Du bist der Papa, Johannes - Viola Maybach - E-Book

Du bist der Papa, Johannes E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Viola Maybach hat sich mit der reizvollen Serie "Der kleine Fürst" in die Herzen der Leserinnen und Leser geschrieben. Alles beginnt mit einem Schicksalsschlag: Das Fürstenpaar Leopold und Elisabeth von Sternberg kommt bei einem Hubschrauberunglück ums Leben. Ihr einziger Sohn, der 15jährige Christian von Sternberg, den jeder seit frühesten Kinderzeiten "Der kleine Fürst" nennt, wird mit Erreichen der Volljährigkeit die fürstlichen Geschicke übernehmen müssen. "Der kleine Fürst" ist vom heutigen Romanmarkt nicht mehr wegzudenken. »Wieso habe ich nicht schon viel früher bei euch Urlaub gemacht?«, fragte Johannes von Dreesen beim sonntäglichen Frühstück im Schloss. Er war mit Baronin Sofia und Baron Friedrich von Kant allein – die drei Teenager Anna, Konrad und Christian schliefen sich am Wochenende gründlich aus. Vor dem sehr späten Vormittag war mit ihnen nicht zu rechnen. »Wir haben dich oft genug eingeladen«, erwiderte die Baronin lächelnd. »Aber dich hat es doch immer mehr in die Ferne gezogen, was ich im Übrigen gut verstehen kann. Wenn man jung ist, will man die Welt sehen. Später hat man Verpflichtungen, von denen man sich nicht mehr ohne weiteres frei machen kann.« »Da ist was dran«, gab Johannes zu. Er war lang, dünn und blond, dazu sehr lebhaft. Alles an ihm schien ständig in Bewegung zu sein, es fiel ihm schwer, längere Zeit still zu sitzen, ganz so, als wäre er der unruhigen Teenagerzeit noch nicht entwachsen. Dabei war er einen Monat zuvor achtundzwanzig Jahre alt geworden. Bei den Mahlzeiten freilich saß er für seine Verhältnisse fast bewegungslos da. Er erklärte es damit, dass er die außergewöhnliche Kochkunst der mittlerweile durchaus berühmten jungen Schlossköchin Marie-Luise Falkner nicht durch zu wenig Aufmerksamkeit beleidigen wollte. Er war ein junger Mann, der die schönen Seiten des Lebens genoss, der meistens guter Dinge war und seine Freunde im Schloss mit allerlei Anekdoten aus seinem abwechslungsreichen Berufsalltag als Lehrer an einem Gymnasium – für Geschichte und Englisch – unterhielt. Schon lange war im Schloss nicht mehr so viel gelacht worden wie während seines Besuchs. In Johannes' Gesicht schien nichts zusammenzupassen: Die Nase war etwas schief, der Mund zu groß, das Kinn zu eckig. Nur die Augen waren perfekt, von tiefem Blau und so ausdrucksvoll, dass man sich ihrem Blick nur schwer entziehen konnte.

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Seitenzahl: 116

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Der kleine Fürst – 277 –Du bist der Papa, Johannes

Auf diesen Babyalarm war der Ärmste nicht vorbereitet

Viola Maybach

»Wieso habe ich nicht schon viel früher bei euch Urlaub gemacht?«, fragte Johannes von Dreesen beim sonntäglichen Frühstück im Schloss.

Er war mit Baronin Sofia und Baron Friedrich von Kant allein – die drei Teenager Anna, Konrad und Christian schliefen sich am Wochenende gründlich aus. Vor dem sehr späten Vormittag war mit ihnen nicht zu rechnen.

»Wir haben dich oft genug eingeladen«, erwiderte die Baronin lächelnd. »Aber dich hat es doch immer mehr in die Ferne gezogen, was ich im Übrigen gut verstehen kann. Wenn man jung ist, will man die Welt sehen. Später hat man Verpflichtungen, von denen man sich nicht mehr ohne weiteres frei machen kann.«

»Da ist was dran«, gab Johannes zu. Er war lang, dünn und blond, dazu sehr lebhaft. Alles an ihm schien ständig in Bewegung zu sein, es fiel ihm schwer, längere Zeit still zu sitzen, ganz so, als wäre er der unruhigen Teenagerzeit noch nicht entwachsen. Dabei war er einen Monat zuvor achtundzwanzig Jahre alt geworden.

Bei den Mahlzeiten freilich saß er für seine Verhältnisse fast bewegungslos da. Er erklärte es damit, dass er die außergewöhnliche Kochkunst der mittlerweile durchaus berühmten jungen Schlossköchin Marie-Luise Falkner nicht durch zu wenig Aufmerksamkeit beleidigen wollte. Er war ein junger Mann, der die schönen Seiten des Lebens genoss, der meistens guter Dinge war und seine Freunde im Schloss mit allerlei Anekdoten aus seinem abwechslungsreichen Berufsalltag als Lehrer an einem Gymnasium – für Geschichte und Englisch – unterhielt. Schon lange war im Schloss nicht mehr so viel gelacht worden wie während seines Besuchs.

In Johannes’ Gesicht schien nichts zusammenzupassen: Die Nase war etwas schief, der Mund zu groß, das Kinn zu eckig. Nur die Augen waren perfekt, von tiefem Blau und so ausdrucksvoll, dass man sich ihrem Blick nur schwer entziehen konnte. Sie waren es auch, die Johannes’ Gesicht ihren Stempel aufdrückten und dafür sorgten, dass er trotz der Unvollkommenheit der einzelnen Teile als gut aussehender Mann galt. Zudem war er überaus charmant oder konnte es zumindest sein. Wenn er lächelte, schmolzen nicht nur alte Damen dahin.

»Jedenfalls bin ich heilfroh, dass ich nicht mit meinem Freund Boris nach Vietnam geflogen bin. Das hätte mich zwar sehr interessiert, aber mir war klar, dass das eine anstrengende Reise geworden wäre, und ich habe einfach Ruhe gebraucht.«

»Verständlich, du bist ja noch Berufsanfänger.«

»Das kann man wohl sagen, obwohl ich schon ein paar Jahre unterrichte. Aber ich war ja zum ersten Mal Klassenlehrer einer Oberstufenklasse, das hat mich mehr geschlaucht, als ich mir das vorher hätte vorstellen können. Außerdem habe ich zwei Schüler mit englischen Vätern in meiner Klasse. Ihr könnt euch vorstellen, dass ich da auf der Hut sein muss, keine Fehler zu machen. Also: Ich war am letzten Schultag vor den Großen Ferien echt fertig und wollte mich nicht gleich wieder in ein Flugzeug setzen und ein neues Land erkunden. Boris wollte vier Wochen durch Vietnam reisen. Danach hätte ich gerade noch zwei Wochen zur Erholung und zur Vorbereitung auf den Unterricht gehabt.«

»Bleib, so lange du willst, Jo. Wir haben dich gerne hier, das weißt du. Und da wir mehr Platz haben als die meisten Leute, gilt bei uns auch nicht, dass wir nach einigen Tagen gern wieder unter uns wären.«

»Danke, Sofia, auch dafür, dass ihr mich so liebevoll aufgenommen habt. Ich fühle mich wie im Paradies, weil ich mich um nichts kümmern muss. Außerdem kann ich hier reiten, so viel ich will, ausschlafen, faulenzen, lesen, mit euch reden – und ich kann diese außergewöhnliche Küche eurer außergewöhnlichen Köchin genießen.«

Die Teenager hatten noch keine Sommerferien, was nicht nur sie bedauerten, sondern auch Johannes. So blieben ihnen für gemeinsame Unternehmungen nur die Wochenenden.

»Und was hast du heute vor?«, erkundigte sich der Baron.

»Eure reizenden Kinder haben mir versprochen, sich etwas früher als an anderen Sonntagen aus den Betten zu quälen und mit mir über den Sternberg zu reiten. Einmal zum Felsplateau, dann zu den Höhlen auf der anderen Seite und schließlich noch durch den Wald ins Tal.«

»Da habt ihr euch ja einiges vorgenommen. Freu dich lieber nicht zu früh, ich weiß nicht, ob sie wirklich aufstehen. Das versprechen sie manchmal, aber dann siegt doch das Schlafbedürfnis.«

Aber Sofias Warnung erwies sich als unbegründet, denn wenig später erschien zuerst Anna, die Jüngste, mit Stephanie von Hohenbrunn, die nicht nur ihre, sondern auch Christians Freundin war. Christian von Sternberg folgte den beiden Mädchen, er war Annas und Konrads Cousin, Sofias Neffe, und seit dem Unfalltod seiner Eltern praktisch Sofias und Friedrichs drittes Kind geworden. Zuletzt kam Konrad, er war mit seinen siebzehn Jahren der Älteste.

Anna, mit ihren blonden Locken und den blauen Augen im hübschen runden Gesicht, war ein jüngeres Abbild ihrer Mutter Sofia, während Konrad, obwohl er ebenfalls blond war, seinem braunhaarigen Vater glich, von dem er die schmalen Züge mit dem klassischen Profil und auch die Statur geerbt hatte. Christian sah seiner verstorbenen Mutter ähnlich, er hatte ihr ebenmäßiges Gesicht, ihre dunklen Augen und ihre dunklen Haare.

Stephanie, die regelmäßig im Schloss übernachtete, war ausgesprochen hübsch mit ihrer hellen Haut und den zarten Sommersprossen auf der Nase. Ihre grauen Augen bildeten einen reizvollen Kontrast zu den rotbraunen Locken. Christian und sie wechselten immer wieder verliebte Blicke, die die anderen jedoch nicht weiter beachteten, sie hatten sich daran gewöhnt.

Christians Eltern waren Fürstin Elisabeth und Fürst Leopold von Sternberg gewesen. Gemeinsam mit dem Piloten waren sie bei einem Hubschrauberabsturz ums Leben gekommen. Zum Zeitpunkt des Unglücks war er erst fünfzehn gewesen, und natürlich war an jenem Tag eine Welt für ihn zusammengebrochen – wie auch für seine Tante Sofia, denn Elisabeth war nicht nur ihre Schwester, sondern auch ihre engste Vertraute gewesen. Natürlich trauerten alle um die Verstorbenen, aber bei Christian und seiner Tante ging diese Trauer tiefer als bei den anderen. Doch während er einen Weg gefunden hatte, mit dem Verlust seiner Eltern umzugehen, brachte Sofia es bis heute nur selten fertig, ihnen auf dem Familienfriedhof einen Besuch abzustatten. Christian hingegen machte sich jeden Tag auf den Weg dorthin, um in Gedanken mit seinen Eltern zu sprechen. Diese Besuche trösteten ihn und halfen ihm dabei, die Erinnerung an sie zu bewahren wie einen kostbaren Schatz. Zudem half ihm die Liebe zu Stephanie, nicht an seinem Verlust zu zerbrechen. Er wirkte zwar ernster und reifer als andere seines Alters, aber er konnte durchaus übermütig und gelegentlich sogar albern sein.

Schon früh war er von der Bevölkerung ‚der kleine Fürst’ getauft worden, seinerzeit im Gegensatz zu seinem sehr groß gewachsenen Vater. Seitdem waren etliche Jahre vergangen, Christian war längst nicht mehr klein, doch der Name war ihm geblieben. Er hatte ihn immer gern gehört, wusste er doch, dass er liebevoll gemeint war. Zwar zog ihn Konrad gelegentlich damit auf, dass er womöglich auch mit achtzig Jahren noch ‚der kleine Fürst’ heißen werde, aber dann lachte Christian nur. Er rechnete damit, dass sein Sohn der nächste ‚kleine Fürst’ sein würde – oder seine Tochter eine ‚kleine Fürstin’.

»Früh genug?«, grinste Anna, als sie neben Johannes Platz nahm.

»Auf jeden Fall!«, sagte er. »Habt ihr gesehen, wie herrlich das Wetter ist? Wie bestellt für einen Ausflug zu Pferde.«

»Wir haben Frau Falkner gestern noch gefragt, ob sie uns ein Picknick zusammenstellt«, berichtete Konrad. »Dann können wir nämlich länger bleiben, weil uns nicht der Hunger zurücktreibt.«

»Sehr gute Idee«, freute sich Johannes. Er schenkte sich noch eine Tasse Kaffee ein. »Wann wollen wir denn aufbrechen.«

»In einer Dreiviertelstunde, wäre das in Ordnung?«, fragte Christian. »Sonst bleibt mir keine Zeit mehr zum Frühstücken, ich muss nämlich noch mit Togo raus, sonst ist er den ganzen Tag beleidigt. Es wird ihm sowieso nicht passen, dass er nicht mitkommen darf.«

»Und wieso darf er nicht?«

»Weil wir zu weit reiten, wir haben ja einiges vor heute«, sagte Christian. »Bis zum Felsplateau könnte er mithalten, aber wir wollen ja noch weiter.«

»Ich komme mit dir, wenn du mit ihm rausgehst«, sagte Stephanie.

Anna und Konrad grinsten sich an, sie hatten nichts anderes erwartet. Stephanie und Christian nutzten jede Gelegenheit, die sich ihnen zum ungestörten Alleinsein bot. In der Stadt und sogar in der Schule wurden sie auf Schritt und Tritt von Leuten verfolgt, die sie unbedingt fotografieren wollten. Nur auf dem Schlossgelände und im Schloss fühlten sie sich sicher – obwohl sich gelegentlich Neugierige sogar bis hierher verirrten. Das waren in der Regel Touristen, die nicht wussten, dass das gegen die guten Sitten verstieß – oder denen das gleichgültig war. Die Einheimischen respektierten die Grenzen, und die Schlossbewohner waren froh darüber, denn nichts wollten sie weniger als Absperrungen und Zäune. Die Straße, die zum Schloss führte, war frei befahrbar, aber kein Sternberger benutzte sie, wenn er nicht im Schloss etwas zu tun hatte oder dort erwartet wurde.

Stephanie und Christian standen also schon bald wieder vom Frühstückstisch auf und riefen nach Togo, der ihnen begeistert nach draußen folgte.

Die anderen frühstückten weiter, aber auch nicht mehr sehr lange. Sie mussten ja noch Reitkleidung anziehen und das Picknick von Marie-Luise Falkner in mehreren Taschen verstauen.

Eine knappe Stunde, nachdem die Teenager zum Frühstück erschienen waren, saßen Baronin Sofia und Baron Friedrich allein am Tisch.

»Herrliche Ruhe!«, seufzte Friedrich und schenkte sich Kaffee ein.

Sofia lachte. »Sonst schimpfen wir, weil sie morgens immer viel zu spät aufstehen und dann keine Zeit zum Frühstücken haben – und wenn sie mal mit uns am Tisch sitzen, ist es uns auch nicht recht. Außerdem ist das Wetter wirklich herrlich. Wir sollten nicht den ganzen Tag hier bleiben.«

»Aber ein bisschen noch, ja?«

Sie stand auf und küsste ihn liebevoll. »Du willst ja bloß deine Sonntagszeitung lesen. Ich mache mal einen Gang durch meinen Garten in der Zwischenzeit.«

Sie hatte sich vor einiger Zeit auf das Züchten seltener Pflanzen spezialisiert und erstaunliche Erfolge erzielt. Ihr Garten lag an der Schlossrückseite, er schloss sich an die Terrasse an, und dort hatte allein sie das Sagen. Die Gärtner, die sich um den Schlosspark kümmerten, durften ihr nur bei schweren Arbeiten helfen, alles andere machte sie allein, und sie war sehr stolz auf das Ergebnis. Zu Recht, wie auch die Gärtner zugaben.

Langsam lief sie über die Terrasse auf den Garten zu. Das war ihr Werk!

*

Amelie von Seitz stand am offenen Grab und blickte hinunter auf den schmucklosen Sarg. Sie fühlte – nichts. Nein, das war nicht richtig. Sie fühlte sich hilflos, und sie war auch ein bisschen wütend, dass sie nun in diese Situation geraten war, aber Trauer? Nein, sie trauerte nicht. Dazu hatten sie einander nicht nahe genug gestanden. Bedauern, ja, das fühlte sie, Bedauern, dass dieses Leben so hatte enden müssen.

Und nun war sie also hier, schaufelte Erde auf das Grab, streute Rosenblätter hinterher und fragte sich, wieso sie Diejenige war, die sich um den Rest würde kümmern müssen. Die Antwort darauf lag allerdings auf der Hand: weil es niemanden sonst gab. Dieser Gedanke war es, der ihr nun doch noch Tränen in die Augen trieb, weil er so ungeheuer traurig war.

Sie trat zurück, der Nächste trat vor, um seinerseits Erde auf das Grab zu schaufeln.

Es war eine kleine Beerdigung, so klein, dass sie auch darüber Bedauern empfand. Wenn sie einmal starb, würden sich dann auch so wenige Menschen einfinden? Natürlich wurden die Beerdigungen kleiner, wenn die Verstorbenen ein hohes Alter erreicht hatten – es waren dann einfach viele Freunde und Bekannte ebenfalls schon tot. Aber hier ging es um einen jungen Menschen, nicht einmal dreißig Jahre alt. Und dann so wenige Trauergäste!

Das Wort ‚Trauergäste’ brachte sie zur Besinnung, denn sie würde Diejenige sein, die sich nach der Beerdigung um sie würde kümmern müssen. Kaffeetrinken in einem nahe gelegenen Café, Fragen von Leuten, die sie nicht kannte, neugierige oder auch teilnehmende Fragen, vielleicht auch versteckte Anspielungen. Sie würde jedenfalls keine Auskünfte geben, da konnten sie fragen, so viel sie wollten. Sie würde sich einfach dumm stellen.

Und dann musste sie wohl oder übel anrufen, denn ihr Besuch war ohne Erfolg geblieben. Dabei hatte sie eine Nachricht in den Briefkasten gesteckt, aber vermutlich war sie noch nicht gefunden worden. Ein Anruf war ihr viel unangenehmer. Sie hätte die Nachricht lieber persönlich überbracht, das schien ihr dem Anlass viel angemessener zu sein. Aber von diesem Gedanken musste sie sich wohl verabschieden.

Sie zuckte zusammen, als jemand laut aufschluchzte. Wer war das? Sie kannte die Frau nicht, und so, wie sie sich benahm, legte sie auch keinen Wert darauf, sie kennenzulernen. Es war ihr schon immer unangenehm gewesen, wenn Menschen ihre Gefühle allzu offensichtlich zur Schau trugen.

Erst an der Bewegung um sie herum merkte sie, dass es vorbei war.

»Amelie«, sagte eine leise Stimme neben ihr.

Sie blickte auf, direkt in die Augen ihrer Freundin Marina Lombardi. Da sie beide dunkelhaarig und dunkeläugig waren, beide groß und schlank, wurden sie oft für Schwestern gehalten. Und tatsächlich ähnelten sie sich nicht nur äußerlich, sie waren auch sonst auf einer Wellenlänge. Trotz ihres temperamentvollen, lauten, italienischen Vaters war Marina, wie Amelie, eher leise und beherrscht. Jedenfalls meistens. Das hieß aber nicht, dass die beiden jungen Frauen nicht auch laut werden konnten, wenn sie sich über etwas aufregten. Sehr laut sogar. Nur musste schon einiges passieren, bis es so weit kam.

»Wir müssen ins Café«, sagte Marina leise.

Amelie nickte, das hatte sie ja gerade selbst gedacht. Sie war dankbar dafür, dass Marina ihr in den letzten Tagen zur Seite gestanden hatte. Allein wäre sie mit der Situation völlig überfordert gewesen.

Sie machten sich also auf den Weg, sahen nicht nach rechts und nicht nach links, um von möglichst wenigen Leuten angesprochen zu werden. Im Café hatte Amelia zwanzig Plätze reserviert, sie nahm jedoch an, dass nicht so viele kommen würden.