DSA 66: Die Schwärze der Nacht - Thomas Baroli - E-Book

DSA 66: Die Schwärze der Nacht E-Book

Thomas Baroli

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Beschreibung

Im Schatten der Dämmerung, Band II Sharielle di Jazayeri muss an zwei Fronten gleichzeitig kämpfen, droht ihr doch aus den eigenen Reihen Verrat. Dabei drängt die Zeit, denn die Agenten des Neuen Reiches planen ihren entscheidenen Schlag. Auf dem Hofball des Granduco kommt es zu einer blutigen Konfrontation, die das Schicksal der Spione besiegeln soll ...

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Seitenzahl: 292

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Thomas Baroli & Volker Weinzheimer

Die Schwärze der Nacht

Im Schatten der Dämmerung II

Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses SpieleBand 66

Kartenentwurf: Ralf Hlawatsch E-Book-Gestaltung: Michael Mingers

Copyright © 2014 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems.DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE,MYRANOR, RIESLAND, THARUN und UTHURIA sind eingetragene Marken der Significant GbR.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt.

Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Bearbeitung, Verarbeitung, Verbreitung und Vervielfältigung des Werkes in jedweder Form, insbesondere die Vervielfältigung auf photomechanischem, elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der Ulisses Spiele GmbH, Waldems, gestattet.

Print-ISBN 3-453-21379-3 (vergriffen) E-Book-ISBN 9783868898828

Danksagung

Wirmöchtenalljenendanken,dieunsbeidiesemBuchunterstützthaben,besondersunserenElternfürdieKraftunddenMut,densieunsmitaufdenWeggegebenhaben,undauchunserenFreunden,dieesschonseitjeherverstandenhaben,unserePhantasiezubeflügeln.

Was bisher geschah ...

Das Kartell, eine Organisation,die vor kriminellen Handlungen nicht zurückschreckt, spielt der Edlen Khorenavon Erris, einer almadanischen Adeligen in Diensten der KGIA, wichtigeInformationen zu: Granduco Laserian di Mestilio, angesehener Edelmann undErster Finanzrat der Horaskaiserin, wird des Borbaradianertums verdächtigt. Khorenasieht die einmalige Gelegenheit gekommen, die horasische Staatsmacht bloßzustellen unddie Herrlichkeit des Neuen Reiches hervorzuheben – nicht ohne ihreeigene Stellung innerhalb der KGIA zu verbessern. Sie beauftragtdaraufhin drei ihrer Agenten mit einer Geheimmission.

Adoran, der Anführerder Truppe, erhält Befehle, die ihn und seine Kameraden nachVinsalt führen. Dort sollen sie Nachforschungen anstellen und in Zusammenarbeitmit der mittelreichischen Botschaft den Granduco entlarven. Noch während Adoran,sein bester Freund Caric und Quendan sich auf dieReise vorbereiten, wird seitens des Kartells die Information, dass Spioneaus dem Neuen Reich es auf den Granduco abgesehenhätten, an den Generaladvokat des Adlerordens, Pherion di Avona, weitergeleitet.Ohnezu zögern ruft dieser die Cavalliera Sharielle di Jazayeri, eine Diplomatin und ehemalige Spionin, zurück in denDienst und stellt ihr zudem einen erfahrenen Kriegshelden zurSeite. Kapitan Garvor di Scilaggio, Veteran zahlreicher Schlachten, istüber seine neue Aufgabe jedoch keineswegs erfreut. Als Soldat mitLeib und Seele missbilligt er den von Luxus und Freizügigkeitgeprägten Lebenswandel seiner Kollegin. Von Beginn an macht erkeinen Hehl aus seiner Verachtung für die Cavalliera und ihreliberale Lebensgefährtin, die junge Schriftstellerin Sanna. Auch Sharielle akzeptiertdie Hilfe des Offiziers nur missmutig, wenngleich sie zudiesem Zeitpunkt noch nichts von den Verschwörern und korrupten Beamten ahnt, mit denen di Scilaggio im Bunde ist undderen erklärtes Ziel allem Anschein nach der Sturz derCavalliera ist.

Während sie und der Kapitan erste Nachforschungen anstellen,gerät Sanna ins Fadenkreuz der Verschwörer, da ihre freidenkerischeGesinnung sie zu einem idealen Stolperstein für ihre Geliebte macht.Die Anfeindungen und Einschüchterungsversuche Sharielle gegenüber gipfeln schließlich in derarrangierten Verhaftung Sannas nach einem gemeinsamen Abendessen mit Kapitandi Scilaggio und seinem Moha-Adjutanten im Hause di Jazayeri. Der korrupte Beamte Jarim versuchtSanna zu erpressen, damit sieihre freidenkerischen Freunde ans Messerliefert; Sharielle gelingt es jedoch, die Freilassung ihrer Freundinzu erwirken. Unterdessen treffen die Agenten der KGIA in derHauptstadt des Horasreiches ein.

Im Hause des Granduco ist dieweil einanderes Thema vorherrschend. In einem kleinen Dorf hat man einjunges Mädchen entdeckt, bei dem es sich offensichtlich umAleanore handelt, die verloren geglaubte Nichte des Granduco. Als Waisenkindaufgewachsen, hat sie bei einer Hebamme gelernt, ohne von ihrerhohen Abkunft auch nur zu ahnen. Der Granduco hat veranlasst,dass Alea nach Vinsalt gebracht wird, wo man nun versucht,ihr die Grundzüge höfischer Etikette beizubringen.

Lediglich die Kinder desGranduco, allen voran der kleine Timotheus, freunden sich mit ihran und geben ihr Halt. In der schönen und gewitztenLana Tarak, einer Lebedame der höfischen Bühne, findet Alea eine weitere Freundin.

Bei einem Opernball treffen die Beteiligten zum ersten Mal aufeinander. Während die Agenten beider Seiten sich taxieren,begegnet Caric der jungen Alea. Ohne Genaueres über Herkunft und Stand des jeweils anderen zu wissen, verlieben sich beide ineinander. Nachdem Ende der Vorstellung löst sich Quendan endgültig von seinerGruppe und beschließt, die Sache selbst in die Handzu nehmen. Erversucht Sharielle auszuschalten, wird aber in einemZweikampf von Kapitan di Scilaggio gestellt und schließlich getötet.

Prolog

Caric reckte sich ächzend auf seinem Bett.Obwohl es schon spät war, konnte er nicht einschlafen. SeineGedanken kreisten beständig um Alea, mit der er denAbend verbracht hatte. Ihr dunkles Lockenhaar, ihre roten Lippen undder Duft ihres Parfums hielten Carics Gedanken gefangen.Niemals hätteich geglaubt, dass ich eine so wundervolle Frau treffen würde.Sie ist lebenslustig, gewitzt und wunderschön. Wenn ich diesen Albtraum hier hinter mir habe,werde ich sie fragen, ob sie mit mir ins Mittelreich geht. Ich hoffe und bete, dass sie mich genausoliebt wie ich sie.

Ein lautes Klopfen schreckte Caric ausden süßen Gedanken, in denen er schwelgte. Widerwillig erhob ersich von seiner Lagerstatt und ging zur Tür. Mit einemleisen Quietschen öffnete er sie und blickte in Adorans Gesicht.Die dunklen Augen des Hauptmanns waren stark gerötet, erwirkte angespannt und übermüdet.

»Was ist los, Adoran?«

Wortlos trat der Offizierein und setzte sich auf Carics zerwühltes Bett. Nachdemer die Tür wieder geschlossen hatte, wandte sich Caricseinem Vorgesetzten zu. Adoran blickte betreten zu Boden undmurmelte leise: »Quendan ist tot.«

Caric zuckte deutlich zusammen, inseinem Geist zeichneten sich augenblicklich die verschiedensten Spekulationen ab. »Wie?«,brachte der geschockte Agent schließlich zögernd hervor.

Adoran, der noch immerzu Boden starrte, zuckte verzweifelt mit den Schultern. »Er stürztesich beim Verlassen der Oper auf die Cavalliera, doch es gelang ihm nicht, siezu töten. Ihr Beschützer, dieser Offizier, den ich beim Gesprächmit dem Granduco kennen gelernt habe, griff ein, stellte Quendanund tötete ihn im Zweikampf.«

Adoran schwieg, den Kopf in denHänden vergraben. Caric runzelte die Stirn: »Dennoch starb erwenigstens ehrenhaft, auch wenn er im Leben ein Schwachkopfwar.«

»Bei Boron! Lästere nicht über einen Verstorbenen!« Adoran war aufgesprungenund starrte Caric wütend an. »Auch wenn er uns inletzter Zeit nicht gerade dienlich war mit seiner übereifrigenArt, so war Quendan doch ein Patriot, Soldat und Verteidigerder Ordnung unseres Herrn Praios! Ehre sei seinem Andenken, Caric!Du hast nicht das Recht, über ihn zu urteilen, dasist allein den Göttern vorbehalten.«

Caric senkte den Blick und nickte.Vielleicht bin ich wirklich zu weit gegangen. Möge Boron derSeele des armen Quendan gnädig sein und erkennen,dass er stets ein götterfürchtiges Leben geführt und der Gerechtigkeittreu und unbeugsam gedient hat.

»Uns bleibt nicht mehr vielZeit, Caric. Wenn wir Erfolg haben wollen, dann müssen wirschnell, präzise und entschlossen handeln.« Der abrupte Wechsel zeigteCaric, dass auch sein Freund das Thema Quendan nicht weitervertiefen wollte. »Du wirst dich morgen in die Villa desGranduco einschleichen, um die Lage zu erkunden. Ich selbst werdemich hier noch einmal umhören und verschiedene Leute beschatten.Mich interessiert, wie viel diese Sharielle über uns weiß. Ichschlage vor, dass wir in ihr Haus einbrechen und unsnach Informationen und Hinweisen umsehen.«

Caric stutzte und fragte dann:»Warum sehen wir uns nicht in ihrem Büro um?«

Adoran lächelteund klopfte seinem Kameraden wohlwollend auf die Schulter: »Das isteine ausgezeichnete Idee. Du kümmerst dich darum? Sehr gut.In meinem kurzen Gespräch mit dem Granduco habe ich erfahren,dass er seine Feier einen Tag später abhalten wird,da sich einige unvorhersehbare Verzögerungen ergeben haben. Wir müssenuns vorsehen. Wenn er Wind davon bekommen hat, dass manihm auf der Spur ist, wird er vielleicht versuchen zufliehen oder einige seiner ketzerischen Verbündeten aufden Planrufen.« Adoran stieß seinen Freund am Arm, da dieser mitseinen Gedanken weit weg zu sein schien. »Was ist los,Caric? Warum hörst du mir nicht zu?«

Der Angesprochene schreckte hochund schüttelte zum Zeichen, dass er sich von seinen lästigenGedanken befreien wollte, den Kopf. »Doch, ich habe dirzugehört. Ich denke, dass du Recht hast. Wir müssen unsbeeilen, sonst wird man uns enttarnen und außer Gefecht setzen,noch bevor wir diesen Paktierer entblößen konnten.«Soll ichihm sagen, was mich beschäftigt? Eigentlich geht ihn dasüberhaupt nichts an, aber ich kann es einfach nicht fürmich behalten. Er hat doch selbst eine Frau, er musswissen, wie das ist.

»Adoran ... Ich muss dir etwassagen. Du erinnerst dich gewiss noch an die attraktive jungeDame mit dem dunklen Haar.« Der Offizier grübelte kurz undnickte dann. »Also, ich war heute Abend mit ihr einwenig unterwegs, wie du weißt.«

Adoran unterbrach die Ausführungen Carics miteinem lauten Lachen: »Du willst mir jetzt doch wohl nichtmitteilen, dass du dich unsterblich verliebt hast – oder doch?«

Caric schlossdie Augen, senkte das Haupt und flüsterte eine Bestätigung.

»Das freut michfür dich. Dennoch sollten wir uns zunächst lieber auf dasWesentliche konzentrieren.Warte mal ... diese junge Frau war beider Familie des Granduco, ja, sie gehört dazu! Das istunsere Chance, an di Mestilio heranzukommen!«

Caric schüttelte energisch den Kopfund unterbrach seinen Vorgesetzten: »Ich will nicht, dass wir siebenutzen, um unsere Mission durchzuführen. Sie hat mit dieserSache nichts zu tun, und es wäre einfach ungerecht, wennwir sie da hineinzögen.«

»Nein, du hast mich missverstanden. Ich willsie nicht mit hineinziehen, aber ihre Bekanntschaft ermöglicht esdir, in die Villa der di Mestilios zu gelangen,ohne einen gewagten Einbruch zu versuchen.«

Obwohl er ein verdammt ungutesGefühl dabei hatte, erklärte sich Caric schließlich mit dem Vorschlag seines Freundes einverstanden.

1. Kapitel

Garvor bissdie Zähne zusammen und kämpfte gegen die Schmerzen an, alsder greise Medicus den Verband um seinen verletzten Armfestzog. »Ihr seid der schlimmste Pferdemetzger seit meiner Zeit inden Kolonien! Meinem Kompaniearzt zitterten die Hände so stark,dass er jedes Mal, bevor er einen Patienten behandelte,zuerst ein Krüglein Schnaps trinken musste. Im Rausch hat erdann einmal einem Verwundeten das falsche Bein abgenommen, dieser Stümper!«Die Tirade des Kapitans endete in einem erstickten Aufkeuchen,als der Medicus seine Kopfverletzungen mit Alkohol desinfizierte. Seine Händekrampften sich um die Armlehnen des breiten Sessels, der dasArbeitszimmer in seinem geräumigen Haus schmückte.

»Haltet still, Kapitan diScilaggio, sonst werde ich nie fertig!«

Es klopfte, und nachdem derHausherr den Neuankömmling hereingebeten hatte, wurde die Tür leisegeöffnet. Takate trat ein, schloss die Tür und näherte sichden beiden Männern. »Wie geht es Takates Bruder undGefährten aus so vielen Kämpfen?« Den Schmerz ins Gesicht geschrieben,antwortete der Offizier: »Das mag ich so an dir,mein Freund, du hast einen ausgesprochenen Sinn für Humor. Siehmich an: Ich benötige eine komplette Überholung! Ich sehe schlimmeraus als nach einem dreiwöchigen Marsch durch den Dschungel.«

Der Moharunzelte die Stirn und verzog die Mundwinkel. »Seit wann gehörenJammern und Winseln zum Auftreten von Takates weißem Bruder?«

GarvorsMiene verhärtete sich.Wie immer hat er Recht. Ich glaube, ichschätze ihn nicht nur, weil er ein exzellenter Krieger ist,sondern auch, weil er völlig direkt ist. Diese Offenheit machtihn zu einem hervorragenden Berater und Kameraden.

Der Medicusbeendete seine Arbeit, packte sein Köfferchen und stellte einen verschlossenenTiegel auf den Schreibtisch des Soldaten. »So, Kapitan, Ihr müsstdiese Salbe jeden Tag auftragen, wenn Ihr die Verbände wechselt.Ich sehe mir die Wunden morgen noch einmal an, ummich zu versichern, dass keine der Verletzungen nässt. Außerdem empfehleich Euch, kürzer zu treten. Ruht Euch aus, geht insBett und meidet jede Anstrengung! Ich würde sagen, Ihr schlaftjetzt am besten ein wenig, das sollte Euren Kräften zugutekommen.«

Garvor stand auf und ging zu einem kleinen Schränkchen hinüber,welches in der Ecke seines Arbeitszimmers stand, öffnete eineTür und holte eine bauchige Flasche sowie ein kleines Glasheraus. »Ja, ist in Ordnung. Ich werde mich ausruhen.«

Der Medicusschüttelte den Kopf, verneigte sich knapp und begab sich zurTür. »Ihr erhaltet die Rechnung binnen weniger Tage.«

Garvor schenkte sichein wenig Branntwein ein und trank das Glas in einemZug leer.

»Takate hörte, dass sein Bruder heute Abend dem Pfaddes Kriegers folgte und sich dem Ruf des Blutes fügte.«

Garvorgrinste breit und erwiderte: »Richtig, mein Freund! Einer unserer Feindemusste bereits dem Gott des Todes gegenübertreten. Er wollte Sharielletöten, da hatte ich keine Wahl, ich musste gegen ihnkämpfen.«

Takate setzte sich im Schneidersitz auf den Stuhl direkt gegenüber dem Sessel des Kapitans. »Warum hast du dasGoldhaar gerettet? War es nicht das Ziel deines heiligen VatersHoras, das Goldhaar zu vernichten?«

Resignierend nickte der Offizier und schenktesich nach. »Ich weiß. Aber wenn ich nicht gekämpft hätte,dann hätte man sich gefragt, warum ich meine Vorgesetztenicht verteidige. Ich hatte wirklich keine Wahl. Außerdem war erein Feind, er wollte meinem Land und seinen Bürgern Schadenzufügen, auch wenn das Ziel seines Angriffs diesmal meine Gegnerin war. Ich bin kein Feigling, denn ich zögere nicht,mein Reich vor all seinen Feinden zu beschützen!«

Der Moha nicktegelassen: »Takate weiß, dass in deiner Brust das Herz desTigers schlägt. Wenn das Herz befiehlt, muss der Krieger handeln,so war es schon immer. Was wirst du nun tun?«

Sichgemütlich zurücklehnend, lächelte der Kapitan und nahm einen weiterenSchluck Schnaps. »Ich habe etwas sehr Interessantes in Erfahrung gebracht:Sharielles Großvater Landro gehört das Grundstück, auf welchem ihre Villasteht. Außerdem habe ich erfahren, dass Sharielle anscheinend nochSchulden in beträchtlicher Höhe bei ihren Großeltern hat, da ihrVater gern sein Geld beim Pferderennen verwettete. Landro ist einehemaliger Offizier unserer Streitkräfte und der Aussage eines alten Unteroffizierszufolge einer der engstirnigsten Traditionalisten, die unser Reich je gesehenhat. Ich habe mit Landro und seiner Frau Praiodane einTreffen vereinbart. Ich bin mir sicher, dass Sharielle ihrenGroßeltern über sich, Sanna und ihre Arbeit nicht die ganzeWahrheit erzählt hat. Wenn Landro tatsächlich ein verbohrter alter Liebfelder ist, dann dürfte es für mich kein Problem sein,eine für mich günstige Einigung zu erzielen, die Sharielle noch mehr private Probleme bereiten wird. Bald schon wirdsie keinen Ausweg mehr sehen und erste schwere Fehler machen.«Der Moha verzog keine Miene, aber ihm war dennochanzumerken, was er von diesem Plan hielt. »Wir schleichen unsalso an wie die Schlange im Dickicht, die ihr Opferahnungslos ins Verderben stolpern lässt. Takate ist des Kriechens müde,er will lieber aufrecht in den Kampf ziehen und demFeind ins Auge blicken, wenn er tötet.«

Mein Freund, dirfehlt einfach das politische Feingefühl für diesen Kampf Direkte Attackenführen uns ins Verderben, wir können nur siegen, wennwir gewitzt und hinterhältig sind. Wir ziehen der Cavallieraeinfach immer mehr Boden unter den Füßen weg, bis esniemanden mehr schert, was mit ihr geschieht; dann erst können wir ihr denGnadenstoß versetzen.

Garvor nickte müde: »Ich verstehe dich, mir wärees auch lieber, wenn wir offen vorgehen könnten. Aber dumusst mir vertrauen; ich weiß, was ich tue. Es wirdschon gut gehen.«

Der Moha saß regungslos auf dem Stuhl undstarrte seinen Vorgesetzten an. Nach kurzem Schweigen ergriff der Waldmensch wiederdas Wort: »Gut, du entscheidest, wie gehandelt wird. Takate vertraut deinerWeisheit, du hast schon oft weise gehandelt. Der Rotrocksagte Takate, dass er dich treffen will. Er sagte, dasses einiges zu reden gibt. Morgen wird er, noch bevores dunkel wird, zu dir kommen und mit dir sprechen.«Garvor strich sich über das glatt rasierte Kinn und dachtenach. Waskann Efferdan von mir wollen? Den letzten Berichterhielt er doch erst kürzlich von mir. Es muss etwasUnvorhergesehenes eingetreten sein, sonst würde er niemals riskieren, am Tagezu mir zu kommen. Hoffen wir das Beste.Ein energischesKlopfen an der Tür ihres Schlafzimmers schreckte Sharielle ausdem traumlosen Schlaf. Leise brummend regte sich Sanna an ihrerSeite und zog ihr, ohne die Augen zu öffnen, dieDecke weg. Mit einem Seufzen erhob sich die Adelige undstreifte sich ihren Morgenmantel über. Ein Blick zum Balkon zeigte,dass die Praiosscheibe schon hoch am Firmament stand.

»Was istdenn?«, murrte sie und bat die anklopfende Person herein.Bertrand verneigte sich und wünschte seiner Herrin einen wunderschönen gutenMorgen. »Was ist los, Bertrand? Ich kann mich nicht entsinnen,dass ich die Anweisung gab, man solle mich oder Sanna vor demMittag wecken.«

Der Haushofmeister verneigte sich erneut und erklärte: »Vergebtmir vielmals, Herrin, ich bin untröstlich, sollte ich Euchoder die Dame Sanna geweckt haben. Ich hielt es fürnötig, da vor wenigen Augenblicken ein Page die AnkunftEurer geehrten Großeltern zum Mittagessen ankündigte.«Sharielle nickte verschlafen,doch dann wurde ihr schlagartig die Bedeutung von Bertrands Wortenbewusst. »Meine Großeltern? Landro und Praiodane? Was wollen diedenn von mir? Und warum kündigen sie ihren Besuch erstso spät an?«

Bertrand leckte sich die Lippen und hob, wieum eine Erklärung abzugeben, den Zeigefinger, ließ ihn dann aberwieder sinken, da er keine Antwort wusste. »Vergebt mirerneut, Cavalliera, aber ich kann keine Eurer Fragen auchnur ansatzweise beantworten. Mein Wunsch war es lediglich, Euch rechtzeitigzu informieren, sodass Ihr die Möglichkeit erhaltet, Vorbereitungenzu treffen, falls Ihr dies wünscht.«

Sharielle schlang die Arme umihren Körper und ging ein paar Schritte auf und ab.

Einbreites Kissen traf den Majordomus am Kopf und brachte ihnaus dem Gleichgewicht. Sanna zog sich mit geschlossenen Augen dieDecke über den Kopf und murmelte: »Hör auf, Selbstgespräche zuführen, und komm wieder ins Bett!«

Bertrand errötete leicht, nachdem erseine Standfestigkeit zurückerlangt hatte, und setzte sein Monokel auf.»Vergebt mir, Cavalliera, aber da diese deutliche Aufforderung wohl nichtmeiner Wenigkeit galt, werde ich mich jetzt zurückziehen.«

»Ja, tu dies,Bertrand. Gebe dem Koch Bescheid, dass er ein anständiges Essenfür unsere Gäste zubereitet! Und schicke einen Dienstboten aus,der ein wenig frisches Obst besorgt; meine Großmutter hat essich zur Gewohnheit gemacht, nach einem ausgiebigen Mahl stetseinige Früchte zu sich zu nehmen.«

Sanna riss die Decke zurSeite und rief: »Sharielle! Beweg jetzt endlich deinen Hintern zurückins Bett!« Als sie den Haushofmeister erblickte, verflog ihre gespielte Wut und sie setzte ein schiefes Grinsen auf:

»Oh. GutenMorgen, Bertrand.« Eilig schlang sie die Decke um ihren Körper,der von dem knappen Seidennachthemd kaum verhüllt wurde, undsah Sharielle erwartungsvoll an. Da die Hausherrin keine weiteren Instruktionen bereithielt, verabschiedete sich Bertrand mit einem einwandfreien Kratzfußund schloss leise die Tür hinter sich.

Sanna schob ihre Beinevor das Bett und setzte sich auf. »Du hast mirnie von deinen Großeltern erzählt. Ich dachte immer, du hättestaußer den Kindern keine Anverwandten mehr.«

Sharielle zuckte mitden Schultern.Das ist genau das, was du glauben solltest,mein Schatz. Meine Großeltern sind eine Sache für sich.Sie würden dich niemals akzeptieren, geschweige denn tolerieren. Ichverstehe nicht, warum sie gerade heute zu mir kommen. Ichbin mir sicher, dass da etwas nicht stimmt, sie kündigensich immer mindestens einen Mond zuvor an.»Du hastmich nie gefragt, ob ich noch andere Verwandte habe.«Sanna ließ sich zurückfallen und stöhnte leise. »Und wenn schon.Dann sind deine Großeltern eben ein bisschen steif, dakann man nichts machen, sie sind in diesem Landja schließlich nicht die Einzigen, denen Manieren und einegute Kinderstube wichtiger sind als die richtige Herkunft. Darum gehtes doch, oder?« Der Blick, mit dem Sanna Sharielle maß,sprach Bände.

Sharielle schüttelte verzweifelt den Kopf. »So einfach istdas nicht. Ich schulde meinen Großeltern einen beachtlichen Betragan Bargeld, und abgesehen davon gehört das Grundstück, auf demmein Haus steht, ebenfalls ihnen. Ich darf sie nicht vorden Kopf stoßen, das könnte fatale Folgen haben. Ich sehesie schon vor mir, wie sie mir Vorwürfe machen, weilich ihnen noch keine Enkel geschenkt habe.«

»Aber im Prinzip hastdu doch Kinder, auch wenn sie eigentlich deine Nichte unddein Neffe sind.«

Sharielle schlenderte zum Kleiderschrank und wühlte darin. »Ja.Aber das zählt für sie nicht.«

Mit einem spöttischen Grinsen bemerkteSanna:

»Dann müssen sie eben warten, bis wir eigene Kinder haben.«

Sharielledrehte sich um und stemmte die Hände in die Hüften:»Sehr witzig, meine Liebe. Du nimmst die Sache nicht ernstgenug. Wenn wir eines Tages auf der Straße sitzen, weißich, warum.«

Sanna stand wortlos und gekränkt auf und machtesichauf den Weg zum Bad, ohne ihre Geliebte eines Blickeszu würdigen.

Als sie zurückkehrte, war ihre Freundin noch immermit der Auswahl der Kleider beschäftigt. Zahlreiche Röcke, Blusenund verschiedene Ballkleider waren auf dem Boden verstreut, und essah nicht so aus, als stände Sharielle kurz vor einerEntscheidung.

»Sehe ich so artig genug aus?«

Sharielle blickte auf und musterteihre Geliebte. Sanna trug ein hellblaues, sehr züchtiges Kleid, gleichfarbige Seidenstrümpfe, fein verzierte Spangenschuhe und ein Band, das diedunklen Haare im Nacken zusammenhielt. Sie hatte sich dezentgeschminkt, trug aber außer dem Ring am Finger keinen Schmuck.

»Ja,du siehst hübsch aus. Ich denke, in dieser Tracht wirstdu nicht gleich den Unmut meiner Großeltern erregen. Ichhabe mir etwas ausgedacht. Es dürfte das Beste sein, wennich dich als eine gute Freundin vorstelle. Wenn dich jemandfragt, dann arbeitest du bei einer Zeitung, du kennstdich da ja ein wenig aus, nicht wahr?«

Sanna seufzte undbejahte die Frage.

»Ich werde den Kindern Bescheid sagen, dass sichniemand bei Tisch verplappert. Sanna? Hörst du mir überhaupt zu?«

»Ja,verdammt, ich höre zu!«

Überrascht von der schroffen Antwort, wich Sharielle einen Schritt zurück und blickte die dunkelhaarige Fraufragend an. »Was ist los? Warum bist du wütendauf mich?«

Sanna schlug sich mit den Händen auf die Schenkel, rollte mit den Augen und schüttelte den Kopf.

»Du fragstmich tatsächlich, warum ich sauer bin? Das kann ich dirsagen: Ich komme mir vor wie ein Spielzeug. Ich habeden Eindruck, als wäre ich nicht die Frau, die duliebst, sondern ein Freizeitvergnügen, dem du dich daheim hingibst,es dann aber schnell im Schrank versteckst, wenn jemand zuBesuch kommt. Deswegen bin ich verärgert.«

Sharielle warf ein Kleidbeiseite und nahm Sannas Hände. »Sieh mich an! Du weißt,dass es nicht so ist. Wir müssen diese Maskerade aufrechterhalten,wenn wir über die Runden kommen wollen. Ich kann esmir nicht leisten, Landro und Praiodane zu enttäuschen. Unser Verhältniswar noch nie besonders liebevoll und im Augenblick würden mirweitere Probleme das Genick brechen. Ich bin auf michallein gestellt und ich habe noch keine Lösung für alldas gefunden.«

Sanna umfasste Sharielles Hüften und zog sie zu sichheran: »Du bist nicht allein, ich bin immer für dichda, so lange ich lebe.«

Sharielle gab Sanna einen Kuss auf den Mund. »Ichweiß. Ich liebe dich. Nur dich allein.«

Die Dunkelhaarige löste sichaus der Umarmungund stapfte, sich einige Male in denStoffen verheddernd, durch den Kleiderberg in Richtung Tür. »Bisgleich!«, lauteten ihre letzten Worte, bevor sie den Raum verließ.Sie schien zumindest ein wenig besänftigt.

Sharielle saß nocheinige Herzschläge grübelnd auf dem Bett.Im Leben ist nichtalles so einfach, wie du es gern hättest, Mädchen. Ichkann nicht einfach meinen Status, mein Erbe und meine Titel,ja, mein ganzes Leben wegwerfen, um meinen Gefühlen freienLauf zu lassen. Ich bin nicht wie du, ich kannmich nicht hier hinstellen und sagen: So, jetzt hat meinDickkopf entschieden, unserer Liebe willen mich aus der Gesellschaft auszuschließen.Ich bin als Adelige aufgewachsen und ich denke nun malwie eine Adelige. Das ist in mir. Warum verstehst dudas nicht? Es mag sein, dass Hesinde ihre Gaben analle Menschen verteilt hat, aber auch Sanna muss einsehen, dasses nun einmal die Aufgabe des Adels ist zu lenken.Das Volk ist dazu selbst nicht in der Lage.Wie kann ich da diese göttergegebene Verantwortung von mir weisen?Du musst die Realität so sehen, wie sie ist, Sanna.In dieser Welt ist kein Platz für Träume und umstürzlerisches Gedankengut.Sharielle seufzte leise und schüttelte resigniert den Kopf.

2. Kapitel

Die Türglocke verkündete die Ankunft der Gästeund ließ Sharielle aus ihrem weichen Polstersessel hochschrecken. Sieund Sanna traten noch einmal schnell vor den Spiegel, umihre Gewänder und den Halt ihrer Frisuren zu prüfen.Bertrand öffnete die Tür und begrüßte die Neuankömmlinge, wie essich gebührte. Landro war ein leicht gebeugter, fast haarloser Greisvon beeindruckender Statur. Obwohl ihm die Last des Alters einenGroßteil seiner einstigen Stärke geraubt hatte, konnte man ihn nochimmer als stattlichen Mannbezeichnen.

Er trug seine alte Uniform, dieseine Augen und sein Herz mit Stolz erfüllte. Seine Frau Praiodane warbedeutend kleiner und schmächtiger als er. Ihr langes schlohweißesHaar trug sie kunstvoll am Hinterkopf zusammengesteckt.

Sharielle umarmte ihre Großelterneher zurückhaltend und hieß sie in ihrem Heim willkommen.Bertrand wollte die Tür schon schließen, als Kapitan diScilaggio in den Türrahmen trat.

Landro wies mit der rechten Handauf den Offizier:

»Wie ich erfahren habe, arbeitest du mit demehrenwerten Kapitan zusammen. Ich hielt es für angebracht, ihnebenfalls einzuladen.«

Garvor lächelte spöttisch, neigte grüßend den Kopf inSharielles Richtung und überreichte Bertrand seinen langen Mantel. Anschließendhalf er Praiodane aus ihrem dünnen Brokatjäckchen und reichte diesebenfalls an Bertrand weiter. Sharielle schluckte schwer und ihre Gedanken begannen zurotieren.Bei allen Göttern! Garvor hat sich bei meinem Großvatereingeschmeichelt und ihn hierher geschickt, um mich weiter beimeiner Arbeit zu behindern. Was soll ich nur tun? Solange Garvor dabei ist, wird er jede Lüge in Bezugauf Sanna aufdecken und mich den intoleranten Attacken meiner Großelternpreisgeben.

Praiodanes leise Stimme riss die Hausherrin aus ihrenGedankengängen: »Liebes, willst du uns nicht die edle Dame dortvorstellen?«

Sharielle faltete ihre Hände, um das Zittern ihrer Finger zuverbergen, und sandte ein Stoßgebet gen Alveran. »Oh, verzeiht bitte,wie unhöflich von mir! Das ist meine gute Freundin Sanna;sie arbeitet für die Redaktion desAventurischen Botenhier inVinsalt.« Sanna machte einen artigen Knicks und neigte demütigdas Haupt. Sharielle deutete auf ihre Verwandten: »Und diessind mein ehrenwerter Großvater Landro di Jazayeri und seineFrau Praiodane. Den Kapitan kennst du ja bereits.«Landro hauchteSanna einen Kuss auf die Hand und verneigte sich knapp,während Praiodane knickste. Die Kinder wurden von ihren Großelternweitaus freundlicher begrüßt; Landro hob Sion hoch in die Luftund umarmte Madanne überschwänglich. Dann begab sich die Gesellschaft zuTisch und der Mundschenk bot Landro einen erlesenen Weinan.

Auf den ermahnenden Blick Sharielles hin hörte ihre Freundindamit auf, vor Nervosität mit der Serviette zu spielen.Nachdem Landro den Rebensaft probiert und für gut befundenhatte, ergriff er das Wort:

»Der Kapitan hat mir einige interessanteDinge über eure Zusammenarbeit erzählt. Sag, Sharielle, es muss dichgewiss ungeheuer stolz machen, mit einem großen Mann unsererZeit Seite an Seite zu streiten.«

Mit gezwungenem Lächeln entgegnete sie:»O ja. Ich bin ungemein stolz und überglücklich.« Bevor Sharielleweiterlügen musste, wurde bereits die erste Vorspeise aufgetischt, sodass dieKonversation ins Stocken geriet.

Das Essen verlief sehr ruhig, und Shariellefragte sich bereits, wann der Kapitan zu einem seiner Schläge gegen sie ausholen würde. Ein Diener hatte gerade denNachtisch abgeräumt, als Sharielle ihren sichtlich gelangweilten Kindern erlaubte, sich von der Tafel zuverabschieden.

Kaum waren die beiden verschwunden, erhobPraiodane ihre Stimme: »Ich denke, wir sollten so langsamzum Grund unseres Besuches kommen. Nach all den Jahren, indenen wir dich fraglos unterstützt haben, denken dein Großvaterund ich, dass es an der Zeit ist, dass dueinmal unseren Wünschen folgen könntest. Du bist jetzt schon überdreißig, und wir dachten uns, dass es höchste Zeit fürdich wird, zu heiraten und Kinder zu bekommen.«

Sharielle hatte großeMühe, ihren Unwillen zu verbergen. Ich wusste es!Ichbin doch kein Zuchtkarnickel! Ich verwette mein Vermögen, dass Garvorihnen diesen Floh ins Ohr gesetzt hat, weil er überSanna und mich Bescheid weiß. Wenn ich diesen Tagüberstehe, wird er dafür bitter bezahlen müssen!

Sanna griff unterdem Tisch nach Sharielles Hand und drückte sie so fest, dassdie Adelige ihre Fassung allmählich wiedergewann. »Entschuldigt, aber wieso kommtihr denn gerade jetzt mit einer solchen Idee zu mir?Ich bin alt genug, um mein Leben ganz allein zuführen und zu entscheiden ob, wen oder wann ich heiratenwill.«

Landro hob beschwichtigend die Hände und versuchte seine Enkeltochterzu beruhigen: »Natürlich kannst du das selbst entscheiden, aber dusolltest vielleicht auch ein wenig an uns denken. Ich willnicht darauf herumreiten, aber angesichts deiner enormen Schulden uns gegenübersolltest du unsvielleicht ein wenig entgegenkommen. Kapitan di Scilaggio sagte mir, dass es noch keinen Mann in deinemLeben gibt. Ich dachte, dass eine Heirat mit dem Hausedi Scilaggio von Vorteil für unsere beiden Familien seinkönnte, und ich habe den Kapitan als aufrechten, ehrgeizigenund statthaften Mann von beachtlichem Rang und Ansehen kennengelernt. Du wirst ihm bestimmt eine liebevolle Frau und Mutterseiner Söhne sein.«

Garvor grinste breit und aalte sich in denQualen, die Sharielle nun durchlitt; noch schien kein Ende der Tiefschlägein Sicht.

Sharielle wurde leicht schwarz vor Augen, und siewar dankbar für den Halt, den Sannas Händedruck ihr spendete.Die Kraft von Sannas schlanken Fingern war das Einzige, wassie vor dem Sturz in die tiefe, dunkle Leere einerwahrhaft bodenlosen Fallgrube der Hoffnungslosigkeit bewahrte.Wieso mutet Garvormir das zu? Was, im Namen der Zwölfgötter, habe ichihm getan? Er weiß, dass ich einer solchen Verbindung niemalszustimmen werde, also bleibt mir nur, meinen Großeltern die Wahrheitzu sagen und sie somit gegen mich aufzubringen, was mirwiederum finanziell das Genick brechen könnte. Auch wenn ich michwiederhole: Wenn ich diesen Tag überstehe, dann wird Garvor fürseine üblen Schandtaten bezahlen müssen!Der Offizier grinste noch immerund erwartete offenbar gespannt die Antwort der Cavalliera. Sharielles Kehle fühlte sich an wie zugeschnürt, so als obihr jemand eine Schlinge um den Hals gelegt hätte undnun mit aller Kraft daran zöge. Stotternd brachte sie eineAntwort hervor. »Ich ... ich, also, nein, ich werde denKapitan unter keinen Umständen heiraten.«

Blankes Entsetzen zeichnete sich auf demGesicht Praiodanes ab. »Aber Kind, du weißt ja gar nicht, wasdu sagst!« Sie wandte sich zu Garvor und begann sichmehrfach für ihre unvernünftige Enkelin zu entschuldigen. Der Kapitangenoss dieses Spiel und mimte den leicht irritierten Verehrer. Landrofragte ernst: »Was spricht gegen diese Heirat, Sharielle?«

Auf der Suchenach einer Antwort blickte die Adelige in Sannas Gesicht.Fassungslosigkeit, Sprachlosigkeit und Verzweiflung spiegelten sich in den grünen Augen. »Ich liebe ihn nicht. Deswegen kommt für micheine Heirat nicht in Frage.«

Praiodane fuhr wütend dazwischen: »So einkindischer Unsinn! Du hast wohl zu viele dieser billigenLustspiele gesehen, mein Kind. Glaubst du etwa, du könntest direinfach einen Mann aussuchen, egal, welchen Stand er bekleidet?«

Sharielle wollteantworten, aber Garvor kam ihr zuvor. Er richtete sein Wortan Sanna: »Sagt doch auch etwas dazu, meine Dame. Ihrseid schließlich eine gute Freundin der Cavalliera, Ihr kennt siezweifellos besser als jeder andere hier am Tisch.«Sannakauerte sich auf ihrem Stuhl zusammen, als sie spürte, dasssich aller Augen auf sie richteten. »Ich denke, Sharielle solltehandeln, so wie es ihr beliebt. Man darf niemanden inein ungeliebtes Schicksal zwingen und sollte sich eine derartige Verbindungauch nicht von seinem Stand diktieren lassen.«

Nachdem Sanna ihren eigensinnigenAnsichten auf direktem Wege Luft gemacht hatte, geriet Landro immerweiter in Rage, wohingegen seine Frau aus dem atemlosen undäußerst pikierten Staunen nicht mehr herauskam. Der alte Soldat knurrtedeutlich verärgert: »Deine junge Freundin scheint mir ein zu großesMundwerk zu haben. Man sollte sie einmal richtig züchtigen!«

Sanna schlugmit der Faust auf den Tisch, sodass die Gläser einenkleinen Satz vollführten und ihr Haarzopf über ihre linke Schultersprang. Wütend und sich langsam bedrohlich erhebend, fauchte sie Landroan: »Nur zu! Macht Eurer Unfähigkeit, mich mit Worten indie Schranken zu weisen, durch primitive Gewalt Luft! StelltEuch ein weiteres Armutszeugnis Eures Verhaltens aus! Euer Mangelan rhetorischen Fähigkeiten ist typisch für die alteingesessenenund stocksteifen Traditionalisten dieses Landes, die nur auf ihren Privilegiensitzen und das Volk wie Sklaven knechten. Ihr seid selbstein Leibeigener Eures engstirnigen, tyrannischen und ungerechtenHerrschaftssystems! UndIhr seid zu allem Überfluss auch noch stolz darauf undglaubt, dass alle, die nicht wie Ihr ein verstaubtes Reliktvergangener Zeiten sind, von Euch unterwürfig lernen könnten. Aber datäuscht Ihr Euch!«

Betretenes Schweigen bestimmte die aufgeheizte Atmosphäre am Tisch,und Sharielle wusste gar nicht, wie ihr geschah.Ich habeSanna noch nie so energisch und aufbrausend erlebt. Für gewöhnlichgehört sie mehr zu den Menschen, die einen Konflikt vermeiden.Nur selten fängt sie einen Streit an, und ich habenur ein einziges Mal erlebt, dass sie ein Duell provozierte.Vielleicht hat sie dieses Spiel und die ignoranten Spieler,die daran teilnehmen, einfach satt. Ich sollte womöglich der ganzenScharade jetzt und hier ein Ende setzen, damit ein fürallemal klar wird, dass ich mich von niemandem zu irgendetwaszwingen lasse. Kein Mensch zwingt mir seinen Willen auf!

Landro sprang auf und stemmte seine beiden Fäuste schwerauf die Tischplatte. »Das ist ja ungeheuerlich! Ich wusstenicht, dass meine eigene Enkelin aufbegehrende Revolutionäre in ihremHaus duldet.« Garvor lehnte sich geziert zurück, nahm einen langenSchluck aus seinem Glas und genoss das gefühlsgeladene Spektakel,das ihm geboten wurde.

Sharielle unterbrach den Disput mit leiser Stimme:

»Ichkann den Kapitan nicht heiraten, weil ich bereits jemandem versprochenbin.« Sie hob die Hand undzeigte den Silberring, anwelchem der Smaragd im spärlichen Sonnenlicht funkelte. Praiodanes Gesicht wurdegleich versöhnlich, und sie zupfte ihren Ehemann am Arm,woraufhin dieser, genau wie Sanna, wieder Platz nahm.

Sharielles Großmutter fragteneugierig sofort nach der Identität des Verehrers und warum siedas nicht gleich gesagt hätte. Sharielles Herz hämmerte gegen ihrenBrustkorb, als wollte es die Begrenzung durchbrechen. »Es gibtin meinem Leben nur eine Person, die ich wirklich überalles liebe, und das ist Sanna.«

Der Zorn auf dem Gesichtder Angesprochenen verflog und machte einem liebevollen, warmherzigen Lächeln Platz.Sharielles Großeltern waren für mehrere Augenblicke sprachlos, als sichdie beiden Frauen vor ihren Augen die Hand reichten. LediglichGarvor blieb gelassen, hatte er doch sein Ziel erreicht: Zwischen Sharielle und ihren Großeltern war eine Kluft entstanden, dienicht zu überbrücken sein würde.

Landro ging um den Tisch herumund versetzte Sanna eine schallende Ohrfeige, wobei er Sharielle verächtlichanfuhr: »Ich kann nicht glauben, dass du dir von einerso unbedeutenden Mätresse den Kopf hast verdrehen lassen. Sie nutztdich doch nur aus, ohne dass du etwas davon merkst.«

Shariellekochte vor Wut und ohrfeigte nun ihrerseits Landro. »Inmeinem Haus wagt es niemand,mich oder Sanna zu schlagen!Verlasst sofort mein Anwesen! Na los, ihr habt mich verstanden!«

Praiodaneging energisch dazwischen: »Was fällt dir ein? Du kannst unsnicht einfach aus deinem Haus werfen, da dieses immerhin aufunserem Grundstück steht. Das solltest du in deiner Unverfrorenheit vielleicht doch bedenken, meine Liebe.«

Sharielle reckte ihr Kinn arrogant indie Höhe und tat so, als hätte sie den letzten