DSA 77: Der Schandfleck -  - E-Book

DSA 77: Der Schandfleck E-Book

0,0

Beschreibung

Der ehemalige Rondrianer Rowin von Hardingen schließt sich als Waffenmeister einer Güldenland-Expedition an. Nach geglückter Überfahrt wird das Expeditionsschiff Sturmmöwe in myranischen Gewässern von Piraten aufgebracht. Die wenigen Überlebenden des Überfalls werden in die Sklaverei verkauft. Für Rowin und die Kapitänin Ilvi, die beide in den Besitz des Magnaten Vendur Serr Illacrion gelangen, beginnt eine rasante Irrfahrt durchs Güldenland, auf der sie nicht nur Freunden und Feinden begegnen, sondern auch ihrer Liebe zueinander.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 284

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



André Helfers

Der Schandfleck

Ein Roman in der Welt von Das Schwarze Auge©

Originalausgabe

Impressum

Ulisses SpieleBand 77

E-Book-Gestaltung: Nadine Hoffmann

Copyright © 2014 by Ulisses Spiele GmbH, Waldems.DAS SCHWARZE AUGE, AVENTURIEN, DERE,MYRANOR, RIESLAND, THARUN und UTHURIA sind eingetragene Marken der Significant GbR.

Titel und Inhalte dieses Werkes sind urheberrechtlich geschützt.

Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Bearbeitung, Verarbeitung, Verbreitung und Vervielfältigung des Werkes in jedweder Form, insbesondere die Vervielfältigung auf photomechanischem, elektronischem oder ähnlichem Weg, sind nur mit schriftlicher Genehmigung der Ulisses Spiele GmbH, Waldems, gestattet.

Print-ISBN 3-89064-582-8

Für BettieMae

Dead before Dishonour!

1. Kapitel

Starr blickte Rowin von Hardingen auf die spiegelglatte See hinaus. Die Praiosscheibe tauchte hinter den Horizont und ließ die flache Dünung ein letztes Mal aufglühen, bevor sich der Boronsmantel endgültig auf das Meer niederlassen konnte.

Eine sanfte Brise strich leicht in die mäßig geblähten Segel und ließ die entspannte Takelung seufzend knarren. Selten war der Ozean so friedlich wie an diesem Abend seiner Reise. Reise? Ein spöttischer Zug legte sich um seine Mundwinkel. Flucht war es! Nichts anderes. Aber welche Möglichkeiten hatten sich ihm schon geboten? Nachdem seine Unfähigkeit, ja Würdelosigkeit, so offenbar geworden war, musste er die ehrwürdigen Hallen verlassen. Er durfte die tadellose Historie des Ardaritenordens nicht mit seiner schäbigen Existenz besudeln. Der Komtur hatte zwar noch versucht ihn zu halten, doch sein Entschluss hatte bereits festgestanden.

Wieder drängte sich die Erinnerung an das Erlebte in seine Gedanken. Als ob er nicht schon nachts mit den demütigenden Albträumen zu kämpfen hätte, überfiel ihn die Erinnerung in jedem Augenblick, den er nicht damit zubrachte, die Garde zu trainieren. Und immer begann es damit, dass er meinte, wieder diesen unerträglichen Gestank wahrzunehmen. Ein giftig ätzender Odem, der den Geist verwirrte und alles um ihn herum verschwimmen ließ, bis er letztendlich in der abscheulichen, sich immer gleich abspielenden, Vision versank.

Dort standen seine Soldaten, seine Glaubensbrüder und Kameraden. Das ganze Regiment, aufgestellt hinter den verbrannten Schanzungen am Stadtwall: Das letzte Aufgebot zwischen Bergen von Toten und Verstümmelten.

An seiner Seite sah er Gyorgor, den Elementaristen, der seine Feuergeister noch im Zaume hielt. In der ersten Reihe erkannte er Guthbert, seinen Bruder, mit eingelegtem Speer. Das Familienwappen der von Hardingens, silberner Falke auf rot-schwarzer Raute, leuchtete ihm vom Rock herüber. Der Junge hatte darauf bestanden in der ersten Reihe stehen zu dürfen. Ganz still war es, totenstill. Nur das leise Gequietsche und Geschepper der Rüstungen war zu vernehmen.

Doch plötzlich, das Geräusch splitternden Holzes. Mit ungeheurer Wucht brach das .gehörnte Ungeheuer durch die Palisade, direkt in der Mitte des Walls. Und mit entsetzlicher Wut hielt es nun schaurige Ernte unter den Verteidigern von Warunk.

Der Rondrakamm der von Hardingens, der stets vom ältesten Sohn getragen wurde und der seit Generationen zum Familienbesitz gehörte, wurde plötzlich warm, in seinen Händen. Der Legende nach, hatte mit dieser Klinge schon ein Urahn der von Hardingens im ersten Krieg gegen Borbarad gekämpft. Damals hatte sie wohl gute Dienste geleistet, denn der Ahn hatte den Krieg überlebt. Doch jetzt wurde die Wärme zu unerträglicher Hitze.

Rowin versuchte, das Schwert vor sich in den lehmigen Boden zu rammen und los zu lassen, aber er konnte sich nicht rühren. Panik stieg in ihm auf. Schon waren die ersten Reihen der Verteidiger gelichtet. Er hörte die Schreie und sah auch die Männer, die ihn fragend ansahen, um ihn herum sprangen und seinen Befehl erwarteten. Wann würde er endlich in den Kampf eingreifen? Aber er war wie gelähmt, konnte nicht sprechen, spürte nur die alles verzehrende Hitze des Schwertes in seinem Körper, seiner Seele.

Irgendetwas lief entsetzlich schief, dass war alles, was er in dem Moment gedacht hatte. Äußerlich ungerührt stand er dort, wie zur Salzsäule erstarrt, während um ihn herum ein Pfuhl der Zerstörung wütete. Ein Banner nach dem anderen fiel, verglühte und verging im Unfassbaren. Guthbert stürzte, dann die Kameraden - alles wie von giftiger Hand zu Boden gestreckt.

Er stand noch, während die Männer flohen, alleine, beschwörend betend, die Göttin um Hilfe anrufend. Aber sie hörte ihn nicht, er konnte sich nicht regen, wie versteinert. Das Ungetüm hatte ihn erreicht. Er erwartete den letzten, den vernichtenden Schlag. Doch der Daimon lachte. Lachte sein heiser glucksendes Kichern, in dem der ganze faulige Hohn seines Meisters klang. Lachte ihn aus, den unfähigen Diener, dem nicht mal ein ehrenvoller Tod gebührte.

Nein, er hatte die heimischen Gestade verlassen. Endgültig und für immer. Sollte die neue, alte Welt ihm Glück oder Tod bringen. Auch wäre eine Rückkehr, jetzt, da bereits weit über die Hälfte ihrer Vorräte aufgebraucht waren, völlig ausgeschlossen. Der lange Weg über das Westmeer war so weit und unberechenbar, dass sie nach der bejubelten Ausfahrt aus Havena noch einmal auf der Insel Pailos Frischwasser und Vorräte aufgefüllt hatten. Als sie den Hafen von Teremon verließen, waren sie beladen wie ein Flussschiffer und hatten einen beängstigenden Tiefgang. Aber Efferd hatte ein Einsehen mit den mutigen Frauen und Männern, die sich, aus welchen Motiven auch immer, damit abgefunden hatten; ihre Heimstätten vielleicht niemals wieder zu sehen. Der Herr der Meere hatte seine schützende Hand über die Sturmmöwe gehalten und das Schiff sicher durch alle Stürme geführt. Und Kapitänin Rollniksdottir hatte das ihrige getan, um das Schiff sicher über das Meer der sieben Winde zu bringen.

Nach dem Untergang des Banners bei Warunk und dem Verlassen des Schwertbundes war er eine Zeit lang umher gestrichen. Seine ziellose Reise führte in schließlich nach Havena, er wusste nicht, was er dort zu suchen hatte, aber es war ihm einerlei wo er sich befand. Er ließ sich treiben, wohin auch immer. Dann hatte er eines Tages den Anschlag am Eingang des Ewigen Ankers gelesen, dem Gasthaus, in welchem er sich gleich nach seiner Ankunft eingemietet hatte, und in dessen Gaststube er sich seitdem jeden Tag nach der Praiosstunde zielstrebig zulaufen ließ.

Das Pergament, auf dem Teilnehmer für eine Güldenlandexpedition gesucht wurden, hatte seine Neugier geweckt. So blieb er am nächsten Tag ausnahmsweise nüchtern und war beim Kontor Stoerrebrandt vorstellig geworden. Dort hatte er dann Finnian, einen Seemann, sprechen gehört, der behauptete, im Güldenland gewesen zu sein. Von unermesslichen Reichtümern, lauernden Gefahren und einem uralten Imperium hatte der Mann berichtet. Von versunkenen Städten, bizarren Lebewesen und wundersamen Mechaniken. Einern Kontinent voller Herausforderungen. Er hatte allerlei bizarre Mitbringsel von dem sagenhaften Kontinent zum Beweis seiner Behauptung vorgelegt und so finanzierte das Haus Stoerrebrandt gemeinsam mit einigen anderen Geldgebern eine große Expedition. Natürlich sollte eine Handelsdelegation mögliche Geschäftspartner im Güldenland gewinnen. Für diese Delegation wurden auch Bewaffnete rekrutiert. Rowin verdingte sich als Waffenmeister und sollte während der langen Überfahrt mit den Söldnern trainieren, Schwächen in deren Technik aufspüren und ausmerzen. Und so hatte er sich entschieden, den geschundenen Leib Aventuriens zu verlassen.

Lautes Rufen aus dem Krähennest brachte seine Aufmerksamkeit auf die Planken der Sturmmöwe zurück.

»Land! Land in Sicht! Fünf Strich Südsüdwest!«

Endlich war es soweit. Schon seit einigen Tagen hatten sie immer wieder Treibholz gesichtet, und gestern hatte Flong einen Vogel gesehen, bevor der Ausguck ihn erkannte. Dafür bekam er von Ilvi einen Dukaten, und der arme Mann im Krähennest 10 Hiebe wegen Unaufmerksamkeit spendiert.

Augenblicklich hielten die Dienst habenden Matrosen in ihren Verrichtungen inne und die Freiwachen strömten aus den Quartieren aufs Hauptdeck. Auch die Passagiere, sogar diejenigen, die immer noch von der Seekrankheit gebeutelt wurden, kamen zusammen. Jubel erfasste die Menschen an Bord. Man umarmte und beglückwünschte sich. Sogar Leute, die während der langen Reise aneinander geraten waren, vergaßen allen Zwist und freuten sich gemeinsam über die gelungene Überfahrt. Nach über zwei Monden auf See war das Eiland, das nun am Horizont zu sehen war, so etwas wie eine Befreiung. Eine Befreiung von der manchmal beklemmenden Wasserwüste des Westmeeres und zugleich eine Verheißung. Jeder auf der Sturmmöwe hatte einen triftigen Grund hier zu sein. Die Matrosen und Seefahrer, weil es als Ehre und als sehr einträglich galt, mit Ilvi zu fahren. Die Händler, weil sie sich einen fetten Profit erhofften -und in der vierzig Mann zählenden Schutztruppe hatte jeder seinen ganz persönlichen Grund dabei zu sein.

***

Der Maat läutete die Schiffsglocke, um anzuzeigen, dass die Kapitänin etwas zu sagen hatte. Ilvi stand achtern mit den Offizieren. Sie wartete, bis alle Gespräche verstummten und auf Deck Ruhe eingekehrt war.

»Freunde, wir haben die Überfahrt geschafft und sind, Swafnir sei Dank, glücklich über das große Meer gelangt. Das bedeutet aber nicht, dass wir alle Gefahren hinter uns gelassen haben.«

Sie deutete auf das voraus liegende Eiland.

»Ich habe die Rationen der Mannschaft halbiert, die der Passagiere werden stark reduziert sein. Deswegen werden viele von euch dafür sein, dieses Eiland anzulaufen. Das werden wir aber nicht tun. Wir reisen weiter bis Lodalungun. Eine Insel, die wir in drei Tagen erreichen dürften. Dort gibt es einen Handelshafen, wenn die Karte stimmt, die Finnian mir gab.«

Lautes Gelächter. Kein Zweifel, die Mannschaft liebte diese Kapitänin und war ihr beinahe hündisch ergeben.

»Dort werden wir unseren Proviant für die Weiterreise nach dem sagenhaften Balan Cantara aufnehmen.«

»Wenn es stimmt, was Finnian uns darüber erzählt hat«, polterte Rangulf, der Maat. Er war der Einzige, der sich so etwas erlauben durfte. Die Frauen und Männer waren außer sich vor Vergnügen.

»Du sagst es, mein Bester. Bis dahin wird schon niemand verhungern. Und noch etwas: In den kommenden Nächten wird die Händlergarde die Mannschaft bei der Nachtwache unterstützen. Ich möchte, dass ihr die Küste scharf im Auge behaltet. Wer auf seiner Wache einschläft, hat sein Leben verwirkt, denn er bringt damit das Leben aller in Gefahr. Wir befinden uns in fremden, vielleicht feindlichen Wassern. Rangulf, du wirst die Schichten für die Nachtwache einteilen. Das war alles.«

Die Thorwalerin drehte sich um, bedeutete den Offizieren, ihr zu folgen und verschwand im Achterdeck. Augenblicklich setzte die aufgeregte Unterhaltung an Deck wieder ein. Rowin beteiligte sich nicht daran und stand gerade im Begriff, sein Quartier aufzusuchen, als Flong, der Schiffsjunge, zu ihm kam.

»Meister Rowin, Kapitänin Rollniksdottir wünscht Euch zu sprechen.«

Es dauerte einen Augenblick, bis Rowin registrierte, dass er gemeint war, so sehr war er schon wieder in seine düsteren Gedanken vertieft gewesen. Seine Mitreisenden hielten ihn ehedem für einen verschrobenen, wortkargen Einzelgänger, und eigentlich hatten sie auch Recht damit. So hielt er sich wenigstens lästige Fragen nach seiner Vergangenheit vom Hals. Und seine ausgezeichneten Fechtkünste mit Schwert und Bidenhänder hatten ihm Respekt eingebracht.

Er nickte dem Jungen freundlich, zu. Er mochte den kleinen Moha, der tapfer und unermüdlich seine vielen Aufgaben erledigte. Und er war, abgesehen von Kapitänin Rollniksdottir, der einzige Mensch an Bord, mit dem er mehr als das nötigste in den vergangenen zwei Monaten gesprochen hatte. Schließlich hatte der Junge ihm sogar soweit vertraut, dass er im Tausch gegen Lektionen in der Fechtkunst, die sie heimlich im Quartier des Waffenmeisters durchführten, wenn Flong Freiwache hatte, sein Wissen über Hruruzat preisgab, einer mohischen Kampfkunst, von der Rowin schon viel gehört hatte.

»Danke, Flong, sag ihr, ich komm sogleich.«

Rowin schaute noch einmal aufs Meer hinaus. Die Stimmung an Bord war bestens und am Heck teilte der gute Rangulf mit lauter Stimme die Männer und Frauen zu den Wachschichten ein. Rowin umfasste unbewusst den Griff seines Schwerts und begab sich zum Achterdeck.

***

Dreimal klopfte er an die Tür der Kapitänskajüte, bis er von drinnen ein »Herein« zu hören bekam. Er trat ein. Hinter einem massiven, mit glänzenden Messing-Intarsien geschmückten, Eichentisch, der mit Karten und allerlei, Navigationsinstrumenten übersät war, saß die Kapitänin. Sie war allein. Ilvi musste etwa in seinem Alter sein, Ende zwanzig, vielleicht schon Anfang dreißig. Das bedeutete, dass sie ihr Handwerk wirklich verstand. Denn sie führte keine kleine thorwalsche Otta, sondern eine dreimastige Schivone im Auftrag einer wohlhabenden Handelsgesellschaft.

Die Kapitänin saß im Halbdunkel, denn die Kajüte war nur notdürftig von einer kleinen Ölfunzel erleuchtet. Ilvi hatte befohlen, in dieser Nacht so wenig Lichter als möglich zu entzünden. Dass sie sich selbst immer akribisch an ihre Anweisungen hielt, brachte ihr den Respekt der Mannschaft ein.

Im flackernden Dämmerlicht schienen die tätowierten Schlangen auf ihren Armen beinahe zum Leben erwacht zu sein. Fasziniert beobachtete er das Spiel ihrer Muskeln unter der festen, makellosen Haut. Ihre vollen Brüste sprengten beinahe das Korsett aus schwarzem Leder und versprachen geheimnisvolle Tiefen. Alles an ihr drückte Stärke und Machtbewusstsein, aber auch eine wilde und ungezügelte Sinnlichkeit aus, die Männern den Verstand rauben und sie in kriecherische, willenlose Kreaturen verwandeln konnte. Ab dem Kinn aufwärts waren die geheimnisvollen Züge dieser ungewöhnlichen Frau im Dunkel der Kajüte verborgen.

»Habt Ihr Durst, Meister?« Fragend reichte sie ihm einen wohl gefüllten Silberpokal roten Weines.

»Bedankt.« Er nahm den Kelch und prostete der Kapitänin zu. »Auf die Sturmmöwe und auf die neue Welt«, brachte die Herrin des Schiffes aus. Sie tranken.

»Ich sag es frei heraus«, fuhr sie fort, «ich habe Euch aus einem ganz bestimmten Grund zu mir bitten lassen, Meister Rowin.« Die letzten beiden Worte brachte sie mit verhohlenem Spott hervor.

»Dass Ihr Eure noble Herkunft – die doch jeder sehen kann – verleugnet, geht mich glücklicherweise nichts an. Die Sicherheit des Schiffes und der Menschen auf ihm allerdings schon.«

Während sie sprach, war sie immer weiter nach vorn gerückt, so dass er jetzt ihr ganzes Gesicht sehen konnte. Es war ihm schon vorher aufgefallen, dass Ilvi eine schöne Frau war, wenn das Licht stimmte. Im hellen Tageslicht waren ihre Züge hart und unerbittlich, wie die See, auf der sie lebte. Aber hier, im dämmrigen Licht der Ölfunzel, waren ihre Züge entspannt und ebenmäßig, sanft eingerahmt von den langen, für ihr Volk untypischen, tiefschwarzen Haaren. Und da waren noch diese klugen, grünen Augen, die keinen Zweifel daran ließen, dass diese Frau gewohnt war, Befehle zu erteilen und, diese Befehle auch befolgt zu wissen. Jetzt schauten diese Augen provozierend direkt ihn seine.

»Da ich selbst es nicht bin, der Euer Schiff in Gefahr bringt und da Euch der Rest, wie Ihr schon erwähntet, nichts angeht«, antwortete er, unhöflicher als er eigentlich wollte, «erweist mir doch bitte die Gunst, zu wissen, wie ich Euch zu Diensten sein könnte.«

»Hah!« Die Kapitänin schmetterte die Rechte triumphierend auf die Tischplatte. Und Rowin hatte das Gefühl, in eine Falle geraten zu sein, nur dass er noch nicht wusste, in welche.

»Ihr habt es wahrscheinlich nicht bemerkt, aber Tjorgalf, mein zweiter Offizier, ist seit Tagen schwer krank. Er liegt in seiner Koje und spuckt sich die Seele aus dem Leib. Ich kann aber auf einen Zweiten Offizier nicht verzichten. Ich habe den Herrn Rimbald bereits um Eure Dienste gebeten. Er ist sehr zufrieden mit Eurer Arbeit, könnte Euch aber nun, wo Euer Werk getan ist, besser entbehren, als einen seiner Sergeanten. Er sagte mir aber auch, ich müsse Euch selbst fragen. Das tue ich hiermit. Ihr sollt den Posten bis Balan Cantara übernehmen und erhaltet zusätzliche 100 Dukaten. Was sagt Ihr dazu?« Sie streckte ihm die Hand entgegen.

»Ich kann nicht«, antwortete er.

»Warum nicht?«, fragte sie leicht aufbrausend. »Für das Geld heuern manche meiner Leute die ganze Strecke an. Wollt ihr behaupten, ich sei zu knauserig?«

»Nein, ich bin kein Seemann und ich habe geschworen, nie wieder ein Kommando zu übernehmen.«

»Was glaubt Ihr eigentlich, wer Ihr seid?«, giftete sie ihn an. In ihren Augen war jetzt schiere Wut zu erkennen. »Ich habe hier das Kommando, verstanden? Ich habe nicht vor, daran etwas zu ändern und wenn ich einen Seemann brauche, weiß ich, wo ich einen finde. Selbst Flong wäre in nautischen Dingen ein besserer Berater als Ihr. Ich suche aber einen militärischen Führer, der sich um die Verteidigungsbereitschaft des Schiffes kümmert, und da seid Ihr nun mal der Einzige, der zur Verfügung steht, auch wenn ich das jetzt gerade sehr bedaure!«

»Und ich bedaure, dass ich es Euch wiederum abschlagen muss. Aber ich habe gelobt, nie wieder ...«

»Ein Kommando zu übernehmen, schon gut«, fuhr sie ihm dazwischen.

»Ich glaube, Ihr wollt mich nicht verstehen. Das Seerecht gestattet mir in solch einem Falle auch eine Zwangsrekrutierung. Ihr habt die Wahl, Meister Rowin, entweder Ihr dient mir als Zweiter Offizier, oder Ihr verbringt den Rest unserer Reise im Arrest.«

»Diese Entscheidung bleibt Euch überlassen«, erwiderte Rowin kühl.

In ihrem Blick erkannte er beides, Verachtung und Bewunderung.

»Es scheint, Ihr wollt es nicht anders«, fuhr sie, nun wieder beherrscht, fort. »Flong wird mehrmals täglich nach Euch sehen. Wenn Ihr es Euch anders überlegen solltet, gebt ihm Bescheid, Schade eigentlich – für einen Mann wie Euch hätte ich mannigfache Verwendung gehabt«, schloss sie frivol. Dann rief sie die Wachen.

***

Ilvi ließ sich erschöpft in ihren Stuhl sinken. Wie konnte dieser Mann es wagen, auf ihrem Schiff so herablassend mit ihr zu reden? Es würden wahrscheinlich nur wenige Augenblicke vergehen, und Herr Rimbald würde vor ihr stehen und Gift und Galle spucken, wie sie dazu käme, seinen Waffenmeister einzusperren. Sollte er nur kommen, dieser elende Pfeffersack. Rechtlich gesehen war die Arretierung Meister Rowins zwar bedenklich, aber auf See hatte sie das Kommando, da konnte sich der hochnäsige Kauffahrer auf den Kopf stellen. Sie öffnete eine Tür im Unterbau des Tisches und zog eine Flasche Premer hervor, die sie mit den Zähnen entkorkte. Nachdem sie den Verschluss in eine Ecke gespuckt hatte, nahm sie einen tiefen Zug.

Trotzdem blieb sie unzufrieden. Nur selten gelang es einem Mann, sie so zu reizen, dass sie ihre Selbstbeherrschung verlor. Dieser Waffenmeister war eine verdammt harte Nuss. Weder Charme noch ihre reizvolle Erscheinung, hatten bei diesem verstockten Kerl irgendeine Wirkung getan. Sie war es gewohnt, zu befehlen. Und sie war es gewohnt, umwerfend zu wirken. Aber dieser Mann schien keine Brunftkugeln zu haben. Ob er es mit seinesgleichen hielt, dieser Bär von einem Mann? Wohl kaum.

Sie wunderte sich auch ein wenig über sich selbst. Auch wenn sie es sich nicht eingestehen mochte, sie fühlte sich hingezogen zu diesem Mann. Nicht nur, weil er ihr offensichtlich widerstehen konnte, und sie ihn gerade deshalb als begehrenswert erachtete -so gut kannte sie sich. Nein, es waren diese traurigen Augen, die sie berührt hatten. Und gerade das machte ihr zu schaffen. Seit wann war sie empfänglich für Hundeblicke? Und erst dieser bis auf die Brust hängende Bart, wie konnte sich ein Mann nur so entstellen?

Sie nahm noch einen Schluck aus der Flasche. Der Rachenputzer breitete sich heiß in ihrer Brust aus und erfüllte sie mit Behaglichkeit. Ihre Gedanken blieben beim Waffenmeister. Erst einmal würde sie ihn einem Barbier überantworten. Das lange braune Haar musste ab. Lange Haare hatte sie schon in ihrer Heimat verabscheut, was die Anzahl potentieller Freier naturgemäß sehr eingeschränkt hatte. Dann müsste er ordentlich rasiert werden . Sie versuchte, sich Rowin vorzustellen, wie er dann in einer Havenaer Gardeuniform aussehen würde. Sehr appetitlich.

»Um Efferds Willen, was tu ich hier?«, unterbrach sie laut die eigenen Gedanken. Seit Jahren hatte sie nicht mehr so viel an ein und denselben Mann gedacht. Eigentlich seitdem sie und Myrdor damals beschlossen hatten, getrennte Wege zu gehen. Ihm war die Magie wichtiger gewesen und sie hatte es immer wieder auf die See hinaus gezogen. So war ihre Jugendliebe zerbrochen und seither hatte sie ihr Herz verschlossen und später sogar für tot gehalten. Um so erschreckender, dass es sich jetzt so vehement zurückmeldete. Sie war dankbar für das Klopfen an der Tür, das sie aus diesen befremdlichen Gedanken riss.

»Bitte!«, forderte sie den Besucher zum Eintritt auf. Wie erwartet, war es der aufgebrachte Schnösel Rimbald, der die Kapitänskajüte betrat.

»Weshalb wurde mein Waffenmeister festgesetzt? Was wird ihm vorgeworfen?«, polterte er los.

»Langsam, langsam. Setzt Euch, Gevatter.« Sie wartete, bis Rimbald widerwillig Platz genommen hatte. »Meister Rowin verwehrt mir seine Dienste, und da ihr mir keinen eurer Sergeanten zur Verfügung stellen wollt, ist er der einzige, der in Frage kommt. Ihr wisst, dass mir das Seerecht, in solch einem Falle, durchaus diese Möglichkeit der Beugung zugesteht«, entgegnete sie gelassen.

»Ich habe Euch Meister Rowin nicht überlassen, damit Ihr ihn einsperrt. Der Mann mag seltsam sein, ist aber ein ausgezeichneter Soldat. Er hat aus unserem Söldnerhaufen eine schlagkräftige Truppe geformt«, antwortete Herr Rimbald, schon etwas friedlicher.

»Dann überredet Ihr ihn doch, den Posten als Zweiter Offizier zu übernehmen«, forderte sie den Kaufmann auf, als an Deck die Glocke läutete. »Ihr habt meine Erlaubnis, Meister Rowin aufzusuchen. Ich schicke Euch Flong. Jetzt wollt Ihr mich bitte entschuldigen, ich werde an Deck verlangt.«

***

Rowin saß im Dunkeln. Die Kammer, in die Ilvi ihn hatte sperren lassen, war schmutzig und stank wie ein Schweinepferch. Er spürte davon wenig. Niemand, auch nicht Ilvi Rollniksdottir, würde ihn dazu bewegen können, noch einmal Verantwortung für ein anderes, als sein eigenes Leben zu übernehmen. Zu fatal waren die möglichen Folgen. Auch Herr Rimbald, der gestern, gleich nach seiner Festsetzung bei ihm aufgetaucht war, hatte ihn nicht umstimmen können. Dabei hatte der Kaufmann das gesamte Ritual eines einstudierten Verkaufsgesprächs zelebriert und war schließlich doch resigniert abgezogen.

Rowin machte Ilvi keinen Vorwurf. Er konnte die Kapitänin sogar verstehen. Sie musste unnachgiebig sein, sonst hätte sie ganz schnell an Autorität verloren und nach über zwei Monaten auf See gärte es ohnehin in der Mannschaft. Er hätte es nicht anders gemacht. Einmal mehr bewunderte er die unerschrockene Seefahrerin gegen seinen Willen. Er dachte darüber nach, wie lange er jetzt wohl schon in absoluter Dunkelheit zugebracht hatte, als sich die Tür zu seinem Gefängnis öffnete. Als sich seine Augen an di:).s Licht der Ölfunzel gewöhnt hatten, erkannte er Flong, der ihm seine heutige Mahlzeit brachte . Es gab eine undefinierbare, übel riechende Brühe und einen Kanten madigen Schiffszwieback.

»Meister Rowin, wollt Ihr es Euch nicht doch noch einmal überlegen?«, fragte der Schiffsjunge.

»Da gibt es nichts zu überlegen, Flong«, entgegnete Rowin. »Sag der Kapitänin, ich hätte das Essen genossen und ließe dem Smutje meine Empfehlung ausrichten«

»Aber Meister Rowin, sie wird mich aus Ihrer Kajüte prügeln, wenn ich das tue«, meinte Flong ängstlich.

»Also gut. Ich möchte nicht, dass du meinetwegen Schwierigkeiten bekommst. Sag ihr ...«

Weiter kam er nicht, denn plötzlich waren im ganzen Schiff aufgeregte Rufe zu hören, zu denen sich alsbald das wilde, helle Läuten der Glocke gesellte. Flong sprang behände aus der Kammer, verriegelte die Tür und eilte davon. Wieder alleine mit der Dunkelheit, konzentrierte Rowin sich darauf, durch das, was durch die geschlossene Türe noch zu ihm drang, herauszufinden, was an Bord geschah. Er hörte, wie laute Kommandos erteilt wurden, nur was befohlen wurde, konnte er, so sehr er sich auch mühte, nicht verstehen. Kein merkbarer Ruck war durch den Rumpf des Schiffes gegangen, also schied die Möglichkeit des Auflaufens auf Grund oder eine Kollision mit einem anderen Schiff aus. Blieb nur die Möglichkeit eines Angriffs auf die Sturmmöwe. Knarrende Schleifgeräusche wiesen darauf hin, dass die Hornissen und Ratzen des Schiffes präpariert wurden. Dann hörte er, wie sich schnelle Schritte auf dem Gang näherten. Erneut wurde sein Gefängnis geöffnet. Ein Matrose stand in der Tür und warf Rowins Waffen in den Raum.

»Wir werden angegriffen! Die Kapitänin befiehlt alle Mann an Deck. Das gilt auch für Euch!«

Eine merkwürdige Welle von Gefühlen überrollte den ehemaligen Rondrianer. Der erste Impuls war Kampfeslust, darauf folgte Lähmung, dann wieder Euphorie. Seit den verhängnisvollen Tagen in Warunk war er allen Gefechten aus dem Weg gegangen, weil er sich für unwürdig befand, der Göttin zu dienen. Jetzt aber war ein Aus weichen unmöglich und in Rowin keimte so etwas wie Hoffnung auf. Vielleicht war es eine Prüfung. Er gürtete sein Schwert, ergriff den Bidenhänder und stürmte dem Matrosen nach aufs Deck.

Der Anblick, der sich ihm hier bot war nicht nur bizarr, sondern machte auch jegliche Hoffnung zunichte. Wenn dies eine Prüfung war, dann stand fest, dass er einmal mehr scheitern musste. Die Sturmmöwe war umringt von einer unüberschaubaren Menge kleiner und kleinster Segelboote, Einbäumen und Auslegerbooten. Darin saßen und standen Horden katzenhafter Gestalten und ließen einen drohenden Lärm, eine Mischung aus Fauchen, Grollen und Schnurren, vernehmen. Man musste kein Stratege sein, um zu erkennen, dass die Besatzung des aventurischen Seglers chancenlos gegen diese Übermacht war. Offensichtlich war Kapitänin Rollniksdottir derselben Meinung. Das Schiff blieb zwar vorerst kampfbereit, Ilvi ließ aber nicht angreifen, obwohl die ersten Boote schon ihn Reichweite der Hornissen waren. Von achtern näherte sich ein größeres Boot mit buntem Segel, auf dem sich anscheinend einige Würdenträger der Katzenmenschen befanden.

Ilvi befahl das Fallreep an Achtern herunterzulassen. Es war eine groteske Gruppe, die jetzt in geschmeidigen Bewegungen an Bord der Sturmmöwe enterte. In körperlicher Erscheinung den Menschen nicht unähnlich, hatten diese Wesen aber katzengleiche Häupter. Gekleidet waren sie überwiegend in weißes Leinen. Über den weiten Pluderhosen trugen sie fast bodenlange Westen mit Kapuzen, an denen jede Menge Kleinkram hing. Um die Hälse trugen sie eine schier unermessliche Zahl von Amuletten und Ketten und die hoch stehenden Ohren waren mit Ringen, Muscheln und sonstigem Zierrat behängt. Manche trugen Kopftücher und einer, offensichtlich der hochrangigste unter ihnen, trug einen Turban, dem der Novadi nicht unähnlich. Sein Fell war silbergrau und von weißen Strähnen durchzogen. Insgesamt betraten fünf dieser Wesen die Planken des Expeditionsschiffes.

»Willkommen auf der Sturmmöwe «, begrüßte Ilvi die Delegation. Und tatsächlich bekam sie eine Antwort, die sie, trotz der kehligen Untertöne und einem starken Dialekt, verstand.

»Seid gegrüßt, mein Name GroAr«, antwortete der Graue, und kam ohne Umschweife auf den Grund seiner Anwesenheit zu sprechen.

»Ihr in den Wasser von Nyamaunir. .Wir wollen Zoll. Ohne Zoll nicht weiterfahren.«

»Wir haben keine Ladung die sich verzollen lässt«, log Ilvi kühl, »nur Menschen an Bord, keine Ware.«

»Kein Zoll, nicht weiterfahren könnt«, beharrte der Nyamaunirhäuptling.

»Ich sagte doch bereits, dass wir keine Waren an Bord haben«, entgegnete die Kapitänin.

»Ihr Menschen. Menschen guter Zoll«, erwiderte GroAr knurrend.

»Wie soll ich das verstehen?«, fragte Ilvi.

»Ganz einfach«, schnurrte er. »Ihr uns nicht übergebt Ladung, Ihr uns gebt von drei Menschen einen. Dann könnt weiterfahren, sonst wir töten alle«, ließ der Nyamaunir die sprichwörtliche Katze aus dem Sack.

Ein unruhiges Gemurmel begann unter den Aventuriern an Bord und manch einer umfasste seine Waffe fester. Rowin, der auf seinen Bidenhänder gestützt nur einige Schritt von Ilvi entfernt stand, beobachtete die fünf Nyamaunir genau. Sie waren unbewaffnet.

»Was sollte mich davon abhalten, Euch hier und jetzt töten zu lassen?«, fragte Ilvi mit unverhohlener Feindseligkeit.

»Nichts«, entgegnete der Häuptling, »ihr uns könnt töten, aber dann ihr alle und euer Schiff tot sofort. Ihr könnt nachdenken bis Dunkelheit. Wir jetzt gehen.«

Ohne eine Antwort abzuwarten, sprangen die Nyamaunir geschmeidig über die Reeling und begannen mit dem Abstieg. Es dauerte nur Augenblicke und sie saßen wieder in ihrem Boot und entfernten sich schnell. Kaum hatten die Katzenmenschen das Schiff verlassen, brach ein wildes Stimmengepolter los. Ein großer Teil der Mannschaft war dafür, den Nyamaunir einen Teil der Ladung zu überlassen. Einige der Matrosen waren dafür, auszuwürfeln, wer das Schiff verlassen sollte, andere wiederum riefen nach Kampf bis zum letzten Mann. Es war ein wildes Durcheinander aufgeregter Stimmen, das erst verstummte, als Ilvi energisch die Schiffsglocke läutete. Sie wartete, bis Ruhe eingekehrt war.

»Also gut! Wir haben die Forderung der Miezekatze vernommen. Was wir jetzt brauchen ist Zusammenhalt. Ich bin nicht mit Euch über das weite Meer gesegelt, um mich kurz vor dem Ziel von einer Missgeburt ausrauben zu lassen.«

Der Großteil der Mannschaft applaudierte johlend. Kleinlaut schauten diejenigen, die gerade noch die Herausgabe der Ladung oder ein Phex-Urteil gefordert hatten, zu Boden, um nicht dem strafenden Blick Ilvis standhalten zu müssen.

»Ich dulde keinerlei Renegatentum auf meinem Schiff. Lasst uns lieber überlegen, was wir diesen Pelzmützen entgegenzusetzen haben. Wir haben noch einen halben Tag, bis sie uns angreifen wollen. Vorerst bleibt alles auf seinem Posten. Tjorgalf wird jeden, der seinen Dienst vernachlässigt, aufs übelste bestrafen.«

Ein Blick des Maats genügte Ilvi, um sich vollkommen sicher zu sein, dass er ihre Anweisungen strikt befolgen würde. Stumm forderte sie die Offiziere auf, ihr u folgen. Als sie an Rowin vorbeikam, blieb sie stutzend stehen, dann fragte sie:

»Wie steht´s mit Euch, Meister Rowin, wollt ihr wieder in den Arrest oder kämpft ihr mit uns?«

»Kampf«, hörte Rowin sich sagen;

In Ilvis überraschten Blick mischte sich etwas undefinierbares, als sie ihn länger als ihr lieb war in die Augen schaute. Irritiert wendete sie sich ab. Sie schaute in die Runde ihrer Offiziere, zog den Säbel und rief: »Kriegsrat!«

Mannschaft und Garde johlten. Dann stimmte einer der Matrosen das Lied an, das sie in den letzten Monaten immer öfter gesungen hatten, und alle fielen mit ein:

Mit Ilvi übern Ozean,

da stellt sich ein jeder an.

Nur die wirklich Allerbesten,

fahren in den Westen.

Was suchen wir im Güldenlande.

Was wollen wir am fernen Strande.

Was suchen wir im Güldenlande,

Reichtum, Ruhm und Ehre.

Über das Meer der sieben Winde,

Fuhren wir alsbald geschwinde.

Über das Meer der sieben Winde,

fuhrn wir in den Westen.

Was suchen wir im Güldenlande.

Der Gesang vertrieb das fürchterliche Grollen der Nyamaunir aus den Ohren der Besatzung und erfüllte ihre Gemüter mit trügerischer Hoffnung.

2. Kapitel

»Ihr habt ausgezeichnete Ware geliefert«, bedankte sich Navarcu Thimor. »Meine Leute werden dies zu schätzen wissen.«

»Und meine Lieferanten werden sich freuen, das zu hören«, entgegnete Kairon geschmeichelt.

»Wann werden wir die Freude Eures nächsten Besuches erhalten?«, fragte der Freibeuter.

»Nun, ich muss jetzt erst einmal zurück nach Balan Cantara. Doch wenn dort alles nach Plan läuft, werde ich in der dritten None des Chrysir wieder auf Sengabaru eintreffen. Und selbstverständlich mit der versprochenen Lieferung.«

»Ausgezeichnet«, meinte der Navarcu der Schwarzen Amauna, «dann haben wir hoffentlich ein wenig mehr Zeit. . Ich würde Euch gerne in die ein oder andere Lokalität führen, in der Ihr ebenso gute Geschäfte abwickeln könntet - natürlich gegen eine kleine Commissio an mich.«

»Gern, Navarcu .«

Mit zufriedenem, aber nicht zu auffälligem Lächeln strich Kairon die 15 Imperial in seinen Geldbeutel. Nicht nur, dass er einen ausgezeichneten Preis für zehn Okul Sternenstaub erhalten hatte, auch die Tatsache, dass sein Käufer für das nächste Treffen die doppelte Menge bestellt hatte, ließ ihn innerlich jauchzen. Ein Detail allerdings machte ihm Sorgen. Zumindest die Mannschaft der Schwarzen Amauna wusste jetzt, dass es sich lohnte, ihm den Hals abzuschneiden. Thimor selbst war ein absolut verlässlicher Geschäftspartner, von dem er nichts zu befürchten hatte, aber dass das auch für seine komplette Mannschaft galt, war höchst unwahrscheinlich. Und 1500 Aureal waren immer ein hervorragender Grund jemanden zu Töten. Er musste sich vorsehen.

Kairon verabschiedete sich von Navarcu Thimor und trat aus der Kajüte, um das Schiff jetzt so schnell als möglich zu verlassen. Auf dem Oberdeck warteten die beiden Söldner, die Serr Vendur ihm für seinen persönlichen Schutz mitgegeben hatte. Er gab ihnen ein Zeichen und sie folgten ihm wie brave Hunde hinunter auf den Kai. Kurz darauf hatte das Dunkel der Nacht die drei Gestalten verschluckt.

Sengabaru war ein wahres Paradies und die kleine Hafenstadt Danguru war sein Zentrum. Kairon genoss es jedes Mal, hier zu sein. Wie anders war diese Insel doch, als das stinkende Balan Cantara. Gleich hinter der Palisade begann der undurchdringliche, jetzt nachtschwarze Dschungel mit seinen tödlichen Gefahren, aber innerhalb der kleinen Stadt pulsierte das Leben. Gleich am Hafen reihte sich Kaschemme an Kaschemme. Und die Straßen waren voll von fliegenden Händlern, kleinen Garküchen, trunkenen Seeleuten und Liebesdienern jeglicher Rasse und Ausrichtung, die sich hier den Matrosen zu einem kleinen Schäferstündchen anboten. Es gab keine Garden oder sonstige Ordnungshüter. Die waren auch gar nicht nötig, denn seit sich die drei mächtigsten Freibeuterzirkel des shindrabarischen Archipels über die Nutzung der Insel einig geworden waren, herrschte ein beinah freundliches Nebeneinander auf der Insel.

Sicher, nominell gehörte Sengabaru zum Horasiat Cantera, seiner Heimat, aber es war eben doch sehr viel freier. Ob das daran lag, dass die Freibeuter die Insel praktisch uneingeschränkt beherrschten, oder daran, dass sie für den Trodinar auf Barawan keinen Wert besaß außer den Zuwendungen die er sicherlich von den Piraten bezog? Kairon wusste es nicht. Eines aber war sicher, solange der Archipel von Shindrabar sich nicht wieder dem Imperium anschloss, duldeten die Mächtigen des Imperiums diese kleine ›Freihandelsoase‹ auf ihrem Gebiet, allein schon weil dadurch der Verkehr der verhassten Schlangenanbeter empfindlich gestört wurde.

Kairon und seine Begleiter steuerten die Taverne Zum faulen Hariwat an, in der er sich und die Söldner eingemietet hatte. Das Leben war in der Goldenen Triopta, dem ersten Haus am Platze, sicherlich komfortabler, aber Kairon legte äußersten Wert auf Diskretion. Deshalb hatte er das Hariwat gewählt.

Krarch, der Wirt, begrüßte ihn mit seinem katzenhaften Lächeln und reichte ihm die Schlüssel zu seinem Zimmer.

»Wie immer?«, fragte der Gastgeber mit jovialem Zwinkern.

Kairon nickte.

»Und für meine Leute Speis und Trank vom Feinsten!«

Die beiden Söldner setzten sich wortlos an einen freien Tisch, während Kairon sich zurückzog. Ein paar Aureal von Zeit zu Zeit sicherten ihm nicht nur die bevorzugte Behandlung des amaunischen Wirtes, sondern auch die Raia gefälligen Dienste seiner Töchter. Und die würde er sich heute auch noch gönnen. Schließlich gab es etwas zu feiern: Seine Marge war beträchtlich gewesen. Wenn man bedachte, dass er bei seinem Händler in Balan Cantara 800 Aureal für den Staub bezahlen musste, hatte er seine Investition beinah verdoppelt. Zusatzkosten hatte er keine, denn eigentlich war er in Mission seines Magnaten Serr Vendur nach Sengabaru gekommen, der für alle Spesen aufkam. Der Auftrag fiel ihm wieder ein. Er sollte auf dem Sklavenmarkt, der täglich von Sonnenaufgang bis zur Mittagszeit am Hafen stattfand, nach geeignetem Material für die Arena suchen. Da der shindrabarische Archipel ein Sammelsurium von Halsabschneidern und Schlagetots war, fand man hier besonders geeignete Kämpfer. Oftmals standen sogar Piraten, die noch in der letzten Oktade selbst ihre Beute hier feilgeboten hatten, auf dem Podest wieder. Diese Leute hatten nichts mehr zu verlieren und galten als besonders bösartig und blutrünstig .