DSA 32: Das letzte Lied - Gun-Britt Tödter - E-Book

DSA 32: Das letzte Lied E-Book

Gun-Britt Tödter

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Beschreibung

Tjalf Sturmlied ist ein Skalde, ein Sänger vom Volk der Thorwaler. Nachdem er die Kriegerin Jara vor dem Tod gerettet hat, verliebt er sich in die junge Frau. doch er fürchtet die unbezähmbare Kampfeswut, die in seinem Innern schlummert, die nicht unterscheidet zwischen Freund und Feind - und auch die Geliebte nicht verschont.

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Seitenzahl: 381

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Gun-Britt Tödter

Das letzte Lied

Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses SpieleBand 32

Kartenentwurf: Ralf Hlawatsch E-Book-Gestaltung: Nadine Hoffmann

Copyright © 2014 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems.DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE,MYRANOR, RIESLAND, THARUN und UTHURIA sind eingetragene Marken der Significant GbR.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt.

Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Bearbeitung, Verarbeitung, Verbreitung und Vervielfältigung des Werkes in jedweder Form, insbesondere die Vervielfältigung auf photomechanischem, elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der Ulisses Spiele GmbH, Waldems, gestattet.

Print-ISBN 3-453-13366-8

Für Thomas

Prolog

Zukunft ist wie ein Land unter dem Nebel der Nacht im Lichte des Madamals.

LUZELIN VOM BLAUEN WALD

»Schön, schön. Doch, sehr schön.«

Die Stimme klang dunkel und wie durch Staub und Rauch eines langen Lebens rauh geworden. Das leise Lachen aus derselben Kehle sprach von kalter und giftiger Freude. Stuhlbeine schabten auf steinernem Boden. Schritte eines schweren, sich behäbig bewegenden Körpers folgten.

»Nun, es wird gefallen, das ist sicher.«

Die Schritte verklangen, und eine Truhe öffnete sich mit dem Quietschen rostiger Scharniere.

»Wo ist das Kästchen für den Schmuck?«

Dinge polterten durcheinander, scheppernd und klimpernd, rücksichtslos zur Seite gestoßen, da sie bei der Suche im Wege waren.

»Da ist es! Gharom, Sohn des Gurthag, noch einige kostbare Steine in meiner Hand, und du wirst deinem hochgesteckten Ziele nahe sein.« Das böse, leise Lachen ging von einem auf den anderen Atemzug in einen keuchenden Husten über, dann in ein pfeifendes Luftschnappen, und eine etwas mildere Stimme sagte: »Langsam werde ich alt, selbst ich. Nun, Gharom, dennoch wirst du vor mir in Angroschs Hallen stehen, das ist gewiß! Ah, ich höre deinen festen Schritt. Freiersfüße, nicht wahr, mein Bester? Ja, alles ist bereit, alles ist fertig, das Werk ist getan. Nun braucht‘s nur noch ein wenig Zeit. – Tretet ein, werter Gharom! Angrosch sei mit Euch.«

1. Kapitel

Jeder Freund ist zu Anfang ein Fremder.

MUTTER TRAVIANE VON LOWANGEN

Die schwere Axt entglitt Joras Hand. Vor Zorn und Schmerz stöhnte die Frau auf, während sie in die Knie und endlich vornübersank. Die Welt um sie herum, düster und voller pelziger Schatten, stinkend nach Aas und Blut, ließ sich nicht mehr greifen und entglitt ihren Sinnen.

Die hünenhafte Thorwalerin spürte den feuchten Farn unter ihrer Wange und schließlich nur noch den Schmerz ihres geschundenen Körpers. Am Rande nahm sie noch die Bedrohung durch Krallen und Fänge der widernatürlichen Kreatur wahr. Haß und Mordlust schlugen ihr entgegen, vernehmlicher als das leise Tropfen des Regens auf den Blättern um sie herum, fühlbarer als die Kühle des dämmernden Sommertages.

Jora Eddasdottir fürchtete den Tod nicht und hatte keine Angst vor der Kreatur, die dunkel und stumm ihrem Sterben zusah; aber sie fürchtete sich davor, hier zu sterben, allein irgendwo in den Wäldern des Svellt, fremd, vergessen, einsam.

»O Gott, Swafnir! Hilf!«

Ihr mühsames Lachen schmerzte und tat so unendlich weh wie ihre tastenden Finger. Sie fühlte den vor Blut feuchten Griff ihrer Axt.

Es lauerte, wartete. Es wartete auf ihren Tod, obwohl es kaum mehr eines leichten Hiebes scharfer Krallen bedurfte, um sie endgültig zu töten.

Jora schloß die brennenden Augen und schloß die schmerzenden Finger um das Holz der Axt. Bei Rondra! flehte sie stumm, während auch die letzte Kraft aus ihr wich. Borons Vergessen flutete über ihr zusammen wie ewiges, schweigendes Meer.

»He, alter Waldläufer! Du könntest ruhig etwas mehr Begeisterung zeigen!«

Jelindraél Feenlicht sah im Gehen spöttisch zu Tjalf Sturmlied zurück. »Wofür sollte ich mich begeistern?« erkundigte der Elf sich.

»Du könntest ... mitsingen?«

Jelindraél lachte. »Bei deinem Orkangesang wird mein Zirpen kein noch so hellhöriges Ohr erreichen«, entgegnete er. »Und es reicht völlig, wenn du mit deinem Gesang das Wild verschreckst.« Der Elf wartete, bis der Mann auf dem schmalen Waldpfad zu ihm aufgeschlossen hatte. Er war Tjalfs lauten, vollen und – für einen Menschen – durchaus melodischen Gesang längst gewohnt und ertrug ihn mit elfischer Langmut. Der Hüne mit dem langen rotblonden Haar, das, in zwei schwere Zöpfe geflochten, den krausen, dichten Bart einrahmte, bezeichnete sich als Skalde, als fahrenden Thorwaler Sänger. Er verstand sich nicht nur auf den Umgang mit Streitaxt und Säbel, sondern auch aufs Lautenspiel. Doch obwohl der Freund seine Laute ebenso pflegte und weitaus häufiger nutzte als seine Waffen, war seine Kunst des Musizierens wahrlich nicht von elfischer Art.

»In diesem verhexten Wald gibt es kein Wild. Auch ohne meinen ›Orkangesang‹ nicht«, knurrte Tjalf, während sie weiterwanderten. Er war gut zwei Schritt groß und schaute dem ungleich schmaleren, blonden Elfen in die lichtgrünen Augen.

Der Elf nickte. »Wir sind wohl noch eine Stunde von Tiefhusen entfernt«, schätzte der Thorwaler, »zu weit, als daß die Menschen von dort die Tiere hätten derart vergrämen können.«

»Ich denke nicht, daß es die Menschen sind, die ... – Was ist?«

»Bei Swafnir!« entfuhr es Tjalf Sturmlied erschrocken. Sein Blick war auf eine Stelle neben dem Pfad gerichtet, wo blühendes Dornengestrüpp und mannshoher Farn zwischen hohen Ifirnstannen wucherte. Er zog seinen Säbel.

Jelindraél sah die regungslos und fast verborgen im Farn liegende Gestalt und das Blut, das zerrissene Kleider und den Waldboden tränkte. Wie lauschend hob er die Hände hinter die schlanken, spitz aus dem glatten, langen Haar hervorschauenden Ohren und besann sich einige Augenblicke. Dann schüttelte der Elf den Kopf. »Hier ist niemand mehr«, erklärte er, trat zu dem Menschen und kniete sich neben den Körper. Der Elf tastete mit schmalen, geschickten Händen über zerfetzten Stoff, geschlitztes Leder und blutige Ketten, über die kaum mehr blutenden, obwohl sichtlich frischen Wunden, über blasse Haut und dunkle Prellungen. »Sie lebt noch«, stellte er fest, »aber sie stirbt.« Er schaute zu Tjalf, der den Säbel zurück gesteckt und auf diese Worte gewartet hatte. »Du glaubst, daß sie Thorwalerin ist?« fragte der Elf. Die blonden Zöpfe, mehr noch die sichtbaren Hautbilder, sprachen zusammen mit der hochgewachsenen, starken Gestalt deutlich von ihrer Herkunft.

Der Skalde nickte und hockte sich zu der übel zugerichteten Frau. Sanft strich er gelöstes Haar aus dem sich wie an den Boden schmiegenden Gesicht und suchte in den stillen, blutverschmierten Zügen nach Vertrautem. Dann betrachtete er die blutige Axt in ihrer rechten Hand und schob einen Riß in ihrem Hemdenärmel höher, um das Hautbild ihrer Otta auf dem Oberarm erkennen zu können. Es zeigte einen Säbel und eine Axt in einem Kreis aus tanzenden Delphinen; ein in seiner Buntheit seltsam fröhlich wirkendes Bild unter den tiefen, wie von Krallen geschlagenen, blutigen Striemen, die die Haut des Armes zierten. Jelindraél ließ den Freund gewähren, obwohl er wußte, daß die Zeit drängte, wenn er dieses Leben retten wollte.

»Die Wellenbrecherottajasko«, sagte Tjalf schließlich. Er sah auf und suchte den Blick des Elfen. »Kannst du ihr helfen?«

»Ich kann verhindern, daß sie sofort stirbt, aber hier im Wald vermag ich kaum mehr. Wieviel Gold hast du noch?«

»Vierzig Dukaten – und die Steine.«

»Ja, die Steine.« Jelindraél nickte, während er sein Hemd in Streifen riß. »Sie braucht ein trockenes, warmes Bett und Kräuter, die hier nicht wachsen.«

Tjalf sah dem Freund zu, wie er geschickt und behutsam die Wunden der Thorwalerin verband. »Hast du kein Wirselkraut mehr? Oder Einbeere?« fragte er.

»Doch. Aber das wird nicht reichen. – Hier war etwas anderes als nur ein wildes Tier am Werk.«

Als die Praiosscheibe draußen hinter dem Horizont versank, flößte Jelindraél Feenlicht der im Bett der kleinen Mietsstube liegenden und immer noch ohnmächtigen Thorwalerin einen rotbraunen, dampfenden Sud aus Atanax, Finage und Alraune ein. Er hatte ihr die zerrissenen, schmutzigen Kleider vom Leib geschnitten und gezogen (Tjalf hatte ihm bei dem langen Kettenhemd zur Hand gehen müssen) und die Wunden gesäubert, die er nun mit gewebten Leinenstreifen verband. Die breiten, saftigen Blätter des Roten Drachenschlundes legte der Elf auf die Wunden. Er band sie fest zwischen diesen und dem Leinen ein, damit die heilsamen Essenzen der Pflanze ihre Wirkung tun konnten.

Tjalf Sturmlied saß auf der Bank eines schmalen, offenen Fensters. Er hatte keinen Blick für die letzten rotgoldenen Strahlen der Praiosscheibe auf den spitzen Dächern und Giebeln Tiefhusens, sondern sah dem Elfen zu. Die Laute in seinen Händen brachte ab und zu einen hellen, leisen Ton hervor, der wie zufällig in die Stille des Raumes fiel, in die sonst nur das Rumpeln der Karren und die Schritte und Stimmen der Menschen und Orks von der nahen Straße drang. Irgendwo in einem Baum des Hofes hinter der Herberge sang ein Vogel. Das Tier schien auf die Laute zu lauschen und zu antworten. Die kaum eine Melodie ergebenden, einzelnen Töne spiegelten die Gefühle des Skalden weit eher als sein unbewegtes Gesicht wider, auch wenn er kaum wußte, was seine Hände taten. »Ein Vermögen hat das Grünzeug gekostet«, murmelte er. »Ich hoffe, du weißt, was du tust.«

Der Elf nickte, ohne seine Arbeit zu unterbrechen. »Ich weiß, was ich tue«, erklärte er geduldig.

»Wer hat sie wohl so zugerichtet? Wölfe? Aber im Praios?«

»Werwölfe«, antwortete der Elf, »vielleicht auch nur ein einziger.«

Tjalf lachte rauh auf.

»Jetzt weiß ich wenigstens, warum die Kräuterfrau so entsetzt war.«

Jelindraél erhob sich. »Sie wird nicht mehr lange schlafen«, sagte er, »und sie wird Schmerzen haben. Wir sollten abwechselnd wachen.«

»Ich habe die Wirtin gebeten, unser Abendbrot heraufbringen zu lassen. Ich befürchte, die gute Maline denkt, wir hätten ihr zumindest die Zorgan-Pocken eingeschleppt.«

»Womit sie nicht gar so unrecht hat«, entgegnete der Elf. Er breitete sorgsam eine wollene Decke über den nackten, geschundenen Körper der jungen Frau. Mit einem nachdenklichen Blick fragte er: »Sie ist wohl das, was du ›schön‹ nennst?«

Der Skalde grinste. »Ohne all die Scharten und Verbände ... ja«, gab er zu, »aber eine Thorwalerin muß nicht ›schön‹ sein. Eure Elfenfrauen sind schöner. Sie gefällt mir, weil sie ... echter ist.«

Jelindraél Feenlicht lachte. »Alter Thorwaler! Ich denke, du suchst eine Frau, die dir die Axt nachwirft, wenn du die Schuhe nicht vor der Türschwelle ausgezogen hast!« spottete er sanft.

»Ich suche gar keine Frau«, knurrte Tjalf Sturmlied.

»Na?« Der Elf lächelte. Und ernsthaft fügt er hinzu: »Sie wird es überleben, Tjalf. Sie ist stark genug.«

Die Wirtin des Nordlichts, Maline Melders selbst, brachte ihnen Brot, Käse und eine Kanne heißen Tees auf die Schlafstube. Die schmale, rüstige Fünfzigjährige, die das weiße Haar kurz und keck geschnitten trug, begnügte sich mit einem flüchtigen Blick auf die ruhig schlafende Kranke, fragte nach weiteren Begehren ihrer Gäste und wünschte schließlich eine von Boron gesegnete Nacht. Nachdem sie gegessen hatten, legte sich Jelindraél Feenlicht zur Nachtruhe nieder, während Tjalf die erste Krankenwache übernahm.

Der Skalde schloß das Fenster bis auf einen schmalen Spalt und drehte die Flamme der Öllampe herunter. Er nahm Pergament, Feder und Tinte aus dem mit geschnitzten Blütenranken verzierten Federkästchen und setzte sich an den schmalen Tisch der Stube. Aber die Worte des Tiefhusener Liedes, das er mittags auf dem Markt gehört hatte, entglitten immer wieder seinen Gedanken. Eine Weile saß er nur da und blickte in die von dem ruhigen, warmen Licht der Lampe nur wenig erhellte Mietstube. Er sah kaum die vier Betten, die beiden Truhen, den Tisch oder die Hocker. Er sah in seiner Erinnerung das Innere des Jolskrim, daheim in Thorwal, das rauchende, offene Versammlungsfeuer, schlafende Frauen und Männer in den Nischen zwischen den wollenen Vorhängen, die Kinder in ihren Betten aus Stroh auf dem hölzernen, offenen Dachboden darüber, Walla mit ihrer Katze und Iskir mit seinem Hund im Arm. Wie oft hatte er das Gästelager dem eigenen in der schmalen Stube neben der seines Vaters vorgezogen und dort wach gelegen und auf den Atem der Schlafenden gelauscht. Tjalf schüttelte unwillig den Kopf, vertrieb die Bilder, bevor Erinnerungen auftauchen konnten, die nur schmerzen würden. Der Blick des Skalden wanderte durch die Stube, strich über die beiden Schlafenden und blieb auf seinem Freund haften. Das Haar des Elfen war ebenso blond, nur von einer deutlich helleren, weißem Honigwein gleichenden Farbe als das der Thorwalerin. Der Elfenmann war kaum größer und wirkte wie eine zerbrechliche Statuette verglichen mit der Menschenfrau. Seine Gesichtszüge waren feiner, seine Haut war blaß und seine Glieder schienen zu schlank und zu zierlich, um eine Waffe wie die der Thorwalerin auch nur heben zu können. Er war ein fey, und daran erinnerten nicht nur die nach einem halben Spann in geschwungenen Spitzen endenden Ohren. Die Fremde wirkte gegen ihn rauh und derb; mußte ein Elf ihren Körper nicht als plump und die bunten Hautbilder als barbarischen Menschenschmuck empfinden?

Die Thorwalerin seufzte leise. Sie fieberte und träumte. Die zitternden Lider und ihre unruhigen Hände ließen einen bösen Alptraum ahnen. Der Skalde trat mit dem Licht neben das einfache Bett, wo er die Öllampe auf dem Betthocker neben der Wasserschüssel und den Leinentüchern abstellte. Vorsichtig setzte er sich auf die Kante ihres Lagers und nahm eines der Tücher zur Hand. Er tauchte das Stück Leinen in das kühle Wasser und wrang es aus, rupfte schließlich behutsam den perlenden Schweiß von der Stirn der Fiebernden. Lockige Strähnen des blonden Haares klebten auf der heißen Haut. Tjalf strich sie sanft zurück. Im Licht der Öllampe glänzten die weichen Wellen des langen, offenen Haares wie gesponnenes Gold. Es umrahmte ein Gesicht mit hohen Jochbögen und einem energischen, schmalen Kinn, floß auf das flache Kissen und fiel auf die starken Schultern einer kampfgewohnten Frau. Ihre Nase war schmal und gerade, wenn auch ein wenig kurz. Ihre gesprungenen Lippen besaßen den ebenmäßigen Zug eines selten lachenden, ernsten Frauenmundes. Dennoch war er schön, dunkel und sprach von Sinnlichkeit, ebenso wie die mit dem kühnen Schwung von Seemöwenflügeln gezogenen hellen Brauen und die dichten, langen Wimpern, in deren sanfte Biegung das Lampenlicht zitternde, goldene Wellen zauberte. Dort, wo die Decke den Körper nicht verbarg, zeigte sich in durch den Schweiß gleichsam lebendig schillernden, grünen und blauen Farben eines der Hautbilder der Thorwalerin. Es mochte oberhalb ihres Herzens beginnen und endete im Kopf einer sich an die Kehle der Frau schmiegenden Flußnatter. Die rötlichen Augen des Bildes funkelten den Mann giftig an, während er den Fieberschweiß von ihrer Haut wusch.

Der Skalde biß die Zähne zusammen, bis es schmerzte. Das Hautbild mochte vielleicht nicht einmal Schutz vor den Wasserungeheuern dieser Welt bieten, auch wenn so mancher Thorwaler darauf Langhaus und Drachen verwettet hätte. Vor jener Kreatur hatte das Bild sie jedenfalls nicht geschützt. Tjalf dachte an Jelindraéls Frage. Ja, sie gefiel ihm. Wer wäre nicht von der wehrlosen Schönheit dieser eigentlich wehrhaften Frau gebannt? Tjalf schloß die brennenden Augen und wünschte sich, daß so vieles anders, daß er nicht nur seinem Namen nach ein anderer und daß sein Leben und sein Schicksal ein anderes wäre.

»Da! Zwei der mickrigen Verräter!« zischte die hagere, kleine Frau ihrem Thekennachbarn im Tjolmarer Hof zu. »Schaut sie Euch an! Goldgierige, blutrünstige, ekelerregende Bastarde. Von den Orks unterscheidet sie nur, daß sie kein Fell haben.«

Der Angesprochene, ebenso klein, aber deutlich fülliger, mit schütterem, kurzgeschnittenem grauen Haar und in ein graues Reisegewand gekleidet, wandte sich um und suchte den Anstoß für solch mißgünstige Worte. Die Jägerin in ihrer oft und sorgfältig geflickten Kleidung und mit breiten, grauen Strähnen im blaßblonden Haar blickte unter bedrohlich zusammengezogenen Brauen und mit verkniffenen Lippen zu zwei Zwergen hinüber, die gerade an einem Ecktisch Platz nahmen. Der gerüstete, schwarzbärtige Zwerg half der rundlich starken Zwergin eben galant auf einen für sie viel zu hohen Wirtshausstuhl und schien sichtlich bemüht, das mißmutige Gemurmel mehrerer menschlicher Gäste in der niedrigen, verrauchten Stube zu überhören. »Hätten sie nicht für Gold die Brücke freigegeben, wäre Tiefhusen heute noch frei«, behauptete die Jägerin mit Zorn und Verachtung in der Stimme. »Jahrhundertelang haben sie den Schutz und die Annehmlichkeiten des Bundes beansprucht. Niemand hat es ihnen verleidet. Und dann das!« Die Frau spuckte angewidert auf die blankgescheuerten Dielen. »Orklandgeschmeiß!«

Der Mann zu ihrer Linken hob den Humpen schäumenden Bieres an die Lippen und trank ihn bis zur Neige leer. »Nun, mag auch einiges gegen sie sprechen, besseres Bier als das der Angroschim werdet Ihr hier kaum finden«, befand er mit einem Seitenblick zu der zornigen Frau. Er stellte den Humpen auf die polierte hölzerne Theke und griff nach seinem Wanderstab.»Hesindes Segen mit Euch.«

Der Mann, Gerinbold Perkun, seines Zeichens magister extraordinarius der Halle der Macht zu Lowangen, legte die Münzen für die Zeche neben den leeren Humpen. Nachdem er dem Wirt noch einmal zugenickt hatte, der eilfertig das Geld in den Taschen seiner fettstarrenden Schürze verschwinden ließ, ging er mit der Gelassenheit des selbstbewußten Magiers zu dem Tisch der Zwerge hinüber. »Verehrte Gilda, einen angenehmen Abend wünsche ich Euch«, wandte er sich unüberhörbar an die Zwergin mit den kastanienfarben glänzenden Zöpfen, die sorgsam mit verzierten Goldspangen um ihren Kopf gesteckt waren. »Verzeiht mir die aufdringliche Störung, aber erlaubt mir, ein Wort mit Eurem Begleiter zu wechseln.«

Gilda, Tochter der Gerde, sah auf und erkannte Gerinbold, einen der Gefährten ihres Begleiters. Sie nickte, belustigt lächelnd, und deutete mit kurzem, flinkem Finger auf einen noch leeren Stuhl an ihrem Tisch. »Setzt Euch, werter Magister.«

»Habt Dank, Verehrteste«, entgegnete der Mann, »aber ich möchte Eure Zeit heute nicht über Gebühr beanspruchen. Ein andermal gem.« Gerinbold wandte sich dem Zwerg zu. »Weißt du, wo Lihjana ist?«

Sein Freund, Barek, Sohn des Beragam, hob die Schultern und brachte damit das sehr sorgfältig polierte lange Kettenhemd und eine ansehnliche Anzahl an Waffen leise zum Klirren. »Im Wald«, vermutete der Zwergenkrieger mürrisch, »oder sonstwo.«

»Sonstwo?«

»Sie wollte Wirsel suchen«, gab Barek nun doch Auskunft.

»Warum?«

»Jelindraél und Tjalf sind jetzt zwei Tage überfällig. Dabei sind zwei Tage in dieser Gegend wohl kein Grund, sich um die beiden Sorgen zu machen«, spottete der Zwerg. »Die kommen schon noch. Sag, hast du noch von dem Tabak, den du in Lowangen gekauft hast?«

Der Magister lächelte. »Habe ich.« Er blickte zu der verschmitzt dreinblickenden Zwergin. »Verehrte Gilda, gestattet Ihr, daß ich Euch ein wenig von dem würzigsten Kraut anbiete, das zur Zeit nördlich des Finsterkamms erhältlich ist?«

Barek grinste über das ganze wettergegerbte Gesicht. »Meine Liebe«, wandte er sich an Gilda, »darf ich Euch eine Pfeife aus meiner Sammlung zu diesem Zwecke leihen?«

»Ich nehme beide Angebote an«, entschied die Zwergin freundlich und nahm den Tabaksbeutel des Magiers und die zierlich geschnitzte Meerschaumpfeife des Zwerges dankend entgegen. Geschickt stopfte sie sich die Pfeife mit dem duftenden Kraut. Danach reichte Gerinbold Barek den Beutel. »Nicht, daß du mich nachher knausrig nennst.«

»Das fiele mir niemals ein, Gerinbold«, versicherte Barek, dessen Grinsen noch ein klein wenig breiter geworden war.

Wenig später verabschiedete sich Magister Perkun und trat aus der verräucherten Gaststube in die reine, kühle Nachtluft hinaus. Seine Schritte knarrten auf dem überdachten Steg vor dem Tjolmarer Hof. Die hölzernen Wege durchzogen den größten Teil Tjolmars, da wegen des schlammigen Untergrundes und der jährlich wiederkehrenden Überschwemmung so gut wie alle Gebäude zwischen dem Svellt und der mitten durch den Ort ziehenden Svelltstraße seit Menschengedenken auf Pfählen errichtet wurden. Die Stege und Brücken bewahrten die Tjolmarer davor, dreiviertel des Jahres durch knietiefen Schlamm waten zu müssen.

Mit einem Blick zu den Sternen hinauf bestimmte der Magier die Stunde. Er seufzte und wünschte sich zum wiederholten Male, daß er die Deutung des sternenkundlichen Horoskopes den tulamidischen Astrologen überlassen hätte. Die Zeichen gefielen ihm nicht – sie waren unheilvoll und vage. Und obwohl er sie als viel zu vage empfand, deutete doch einiges hartnäckig auf unerfreuliche Ereignisse innerhalb des nächsten Mondes hin. Gerinbold blickte, auf seinen Stab gestützt, zum Madamal hinauf. In der gestrigen Nacht hatte es als Rad am Himmel gestanden, heute hatte es bereits einen schmalen Span an seinem unteren Rand verloren. Nachdenklich machte sich Gerinbold auf den Weg zum Trallopper Riesen.

»Warum hast du mich nicht geweckt?« Jelindraél war nach Mitternacht erwacht und blickte nun zu Tjalf hinüber, der immer noch an der Seite der verletzten Thorwalerin ausharrte und ihr den Fieberschweiß aus dem Gesicht strich.

»Warum sollte ich?« murmelte Tjalf. »Ich bin nicht müde, und sie ist nicht wirklich wach geworden.«

Der Elf erhob sich von seinem Lager und trat zu dem Skalden.

»Geh schlafen, Tjalf!« bat er. Er legte eine Hand auf die Schulter des Freundes. »Ich werde dich zum Frühstück wecken.«

Um die Praiosstunde des nächsten Tages kam die junge Frau zum erstenmal soweit zu sich, daß sie ihre Umgebung erkannte. Tjalf begegnete dem verwirrten Blick meerblauer Augen und mühte sich um ein freundliches Lächeln.

»Bin ich daheim?« war ihre erste leise Frage.

Der Skalde verneinte. »Nein, immer noch am Svellt. Jelindraél und ich haben dich gestern in den Wäldern um Tiefhusen gefunden und in die Stadt gebracht. Es wird dir bald besser gehen, kleine Heldin. Wer bist du?«

»Jora Eddasdottir der Wellenbrecherottajasko südlich von Olport, Kriegerin der Trutzburg zu Prem«, antwortete sie mühsam, aber dennoch deutlich.

Tjalf nickte, strich über ihre immer noch fieberheiße Wange. »Mich nennt man Tjalf Sturmlied«, erklärte er. »Schlaf noch ein wenig, Joraja! Ich werde über deinen Schlaf wachen.«

Sie trotzte sich ein mattes Lächeln ab. »Schleif meine Axt! Ich werde sie morgen brauchen«, murmelte sie.

»Das werde ich tun«, versprach er sanft.

Dann glitt die Thorwaler Kriegerin wieder in den Schlaf hinüber.

»Du hast den starken Körper einer Thorwalerin«, befand Jelindraél trocken.

»So?« Jora saß in ihrem Bett. Sie hatte den Elfen ihre Wunden begutachten und versorgen lassen. »Zwei Tage in diesem Bett sind zwei Tage zuviel! Das Herumliegen macht mich wahrlich krank«, entgegnete sie ungeduldig.

Tjalf lachte und sah von dem ledernen Jagdhemd auf, das er flickte. »Joraja, soviel Undankbarkeit verdient eigentlich eine Tracht Prügel!«

»Oh, ich bin dankbar. Entschuldige bitte, Jelindraél. Aber ich langweile mich.«

»Versuch aufzustehen«, schlug der Elf gelassen vor.

Die Kriegerin musterte das ruhige Gesicht des Heilers und schlug dann die Decke vollends zurück. Sie schwang die Füße aus dem Bett und erhob sich. Wakkelig stand sie da, aber Tjalf schwieg. Er kannte den Eigensinn der Frauen aus Thorwal und ließ ihr ihren Willen. Auch Jelindraél ahnte, daß diese Kriegerin auf die Ratschläge eines Medicus kaum hören mochte, und beobachtete schweigend, wie ihr Stand immer unsicherer wurde.

»Swafnir, sie dreht sich!« rief sie schließlich aus und drohte zu fallen. Der Elf fing sie auf und setzte sie zurück auf ihr Lager.

»Es geht mir gut«, wehrte sich Jora gegen seine Fürsorge.

»Es geht dir noch nicht gut«, stellte Jelindraél klar.

Zornig ließ sich die Thorwalerin in die Kissen zurückfallen. Tjalf setzte sich zu ihr auf die Bettkante und legte ihr die Hand auf den nackten, immer noch zu warmen Bauch. Dort segelte eine Otta, ein Thorwaler-Schiff mit gestreiftem Segel und Drachenkopf am Bug, hinauf zu ihrem rechten Busen. Die gemalten Wellen des Meeres schienen sich unter seiner Hand zu kräuseln, und der pulsierende Schlag ihres Herzens mutete wie das ungestüme Schlagen des Schlangenschwanzes an, der vor dem Kiel der Otta im Wasser verschwand. »Joraja, Jelindraél hat meist recht. Drei Tage brauchst du trotz aller Magie und Heilkräuter noch.« Er deckte sie sorgsam zu.

Die Frau hatte die Augen geschlossen und die zitternden Lippen aufeinandergepreßt. Tjalf nahm seine Laute in die Hände. Nach einigen suchenden Tönen fand er die Melodie und spielte und sang für Jora die Geschichte der Algrid Hermdottir und ihres heldenhaften und erfolglosen Versuchs, den Heiligen Efferdpfeiler von Olport zu besteigen. Jelindraél seufzte und ließ die beiden Thorwaler allein. Skalde hin oder her – der Elf kannte Algrids Sage, und sie war ihm entschieden zu lang.

»Du hast ihn nicht? Du hast ihn verloren?! Du hast den Ring verloren, das einzige, worauf du achten solltest? Jämmerliche Kreatur. Geh mir aus den Augen!«

Die vor unterdrücktem Zorn bebenden Worte zerschnitten drohend die Stille der düsteren Zwergenkammer. Die Schatten in den dunklen Ecken streckten sich neugierig, wohingegen sich die beiden erleuchteten Flecken erschrocken zusammenzogen, als wäre ein kalter Windhauch durch die Flammen des Kaminfeuers und der Grubenlaterne gefahren. Und doch hing die Laterne reglos über dem mit Folianten und Pergamenten, Wachstafeln und Schreibzeug überladenen Tisch. Aber selbst die Wassertropfen, die über die Felsen im tiefsten Dunkel der weitläufigen Höhle rannen, jenseits jeden Lichtes, erstarrten im plötzlichen Frost. Das Dämmerlicht über den Truhen, dem schweren Bücherschrank und ebenso über dem alten Lehnstuhl und dem kargen Bett schien gleichsam beseelt. Es verharrte in seinem unermüdlichen Spiel, als ob es lausche.

Die junge Frau, der die harten Worte des Zwerges galten, krümmte sich wie unter dem Schlag einer Peitsche und kauerte sich zusammen, bis ihre Knie den kalten Felsboden berührten. Ihre magere Gestalt in den zerschlissenen und zerrissenen Kleidern einer Tjolmarer Bauerntochter bebte vor Furcht. Die bernsteinbraunen Augen unter den zusammenwachsenden schmalen Brauen waren groß vor Entsetzen und wagten es doch, um Vergebung zu betteln. »Bitte, Herr«, bat sie verzweifelt, »bitte! Ich hatte ihn. Er war in dem Beutelchen, hier bei den Münzen. Und dann war er fort.«

Der Zwerg, der kaum bis zur Brust der jungen Menschenfrau reichte, wandte sich ruckartig ab, so daß die graue Kutte um die Beine seines stämmigen Körpers schwang. Er schnaufte, starrte blicklos auf seinen Arbeitstisch hinab und hieb unerwartet mit der Faust auf einen dicken alten Folianten. Staub stob glitzernd auf und legte sich nur langsam und widerwillig zurück über Bücher und Pergamente, Federkiele und Tintenfaß. Der lange weiße Bart zitterte vor Wut, ebenso das in zwei dicke Zöpfe geflochtene Haupthaar. Die struppigen Brauen sträubten sich. »Dann lebt sie«, schloß er mit nun gefährlich leiser Stimme. Er starrte gegen die Felswand jenseits des Tisches, wo auf Borden Töpfe, Tiegel und Schalen mit allerlei alchimistischen Substanzen und Ingredienzen standen und zwischen Kamin und uraltem Kleiderschrank getrocknete Pflanzen und eine mumifizierte tote Schlange an gespannten Schnüren hingen. Sein Blick glitt über den Kamin zu der Nische mit dem Tisch, dessen Platte sich unter dem Aufbau seines letzten Experimentes bog. Er musterte düster die gläsernen Kolben und kupfernen Röhren, die eisernen Ständer und silbernen Spiralen und roch den scharfen Gestank des grünschwarzen Pulvers, das für nichts gut zu sein schien.

Er richtete seinen Blick wieder auf die verängstigte Frau. »Dann hast du versagt, Jelle, elendig versagt! Es ist die Magie des Rings«, erklärte er erbarmungslos. Er schüttelte den Kopf. »Und sie muß nun gebunden sein, längst gebunden.« Innerlich bebte er vor Zorn darüber, daß eines der wichtigsten Rädchen seines Plans abhanden gekommen sein sollte. Nach außen hingegen zeigte er nur eisige Kälte. »Und dennoch wird es gelingen«, murmelte er. »Vielleicht ist noch nicht alles verloren. Wer kennt schon die Magie der Alten wirklich? Mardugh sicherlich nicht, dieser Narr!«

Die Frau auf dem Boden hinter ihm schluchzte leise. »Es tut mir leid«, wimmerte sie.

Der Zwerg wandte sich wieder ihr zu. Das silberne Amulett an dem Seidenband um ihren Hals glänzte im Licht der Grubenlaterne auf. Wieder fragte er sich, ob es nicht nur fade, bedeutungslose Erinnerungen waren, die ihn an diesem Menschenbalg Gutes tun ließen. Ohne seine Magie und seinen Schutz wäre es längst in der Wildnis zugrunde gegangen, verendet an den Folgen der Begegnung mit dem alten Werwolf vom Hilval. Kalt sagte er: »Geh! Heul den Mond an! Vielleicht mag der dir verzeihen, undankbares Balg.«

Die junge Frau schlich weinend in die Dunkelheit davon. Sie hätte sich lieber auf ihrem Lager in der dunklen Höhlenecke zusammengerollt und ihre schmerzenden Wunden geleckt, aber sie war gehorsam wie stets.

Der Zwerg hörte, wie die schwere Tür hinter dem ledernen Vorhang behutsam zugezogen wurde. Er lachte eisig, freudlos auf. »Und doch wird es gelingen. Wer sollte mich daran hindern?«

»Was ist geschehen?« Noch schlaftrunken drang die Frage des Elfen durch die dunkle Mietstube.

»Schlaf weiter, Jelindraél! Es ist nur Jora.« Das helle Klicken von Stahl auf Feuerstein erklang, dann erhellte mildes Licht die Dunkelheit. Unverständliche, recht laute Worte und das Knarren eines Bettes, auf dem sich jemand hin und her warf, veranlaßten den Elfen, eilig den Schlaf abzustreifen. Schon war er aus dem Bett und an der Seite der unruhig schlafenden Thorwalerin. Jelindraél Feenlicht schnippte mit den Fingern der linken Hand und ließ eine winzige Lichtkugel erscheinen, die trotz ihrer geringen Größe ein stetigeres und helleres Licht spendete als die Öllampe in den Händen seines Freundes. Der Elf zog Joras Decke fort, um die bis auf die Verbände nackte Frau zu untersuchen. Erleichtert richtete er sich wieder auf. »Sie träumt«, sagte er.

Tjalf neben ihm schüttelte den Kopf. »Was hattest du gedacht?«

»Manchmal wirken die Kräuter nicht«, erklärte der Elf.

»Warum ...?« Jora war frierend erwacht und blickte geblendet und verwirrt zu den beiden Männern und deren Lichtern hinauf.

Der Thorwaler drückte seinem Freund die Lampe in die Hand und wandte sich der Frau zu. »Du hast schlecht geträumt«, beruhigte er Jora. »Ich nehme dich zu mir.« Behutsam hob er sie auf seine Arme und trug die Kriegerin mühelos zu seinem Lager.

Der elfische Heiler seufzte und stellte die Lampe auf den Tisch zurück. Tjalf breitete die Decke über die Frau und legte sich zu ihr. Sanft zog er sie an sich und nahm sie in den Schutz seiner Arme. Jora war viel zu schlaftrunken, um darauf, in welcher Art auch immer, zu antworten. Ihre matten Glieder und die geschlossenen Augen zeigten deutlich, daß sie alsbald wieder in Borons Arme gleiten würde.

Jelindraél seufzte. »Tjalf, falls die Kräuter nicht wirken und sie sich in einen Werwolf verwandelt, wird sie dich umbringen«, warnte er den Freund.

»Und wenn schon«, murmelte der Thorwaler mit bereits geschlossenen Augen. »Außerdem – haben deine Kräuter bisher jemals versagt? Umsonst schleppe ich dich doch nicht die ganzen Monde und Götterläufe mit mir herum, alter Heiler.«

»Tjalf ... Dann wünsche ich euch einen ruhigen Schlaf und gute Träume.«

»Wenn du noch das Licht löschen könntest ... Gute Träume, Jelindraél.«

In die Züge des Elfs stahl sich unwillkürlich ein Lächeln. Er schüttelte den Kopf. Dann drehte er den Docht bis zum Erlöschen herab und ging selbst zu Bett. Das Feenlicht über seiner Hand verging.

Jora schlief in Tjalfs Umarmung und atmete tief und ruhig. Der Mann lauschte auf ihre Atemzüge. Und er roch ihren Körper, dem trotz der sorgfältigen Pflege des Elfen der Geruch nach Wald, Blut und Schweiß anhaftete. Unter den Händen spürte er ihre Wärme und ihren Herzschlag. So sehr er auch fürchtete, sie zu wecken, so stark war doch der Wunsch, sein Gesicht in ihrem Haar zu vergraben und ihren Körper mit seinen Händen zu erforschen. So schmiegte er seine Wange an die Flut ihres Haares und seine Hände streichelten sanft über ihre Haut. Der nackte, warme Frauenkörper mit seinen weichen Rundungen und dennoch starken Gliedern weckte in ihm das Begehren nach weit mehr Zärtlichkeit und Liebe. Tjalf biß sich auf die Lippe, bis es schmerzte. Ohnmächtig gestand er sich ein, daß die göttliche Rahja ihm gerade einen argen Streich spielte. Er, der seit Jahren außer gegen Gold bei keiner Frau gelegen hatte, der bei Swafnir versprochen hatte, niemals eine Gefährtin an seiner Seite zu dulden, um nicht zu verletzen, was er liebte, hielt eine Thorwalerin in den Armen und begehrte sie mit jeder Faser seines Körpers. Zornig stöhnte er auf. Es fiel ihm schwer, dies Verlangen bei solcher Nähe zu bezähmen, aber noch weniger mochte er die ruhig Schlafende aus seinen Armen lassen. So lag er noch lange wach, bis er endlich den Weg in das Reich der Träume fand. Und dort quälten ihn Gesichter und Stimmen, Erinnerungen, die er fast vergessen glaubte. Lihjana Feensang neigte den Kopf ein wenig zur Seite und gab Magister Gerinbold Perkun so zu verstehen, daß sie nicht seiner Meinung war. »Liebste Freundin, ich bitte dich! Niemals könnte hier ein Untier sein Unwesen treiben, ohne von den Bürgern Tjolmars oder den Orks entdeckt zu werden. Schon gar nicht eines, das unter ihnen einhergeht«, beharrte er auf seiner Überzeugung.

Die Elfe strich eine Strähne ihres langen schwarzen Haares über die Schulter zurück, blickte Barek an. Der Zwerg begegnete ungerührt dem Blick ihrer großen dunklen Augen – die er in unfreundlicher, mißgelaunter Stimmung als verträumte, blöde Rehgucker zu bezeichnen pflegte. Obwohl er zugeben mußte, daß in den schräg gestellten Elfenaugen heute von Träumerei keine Spur zu entdecken war. Trotzdem wollte er dem Magier glauben. Der letzte Werwolf, der ihm vor die Klinge gelaufen war, hätte es mit seiner allerschlechtesten Laune ohne weiteres aufnehmen können. Und wenn der Zwerg schlechtgelaunt war, gingen ihm selbst seine engsten Freunde aus dem Weg. »Unsinn. Werwölfe mitten in Tjolmar!« knurrte er.

»Ein Werwolf«, berichtigte ihn Lihjana sanft. Sie wandte sich dem Menschen zu. »Gerinbold, ich erkenne ein Werwesen, wenn es in meine Nähe kommt. Du erkennst es und Jelindraél erkennt es. Aber Barek und Tjalf nicht. Ich glaube nicht, daß die Fialgra oder die Teloré sein Wesen spüren. Sie sehen das gerissene Schaf und glauben an Wölfe. Sie wollen an Wölfe glauben, verstehst du?«

Der Magier seufzte. »Sicher, sicher«, bejahte er, »aber geht es uns etwas an?«

Der Blick der Elfe ließ ihn frösteln. »Es trug die Spuren einer Axt«, sagte sie.

»Tjalf Sturmlied, meine Axt an deinen Schädel!«

»Püppchen!« wiederholte der Skalde grinsend die scherzhafte Bezeichnung, die die Kriegerin erzürnt hatte.

»Oh! Wo ist meine Axt?!«

Tjalf lachte Jora über den Tisch hinweg an. Sie stand ihm barfuß gegenüber, angetan mit einem einfachen Leinenkleid, das Haar in einen schweren, langen Zopf geflochten. Sie blitzte den Mann an, fauchte wie eine Wildkatze und lauerte. Ihre Lebendigkeit jetzt stand in keinem Vergleich zu ihrer Hinfälligkeit vor wenigen Tagen. Jelindraél hatte das elfische Wunder vollbracht, die Kriegerin in unglaublich kurzer Zeit genesen zu lassen.

Der Skalde achtete darauf, daß der Tisch zwischen ihnen blieb. Und während er sich beharrlich ihrem Zugriff entzog, bekam er ihre Wurfaxt zu fassen. »Hier ist sie! Fang sie!« rief er.

Die Thorwalerin fing die wirbelnde Axt geschickt, so wie sie es von Kindesbeinen an gelernt hatte, und umgriff sie entschlossen. »Ich werde deine Zöpfe kappen, Katzensänger!« drohte sie mit funkelndem Blick.

»Versuch es!«

Die wilde Jagd um den Tisch, der unter der rauhen Behandlung polterte und ächzte, endete erst, als Jora stolperte und mit der Axt noch in der Hand auf eines der Betten fiel.

Der Skalde lachte und beugte sich zu ihr, um ihr aufzuhelfen. »Gib auf!« riet er ihr.

Die gut gezielte flache Seite der Axt ließ ihn aufstöhnen, fällte ihn für Augenblicke. Bevor Jora sich von seinem schweren Körper befreien konnte, war Tjalf bereits wieder genügend bei Sinnen, um einen Arm um ihre Hüfte zu schlingen und sie fest im Griff zu halten. Die Thorwalerin wand sich schimpfend und lachend, aber noch war Tjalf stärker. Endlich ergab sie sich, lag still da und blickte hinauf in sein lächelndes bärtiges Gesicht.

Tjalfs Hand strich ihr sanft eine blonde Strähne aus der Stirn. Er stemmte sich hoch, um sie von seinem Gewicht zu befreien. Da fuhren ihre Hände über sein Haar. Sie hielt ihn fest, die Finger in geflochtenem Haar verwoben. Sie richtete sich ein wenig auf und zog ihn ein Stück zu sich herab. Sie küßte seine Lippen.

Tjalfs Widerstand zerrann in wenigen schnellen Herzschlägen. Liebkosend strich ihr seine Hand über den Hals, die Schulter, die Brust. Die junge Kriegerin seufzte leise und bog sich ihm entgegen, öffnete die Schenkel für sein Streicheln. Sanft, aber mit einer unnachgiebigen, zärtlichen Gier küßte sie seinen Mund, öffnete diesen mit liebevollem Nachdruck und trank von seinem aufflackerndem Begehren. Ihre Hände spielten geschickt an den Schnüren des ledernen Hemdes. Sie fuhren unter das Leder, streichelten nackte Haut und umkreisten seine Brustwarzen. Ihre Finger zausten sein Körperhaar, neckten seinen Nabel, glitten zu seinem Hosenbund und fanden die Spitze seines Gliedes.

Tjalf spürte es längst hart nach ihrem Körper fordern und zuckte trotzdem unter ihrer zielsicheren Berührung zusammen. Plötzlich hielt er in der Liebkosung der weichen, vollen Brust unter dem hinaufgeschobenen Kleid ein. Er löste sich von der Frau und drehte sich von ihr fort. Er lag auf dem Rücken, die Fäuste geballt. Jora zog ihre suchende, tastende Hand zurück, ließ sie aber auf seiner Brust liegen.

»Bei Rahjas Liebe«, sagte Jora ernüchtert, »warum wehrst du dich?«

Der Skalde sah zu der geweißten Decke über dem Bett hinauf. Er suchte nach Worten, um ihr zu erklären, daß er das nicht wollte und nicht durfte. Aber er hatte Angst, sie unbeabsichtigt zu verletzen. Und noch mehr fürchtete er sich, die Zärtlichkeit zurückzuweisen, nach der er sich sehnte. Sein Atem ging in schweren, mühsamen Zügen, fast als weine er.

Die Thorwalerin setzte sich auf. »Tjalf«, bat sie leise.

Er blickte sie an.

Mit fließenden Bewegungen streifte die Frau das Kleid über den Kopf und ließ es zu Boden fallen. Der Skalde musterte ihren schönen und starken Körper. Bunte Bilder zogen sich, miteinander verbunden, über die samtgleich schimmernde Haut, hier und da durch die hellen Linien der Narben längst vergessener Wunden durchbrochen. Er sah in die Züge dieses wunderbaren Gesichtes und in meerblaue Augen. Sein Blick glitt über das volle, aus dem Zopf entwichene Haar, den Schwung ihres Halses und ihre weibliche Brust. Tjalf schloß die Augen. Er mochte sie nicht sehen und wollte diesen Körper nicht begehren. Aber er wehrte sich nicht gegen die Hände, die mit sicheren, sanften Bewegungen die Schnüre seines Hemdes und seiner Hose vollends aufbanden und ihn auszogen. Und er half ihr dabei, unfähig, sich ihr wahrhaftig zu verweigern. Dann spürte er ihre Schenkel um seinen Leib und ihre streichelnde Hand in seinem Schritt. Seine Hände glitten haltlos über ihre Haut, hilflos vor Sehnsucht und Angst.

Er stöhnte auf, als die Thorwaler Kriegerin sein Glied umfaßte und ihre beiden Körper durch eine einzige fließende Bewegung ihres Leibes verband. Sie seufzte leise, bog sich ihm entgegen und biß ihm sanft in die Unterlippe. Fast zu schnell verging der Augenblick, in dem Tjalf sich verlor, in dem er sich aufbäumend um ihren Körper klammerte und heiser aufschluchzte. Schließlich lag er auf den Decken und hielt die Frau in den Armen, die sich zufrieden an ihn kauerte und seine warme Haut liebkoste.

»Joraja«, murmelte er, während er sie behutsam, beinahe ängstlich streichelte, »bei Swafnir ...«

»Ja.« Sie sah ihm unerschrocken in das bärtige Gesicht und zupfte ihm lächelnd an dem zerzaustem Bart. »Ich bekomme, was ich möchte«, erklärte sie zärtlich, aber bestimmt.

»Und du weißt nicht, was du bekommst«, entgegnete Tjalf rauh.

»Vielleicht«, gab sie zu und küßte ihn neckend, »aber auch die Erinnerung an ein rahjagefälliges, berauschendes Beisammensein hat ihren Wert.«

»Ich will dir nicht weh tun.«

»Ich weiß, alter Skalde. Ich fürchte, das ist das einzige, was ich wirklich von dir weiß. Du hast Angst davor, mich zu verletzen. Tjalf, ich bin Thorwalerin, Kriegerin. So leicht schlägt man mir keine Wunden.«

»Das mögen die Götter geben!«

Jora richtete sich lauschend auf. »Jelindraél kommt«, stellte sie fest. Sie trennten sich voneinander, hatten aber noch nicht einmal zu ihren Kleidern gegriffen, als der Elf die Stubentür öffnete. Belustigt musterte er sie. Und wortlos griff er sich Bogen und Köcher und ging wieder hinaus.

Jora lachte auf, während Tjalf seufzte. »Elfen«, sagte er.

Die Kriegerin sichtete das, was von ihrer Ausrüstung übrig war. Zwar hatten ihre beiden Retter den Tuchbeutel und die Waffen aufgesammelt und mit nach Tiefhusen gebracht, aber einiges war doch im Wald geblieben – oder hatte vielleicht auch den Besitzer gewechselt. Allem voran fehlte die Geldkatze. Nicht, daß in der kleinen Gürteltasche mehr als einige Heller und Kreuzer gewesen wären – nach den gerade erst vergangenen Orkkriegen hatten sich die Forderungen der Wirte und Händler in dieser Gegend verdrei- bis verzehnfacht –, aber der Verlust verstimmte Jora dennoch. Der Beutel hatte sie seit Prem auf ihren Fahrten begleitet. Was ein Werwolf wohl mit Münzen anfing? Die Kriegerin lächelte grimmig. Womöglich saß er aber auch gerade in diesem Augenblick in seiner menschlichen Gestalt unten in der Wirtsstube und bezahlte einen Krug Bier mit ihren Bronze- und Eisenstücken. Jelindraél und Tjalf hatten in den vergangenen Tagen mehrfach in den Wäldern nach Spuren gesucht, aber nicht den geringsten Hinweis oder gar die verfluchte Kreatur selbst finden können. Auch wußte niemand, den sie befragt hatten, von einem Werwolf oder auch nur von Gerüchten über einen solchen in und um Tiefhusen. Das Untier war aus dem namenlosen Nichts erschienen, hatte Jora Eddasdottir beinahe getötet und war wieder im Nichts verschwunden – so schien es jedenfalls. Fast war Jora bereit zu glauben, daß sie erst in ihren Fieberträumen aus einem Rudel verwirrter Wölfe einen Werwolf ersponnen hatte; aber da blieb immer noch Jelindraéls Überzeugung, daß er sie vor der Lykanthropie, der Verwandlung in ein Werwesen, bewahrt habe. Der Elf hatte ihr erklärt, daß der Biß eines Werwolfes durchaus auch ohne Magie verheilte, aber die Verwandlung in die Werkreatur spätestens zum nächsten vollen Madamal ohne die Heilkraft der Blätter des Roten Drachenschlundes unaufhaltsam gewesen wäre. Jora seufzte und kramte weiter in den Tiefen des geräumigen und inzwischen beinahe leeren Tuchbeutels. Ihre tastenden Finger spürten einen harten, kleinen und fast runden Gegenstand. Mit zusammengezogenen Brauen griff sie das Ding und holte es ans Praioslicht.

»Ach, der Ring«, murmelte sie, einen langen Augenblick in die Betrachtung des seltsamen Schmuckstücks versunken. Dann stutzte sie. Das schwarzschimmernde, weißgeäderte Kleinod, aus einem einzigen Onyx geschnitten und in Facetten mit weichen Kanten geschliffen, hatte sie ihrer Erinnerung nach in ihrer Geldkatze aufbewahrt. Jora schüttelte verwundert den Kopf. Daß der Werwolf ihren Geldbeutel entwendet, ihn durchsucht und dann das sichtlich wertvollste Stück in ihren Tuchbeutel gesteckt, die kleinen Münzen aber behalten hatte, war eine derart abwegige Vorstellung, daß sie dann doch lieber glaubte, daß das Fieber ihr wahrhaftig mehr als gedacht zugesetzt hatte. Allerdings konnte nur Hesinde allein dann noch wissen, ob sie den Ring tatsächlich einem Ork abgenommen hatte. Dieser hatte mit dem Leben und dem Schmuckstück dafür bezahlt, daß er der jungen Kriegerin auf dem Pfad von Enqui in Richtung Tjolmar nach Hab und Gut getrachtet hatte. Ihre Erinnerung an den gerüsteten Ork und seine beachtliche Fertigkeit mit dem säbelartigen Arbach war allerdings klar und deutlich und nicht derart verschwommen wie die Erinnerung an den Werwolf.

Jora fädelte das kostbare Stück auf ein Lederband, das sie sich um den Hals hängte und unter dem Hemd verbarg. Dort mochte er bleiben, bis sich jemand fand, der für diesen außergewöhnlichen Schmuck gutes Gold zu zahlen bereit war.

Der Tuchbeutel war nun leer.

Sorgsam füllte die Frau ihn wieder mit den um sie herum verstreuten Habseligkeiten einer wandernden Thorwaler Kriegerin – viel war es nicht – und ließ nur den Wetzstein neben sich liegen. Schließlich griff sie diesen und nahm ihren Zweihänder auf die Knie. Sie schärfte geübt die lange schwere Klinge und schmetterte dabei laut und nicht immer ganz treu der eigentlichen Melodie ein Lied an die stürmische Rondra. Es war eines der Lieder mit unzähligen Strophen, die die Zöglinge der Trutzburg zu Prem so gerne sangen:

»Rondra, Göttin des Sturmes, Herrin der Klingen in unserer Hand, Dir geweiht auf See und an Land! Rondra segne die Klingen, auf daß sie singen das Lied zu Deiner Ehr! Rondra sei mit uns, auf daß wir siegen auf Brechen und Biegen! Das wohl! Rondra, Göttin des Krieges, Herrin der Herzen in unserer Brust,...«

2. Kapitel

Freunde in deiner Begleitung sind mehr wert als das beste Schwert an deiner Seite.

DER WANDERER, GEWEIHTER DES AVES

»Und was treibt ihr so, wenn ihr nicht gerade angeschlagene Premer Kriegerinnen aufsammelt?« Jora Eddasdottir blickte Tjalf und Jelindraél über den Wirtshaustisch und einen Humpen Met hinweg an. »Heldentaten vollbringen? Ihr wißt schon: verschollene Schätze finden, Drachen befragen und unschuldige Mägdlein und Buben vor dem bösen Schwarzmagier retten.«

Die beiden Männer wechselten einen Blick, in dem etliche ungesagte Worte lagen. Jora lächelte. Märchen geschahen selten, und dann meist den Wanderern, die man nur vom Hörensagen kannte und von denen man nie wußte, ob es sie wirklich gab.

»Mehr oder weniger«, antwortete der Skalde schließlich. »Es ist nicht einfach, das Leben allein durch die Sangeskunst zu bestreiten. Als wir dich fanden, waren wir auf dem Rückweg von Gashok nach Tjolmar. Wir haben einen Händler begleitet, dem unser Geleit einige Goldstücke wert war.«

»Mit Geleitschutz kann man kaum das verdienen, was ihr allein für mich in den letzten Tagen ausgegeben habt«, entgegnete die Kriegerin trocken. »Allerdings geht es mich auch nichts an, woher euer Gold stammt.«

Tjalf erwiderte ihren unverblümt neugierigen Blick mit einem Lächeln. »Ein bißchen Glück gehört dazu«, gab er zu. »Vor einiger Zeit waren wir zu fünft und die Horde Wegelagerer am Brinask nur zu sechst. Wegelagerei scheint trotz all der Not hier ein einträgliches Geschäft zu sein. Jedenfalls stopfte deren Beute die Löcher in unseren Beuteln. Nun wollen wir zurück nach Tjolmar und unsere Freunde treffen. Danach geht es in die Salamandersteine, zu Jelindraéls und Lihjanas Sippe.«

Die Thorwalerin gab sich mit der Antwort zufrieden. Nachdenklich blickte sie durch die am frühen Abend noch leere, für die Gäste ordentlich hergerichtete Schankstube des Nordlichts. Die hübsche schwarzhaarige Tochter der Wirtin räumte sauberes Geschirr in die Regale hinter der Theke ein, während ihr ein dicker roter Kater schmeichelnd um ihre Beine strich und um sein Abendbrot bettelte. Auf der polierten Holzplatte der Theke warteten Kerzenleuchter und Aschtöpfchen darauf, auf den Tischen verteilt zu werden. Aus der Küche war das vergnügte Plappern eines kleinen Kindes zu hören.

»In die Salamandersteine? Dann ist Tjolmar doch ein Umweg für euch.«

»Nur aus der Sicht eines Menschen«, entgegnete Jelindraél. Um seinen sanften Mund spielte ein spöttisches Lächeln.

Die Thorwalerin musterte den Elfen mit fragend gehobenen Brauen. Er, in dem Leder seines Jagdzeugs eher wie ein schmalschultriger, großer Streuner als wie ein fey wirkend, nahm den Becher mit heißem Honigtee und trank ihr mit lachenden Augen zu. »Kommst du mit?« fragte er, wobei er sich aus seiner und Tjalfs Kanne nachschenkte. Tjalf hielt ihm sein Trinkhorn hin; und während Jora zusah, wie der dampfende, goldbraune Tee in das für Met, Bier und Premer gedachte Horn floß, antwortete sie zögernd: »Ich hatte eigentlich vor, nach Gareth zu wandern.«

»Nun, dann nimmst du die Route über die Salamandersteine. Auch nur ein kleiner Umweg«, scherzte der Thorwaler.

»Ein sehr kleiner«, spottete sie, »sicher, bei Rondra ... Aber selbst wenn ich mit euch kommen wollte – außer einem Schmuck, für den hier niemand einen angemessenen Preis zahlen könnte, besitze ich keinen rostigen Kreuzer mehr. Wollt ihr mich bis Tjolmar und darüber hinaus durchfüttern?«