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Vor 8.000 Jahren: Das Heldenzeitalter der Elfen ist angebrochen und das alte Volk hat seinen Geburtsort in den Salamandersteinen verlassen und sich aufgemacht, die Welt zu erobern. Der größte Held jener Zeit ist Lemiran mit-dem-Sternenmal, ein Kampfgefährte des legendären ersten Hochkönigs der Elfen, Simia der-aus-dem-Licht-trat. Lemiran ist ein vollendeter Meister mit Speer und Bogen, und die Götter jener Zeit streben danach, ihn zu ihrem Streiter zu machen. Sie buhlen um seine Verehrung, doch der stolze Krieger will sich nicht beugen. Schon bald befindet er sich nicht nur im Kampf mit Riesen, Orks und Goblins, sondern auch mit den Göttern und mit seinem eigenen Schicksal. Lemiran ist eine Erzählung aus dem legendären Faedhari, dem magischen Geschichtsbuch der Elfen.
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Seitenzahl: 382
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Biografie
Stefan Unterhuberwurde 1979 in Oberösterreich geboren und lebt, nach einem kurzen Aufenthalt in Wien, heute wieder dort. Er ist verheiratet und hat eine Tochter und einen Sohn. Nach seinem Abschluss in Medientechnik und -design an der Fachhochschule Hagenberg ist er seit 2004 in der IT-Branche tätig.
Privat sind Bücher seine große Leidenschaft und auch das RollenspielDas Schwarze Augehält ihn seit den frühen 90er Jahren in seinem Bann.
Bereits inAldarinentführte Stefan Unterhuber seine Leser in die phantastische Vergangenheit der aventurischen Elfen.Lemiranist sein zweiter Roman.
Stefan Unterhuber
Lemiran
Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©
Originalausgabe
Impressum
Ulisses SpieleBand 11094
Titelbild: Nadine Schäkel Aventurienkarte: Ralf Hlawatsch Lektorat: Michael Fehrenschild Buchlayout: Ralf Berszuck E-Book-Gestaltung: Michael Mingers
Copyright © 2014 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems.DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE,MYRANOR, RIESLAND, THARUN und UTHURIA sind eingetragene Marken der Significant GbR.
Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Bearbeitung, Verarbeitung, Verbreitung und Vervielfältigung des Werkes in jedweder Form, insbesondere die Vervielfältigung auf photomechanischem, elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der Ulisses Spiele GmbH, Waldems, gestattet.
Print-ISBN - 9783868893946
Widmung
Für Johanna
Zum Geleit
Aus einem Brief des Übersetzers an den Herausgeber dieses Buches, gegeben in Mittelaventurien, etwa 1.000 Jahre nach Bosparans Fall:
Die Zwölfe mit Euch, mein teurer Freund,
lasst mich dieses Schreiben an Euch damit beginnen, Euch meinen herzlichsten und aufrichtigsten Dank auszudrücken, denn mein ewiger Dank gebührt Euch für vielerlei! Zum einen dafür, dass ihr meine an Euch übermittelte Übersetzung der »Bücher Aldarin« tatsächlich veröffentlicht habt, zum anderen dafür, dass Ihr so freundlich wart, mir ein Exemplar des gedruckten Büchleins zu hinterlegen und schließlich für Euer wohlwollendes Antwortschreiben, in dem Ihr mir gar einen Anteil an den Verkaufserlösen zusichert.
Nun, für Letzteres möchte ich Euch beinahe ein bisschen schelten, erweckt es doch den Anschein, ich hätte die Mühsal der Übersetzung auf mich genommen, um mein Säckel zu füllen, wo ich doch ganz und gar der Herrin Hesinde verschrieben bin. Nein, nein, mein Bester, für ein paar Gold- und Silbermünzen habe ich mich nicht jahrelang Tag für Tag und Nacht für Nacht beim Schein von blakenden Kerzen hingesetzt und ein paar Seiten aus dem Faedhari übersetzt. Zum Wohle der Allgemeinheit und im Dienste der Wissenschaft ist dies geschehen, und ich weiß nun, dass es meine Lebensaufgabe ist, so viel als möglich von diesem magischen Geschichtsbuch der Elfen für die Nachwelt zu bewahren.
Wer weiß, ob die Elfen jemals wieder einem Fremden Einblick in das Faedhari gewähren werden? Wer weiß, wie lange die alten Geschichten noch lesbar sind? An manchen Stellen verblasst die Schrift schon merklich! Ich hatte euch ja bereits in meinem letzten Brief geschildert, was es mit der Magie des Elfenbuches auf sich hat:
»Ganz von selbst schreibt sich das Buch nämlich fort, und von selbst verändern sich auch die schon niedergeschriebenen Passagen immer wieder in ihrem Wortlaut, denn das Faedhari wird von der Vorstellungskraft und der Überlieferung der elfischen Legendensänger geformt, und was diese singen, das findet Eingang in das Buch, und wovon sie nicht mehr singen, das verblasst.«
Erinnert ihr Euch? Gewiss erinnert Ihr Euch, und vermutlich werdet Ihr Euch auch dessen entsinnen, dass ich versprach, mich auf eine Reise zu begeben, um den Wahrheitsgehalt des Faedhari anhand von Schilderungen aus den Büchern Aldarin zu überprüfen, dass ich versprach, mich auf die Suche nach der Fee Pandlaril, den erwähnten Tierkönigen, ja, nach dem Elf Aldarin selbst zu machen.
Nun, nichts davon habe ich getan. Stattdessen blieb ich sitzen, wo ich saß, als ich jene Worte geschrieben habe und steckte sogleich meinen Kopf wieder zwischen die Seiten des Elfenbuches, denn so vieles gibt es noch zu lesen und so kurz ist die Zeit, die mir noch bleibt.
Kein Sorge, mein Lieber, ich fühle mich wohl und ich bin gesund, doch nicht mehr der Jüngste, wie Ihr wisst, und in Anbetracht der Tatsache, dass es mich Jahre gekostet hat, um nur einige wenige der tausenden Seiten des Buches zu übersetzen, ergreift eine lähmende Furcht mein wissbegieriges Herz.
Kaum war die Arbeit an den Büchern Aldarin getan, stellte sich mir die Frage: was nun? Womit sollte ich fortsetzen? Mit den »Büchern Fenvarien«, die vom letzten Hochkönig der Elfen berichten? Oder mit den »Büchern Pardona«, in denen von jener Elfe gesungen wird, die den Untergang des gesamten Volkes eingeleitet haben soll? Doch zu hastig würde ich damit voranschreiten, vom Anfang direkt an das Ende springen, so vieles bliebe im Dunkeln... Nein, ich musste meine Ungeduld bezwingen und erneut am Anfang beginnen!
So findet nun im Päckchen, das diesem Schreiben beiliegt, die »Bücher Lemiran«, die ich ebenso wie die Bücher Aldarin nach bestem Wissen und Gewissen aus dem Original ins Garethi übersetzt habe. Und ebenso wie bei Aldarin, so erging es mir mit der Geschichte Lemirans, der ebenfalls einer der ersten Elfen gewesen sein soll, die der Legende nach vor Tausenden von Jahren aus der mystischen »Lichtwelt« in unsere Welt getreten sind. Auch bei dem Liedzyklus um Lemiran handelt es sich um eine uralte und in Dutzenden Varianten überlieferte Erzählung, die wie das gesamte »Geschichtsbuch« auf äußerst fragwürdigen Quellen beruht. Denn so wie Aldarin war auch Lemiran stets allein unterwegs, und der Verlauf der Geschichte macht es sehr unwahrscheinlich, dass die Hauptfigur die Lieder selbst verfasst hat. Wir haben es also mit Überlieferungen aus zweiter, dritter und wohl auch vierter Hand zu tun, mit sich widersprechenden Querverweisen und fehlenden Quellen, sowie mit wechselnden Blickwinkeln auf das Geschehen, sodass insgesamt auch für Lemiran gilt, was bereits bei Aldarin gesagt wurde:
Auch wenn das Faedhari einer menschlichen oder zwergischen Definition von »Geschichtsbuch« nicht entspricht, so handelt es sich bei dem Buch doch zweifelsohne um ein hochmagisches und gut gehütetes Buch der Elfen, das sich selbständig zu schreiben scheint. Deshalb erscheint eine Übersetzung wie auch eine Veröffentlichung dieser Übersetzung angebracht und zweckdienlich, um einen Einblick in das zu geben, was sich viele Tausend Jahre vor dem heutigen Tage zugetragen haben könnte. Natürlich ist bei der Interpretation der geschilderten Ereignisse höchste Vorsicht geboten, und als Übersetzer möchte ich mich an dieser Stelle auch ausdrücklich von allen in den Büchern Lemiran vorkommenden Lästerlichkeiten und Ungeheuerlichkeiten distanzieren. Als Mann der Wissenschaft bin ich der Wahrheit verpflichtet, und wenn die Elfen das Wort »Götter« verwendet haben, dann muss ich »Götter« schreiben, wiewohl es vielleicht besser »Götzen« oder gar »Dämonen« heißen müsste.
Mein lieber Freund, lasst mich in diesem Zusammenhang auch mein Bedauern darüber ausdrücken, dass Euch wegen einiger Passagen im Büchlein Aldarin Unannehmlichkeiten mit der Inquisition ins Haus stehen könnten, wie Ihr geschrieben habt. Ich muss gestehen, dass ich diese Möglichkeit überhaupt nicht in Betracht gezogen hatte, als ich die Bögen an Euch schickte. Ich bin allerdings zuversichtlich, dass Euch da, wo Ihr Euch aufhaltet, kein Ungemach droht. Nein, verzeiht, es ist weniger Zuversicht, als vielmehr eine ehrliche und tief empfundene Hoffnung...
Unter den eben geschilderten Umständen könnte ich es nun natürlich nachvollziehen, wenn ihr dieses Mal von einer Veröffentlichung der Bücher Lemiran absehen würdet, wenn ich auch offen zugebe, dass ich mit jeder Faser meines Leibes dieser Veröffentlichung entgegenfiebere und sie aus ganzem Herzen herbeisehne. Ist es doch der einzige Lohn für meine Mühen, zu wissen, dass meine Arbeit einem breiten Publikum zugänglich ist, und dass zumindest irgendwo in der Universitätsbibliothek zwei kleine, in schlichtes Leinen gebundene Büchlein stehen, Seite an Seite, die einen ebenso kleinen Auszug aus der gewaltigen Geschichte der Elfen Aventuriens enthalten.
Nun denn, gehabt Euch wohl, mein teurer Freund, und möge Hesinde Euch auch diesmal Weisheit und Einsicht schenken,
Der Übersetzer
Nachtrag: Es mag ratsam sein, bereits am Beginn des Buches auf den Anhang zu verweisen, in dem sich einige meiner Anmerkungen zu den einzelnen Kapiteln finden. Allerdings wäre es ebenso ratsam, jene Anmerkungen erst am Ende eines jeden Kapitels oder überhaupt erst am Ende der gesamten Erzählung zu studieren.
DAS ERSTE BUCH LEMIRAN
Dies ist die Schrift aus dem Ersten Buch Lemiran,in dem gesungen wird von Lemiran mit-dem-Sternenmal.
Lemiran mit-dem-Sternenmal
Einst waren Tage, in denen es keine Zeit gab, und einst waren Tage, in denen es keinen Raum gab, und in jenen Tagen jenseits von Raum und Zeit lebten die ersten Elfen in Licht und Traum.
Wohl gab es dort, wo diese Elfen lebten, ein hohes Gebirge, und das Gebirge war von tiefen Wäldern wie von einem Mantel umgeben, und in den Wäldern fanden sich Bäume und Sträucher, Vögel und Wildtiere, Bäche und Teiche. Doch gab es dort, wo sich die Elfen aufhielten, auch eine Quelle aus reinem Licht, die alles überstrahlte und mit ihrem Glanz bedeckte. Und das Strahlen und Glänzen machte alle Dinge funkeln und glitzern, machte die Bäume lachen und die Tiere sprechen und erfüllte mit Leben und sprühender Magie, was anderswo leblos und taub war.
Jene Quelle aus Licht war es auch, aus der die Elfen einst geboren worden waren, aus der diese Wesen hervorgetreten waren, die sich selbst »Kinder des Lichts« nannten, und die später und von anderen »Alte Elfen« genannt werden sollten. Hervorgetreten waren sie, weil sie begierig darauf waren zu wissen, was es hinter dem Licht zu schauen gab.
So blickte einst auch ein Wesen namens Lemiran durch einen gleißenden Vorhang aus Licht, und eine große Neugierde war in seinen Augen. Und da ward es sein Wille, geboren zu werden und die Welt hinter dem Licht zu erkennen. Und so ward er geboren durch seinen eigenen Willen, und so ward er geboren aus reinem Licht, und er wardfey, was Elf-sein bedeutet.
Gemeinsam mit vielen anderenfey’e, die es ihm gleichgetan hatten, lebte Lemiran fortan im Herzen jener Wälder, die heute Sala Mandra genannt werden. Nahe der Quelle aus Licht lebte er, und ganz durchdrungen war er von ihrem großen Leuchten und von der Magie, die von ihr ausströmte. In die Elfen hinein strömte die lichte Zauberkraft, durch sie hindurch floss sie, und ganz und gar erfüllt wurden die Kinder des Lichts von ihr. So wurde die Magie zu einem Teil ihres Wesens, und diesen Teil ihresfeynannten die Elfen dasmandra. Und so lebten sie in Einklang mit dem Licht, in Harmonie mit ihremfeyund ihremmandra, und sie bestaunten die Dinge, die in der Welt hinter dem Licht zu entdecken waren, begriffen die Bäume und Sträucher, die Vögel und Wildtiere, die Bäche und Teiche. Also besahen sie die Welt, die da war. Und die Welt, die da war, war da, weil die Lichtelfe Madaya da war und sie geträumt hatte. Dessen waren sich diefey’ebewusst, und sie waren es zufrieden.
Zufrieden war es auch Lemiran, denn in den Träumen Madayas fand er, wonach er gesucht hatte, wonach seine Neugier ihn hatte Ausschau halten lassen. Er fand den Wind, der durch die Zweige rauschte und tanzende Blätter vor sich hertrieb. Er fand die Sonne, die ihre glitzernden Strahlen durch die Baumkronen schickte und ihn ihre Wärme auf seiner Haut spüren ließ. Er fand das Wasser eines wilden Baches, das fröhlich gurgelte und plätscherte und sein Gesicht und seine Zunge mit seiner Kühle netzte.
Und im Spiel mit Wind, Sonne und Wasser, in der Begegnung mit Bäumen und Sträuchern, mit Vögeln und Wildtieren fand Lemiran sich selbst, spürte seinen Körper und fühlte die Kraft, die darin wohnte. Das Leben war es, das er fühlte, das Werden und das Wachsen, das Gedeihen und Sich-Entfalten, das, was die Elfen dasnurdranennen. Und seinnurdramachte ihn lachen und tanzen, es machte ihn laufen und springen, klettern und schwimmen. Schneller als der Wind versuchte er zu sein, flinker als ein Reh. Höher klettern als ein Eichhörnchen wollte er und sich im dichten Blattwerk vor den Strahlen der Sonne verbergen. Einem Lachs gleich wollte er aus den Fluten springen, und gegen den starken Strom des Wassers versuchte er zu schwimmen.
So war Lemirans Leben stets unbeschwertes Spiel und fröhlicher Wettstreit mit den Elementen und mit den Tieren des Himmels, des Wassers und der Erde. Die anderenfey’estanden oft dabei,erfreuten sich am Kräftemessen und feierten Lemirans Siege gleichermaßen wie seine Niederlagen. Keiner von ihnen aber sah, dass Lemiran in Wahrheit ein Krieger war, dass er von jeher ein Kämpfer war, dem der Wettstreit und der Wille zum Sieg im Blute lagen, und dass er nicht aufhören würde, niemals ruhen würde, bis er schließlich alles besiegt hatte, was er sich zum Gegner erkoren. In der Welt der Elfen jener Zeit gab es nämlich keinen Krieg, und es gab keinen Kampf. Friede herrschte in den Wäldern von Sala Mandra und Ruhe, Licht war überall und Traum. Und da es Krieg und Kampf in ihrer Welt nicht gab, hatten diefey’ekeine Worte dafür, und so konnten sie nicht benennen, was sie sahen. Also benannten sie es nicht, sondern sie standen dabei und lachten und tanzten.
Einer unter ihnen aber lachte und tanzte nicht, und sein Name war Simia der-aus-dem-Licht-trat. Simia nämlich nahm etwas wahr, das das Leben der Elfen bedrohte. Er fühlte, dass sich etwas von außen dem Herzen der Wälder von Sala Mandra näherte, etwas, das nach Verderben roch, etwas, das Gefahr ausstrahlte. Und als er sich dessen gewahr wurde, da erkannte Simia den Willen zum Sieg in Lemirans Tun, da sah er die Kraft in Lemirans Armen, die Stärke in Lemirans Beinen, die Schärfe in seinem Blick und die Wachsamkeit in all seinen Sinnen.
Da trat Simia aus der Gruppe der Elfen hervor und ging auf Lemiran zu. Er berührte ihn an der Schulter und sprach: »Sehet Lemiran, der das Sternenmal auf seiner Schulter trägt! Ein Erwählter ist er unter den Elfen, und erwählt ist die Kraft seines Leibes, die uns vor Unheil bewahren wird.«
Mit einem Mal war da ein großes Stimmengewirr unter den Elfen, und ein Raunen und Rufen mischte sich in das Säuseln des Windes und das Plätschern des Baches.
Erschrocken riefen diefey’eaus: »Von welchem Unheil sprichst du uns, Simia?«
Simia antwortete ihnen: »So hört mich an, meine Brüder und Schwestern! Jenseits unserer Welt aus Licht und Traum, die Madaya uns wohl bereitet hat, gibt es eine Welt aus Raum und Zeit, in der Dinge sind und Dinge geschehen, für die wir keine Worte haben. Auch Wesen leben dort außerhalb unserer Wälder, die wir noch nie gesehen haben, und die nicht von Madaya erträumt wurden. Kein Licht tragen diese Kreaturen in sich, und keinen Anteil haben sie an unserer Welt. Gleichwohl nähern sie sich den Wäldern, die unsere Heimat umgeben, und bedrohen so unser Leben und gefährden so Licht und Traum. Dies ist das Unheil, von dem ich euch spreche.«
Die Kinder des Lichts hörten Simias Worte und schenkten ihnen Glauben, denn Simia war der erste Elf, der je aus dem Licht getreten war, und er war ein Wanderer und Forscher unter denfey’e, der Madayas Welt vom ersten Augenblick an bereist und erkundet hatte. Einige Kinder des Lichts wähnten, dass Simia auf seinen Reisen gar über die Grenzen von Licht und Traum hinaus geschritten war und hinter den Nebel geblickt hatte, hinter dem sich die Dinge verbargen, die er »Raum und Zeit« nannte, und von denen er häufig zu ihnen sprach. Jene stellten auch Vermutungen darüber an, dass Simia es nicht dabei hatte bewenden lassen, jene äußere Welt nur zu schauen, sondern dass er auch den letzten Schritt gewagt, die Schwelle übertreten und Raum und Zeit geatmet hatte.
So zweifelten sie nicht an seinen Worten, als er ihnen von der Bedrohung ihrer Heimat durch fremde Wesen sprach, und so scharten sie sich um ihn und bestürmten ihn mit Fragen.
Sie fragten ihn: »Was können wir tun, Simia? Wie können wir unsere Wälder vor dem Unheil bewahren?«
Und Simia antwortete ihnen: »Zweierlei sind die Dinge, die ihr tun müsst. Als erstes müsst ihr werden wie Lemiran, stark an Körper und Geist. Dasnurdramüsst ihr in euch fühlen und dasmandra. Schnell wie der Wind müsst ihr werden, flink wie ein Reh und behände wie ein Eichhörnchen. Und dann müsst ihr werden wie ich, bereit, alles hinter euch zu lassen, was euch vertraut ist. Euren ganzen Mut müsst ihr zusammennehmen und jene Schwelle übertreten, die Licht und Traum von der Wirklichkeit trennt.«
Da riefen die Kinder des Lichts: »Wir wollen stark sein wie Lemiran und mutig wie du, Simia. Wir wollen dir nachfolgen. Schreite du uns voran!«
Simia sprach: »Doch wisset, wer mir nachfolgt, wird sein wie ein Baum, der seine Wurzeln aus der Erde zieht und seinen Hain verlässt, er wird sein wie ein Vogel, der seine Federn abwirft und auf den Füßen einherschreitet, und er wird sein wie ein Fisch, der aus dem Wasser springt und über den Boden kriecht.«
Als sie Simias mahnende Worte vernahmen, da wandten sich einige derfey’eab und wichen vor Simia zurück, andere wiederum scharten sich noch enger um ihn.
Laut riefen diese: »Eorla, so sei es!«
Neben Simia aber stand noch immer Lemiran, und noch immer ruhte die Hand Simias auf seiner Schulter. Da legte auch Lemiran seine Hand auf die Schulter Simias, und so schloss er sich ihm an. Auf diese Weise ward nun sein Schicksal besiegelt, und so ward er von nun an genannt: Lemiran mit-dem-Sternenmal.
Der Zug in die Wirklichkeit
Es geschah in der Morgendämmerung, dass Simia der-aus-dem-Licht-trat sein Gefolge aus dem Herzen der Wälder von Sala Mandra in die Wirklichkeit führte. Und der Morgen dämmerte in jenem Augenblick nicht nur für Simia und die acht mal acht Sternträger, welche ihm nachfolgten, sondern für die gesamte elfische Rasse. An der Stelle, an der die Inneren Wälder von Sala Mandra in die Äußeren Wälder übergingen, erschien ein erster, zaghafter Sonnenstrahl, doch er kündete bereits von dem hellen Licht, das sich mit denfey’eschon bald überall hin ausbreiten sollte. Kinder des Lichts waren sie, und zurück ließen sie das Licht, aus dem sie geboren waren und den Traum, in dem sie für Äonen gelebt hatten. Sie traten ein in eine ihnen unbekannte Welt, die beherrscht wurde von Raum und Zeit.
Unter den Alten Elfen befand sich auch Lemiran mit-dem-Sternenmal, und ein großes Opfer war es ihm, den Schritt in die Wirklichkeit zu tun. An Mut jedoch mangelte es ihm nicht, und so war er einer der ersten, die es Simia gleichtaten und jene unsichtbare Schwelle überquerten.
Ein lautes Seufzen und Wehklagen erhob sich unter denfey’e, als sie in Berührung mit der Wirklichkeit kamen, und auch Lemirans Kehle entfuhr ein entsetzter Schrei. Denn mit einem Mal war die Welt blasser und kühler, sie war dunkler und lebloser, sie hatte ihren Glanz und ihre Magie verloren. Und mit einem Mal waren auch die Kinder des Lichts blasser, ihre Haare wirkten spröde, ihre Haut war matt, und ihre Augen funkelten nicht mehr. Die Elfen mussten einander stützen, um nicht den Halt zu verlieren und zu Boden zu stürzen, so groß war die Macht der Wirklichkeit, die auf sie herniederbrach. Mit großem Staunen in den Augen blickte Lemiran sich um, und er erkannte, dass es wohl ein hoher Preis sein würde, den diefey’eam Ende für diesen Schritt würden entrichten müssen. Aber die Sorge um die Heimat und die Sorge um das Wohl seiner Brüder und Schwestern im Herzen der Wälder ließen ihn voranschreiten und ließen ihn selbst zur Stütze für jene werden, die da rings um ihn vor Verzweiflung weinten und vor Angst schrien. Also trat Lemiran zu jenen hin und nahm sie an der Hand, er legte seinen Arm um ihre Schultern, und er sprach zu ihnen ruhige Worte des Trostes und der Zuversicht, während er selbst nach Simia Ausschau hielt.
Jener nämlich hatte nicht geschrien, jener hatte nicht geseufzt. Nur geblinzelt hatte er, und leicht war er gewankt, als er die Schwelle in die Wirklichkeit überschritten hatte, doch sogleich war sein Blick wieder sicher und sein Stand wieder fest gewesen.
Mitten unter die Kinder des Lichts trat Simia nun, und er sprach: »Sehet die Welt, wie sie wirklich ist! Hunger gibt es in ihr und Durst, Kälte gibt es in ihr und Hitze. Es gibt den Frühling, den Sommer, den Herbst und den Winter, die sich abwechseln immerzu und immerfort. Wisset, dass alles ein Werden ist und ein Vergehen, denn alle Dinge, die in der Welt leben, sterben auch wieder in ihr! Seht die Bäume, die umstürzen und vermodern, seht die Tiere, die auf der Erde liegen und verwesen! Wisset, dass alles ein Kampf ist und ein Wettstreit, denn es gibt Jäger und Gejagte, Sieger und Besiegte, Starke und Schwache! Doch fürchtet euch nicht, denn nun gibt es auchfey’ein der Welt!«
Voller Verzweiflung riefen einige der Alten Elfen aus: »Doch es gibt keine Schönheit in der Welt!«
Da antwortete Simia ihnen: »Ja, ihr habt recht. Auch an Weisheit mangelt es der Welt und an Magie. Doch ich sage euch: Wir sind auserwählt, um die Schönheit, die Weisheit und den Glanz unseresmandrain die Welt hinauszutragen, denn sie wurde uns Elfen zum Geschenk gemacht. Ein unfertiges Geschenk jedoch ist uns die Welt, nicht bereits geformt durch Madaya und ihre Träume. Roh und grob liegt sie vor uns, dazu bestimmt, dass wir sie uns selbst bereiten.«
Die Elfen aber erwiderten: »Nur spärlich fließt dasmandrain der Wirklichkeit, und nur sehr wenig scheint davon vorhanden. Wie können wir uns da die Welt bereiten, wie Madaya es tat?«
Simia entgegnete: »Nichts habt ihr verstanden, wenn ihr die Wirklichkeit mit Madayas Träumen vergleicht. Seht her!«
Und er trat zu einer mächtigen Eiche hinzu, legte seine Hand auf ihren Stamm und sang dabei ein zaubermächtiges Lied. Das Lied hieß den Baum, sich in acht Stränge zu teilen, und daraus flocht Simia ein Gebilde, wie es diefey’enoch nie zuvor gesehen hatten. Sodann sang Simia ein weiteres Lied, rief damit den Wind herbei und ließ ihn durch die Zweige und Äste der neu geformten Eiche streifen. Eine wunderschöne Melodie erklang, die die Elfen zu Füßen des Baumes lachen und tanzen machte. Erneut wandelte Simia seinen Gesang, und ein nahegelegener Bach änderte daraufhin seinen Lauf, sodass er die Eiche nunmehr direkt umfloss. Damit die tanzenden Elfen jedoch nicht nass wurden, hieß Simia Steine aus der Erde emporsteigen und Plattformen auf der einen Seite des Baumes bilden, und auf der anderen Seite ließ er zum Entzücken der Tänzer das Wasser zu Eis erstarren. Als es schließlich dunkel wurde, sang Simia noch ein letztes Lied. Sogleich entzündeten sich alle toten Bäume, alle verdorrten Sträucher und alle herabgefallenen Äste in der Umgebung, und ein großes Feuer erhellte die Nacht. Das Feuer spendete Licht und wärmte die Elfen, ohne jedoch auch nur einem Tier oder einer Pflanze zu schaden.
Als es vollbracht war, wandte sich Simia wieder denfey’ezu und sprach: »Seht die Kraft desmandra, wenn es durch einenfeyzu Zauberliedern gewoben wird! Seht, wie ich durch mein Lied etwas erschaffen habe, das Madaya nicht erträumt hat, etwas, das noch niemand jemals erträumt hat! Und dieses ist das Geheimnis der Wirklichkeit: Was immer wir uns vorstellen, was immer wir uns wünschen, wenn wir davon singen und unsermandrain unser Lied fließen lassen, dann wird es durch den Sänger wirklich für uns und für alle, die in der Welt leben. Nunmehr entscheidet nicht mehr, was Madaya träumt und geträumt hat, sondern nunmehr entscheidet einzig der Wille des Sängers.«
So sprach Simia zu den Sternträgern, die mit ihm in die Wirklichkeit ausgezogen waren, und jene hörten es, und sie waren frohen Mutes und priesen seine Weisheit. Auch Lemiran mit-dem-Sternenmal hatte gebannt den Worten Simias gelauscht und seine Taten beobachtet, und er dachte lange darüber nach, was er gehört und gesehen hatte.
Schließlich erhob sich der Alte Elf und wanderte in jenem Gebiet umher, in das die Kinder des Lichts auf ihrem Zug in die Wirklichkeit als erstes gelangt waren, und das später Aigyasala genannt werden sollte, was »Eichenplatz« bedeutet. Manche seiner Brüder und Schwestern taten es Lemiran gleich und zogen umher, um die Wirklichkeit mit ihren Füßen und Händen zu erkunden. Andere näherten sich dem Baum Simias und versuchten, seine Wunder mit ihremmandrazu ergründen. Und wieder andere verweilten sehr lange an ein und demselben Ort und wagten lange Zeit nicht die kleinste Bewegung.
Lemiran aber war voller Tatendrang und brannte darauf, die Welt, die um ihn herum war, zu erkunden. So wie er im Herzen der Wälder mit den Rehen, Eichhörnchen und Lachsen um die Wette gelaufen, geklettert und geschwommen war, so wollte er es nun wieder tun, um seine Kräfte in der Wirklichkeit zu erproben. Doch der Elf musste erkennen, dass die Rehe flohen, wenn er sich ihnen näherte, und dass die Eichhörnchen seine freundlichen Worte nicht verstanden. Auch die Lachse schwammen davon, wenn er ins Wasser stieg. Und Lemiran wunderte sich sehr, doch er lief weiter durch die Wälder und öffnete seine Augen, seine Ohren und seinen Geist, denn er wollte die Wirklichkeit verstehen lernen.
Und das sah Lemiran: Er sah einen Adler auf einen Hasen herabstürzen, diesen packen und davontragen, sah einen Löwen einem Reh nachlaufen, es niederreißen und zerfleischen, sah einen Wolf einem Hirsch an die Kehle springen und ihn zu Boden ringen. Er wurde Zeuge, wie Tiere ihre Nachkommen zeugten und gebaren, wie sie die eigenen Nachkommen säugten und die von anderen töteten. Er sah Pflanzen keimen, wachsen und erblühen, sah sie verblühen, verdorren und zu Erde zerfallen. Er beobachtete den Kampf der Knospen gegen den Schnee, den Kampf der Blüten gegen den Frost, den Wettstreit der Äste und Zweige um das Licht der Sonne und den Wettstreit der Blätter und Wurzeln um das Wasser des Regens.
Und als Lemiran all das gesehen hatte, da erkannte er den Zusammenhang von Werden und Vergehen. Er nanntenurdra, was das Werden war, und was er bereits kannte, und er nanntezerza, was das Vergehen war, und was er bisher noch nicht gekannt hatte. Und er sah, dass es gut war.
Sodann versuchte Lemiran, daszerzain seine Lieder hineinzuweben, eben so, wie die Elfen es mitnurdraundmandrabereits zu tun pflegten. Eine Magie deszerzawollte er wirken, einen Zauber des Vergehens und der Vernichtung. Doch so sehr sich Lemiran auch mühte, es mochte ihm nicht gelingen, daszerzain seinen Liedern zu erfassen. Seine Stimme vermochte die fremdartigen Töne nicht hervor zu bringen, und sein Gehör vermochte die verzerrten Melodien nicht lange zu ertragen. Immer wieder und wieder versuchte er es, und so verging eine lange Zeit.
Schließlich aber drangen bekannte Klänge an das Ohr des Alten Elfen. Es war das Lied Simias, das laut und fordernd durch die Wälder hallte und die Sternträger zurück nach Aigyasala rief. Da folgte Lemiran mit-dem-Sternenmal dem Ruf Simias und gesellte sich wieder zu seinen Brüdern und Schwestern. Und so wie er kehrten in jenen Tagen die meisten der acht mal acht Sternträger, die mit Simia ausgezogen waren, nach Aigyasala zurück. Lediglich zwei Sternträger blieben fort.
Als sich die Elfen wieder in Aigyasala versammelt hatten, trat Simia vor sie hin und sprach: »Kinder des Lichts, wir müssen nun von hier aufbrechen und weiterziehen. Die Bedrohung unserer Heimat wächst mit jedem Tag, und der Feind, vor dem ich euch gewarnt habe, rückt immer näher.«
Da erwiderten viele der Sternträger: »Wir sind erst so kurze Zeit in der Wirklichkeit, wir sind noch nicht bereit, weiterzuziehen. Lass uns noch verweilen, Simia!«
Simia aber antwortete ihnen: »Was für euch nur eine kurze Zeit war, und was euch wie wenige Tage vorkam, das waren hier in der Wirklichkeit jedoch etliche Sommer und Winter, die vergangen sind. Unsere Zeit hier ist um, wir müssen weiterziehen.«
Da sagten diefey’e: »Eorla, so sei es.«
Der Erste Feind
Es begab sich in den Tagen Simias der-aus-dem-Licht-trat, dass eine Gruppe von Elfen durch die Äußeren Wälder von Sala Mandra zog. Klein an der Zahl war sie, doch groß an Macht, denn ein jeder derfey’etrug das Sternenmal und war aus dem Licht geboren. Gemeinsam waren sie vor einiger Zeit aus den Inneren Wäldern getreten und hatten Licht und Traum hinter sich gelassen, um sich in Raum und Zeit einer unbekannten Bedrohung zu stellen. Zu jener Zeit war es Simia allein, der die nahende Gefahr geahnt hatte, und der von der Bedrohung wusste, und so folgten ihm die Elfen, und sie hörten auf seinen Rat.
Jung waren die Kinder des Lichts in jenen Tagen und voll desmandra, ein Gleißen und ein Funkeln war um sie herum, und der Boden leuchtete, wo immer ihre Füße ihn berührten. Berge teilten sich vor ihnen, Bäume neigten in Ehrfurcht ihre Häupter und Bäche ließen ihre Fluten versiegen, wenn die Elfen des Weges kamen. Von überall strömten Tiere herbei, und die Tierkönige aller Arten machten denfey’eihre Aufwartung.
So wanderten die Alten Elfen durch die Äußeren Wälder, und sie sangen dabei so manches zaubermächtige Lied, das von ihrer Ankunft in der Welt kündete. Denn sie hatten gelernt, Lieder zu singen und ihrmandrahinein zu weben, auf dass wirklich werde, was immer sie sich wünschten. Doch dasmandrafloss in der Wirklichkeit langsamer als im Herzen der Wälder, und die Elfen konnten nicht unbegrenzt darüber verfügen. So mussten sie des Öfteren Rast machen und ihre Zauberkraft erneuern.
Einige aus der Gruppe derfey’eaber rasteten nicht, sondern liefen stets voraus, um den Weg zu erkunden. Einer jener Elfen war Lemiran mit-dem-Sternenmal, denn er war mutig und schnell. So kam es, dass es Lemiran war, der in einem Talkessel am Fuße des Vantâo als erster auf einen Wildhaarigen traf.
Zuerst spürte Lemiran lediglich die Gegenwart eines fremden Wesens, eines Wesens, das Madaya nicht erträumt hatte, und das der Elf nicht kannte. Sodann nahm er den stechenden Geruch der Kreatur wahr, und zuletzt stieß er auf deutliche Spuren seiner Gegenwart, auf aufgewühlte Erde, abgebrochene Äste und zertrampelte Beeren und Pilze.
Vorsichtig setzte der Alte Elf von nun an seine Schritte. Langsam und mit Bedacht folgte er den Spuren, dem durchdringenden Gestank, und schließlich wies ihm auch noch ein lautes Hecheln und Grunzen den Weg. Nach einer Weile konnte er das Wesen in einiger Entfernung zwischen den Bäumen ausmachen. Klein und gedrungen war es und über und über mit rötlichem Fell bedeckt. Zwei viel zu lange Arme besaß es und auch zwei viel zu kurze Beine. Statt eines Gesichtes hatte es eine Fratze, statt eines Mundes war da ein Maul, statt Zähnen ragten Hauer hervor, statt Fingern waren da Klauen, statt Haaren struppiges Fell. Ein Tier schien das Wesen Lemiran zu sein, wie es da auf einer kleinen Lichtung im Wald kauerte und laut grunzte und quiekte. Doch es hielt mit beiden Klauen einen langen, spitzen Ast umklammert und stieß damit immer wieder in Richtung eines großen, grauen Wolfes, der sich langsam näherte und das Wesen bedrohlich anknurrte. Ferner trug es einen Beutel bei sich, der den Geruch von allerlei Wurzeln, Pilzen und Beeren verströmte. Solch ein Verhalten hatte Lemiran noch bei keinem Tier gesehen, und so schloss er, dass es sich um eine andere Art handeln müsse. Eine große Neugier bemächtigte sich da des Alten Elfen, und so trat er leise näher heran.
Noch immer geiferte der Wolf und umkreiste knurrend seine Beute, und noch immer quiekte das rotpelzige Wesen und stieß mit dem Ast nach der Schnauze des Jägers. Da zeigte der Graupelz seine Fänge und machte einen gewaltigen Satz. Das Ende des Rotstruppigen sah Lemiran nun gekommen, denn er roch daszerza, das aus dem Maul des Wolfes strömte. Das gedrungene Wesen aber stemmte seinen Fuß in die Erde, klammerte sich an dem spitzen Ast fest und hielt dem Ansturm des Angreifers stand. Da weiteten sich Lemirans Augen, als er sah, wie sich das spitze Ende des langen Astes in die Seite des Wolfes bohrte, wie es sein Fell durchstieß, wie es sein Fleisch zerriss, und wie das dunkle Blut des Graupelzes hervorquoll. Sogleich sprang der Rotstruppige einen Schritt zurück, packte den Ast noch fester und stieß ihn mit der ganzen Kraft, die in seinem dürren Körper war, in den Leib des Wolfes hinein, sodass dieser noch einmal laut aufheulte und dann verendete.
Als dies geschehen war trat Lemiran aus seinem Versteck zwischen den Bäumen hervor, ging auf das seltsame Wesen zu und sprach: »Sei mir gegrüßt, Rotstruppiger, ich bin Lemiran mit-dem-Sternenmal.«
Lemiran hatte nämlich die Absicht, das Wesen zu den Dingen zu befragen, die er soeben beobachtet hatte. Der Rotstruppige aber schrie laut auf, packte seinen Beutel und lief hastig davon. Lemiran hielt inne und blickte dem Wesen hinterher, denn seine Verwunderung war groß. Er war sich unschlüssig, ob er dem Wildhaarigen folgen sollte. Doch schließlich machte der Alte Elf kehrt und begab sich zurück zu seinen Brüdern und Schwestern, um ihnen von diesem Ereignis zu berichten.
Groß war die Aufregung im Lager der Elfen als Lemiran mit seiner Erzählung geendet hatte. Da erhob sich Simia, trat in ihre Mitte und sprach: »Dies ist die Stunde, dies ist der Tag, da wir der Bedrohung unserer Wälder zum ersten Mal gegenübertreten werden. Das Wesen, von dem Lemiran uns berichtet hat, ist eingobian, ein Rotstruppiger. Es ist ein Angehöriger eines großen Volkes aus der Gattung der Wildhaarigen. Zahlreich ist jenes Volk dergobian’e, denn es ist fruchtbar wie die Tiere, und so breiten sich die Rotstruppigen immer weiter in unserem Gebiet aus. Ich sage euch, bald schon werden die Wälder von Sala Mandra zu klein fürfey’eundgobian’esein. Lasst uns also zu ihnen gehen und ihnen sagen, dass sie von hier fortziehen sollen!«
Die Kinder des Lichts antworteten: »Eorla.«
Und so geschah es, dass sich die Sternträger gemäß den Worten Simias und unter der Führung Lemirans aufmachten, um jenen gegenüber zu treten, die siegobian’enannten, was »Goblins« bedeutet.
Ein Leichtes war es für Lemiran, der Spur des Rotstruppigen zu folgen, und so gelangten die Elfen schon bald zu einem Lager der Goblins, das jene im Talkessel am Fuße des Vantâo errichtet hatten. Die Zahl dergobian’e, die sich dort niedergelassen hatte, betrug ein Vielfaches der Zahl der Elfen. Lemiran blickte in die Augen seiner Brüder und Schwestern, und er konnte darin den Ekel vor der Gestalt und dem Geruch jener Wesen sehen, er konnte darin den Abscheu vor ihren grunzenden und quiekenden Stimmen sehen, und er konnte sehen, wie sie mit Entsetzen auf die Behausungen starrten, die jene sich aus den Häuten toter Tiere und aus den toten Ästen der Bäume gebaut hatten, oder die sie in den lehmigen Boden gegraben hatten. Er sah ihren Ekel, ihren Abscheu und ihr Entsetzen, und er teilte ihr Empfinden.
So blickten die Kinder des Lichts auf das Lager der Goblins hinab, und es war kein Wohlwollen in ihren Augen. Stumm beobachteten sie das Treiben der Rotstruppigen und versuchten, ihre Sitten und Gebräuche zu verstehen. Doch was sie sahen, das verstörte sie, und was sie hörten, das verwirrte sie, denn alles war hässlich und unförmig, und alles war laut und kreischend. So regten sich bald Unmut und Zorn in den Herzen derfey’e,und überrascht von diesen unbekannten Gefühlen blickten die Elfen einander an, und mit einem Mal befiel sie eine große Unruhe. Simia aber hob beschwichtigend die Hände und bedeutete ihnen, in ihren Verstecken zu verweilen. Er selbst aber verließ den Schatten der Bäume, und gemeinsam mit Lemiran sowie zwei weiteren Elfen namens Orima und Lariel schritt er zum Lager dergobian’ehinab.
Jene hatten Wächter aufgestellt, die laut kreischten, als sie der Elfen ansichtig wurden. Aufgeschreckt rotteten sich die Wildhaarigen rasch zu mehreren Haufen zusammen, und eine Gruppe besonders großer Goblins lief den Elfen entgegen. Sie hatten Knochen und Zähne an ihren Körpern befestigt und in ihr Fell geflochten und in den Klauen hielten sie allerlei Holz- und Knochenstücke, die sie hoch in die Luft reckten, während sie schrille Töne von sich gaben. All das Rasseln und Klappern und Kreischen schmerzte die Ohren derfey’e, und so sprach Orima von der Stille, und es ward still im Talkessel am Fuße des Vantâo. Die Rotstruppigen aber rissen die Augen auf, ihre Mäuler weiteten sich, und sie sprangen wild umher und ruderten mit den Armen. Da sprach Simia von der Ruhe, und die Goblins vor ihnen wurden ruhig und hörten auf, sich so ungestüm zu gebärden.
Als dies geschehen war, da hob Orima die Stille von jenem Ort, damit die Wildhaarigen die Worte Simias vernehmen konnten, der nunmehr zu ihnen sprach: »Ich grüße euch,gobian’e, im Namen der Kinder des Lichts, im Namen der Herren der Wälder von Sala Mandra. Ich bin Simia der-aus-dem-Licht-trat, und ich bitte euch hiermit, verlasst unsere Heimat und kehrt dorthin zurück, von wo ihr gekommen seid!«
Die Goblins aber zeigten keine Anzeichen, dass sie die Worte Simias verstanden hätten, sondern begannen wieder mit ihrem entsetzlichen Gebrüll. Einer von ihnen, der mit ausnehmend vielen Knochen behängt war, stürmte auf die Elfen zu und stieß mit einem langen, spitzen Ast nach Simia. Langsam und träge jedoch waren seine Bewegungen, und so trat ihm Lemiran entgegen, riss ihm mit einem Ruck den Ast aus den Klauen, wirbelte damit herum und stieß nun seinerseits nach dem Rotstruppigen. Getragen vom Schwung seines eigenen Ansturms lief dergobianmit vor Überraschung geöffnetem Maul geradewegs in die Spitze hinein, die sich nun tief in seine Fratze bohrte und auf der anderen Seite wieder zum Vorschein kam. Ein Schwall von Blut ergoss sich über den Ast, und mit einem Röcheln sank der Angreifer zu Boden.
Dieses war das erste Lied deszerza, das von einemfeyin der Wirklichkeit gesungen worden war, und mit Staunen blickten Simia, Orima und Lariel auf Lemiran, der den blutigen Ast noch immer in seinen Händen hielt.
Die Rotstruppigen aber vervielfachten ihr Gebrüll, und es setzten sich große Teile des Lagers in Bewegung und liefen auf die kleine Gruppe von Elfen zu. Da erhob auch Orima ihre Stimme und sang von Flucht und Verhehlung, Simia sang von Verteidigung und Schutz, und Lariel sang von Wind und Sturm. Uneins waren sich diefey’edarüber, wie sie dieser Bedrohung begegnen sollten, und so sang ein jeder sein eigenes Lied, und so wob ein jeder seinmandraauf seine Weise in die Töne hinein.
Da ächzten die Elemente im Tal am Fuße des Vantâo, als der Wille der Alten Elfen mit solcher Macht an ihnen zerrte. Nebel kam auf und zerstäubte wieder, es ward abwechselnd dunkle Nacht und gleißend heller Tag, ein Orkan riss Blätter und Zweige von den Bäumen und warf sie den angreifenden Goblins entgegen, der Boden verwandelte sich in zähen Schlamm und gebar im nächsten Augenblick peitschende Ranken, die sich um die Glieder dergobian’eschlangen. Und ins Ächzen der Elemente mischten sich die Schreie der Rotstruppigen, die vom Licht Simias geblendet, vom Sturm Lariels zerschmettert, vom Nebel Orimas verwirrt und vomzerzaLemirans vernichtet wurden. Da erfasste die Wildhaarigen eine große Angst, und sie ließen ihr Lager zurück und flohen vor den Elfen in ein Seitental, das sich ganz in der Nähe befand.
Die vier Elfen aber setzten ihnen nicht nach, sondern sie blieben an Ort und Stelle. Sie waren nämlich selbst von einer großen Furcht erfüllt und konnten noch nicht begreifen, was geschehen war. Ihre Brüder und Schwestern gesellten sich nach und nach zu ihnen, und so standen schließlich Simia und seine Sternträger inmitten der Zerstörung und Verwüstung und betrachteten stumm, was ihre Zaubermacht angerichtet hatte.
Es war Orima, die als erste wieder Worte fand und sprach: »Seht die Kraft derfey’e, wenn sie unbedacht eingesetzt wird. Nie wieder wollen wir unbedacht handeln, nie wieder wollen wir uns von Schreck und Überraschung leiten lassen. Wir wollen mit Ruhe und Bedacht vorgehen und erst alle Möglichkeiten abwägen, bevor wir unsermandraeinsetzen.«
Lemiran entgegnete ihr: »Wie viel Zeit hat der Löwe, um nachzudenken, ob er zum Sprung ansetzen soll, wie viel Zeit das Reh, das er sich zur Beute erkoren? Rasch geschehen die Dinge in der Wirklichkeit und rasches Handeln wird von Jäger und Gejagtem verlangt.«
Orima erwiderte: »Wohl wahr, doch noch ist nicht klar, wer Jäger und wer Gejagter ist, noch ist nicht klar, dass es zum Kampf zwischenfey’eundgobian’ekommen wird und kommen muss. Wir wollen die Wildhaarigen erst beobachten und kennenlernen, ehe wir darüber entscheiden, wie wir mit ihnen verfahren wollen.«
Lemiran aber sagte: »Die Entscheidung ist bereits gefallen. In jenem Augenblick, da der Rotstruppige mit seinem spitzen Ast nach Simia gestoßen hat, ward besiegelt, dass Feindschaft herrscht zwischen unseren Völkern.«
Lemiran war noch ganz erfüllt vom Lied deszerza, das er wenig zuvor zum ersten Mal gesungen hatte, und so fuhr er fort: »Einen offenen Angriff haben jene gegen uns vorgetragen, und mit einem offenen Angriff werden wir ihnen antworten, denn wir wissen jetzt um das Wesen von Kampf und Krieg, um das Wesen von Werden und Vergehen. Jene werden die Größten sein, die nicht nur imnurdrastark sind, sondern auch imzerza.«
Da erhob sich ein lautes Stimmengewirr unter den Kindern des Lichts, denn viele stimmten Lemiran zu und stellten sich auf seine Seite. Unter diesen waren die Sternträger Lariel, Panlariel, Eoandra und Iantana.
Orima aber lächelte nur und gab dies zur Antwort: »Du irrst dich, Lemiran, denn die Größten werden jene sein, die sich übernurdraundzerzaerheben und neue Wege beschreiten. Ich sage, lasst uns nach Wegen suchen, die Wildhaarigen ohne Krieg und Kampf zu vertreiben!«
Und erneut erhoben sich viele Stimmen, denn auch Orima fand viel Zustimmung unter ihren Brüdern und Schwestern, und so stellten sich unter anderem die Sternträger Nuriel, Amayel, Shayatariel und Lorian auf ihre Seite.
Simia, der die ganze Zeit über geschwiegen hatte und den Worten von Orima und Lemiran gelauscht hatte, trat nun zwischen die beiden Gruppen und sprach: »Genug, streitet euch nicht länger! Ich war es doch, der euch von den fremden Wesen berichtete, denn ich habe sie bereits zuvor gesehen. Ich war es doch, der euch aus dem Herzen von Sala Mandra in die Wirklichkeit hinausführte, denn ich habe jene als Bedrohung für uns Elfen erkannt. Ein schlechter Anführer und ein schlechter Ratgeber wäre ich, wenn ich nun keine Antwort auf eure Fragen wüsste. So lasst mich eine Weile allein und nachdenken! Ich will euch bald meinen Rat verkünden. Seid ihr einverstanden?«
Und diefey’eantworteten: »Ja, das sind wir. Deinem Ratschlag wollen wir Folge leisten.«
Und so geschah es, dass Simia sich zurückzog, während die Elfen sich im Talkessel am Fuße des Vantâo niederließen.
Lemiran aber ließ sich nicht nieder, sondern streifte rastlos umher und hielt nach den Rotstruppigen Ausschau, denn er traute jenen nicht und befürchtete einen erneuten Angriff. Er unternahm weite Streifzüge durch die Wälder und über die Berghänge, und alle seine Sinne waren dabei hellwach. So kam es, dass er auf Simia aufmerksam wurde, der in einiger Entfernung vom Lager der Elfen an einem kleinen Bach kauerte und tief in Gedanken versunken war. Lemiran wollte sich schon abwenden und weiterziehen, da erkannte er, dass Simia nicht allein war. Auf der anderen Seite des Baches, halb von Bäumen und Unterholz verdeckt, stand ein gewaltiges Wildschwein. Doch keine Bedrohung ging von dem Ungetüm aus, sondern es schien vielmehr so, als seien Elf und Wildschwein in ein lautloses Zwiegespräch vertieft.
Eine große Neugierde beschlich da den Alten Elfen, und er wagte sich etwas näher heran, um das Wildschwein genauer zu mustern. Größer war es als alle anderen Tiere, die er bisher gesehen hatte, und prächtiger, ein hohes Alter und gewaltige Macht strahlte es aus. Als Lemiran seinmandrain seinen Blick legte, um das wahre Wesen des Wildschweines zu erkennen, da blendete ihn das Licht, das von dem Tier ausging, und er musste sich rasch abwenden. Jener kurze Blick aber hatte bereits genügt, um ihn erkennen zu lassen, dass jenes Wesen nicht von Madaya erträumt und nicht von Elfen zu erfassen war. Doch was es war, vermochte Lemiran nicht zu sagen. So still und unbemerkt wie er gekommen war, so verschwand der Alte Elf auch wieder und setzte seine Wacht fort. Gegenüber seinen Brüdern und Schwestern aber erwähnte er mit keinem Wort, was er an jenem Bach gesehen hatte, und auch mit Simia sprach er nicht darüber.
Schon bald kehrte dieser nämlich wieder zu den Sternträgern zurück und begab sich sogleich in ihre Mitte. Er scharte seine Brüder und Schwestern um sich und sprach: »Kinder des Lichts, hört, was ich zu verkünden habe! Der Erste Feind sind uns jene Wildhaarigen und der Größte und der Ewige Feind werden sie uns sein. Nichts kann sie davon abhalten, uns zu hassen und zu bekämpfen, nichts kann sie davon abhalten, uns unsere Wälder streitig zu machen. Nichts außer Krieg und Kampf und Tod. Dies ist mein Ratschlag: Es sei Krieg zwischen denfey’eund den Wildhaarigen von nun an bis in alle Zeit.«
Da riefen die Sternträger: »Eorla!«
Und so ward es beschlossen, dass die Elfen in den Ewigen Krieg mit den Wildhaarigen eintraten in jener Stunde an jenem Tag im Talkessel am Fuße des Vantâo. Lemiran mit-dem-Sternenmal hörte die Worte Simias, und er war es zufrieden.
Livao und Yara
Nun, da Krieg war zwischenfey’eundgobian’e, wollten die Elfen dafür Sorge tragen, dass die Goblins in jenem Talkessel am Fuße des Vantâo keine Gefahr mehr für sie darstellten. So gingen sie hin und verschlossen das Seitental, in das jene Rotstruppigen vor ihnen geflohen waren, mit einem großen Felsen. So groß war der Felsen und so schwer, dass die Wildhaarigen ihn nicht überwinden konnten.
Als das geschehen war, machten sich die Sternträger unter der Führung Simias auf und zogen weiter.
Wie schon zuvor, so eilten auch jetzt einige Elfen der Gruppe voraus, um die Gegend zu erkunden und ihre Brüder und Schwestern vor Gefahren zu warnen. Unter diesen waren Helden wie Lariel, Iantana, Eoandra und auch Lemiran mit-dem-Sternenmal. Jene erkannten auf ihren Streifzügen, dass es noch weitere Völker der Wildhaarigen in ihren Wäldern gab. Größer als die Goblins waren diese, mit einem zotteligen, schwarzen Fell. Sie nannten sie »fialgrâ’e«, was »Orks« bedeutet. So liefen sie also stets an der Spitze von Simias Gefolge und hielten Ausschau nach Rotstruppigen und Schwarzpelzigen.
