.

Aldarin der-Simia-folgt

Simia war also aus den Inneren Wäldern in die Äußeren Wälder getreten, um sich der Wirklichkeit auszusetzen. Viele Sternträger hatten ihn begleitet, doch sein Geliebter Aldarin blieb zurück.

Voll der Trauer sang nun Aldarin: »Simia der-aus-dem-Licht-trat ist nunmehr in die Wirklichkeit getreten. Simia ist fort, und fort ist auch Nuriel, meine Schwester. Oh, ich weiß wohl, was Raum und Zeit sind, denn leer ist mir dieser Ort ohne Simia, und lang wird mir die Ewigkeit ohne ihn. Die Wirklichkeit, die du suchst, Geliebter, ich habe sie hier gefunden, indem ich dich verlor.«

Lange weinte Aldarin, und lange wartete er an der alten Stelle auf die Rückkehr des Geliebten. Doch Simia kehrte nicht zurück. Immer wieder und wieder stand Aldarin auf und wanderte umher, machte Blätter rascheln, machte Tau tropfen und machte Steine hüpfen. Doch auch Nuriel kehrte nicht zurück.

Und in der ganzen Zeit, in der Aldarin auf Simia wartete, wurde seine Liebe zu ihm nicht kleiner, sondern sie wuchs. Und schließlich war das Herz Aldarins vor Liebe übervoll. Schließlich brach all sein Sehnen aus ihm hervor. Und schließlich sprach Aldarin: »Genug! Was warte ich auf Simia? Er wird nicht zurückkehren, denn ich bin ihn geflohen, nicht er mich! Das Neue, das Fremde an ihm habe ich gefürchtet. Und anstatt es anzunehmen und zu lieben, als einen Teil von ihm, habe ich es abgelehnt und mich von ihm abgewandt. Ich will losziehen und ihm auf seinem Weg nachfolgen. Ich will losziehen und meine Angst überwinden. Ich will losziehen und mich der Wirklichkeit aussetzen.«

So ward Aldarin mit-dem-Sternenmal zu Aldarin der-Simia-folgt.

Sogleich machte sich Aldarin auf, das Licht hinter sich zu lassen und jene Grenze zu überschreiten, an der das Licht schwächer wurde. Die Kinder des Lichts, die Simia nicht gefolgt waren, sondern in den Inneren Wäldern geblieben waren, sprachen zu ihm: »Aldarin mit-dem-Sternenmal, mit dir geht also der letzte Sternträger von uns fort. Kein Segen scheint dieses Mal auf deiner Schulter zu sein, sondern ein Fluch, der rastlos macht und sehnen. Und doch bist du dem Licht stärker verhaftet als deine Brüder und Schwestern, doch bist du dem Traum näher als diese. So höre, Aldarin! Bewahre die Lieder des Sala Mandra in deinen Ohren! Bewahre die Erinnerung an das Licht in deinen Augen! Und bewahre den Traum in deinem Herzen! So wirst du vielleicht dereinst den Weg zurück zu uns finden.Eorla.« So verabschiedeten die Alten Elfen den Letzten der Sternträger, der sich aufmachte, dem Ersten der Sternträger nachzufolgen.

Lange wanderte Aldarin, denn hinter jedem Baum war noch ein Baum, hinter jedem Berg noch ein Berg und hinter jedem Tal noch ein Tal. Die Inneren Wälder waren den Kindern des Lichts groß und weit. Doch Aldarin erinnerte sich gut an die letzte gemeinsame Nacht mit Simia. In dieser Nacht hatte ihm sein Geliebter erzählt, wie es war, die unsichtbare Grenze zu erspüren, und wie es war, sie dann zu überschreiten. Und so waren Aldarins Sinne hellwach, und seine Augen waren weit geöffnet. So kam es, dass es Aldarin der-Simia-folgt ohne Mühe gelang, die Inneren Wälder des Sala Mandra zu verlassen und in die Äußeren Wälder einzutreten, wo er nach wenigen Schritten sogleich zu Boden fiel.

Mit all ihrer Macht brach die Wirklichkeit über Aldarin herein und warf ihn nieder. Denn wenn ihn Simia auch darauf vorbereitet hatte, die Grenze zu überschreiten, so hatte ihn niemand darauf vorbereitet, der Wirklichkeit hinter der Grenze ausgesetzt zu sein.

Und dieses war das Erste, was Aldarin bemerkte, als er ausgestreckt am Boden lag: das Fehlen von Wärme. Das Zweite, was Aldarin bemerkte, als er sich erhob, war das Fehlen von Licht. Er sah, dass Kühle und Schatten im Überfluss vorhanden waren, doch er hatte keine Worte dafür. Und so nannte er Übermaß-an-Kühle, was die Kälte des anbrechenden Winters war. Und so nannte er Mangel-an-Licht, was das Dunkel der Nacht war.

Bald erkannte Aldarin, dass es einen regelmäßigen Wechsel von Licht und Mangel-an-Licht gab. Wieder und immer wieder. Aber noch während Aldarin so dastand und staunte, wurde er von einem neuen Gefühl erfasst. Hunger und Durst übermannten ihn, und er nannte sie abwechselnd Übermaß-an-Verlangen und Mangel-an-Sattheit. Aldarin merkte, dass er in der Wirklichkeit Wasser und Nahrung brauchte, und er sah sich um. In der Nähe war ein kleiner Bach, und daraus trank Aldarin. In der Nähe waren auch einige Büsche, und davon wollte Aldarin essen, doch die Büsche trugen keine Beeren. Auch Pilze oder Nüsse waren nirgends zu finden. Aldarin wunderte sich sehr. Und er legte seine Hand auf den Stamm einer mächtigen Eiche. Er fürchtete nämlich, dass die Pflanzen hier allesamt ohne Leben seien. Doch Aldarin spürte die Lebenskraft des Baumes, welche die Elfen dasnurdranennen. Der Baum war saftig und voller Kraft. Aber dasnurdrawar tief eingeschlossen im Herzen des Baumes, langsam fließend, fast schlafend.

»Was weckst du mich, Blattloser?«, knarrte der Baumgeist unwillig zu Aldarin. »Der Winter naht, lass uns ruhen!«

Erschrocken zog Aldarin seine Hand zurück, denn eine so unfreundliche Dryade hatte er noch nie erlebt. Und doch war er beruhigt zu erkennen, dass offenbar Leben in den Bäumen und Sträuchern war.

Erneut sah sich Aldarin um und staunte. Und er öffnete seinen Geist, seine Augen, seine Ohren, seine Nase, seinen Mund und die Poren seiner Haut, und er hörte auf das Knacken der Zweige, das Rascheln der Blätter, das Rauschen des Windes, das Plätschern des Baches. Um Aldarin herum scharten sich viele Tiere, große und kleine, Tiere der Lüfte und Tiere der Erde, und sogar die Baumgeister offenbarten sich ihm, und die Quellnymphen zeigten ihm ihr Antlitz, und Aldarin lauschte auch ihnen. So lernte das Kind des Lichts, so lernte der Alte Elf aus den Inneren Wäldern von den Lebewesen aus den Äußeren Wäldern. Er lernte vom Kreislauf der Jahreszeiten und vom Kreislauf des Lebens in der Wirklichkeit. Und weil es den Tieren des Waldes so vorkam, als sei Aldarin einer von ihnen, brachten sie ihm Teile ihrer Wintervorräte, und Aldarin aß davon. Und er tat dies nicht mehr nur aus Freude am Essen, sondern er spürte, dass seinnurdrain der Wirklichkeit die Nahrung und auch das Wasser brauchte.

Nach einiger Zeit merkte Aldarin, wie das Übermaß-an-Kühle immer stärker wurde und wie sich eine dicke, weiße Decke aus Wasser das-zu-kühl-war über die Landschaft legte. Nun war die Kälte so stark geworden, dass Aldarin Schmerz empfand. Sogleich ließ der Elf seine Zauberkraft fließen, die die Elfen dasmandranannten, um mit der Kraft des Lichts seine Haut zu umhüllen.

So kam es, dass Aldarin seinen ersten Zauber in der Wirklichkeit webte, und er erschrak sehr und griff sich an die Brust. Denn die Kraft für seinen Zauber kam aus ihm selbst, und in ihm selbst wurde sie weniger, während er den Zauber wirkte. Aldarin aber war es gewohnt, dass die Kraft immer um ihn war und durch ihn hindurchfloss, von ihm geformt, von ihm gelenkt. Nie wurde dasmandrageringer, stets war es da. Doch nun merkte Aldarin, dass dasmandraaus ihm herausfloss. Nun fürchtete Aldarin, dass sein eigenesmandra, ein Teil seines innersten Selbst, seinesfey, aus ihm herausrinnen würde wie ein steter Strom, so lange, bis nichts mehr davon übrig sein würde.

So versuchte Aldarin mit aller Macht, seinmandrazu halten, seinmandrazu sich zurückzuholen. Doch es war vergeblich. Seine Kraft verflüchtigte sich zwischen den Blättern der Bäume und verlor sich in Schnee und Eis. Mehr noch, auch die wärmende Haut, die Aldarin gewoben hatte, wurde dabei zerstört, und auch sie verflog mit dem Wind und löste sich auf.

Aldarin fühlte sich leer und hohl, seinesmandrasberaubt, dem Tode nahe. Doch er starb nicht, und auch seine Zauberkraft war noch da. Aldarin erkannte, dass lediglich ein kleiner Teil seiner Kraft geschwunden war. Und als er schließlich zur Ruhe kam, spürte er, wie seinmandralangsam wieder zu ihm zurückkehrte, wie er die Kraft, die um ihn war, wieder in sich aufnahm.

So lernte Aldarin, seine Zauber langsamer zu weben und seinmandrasparsamer einzusetzen, weil er erkannt hatte, dass die Kraft in der Wirklichkeit langsamer floss und schwächer war.

Auf diese Weise vergingen Aldarins erste Jahre in der Wirklichkeit, und bald lernte der Alte Elf, sich in ihr zurechtzufinden. Er fand Namen für Kälte und Dunkelheit, für Hitze und Durst, für Müdigkeit und Hunger. Er erkannte, dass Kleidung, Nahrung und Schlaf nicht länger Vergnügen und Zeitvertreib waren, sondern Notwendigkeiten. Und er erkannte, dass er all seine Sinne, all seine Fähigkeiten und all seinmandraeinsetzen musste, um in der Wirklichkeit zu überleben. Und er sah, dass jeder Tag eine Errungenschaft war, dass jeder Schritt durch die Äußeren Wälder eine Leistung war. Und er fühlte sich Simia so nahe, wie schon lange nicht mehr, und sein Herz war voller Freude.

Nun, da Aldarin wieder seines Geliebten gedachte und er sich gewappnet fühlte, in der Wirklichkeit zu leben, brach er auf, Simia weiter nachzufolgen. So verließ Aldarin schließlich den Ort, an dem er in die Wirklichkeit getreten war, und er verabschiedete sich von den Tieren, den Bäumen, den Sträuchern und dem Bach, die ihn aufgenommen und gelehrt hatten. Und Aldarin nannte den Ort voller Dankbarkeit Uydamar, was »Quell des Wissens« bedeutet.

Da Aldarin nicht wusste, wohin sich Simia mit seinem Gefolge gewandt hatte, befragte er die Tiere und Pflanzen des Waldes. Und weil der Zug der acht mal acht Sternträger ein gar ungewöhnliches Ereignis gewesen war, konnten sich die meisten Lebewesen noch gut daran erinnern und dem suchenden Elf den rechten Weg weisen.

So gelangte Aldarin bald zu jener Stelle, die später Aiyeonea, »Weg aus Ahorn«, genannt wurde. Dort fand er das Erste Zeichen seiner Brüder und Schwestern am Rande einer tiefen Schlucht. Die Schlucht war bodenlos und unheimlich, sie schluckte Licht und Geräusch und war allen Lebewesen feind. Ihr Name war den Elfen nicht bekannt, und auch heute spricht man von ihr nur als Arc’anyon, was »Schwarze Schlucht« bedeutet. An ihrem Rand aber stand Enarr’h. Enarr’h war ein mächtiger Ahornbaum, der sein Haupt für immer geneigt hatte, um den Elfen eine Brücke über Arc’anyon zu sein. Aldarin legte seine Hand auf die Haut des Baumes und atmete ein. Er spürte dasnurdra, das einst das Samenkorn hatte aufbrechen lassen, dann den Trieb kraftvoll sprießen ließ, so dass er zu zu einem großen, starken Baum heranwuchs. Äonen vergingen. Dann war das Lied von Nuriel mit-dem-Sternenmal in den Ahornstamm gekommen, die Simia auf dem Zug in die Wirklichkeit begleitete. Nuriel hatte gesungen, ihrmandrain ihre Bitte gelegt, und der Baum hatte ihr den Wunsch gewährt. Aldarin sah es, dankte Enarr’h und zog weiter.

An einem Steilhang fand Aldarin, was heute als Wynea, die »Treppe der Winde« bekannt ist, das Zweite Zeichen seiner Brüder und Schwestern. Es war dies eine Treppe aus Luft, die den Elf in die Höhe trug. In den Winden klang das Lied des Lariel mit-dem-Sternenmal wider, auch er ein Begleiter Simias. Jung und wild, voller Kraft spielten die Lüfte mit Aldarins Haar und machten ihn lachen. Aldarin dankte den Winden und zog weiter.

Als Aldarin den folgenden Talkessel am Fuße des stolzen Vantâo durchquerte, erschrak er plötzlich und blieb stehen. Denn Aldarin spürte ein Übermaß anzerza, wie die Elfen die Kraft des Todes und der Vergänglichkeit nennen, jener Kraft, die demnurdraentgegengesetzt ist. Daszerzawar wahrlich stark in diesem Tal. Die Erde war aufgewühlt, Pflanzen waren ausgerissen, von Bäumen waren nur noch Stümpfe zu sehen, die Luft war erfüllt von Gestank. Aldarin wankte, doch er ging weiter, und so sah er das Dritte Zeichen, das Simias Gefolge hinterlassen hatte.

Der Talboden war übersät mit den Gebeinen fremdartiger Wesen. Aldarin sah totes Holz umwickelt von toten Häuten, bleiche Knochen auf der Erde allüberall. Das Ende des Tals aber war versiegelt durch einen mächtigen Fels, in dem dasmandrader Sternträger noch stark zu spüren war. Aldarin legte seine Hand auf den Stein und atmete ein. Er sah, wie der Berg aus demmandrader Elfen einen neuen Felsen gebar, der das Tal verschloss. Er sah, wie kleinwüchsige, rotstruppige Wesen daraufhin wüteten mit Holz und Stein, wie sie auf den Fels einschlugen, der ihnen den Weg aus dem Tal versperrte. Dann wurden sie schwächer. Und dann töteten sie sich gegenseitig, indem sie erst ihre Alten und dann ihre Kinder fraßen. Doch schließlich verging auch das letzte der pelzigen Wesen vor Hunger, legte sich auf die Erde und starb. Aldarin war darüber sehr verwundert, doch er wandte sich ab und zog weiter.

Beim Überqueren des Klirrfrostpasses, der zwischen den mächtigen Gipfeln des Vantâo und den eisigen Gipfeln des grimmigen Firtâo hindurchführte, entdeckte Aldarin das Vierte Zeichen. Eine Lawine aus Schnee und Eis hatte eine weitere Ansiedlung von rotstruppigen Wesen ausgelöscht, sie mitsamt ihren Steinen, ihrem toten Holz, ihren toten Häuten und Fellen in die Tiefe gerissen, wo ihre zerschmetterten Knochen lagen. Und als Aldarin hinabstieg, um zu erfahren, was geschehen war, da vernahm er das Echo eines Liedes, das noch leise in den Hängen des Firtâo zu hören war. Ein Lied, das Eis und Schnee tauen machte. Und Aldarin wunderte sich sehr, doch er wandte sich ab und zog weiter.

Als Aldarin schließlich auf der anderen Seite des Klirrfrostpasses angekommen war, da ward er umhüllt vom Widerhall des Liedes der Panlariel. Und dieses war das Fünfte Zeichen, das Aldarin von Simias Gefolge fand. Er folgte dem Lied, bis er am Fuße des Hatâo ankam. Eine Lawine aus Feuer war aus dem Inneren des unberechenbaren Hatâo hervorgebrochen und hatte eine Vielzahl zweibeiniger Wesen zu unkenntlichen Klumpen verbrannt. Aldarin erkannte, dass diese Wesen etwas größer und kräftiger waren als die Rotstruppigen, doch im Vergleich zu den Elfen waren sie immer noch kleinwüchsig. Aldarin war es, als seien auch diese Wesen gänzlich mit dichtem Haarwuchs bedeckt gewesen, doch schien das Fell nicht rötlich, sondern schwarz zu sein. Der Alte Elf wurde von tiefer Sorge ergriffen, doch er wandte sich ab und zog weiter.

So erreichte er schließlich, was ihm das Sechste Zeichen seiner Brüder und Schwestern sein sollte. Es war dies ein mit Wasser gefülltes Tal, ein Ort, der heute als Affialgrâ, »Orkensee«, bekannt ist. Die Sternträger hatten mit ihren Liedern einen See entstehen lassen, wo zuvor kein See gewesen war. Kalt und still war das Wasser, und es war klar wie Kristall, sodass man bis auf den Grund des Sees blicken konnte. Und dort sah Aldarin die Leichen von hunderten schwarzpelziger Wesen. Er erschauderte.

Also hatte Aldarin der-Simia-folgt nun die Macht seiner Brüder und Schwestern über Erde, Luft, Stein, Eis, Feuer und Wasser erkannt. Und er wandte sich ab und zog weiter.

Dann wanderte Aldarin lange durch die Täler von Gwanch’alwa, von denen man sagt, dass sie ihre eigene Zeit haben, und stand schließlich am Ufer des tückischen Mandlaril.

Nuriel

Aldarin der-Simia-folgt war schließlich am großen Fluss Mandlaril angelangt, dessen Ufer und Auen übervoll waren von den Liedern seiner Brüder und Schwestern. Aldarin erkannte, dass diese hier verweilt hatten, und so beschloss auch er, hier zu verweilen, um dem Echo ihrer Lieder zu lauschen und um zu erkunden, wohin sie weitergezogen waren.

Wie Aldarin sich niederließ, um seine Gedanken zu ordnen und um zu lernen, so hatten sich auch Simia und sein Gefolge niedergelassen, um ihre Gedanken zu ordnen und um zu verstehen, was sie auf ihrer bisherigen Reise gesehen und gehört hatten. Und so war es an jenem Ort und zu jener Zeit, dass die ersten Legenden der Elfen gedichtet wurden, dass die ersten Lieder der Elfen erklangen und die Kunde von ihrer Anwesenheit und von ihren Taten in die Welt gelangte.

Aldarin lauschte. Und während er lauschte, erlebte er das, was auch Simia und sein Gefolge erlebt hatten. Es war ihm, als wäre er dabei gewesen, als Simia der-aus-dem-Licht-trat aus den Inneren Wäldern getreten war. Es war ihm, als wäre er einer von jenen gewesen, denen Simia mit Rat und Trost zur Seite gestanden hatte, als die Macht der Wirklichkeit über sie hereinbrach. Und er wünschte sich in jenem Moment, es wäre so gewesen. Er sah den Mut und die Zuversicht, die Simia ausgestrahlt hatte, er sah die Neugier in seinem Blick und in jeder seiner Gesten. Und wo Aldarin selbst lange Zeit gebraucht hatte, da hatte Simia ein Bruchteil davon genügt, um sich der Welt der Äußeren Wälder zu bemächtigen.

So hatte es nicht lange gedauert, bis Simia und sein Gefolge wieder aufgebrochen waren, um weiter in die Wirklichkeit vorzustoßen.

Die Lieder, die nun folgten, waren Aldarin sehr vertraut. Sie beschrieben und benannten die neuen Dinge, mit denen die Kinder des Lichts in Berührung gekommen waren. Es erklangen weitere Lieder, die davon handelten, wie die Elfen mit den unbekannten Herausforderungen umgehen sollten, denen sie sich ausgesetzt sahen, und diese Lieder sangen vommandra, ihrer Zauberkraft. Denn dies war der Weg der frühen Elfen: Sie besahen die Dinge und begriffen sie, sie erfuhren sie mit all ihren Sinnen und gaben ihnen Namen. Sodann nutzten sie ihrmandraund machten sich die Dinge in der Wirklichkeit untertan. Dieses war das Siebte Zeichen, und Aldarin nannte estaubraundzertaubra, was übersetzt beides »erzwungene Magie« bedeutet und was der natürlichen Zauberkraft der Elfen, demmandra, entgegengesetzt ist.

Und noch einmal erlebte Aldarin, wie Nuriel den Baum Enarr’h bat, ihr eine Brücke zu sein. Und noch einmal erlebte Aldarin, wie Lariel mit den Winden sprach, damit ihm diese eine Leiter waren. Und dann sah Aldarin, wie Simia und sein Gefolge jenen Talkessel betraten, in dem daszerzaso überaus stark war.

Und zum ersten Mal seit dem Verlassen der Inneren Wälder und auch zum ersten Mal seit dem Verlassen des Lichts erspähten Simia und sein Gefolge Lebewesen, die Madaya sich nie erträumt hatte und die sie deshalb noch nie zuvor gesehen hatten. Es waren keine Elfen, es waren keine Feenwesen, und es waren auch keine Pflanzen. Und obwohl es den Elfen anfangs so schien, so waren es wohl auch keine Tiere. Denn den Kindern des Lichts waren keine Tiere bekannt, die aus Holz und Stein Werkzeuge herstellten, um damit andere Tiere und Pflanzen zu töten und die Erde aufzuwühlen. Und es waren den Elfen keine Tiere bekannt, die sich dann aus den Leichen der anderen Tiere und Pflanzen ihre Häuser und ihre Kleider fertigten und die sich dann inmitten von Tod und Zerstörung niederließen. Die Wesen besaßen zwei Beine und zwei Arme, doch waren an deren Enden Krallen und Klauen anstatt Händen und Füßen. Anstelle des Kopfes saß ein unförmiger Schädel auf ihrem haarigen Körper. Und wo bei den Elfen ein Antlitz war, dort blickte man bei diesen rotstruppigen Biestern in eine schreckliche Fratze.

So waren Simias Gefährten gleichermaßen mit Staunen und mit Abscheu erfüllt, und sie verbargen sich vor den Blicken der Fremden. Simia aber schien diese Wesen schon einmal gesehen zu haben, denn er nannte siegobian’e, was Goblins bedeutet, und er sprach: »Seht, das Volk der Rotstruppigen! Kurzlebig sind sie, doch zahlreich. Diese hundert hier im Tal sind wie ein Blatt an einem Baum, so viele gibt es von ihnen. Überall leben sie, und überallhin breiten sie sich aus. Doch kommt, lasst uns ihnen entgegentreten und ihnen Kunde bringen von unserer Ankunft in der Wirklichkeit!«

Und Aldarin lauschte weiter dem Lied, das da erzählte vom Ersten Treffen zwischen den Elfen und den Goblins, in jenem Talkessel am Fuße des Vantâo unweit der Stelle, an der die Kinder des Lichts aus den Inneren Wäldern getreten waren. Und Aldarin blickte gebannt auf seinen geliebten Simia, wie er sich in all seiner Schönheit den Rotstruppigen offenbarte und sanft zu ihnen sprach. Und Aldarin erkannte mit Entsetzen den Neid und die Missgunst in den hasslodernden Augen der Wildhaarigen. Und Aldarin sah, wie diegobian’ezu ihren Werkzeugen aus Holz und Stein griffen, um auch die edlen Elfen zu erschlagen, wie sie es mit Tieren und Pflanzen zu tun pflegten. Und Aldarin fieberte mit seinen Brüdern und Schwestern, als diese sich zur Flucht wandten und den Weg hinter sich mit der Macht des Felsen versiegelten, auf dass die geifernde Meute ihnen nicht zu folgen vermochte.

Und Aldarin lauschte noch immer den Liedern, die da erzählten von weiteren Begegnungen mit Rotstruppigen und Schwarzpelzigen, die Simiafialgrâ’enannte, was »Orks« bedeutet, mit Schratigen und Riesigen, mit Vielbeinigen und Vielarmigen und einer großen Zahl weiterer sonderbarer Wesen, die allesamt niemals Madayas Träumen entsprungen sein konnten. Vielfach waren so die Gefahren, denen Simia und seine Gefährten in jenen Tagen ausgesetzt waren, und vielfach waren auch die Heldentaten, die sie vollbrachten. Doch von diesen soll an anderer Stelle gesungen werden.

Aldarin erlebte schließlich noch einmal, wie sich die Kinder des Lichts mit Eis, Feuer und Wasser gegen die Völker der Wildhaarigen zur Wehr setzten und wie sie mit ihren gemeinsamen Liedern Großes vollbrachten und dauerhafte Zeichen in die Welt setzten. Und Aldarin erkannte, wie diese Zeichen den fremden Völkern zur Mahnung dienen sollten, der Heimat der Elfen fernzubleiben und dem Volk der Elfen nicht mit Hass und Zorn zu begegnen. Doch Aldarin erkannte auch, wie dieses Bemühen scheiterte, denn die Wildhaarigen verstanden die Zeichen nicht, oder sie deuteten sie falsch, oder sie sprachen nicht untereinander darüber und trugen die Warnung nicht weiter. Und so waren die Kinder des Lichts gezwungen, viel ihrer Zeit und ihrer Zauberkraft dafür aufzuwenden, jene von sich fernzuhalten, die sie schon wenig später den »Ewigen Feind« nennen würden.

Und als Aldarin so dasaß und den Liedern über den Ewigen Feind seines Volkes lauschte, da spürte er etwas, was ihn zutiefst erschütterte. Denn für einen Augenblick war Aldarin nicht im Augenblick gewesen. Er war nicht im Hier und Jetzt verwurzelt gewesen, wie es bei den Elfen üblich war, sondern er war im Dort und Dann gewesen, und er hatte eine Ahnung gehabt, dass der Feind eines Tages bis in die Inneren Wälder von Sala Mandra vordringen könnte.

So war es an jenem Ort und zu jener Zeit, dass Aldarin zum ersten Mal die leisen Töne eines noch ungesungenen Liedes vernahm. Ungesungen war es und unendlich. Zittern machte es den Elf und rastlos. Und so zog Aldarin die Auen auf und ab, auf der Suche nach dem Ursprung dieses einen Liedes. Und so fand Aldarin schließlich Nuriel, schlafend im Schilf.

Da fiel alle Anspannung mit einem Mal von ihm ab, sein Herz machte bei ihrem Anblick einen Sprung, und Tränen der Freude quollen aus seinen Augen. Da lag seine Schwester in einem Bett aus Schilf und Seerosen, friedlich schlummernd und sanft von den Wellen geschaukelt. Lange verweilte Aldarin und konnte sich nicht satt sehen an ihrer Schönheit. Schließlich aber trat er an sie heran, um sie zu wecken. Nuriel aber erwachte nicht. Ein starker Zauber war um Nuriels Leib gewoben, und Aldarin konnte nicht durch ihn hindurchdringen, um an Nurielsfeyzu rühren. Da hob Aldarin sie hoch und trug sie ans Ufer, um sie aus dem Schlafzauber des Flusses zu befreien, denn Aldarin wusste um die Macht des Mandlaril. Doch auch am Ufer blieben Nuriels Augen geschlossen. Da ließ Aldarin die Blätter rascheln, ließ Tau von den Bäumen tropfen und ließ die Steine auf dem Wasser hüpfen, doch Nuriel rührte sich nicht. Aldarin tanzte um Nuriel herum, doch Nuriel erhob sich nicht. Aldarin lachte, doch Nuriel blieb stumm.

Verzweifelt sank Aldarin neben seiner Schwester zu Boden und nahm ihre Hand. Erst da erkannte er, wie kalt Nuriels Haut war und wie kraftlos ihre Glieder.

Da klagte er laut: »Nuriel, geliebte Schwester, was ist das für ein Zauber, der auf dir liegt? Ich kann deinnurdranicht spüren, ich kann deinfeynicht ertasten, deinmandraist fort ... Oh, Nuriel, bitte wach auf!«

Erneut vernahm Aldarin leise Töne eines ungesungenen Liedes, und große Angst erfüllte sein Herz. Da legte der Elf seinmandra