Du bist nicht mehr berühmt! - Viola Maybach - E-Book

Du bist nicht mehr berühmt! E-Book

Viola Maybach

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Beschreibung

Diese Serie von der Erfolgsschriftstellerin Viola Maybach knüpft an die bereits erschienenen Dr. Laurin-Romane von Patricia Vandenberg an. Die Familiengeschichte des Klinikchefs Dr. Leon Laurin tritt in eine neue Phase, die in die heutige moderne Lebenswelt passt. Da die vier Kinder der Familie Laurin langsam heranwachsen, möchte Dr. Laurins Frau, Dr. Antonia Laurin, endlich wieder als Kinderärztin arbeiten. Somit wird Antonia in der Privatklinik ihres Mannes eine Praxis als Kinderärztin aufmachen. Damit ist der Boden bereitet für eine große, faszinierende Arztserie, die das Spektrum um den charismatischen Dr. Laurin entscheidend erweitert. »Es wird eine bunte Mischung von Leuten da sein«, sagte Tina Möllemann. »Mach dir keine Gedanken, auf meinen Partys kommen immer alle mit allen ins Gespräch.« Sie grinste vergnügt. »Und vielleicht findest du sogar den Mann fürs Leben.« »Will ich ja gar nicht«, erwiderte Vera Odental. »Aber mal im Ernst, Tina: Ich kenne niemanden aus deinem Freundeskreis, und deshalb denke ich …« Tina ließ ihre Freundin gar nicht erst ausreden. »Soll das jetzt der Grund für deine Absage werden oder was? Ich werde dreißig Jahre alt, und ich will, dass du dabei bist. Wir kennen uns noch nicht lange, aber wir sind Freundinnen geworden – oder etwa nicht?« »Doch schon, aber …« »Kein Aber! Es wird Zeit, dass du einige der Leute kennenlernst, mit denen ich schon ewig befreundet bin, und da ist eine Geburtstagsparty die beste Gelegenheit.« »Aber …« Tina stemmte beide Arme in die Hüfte, ihre Augen blitzten warnend. »Fängst du schon wieder an? Ich glaube, du hast noch nicht erlebt, wie es ist, wenn ich richtig sauer auf dich bin, aber bald wird es so weit sein. Wenn ich dir einen guten Rat geben darf: Erspar es dir.«

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Seitenzahl: 115

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Der neue Dr. Laurin – 127 –Du bist nicht mehr berühmt!

Unveröffentlichter Roman

Viola Maybach

»Es wird eine bunte Mischung von Leuten da sein«, sagte Tina Möllemann. »Mach dir keine Gedanken, auf meinen Partys kommen immer alle mit allen ins Gespräch.« Sie grinste vergnügt. »Und vielleicht findest du sogar den Mann fürs Leben.«

»Will ich ja gar nicht«, erwiderte Vera Odental. »Aber mal im Ernst, Tina: Ich kenne niemanden aus deinem Freundeskreis, und deshalb denke ich …«

Tina ließ ihre Freundin gar nicht erst ausreden. »Soll das jetzt der Grund für deine Absage werden oder was? Ich werde dreißig Jahre alt, und ich will, dass du dabei bist. Wir kennen uns noch nicht lange, aber wir sind Freundinnen geworden – oder etwa nicht?«

»Doch schon, aber …«

»Kein Aber! Es wird Zeit, dass du einige der Leute kennenlernst, mit denen ich schon ewig befreundet bin, und da ist eine Geburtstagsparty die beste Gelegenheit.«

»Aber …«

Tina stemmte beide Arme in die Hüfte, ihre Augen blitzten warnend. »Fängst du schon wieder an? Ich glaube, du hast noch nicht erlebt, wie es ist, wenn ich richtig sauer auf dich bin, aber bald wird es so weit sein. Wenn ich dir einen guten Rat geben darf: Erspar es dir.«

Vera musste lachen und gab auf.

»Braves Mädchen«, sagte Tina, schon wieder in heiterem Tonfall. »Also, abgemacht, du kommst. Und ich hoffe, du hilfst mir vorher, die Wohnung für die Party klarzumachen. Wir müssen etwas umräumen, es soll schließlich auch getanzt werden. Und besonders viel Platz ist bei mir ja nicht.«

»Klar, das mache ich sogar sehr gern«, erwiderte Vera, und das war die Wahrheit. Das Umräumen machte garantiert mehr Spaß als die Party danach. »Aber eins sage ich dir: Wenn ich eine Stunde herumgestanden habe, ohne mit jemandem zu reden, verdrücke ich mich klammheimlich wieder, und dagegen wirst du nichts unternehmen können.«

»Da bin ich ganz unbesorgt, das wird nämlich nicht passieren.«

Vera hatte andere Erfahrungen gemacht, sie hatte sich durchaus schon auf Partys, wo sie außer den Gastgebern niemanden kannte, gelangweilt, aber das erwähnte sie jetzt lieber nicht. Sie wollte Tina ja nicht erneut gegen sich aufbringen.

Sie hatten sich in der Werbeagentur kennengelernt, bei der Tina arbeitete. Deren Chefs hatten Kontakt zu Vera aufgenommen, weil ihnen einer ihrer grafischen Entwürfe, die sie bei einem Wettbewerb eingereicht hatte, aufgefallen war. Seitdem arbeiteten sie gelegentlich zusammen. Vera war freiberuflich als Grafikerin tätig. Sie hatte schon zu Schulzeiten gewusst, in welche Richtung ihr beruflicher Weg sie einmal führen sollte. Ihr gefiel die relative Freiheit, die sie als Selbstständige hatte, dafür nahm sie die finanzielle Unsicherheit gern in Kauf. Das würde sich, wenn sie erst älter sein würde, vielleicht ändern, aber im Moment war es für ihr Lebensgefühl genau das Richtige.

Tina sprang auf. »Lass uns auf meinen bevorstehenden Geburtstag anstoßen«, sagte sie.

»Vorher? Bringt das nicht Unglück?«

»Du darfst mir nicht vorher gratulieren, aber anstoßen können wir schon.«

Vera musste lachen. Tina war eine Meisterin, wenn es darum ging, Regeln oder Gebote so hinzubiegen, dass sie ihr in den Kram passten.

Sie saß auf Tinas riesigem, gemütlichem Sofa und streckte sich kurz lang darauf aus. Tinas Wohnung bestand aus einem einzigen ziemlich großen Raum, den sie geschickt so unterteilt hatte, dass er eigentlich überall gemütlich wirkte. »Du hättest Innenarchitektin werden sollen«, sagte sie. »Wie du das hier eingerichtet hast, finde ich genial.«

»Vielen herzlichen Dank.« Tina kehrte mit zwei Gläsern und einer Flasche Rotwein zurück. Sie war eine zierliche Rothaarige mit blauen Augen, sehr heller Haut und nur wenigen Sommersprossen auf der Nase. Ihr Temperament war gefürchtet, Vera hatte schon davon gehört: Wenn Tina sich aufregte, konnte sie so laut werden, dass die Wände wackelten und wer sich einmal mit ihr gestritten hatte, versuchte, das zweite Mal zu vermeiden. Aber zugleich war sie die herzlichste und zugleich eine besonders hilfsbereite Person.

Sie würde ihren ersten Auftritt in der Werbeagentur, in der Tina arbeitete, nie vergessen. Sie hatte sehr lange überlegt, was sie anziehen sollte und sich schließlich für schwarz-weiß-rot entschieden: Schwarze Hose, cremeweiße Bluse, rote Stiefel. Sie wusste, wie sie ihre dunklen Haare und die grünen Augen am besten zur Geltung brachte. Sie hatte ihre Haare offen getragen, geschminkt hatte sie sich kaum, aber einen Lippenstift gewählt, dessen Farbe mit der Farbe ihrer Stiefel harmonierte. Dazu hatte sie eine ebenfalls passende Kette aus dicken roten Kugeln getragen. Sie war groß, an ihr sah auffälliger Schmuck gut aus.

Sie war ziemlich aufgeregt gewesen. Eine Zusammenarbeit mit einer großen Agentur war für eine freie Grafikerin wie ein Sechser im Lotto, also musste sie einen guten Auftritt hinlegen. Leider litt sie unter Prüfungsangst und Lampenfieber, und natürlich war so eine Vorstellung bei einer Firma, die große Aufträge zu vergeben hatte, eine Art Prüfung. Ihr war schlecht gewesen vor Aufregung, als sie die Räume der Agentur betreten hatte. Am liebsten wäre sie einfach wieder umgekehrt und gegangen.

Tina hatte sie in Empfang genommen, einen kritischen Blick auf sie geworfen und mitleidig gesagt: »Ach, du meine Güte. Du bist ja ganz krank vor lauter Aufregung. Ist dir auch schlecht?«

»Ziemlich«, hatte Vera gekrächzt, woraufhin sie von Tina in die Küche gelotst und zu einem Glas Wasser genötigt worden war.

»Kein Grund zur Aufregung, verstanden? Wir sind alle nett und keine Haifische. Dein Entwurf ist dem Chef persönlich aufgefallen, er ist total wild darauf, dich kennenzulernen – und du kannst absolut nichts falsch machen. Es sei denn, du erweist dich als eingebildete Ziege. Dass du das nicht bist, kann ich sehen. Also: alles im grünen Bereich. Und jetzt los!«

Das war der Beginn ihrer Freundschaft gewesen, die sich seitdem stetig gefestigt hatte.

Tina füllte die Gläser und reichte Vera eins.

»Wir trinken jetzt also auf dein Wohl«, sagte Vera.

»Nicht nur auf meins, auch auf deins. Wir stoßen darauf an, dass es eine tolle Party wird, auf der sich alle um dich reißen, sodass du erst in den Morgenstunden nach Hause kommst und dich verwirrt fragst, wie du auch nur auf die Idee kommen konntest, du würdest wie ein Mauerblümchen in der Ecke stehen.«

»Darauf stoße ich gerne an«, sagte Vera.

Sie lächelte noch, als sie sich eine halbe Stunde später von Tina verabschiedete und auf den Heimweg machte. So war es meistens, wenn sie mit Tina zusammen war. Deren Leitspruch lautete: ›Das Leben ist zu kurz für schlechte Laune‹, und mittlerweile war Vera geneigt, ihr Recht zu geben.

Als sie nach Hause kam, sah sie, dass einige Anrufe eingegangen waren. Zwei davon waren von möglichen Kunden, das waren gute Nachrichten. Sie hatte gerade eine kleine Flaute und konnte einen neuen Auftrag gut gebrauchen.

*

Julian Eggert war mit der Aufnahme immer noch nicht zufrieden. »Zu viele Bässe«, sagte er. »Und ich finde auch, dass der Mittelteil zu leise ist, der geht völlig unter, dabei ist er doch das Herzstück des Songs.«

Er war müde, aber das durfte nicht dazu führen, dass er sich mit der zweitbesten Version zufriedengab – er wollte die beste, und er würde so lange weiterarbeiten, bis er sie bekommen hatte.

Sie saßen am Mischpult in seinem Tonstudio, seine Mitarbeiter und er und arbeiteten an neuen Songs einer Band, die bisher erst ein Album veröffentlicht hatte, das aber überraschend erfolgreich gewesen war. Dieses zweite hatte, nach Julians Ansicht, das wesentlich bessere musikalische Material, er plante mindestens drei Single-Auskoppelungen. Aber bis es so weit war, lag noch harte Arbeit vor ihnen, zumal ihnen die Zeit davonlief. Es gab einen vertraglich vereinbarten Starttermin für die Veröffentlichung, die auch schon kräftig beworben wurde. Sie mussten also fertig werden. Manchmal, wenn er wie jetzt müde und ausgelaugt war, fragte er sich, wie um alles in der Welt sie das schaffen sollten bis zum festgelegten Termin. Aber er wusste: Bis jetzt hatte es immer geklappt, eben weil sie alle Verrückte waren, die zur Not nächtelang im Studio bleiben würden.

»Pass mal auf, ich glaube, jetzt habe ich’s.«

Erneut erklang die Ballade, und plötzlich war es da: das Gefühl, dass alles stimmte.

Julian lächelte erleichtert. »Ja, genau so!«

Er legte sich später in seinem Büro für eine Stunde hin, er brauchte eine Pause, ebenso wie die anderen. Danach würden sie weitermachen.

Aber aus seiner Pause wurde nichts, jedenfalls nicht sofort, denn er bekam einen Anruf. »Ich werde dreißig, Julian, und du hast gesagt, du kommst, wenn es so weit ist. Ich hoffe, du hast das nicht vergessen. Samstag in zwei Wochen.«

Tina Möllemann! Er hatte sie vor einiger Zeit kennengelernt und gleich gemocht, obwohl sie eine Werbetante war – und für die hatte er, genau wie für männliche Werbeleute, nicht allzu viel übrig. Aber Tina war anders. Kein bisschen abgehoben, im Gegenteil, liebenswert und hilfsbereit, dazu redete sie Klartext, und sie hielt sich an Abmachungen. Dazu war sie diskret. Nie fragte sie nach seiner Vergangenheit, sie machte nicht einmal Anspielungen in diese Richtung. Das wusste er zu schätzen. Sie hatten einmal beruflich miteinander zu tun gehabt, seitdem hielten sie den Kontakt zueinander.

»Du hast Glück, bis dahin müssen wir mit unserer augenblicklichen Arbeit fertig sein, also wird der Samstag mein erster freier Tag seit Längerem sein. Ich kann kommen, aber ich warne dich vor: Vermutlich schlafe ich im Stehen ein. Ich bin jetzt schon so müde, dass ich nicht richtig weiß, wie ich die nächsten beiden Wochen durchstehen soll.«

»Du kannst den ganzen Samstag schlafen«, erwiderte Tina ungerührt, »dann bist du abends jedenfalls so weit fit, dass du ein paar Stunden mit mir feiern kannst.«

»Ich versuche es«, versprach er. »Was wünschst du dir?«

»Gutgelaunte Gäste, sonst nichts. Ich will keine Geschenke, ehrlich nicht. Ich habe alles, was ich brauche.«

»Niemand, der dreißig wird, hat alles, was sie oder er braucht«, widersprach Julian. »Das ist dummes Gerede, also zier dich nicht und sag mir etwas.«

»Also, zuerst einmal wünsche ich mir natürlich den Mann fürs Leben«, sagte Tina mit ernster Stimme, »danach die Zweihundertmeter-Jacht, ganz abgesehen vom Traumhaus auf den Malediven, wohin ich sofort umziehen würde, und ein paar Diamanten wären auch nicht schlecht …«

Julian unterbrach sie lachend. »Schon gut, schon gut, ich überleg mir selbst etwas.«

»Tu, was du nicht lassen kannst, aber beklag dich später nicht, wenn es mir nicht gefällt. Ab zwanzig Uhr bist du willkommen. Bis dann, Julian.«

Er schüttelte, immer noch lachend, den Kopf. Sie war wirklich einmalig, die Tina.

Er streckte sich auf seiner Liege aus, aber nun, da er wenigstens kurz die Augen hätte schließen können, war er mit einem Mal wieder wach. Tinas Anruf hatte Erinnerungen in ihm geweckt. Damals, als sie sich kennengelernt hatten, war er in einer ganz anderen Situation als jetzt gewesen …

Er schlief dann doch noch ein, bis, viel zu früh, eine Stimme in sein Bewusstsein drang: »Julian? Wir müssen weitermachen!«

Er rappelte sich nur mühsam auf, aber nach zwei Tassen Kaffee war er wieder voll da.

*

Leon Laurin machte sich nach der Untersuchung seiner Patientin Notizen, bis sie wieder aus der Umkleidekabine kam und vor seinem Schreibtisch Platz nahm. Angelika Nitschke war 63 Jahre alt, eine elegante Frau mit sorgfältig blondierten Haaren und perfektem Make-up, die zuvor erst einmal bei ihm gewesen war. Er wurde bislang nicht recht klug aus ihr, aber er gestand sich ein, dass er sie nicht sonderlich sympathisch fand, obwohl er nicht wusste, warum das so war. Sie hatte bei ihrem ersten Besuch über Schmerzen in der Brust geklagt, weshalb er eine Mammografie veranlasst hatte, die ohne Befund geblieben war.

»Die Zyste an Ihrer Gebärmutter hat sich nicht vergrößert, Frau Nitschke«, sagte er, »und auch sonst ist alles in Ordnung.«

Sie nickte, machte aber dennoch einen unzufriedenen Eindruck. »Könnten Sie mir etwas gegen meine Depressionen verschreiben, Herr Doktor?«

Er sah sie überrascht an. »Ich bin Ihr Gynäkologe, Frau Nitschke, wenn Sie unter Depressionen leiden, sollten Sie das mit einem Facharzt besprechen – oder auch mit Ihrer Hausärztin.«

»Da gehe ich nicht mehr hin, die denkt, dass ich gar keine Depressionen habe«, erwiderte seine Patientin.

»Ich bin in jedem Fall der falsche Ansprechpartner, Frau Nitschke, tut mir leid – Depressionen sind eine schwere Krankheit, die sorgfältig medizinisch begleitet werden muss. Ich kann das nicht leisen, weil ich kein Psychologe bin. Aber wenn Sie das möchten, stelle ich einen Kontakt zu Frau Dollinger her, das ist die Psychologin, mit der wir eng zusammenarbeiten. Vielleicht kann sie Ihnen sogar zeitnah einen Termin anbieten.«

Angelika Nitschke schüttelte den Kopf und erhob sich. »Nein, danke«, sagte sie. »Wenn schon, dann suche ich mir lieber einen Psychologen, ich kriege mit Frauen immer Schwierigkeiten, das sehe ich ja jetzt wieder an meiner Hausärztin.«

»Wie Sie wollen, es ist Ihre Entscheidung«, sagte Leon. »Ich jedenfalls kann Ihnen leider nicht helfen.«

Plötzlich wirkte Angelika Nitschke deutlich älter als zuvor, ihre Schultern sackten nach vorn, der Rücken wurde runder, die Augen füllten sich mit Tränen, die Lippen bebten. »Ich … ich … entschuldigen Sie bitte …«

Leon drückte sie behutsam zurück auf ihren Stuhl, dann holte er ihr ein Glas Wasser, das er ihr an die Lippen hielt. Sie trank ein wenig, dann sagte sie leise: »Danke, vielen Dank.«

»Sie sind ganz blass«, sagte Leon besorgt.

»Es … es geht gleich wieder. Ich … es ist nur so, dass ich manchmal nicht weiterweiß, und ich bin auch so viel allein, und ich habe ja auch schon so viel Kummer gehabt, deshalb kommen dann immer diese schlimmen Gedanken, dass es besser wäre, alles wäre …« Sie biss sich auf die Lippen, ohne ihren Satz zu beenden.

»Tabletten, die ich ohne nähere Kenntnis Ihres Krankheitsverlaufs verschreibe, werden Ihnen nicht helfen«, sagte Leon mit ruhiger Stimme.

Wie froh war er darüber, dass er nach dem ersten Besuch von Frau Nitschke ein Gespräch mit ihrer Hausärztin geführt hatte! Die Kollegin hatte das ärztliche Schweigegebot gewahrt, aber trotzdem einen Weg gefunden, ihn zu warnen, was den Umgang mit Frau Nitschke betraf.